Algerien, inneres Land

In ihrem zweiten Roman befasst sich Lilia Hassaine mit der Frage der Integration (bzw. die Ausgrenzung) der algerischen Bevölkerung der ersten Generation in die französische Gesellschaft zwischen den frühen 1960er und den späten 1980er Jahren: In den späten 1950er Jahren zieht Naja in der Region Aurès in Algerien ihre drei Töchter allein auf, seit ihr Mann Saïd zum Arbeiten nach Frankreich rekrutiert wurde. Einige Jahre später, nachdem er Facharbeiter geworden ist, gelingt es ihm, seine Familie in die Region Paris zu holen. Naja wird schwanger, aber ihre Lebensumstände erlauben es dem Paar nicht, das Kind zu behalten. Hassaine hat den Roman ihrer Mutter gewidmet, und es ist nicht zuletzt eine Hommage an die algerischen Frauen, ohne dabei heikle Missstände auszusparen: das antirassistische Gehabe eines Teils der französischen „Kaviar“-Linken, die Ghettoisierung, Sexismus und Drogenmissbrauch.

Der Algerienkrieg bleibt für Algerier wie Franzosen ein Bezugspunkt der Erinnerungskultur. So titelt Guillaume Chérel in L’Humanité seine Buchrezension: „La guerre d’Algérie, la mémoire et le présent“ und stellt die Galerie von individuellen Figuren in die Tradition des russischen Romans: „Le début du roman est prenant. La plume de Lilia Hassaine est sensuelle, poétique, voire drôle. Elle décrit l’amitié féminine, les gynécées, où l’on s’ouvre enfin et parle de tout (les enfants préférés, la violence masculine, la sexualité taboue dans la culture musulmane…). Puis elle évoque Saïd, tombé dans l’alcoolisme à cause de la charge de travail et la nostalgie du pays, son frère, Kader, qui a la chance de se cultiver, notamment grâce à Ève, férue de littérature. Elle se lance ensuite dans la description d’une galerie de personnages, comme dans un roman russe.“ 1 Die Rezension bemerkt auch pikiert an, dass die Autorin Bücher wie Faïza Guène (Kiffe kiffe demain, 2004) oder Magyd Cherfi (Ma part de Gaulois, 2016) oder Guillaume Chérel (Les Enfants rouges, 2001) besser zur Kenntnis genommen hätte, die Empfindlichkeiten liegen bei diesem Thema weiterhin offen. Elisabeth Philippe in L’Obs stellt in einem Überblicksartikel die These auf, inzwischen berichteten nach langer Zeit des Schweigens immer mehr Schriftstellerinnen und Schriftsteller über das Leben von Männern und Frauen, die nach der Kolonialisierung aus Marokko oder Algerien nach Frankreich kamen. 2 Ihre Beispiele sind:

  • Mehdi Charef, La Cité de mon père bei Hors d’atteinte,
  • Kaoutar Harchi, Comme nous existons bei Actes Sud,
  • Nedjma Kacimi, Sensible bei Cambourakis und eben
  • Lilia Hassaine, Soleil amer bei Gallimard.

L’Algérie m’avait souvent visité. Elle était entrée dans mon cœur et y avait planté ses plantes vivaces et insoumises, capables de pousser sur la rocaille ou dans le sable. C’était mon pays intérieur, il me suffisait de fermer les yeux pour le retrouver : il y a tant de vérités dans ce qu’on invente. Je connaissais déjà le vent des oliviers, celui qui laisse la mer en paix mais secoue les villages, arrache les citronniers, déracine les cyprès, balaye la valériane. Ce vent, c’était l’idée intime que je me faisais de cette terre, marasme de sentiments qui s’affrontent, sans jamais s’annuler. L’Algérie était pour moi cette amante insupportable, de celle qu’on aimerait quitter, mais sans laquelle on ne peut vivre. On fantasme son mystère, elle est orientale l’Algérie, elle a la noblesse de la Rome antique et le sang des barbares, le rire des Andalouses, la musique des Touaregs. Elle a la nostalgie facile, cette manière de regarder vers le passé, pour ne pas s’inquiéter de l’avenir. C’est peut-être en cela qu’elle ressemble tant à la France. Les enfants d’immigrés portent en eux l’exil et l’ancrage. On les a perfusés à la mélancolie.

Lilia Hassaine, Soleil amer

Algerien hatte mich oft heimgesucht. Es war in mein Herz eingedrungen und hatte dort seine robusten und rebellischen Pflanzen gepflanzt, die auf dem Felsen oder im Sand wachsen konnten. Es war mein inneres Land, es genügte, die Augen zu schließen, um es wiederzufinden: Es gibt so viele Wahrheiten in dem, was wir erfinden. Ich kannte bereits den Wind der Olivenbäume, der das Meer in Ruhe lässt, aber die Dörfer erschüttert, die Zitronenbäume ausreißt, die Zypressen entwurzelt und den Baldrian mitreißt. Dieser Wind war die persönliche Vorstellung, die ich von diesem Land hatte, eine Wetterfront von Gefühlen, die aufeinanderprallen, ohne sich jemals gegenseitig aufzuheben. Algerien war für mich diese unerträgliche Geliebte, die wir gerne verlassen würden, ohne die wir aber nicht leben können. Algerien ist orientalisch, es hat den Adel des antiken Rom und das Blut der Barbaren, das Lachen der Andalusier, die Musik der Tuareg, und wir schwärmen von seinem Geheimnis. Es hat etwas leicht Nostalgisches, diese Art, in die Vergangenheit zu blicken und sich nicht um die Zukunft zu sorgen. Vielleicht ist das der Grund, warum es Frankreich so ähnlich ist. Die Kinder von Einwanderern tragen Exil und Verwurzelung in sich. Sie sind von Melancholie durchdrungen.

Lilia Hassaine betont im Interview in L’Obs, es sei kein Buch über Algerien, sondern ein Roman über Frankreich und vor allem ein Versuch der Wiederaneignung: „J’ai un lien lointain avec l’Algérie, mais j’ai éprouvé le besoin de comprendre cette histoire à laquelle je me sentais étrangère et j’ai écrit ce livre afin de me la réapproprier.“ 3 Die wütende Nour in Soleil amer gibt dieser Entfremdungsgeschichte ein anschauliches Porträt:

Nour était la plus jolie fille du lycée. Des cheveux longs jusqu’aux reins et des yeux d’un bleu qui n’existe pas, un bleu profond, presque noir. Elle n’aimait pas beaucoup l’école, ce n’était pas son truc, contrairement à Sonia et Amir. Elle n’avait pas de mauvais résultats, mais souvent, les professeurs l’épinglaient pour son insolence. Dans son cœur, elle ressentait une colère sourde, une colère qui ne demandait qu’à éclater, qu’à rugir. C’était ça, la noirceur dans ses yeux. Ce père qui courbait l’échine au travail, dans la rue, intimant l’ordre à chacun de ses enfants de ne jamais faire de bruit, de ne surtout pas se faire remarquer, de ne pas leur faire honte, de raser les murs. Il maîtrisait toutes les occurrences du champ lexical de la discrétion. Les peurs de son père, la soumission de sa mère, elle avait tout cela en horreur. Elle n’était pas française, car elle était née en Algérie. Le seul à être français, c’était Amir, né ici, dans ce pays qu’elle avait peur d’aimer. Elle disait qu’il n’y avait rien de pire qu’aimer sans être aimé. Sonia avait aimé la France, et qu’avait-elle obtenu en retour ? Elle avait étudié, eu les meilleures notes, son bachot haut la main, on avait fait une fête ce jour-là, et aujourd’hui, elle ne trouvait pas de travail, comme un million d’autres chômeurs, on l’avait dit au journal télévisé, comme le mari de Nora, Ahmed, qui avait construit une autoroute au prix de sa santé, mais qui continuait d’entourer chaque matin les petites annonces dans le journal.

Lilia Hassaine, Soleil amer

Nour war das hübscheste Mädchen der Schule. Sie hatte lange Haare, die ihr bis zu den Nieren reichten, und Augen von einem Blau, das es nicht gibt, ein tiefes Blau, fast schwarz. Sie mochte die Schule nicht besonders, das war nicht ihr Ding, im Gegensatz zu Sonia und Amir. Sie hatte keine schlechten Noten, aber oft wurde sie von den Lehrern für ihre Unverschämtheit gemaßregelt. In ihrem Herzen spürte sie eine dumpfe Wut, eine Wut, die einfach herausbrechen, brüllen wollte. Das war die Dunkelheit in ihren Augen. Dieser Vater, der bei der Arbeit, auf der Straße, den Kopf senkt und jedem seiner Kinder befiehlt, keinen Lärm zu machen, nicht aufzufallen, sich nicht zu schämen, die Wände nicht zu verlassen. Er beherrschte das lexikalische Feld der Diskretion in jeder Hinsicht. Die Ängste ihres Vaters, die Unterwerfung ihrer Mutter, all das verabscheute sie. Sie war keine Französin, denn sie war in Algerien geboren. Der Einzige, der Franzose war, war Amir, weil er hier geboren wurde, in diesem Land, das zu lieben sie Angst hatte. Sie sagte, es gäbe nichts Schlimmeres als zu lieben, ohne geliebt zu werden. Sonia hatte Frankreich geliebt, und was hatte sie dafür bekommen? Sie hatte studiert, hatte die besten Noten, hatte ihr Abitur mit Bravour bestanden, an diesem Tag hatten sie eine Party gefeiert, und heute konnte sie keine Arbeit finden, wie eine Million anderer Arbeitsloser, hatten sie in den Nachrichten gesagt, wie Noras Ehemann Ahmed, der auf Kosten seiner Gesundheit eine Autobahn gebaut hatte, der aber weiterhin jeden Morgen die Kleinanzeigen in der Zeitung durchblätterte.

Anmerkungen
  1. „Der Anfang des Romans ist fesselnd. Lilia Hassaines Texte sind sinnlich, poetisch und sogar witzig. Sie beschreibt Frauenfreundschaften, gynäkologische Gesellschaften, in denen man sich endlich öffnet und über alles spricht (Lieblingskinder, männliche Gewalt, tabuisierte Sexualität in der muslimischen Kultur…). Dann erzählt sie von Saïd, der aufgrund seiner Arbeitsbelastung und der Sehnsucht nach seinem Land dem Alkoholismus verfallen ist, und von ihrem Bruder Kader, der die Möglichkeit hat, sich zu bilden, vor allem dank der literaturbegeisterten Eve. Dann beschreibt sie eine Galerie von Figuren, wie in einem russischen Roman.“>>>
  2. „De plus en plus d’écrivains racontent la vie des hommes et des femmes arrivés en France du Maroc ou d’Algérie, après la colonisation. Des destins que la littérature a longtemps tus“, Elisabeth Philippe, „Kaoutar Harchi, Lilia Hassaine, Nedjma Kacimi… une contre-histoire littéraire de l’immigration“, L’Obs, 25. September 2021.>>>
  3. „Ich habe eine entfernte Verbindung zu Algerien, aber ich hatte das Bedürfnis, diese Geschichte zu verstehen, von der ich mich entfremdet fühlte, und ich habe dieses Buch geschrieben, um sie mir wieder anzueignen“, Elisabeth Philippe, „Kaoutar Harchi, Lilia Hassaine, Nedjma Kacimi… une contre-histoire littéraire de l’immigration“, L’Obs, 25. September 2021. >>>