Ein Montaigne für jetzt

Ausgehend von der These einer „textuellen Mobilität“ klassischer Werke skizziert die Rezension zunächst anhand von Deutungen bei Michel Foucault, Antoine Compagnon, Tiphaine Samoyault und aktuellen politischen Aneignungen die außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit von Michel de Montaignes Essais in Moderne und Gegenwart. Vor diesem Hintergrund wird der von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder herausgegebene Sammelband „Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen“ (De Gruyter, 2026) vorgestellt, der diese Beweglichkeit erstmals systematisch in internationaler Perspektive dokumentiert. Die Rezension konzentriert sich dabei insbesondere auf jene Beiträge, die die Rezeption Montaignes im 19. und 20. Jahrhundert sowie in gegenwärtigen philosophischen und politischen Diskursen untersuchen – etwa die Studien zu Flaubert, Nietzsche, Derrida und zur politischen Instrumentalisierung des Skeptikers. So erscheint der Band weniger als lückenlose Gesamtschau denn als materialreiche Grundlage für eine Geschichte der modernen Aneignungen Montaignes, die die eingangs entwickelte These bestätigt: Die Autorität der Essais beruht nicht auf einem fixierten Urtext, sondern auf ihrer fortwährenden Variation, Übersetzung und ideologischen Umdeutung.

➙ Zum Artikel

Apologie einer Wiederentdeckung: Célines verschollene Manuskripte und Véronique Chovin

Lucettes Erbe

Die literaturwissenschaftliche Forschung zum Werk Louis-Ferdinand Célines erfuhr jüngst eine signifikante Erweiterung durch eine Reihe unerwarteter Entdeckungen. Im Zentrum dieser „wundersamen Wiederauferstehung“ steht die Gestalt Véronique Chovins, deren persönliche Erzählung sich auf untrennbare Weise mit der des „verfluchten“ Schriftstellers und seiner Witwe, Lucette Almansor, verbindet. Chovin, die in den 1970er Jahren als Siebzehnjährige begann, Tanzunterricht bei Lucette in Meudon zu nehmen, entwickelte über Jahrzehnte hinweg eine „amitié indéfectible“ zu ihr. Diese Beziehung bildet den Rahmen für ein bemerkenswertes Kapitel der französischen Literaturgeschichte, das mit Lucettes Tod im Jahr 2019 seinen Ausgang nahm. Die darauffolgende „réapparition ‚miraculeuse‘ de manuscrits inédits de Céline, supposés perdus jusque-là“, die in der sensationellen Veröffentlichung von Guerre, Londres und La volonté du roi Krogold durch die Éditions Gallimard mündete, markiert nicht nur einen Wendepunkt in der Céline-Forschung, sondern auch einen Moment der Selbstreflexion über die Natur des literarischen Erbes und dessen Bewahrung. Eine Besprechung dieser Geschichte einer Wiederentdeckung aus der Perspektive Véronique Chovins hat ihre vielschichtige Rolle als Erbin und Hüterin dieses komplexen Vermächtnisses zu analysieren und dabei die Verflechtung von persönlichem Schicksal und literarischer Rezeption herauszuarbeiten. Inwiefern das Buch eine Rechtfertigungsschrift ist, die angemessen auf Kritik eingeht und die eigenen Maßstäbe nachvollziehbar macht oder ob es die Eigeninteressen von Chovin verschleiert, wird von den Lesern aufmerksam geprüft werden.

Weiterlesen

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.