Niemand tötet: Constance Debré
Constance Debrés „Protocoles“ (Flammarion, 2026) ersetzt eine „Literatur der Todesstrafe“ durch die literarische Reproduktion ihrer Verwaltung: Das Buch verfolgt den Countdown der letzten 35 Tage eines Verurteilten und rekonstruiert in kalter, prosaischer Präzision die technischen, bürokratischen und logistischen Abläufe der Hinrichtung in den USA. Der Mensch erscheint nicht mehr als moralisches Subjekt, sondern als „corps du sujet“, als Körper, dessen Gewicht, Haut, Venen, Widerstand und Zersetzung durch Protokolle geregelt werden. Die Arbeitsteilung der Hinrichtungsteams weist auf ein System, das Gewalt anonymisiert, fragmentiert und entpersonalisiert, bis „niemand tötet“. Parallel dazu entwirft Debré eine Topographie der USA als Landschaft der Regelhaftigkeit, Überwachung und moralischen Erosion – von „We buy souls“-Schildern über schulische Kontrollsoftware bis zu einer allgegenwärtigen Katastrophenstimmung. – Die Rezension liest „Protocoles“ als Bruch mit der Tradition von Hugo und Camus: Statt Pathos, moralischem Appell oder existenzieller Reflexion setzt Debré auf formale Mimikry der juristischen Protokolle und entzieht der Literatur ihre hermeneutische Funktion. Debrés Poetik der Entsubjektivierung, der „Reinheit“ und der Selbstreferenzialität der Regel wird untersucht. „Protocoles“ macht die moderne Logik von Recht, Technik und Verwaltung der Todesstrafe als totalisierende Ordnung sichtbar, in der Literatur nur noch als Kopie der Macht existieren kann.
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