Dunkelkammer Amerika: Trauer, Film und Fremdblick bei Constance Rivière
Constance Rivières „La vie des ombres“ (Stock, 2023) erzählt von einer Französin, die für ein Buch über den amerikanischen Dokumentarfilmer Frederick Wiseman nach Boston, New York und in den Mittleren Westen reist, während der über Zweiundneunzigjährige auf eine Operation am offenen Herzen wartet. Römisch nummerierte Kapitel mit Biografie, Reise und Erinnerung wechseln mit Jahreskapiteln, die je einen Film von „Titicut Follies“ (1967) bis „Monrovia“ (2018) nacherzählen; dahinter wächst die Trauer um den Vater, den Dramaturgen Jean-Loup Rivière. Der Aufsatz liest das zwischen Biografie, Reisebericht, Filmessay und Autofiktion stehende Buch als französische Annäherung an Amerika aus zweiter Hand: Das Land erscheint als Folge geschlossener Institutionen, sichtbar nur durch die Kamera eines selbst fremd gebliebenen Amerikaners. Er zeigt, dass Erzählperspektive, Zeitgerüst, Raumordnung und Bildsprache aus Schatten, Körpern und Masken dieselbe Bewegung vollziehen wie Wisemans Montage, nämlich ein Auslassen und Zusammenfügen, das die Leser zum eigenen Urteil nötigt, und dass diese Poetik zugleich die Form der Trauerarbeit ist. Der Vergleich von Anfang und Schluss stützt die These: Die Verlegerfrage „Warum schreibst du?“ wird nicht argumentativ beantwortet, sondern in ein Schattenspiel auf der Bühne überführt, das den toten Vater als gegenwärtig behauptet.
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