Der Beginn des Neuen Staats: Jérôme Leroy

La France est ce pays riche plein de pauvres.

Jérôme Leroy, La petite fasciste, Manufacture, 2025.

Frankreich ist dieses reiche Land voller armer Menschen.

La petite fasciste von Jérôme Leroy setzt sich mit der ideologischen Prägung, der sozialen Determination und der persönlichen Emanzipation der Protagonistin Francesca Crommelynck auseinander: Der Roman entwirft das Porträt einer jungen Frau, die in einem rechtsextremen Milieu aufwächst und sich zunächst mit dessen Ideologie identifiziert, bevor sie durch persönliche Erfahrungen und Verluste zunehmend in einen kritischen Reflexionsprozess gerät. Gewissermaßen kann La petite fasciste als Dekonstruktion extremistischer Denkmuster gelesen werden. Der Roman zeichnet ein düsteres Bild eines polarisierten Frankreichs, in dem soziale Spannungen, politische Radikalisierung und kulturelle Konflikte eskalieren. Leroy beschreibt eine Gesellschaft, die von latenter Gewalt und ideologischen Kämpfen geprägt ist. Damit reiht sich La petite fasciste in das literarische Werk des Autors ein, der in Werken wie Le Bloc ähnliche Themen behandelt. Insbesondere die Verstrickung zwischen Extremismus, Macht und persönlichem Schicksal ist ein wiederkehrendes Motiv. Gattungsmäßig bewegt sich der Roman zwischen politischem Roman, Coming-of-Age-Geschichte und sozialem Drama. Die Mischung aus realistischen Milieustudien und philosophischen Reflexionen verleiht dem Werk eine hybride Struktur, die typisch für Leroys Stil ist.

Der Roman beginnt mit einer düsteren Szene, die sofort eine Atmosphäre der Bedrohung etabliert. Der Auftragskiller Victor Serge betritt eine Villa in Fort-Mahon, wo er eine blutige Mission ausführen soll. Doch ein Irrtum führt zu einem Massaker, das die politischen Intrigen der Geschichte in Gang setzt. Parallel dazu wird die Jugend von Francesca Crommelynck rekonstruiert. Sie wächst in einem nationalistischen Umfeld auf, geprägt von ihrem Bruder Nils und ihrem Vater. Ihre ersten Begegnungen mit der extremen Rechten sind geprägt von Bewunderung für ihren Bruder, aber auch von unterschwelligen Zweifeln.

Die Wahl von Fort-Mahon als Schauplatz ist nicht zufällig: Die Stadt an der französischen Küste steht als Symbol für die fragile Grenze zwischen Ruhe und Chaos, zwischen Urlaubsidylle und gewaltsamer Realität. Die Hitze, die in der Szene beschrieben wird, verstärkt das Gefühl der Beklemmung und Unausweichlichkeit. Victor Serge wird als routinierter, aber zunehmend nervöser Auftragsmörder dargestellt. Er ist ein Pragmatiker, der seinen Beruf als eine nüchterne Notwendigkeit betrachtet. Doch in dieser Szene zeigen sich Risse in seiner professionellen Fassade: Er empfindet Unbehagen, spürt das Chaos in Frankreich und merkt, dass die Strukturen, auf die er sich verlassen hat, brüchig werden. Seine Pläne, nach Portugal zu fliehen, deuten darauf hin, dass er selbst nicht mehr an eine langfristige Zukunft in diesem Umfeld glaubt.

Die Szene nimmt eine drastische Wendung, als Victor Serge das falsche Haus betritt und sich in einer Partyszene voller junger Menschen wiederfindet. Dieser Moment ist ein stark inszenierter Kontrast: Statt auf einen hochrangigen Politiker oder Funktionär trifft Victor auf eine Gruppe feiernder Jugendlicher, die ahnungslos in den Tod taumeln. Die groteske und surreale Qualität dieser Szene erinnert an die Absurdität und Willkür politischer Gewalt, die Leroy im gesamten Roman thematisiert. Die Eröffnungsszene von La petite fasciste setzt zentrale Themen des Romans in Szene: die Unberechenbarkeit politischer Gewalt, die moralische Ambivalenz der Akteure und den Zerfall ideologischer Sicherheiten. Jérôme Leroy nutzt eine präzise, fast filmische Erzählweise, um eine Welt darzustellen, in der sich Gewalt verselbstständigt und ihre eigene Logik entwickelt. Durch die Verwechslung des Hauses und das daraus resultierende Massaker wird gezeigt, dass politische Intrigen unvorhersehbare Konsequenzen haben können, die weit über die Intentionen der Beteiligten hinausgehen.

Il tue ensuite une jeune femme aux cheveux très longs, qui s’est recroquevillée dans un coin en position fœtale, se noyant littéralement dans son abondance capillaire comme si cela pouvait la protéger. C’est Laura Saline, vingt-quatre ans, collègue d’Océane Bellanger à l’école primaire Marceau-Pivert de Rouen. Elle ne saura jamais que son roman, Les Fillettes contradictoires, qu’elle a envoyé au printemps dernier chez différents éditeurs, vient d’être accepté et qu’un mail qu’elle ne lira pas arrivera demain sur son smartphone.

Les Fillettes contradictoires, malgré leur aspect expérimental et leurs 1 200 pages, seront un immense succès de librairie, contemporain de l’effondrement de notre République. Il est difficile de comprendre les raisons de ce succès – un prix Goncourt posthume, une quarantaine de traductions, deux adaptations cinématographiques, une espagnole et une italienne, l’industrie cinématographique française s’étant retrouvée assez vite à l’arrêt après la chute de notre République.

Est-ce le destin tragique de l’autrice, victime fauchée dans ce que les chaînes infos appelleront « la tuerie de Fort-Mahon » et dont on devait découvrir assez vite qu’il s’agissait d’un dégât collatéral de l’affaire Bonneval, cette Laura Saline, surnaturellement belle, unanimement pleurée sauf par CNews qui s’interrogea sur la décadence de l’Éducation nationale composée de drogués partouzeurs qui n’étaient pas pour rien dans la nécessité de l’ordre nouveau qui succéda à notre République.

Est-ce parce que ce roman, pourtant difficile d’accès, parut au moment où tout s’effondrait autour de nous et que l’aspect lyrique et prophétique, pornographique et utopique des Fillettes contradictoires fit écho, malgré son abord ardu, à l’angoisse d’un peuple tout entier ? Ou que ce roman, assez lumineux malgré tout, fut le dernier témoignage de la beauté souveraine de la langue française et l’ultime témoignage d’un certain génie universel d’une nation dont on sait désormais ce qu’elle est devenue, et c’est d’ailleurs cette seconde hypothèse que privilégierait plutôt, au bout du compte, le narrateur.

Jérôme Leroy, La petite fasciste, Manufacture, 2025.

Anschließend tötet er eine junge Frau mit sehr langen Haaren, die sich in Fötusstellung in eine Ecke gekauert hat und buchstäblich in ihrer Haarfülle ertrinkt, als ob diese sie schützen könnte. Es ist Laura Saline, vierundzwanzig Jahre alt und Kollegin von Océane Bellanger an der Marceau-Pivert-Grundschule in Rouen. Sie wird nie erfahren, dass ihr Roman Die widersprüchlichen Mädchen, den sie im letzten Frühjahr an verschiedene Verlage geschickt hat, gerade angenommen wurde und dass morgen eine E-Mail auf ihrem Smartphone eintrifft, die sie nicht lesen wird.

Die widersprüchlichen Töchter werden trotz ihres experimentellen Aspekts und ihrer 1200 Seiten zu einem immensen Erfolg in den Buchhandlungen, zeitgleich mit dem Zusammenbruch unserer Republik. Es ist schwer, die Gründe für diesen Erfolg zu verstehen – ein posthumer Prix Goncourt, rund 40 Übersetzungen, zwei Verfilmungen, eine spanische und eine italienische, da die französische Filmindustrie nach dem Zusammenbruch unserer Republik relativ schnell zum Erliegen kam.

Ist es das tragische Schicksal der Autorin, die bei dem, was die Nachrichtensender als „Fort-Mahon-Mord“ bezeichneten und bei dem es sich, wie sich bald herausstellte, um einen Kollateralschaden der Bonneval-Affäre handelte, als Opfer niedergemäht wurde, diese Laura Saline? Übernatürlich schön, einstimmig betrauert, außer von CNews, das sich über die Dekadenz der nationalen Erziehung wunderte, die aus partouzeierenden Drogensüchtigen bestand, die nicht ganz unschuldig an der Notwendigkeit der neuen Ordnung waren, die auf unsere Republik folgte.

Liegt es daran, dass dieser Roman, obwohl er schwer zugänglich ist, zu einem Zeitpunkt erschien, als alles um uns herum zusammenbrach, und dass die lyrischen und prophetischen, pornografischen und utopischen Aspekte von Die widersprüchlichen Mädchen trotz ihres schwierigen Zugangs die Ängste eines ganzen Volkes widerspiegelten? Oder dass dieser trotz allem recht helle Roman das letzte Zeugnis der souveränen Schönheit der französischen Sprache und das letzte Zeugnis eines gewissen universellen Genies einer Nation war, von der wir heute wissen, was aus ihr geworden ist, wobei der Erzähler letztlich eher dieser zweiten Hypothese den Vorzug geben würde.

Ein zentrales Kapitel zeigt die Beziehung der Protagonistin zu Jugurtha Aït-Ahmed, einem jungen Mann mit kabylischen Wurzeln. Ihre Liebe wird zur Provokation in ihrem Umfeld. In einer poetischen Szene am Strand wird die Unschuld und das Glück dieser Liebe dargestellt – ein krasser Gegensatz zur späteren Tragödie, als Jugurtha Opfer eines Verbrechens wird. Im weiteren Verlauf des Romans wird Francesca zunehmend desillusioniert. Sie tritt aktiv in rechtsradikale Strukturen ein, beginnt jedoch, deren Gewalt und innere Widersprüche zu hinterfragen. Am Ende verlässt Francesca ihr Milieu, doch die Frage bleibt offen, ob sie sich je vollständig davon befreien kann.

Jugurtha Aït-Ahmed ist eine der zentralen Figuren in Jérôme Leroys La petite fasciste. Als Gegenfigur zur Protagonistin Francesca Crommelynck verkörpert er eine Weltanschauung, die sich fundamental von ihrem rechtsnationalistischen Umfeld unterscheidet. Seine kabylische Herkunft, seine kommunistische Erziehung und seine tragische Liebesgeschichte mit Francesca machen ihn zu einer vielschichtigen und symbolisch aufgeladenen Figur. Jugurtha wächst in einer kabylischen Familie in der nordfranzösischen Stadt Frise auf. Sein Vater ist Docker und aktives Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs. Schon früh wird Jugurtha mit sozialistischen und anti-rassistischen Ideen konfrontiert, die ihn prägen. Trotz seiner nordafrikanischen Wurzeln entspricht Jugurtha nicht den rassistischen Stereotypen, die Francescas Familie propagiert. Dies führt dazu, dass er zunächst nicht als Feindbild wahrgenommen wird – ein Umstand, der seine Beziehung zu Francesca ermöglicht. Jugurtha ist von Natur aus sanftmütig, reflektiert und idealistisch. Seine Weltanschauung unterscheidet sich stark von der von Francesca und ihrer Familie, doch er begegnet ihr nicht mit Hass, sondern mit Neugier und Zuneigung. Er glaubt an soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, was ihn in den Augen von Francescas rechtsradikalem Umfeld zu einem Feind macht.

Après leur baignade, Francesca et Jugurtha restaient ensuite étendus côte à côte, la main dans la main, au soleil qui brille plus souvent que l’on ne le dit sur la mer du Nord. Ils léchaient mutuellement les traces de sel sur leurs bras, leurs joues, leurs cuisses. Cela les faisait rire. C’était bon. On aurait dit une chanson de Jean Ferrat ou d’Isabelle Aubret.

Jugurtha était d’une famille kabyle et communiste. Son père travaillait comme docker sur le port de Frise. Mais son physique de blond aux yeux gris, au teint pâle, pouvait prêter à confusion. C’est pour cela que la petite fasciste laissa parler son cœur tout en tenant par ailleurs des propos d’un racisme décomplexé qu’elle entendait chez elle. On sait, n’est-ce pas, que les adolescents ont un art consommé de la dialectique quand il s’agit de satisfaire leurs désirs paradoxaux.

Ils faillirent être séparés par le système éducatif qui révèle chez nous, comme dans tous les autres domaines de la vie, une appartenance de classe.

Jugurtha Aït-Ahmed entra à onze ans au collège Valentina-Terechkova. L’établissement se trouve dans le quartier des Rouges-Barres, sur les hauteurs de Frise. Il vivait là avec ses parents et ses cinq frères et sœurs, dans une maison de briques au milieu de beaucoup d’autres maisons de briques avec potager et remise, sans compter des immeubles construits par Auguste Perret qui offraient une vue imprenable sur la mer. Cela faisait saliver des promoteurs qui auraient bien vu à la place des Rouges-Barres un complexe avec des hôtels de luxe et un golf, histoire de transformer Frise en ville touristique. On aurait même pu trouver un grand capitaliste pour y installer une fondation d’art contemporain qui aurait permis à Frise de trouver sa place dans les guides avec la mention « Vaut le voyage ». Les promoteurs tentaient depuis des années de corrompre sans succès le député Bonneval, par ailleurs 1er adjoint à la mairie de Frise pour éviter le cumul des mandats, mais qui contrôlait de fait la municipalité et la communauté urbaine dont il était président.

Chez Francesca Crommelynck, l’ambiance fami­­liale était plutôt néopaïenne que marxiste-léniniste. On fêtait Yule le 21 décembre, pour le solstice d’hiver, et on se réunissait à table autour d’une petite tour en terre cuite ajourée contenant une bougie. On préférait ça à la crèche du vilain dieu nazaréen qui avait coupé les couilles à la raison spartiate du monde grec et à la poésie sauvage des Vikings. Mais, pour sauver les apparences, on mettait quand même un sapin où, discrètement, quelques svastikas stylisés se mélangeaient aux boules et aux guirlandes. Pourtant, en sixième, Francesca Crommelynck dut de son côté aller à l’Institut Notre-Dame-des-Douleurs, le fleuron de l’enseignement privé catholique de Frise, surnommé familièrement par les habitants la Doule.

La Doule allait de la sixième au BTS, plus les classes prépas, notamment une hypokhâgne et une khâgne qui se vantent d’avoir plus d’admissibles à Normale Sup que le lycée Faidherbe de Lille, la capitale régionale, et même que le lycée Jean-Bart de Dunkerque, la sous-préfecture portuaire, vieille rivale de Frise.

Jérôme Leroy, La petite fasciste, Manufacture, 2025.

Nach dem Schwimmen lagen Francesca und Jugurtha anschließend Hand in Hand nebeneinander in der Sonne, die an der Nordsee öfter scheint, als man denkt. Sie leckten sich gegenseitig die Salzspuren von ihren Armen, Wangen und Schenkeln. Das brachte sie zum Lachen. Es war gut. Es klang wie ein Lied von Jean Ferrat oder Isabelle Aubret.

Jugurtha stammte aus einer kabylischen und kommunistischen Familie. Sein Vater arbeitete als Hafenarbeiter im Hafen von Frise. Sein Aussehen als blonder, grauäugiger Mann mit blassem Teint konnte jedoch zu Verwechslungen führen. Deshalb ließ die kleine Faschistin ihr Herz sprechen und äußerte sich ansonsten über den unverblümten Rassismus, den sie zu Hause hörte. Es ist doch bekannt, dass Jugendliche eine hohe Kunst der Dialektik besitzen, wenn es darum geht, ihre paradoxen Wünsche zu erfüllen.

Sie wurden beinahe durch das Bildungssystem getrennt, das bei uns, wie in allen anderen Lebensbereichen auch, eine Klassenzugehörigkeit offenbart.

Jugurtha Aït-Ahmed ging mit elf Jahren in die Valentina-Terechkova-Schule. Die Einrichtung befand sich im Stadtteil Rotbarsch auf den Anhöhen von Frise. Dort lebte er mit seinen Eltern und fünf Geschwistern in einem Backsteinhaus inmitten vieler anderer Backsteinhäuser mit Gemüsegarten und Schuppen, ganz zu schweigen von den von Auguste Perret errichteten Wohnblocks, die einen atemberaubenden Blick auf das Meer boten. Das ließ Bauunternehmern das Wasser im Munde zusammenlaufen, die anstelle der Roten Barren gerne einen Komplex mit Luxushotels und einem Golfplatz gesehen hätten, um Frise in eine Touristenstadt zu verwandeln. Vielleicht hätte sich sogar ein Großkapitalist gefunden, der dort eine Stiftung für zeitgenössische Kunst einrichten würde, die Frise in die Reiseführer mit dem Prädikat „Eine Reise wert“ gebracht hätte. Die Promotoren hatten jahrelang erfolglos versucht, den Abgeordneten Bonneval zu bestechen, der ansonsten der erste Stellvertreter des Bürgermeisters von Frise war, um eine Ämterhäufung zu vermeiden, de facto aber die Gemeinde und die Stadtgemeinschaft, deren Vorsitzender er war, kontrollierte.

Bei Francesca Crommelynck herrschte in der Familie eher eine neopagane als eine marxistisch-leninistische Atmosphäre. Man feierte das Julfest am 21. Dezember, zur Wintersonnenwende, und versammelte sich am Tisch um einen kleinen, durchbrochenen Terrakottaturm, in dem eine Kerze stand. Das war uns lieber als die Krippe des bösen Nazarener-Gottes, der der spartanischen Vernunft der griechischen Welt und der wilden Poesie der Wikinger die Eier abgeschnitten hatte. Um den Schein zu wahren, wurde aber trotzdem ein Baum aufgestellt, an dem sich unauffällig ein paar stilisierte Hakenkreuze mit Kugeln und Lametta mischten. In der sechsten Klasse musste Francesca Crommelynck jedoch das Institut Notre-Dame-des-Douleurs besuchen, das Flaggschiff der katholischen Privatschulen in Frise, das von den Einheimischen umgangssprachlich La Doule genannt wird..

La Doule führte von der sechsten Klasse bis zum Abitur, plus die Vorbereitungsklassen, insbesondere eine Hypokhâgne und eine Khâgne, 1 die sich rühmen, mehr Bewerber für die Normale Supérieure zu haben als das Lycée Faidherbe in Lille, der regionalen Hauptstadt, und sogar als das Lycée Jean-Bart in Dünkirchen, der Hafenstadt, der alten Rivalin von Frise.

Jugurthas Liebesbeziehung zu Francesca ist der emotionale Kern des Romans. Ihre Verbindung ist sowohl ein Ausdruck individueller Sehnsucht als auch eine symbolische Überschreitung ideologischer Grenzen. Während Francesca in einem Umfeld aufwächst, das Rassismus und Nationalismus propagiert, zeigt ihre Liebe zu Jugurtha, dass persönliche Erfahrungen stärker sein können als ideologische Dogmen.

Ein Angriff auf Jugurtha ist einer der zentralen Wendepunkte des Romans, nicht nur ein persönliches Drama für das Paar, sondern auch eine Metapher für die Zerstörung von Hoffnung und Versöhnung durch ideologische Gewalt. Jugurthas glaubte an Verständigung, was aber in einem Akt der rohen Gewalt erstickt wird. Sein Schicksal markiert Francescas ersten großen Verlust und leitet ihre spätere Desillusionierung ein. Jugurtha Aït-Ahmed ist eine tragische, aber kraftvolle Figur. Er steht für eine Alternative zur rassistischen und extremistischen Ideologie, die Francescas Umfeld prägt. Sein sanftmütiger Idealismus macht ihn zu einem Hoffnungsträger, doch er wird Opfer der Realität der gesellschaftlichen Spaltung und Gewalt, die der Roman thematisiert. Durch seine Liebe zu Francesca wird er zur Schlüsselfigur ihres inneren Konflikts und letztlich auch zu einem Symbol für das, was verloren geht, wenn Hass und Ideologie über Menschlichkeit triumphieren.

Der Roman verschränkt verschiedene Zeitebenen: Durch Rückblenden in die Kindheit und Jugend der Protagonistin werden die Mechanismen ihrer Radikalisierung sowie die familiären und gesellschaftlichen Einflüsse nach und nach freigelegt. Diese narrative Technik verdeutlicht nicht nur die Komplexität der Figurenpsychologie, sondern auch die Brüchigkeit der Identitätskonstruktionen. Die ideologische Prägung Francescas durch ihre Familie und ihr soziales Umfeld ist ein zentrales Thema des Romans. Ihr Bruder Nils und ihr Vater Eusebio sind tief in rechtsradikale Netzwerke verstrickt. Die Milieubeschreibung, insbesondere die Darstellung von Organisationen wie dem „Bloc Patriotique“ und den „Lions des Flandres“, zeugt von einer detaillierten Kenntnis neofaschistischer Strukturen und deren interner Dynamiken. Eine besondere Rolle spielt die Figur des Nils, der seine Schwester Francesca sowohl bewundert als auch instrumentalisiert. Er bezeichnet sie liebevoll als „kleine Faschistin“, ein Name, der ihre Identität prägt und ihr politische Zugehörigkeit suggeriert, lange bevor sie sich ihrer ideologischen Position bewusst ist. Doch während Nils als Figur der Verhärtung und des Fanatismus gezeichnet wird, ist Francesca eine ambivalente Gestalt, die sich zwischen familiärer Loyalität und intellektuellem Zweifel bewegt.

Der Schluss des Romans in La petite fasciste ist ein düsteres und symbolisches Bild für den Untergang einer Gesellschaft, die von politischen und sozialen Spannungen geprägt ist: Der Zusammenbruch der Republik wird durch eine Reihe von tragischen Ereignissen und politischen Umwälzungen ausgelöst, die das Land destabilisieren und den Aufstieg eines autoritären Staates ermöglichen. Verschiedene Gewalttaten sind nicht nur blutige Verbrechen, sondern auch Symptome einer tieferliegenden politischen Krise, die das Land in den Abgrund zu reißen droht. Die explodierende Gewalt und die politischen Morde führen zu einem radikalen Umbruch, bei dem die Demokratie nicht nur erschüttert, sondern nahezu aufgelöst wird. Die Entscheidung von Premierministerin Louise Michel, das Kriegsrecht zu verhängen und das Land unter autoritäre Kontrolle zu stellen, verdeutlicht den endgültigen Zerfall der politischen Ordnung. Der Beginn des „Neuen Staats“ und die gewaltsame Unterdrückung von Oppositionen durch die Regierung spiegeln den drastischen Wandel wider, der im gesamten Roman immer deutlicher wird. Es wird eine düstere Zukunft beschrieben, in der politische und gesellschaftliche Strukturen nicht mehr durch rationale Entscheidungen, sondern durch Gewalt und Machtansprüche dominiert werden.

À des milliers de kilomètres de là, apprenant la chute de notre République, Bonneval se souvient des Mémoires de Blum racontant l’arrivée de Pétain au pouvoir le 10 juillet 1940 : « Ainsi, pour se dégager du tourbillon, il n’aurait fallu qu’un moment de sang-froid, qu’un effort de réflexion. Mais on ne réfléchissait pas. On se laissait emporter, comme une foule en panique, par les courants collectifs d’épouvante et de lâcheté. »

Jérôme Leroy, La petite fasciste, Manufacture, 2025.

Tausende Kilometer entfernt, als Bonneval vom Untergang unserer Republik erfuhr, erinnerte er sich an Blums Memoiren, in denen er von Pétains Machtübernahme am 10. Juli 1940 berichtete: „Um sich aus dem Strudel zu befreien, hätte es also nur eines Augenblicks der Kaltblütigkeit, nur einer Anstrengung des Nachdenkens bedurft. Aber man dachte nicht nach. Man ließ sich wie eine panische Menge von den kollektiven Strömungen des Schreckens und der Feigheit mitreißen.“

Der letzte Teil des Textes, der Bonneval und seine Reflexion über die französische Geschichte und den Aufstieg des Faschismus behandelt, deutet auf die Hilflosigkeit einer Gesellschaft hin, die sich wiederholt in autoritäre Regime stürzt. Sein Rückblick auf Blums Memoiren und die Erinnerung an die Ereignisse von 1940, als Pétain die Macht übernahm, zeigt eine wiederkehrende Spirale von politischer Feigheit und der Unfähigkeit, sich dem Drang nach Macht zu widersetzen. Bonneval ist desillusioniert, als er sich mit der gegenwärtigen Lage in Frankreich auseinandersetzt und das Scheitern der Demokratie erkennt. Der Schluss von La petite fasciste spielt den gesellschaftlichen und politischen Zerfall Frankreichs und die fortwährende Bedrohung durch autoritäre und extremistische Kräfte durch.

Anmerkungen
  1. „Im Schuljargon ist Khâgne der spöttische Spitzname im 19. Jahrhundert von den Schülern, die sich auf die Militärschulen vorbereiteten. Der Begriff bezieht sich auf das zweite Jahr, das früher das einzige war, das es gab (offiziell „première supérieure“). Das erste Jahr (offiziell „lettres supérieures“), das sich zwischen die terminale und die première supérieure schob, wurde hypokhâgne (von griechisch hypo, „en dessous“) genannt.“ https://fr.wikipedia.org/wiki/Classe_préparatoire_littéraire.>>>

Neue Artikel und Besprechungen