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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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Régis Jauffret

Die Menschen gebären das Morgen: Régis Jauffret und Hitlers Mutter

05.04.2616.08.24

Das fiktive Tagebuch von Klara Hitler über ihre Schwangerschaft wirft Fragen auf über mögliche Poetiken des Holocaust und über die literarische Figur von Klaras Sohn Adolf Hitler im Werk von Régis Jauffret.

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Kategorien 2024, Besprechung, Romans croisés Schlagwörter Régis Jauffret

Flaubert im Bade

23.03.2628.03.22

Am 12. Dezember 2021 wurde der 200. Geburtstag von Gustave Flaubert begangen. Ganz im Sinne von Robbe-Grillet erscheint unser Autor in einer ganzen Zahl an Romanen als „Textfigur“.

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Kategorien 2020, 2021, Artikel Schlagwörter Alexandre Postel, Colombe Schneck, Gustave Flaubert, Régis Jauffret

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Rentrée littéraire

Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart

Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von Kai Nonnenmacher

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Artikel | Besprechungen | Debatte | Dialoge | Dystopie | Ekphrasis | France profonde | Romans croisés | Poetiken der Kindheit | Mannsein | Recht schaffen | Judéité | Proben | Reserve |

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Neue Artikel und Besprechungen

  • Kathedrale aus Papier: Heteronymie und autopoetische Spiegelungen bei Matthieu Mégevand
    Matthieu Mégevands "Mon nom est personne" (2026) ist nicht als biografischer Roman über Fernando Pessoa zu lesen, sondern als konsequent durchkomponierte poetologische Versuchsanordnung, in der die Heteronymie zum formbildenden Prinzip aller Ebenen erhoben wird. Die drei fiktiven Dichteridentitäten werden in ihrer je eigenen Existenz- und Schreibweise profiliert, was die Gesamtstruktur des Romans ableitet: Alberto Caeiro ist ein scheinbar einfacher, naturverbundener Dichter, der in unmittelbarer Wahrnehmung aufgeht, Metaphysik ablehnt und in klaren, bildhaften Versen eine Welt ohne Tiefendimension entwirft; ihm kontrastiert Ricardo Reis, ein von klassizistischer Disziplin, stoischer Distanz und formaler Strenge geprägter Künstler, der seine Emotionen kontrolliert und Literatur als Ordnungssystem begreift; schließlich tritt mit Bernardo Soares ein Heteronym auf, dessen melancholisch-zersplitterte Innenwelt sich in fragmentarischen, selbstreflexiven Texten niederschlägt und das Schreiben als existenzielle Selbstvergewisserung betreibt. Der Aufsatz zeigt, wie diese drei Stimmen zunächst wie autonome Autorenbiografien inszeniert werden, sich jedoch im Schlussteil als Projektionen Pessoas, als abwesendes Zentrum, erweisen: Die scheinbare Vielfalt erweist sich als Effekt einer radikalen Entleerung des Ichs. Gerade in konkreten Konstellationen – etwa wenn die Figuren in indirekten Begegnungen aneinander vorbeidenken oder ihre jeweiligen Räume (Natur, kultivierte Ordnung, urbanes Interieur) unvereinbar bleiben – wird diese Dissoziation erfahrbar. Methodisch schreitet der Artikel von der detaillierten Figurenanalyse über narrative Verfahren bis hin zur poetologischen Selbstreflexion fort und zeigt so, dass Subjektivität hier nur im Modus ihrer Aufspaltung existiert. Mégevands Roman erscheint damit als konsequente Fortschreibung von Pessoas Heteronymie: Nicht ein Autor erfindet Figuren, sondern die Figuren erzeugen erst die Illusion eines Autors – eine Umkehrung, die der Aufsatz als Signatur moderner literarischer Identitätskrisen deutet.
  • Jüdisches Denken gegen sich selbst: Verbergen, Assimilation und doppelte Existenz bei Nathan Devers
    Nathan Devers’ "Penser contre soi-même" (Albin Michel, 2024) verfolgt eine ebenso autobiografische wie philosophische Bewegung, in der das orthodox gelebte Judentum nicht als bloße Herkunft, sondern als dynamischer Denkraum erscheint, der seine eigene Überschreitung ermöglicht. Ausgehend von einem bürgerlich-assimilierten Milieu führt der Text über eine Phase intensiver religiöser Radikalisierung hin zu einem Bruch, der nicht von außen erzwungen wird, sondern aus der inneren Logik des Glaubens selbst hervorgeht – paradigmatisch verdichtet in der Lektüre des Kohelet und im Schwindel der eigenen Kontingenz. Zugleich rückt die Darstellung ein jüdisches Leben ins Zentrum, das sich unter Bedingungen latenter Bedrohung organisiert: Praktiken des Sich-Verbergens, der „marranischen“ Unsichtbarkeit und der situativen Anpassung erscheinen als alltägliche Strategien in einer von Antisemitismus durchzogenen Umwelt. Die Besprechung arbeitet diese Spannung als konstitutiv heraus und liest Jüdischkeit nicht als stabile Identität, sondern als Bewegung, die sich gerade der Verfestigung ins Identitäre entzieht. Sie erscheint vielmehr als eine offene, selbstkritische Praxis, die – in ihrer talmudischen Struktur – die Mittel zu ihrer eigenen Infragestellung bereitstellt. Devers’ Übergang zur Philosophie erweist sich folglich nicht als Abkehr, sondern als Transformation: als Fortsetzung einer existenziellen Suche unter veränderten epistemischen Bedingungen, in der die „zerbrochenen Götzen“ des Glaubens in veränderter Form weiterwirken.
  • Zwei Blicke auf David Hockney: Catherine Cusset und Fabrice Gaignault
    Beide Bücher umkreisen David Hockney und treffen ihn doch von entgegengesetzten Seiten: Catherine Cussets "Vie de David Hockney" (Gallimard, 2018) erzählt als biografischer Roman das Leben des Malers von innen – von der Bradforder Kindheit, in der unter dem Pinsel des Vaters rostiges Metall leuchtend rot wird und "die Welt die Farbe wechselt", bis zur späten Meisterschaft –, getragen von freier indirekter Rede, die den Erzähler hinter der Figur verschwinden lässt und Hockneys Begehren, Trotz und Lebensfreude zur eigentlichen Substanz macht; Fabrice Gaignaults "Patrick Procktor, le secret de David Hockney" (Séguier, 2022) dagegen nähert sich ihm vom Rand, als essayistische Ermittlung über den vergessenen Freund, Rivalen und "Zwilling" Patrick Procktor, der einst voraus war und schließlich mittellos und vergessen starb, während Hockney zum teuersten lebenden Maler der Welt aufstieg. Die vorliegende Interpretation führt die beiden Bücher kontrastiv gegeneinander – durch Erzählhaltung, Figurenkonstruktion, das Verhältnis von Erfolg und Scheitern, die Darstellung von Schöpfung und Homosexualität, die Ekphrasis und schließlich die Tatsache, dass beide dieselben Schlüsselwerke besprechen, "A Bigger Splash" und "Portrait of an Artist". An diesen identischen Bildern lässt sich verfolgen, wie zwei unvereinbare Wahrheiten entstehen: die des Lebens, von innen erlebt, und die des Nachruhms, von außen vermessen. Mit der Frage, warum von zwei eng verwandten Begabungen die eine in den Auktionshimmel aufsteigt und die andere im Anonymen versinkt – und was es über das Schreiben selbst aussagt, wenn eine Apologie der Freude und eine Elegie des Vergessens auf denselben Maler blicken –, ist der Einsatz des Vergleichs umrissen.
  • Wenn die Kraft das Recht ablöst: Bruno Le Maire
    "Le temps d'une décision" (Gallimard, 2026) ist zugleich Memoir und weltpolitische Diagnose: Aus fünfundzwanzig Jahren in höchsten französischen Regierungsämtern destilliert Bruno Le Maire die beunruhigte Frage, wer in der Gegenwart von 2025/2026 überhaupt noch entscheidet – und beantwortet sie pessimistisch. Vom verweigerten Handschlag eines Bürgers in Chamonix bis zu den Verhandlungstischen mit Trump, Putin und Xi zeichnet er den Übergang von einer regelbasierten Ordnung, für die das Frankreich des Jahres 2003 mit seinem Veto gegen den Irakkrieg steht, zu einer Welt danach, in der „la force a remplacé le droit" und die Entscheidung aus Nationen und multilateralen Institutionen in die Hände von Autokraten, Tech-Oligarchen und Finanzgiganten abgewandert ist. Der vorliegende Artikel liest dieses Buch nicht allein als politische Streitschrift, sondern legt seine eigentliche Pointe in der Form frei: Le Maire behauptet seine These nicht, er inszeniert sie – durch novellistisch komponierte Szenen, mit dem Skalpell geschnittene Porträts und Leitsymbole wie die Starlink-Antenne über dem Dach seines Landhauses. Die Argumentation des Artikels verläuft in fünf einander durchdringenden Deutungsachsen, von der Anatomie des Entscheidungsverlusts über die Selbstrechtfertigung in der Schuldenfrage bis zum Weckruf an Europa, und mündet in eine zugespitzte These: Dass die literarische Form bei Le Maire selbst zur Antwort auf das diagnostizierte Problem wird – wo niemand mehr „wirklich" entscheidet, verspricht das Erzählen jene Kohärenz, die der Politik abhandengekommen ist. So erweist sich das viel beschworene „livre de vérité" als ein Werk, dessen Wahrheitsanspruch und fiktionale Mittel in einer produktiven, bewusst kalkulierten Spannung stehen.
  • Das Intime als politische Technik: Thesen zu Édouard Louis
    Dieser Artikel liest Édouard Louis' Werk als ein geschlossenes poetologisches Projekt und fragt danach, wie seine Texte die Grenzen zwischen autobiografischem Erzählen, soziologischer Analyse und politischer Intervention überschreiten. Ausgehend von den Begriffen der „Konfrontationsliteratur“ und des „Intimismus“, die Louis in seinem jüngsten Gesprächsband "Que faire de la littérature ?" (2025) entwickelt, werden zehn Deutungsansätze vorgestellt, die die formalen Verfahren, thematischen Konstanten und strategischen Verschiebungen seines Schreibens sichtbar machen. Im Zentrum steht die Frage, ob sich im Verlauf des Werks eine Reifung des Autors oder vielmehr eine Verfeinerung seiner literarischen Mittel beobachten lässt – und wie Louis mit seinen Texten nicht nur erzählen, sondern seine Leserinnen und Leser dazu zwingen will, das zu sehen, was sie allzu leicht verdrängen.
  • Vom Stigma zur Selbstermächtigung: Arabité bei Aïda Amara
    Aïda Amaras Roman "Avec ma tête d’arabe" erzählt die Geschichte einer jungen französisch-algerischen Journalistin, deren Identität durch die Pariser Terroranschläge vom 13. November 2015 erschüttert wird. Ausgehend von diesem traumatischen Ereignis entfaltet der Text eine vielschichtige Bewegung in die Familien- und Kolonialgeschichte, die von der Pariser Kindheit der Erzählerin bis in das Kabylien des algerischen Unabhängigkeitskriegs zurückreicht. Die Rezension zeigt, dass der Roman Identität nicht als stabile Gegebenheit, sondern als fragile und fortwährende Rekonstruktionsarbeit inszeniert: Das Trauma zerstört die bisherige Selbstgewissheit und zwingt die Erzählerin dazu, ihre Herkunft, ihre familiären Überlieferungen und ihre Stellung zwischen Frankreich und Algerien neu zu befragen. Im Mittelpunkt der Analyse stehen die raffinierte Verflechtung der drei Zeitebenen, die weibliche Genealogie des Widerstands, die Bedeutung von Sprache und Schlagfertigkeit als Formen der Selbstbehauptung sowie die Funktion des Humors als Strategie gegen Ohnmacht und Angst. So erscheint "Avec ma tête d’arabe" als ebenso persönlicher wie politischer Roman, der individuelle Verletzung mit postkolonialer Erinnerung verbindet und das Schreiben selbst als Akt der Wiedergewinnung eines vielstimmigen, widersprüchlichen und dennoch handlungsfähigen Selbst begreift.
  • Vom defekten Auge zur Poetik des genauen Blicks: Maylis de Kerangal
    Ausgehend von Maylis de Kerangals poetologischem Vortrag "La lentille et le roman" (Verdier, 2026), in dem die Autorin ihr defektes Auge – Schielen, Myopie, Hyperopie, kongenitaler Katarakt – zum Ausgangspunkt einer Theorie des Romans als optisches Instrument macht, untersucht der vorliegende Aufsatz das erzählerische Werk Kerangals auf die dort entwickelten und weitergeführten Sehpoetiken hin. Anhand von elf Texten – von "Sous la cendre" (2006) bis "Jour de ressac" (2024) – werden optische Metaphernfelder, semantische Felder des Visuellen sowie Szenen und Bilder des Sehens, Schauens, der Blindheit und der Unschärfe analysiert und in Bezug auf Kerangals zentrale Unterscheidung zwischen "voir" und "regarder", ihre Spinoza-Analogie des Linsenschleifens als handwerklicher Wahrheitssuche und ihr Schlussmodell der Fresnellinse als diskontinuierlicher, vielschichtiger Romanstruktur interpretiert. Der Aufsatz zeigt dabei, dass die im Manifest formulierte Poetik das Werk nicht eigentlich erklärt, vielmehr nachträglich konsolidiert: Die Romane sind uneindeutiger, politisch gefährlicher und emotional aufgewühlter als das Manifest eingesteht – sie zeigen Linsen als Machtinstrumente, Sehen als körperlichen Schmerz und Scheitern als produktive erzählerische Kraft –, und sie entwickeln mit der Synästhesie und der Ästhetik der Unschärfe Prinzipien, die über die optische Metapher des Manifests weit hinausreichen.
  • Im Niemandsland der Identität: Antoine Rault
    Antoine Raults "La Danse des vivants" (Albin Michel, 2016) folgt einem französischen Soldaten, der 1918 ohne Gedächtnis erwacht, mühelos Französisch, Deutsch und Russisch spricht und unter der Identität des gefallenen deutschen Leutnants Gustav Lerner vom französischen Geheimdienst nach Berlin und ins Baltikum geschleust wird; zwischen Lazarett, Freikorps-Krieg und der Liebe zur russischen Tänzerin Tamara montiert der Roman ein breites Panorama des deutsch-französischen Verhältnisses von 1918/19 – Zusammenbruch des Kaiserreichs, Versailles, Berliner Bürgerkrieg –, an dessen Ende der Held jede nationale Bindung aufkündigt und eine erfundene deutsche Zugehörigkeit wählt. Der Aufsatz liest den Text als "roman croisé" und entfaltet die Leitthese – Rault erzähle die Amnesie eines Einzelnen als Allegorie eines Kontinents, der sein altes Selbst verloren hat, und mache die nationale Differenz nicht zum aufzulösenden Konflikt, sondern zum produktiven, bedeutungsstiftenden Medium – in einer Argumentation, die von der hybriden Gattungssignatur über das dokumentarische Geschichtspanorama, die Erzählarchitektur des "Dazwischen" und die drei Maßstäbe des Deutsch-Französischen (diplomatisches Kräftespiel, sprachliches Verrätselungsdrama, elsässische Grenzexistenz) bis zur autopoetologischen und intertextuellen Selbstreflexion führt; sie belegt dies an konkreten Szenen, etwa am verräterischen "Maurice"/"Moritz", an dem die ganze Tarnung hängt, oder an Klaus Kühns empörter Rückfrage "Quel camp?" –, sodass das wiederkehrende Bild der Grenze, die "nicht zwischen den Figuren, sondern durch sie hindurch" verläuft, aus dem Material entwickelt wird, während die Deutung das produktive Offenhalten der Differenz bis in den bewusst ambivalenten Schluss hinein verfolgt.
  • Neukaledonien – versehrtes Epos und Empathie als Widerstand: Alice Zeniter
    Als "Frapper l'épopée" im August 2024 erschien, stand Neukaledonien in Flammen: Wenige Monate zuvor hatten Aufstände gegen eine in Paris durchgesetzte Wahlrechtsreform vierzehn Tote und Milliardenschäden gefordert. Alice Zeniters bereits 2023 abgeschlossener Roman trat damit in seiner "Vorkrisen-Fassung" mitten in eine brennende Aktualität ein, die er nicht hatte kennen können – ein Zusammenfall, der ihm eine fast prophetische Schwere verlieh. Das Buch erzählt die Heimkehr der jungen Caldoche Tass nach Nouméa, wo sie als Aushilfslehrerin ihrer ungeklärten Familienherkunft nachspürt, während eine kanak Aktivistengruppe um Un Ruisseau mit Aktionen einer "gewalttätigen Empathie" den Kolonisierenden die Erfahrung der Enteignung körperlich spürbar zu machen sucht; in einem phantastischen Sturz ins "Wasserloch" durchlebt Tass schließlich die koloniale Vorgeschichte ihres ins Bagno deportierten Vorfahren Arezki, ehe der Roman in der Gegenwart und einer kaum sichtbaren Schlussgeste – einem mit dem Finger gespurten Aktivistenkürzel – mündet. Der Aufsatz liest das Werk von seinem Titel her, das Verb "frapper" in seiner Doppelbedeutung (schlagen und prägen) als poetologisches Programm eines "versehrten Epos", das die heroische Kolonialerzählung zertrümmert und zugleich ein neues, vielstimmiges und antiheroisches Gedächtnis einschreibt. Erzählen soll hier nicht informieren, sondern sinnlich verunsichern. Flankiert wird diese werkimmanente Lektüre durch eine Einordnung neben Zeniters "L'Art de perdre", eine Auswertung der französischen Rezeption und eine Reflexion über die Verschiebung der Leseperspektive nach den Aufständen vom Mai 2024 – sodass die Besprechung das Buch zugleich als ästhetisches Wagnis und als politisch brisanten Gegenwartstext profiliert.
  • Wahlnacht vor dem Abgrund: Herrschaft, Droge und Autorschaft bei John Jefferson Selve
    John Jefferson Selves’ "La matière humaine" (Gallimard, 2026) spielt an einem einzigen Wochenende im Frankreich der nahen Zukunft, unmittelbar vor einer Präsidentschaftswahl, deren Ausgang längst festzustehen scheint. Über Paris liegt der erwartete Sieg der extremen Rechten wie ein düsteres Verhängnis: Die Hauptstadt erscheint als erschöpfte „Parodie der Parodie“, geprägt von sozialer Spaltung, kultureller Selbstbespiegelung und politischer Resignation. Vor diesem Hintergrund erzählt der Roman von drei entwurzelten Figuren, deren Schicksale durch den Tod eines kindlichen Drogenkuriers miteinander verbunden sind. Aus ihrer Perspektive entsteht das Bild eines Landes, in dem verdrängte Konflikte um Klasse, Rassismus, Kolonialgeschichte und staatliche Gewalt mit neuer Wucht an die Oberfläche drängen. Die Rezension liest "La matière humaine" als politische Diagnose eines Frankreichs, das dem Triumph der extremen Rechten nicht mit Widerstand, sondern mit Betäubung begegnet. Zentral ist dabei die These, dass die Droge im Roman weit mehr als ein Motiv darstellt: Sie tritt als erzählende und herrschende Instanz auf, die eine Gesellschaft beherrscht, deren politische Ohnmacht sich in chemische Anästhesie verwandelt hat. Die Wahlnacht bildet den Fluchtpunkt dieser Diagnose. Bemerkenswerterweise verweigert der Roman die Nennung des eigentlichen Wahlergebnisses und inszeniert es stattdessen als Geräusch, Jubel und kollektiven Rausch – als Symptom eines tieferliegenden gesellschaftlichen Zustands. Die Besprechung zeigt, wie Selve aus dieser Konstellation eine ebenso politische wie poetologische Reflexion entwickelt: Der Tod des Kindes und die Geburt der Schrift erscheinen als zwei Seiten derselben Bewegung, in der sich die Möglichkeit von Aufmerksamkeit gegen die Logik der Betäubung behauptet. So verbindet "La matière humaine" politische Endzeitvision, Gesellschaftskritik und Autorschaftserzählung zu einem Roman, der dem Verhängnis der Wahlnacht schließlich nur eine fragile, aber beharrliche Gegenfigur entgegenstellt: „L’espoir“.
  • Die Chinafahrt von Tel Quel: Ideologie, Eitelkeit und Projektion bei Jean Berthier
    Jean Berthiers Roman "Voyage tranquille au pays des horreurs" (Cherche Midi, 2026) rekonstruiert die historische China-Reise der Tel-Quel-Gruppe um Roland Barthes, Philippe Sollers, Julia Kristeva, Marcelin Pleynet und François Wahl im Frühjahr 1974. Vor dem Hintergrund der späten Kulturrevolution zeigt der Autor, wie die prominenten französischen Intellektuellen einem streng inszenierten Besichtigungsprogramm folgen und dabei weniger das maoistische China als ihre eigenen theoretischen, politischen und ästhetischen Obsessionen wahrnehmen. Bereits die komische Auftaktepisode um Jacques Lacan, der China durch die Kategorien seiner Psychoanalyse zu verstehen glaubt, ohne überhaupt dorthin zu reisen, führt das zentrale Motiv der Projektion ein. Zugleich dient die im Roman erzählte Affäre um Michelangelo Antonionis in China verfemten Dokumentarfilm als Kontrastfolie: Während der Regisseur versuchte, hinter die offizielle Inszenierung zu blicken, fügen sich die Reisenden bereitwillig in sie ein. Der Aufsatz argumentiert, dass Berthier daraus eine ebenso komische wie ernüchternde Satire auf die Blindheit der Intelligenz entwickelt: Semiologie, Psychoanalyse, Avantgardeästhetik und revolutionäre Hoffnung erscheinen nicht als Mittel der Erkenntnis, sondern als Filter, die den Blick auf Gewalt, Verfolgung und politische Realität verstellen. Im Zentrum steht die These, dass die Reisenden das fremde Land zu einer Projektionsfläche ihrer eigenen Wünsche machen und gerade deshalb an der Wirklichkeit vorbeisehen. Berthiers Roman wird dabei als ideengeschichtliche Fallstudie gelesen, die über den historischen Maoismus hinaus die Frage aufwirft, wie intellektuelle Gewissheiten Wahrnehmung verzerren und das Fremde in einen Spiegel des Eigenen verwandeln können.
  • Boualem Sansals „Le Village de l’Allemand“ zwischen Erinnerungskultur und postkolonialem Text
    Dieser Aufsatz ist ausdrücklich keine Besprechung von Sansals Gefängnisjournal "La Légende: libres méditations d'un prisonnier encombrant" (Grasset, 2026), und es soll kurz begründet werden, warum eine solche Besprechung vorerst an dieser Stelle unterbleibt. Das Buch ist ein autobiografischer Haftbericht, der sich selbst als "livre de combat" versteht und noch so dicht in tagesaktuelle Polemiken, Verlagskonflikte und Freund-Feind-Bilanzen verstrickt ist, dass sich seine literarische Eigengestalt kaum vom Lärm um ihn trennen lässt. Statt das Buch verfrüht zu zergliedern, nimmt der Text es zum Anlass, auf den älteren Roman "Le Village de l'Allemand" (Gallimard, 2008) zu verweisen – und vertagt so bis auf Weiteres eine interpretierende Auseinandersetzung mit "La Légende". Der Roman "Le Village de l'Allemand" ist ein „roman croisé", der das Dazwischen nicht nur thematisiert, sondern zum Schreibverfahren erhebt. Anhand der verschränkten Tagebücher der Brüder Schiller, der Isotopie des „village" über vier Todesräume hinweg, der Datumssymmetrie von Massaker und Suizid und der wandernden Lagermetaphorik zeigt er, wie der Roman drei Gedächtnisräume — Shoah, algerischer Bürgerkrieg, französische Banlieue — ineinanderfaltet und Schuld nie als feste Front, sondern als gestaffelt, übersetzbar und nie ganz entscheidbar denkt. Zwei Schlüsselstellen aus Rachels Tagebuch rahmen die Lektüre und werden zugleich zur nachdenklichen Kontrastfolie für "La Légende": Der Romancier, der die Differenz zwischen Bezeugen und Abrechnen einst literarisch durchdrungen hat, erinnert daran, wie fragil die Position des Gerechten bleibt.

Neue Proben

  • Herkunft, Begehren und Glaube: Monia Aljalis
    Monia Aljalis' Debütroman "L'Extase" (Seuil, 2024) schildert einen einzigen Tag im Leben Leylas, einer jungen Frau mit arabisch-muslimischen Wurzeln, die durch Paris streift, dem entfremdeten Berufsleben entflieht und sich zwischen Freunden, Liebhabern und Randfiguren bewegt – zerrissen zwischen traditioneller Familie und einer trotzigen Suche nach sinnlicher Freiheit, immer wieder eingeholt von religiöser Schuld, bis der Roman im morgendlichen Gebet der Mutter und dem Aufruf „Réveille-toi, Leyla" mündet. Die vorliegende Analyse erschließt den Text über fünf Zugänge – die Sakralisierung des Profanen, die Identität zwischen zwei kulturellen Modellen, den von Scham geprägten Bezug zum Körper, das Motiv des wiederkehrenden „Mahnrufs" und die hybride Form aus Prosa, Vers und Chat – und verdichtet diese Lektüre an einer Schlüsselszene in der arabischen Buchhandlung, in der Leylas sprachliche Heimatlosigkeit greifbar wird. […]
  • Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick
    Première poudrerie sur la Wagmüllerstrasse. La neige comme manteau de […]
  • Wenn man sagt, dass man nichts mehr sagen kann
    Alain Robbe-Grillet bei Emmanuelle Lambert Eine junge Frau kommt nach […]
  • Woher kommt also die Freude?
    Tanguy Viel publiziert 2024 bei Minuit ein Vivarium, also eine Anlage […]
  • Vergil und der Geruch des Großen Brandes
    C’est le 16 Juillet je scrute le Journal du Ciel. Je note le nom de […]
  • Sprache von Phrasen und leeren Wörtern befreien
    Paul eût préféré rester allongé jusqu’à ce que la faim l’emportât, […]
  • Diese kaum entworfenen Geschöpfe der Maler
    On les distingue à peine tant ils sont petits, au fond de cette […]

Rentrée littéraire

Lektüren und Texte mit Kurzauszügen in eigener Übersetzung von
Kai Nonnenmacher

Lesehinweise

  • Sohn der Toten: Asya DjoulaïtSohn der Toten: Asya Djoulaït
  • Zwischen Kunstinstallation und Nicht-Dystopie: Théo Cascianis radikale GegenwartsdiagnoseZwischen Kunstinstallation und Nicht-Dystopie: Théo Cascianis radikale Gegenwartsdiagnose
  • Neuer Raum, neuer Mensch: Agnès RivaNeuer Raum, neuer Mensch: Agnès Riva
  • Land der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina KhadraLand der Kinderkönige: Palästina zwischen Gewalt und Gnade bei Yasmina Khadra
  • Er ist es, der mich hält: Simon ChevrierEr ist es, der mich hält: Simon Chevrier

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