Niemandem den Krieg erklärt

Mechanik der Interessen

En 1945, Hô Chí Minh avait seulement proclamé son indépendance, s’appuyant même sur notre déclaration des droits de l’homme, et, après tout, il n’avait déclaré la guerre à personne.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

1945 hatte Ho Chi Minh lediglich seine Unabhängigkeit erklärt und sich dabei sogar auf unsere Menschenrechtserklärung berufen, und schließlich hatte er niemandem den Krieg erklärt.

Vuillards Pläne zu einem Indochinabuch reichen weit zurück: 2012 bereits füllt der Autor die Libération-Kolumne „La Semaine d’Éric Vuillard“ mit einem Text über den „Fall von Saigon“ – so lautet nun das letzte Kapitel seines Buchs Une sortie honorable:

Demain, 28 avril, c’est la chute de Saigon. Cela dura trois jours. J’y pense parce que j’écris sur l’Indochine en ce moment. En 1975 à la même date, les derniers Américains quittent le Vietnam. Ils se tirent, ils déménagent. Les ventilateurs s’arrêtent. Les frigidaires s’arrêtent. Les voitures tombent en panne. Il y a de grands cimetières de frigidaires, de grandes nécropoles de climatiseurs et des pyramides de lave-vaisselle. Tout est mort. Alors, on se rue vers les derniers bateaux, les derniers hélicoptères, les derniers avions américains. Les pilotes trient les passagers, pistolet au poing. C’est la cohue. A travers les hublots, on peut voir, dans les actualités de l’époque, les foules courir après l’avion, des scooters et des jeeps roulant à toute berzingue, comme après je ne sais quel salut. On s’accroche aux roues, à l’échelle de coupée. On parvient à en remonter un ou deux par la peau du dos.

Pour le Vietnam, ça fait deux guerres, en tout trente ans et plus de cinq millions de morts. On raconte que la guerre aurait coûté à l’Amérique 125 milliards de dollars. Qu’est-ce que ça veut dire ? Ça fait dix fois le plan Marshall […].

Éric Vuillard, „La chute de Saigon!“ 1

Morgen, am 28. April, jährt sich der Fall von Saigon. Er dauerte drei Tage. Ich denke daran, weil ich gerade über Indochina schreibe. 1975 am selben Tag verlassen die letzten Amerikaner Vietnam. Sie hauen ab, ziehen um. Die Ventilatoren stehen still. Die Kühlschränke stehen still. Die Autos bleiben liegen. Es gibt große Friedhöfe für Kühlschränke, große Nekropolen für Klimaanlagen und Pyramiden für Geschirrspüler. Alles ist tot. Also stürzt man sich auf die letzten Schiffe, die letzten Hubschrauber und die letzten amerikanischen Flugzeuge. Die Piloten sortieren die Passagiere mit der Pistole in der Hand. Es herrscht ein großes Gedränge. Durch die Bullaugen kann man in den damaligen Wochenschauen sehen, wie die Menschenmassen hinter dem Flugzeug herjagen, wie Roller und Jeeps wie wild durch die Gegend rasen, wie nach irgendeiner Erlösung. Man klammert sich an die Räder, an die Leiter. Es gelingt uns, ein oder zwei von ihnen am Rücken hochzuziehen.

Für Vietnam sind es zwei Kriege, insgesamt dreißig Jahre und mehr als fünf Millionen Tote. Es heißt, dass der Krieg Amerika 125 Milliarden Dollar gekostet hat. Was bedeutet das? Das ist das Zehnfache des Marshall-Plans […].

2017, fünf Jahre später, äußerte Vuillard in einem Interview konkreter, dass er an dem Buch arbeite: „Derzeit habe ich ein abgeschlossenes Buch über eine aufständische Episode der protestantischen Reformation und ein weiteres über den Indochinakrieg, einen der längsten Kriege des 20. Jahrhunderts, in dem sich die mächtigsten Nationen dreißig Jahre lang auf ein kleines Land stürzten.“ 2

Pradelle betont in seiner Rezension des Buchs, Vuillard traue sich an die tabuisierte Darstellung „einer der größten militärischen Niederlagen Frankreichs, von den in der Senke von Điện Biên Phủ eingeschlossenen Truppen, vom Zusammenbruch einer Strategie, vom Chaos, vom Schrecken der Soldaten […].“ 3 Demnach sei dieses nationale Trauma im Buch incl. seiner Vorbereitung wie auch der Konsequenzen ein Erzählzentrum. Daraus folgert der Rezensent für die spezifische historische Poetik des Autors: „Vuillard schlägt eine panoptische Geschichtsschreibung vor, Erzählungen, die um eine einzige Achse kreisen und sich ständig verschieben, um eine echte Moral zu extrahieren, eine alles in allem ziemlich erschütternde retrospektive und anachronistische Verantwortung zu entwerfen, die disparate Ereignisse gleichbedeutend macht und eine Form der Inkongruenz in der Materie unserer Geschichte selbst vorstellt.“ 4

Vuillards Buch ist keine eigentliche Kriegsdarstellung, so unterstreicht Camille Laurens etwa in Le Monde: „Die Tatsache, dass der Krieg eher hinter den Kulissen als auf dem Schlachtfeld beschrieben wird, eine kalte Mechanik der Interessen, macht ihn nur noch schrecklicher.“ 5 Dass hier gewissermaßen eine kapitalistische Logik des Kriegs entfaltet wird, unterstreicht noch expliziter Élisabeth Philippe im Nouvel Observateur: „Vuillard hält sich nicht für den Coppola von ‚Apocalypse Now‘. Ihn interessiert nicht das große, obszöne Spektakel der Schlachten, sondern der Blick hinter die Kulissen, die Verhandlungen, die in den heimeligen Salons geführt werden. Hinter der Tragödie sieht er nicht die geschickten Finger der Parzen, sondern nur die unsichtbare Hand des Marktes. Die Kämpfe werden geführt, um die Interessen der Zinnminen- oder Kohlebergbauunternehmen mehr zu verteidigen als die Ehre Frankreichs.“ 6 Aber wenn Philippe Lançon in seiner Kritik zahlreiche Indonesienbücher nennt, die einen besser unterrichten können als Vuillards Buch, ist doch immerhin zu fragen, worin das eigentliche Interesse von Une sortie honorable liegt: „Wenn man die Komplexität des französischen Indochinas und seines Krieges verstehen will, sollte man Lucien Bodards Indochinakrieg oder Jean Hougrons Zyklus Indochina-Nacht lesen; und wenn man verstehen will, was die Vierte Republik war, sollte man François Mauriacs Bloc-notes lesen.“ 7 Wie reiht sich also Une sortie honorable ein in die Fiktionalisierungen von Indochina?

Imaginäres Indochina

Je n’y avais auparavant jamais pensé à l’Indochine, et là j’en rêvais d’une façon explicite mais totalement imaginaire.

Alexis Jenni, L’art français de la guerre

Ich hatte nie zuvor an Indochina gedacht, aber auf einmal träumte ich auf eindeutige, aber völlig imaginäre Weise von diesem Land.

L’Indochine avait la réputation d’une terre de stupre et de fornication, destination privilégiée des aventuriers, des ratés et des dépravés. À l’annonce du départ d’Étienne pour ce pays consacré à la luxure et au vice sous toutes ses formes, Angèle avait perçu les sourires de quelques membres de leur entourage comme les Cholet qui n’en rataient pas une.

Pierre Lemaître, Le grand monde

Indochina hatte den Ruf, ein Land der Hurerei und der Unzucht zu sein, ein beliebtes Ziel für Abenteurer, Versager und Verdorbene. Bei der Ankündigung von Etiennes Abreise in dieses Land, das der Wollust und dem Laster in jedweder Form gewidmet war, hatte Angèle das Lächeln einiger Mitglieder ihres Umfeldes wahrgenommen, wie zum Beispiel der Cholets, die keine Gelegenheit ausließen.

Il avait pris un ton martial, genre Vietnam, il avait une grosse pratique des relations humaines, se dit Paul, lui-même aurait été bien incapable d’en faire autant.

Michel Houellebecq, Anéantir 8

Sein Ton klang martialisch, ein bisschen nach Vietnamkrieg, er musste sehr geübt im Umgang mit Menschen sein, dachte Paul, er selbst hätte das nicht so hinbekommen.

Die Beispiele von Alexis Jenni, Pierre Lemaître und Michel Houellebecq zeigen es mehr oder weniger beiläufig: Der Vietnamkrieg, vormals Indochina-Kolonialismus, ist Teil der französischen Vorstellungswelt geblieben. So fasste Copin für seine Studie der Indochinaliteratur zusammen, die gemeinsame Geschichte Frankreichs und Indochinas habe bis Ende der Kolonialzeit „eine umfangreiche literarische Produktion“ hervorgebracht 9, ähnliches finden wir in Lombards Sammelband Rêver l’Asie. 10 Leslie Barnes legte 2014 am Beispiel von André Malraux, Marguerite Duras und Linda Lê eine Studie zur französischen Vietnam-Literatur vor, die grundlegende Fragen zur frankophonen (post-)kolonialen Literatur exemplarisch formuliert. 11 Ninon Frank schloss 2016 an u.a. diese Arbeiten an mit ihrem Buch über das postkoloniale Indochina als literarisches Konstrukt 12. Diverse postkoloniale Filmgeschichten aus französischer Perspektive zu Indochina komplettieren Aspekte dieser Beziehungen. 13 „Exotismus und Alterität“ war mit Recht der Untertitel von Copins Studie, und wie der Kriegsveteran Victorien Salagnon in Jennis L’art français de la guerre bedient dieses Schwankende eines Indochinabildes ja durchaus exotistische Bedürfnisse:

— C’est comment, là-bas ?

— L’Indochine ? C’est la planète Mars. Ou Neptune, je ne sais pas. Un autre monde qui ne ressemble à rien d’ici : imagine une terre où la terre ferme n’existerait pas. Un monde mou, tout mélangé, tout sale. La boue du delta est la matière la plus désagréable que je connaisse. C’est là où ils font pousser leur riz, et il pousse à une vitesse qui fait peur. Pas étonnant que l’on cuise la boue pour en faire des briques : c’est un exorcisme, un passage au feu pour qu’enfin ça tienne. Il faut des rituels radicaux, mille degrés au four pour survivre au désespoir qui vous prend devant une terre qui se dérobe toujours, à la vue comme au toucher, sous le pied comme sous la main. Il est impossible de saisir cette boue, elle englue, elle est molle, elle colle et elle pue.

Alexis Jenni, L’art français de la guerre

– Wie ist es dort?

– Indochina? Das ist der Planet Mars. Oder Neptun, ich weiß nicht. Eine andere Welt, die mit nichts von hier vergleichbar ist: Stell dir ein Land vor, in dem es keinen festen Boden gibt. Eine weiche Welt, alles vermischt, alles schmutzig. Der Schlamm des Deltas ist das unangenehmste Material, das ich kenne. Dort bauen sie ihren Reis an, und er wächst mit einer Geschwindigkeit, die einem Angst macht. Kein Wunder, dass sie den Schlamm zu Ziegelsteinen kochen: Es ist ein Exorzismus, ein Gang durchs Feuer, damit es endlich hält. Es bedarf radikaler Rituale, tausend Grad im Ofen, um die Verzweiflung zu überleben, die einen angesichts einer Erde ergreift, die sich immer wieder entzieht, beim Anblick wie beim Berühren, unter dem Fuß wie unter der Hand. Es ist unmöglich, diesen Schlamm zu greifen, er verschlingt, er ist weich, er klebt und stinkt.

Die 1968er skandierten neben Che Guevara und Mao Tse-tung für ihre Kulturrevolution auch Ho Chi Minh als Symbolfiguren antiimperialistischer Revolutionen in der exotischen Ferne, und der amerikanische Protest gegen den Vietnamkrieg in Amerika wurde eine der Grundforderungen der sich formierenden Friedensbewegung. Auf vietnamesischer Seite forderte der Krieg ungefähr 3,6 Millionen Tote, rechnet Vuillard, und er macht in seiner Anmerkung zum Text die Dimensionen bewusst: „Das sind genauso viele wie Franzosen und Deutsche während des Ersten Weltkriegs.“ Da es Éric Vuillard um das vielstimmige politische Geschehen des Indochinakrieges geht, sind die Grausamkeiten der Kriegsgewalt nicht in dem Maße ein detailliert ausgeführtes „Museum der Todesarten“ wie etwa in diesem Überlebendenbericht bei Jenni:

— J’ai survécu à tout ; et ça n’a pas été facile. Tu as remarqué que ce sont les survivants qui racontent les guerres ? […] Dans les endroits que j’ai fréquentés on mourait facilement. L’Indochine où j’ai vécu était un musée des façons d’en finir : on mourait d’une balle dans la tête, d’une rafale en travers du corps, d’une jambe arrachée par une mine, d’un éclat d’obus qui faisait une estafilade par où l’on se vidait, haché menu par un coup de mortier au but, écrasé dans la ferraille d’un véhicule renversé, brûlé dans son abri par un projectile perforant, percé d’un piège empoisonné, ou plus simplement – même si c’est mystérieux – de fatigue et de chaleur. J’ai survécu à tout, mais cela n’a pas été facile. Au fond je n’y suis pas pour grand-chose. J’ai juste échappé à tout ; je suis là. Je crois que l’encre m’y a aidé. Elle me dissimulait.

Alexis Jenni, L’art français de la guerre

– Ich habe alles überlebt; und es war nicht leicht. Ist dir aufgefallen, dass es die Überlebenden sind, die von den Kriegen erzählen? […] An den Orten, die ich besuchte, starb man leicht. Indochina, wo ich lebte, war ein Museum der Todesarten: Man starb durch einen Kopfschuss, eine Salve quer durch den Körper, ein von einer Mine abgerissenes Bein, einen Granatsplitter, der einen Schnitt machte, durch den man sich entleerte, klein gehackt durch einen Mörserschuss ins Ziel, zerquetscht im Schrott eines umgestürzten Fahrzeugs, verbrannt in seiner Deckung durch ein panzerbrechendes Geschoss, durchbohrt von einer Giftfalle, oder ganz einfach – wenn auch mysteriös – an Erschöpfung und Hitze. Ich habe alles überlebt, aber es war nicht leicht. Im Grunde bin ich nicht dafür verantwortlich. Ich bin einfach allem entkommen; ich bin hier. Ich glaube, die Tinte hat mir dabei geholfen. Sie hat mich getarnt.

Das literarische Indochinabild wird nicht nur durch französische Männer gebildet, deshalb sei hier der Hinweis auf einen bemerkenswerten Roman von Linda Lê dieser Winter-Rentrée erlaubt. 2022 erschien bei Stock mit De personne je ne fus le contemporain ein weiterer Roman ihrer inzwischen jahrzehntelangen erzählerischen Beschäftigung mit Vietnam, der ganz andere Stärken aufweist als Vuillards Récit. Hier begegnen sich Ossip Mandelstam und Ho Chi Minh (der selbst auch dichtete) im Jahr 1923 in Moskau. Das dabei entstandene Interview durch Mandelstam liegt auch auf Deutsch vor, Ho Chi Minh (es ist übrigens nur einer unter mehreren Decknamen, unter denen er firmierte) beschreibt darin etwa den tiefen Bruch der Sozialstruktur im französischen Kolonialismus: „Als die Franzosen kamen, wurden die angesehenen alten Familien in alle Winde zerstreut. Bastarde, die wußten, wie man sich in die Gunst der Macht­haber einschleicht, schnappten sich die verlassenen Häuser und Pflanzungen. Jetzt sind sie reich geworden – eine neue Bourgeoisie – und können ihre Kinder französisch erziehen lassen. Wenn irgendein Junge in meinem Heimatland eine katholische Missions­schule besucht, so bedeutet das: ein armer Kerl, der sich selbst erniedrigt. Und dafür zahlen sie noch! So gehen sie dahin, wie Schwachsinnige, und es ist genau dasselbe, als ob sie zur Poli­zei oder zur Miliz gingen. Katholische Missionen besitzen ein Fünftel unseres gesamten Bodens. Nur die großen Pachtherren können mit ihnen kon­kurrieren.“ 14 Während Mandelstam 1938 in einem von Stalins Arbeitslagern starb, lebte Ho Tschi Minh bis 1969. Die Autorin Linda Lê wurde 1963 zu seinen Lebzeiten in Südvietnam geboren, besuchte das französische Gymnasium in Saigon und wanderte mit den Frauen ihrer Familie 1977 nach Frankreich aus. Sie widmet ihr neues Buch denjenigen, „die zu allen Zeiten unter einem totalitären Regime Zuflucht in Büchern, Kunst und Schönheit gesucht haben und dabei ihr Leben riskierten“. In einem ihrer früheren Bücher über das Exil zitierte Linda Lê den vietnamesischen Dichter mit französischer Exilerfahrung, Pham Van Ky, der seine schwierige literarische Beziehung zur fernen Heimat so in Worte brachte: „Indem ich mich verwestlichte, versuchte ich, Asien zu rechtfertigen, ich versuche, es zu verunglimpfen, um nicht dorthin zurückkehren zu müssen.“ 15

Einen solchen existenziellen Hintergrund hat Éric Vuillard freilich nicht. Als „Versuch einer mündigen Geschichtsschreibung“ bezeichnete Nicola Denis einmal seine Poetik. 16 Hierzu zählt u.a. eine explizite Untersuchung und Nutzung historischer Sprache(n). Nicht nur bezeichnet der Titel des neuesten historischen Récit von Éric Vuillard, Une sortie honorable, eine damals häufig geäußerte politische Kriegsstrategie, sondern das Buch über den Stellvertreterkrieg der Nachkriegsordnung in Indochina beginnt motiviert durch ein kolonialistisches Konversationshandbuch für Urlauber mit entlarvenden Sätzen wie: „‚Bring eine Rikscha, fahr schnell, fahr langsam, fahr nach rechts, fahr nach links, fahr zurück, heb das Verdeck hoch, lass das Verdeck runter, warte dort eine Weile, fahr mich zur Bank, zum Juwelier, ins Café, zur Polizeiwache, zum Autohaus‘. Dies war der Grundwortschatz des französischen Touristen in Indochina.“ 17 Sprachreflexion unterbricht teilweise das historische Tableau:

Cramoisi, respirant mal, il se hisse sur ses quilles, bombe la poitrine et prononce d’une voix exsangue, cadavérique : “Monsieur le président, vous avez plus d’égards pour M. Tillon que pour M. Capitant.” Ce qui en bon français veut dire : “Vous avez plus d’égards pour un communiste que pour un membre du RPF.” Ce qui en vieux français veut dire : “Vous avez plus d’égards pour un ancien ajusteur que pour un professeur à la faculté de droit de Paris !” Ce qui dans la langue de Molière veut dire : “Vous avez plus d’égards pour un péquenaud que pour l’un des nôtres !”

Éric Vuillard, Une sortie honorable

Erschrocken und schwer atmend zieht er sich hoch, wölbt die Brust und sagt mit blutleerer, leichenähnlicher Stimme: „Herr Präsident, Sie zeigen mehr Respekt für Herrn Tillon als für Herrn Capitant.“ Was in gutem Französisch bedeutet: „Sie zeigen mehr Respekt für einen Kommunisten als für ein Mitglied der RPF.“ Was in altem Französisch bedeutet: „Sie zeigen mehr Respekt für einen ehemaligen Mechaniker als für einen Professor an der Pariser Rechtsfakultät!“ Was in der Sprache Molières bedeutet: „Sie zeigen mehr Respekt für einen Hinterwäldler als für einen von uns!“.

Zu Vuillards ideologischem Weltbild später, aber schon hier lässt sich sagen, er sortiert die historischen Akteure durchaus wertend, macht lächerlich oder lobt empathisch, letzteres vor allem im Falle von Pierre Mendès France, der als französischer Premierminister zum Ende des Vietnamkriegs beitrug, seine Sprache wird mehrfach von Vuillard freundlich kommentiert:

C’est alors que les députés, abandonnant momentanément les consignes de parti, oubliant les intrigues, les marchandages de séance, redevinrent pour un court instant des personnes. Et non plus des raisons sociales. Les paroles de Mendès pénétraient les hommes, oh, pas de manière miraculeuse, mais leur portée raisonnable, le ton franc, convainquant de Mendès, ne pouvaient laisser aucun bourgeois indifférent. Il savait leur parler, s’adresser à eux dans leur langue, dans l’étroit périmètre de leurs intérêts. Et il essaya, ce 19 octobre, à 16 heures, d’y faire entrer quelque chose de plus grand.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

In diesem Moment ließen die Abgeordneten vorübergehend die Parteirichtlinien fallen, vergaßen die Intrigen und das Feilschen in den Sitzungen und wurden für einen kurzen Moment wieder zu Menschen. Und nicht mehr soziale Gruppen. Mendès’ Worte durchdrangen die Menschen, oh, nicht auf wundersame Weise, aber ihre vernünftige Reichweite, Mendès’ offener, überzeugender Tonfall konnten keinen Bürger gleichgültig lassen. Er wusste, wie man mit ihnen spricht, wie man sie in ihrer Sprache anspricht, in der engen Begrenzung ihrer Interessen. Und er versuchte an jenem 19. Oktober um 16 Uhr, etwas Größeres hineinzubringen.

Vuillards Schreibweise wird häufig auf seine kritische Montagekunst historischer Ereignisse wie Revolution und Weltkrieg, Kolonialismus und Bauernaufstand hin gelesen, und die von bestimmter Haltung geprägte Weltdeutung scheint in seiner inzwischen etablierten Form des historischen Romans oft durch. Es ist aber immer auch einerseits Sprachkritik, andererseits präziser Einsatz subjektiver Sprache, die Jargons auswählt, um Irritation und auch Wertung zu vollziehen.

Dies gilt hier an erster Stelle für den Titel, der Frankreichs Druck nach dem Tod des Oberbefehlshabers Jean de Lattre de Tassigny des Expeditionskorps in Indochina und in Ostasien 1952 bezeichnet, auf die mageren Erfolge hin eine sprachliche Wendung zu nutzen:

Or, l’expression qu’on entendait le plus, la réplique qui revenait souvent, la petite rengaine qu’on serinait sans cesse, parmi ce qu’on baptiserait de nos jours les éléments de langage, c’était l’espoir d’une sortie honorable. Mais on était bien embarrassé. On s’était tant pris les pieds dans le langage des responsabilités depuis huit ans. On adopta donc, une nouvelle fois, une attitude des plus solennelles, car pour cette tâche difficile, relancer la guerre pour en finir et reconquérir l’Indochine avant de la quitter, il fallait bien trouver quelqu’un.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

Der Ausdruck, den man am häufigsten hörte, die häufig wiederkehrende Replik, das kleine Mantra, das man immer wieder abspulte, unter dem, was man heute als Sprachelemente bezeichnen würde, war die Hoffnung auf einen ehrenhaften Ausgang. Aber wir waren ziemlich verlegen. Man hatte sich in den letzten acht Jahren so sehr in der Sprache der Verantwortung verfangen. Man nahm also erneut eine äußerst feierliche Haltung ein, denn für diese schwierige Aufgabe, den Krieg wieder aufzunehmen, um ihn zu beenden und Indochina zurückzuerobern, bevor man es verlässt, musste jemand gefunden werden.

Vuillard wiederholt diese Wendung mehrmals, etwa zwischen René Mayer und General Navarre, und im Kontext des beginnenden Feldzuges 1953–54, hier entsteht die Idee, die dann entscheidende Schlacht um Điện Biên Phủ zwischen Frankreich und der Unabhängigkeitsbewegung Việt Minh zu führen, diese Kämpfe führten ab März 1954 zur Niederlage der Franzosen am 8. Mai und damit zum Ende des französischen Kolonialreiches:

En utilisant ce corps de bataille, qu’on aurait eu le temps de former, il faudrait infliger à l’ennemi un revers tel que la position de la France serait avantageuse pour une négociation – la fameuse sortie honorable. Concernant la stratégie à venir du Viêt-minh, le général émettait en marge de son plan trois hypothèses : soit un déferlement sur le delta du fleuve Rouge, soit une progression vers le sud, soit une poussée vers le Haut-Laos. Cette dernière hypothèse était la plus pénible. C’est à son sujet que fut évoqué pour la première fois le nom de Diên Biên Phu.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

Mithilfe dieses Schlachtkörpers, für dessen Aufbau man genügend Zeit gehabt hätte, sollte dem Feind ein solcher Rückschlag zugefügt werden, dass die Position Frankreichs für Verhandlungen vorteilhaft wäre – der berühmte ehrenhafte Abgang. In Bezug auf die zukünftige Strategie der Vietminh stellte der General am Rande seines Plans drei Hypothesen auf: entweder ein Ansturm auf das Delta des Roten Flusses, ein Vormarsch nach Süden oder ein Vorstoß nach Ober-Laos. Die letzte Hypothese war die schmerzhafteste. In diesem Zusammenhang wurde zum ersten Mal der Name Diên Biên Phu erwähnt.

Vuillard, Rancière und das Volk

Dass Vuillards historisch-literarisches Engagement von bürgerlicher Seite auch heute noch als Provokation oder Geschichtsklitterung empfunden wird, zeigt der Verriss seines jüngsten Buches Une sortie honorable im Figaro von Jean-Christophe Buisson: „In einem langweiligen Buch entwirft der Empfänger des Prix Goncourt 2017 eine voreingenommene und karikierende, postmarxistische Sicht des Indochinakriegs. Die Romane oder Récits von Éric Vuillard mit historischem Anspruch ähneln der Welt von Candy: Es gibt Bösewichte und Gute. Die Guten sind meist europäisch, rechts, bürgerlich, industriell, aristokratisch, reich oder militärisch. Und die Guten? Das Volk, zum Teufel! Oder besser gesagt: die Völker. Sie sind Opfer des Militarismus, des Kolonialismus, des Nationalsozialismus und des Imperialismus. […] In diesem Text, der Alain Badiou, Jean-Luc Mélenchon und ihre Freunde erfreuen wird, beschwört der Schriftsteller ein Stück französischer Geschichte herauf, indem er alle Aspekte, die ihm nicht gefallen, eliminiert.“ 18

Seinen Beitrag zu einem Themendossier über Jacques Rancière in Europe nannte Éric Vuillard „La forme d’un savoir“ 19, was man autopoetologisch für sein eigenes Werk lesen kann. Rancière war ja u.a. einer der Beiträger im programmatisch auf Populismen bezogenen Band Qu´est-ce qu´un peuple? = Was ist ein Volk? 20 Am 10. Februar 2022 trafen sich bspw. Rancière und Vuillard, moderiert von Sarah Al-Matary, um unter dem Titel „Peuple, histoire, littérature…“ gegenseitig ihr Werk zu kommentieren.​​

Im Interview mit der Zeitschrift Ballast differenzierte der politische Philosoph Jacques Rancière Bevölkerung und Volk, ein Volk, das bei Vuillard in genau diese narrative Gegenüberstellung gebracht wird, die historische Masse vs. das politische Konstrukt. So antwortete Rancière im Interview: „Das Volk ist nicht die Masse der Bevölkerung; das Volk ist ein Konstrukt. Es existiert nicht, es wird durch Reden und Handlungen aufgebaut. Occupy, der Arabische Frühling, die Empörten, der Syntagma-Platz in Athen, die Bewegungen der Sans-Papiers – all das schafft ein bestimmtes Volk der Anonymen. Und dieses Volk ist das Volk der Demokratie: ein Volk, das die Macht von jedermann manifestiert. Aber wer Konstruktion sagt, sagt auch, dass es mehrere Konstruktionen des Volkes geben kann.“ 21)

Vuillards Werk ist immer auch eine Reflexion über die Konstruktionen des Volkes, etwa wenn sein Buch 14 juillet den Satz des französischen Königs skeptisch zitiert: „Am ersten Tag erscheint der König und erklärt, er sei der erste Freund seines Volkes; man möchte es glauben.“ 22 Später werden in den Szenen die Aufständischen als ‚anderes‘ Volk gezeigt: „Man muss sich eine Menge vorstellen, die eine Stadt ist, und eine Stadt, die ein Volk ist.“ 23 Verglichen mit dem früheren Congo liest sich das wie die Travestie des Königs ohne Volk: „Fiévez war eine Art König. So etwas hatten wir noch nie gesehen. Ein König inmitten von Lianen, der ein Volk von Geistern ausbeutete. Die Zukunft existiert kaum, die Vergangenheit ist nichts, die Gegenwart ist tot.“ 24 Zahlreich sind die entfesselten Massen in Vuillards Büchern, so in La guerre des pauvres: „Und es kommt zu einem Aufstand. Das Volk erhebt sich. Prag geht in Flammen auf. Die Aufrührer werden gejagt. Studenten lassen die päpstlichen Sprechblasen verbrennen, Studenten werden mit Äxten zerstückelt. Und dann eskaliert alles.“ 25 Der Exotismus um indianische Kultur, ihre Entleerung in touristisches Schauspiel, ist für Vuillard nur ein weiterer Schritt der Vernichtung eines Volks:

Après le massacre de Wounded Knee, les Indiens traînèrent une vie de misère sur des terres morcelées et incultes. Ceux qui avaient travaillé pour le Wild West Show revinrent après quelques années, et n’eurent pas davantage de chance. Les Peaux-Rouges étaient considérés comme les débris d’un monde ancien, et le mot d’ordre était désormais qu’ils devaient s’assimiler.

La destruction d’un peuple se fait toujours par étapes, et chacune est, à sa manière, innocente de la précédente. Le spectacle, qui s’empara des Indiens aux derniers instants de leur histoire, n’est pas la moindre des violences. Il fixe dans l’oubli notre assentiment initial. Partout, le premier amour n’a duré qu’une minute. Puis, chaque fois, se produisit la même incontrôlable destruction. Et aucun monde de mots ne créa son monde de choses.

Éric Vuillard, Tristesse de la terre: une histoire de Buffalo Bill

Nach dem Massaker von Wounded Knee fristeten die Indianer ein elendes Leben auf zerstückeltem und unbebautem Land. Diejenigen, die für die Wild West Show gearbeitet hatten, kehrten nach einigen Jahren zurück und hatten auch nicht mehr Glück. Die Rothäute wurden als Überbleibsel einer alten Welt betrachtet, und die Parole lautete nun, dass sie sich assimilieren sollten.

Die Vernichtung eines Volkes erfolgt immer in Etappen, und jede ist auf ihre Weise unschuldig an der vorherigen. Das Spektakel, das die Indianer in den letzten Augenblicken ihrer Geschichte ergriff, ist nicht die geringste Gewalt. Es lässt unsere anfängliche Zustimmung in Vergessenheit geraten. Überall hat die erste Liebe nur eine Minute gedauert. Dann folgte jedes Mal die gleiche unkontrollierbare Zerstörung. Und keine Welt der Worte schuf ihre Welt der Dinge.

Philosophisch expliziter führt Vuillard in L’ordre du jour auf das faschistische Deutschland bezogen das Konzept des Lebensraums auf die Idee des Volkes im Deutschen Idealismus zurück:

C’est qu’on était trop à l’étroit en Allemagne, et puisqu’on n’atteint jamais le fond de ses désirs, que la tête se tourne toujours vers les horizons effacés, et qu’un zeste de mégalomanie sur des troubles paranoïaques rend la pente encore plus irrésistible, après les délires d’Herder et le discours de Fichte, depuis l’esprit d’un peuple célébré par Hegel et le rêve de Schelling d’une communion des cœurs, la notion d’espace vital n’était pas une nouveauté.

Éric Vuillard, L’Ordre du jour

Es war einfach zu eng in Deutschland, und da man nie den Grund seiner Wünsche erreicht, der Kopf immer zu verblassten Horizonten strebt und da eine Prise Größenwahn bei paranoiden Störungen diesen Hang noch unwiderstehlicher macht – nach Herders Wahnvorstellungen und Fichtes Rede, seit Hegels gefeiertem Volksgeist und Schellings Traum von einer Gemeinschaft der Herzen –, war die Vorstellung von Lebensraum gar keine Neuheit.

Auch die Völker der Indochina-Kolonien sind für den Regierungschef Édouard Herriot nicht gleichberechtigt, Vuillard lässt ihn „pompös“ dekretieren: „Wenn wir den Kolonialvölkern gleiche Rechte geben würden, wären wir die Kolonie unserer Kolonien.“ 26

Vuillards neuestes Buch endet mit der Verneinung seines Titels Une sortie honorable, wie die Buchankündigung bereits die im Vergleich utopische Umkehrung ähnlich zu David und Goliath formuliert hatte: „Der Indochinakrieg ist einer der längsten modernen Kriege. Dennoch existiert er in unseren Schulbüchern kaum. Mit einem furchterregenden Gespür für die Narration erzählt Ein ehrenhafter Abgang, wie in einer wundersamen Umkehrung der Geschichte zwei der größten Mächte der Welt gegen ein winziges Volk, die Vietnamesen, verloren haben, und führt uns mitten in die Interessenverflechtungen, die zum Debakel führen.“ 27

Die Schmach der Niederlage blieb am Ende nicht aus, ein ehrenhafter Ausgang Frankreichs aus dem Krieg hatte sich nicht realisieren lassen. Der Titel von Vuillards récit markiert ein Scheitern des politischen Scheins im Sinne Machiavellis, wenn er im Fürsten schreibt:

Et etiam non si curi di incorrere nella infamia di quelli vizii sanza quali possa difficilmente salvare lo stato; perché, se si considerrà bene tutto, si troverrà qualche cosa che parrà virtù, e seguendola sarebbe la ruina sua; e qualcuna altra che parrà vizio, e seguendola ne riesce la securtà et il bene essere suo.

Machiavelli, Il Principe, Cap. 15.

Und er hüte sich auch nicht davor, die Schande jener Laster auf sich zu nehmen, ohne die es schwer ist, den Staat zu retten; denn wenn man alles gut bedenkt, wird man einige Dinge finden, die als Tugend erscheinen und deren Befolgung sein Verderben wäre; und einige andere, die als Laster erscheinen und deren Befolgung seine Sicherheit und sein Wohl bedeuten würde.

Der Erzähler kostet grimmig die Würdelosigkeit der Rückzugsszenen der Kolonialherren aus, die heute an die Flucht des Westens aus Afghanistan erinnern können. Dass solche Szenen viele Franzosen bis heute triggern, mag aus Buissons Verriss im Figaro spürbar geworden sein. Welcher Kontrast zum Umschlagfoto, das Jacqueline und Christian de La Croix de Castries am 11. September 1954 zeigt! Vuillard mokiert sich in einem ganzen Kurzkapitel über den Vertreter eines ehrenwerten Geschlechts, den er immer beim vollen Namen incl. aller Vornamen nennt, Christian ist ein Verführer auf Gartenparties, mit einem Spind voller zerknitterter Taschentücher und Spielschulden, Inbegriff von Dekadenz und Arroganz, und als solcher Kommandeur der französischen Truppen in der Schlacht von Điện Biên Phủ. Der Spiegel berichtete 1954, wie seine Offizierskameraden Castries anklagten, auch hier wurde der gepuderte Herrenreiter, dem Cognaclieferungen wichtiger waren als militärischer Nachschub, karikiert, dieser Versuchung erliegt Vuillards Pamphlet ebenso. 28 Flatternde Krawatten, sich lösende Schärpen und hilflos zappelnde Diplomatenleiber verkörpern im Schlussbild von Vuillards Buch den Moment der vollkommen entehrten Macht:

Mais, vers la fin, le retrait fut piteux. Pour les retardataires, ce fut plus chaotique. Il y eut des foules pendues par grappes aux trains d’atterrissage ; et l’on vit l’ambassadeur d’Italie lui-même s’accrocher au grillage comme un vulgaire voleur. Ah, il faut avoir vu les derniers Occidentaux évacués en urgence, par hélicoptère, depuis le toit de l’ambassade US, pendant la chute de Saigon. Il faut à tout prix voir ça, les diplomates montant comme ils peuvent à l’échelle de corde. Les cravates happées par le vent. Les corps s’agrippant aux barreaux tandis que l’écharpe s’envole. Quelle atmosphère de fin du monde, quelle débâcle ! Dans l’espérance dérisoire d’une sortie honorable, il aura fallu trente ans, et des millions de morts, et voici comment tout cela se termine ! Trente ans pour une telle sortie de scène. Le déshonneur eut peut-être mieux valu.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

Gegen Ende war der Rückzug jedoch erbärmlich. Für die Nachzügler wurde es noch chaotischer. Es gab Menschenmengen, die in Trauben an den Fahrwerken hingen; und man sah den italienischen Botschafter selbst, wie er sich wie ein gewöhnlicher Dieb an den Zaun klammerte. Man muss gesehen haben, wie die letzten Westler während des Zusammenbruchs von Saigon mit dem Hubschrauber vom Dach der US-Botschaft evakuiert wurden. Das muss man gesehen haben, wie die Diplomaten die Strickleiter hinaufklettern, so gut sie können. Krawatten, die vom Wind erfasst werden. Körper, die sich an die Sprossen klammern, während die Schärpe davonfliegt. Was für eine Weltuntergangsstimmung, was für ein Debakel! In der kläglichen Hoffnung auf einen ehrenhaften Ausgang hat es dreißig Jahre gedauert und Millionen von Toten gegeben, und so endet das alles! Dreißig Jahre für einen solchen Abgang von der Bühne. Die Schande (déshonneur) wäre vielleicht besser gewesen.

Lançon beantwortet seine eingangs zitierte Frage, warum man dieses Buch lesen solle, wo doch andere Bücher mehr Informationen über den komplexen Kolonialismus in Indochina und Vietnamkrieg zu geben vermögen: „Das Interesse an Une sortie honorable liegt weniger in der politischen Brisanz, die keine Überraschung ist, als in der Form, die gewählt wurde, um sie auszuführen. Vuillard hat erneut ein romanhaftes Pamphlet geschrieben. Die Figuren, die er in Szene setzt, haben tatsächlich gelebt, und sie haben getan, was er schreibt, aber er erfindet sie neu, lädt sie auf, mit einer äußeren und inneren Ausleuchtung, die dazu bestimmt ist, seinen Zorn und seine Überzeugungen zu transportieren. Man muss ihm darin nicht folgen, zumindest nicht vollständig, um seinen freien Ton und seine Abschweifungen, seine Erzählgeschwindigkeit, seine Montagekunst, seine Fantasie bei den Bildassoziationen, all diese Kunst des Bogenschießens, des Zooms und des von der Fantasie gepeitschten Kurzschlusses, kurz gesagt, seinen Stil zu schätzen.“ 29 Die wiederholte Evidenz der von Vuillard gezeigten Szenen – „Ah, il faut avoir vu“ – schließt mit einem trauernden Gedenken an das Schicksal eines ganzen Volks. Hier liegt mit Rancière die theoretische Relevanz der Literatur Vuillards. Eine Systematisierung seiner Werke aus Sicht der politischen Philosophie steht bislang aus.

Des milliers de gens partis sur des embarcations de fortune périront noyés. C’est terrible ces bateaux surchargés d’hommes, ces grappes humaines qui flottent au gré des vagues, ces amoncellements de corps, de paquets, de vélos, de cris, de stupeurs. Tous ces chapeaux de paille ! C’est si triste un peuple. On le divise, on le coupe de lui-même, le temps passe, et il ne peut que craindre de se retrouver, étranglé dans la nasse impitoyable d’autres intérêts qu’on lui a fait prendre.

Éric Vuillard, Une sortie honorable

Tausende von Menschen, die sich in behelfsmäßigen Booten auf den Weg gemacht haben, ertrinken. Es ist schrecklich, diese mit Menschen überladenen Boote, diese Menschenhaufen, die in den Wellen treiben, diese Ansammlungen von Körpern, Paketen, Fahrrädern, von Schreien, von Fassungslosigkeit. All diese Strohhüte! Das ist so traurig, ein Volk. Man teilt es, man schneidet es von sich selbst ab, die Zeit vergeht, und es kann ja nur befürchten, sich wiederzufinden, erdrosselt in der erbarmungslosen Schlinge fremder Interessen, die man ihm aufgezwungen hat.

Anmerkungen
  1. Éric Vuillard, „La chute de Saigon! La Semaine d’Éric Vuillard, Libération, 27. April 2012.>>>
  2. „Éric Vuillard aura encore bien d’autres occasions de venir saluer les lecteurs de la librairie locale, car il ne manque pas de projets littéraires. « J’ai actuellement un livre terminé qui porte sur un épisode insurrectionnel de la Réforme protestante, et un autre sur la guerre d’Indochine, l’une des guerres les plus longues du XXe siècle, où les nations les plus puissantes se sont jetées pendant trente ans sur un petit pays », ajoute l’auteur, qui habite à Rennes.“ „Le Prix Goncourt, Éric Vuillard, écrivain fidèle en amitié“, Ouest-France, 2. Dezember 2017.>>>
  3. „Vuillard raconte l’une des plus grandes défaites militaires françaises, les troupes piégées dans la cuvette de Diên Biên Phu, l’effondrement d’une stratégie, le chaos, l’effroi des soldats […]“ Hugo Pradelle, „Vuillard, au-delà de l’histoire“, En attendant Nadeau, 19. Januar 2022.>>>
  4. „Vuillard propose ainsi une écriture panoptique de l’histoire, des récits qui tournent autour d’un même axe, se décalant en permanence, pour en extraire une véritable morale, y imaginer une responsabilité rétrospective et anachronique somme toute assez bouleversante, qui fait s’équivoquer des événements disparates, imaginant une forme d’incongruité dans la matière même de notre histoire.“ Hugo Pradelle, „Vuillard, au-delà de l’histoire“, En attendant Nadeau, 19. Januar 2022.>>>
  5. „Reste que la guerre, d’être décrite en coulisse plus que sur le terrain, froide mécanique d’intérêts, n’en est que plus terrifiante.“ Camille Laurens, „Pertes et profits: Une sortie honorable, d’Eric Vuillard“, Le Monde des livres, 14. Januar 2022, 8.>>>
  6. „Vuillard ne se prend pas pour le Coppola d’« Apocalypse Now ». Ce qui l’intéresse n’est pas le grand spectacle obscène des batailles, mais les coulisses, les tractations qui se jouent dans les salons feutrés. Derrière la tragédie, il ne voit pas les doigts habiles des Parques, seulement la main invisible du Marché. Les combats sont menés pour défendre les intérêts des sociétés de mines d’étain ou de charbonnage plus que l’honneur de la France.“ Élisabeth Philippe, „Vuillard en Indochine“, Le Nouvel Observateur, 6. Januar 2022, 75.>>>
  7. „Si l’on veut sentir la complexité de ce que furent l’Indochine française et sa guerre, mieux vaut lire la Guerre d’Indochine, de Lucien Bodard, ou le cycle de la Nuit indochinoise de Jean Hougron ; et si l’on veut comprendre ce que fut la Quatrième République, mieux vaut lire le Bloc-notes de François Mauriac.“ Philippe Lançon, „«Une sortie honorable», la Quatrième République de long en charge“, Libération, 22. Januar 2022.>>>
  8. Es geht um Dr. Nakkache.>>>
  9. Henri Copin, L’Indochine dans la littérature française des années vingt à 1954: exotisme et altérité, Paris: L’Harmattan, 1996. Vgl. >>>
  10. Rêver l’Asie : exotisme et littérature coloniale aux Indes, en Indochine et en Insulinde, hrsg. von Denys Lombard, Paris: Éd. de l’École des Hautes Études en Sciences Sociales, 1993.>>>
  11. Leslie Barnes, Vietnam and the Colonial Condition of French Literature, University of Nebraska Press, 2014.>>>
  12. Ninon Frank, Vom Imaginieren eines Raumes: das postkoloniale Indochina als literarisches Konstrukt, Berlin: regiospectra, 2016.>>>
  13. Z.B. Cinéma Indochina: eine (post-)koloniale Filmgeschichte Frankreichs, hrsg. von Beater Weghofer, Berlin: De Gruyter, 2010; Francis Albert Louis Moury, Flammes sur l’Indochine: les classiques du cinéma de la guerre du Viêt Nam, Nice: Ovadia, 2019.>>>
  14. Ossip Mandelstam interviewt Ho Chi Minh, Merkur 235 (Oktober 1967): 998–1000. Vgl. auch Ossip Mandelstam, Über den Gesprächspartner: gesammelte Essays I 1913-1924, hrsg. von Ralph Dutli, Frankfurt am Main: Fischer, 1994.>>>
  15. „En m’occidentalisant, je regardais à justifier l’Asie, je regarde à la dénigrer pour n’avoir pas à y retourner“, Linda Lê, Par ailleurs (exils), Paris: Christian Bourgois, 2014.>>>
  16. Nicola Denis, „La méthode Vuillard oder Der Versuch einer mündigen Geschichtsschreibung“, Merkur 845 (Oktober 2019): 83-89.>>>
  17. „« Va chercher un pousse, va vite, va doucement, tourne à droite, tourne à gauche, retourne en arrière, relève la capote, baisse la capote, attends-moi là un moment, conduis-moi à la banque, chez le bijoutier, au café, au commissariat, à la concession. » C’était là le vocabulaire de base du touriste français en Indochine.“ Éric Vuillard, Une sortie honorable.>>>
  18. „Dans un livre ennuyeux, le récipiendaire du prix Goncourt 2017 déroule une vision biaisée et caricaturale, toute postmarxiste, de la guerre d’Indochine. Les romans ou récits d’Éric Vuillard à prétention historique ressemblent au monde de Candy: il y a des méchants et des gentils. Les premiers sont généralement européens, de droite, bourgeois, industriels, aristocrates, riches ou militaires. Les seconds? Le peuple, pardi! Ou plutôt: les peuples. Victimes, pêle-mêle, du militarisme, du colonialisme, du nazisme, de l’impérialisme. […] Dans ce texte qui réjouira Alain Badiou, Jean-Luc Mélenchon et leurs amis, l’écrivain évoque un morceau d’histoire de France en en éliminant tous les aspects qui ne lui plaisent pas.“ Jean-Christophe Buisson: «Les trous d’histoire de M. Vuillard», Le Figaro, 7. Januar 2022.>>>
  19. Éric Vuillard, „La forme d’un savoir“, Europe 1097-1098 (Septembre – Octobre 2020): 23-25.>>>
  20. Alain Badiou, Pierre Bourdieu, Judith Butler, Georges Didi-Huberman, Sadri Khiari, Jacques Rancière, Was ist ein Volk? Hamburg: Laika, 2017. = Qu´est-ce qu´un peuple? Paris: La Fabrique éditions, 2013. Übersetzungen aus dem Amerikanischen und Französischen von Richard Steurer-Boulard.>>>
  21. „Le peuple, ce n’est pas la masse de la population ; le peuple est une construction. Il n’existe pas, il est bâti par des discours et des actes. Occupy, le Printemps arabe, les Indignés, la place Syntagma à Athènes, les mouvements des sans-papiers, tout cela fabrique un certain peuple d’anonymes. Et ce peuple est celui de la démocratie : un peuple qui manifeste le pouvoir de n’importe qui. Mais qui dit construction dit qu’il peut y avoir plusieurs constructions du peuple“ Jacques Rancière: « Le peuple est une construction », entretien, Ballast, 3 (4. Mai 2017>>>
  22. „Le premier jour, le roi paraît, il déclare être le premier ami de son peuple ; on voudrait le croire.“ Éric Vuillard, 14 juillet.>>>
  23. „Il faut se figurer une foule qui est une ville, une ville qui est un peuple.“ Ebd.>>>
  24. „Fiévez fut une sorte de roi. On n’a jamais rien vu de tel. Un roi au milieu des lianes, exploitant un peuple de fantômes. Le futur existe à peine, le passé n’est rien, le présent est mort.“ Éric Vuillard, Congo.>>>
  25. „Et c’est l’émeute. Le peuple se soulève. Pra­gue flambe. Les émeutiers sont pourchassés. Les étudiants font cramer les bulles papales, on découpe les étudiants à la hache. Et puis tout s’envenime.“ Éric Vuillard, La guerre des pauvres.>>>
  26. « Ainsi, lors des débats entourant la naissance de l’Union française, il a pompeusement déclaré : “Si nous donnions l’égalité des droits aux peuples coloniaux, nous serions la colonie de nos colonies.” » Éric Vuillard, Une sortie honorable.>>>
  27. „La guerre d’Indochine est l’une des plus longues guerres modernes. Pourtant, dans nos manuels scolaires, elle existe à peine. Avec un sens redoutable de la narration, Une sortie honorable raconte comment, par un prodigieux renversement de l’histoire, deux des premières puissances du monde ont perdu contre un tout petit peuple, les Vietnamiens, et nous plonge au cœur de l’enchevêtrement d’intérêts qui conduira à la débâcle.“>>>
  28. „Von Kameraden angeklagt“, Der Spiegel 45, 2. November 1954.>>>
  29. „L’intérêt d’Une sortie honorable est moins dans la charge politique, sans surprise, que dans la forme choisie pour la conduire. Vuillard a de nouveau écrit un pamphlet romanesque. Les personnages qu’il met en scène ont existé, et ils ont fait ce qu’il écrit, mais il les réinvente, à charge, selon un éclairage extérieur et intérieur destiné à porter sa colère et ses convictions. Il n’est pas nécessaire d’y croire, du moins pas entièrement, pour apprécier sa liberté de ton et de digressions, sa vitesse de récit, sa science du montage, sa fantaisie dans les associations d’images, tout cet art du tir à l’arc, du zoom et du court-circuit fouetté par l’imagination, bref, son style.“ Philippe Lançon, „«Une sortie honorable», la Quatrième République de long en charge“, Libération, 22. Januar 2022.>>>