1966 oder die Geburt unserer Gegenwart: Antoine Compagnon

Antoine Compagnons „1966, année mirifique“ (Gallimard, 2026) rekonstruiert das Jahr 1966 nicht als bloßen historischen Zeitpunkt, sondern als epistemologischen Wendepunkt der französischen Moderne. Ausgehend von Presse, Literatur, Theorie, Film, Alltagsobjekten und politischen Debatten zeigt Compagnon, wie sich in diesem Jahr langfristige Trends kreuzten: die Vermassung der Hochschulen, der Aufstieg der Jugend zur ökonomischen Klasse, der Durchbruch der Konsumgesellschaft, die Kanonisierung von Theorie und Strukturalismus sowie der Eintritt der Shoah in das französische kollektive Gedächtnis. Figuren wie Foucault, Barthes, Aragon, Malraux oder Sartre stehen dabei weniger als isolierte Genies im Zentrum, sondern als Symptomträger eines tiefgreifenden Wandels, in dem der Humanismus des 19. Jahrhunderts und der existenzialistische Sinnbegriff durch Systemdenken, Zeichenlogik und technokratische Rationalität ersetzt werden. 1966 erscheint so als eigentlicher Scheitelpunkt zwischen alter Ordnung und neuer Welt: Die Jugend wird über Konsum integriert, Kultur zur Ware, Theorie zur neuen Leitwährung der Intellektuellen, während die politischen Explosionen von 1968 bereits strukturell vorbereitet sind. Die Rezension liest Compagnons Buch als Genealogie unserer Gegenwart. Sie arbeitet seinen skeptischen Ton heraus, indem sie die von Compagnon beschriebene Massenexpansion der Bildung als Ursprung heutiger „Potemkin-Universitäten“ deutet, den Strukturalismus als ideologische Vorform einer algorithmisch verwalteten Welt interpretiert und die Jugendkultur von 1966 als Geburtsstunde des perfekten Konsumenten entlarvt. 1966 wird nicht nur erklärt, sondern moralisch befragt. Dabei arbeitet sie die innere Logik des Buches heraus – die Ersetzung von Sinn durch System, von Erfahrung durch Zeichen, mit einem Akzent auf Verlust, Entfremdung und Langzeitschäden. Kritisch reflektiert die Rezension zudem blinde Flecken des Buches, etwa die männlich dominierte Perspektive, die randständige Behandlung von Feminismus, Kolonialismus und Homosexuellenbewegung. Die Rezension macht deutlich, dass die „epistemologische Revolution“ von 1966 zwar brillant analysiert, aber sozial und politisch enger geführt wird, als es die Komplexität der Epoche erlauben sollte. Insgesamt liest die Rezension Compagnon weniger als Chronisten eines Wunderjahres denn als unbeabsichtigten Zeugen einer verhängnisvollen Weichenstellung.

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Licht von toten Sternen: Georges Perecs Mutter bei Olivia Elkaim

Für ihre Annäherung an Georges Perecs Mutter Cécile wählt Olivia Elkaim in „La disparition des choses“ (2026) das von André Schwarz-Bart entlehnte Motto „Nos yeux reçoivent la lumière d’étoiles mortes“ als poetisches Programm: Das, was uns heute erhellt, stammt von längst erloschenen Leben. Elkaims Buch rekonstruiert Céciles Weg vom Alltag einer jüdisch-polnischen Immigrantin und Friseurin in Belleville über die Trennung von ihrem fünfjährigen Sohn am Gare de Lyon bis zu Verhaftung, Drancy und Deportation nach Auschwitz. Parallel dazu verfolgt die Erzählerin ihre eigene Recherche in Archiven, Gesprächen mit Perecs Freunden und in den Texten des Schriftstellers selbst, dessen gesamtes Werk von der Leerstelle der Mutter durchzogen ist. Wo historische Dokumente fehlen, greift Elkaim zur Imagination: Sie erfindet Szenen, Gesten, Stimmen, um der „ewig Abwesenden“ Körper und Alltag zurückzugeben. So entsteht weniger eine Biografie als ein literarisches Mausoleum – ein Buch, das Cécile nicht faktisch wiederherstellt, aber ihr Nachleuchten sichtbar macht. – Der Artikel liest Elkaims Roman als Ergänzung und zugleich Korrektur von Perecs „obliquer“ Erinnerungspoetik, wie Philippe Lejeune dies nennt. Während Perec den Verlust formal verschlüsselte – durch Anagramme, Listen, Lipogramme und das Schreiben um eine Abwesenheit herum –, rückt Elkaim das menschliche Schicksal der Mutter ins Zentrum und ersetzt die Ästhetik des Mangels durch eine Poetik der zärtlichen Rekonstruktion. Die Rezension zeigt, wie das Buch zwischen Dokument und Fiktion vermittelt und gerade im Eingeständnis der Ungewissheit – kein Grab, kein Datum, nur ein „acte de disparition“ – seine ethische Stärke gewinnt. Erinnerung erscheint nicht als Besitz von Wahrheit, sondern als fortgesetzte Arbeit am schmerzlich Fehlenden.

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Kontaminationen nach dem 7. Oktober: Amanda Sthers

Der Roman „C“ (Grasset, 2025) von Amanda Sthers entwirft ein düsteres Panorama der französischen Gegenwart nach dem 7. Oktober 2023, in dem privates Leben, politische Diskurse und historisch sedimentierte Traumata ineinandergreifen. Es beginnt mit einem Pilzbefall in der Pariser Wohnung der jüdischen Lektorin Rebecca Vermusein und ihres Mannes Gilles, der sich rasch als zentrale Denkfigur erweist: Der Pilz wird nicht als bloßes Horrorelement erzählt, sondern als Materialisierung eines Antisemitismus, der unsichtbar zirkuliert, sich normalisiert und schließlich tödlich fruchtet. Parallel zur Zersetzung der Ehe zeichnet der Roman den Zerfall des französischen „vivre-ensemble“: politische Radikalisierung, selektive Empathie nach dem 7. Oktober, die moralische Selbstentlastung westlicher Eliten und die Vereinsamung jüdischer Individuen bilden ein eng verschaltetes Szenario. In der Rückbindung an Sthers Roman „Les gestes“ zeigt sich „C“ zugleich als Kulminationspunkt eines länger angelegten Projekts, das jüdische Identität nicht als stabile Zugehörigkeit, sondern als historisch belasteten Erinnerungskörper entwirft. Die Rezension analysiert diese Konstellation, indem sie „C“ als Fortschreibung und Radikalisierung der in „Les gestes“ angelegten Motive liest: von der „Archäologie der Intimität“ zur „Biologie des Hasses“. Im Zentrum steht die Argumentation, dass Sthers den Antisemitismus nicht als Randphänomen, sondern als strukturelles Produkt eines moralischen Klimas darstellt, in dem Diskurse, Ästhetik und Affekt ineinandergreifen. Die Rezension zeigt, wie der Roman über die Pilzmetaphorik Normalisierung, Verführung und Gewalt zusammendenkt und wie er damit insbesondere den zeitgenössischen Feminismus, die Identitätspolitik und den Antizionismus einer scharfen Prüfung unterzieht. Dabei wird „C“ nicht als Thesenroman verstanden, sondern als literarische Diagnose eines Zustands: ohne Katharsis, ohne versöhnenden Ausblick, aber mit der insistierenden Forderung, die Sporen zu erkennen, bevor sie erneut fruchten.

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Hohelied ohne Zeugen: Patrick Autréaux

Patrick Autréaux’ „L’Époux“ (2025) ist ein leiser, existenziell verdichteter Roman, der von der standesamtlichen Trauung zweier Männer ausgeht. Ein Ritual, das als gesellschaftliche Anerkennung gedacht ist, wird zur Erfahrung radikaler Vereinzelung: durch die demonstrative Abwesenheit der Familien, die eine geografisch fern, die andere ideologisch und religiös sich verweigernd. Der Erzähler beobachtet die Tränen seines Partners; in diesem Moment brechen Jahre des Schweigens, der Anpassung und der erlittenen Zurückweisung auf. Ausgehend von diesem Moment entfaltet der Text eine vielschichtige Rückschau, in der sich eine homosexuelle Liebesgeschichte mit biografischen Verletzungen, Krankheit und einer tiefgreifenden spirituellen Suche verschränkt. Zentral ist dabei der jüdische Hintergrund der Familie des Partners, deren Geschichte von Shoah, Vertreibung und Exil geprägt ist und deren traumatische Erfahrung in eine religiöse Verhärtung und die Ablehnung der Beziehung mündet. Autréaux zeigt, wie diese kollektiven Wunden familiäre Bindungen vergiften und Schweigen, Tilgung und Ausschluss erzeugen. In der Auseinandersetzung mit dem Hohelied Salomos und dem Werk Edmond Jabès entwickelt der Roman eine Poetik der Abwesenheit, des Schweigens und des Exils, in der der Körper des Geliebten zum Ort des Heiligen wird. „L’Époux“ liest sich so als modernes Hohelied, das die intime Geschichte einer homosexuellen Liebe mit der Last jüdischer Erinnerung verbindet und eine fragile, aber beharrliche Transzendenz entwirft – „aus der Wüste gekommen, wie man aus dem Jenseits der Erinnerung kommt“.

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Ein Sieg der Lise Meitner gegen Otto Hahn: Cyril Gely

Cyril Gelys Roman „Le Prix“ (2019) inszeniert einen intensiven psychologischen Schlagabtausch zwischen Otto Hahn und Lise Meitner am Tag von Hahns Nobelpreisverleihung 1946. Auf engstem Raum, in einer Stockholmer Hotelsuite, entfaltet sich ein moralisches und intellektuelles Duell, das die ungleichen Machtverhältnisse, die Geschlechterdynamik in der Wissenschaft und die ethischen Verfehlungen des Nationalsozialismus verhandelt. Gelys dramatische Prosa verwandelt historische Tatsachen in ein huis clos, in dem Lise Meitner ihre unterdrückte wissenschaftliche Leistung einfordert und Hahn gezwungen wird, sich seiner moralischen Schuld zu stellen. Am Ende bleibt der Nobelpreis Hahns – doch die wahre Anerkennung gilt Meitner, deren stille Gerechtigkeit als unauslöschliches Echo die Geschichte neu schreibt.

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Christlich-jüdisches Frankreich und identitäre Zwangsassimilation: Eric Zemmour

Die Präsidenten der Französischen Republik suchten jeweils eigene Wege, um das Spannungsverhältnis zwischen dem Selbstverständnis Frankreichs als historisch christlich geprägte Nation und den Prinzipien der strikt laizistischen Republik politisch auszugleichen. „La messe n’est pas dite“ (2025) präsentiert Éric Zemmours rechtsextreme Vision einer zivilisatorischen Wiedergeburt Europas durch eine Rückkehr zu seinen christlichen Fundamenten. In seiner Darstellung bildet das Christentum das historische, kulturelle und politische Fundament Europas. Daraus leitet er allerdings die Forderung nach einer intensiven autoritären Rechristianisierung ab, die sowohl juristische Maßnahmen (z. B. Einschränkungen der Vornamenswahl, Remigration, Einschränkung richterlicher Befugnisse) als auch eine kulturelle und moralische Umformung der Gesellschaft umfasst. Diese Neuordnung verbindet er mit der Idee einer „großen Allianz“ zwischen traditionalistischen Katholiken und assimilierten Juden, die gemeinsam den kulturellen Bestand Europas sichern sollen. – Die Rezension zeichnet nach, wie Zemmours Argumentation auf einer selektiven Geschichts- und Religionsdeutung beruht, die komplexe kulturelle und politische Dynamiken auf ein dualistisches Bedrohungsszenario reduziert. Sie zeigt, dass Zemmour Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Universalismus – Werte, die er selbst als christliches Erbe beschreibt – im Namen einer identitären Selbstbehauptung zurückdrängen will. Die Rezension zeigt auf, wie Zemmour sowohl den Islam als auch den modernen Liberalismus als monolithische Feindbilder konstruiert und dabei mit Doppelstandards operiert, etwa durch selektive Lektüre religiöser Texte oder die Vereinfachung historischer Beispiele. Darüber hinaus zeigt sie, wie Zemmour den Laizismus funktionalisiert, um ihn von einem Prinzip staatlicher Neutralität in ein Instrument kultureller Dominanz zu verwandeln. Zemmours Programm stellt weniger eine Verteidigung des christlich geprägten Erbes dar als vielmehr eine autoritär-identitäre Revision der republikanischen Tradition, die die Grundlagen der Fünften Republik grundlegend infrage stellt.

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Rückkehr in die École normale supérieure: Éliette Abécassis

Éliette Abécassis, selbst normalienne und agrégée der Philosophie, kehrt in 45 rue d’Ulm (Flammarion, 2025) im Rahmen der intimen literarischen Buchreihe „Retour chez soi“ in ihre ehemalige Studentenbude (thurne) der École normale supérieure (ENS) zurück. Das Buch ist ihr erstes autobiografisches Werk in der ersten Person und verdichtet die Erfahrung einer Nacht und eines Tages zu einer zugespitzten Bilanz ihrer intellektuellen Generation. Ausgelöst wird die Zeitreise durch einen Karton alter Korrespondenz und insbesondere durch einen seit dreißig Jahren ungeöffneten Brief, dessen Enthüllung den narrativen Rahmen bildet und die Erzählung über Freundschaft, Scheitern und intellektuelle Freiheit befeuert.

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Ambivalenz der jüdischen Assimilation: Philip Roth und Marc Weitzmann

Marc Weitzmann, La part sauvage: le monde de Philip Roth et le chaos américain. Retour sur vingt ans d’amitié. Grasset, 2025.

Philip Roth und die Zerbrechlichkeit der amerikanischen Demokratie

Marc Weitzmanns La part sauvage ist eine Hommage an den verstorbenen Schriftsteller Philip Roth; es ist aber auch eine literarische Untersuchung, die das Werk, das Leben und die Freundschaft zu Roth nutzt, um die Zerbrechlichkeit der amerikanischen Demokratie und den Wandel der literarischen Kultur im Angesicht des Chaos zu analysieren.

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Dominique Fourcade: Dichten nach dem 7. Oktober 2023

In „Ça va bien dans la pluie glacée ?“ (P.O.L., 2024) reagiert Dominique Fourcade literarisch auf den Nahostkonflikt, indem er die moralische Ohnmacht des Schreibenden zum ästhetischen Prinzip erhebt. Er verwandelt Scham, Fremdheit und Sprachskepsis in eine Poetik der Delikatesse und der Verantwortung. Durch fragmentierte Syntax, intertextuelle Ethik und Bildmotivik (Mauer, Javelot, Regen) wird der Konflikt nicht erklärt, sondern „durchlitten“ – als Erfahrung der Grenze, an der Sprache selbst zum Akt des Widerstands wird.

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Shoalzheimer: Raphaël Sigal

Raphaël Sigals Roman „Géographie de l’oubli“ (2025, Prix Méduse) kreist um das Schweigen und Vergessen der Großmutter, die zwischen Shoah-Trauma und Alzheimer-Erkrankung doppelt entzogen ist. Der Erzähler erbt nur Bruchstücke – Satzfetzen, Gesten, Objekte – und versucht daraus ein Buch zu machen, das die Leerstelle nicht verrät, sondern sichtbar macht. Statt dokumentarischer Recherche entscheidet er sich für ein poetisches Verfahren, das auf Fragmentierung, Wiederholung und Schweigen beruht. Der Neologismus „Shoalzheimer“ bündelt das aktive, überlebensnotwendige Vergessen der Shoah mit dem passiven, zerstörerischen Vergessen der Krankheit. Das Buch versteht sich als „Ricercar à x + 1 voix“: eine musikalische Suche nach den verlorenen Stimmen der Vorfahren (x) und der eigenen Stimme des Enkels (+1), deren Polyphonie sich zu einer brüchigen, fast unlesbaren Partitur verschränkt. So entsteht ein vielstimmiger, von Leere und Erinnerung durchdrungener Text, der die Grenzen von Zeugnis, Fiktion und literarischer Form neu auslotet.

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Sarah Kofman und die französisch-jüdische Literatur: Esra Akkaya

Esra Akkaya, Sarah Kofmans literarisches Werk: Frankreichs verdrängte Gedächtnisse. Berlin: De Gruyter, 2025.  Leben und Werk Sarah Kofman (1934–1994) war eine der französischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts – Philosophin, Literaturwissenschaftlerin, Nietzsche-Interpretin und Shoah-Überlebende. Geboren in Paris in eine jüdisch-orthodoxe Familie, erlebte sie als Kind die Verhaftung ihres Vaters durch die französische Polizei während der Razzia im Juli …

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Choreografie der Erinnerung: Patrick Modiano zum 80.

Seit seinem Debütroman „La Place de l’Étoile“ (1968) hat Patrick Modiano, der in diesem Jahr so alt wird „wie die Nachkriegszeit“ (Andreas Platthaus), eine poetische Welt geschaffen, die von Erinnerungsschatten, verschobenen Identitäten und geheimnisvollen Abwesenheiten durchzogen ist. Seine Romane – melancholisch, elliptisch, durchzogen von Vergessen und Wiederkehr – kreisen um eine paradoxe Bewegung: das Erinnern durch das Verlieren, das Erleben durch das Verschwinden. In diesem ästhetischen Spannungsverhältnis gewinnt der Tanz eine besondere Rolle: als Motiv, als Bild, als Erzählform. Insbesondere in seinem jüngsten Roman „La danseuse“ (2023, deutsch 2025) gerät dieses Motiv zur poetischen Metapher: Die Tänzerin wird zur Figur des Erinnerns, zur Projektionsfläche eines tastenden Ich-Erzählers und zur Allegorie eines kaum fassbaren Lebens. Der Tanz steht hier nicht im Zentrum einer Handlung, sondern inszeniert sich als schwebende Spur, als rhythmisches Prinzip des Erzählens, als flüchtige Figur, die das Erzählen selbst choreographiert.

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Davids Stern zurückgeben: Nathacha Appanah

Der Roman „Le dernier frère“ (Éditions de l’Olivier, 2007, deutsch: Unionsverlag, 2012) der mauritischen Autorin Nathacha Appanah ist ein Werk von großer poetischer Dichte und erzählerischer Komplexität. Im Zentrum steht eine kindliche Freundschaft zwischen Raj, dem Erzähler, und David, einem jüdischen Jungen, der mit dem Internierungsschiff „Atlantic“ nach Mauritius kam. Der Roman kreist um die Frage, wie sich individuelle Identität durch Erinnerung, Verlust und Erlebnisse von Gewalt herausbildet. Der Text ist dabei zugleich historische Aufarbeitung und intime Erzählung. Appanah verknüpft die individuelle Geschichte eines mauritischen Jungen mit dem größeren historischen Kontext der Internierung jüdischer Geflüchteter durch britische Kolonialbehörden auf Mauritius während des Zweiten Weltkriegs. Damit entsteht ein erzählerisches Gewebe aus historischen Fakten, psychologischer Innenschau und poetischer Reflexion, das für den Leser nicht nur eine literarische, sondern auch eine ethische Erfahrung darstellt.

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Erbe der Wunden: Traumata und ihre literarische Vermittlung

Zum Handbuch Traumatisme et mémoire culturelle von Silke Segler-Meßner und Isabella von Treskow Das französischsprachige Sammelwerk Traumatisme et mémoire culturelle: France et espaces francophones (herausgegeben von Silke Segler-Meßner und Isabella von Treskow, De Gruyter, 2024, 558 Seiten) widmet sich der Darstellung kollektiver Traumata in der französischsprachigen Literatur und Kultur des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, …

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Der Architekt und sein Führer, contre-fiction: Jean-Noël Orengo

In seinem Roman „Vous êtes l’amour malheureux du Führer“ setzt sich Jean-Noël Orengo fiktional mit der Figur Albert Speers auseinander. Dabei beleuchtet er dessen komplexe Beziehung zu Adolf Hitler, seine strategische Selbstdarstellung nach dem Krieg und die Macht von Erzählungen im Umgang mit historischer Wahrheit kritisch. Der Roman dekonstruiert Speers eigenes Narrativ – als Versuch, die eigene Verantwortung zu negieren – und offenbart die Mechanismen seiner Apologie. So setzte beispielsweise Speers Ministerium Millionen von Sklavenarbeitern ein, darunter viele Juden, und war für den Ausbau von Auschwitz zur größten Todesfabrik mitverantwortlich. Orengos Roman ist jedoch mehr als eine bloße historische Nacherzählung: Er ist eine Untersuchung der Konstruktion von Wahrheit und Fiktion in der Geschichtsschreibung – insbesondere im Kontext von Verbrechen und Erinnerung. Orengo entlarvt Speers „Erinnerungen“ als meisterhaft konstruierte Erzählung, die die Wahrheit manipuliert und Speer als „Star der deutschen Schuld“ etabliert, indem er sich als „verantwortlich, aber nicht schuldig“ darstellt. Diese „Autofiktion“ ist so wirkmächtig, dass sie selbst historische Fakten überstrahlen kann. Der Roman stellt die Geschichtsschreibung als einen Kampf von Erzählungen dar, in dem Speer durch seine narrative Geschicklichkeit oft die Oberhand behält, selbst gegenüber widerlegenden Dokumenten. Orengo zeigt, wie schwierig es ist, die „Wahrheit“ über eine so dunkle Periode zu finden, wenn die Hauptakteure ihre eigene Geschichte meisterhaft fiktionalisieren.

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Zum Gedächtnis: Pierre Nora (1931–2025)

Am 2. Juni 2025 ist der bedeutende französische Historiker Pierre Nora im Alter von 93 Jahren in Paris gestorben. Als Herausgeber der monumentalen siebenteiligen Werkreihe „Les Lieux de mémoire“ (1984–1993) prägte er entscheidend das Verständnis der nationalen Erinnerungskultur und trug maßgeblich zur Reflexion über die französische Identität bei. Geboren 1931 in Paris, entkam Pierre Nora als Kind der Verfolgung durch die Gestapo. Diese frühe Erfahrung prägte sein Denken über Geschichte, Gedächtnis und Nation tiefgreifend. In zwei Büchern aus den letzten Jahren legte Nora Memoiren vor, „Jeunesse“ (2022) und „Une étrange obstination“ (2023), um frei über sein Leben als Verleger und Historiker zu berichten und insbesondere seinen Werdegang nachzuzeichnen.

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Himmlers Zuchtbefehl: Caroline de Mulder

Caroline De Mulders Roman „La pouponnière d’Himmler“ erzählt das Lebensborn-Programm des Nationalsozialismus als Schrecken einer durchideologisierten Kindheit: Kindheit wird nicht als schützenswerte Lebensphase gezeigt, sondern als Produkt eines rassistischen Zuchtprogramms – verwaltet, vermessen, umbenannt und ihrer Herkunft beraubt. Die Körper von Frauen, Kindern und Männern erscheinen nicht als Subjekte, sondern als biopolitisches Material im Dienst einer totalitären Ideologie. Die Frau wird als „Gebärmaschine“ dargestellt, deren Wert sich ausschließlich aus ihrer Reproduktionsfähigkeit für die „Rasse“ ergibt. Renée, die als junge schwangere Französin im Lebensborn-Heim entrechtet wird, Helga, die als Oberschwester zwischen Pflichterfüllung und Schuld taumelt, und Marek, der als Zwangsarbeiter entmenschlicht wird, verkörpern drei Varianten existenzieller Ausgeliefertheit an ein System, das Körper zählt, aber Leben entwertet. Gleichzeitig deutet der Roman an, dass die völlige Indienstnahme der Körper nicht gelingt: In poetischen Momenten innerer Bilder, sinnlicher Erfahrung und zwischenmenschlicher Nähe blitzen Möglichkeiten von Subjektivität auf. Die Erzählerin des Romans versucht im Rückblick, das Schweigen der Vergangenheit zu durchbrechen, und begegnet der historischen Leerstelle mit Sprache, Imagination und dokumentarischen Fragmenten. Die vielstimmige Struktur des Romans – zwischen innerem Monolog, Archivtexten und Gegenwartserzählung – spiegelt die Fragmentierung traumatisierter Kindheiten wider und macht literarisch erfahrbar, was historisch mit dem Kriegsende am 8. Mai 1945 ausgelöscht werden sollte.

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Der Moment der Wahrheit: Karine Tuil

Karine Tuils „La Guerre par d’autres moyens“ seziert den Zerfall von Macht, Identität und öffentlicher Wahrnehmung: Im Mittelpunkt steht Dan Lehman, ein ehemaliger Präsident Frankreichs der Linken, der nach einer Wahlniederlage in Alkoholismus und Bedeutungslosigkeit versinkt, während seine Ex-Frau Marianne Bassani in der Literatur und seine zweite Frau Hilda Müller im Filmgeschäft neue Karrieren aufbauen. Der Artikel zeigt, wie Tuil subtil Fiktion und Realität verschränkt: Mariannes Roman „À la recherche du désastre“, der als Film adaptiert wird, reflektiert Lehmans Fall und entzieht ihm neben der medialisierten Öffentlichkeit auf andere Weise die Kontrolle über seine eigene Geschichte – eine raffinierte Spiegelung der Mechanismen öffentlicher Demontage. Die Analyse betont zudem die intertextuelle Verbindung zu Philip Roths „My Life as a Man“, die jüdische Identität Lehmans und die Frage nach toxischer Männlichkeit in Politik und Kultur. Tuils Roman erscheint so als eine kluge Reflexion über die Zerstörung öffentlicher Figuren in einer mediengesteuerten Gesellschaft – ein tragikomisches Drama über Macht, Narzissmus und den Kampf um die Deutungshoheit der eigenen Existenz.

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Palästina, Wunde und Traum: Karim Kattan

Karim Kattans „L’Éden à l’aube“ erzählt eine Liebe in Palästina zwischen Isaac und Gabriel, die sich in einem von politischen, religiösen und gesellschaftlichen Konflikten durchzogenen Jerusalem entfaltet. Der Roman wechselt zwischen lyrischer Entrücktheit und politischer Realität, zwischen mythischer Überhöhung und der Brutalität des Alltags. Der Text entfaltet sich in einer traumhaften Erzählweise, während er zugleich die Spuren kolonialer Gewalt und territorialer Enge unübersehbar macht. Interessanterweise bleiben Utopie und Dystopie in „L’Éden à l’aube“ nicht klar getrennt. Vielmehr entsteht eine Hybridität, in der Hoffnung und Zerstörung ineinander übergehen. Isaac, der potenziell geopferte Sohn Abrahams, und Gabriel, der göttliche Bote, befinden sich in einer Welt, die am Rande des Paradieses steht.

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Neue Wege für eine französisch-jüdische Literatur: Nathalie Azoulai

In „Toutes les vies de Théo“ erzählt Nathalie Azoulai die Geschichte von Théo, einem Bretonen mit deutscher Mutter, der sich in die jüdische Léa verliebt. Ihre Beziehung, zunächst geprägt von gegenseitigem Verständnis, gerät durch politische Ereignisse wie die Anschläge vom 7. Oktober und den Nahostkonflikt ins Wanken, was zu einer Entfremdung führt. Azoulai beleuchtet die Herausforderungen gemischter Partnerschaften und die komplexen Verflechtungen von persönlicher Identität und kollektiver Geschichte. Damit eröffnet sie neue Wege für eine französisch-jüdische Literatur, die nicht nur retrospektiv bleibt, sondern auch aktuelle Herausforderungen der Identitätsfindung und interkulturellen Begegnung verhandelt.

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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