Eine Autobiografie aus Gegenständen: Flucht und erzählerische Souveränität bei Orélien Thélyson

Orélien Thélysons Roman „C’était ça ou mourir“ (Grasset, 2026) erzählt die Flucht des haitianischen Geschichtslehrers Jonas Dorléon, der 2023 vor brennenden Bandenkriegen aus Port-au-Prince aufbricht und über die Dominikanische Republik, Brasilien, den Dschungel des Darién, Mexiko und die Grenz-App CBP One schließlich als Aktenzeichen im kanadischen Asylsystem landet: eine Route, die reale Stationen der Gegenwartsmigration (PRAIDA, der Weg Roxham, das Abkommen über sichere Drittstaaten) mit einer pikaresk-tragikomischen Erzählweise verbindet, in der Betrüger, korrupte Grenzbeamte und ein Bandenchef, der Komik zur Überlebensbedingung macht, ebenso auftreten wie flüchtige Gefährten, die im Lauf der Reise spurlos verschwinden. Der Aufsatz liest diesen Roman als Zeugnis dafür, dass Erzählen selbst zur letzten Form von Handlungsmacht wird, wenn Gewalt, Bürokratie und Nummerierung das Individuum auszulöschen drohen: Anhand von Leitmotiven wie der Plastiktüte als „Autobiografie aus Gegenständen“, dem verlorenen und wiedergewonnenen Gedichtheft und dem Wandel des Lachens vom unwillkürlichen Überlebensreflex zu einer bewussten Selbstbehauptung zeigt er, wie Gattungsmischung, Mehrsprachigkeit, Raum- und Figurenkonstellation formal genau jene Souveränität einlösen, die dem Protagonisten rechtlich verwehrt bleibt, und liest den Roman so zugleich als Chronik einer Flucht und als Selbstermächtigung eines Schreibenden.

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