Diaspora als Bewegung: Manuel Carcassonne
Manuel Carcassonnes „Le Retournement“ (Grasset, 2022) setzt mit einem unscheinbaren Satz ein – „Souvent, Nour et moi, nous nous disputions“ – und entfaltet daraus die Geschichte eines Mannes, der erst spät, zwischen Pariser Verlagsbüros und einem Krankenhausbett im Hôpital Cochin, zwischen der Lektüre von Flavius Josephus und den Straßen des zerstörten Beirut, zu der Einsicht gelangt, dass „jüdische Herkunft“ kein neutraler Befund ist, sondern eine existenzielle Zuschreibung. Ausgelöst durch die Begegnung mit Nour, der libanesisch-christlichen Schriftstellerin aus Achrafieh, deren hartnäckige Verwechslung von „israélite“ und „israélien“ das Identitätsproblem exemplarisch zuspitzt, und durch eine persönliche Krise, unternimmt der Erzähler eine assoziative Reise durch die Geschichte der „Juden des Papstes“, durch Familienarchive, philosophische Lektüren und politische Gegenwarten. Die Rezension liest dieses bewusst hybride, zwischen Liebesgeschichte, Essay und historischer Archäologie changierende Buch als literarische Form eines „retournement“: nicht als Rückkehr zu einem Ursprung, sondern als Bewegung der Verschiebung und Überlagerung, in der Identität gerade dort entsteht, wo sie sich eindeutiger Festlegung entzieht. Vom wiederkehrenden Streit am Anfang bis zur erschöpften Schlafgeste am Ende – Nour, die nach der Explosion vom 4. August 2020 durch die Trümmer von Mar Mikhael geht, und der Erzähler, der sie küsst, ohne Antworten gefunden zu haben – zeigt der Text, so die These der Rezension, dass Jüdischsein in der späten Moderne weder Glauben noch Land noch Sprache meint, sondern eine bestimmte Erfahrung von Zeit, Erinnerung und Alterität: eine fortgesetzte Bewegung, die sich im Schreiben selbst vollzieht.
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