Vom auferlegten Schweigen zur eigenen Stimme: Gedächtnis und Theater bei Polina Panassenko
Polina Panassenkos Roman „À voix haute“ (Éditions de l’Olivier, 2026) erzählt in vier, zwischen 2002 und 2024 angesiedelten Zeitschichten von zwei ineinander verschränkten Ausbildungswegen: Eine junge Französin russischer Herkunft durchläuft in Paris und Moskau eine Schauspielschule, deren autoritäre Hierarchie sie schließlich als erste Schülerin überhaupt von sich aus verlässt, und verfolgt parallel dazu, gegen das Schweigen ihres Großvaters, die Spur ihres 1938 im sowjetischen Lagersystem umgekommenen Urgroßvaters bis in die Archive von Moskau und die Weiten der Kolyma. Der Aufsatz liest diese Doppelbewegung als Erzählung über das Erlernen einer eigenen Stimme gegen ein über Generationen weitergegebenes Schweigen und zeigt, wie Panassenko dafür Bildungsroman und archivarische Spurensuche zu einer Gattung verbindet, in der dokumentierte Verhörprotokolle und Urteile unvermittelt neben die fiktionale Erzählung treten. Dabei verfolgt die Interpretation, wie sich diese Spannung in der Raumstruktur, in einer zwischen kindlicher Nähe und historiografischer Distanz oszillierenden Erzählperspektive, in einer ausgeprägt gegenderten Figurenkonstellation und, nicht zuletzt, in der Sprache selbst niederschlägt, die für Großvater und Enkelin dieselben Wörter mit unvereinbaren Bedeutungen füllt. Ausgehend vom Kafka-Motto des Romans und über einen Vergleich von Anfang und Schluss zeigt der Aufsatz abschließend, dass das titelgebende laute Sprechen im Buch kein einmaliger Befreiungsakt ist, sondern eine wiederholte, oft vergebliche Übung, die dennoch, von der verweigerten Gedenktafel bis zur Inschrift der letzten Buchseite, dem Schweigen etwas entgegensetzt.
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