Eine leuchtende Postapokalypse: Céline Minard

Céline Minards Roman „Tovaangar“ (Rivages, 2025) entwirft eine radikal andere Postapokalypse: Nicht Mangel, Gewalt und Überleben bestimmen die Welt nach dem Ende der menschlichen Zivilisation, sondern Emergenz, Kooperation und eine leuchtende Vielfalt von Beziehungen zwischen allen Spezies. Auf den Ruinen des heutigen Los Angeles – nun wieder unter seinem vorkolonialen Namen Tovaangar – hat sich lange nach dem Zusammenbruch eine stabile, vielstimmige Weltordnung herausgebildet, in der Menschen, Tiere, Pflanzen, Steine und bewusste technische Wesen als „Verwandte“ koexistieren. Die Expedition der Protagonistin Amaryllis führt nicht durch eine Landschaft der Verwüstung, sondern durch ein funktionierendes Ökosystem, in dem Konflikte nicht eskalieren, sondern rituell verhandelt werden. Im Vergleich zu Minards früheren Romanen – „Le Dernier Monde“ (Isolation nach dem Verschwinden der Menschheit), „Le Grand Jeu“ (stoische Autarkie im technischen Gehäuse) und „Plasmas“ (kosmische Fragmentierung des Seins) – markiert „Tovaangar“ den Endpunkt einer poetischen Bewegung: von der Vereinzelung des Menschen hin zu einer radikalen Dezentrierung zugunsten eines hybriden, posthumanen Kollektivs. – Der Aufsatz entwickelt seine Argumentation ausgehend vom Genrevergleich zur Poetologie: Zunächst grenzt er „Tovaangar“ von der klassischen, affektgetriebenen Postapokalypse ab und zeigt, wie Minard Angst, Schuld und Nostalgie systematisch durch Neugier und Aufmerksamkeit ersetzt. Darauf aufbauend wird der Roman als Denkraum gelesen, der aktuelle Diskurse zu Anthropozän, Posthumanismus und New Materialism nicht illustriert, sondern transformiert. Im Werkvergleich wird diese Verschiebung als langfristige Entwicklung in Minards Schreiben ausgewiesen: von der melancholischen Leere („Le Dernier Monde“) über technische Schutzräume („Le Grand Jeu“) und kosmische Auflösung („Plasmas“) hin zu einer „Werkstatt des Realen“, die Welt aktiv neu zusammensetzt. Das Fazit pointiert diese Lesart: Tovaangar ist weniger Warnung als Herausforderung – ein Roman, der zeigt, dass Zukunft nicht zwangsläufig aus Katastrophenangst entsteht, sondern aus der Imagination anderer, nicht-anthropozentrischer Formen des Zusammenlebens. Damit verschiebt Minard nicht nur ein Genre, sondern stellt die Frage nach der politischen und ontologischen Möglichkeit von Literatur selbst neu.

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Sternenhimmel über Rom: Renaud Rodier

Vor dem Hintergrund eines politisch verfallenden Roms am Wahlabend Giorgia Melonis begibt sich in Renaud Rodiers drittem Buch „Si Rome meurt“ (Anne Carrière, 2025) der angehende Filmemacher Pietro auf eine obsessive Suche nach seinem verschollenen Vater, den er in der Gestalt eines prophetischen Obdachlosen an den Rändern der Gesellschaft wiederzuentdecken glaubt. Geleitet von der astrophysikalischen Theorie des holografischen Universums gestaltet Pietro sein zentrales Filmvorhaben als einen Prozess filmischen Schreibens, der in grobkörnigen Super-8-Aufnahmen versucht, die urbane Entropie Roms in ein kohärentes ästhetisches Konstrukt zu transformieren. Renaud Rodiers Roman entwickelt sich als ein intermediales Palimpsest, das die existentielle Frage nach dem, was gerettet werden kann, wenn Rom stirbt, in einer dichten Verwebung von traumatischer Erinnerung und filmischer Vision verhandelt. Indem der Roman die astrophysikalische Metaphorik zur Weltraumdichtung erhebt, transformiert er die soziale Entropie Roms in eine transzendente, astronomische Topografie, die den Diskurs um die „Ewige Stadt“ als unzerstörbaren Informationscode jenseits des zeitlichen Verfalls neu verortet.

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Transgression bei Guillaume Lebrun: Jeanne d’Arc und Héliogabale

Guillaume Lebruns Romane „Fantaisies guérillères“ (2022) und „Ravagés de splendeur“ (2025) erzählen Geschichte als Produkt von Fiktion, Macht und Inszenierung. Der Artikel analysiert, wie Lebrun Jeanne d’Arc zur feministischen Medienfigur umcodiert und den römischen Kaiser Héliogabale als transidente Mystikerin der Dekadenz stilisiert. Mittelalter und römische Antike dienen als ästhetischer und ideologischer Resonanzraum für Fragen von Identität und Fiktion: In „Fantaisies guérillères“ wird Jeanne von einer Frauenclique erfunden und strategisch in Szene gesetzt als Symbol weiblicher Gegenmacht. In „Ravagés de splendeur“ führt die Überschreitung in Anlehnung an Antonin Artauds „Héliogabale“ in einen brutalen Tod, dieser Tod markiert die Unvereinbarkeit von Héliogabales Existenz mit einer Ordnung, die das Andere auslöschen muss. Lebrun versteht Literatur als Affektmaschine und Störinstanz – seine Sprache will nicht abbilden, sondern destabilisieren und befreien, in diesen queeren, mythopoetischen Transgressionen.

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rentrée littéraire
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