Rimbaud-Fiktionen: Alain Blottière

Alain Blottières Roman Azur noir (Gallimard, 2020) lässt sich als „Rimbaud-Fiktion“ interpretieren, in der der Protagonist Léo eine obsessive und transformative Verbindung zum französischen Dichter Arthur Rimbaud eingeht. Rimbaud ist für Léo nicht bloß eine literarische Figur, sondern wird zu einem zentralen Element seiner persönlichen Erfahrung, seiner Wahrnehmung der Welt und seiner kreativen Entfaltung, insbesondere in einem apokalyptischen Szenario des „Endes der Welt“. Der Roman entfaltet eine reiche Intertextualität, die sich auf biographische Details, poetische Konzepte und thematische Parallelen erstreckt.

Rimbauds Präsenz als Katalysator und Zuflucht

Die Erzählung ist in einem Kontext eines Endes der Welt („fin du monde“) angesiedelt, geprägt von extremen Hitzewellen, Bränden, Überschwemmungen und Umweltkatastrophen. Léo empfindet diese Gegenwart als unerträglich, und die „Rimbaud-Fiktion“ wird zu seinem „ultime refuge“. Rimbauds Welt, so wie Léo sie in seinen Visionen wahrnimmt, ist ein „Paradies“ ohne die Schrecken der Gegenwart – ein Paris vor der Industrialisierung, voller Pferde, sauberer Luft und unberührter Natur. Das „Aube“ (Morgenröte) von Rimbaud, eine „désirable et belle“ (wünschenswerte und schöne) Morgenröte, symbolisiert diese Flucht in einen idealisierten Zustand. Léos sich verschlechternde Sehkraft ist direkt mit der „détestation du monde“ verbunden und dient als Mechanismus, das „brennende“ Jetzt auszublenden, um ein „altes, jugendliches“ Paris wiederzubeleben.

Die Grundlage für Léos Obsession bildet sein Einzug mit seiner Mutter in die Wohnung in der Rue Nicolet 14 in Montmartre, exakt jener Ort, wo Paul Verlaine und Arthur Rimbaud 150 Jahre zuvor zusammenlebten. Léo empfindet das Gebäude als „angenehm alt“ und als Hort von „Atomen der Zeit vor den Katastrophen“, die eine Tür zu einem „unendlichen Horizont der Hoffnung“ öffnen. Diese physische Verortung ermöglicht eine greifbare Verbindung zur Vergangenheit.

Die Entdeckung Rimbauds geschieht zunächst zufällig durch ein kleines, farbiges Mosaikporträt an einer Hauswand in der Rue Nicolet, das Léo sofort in seinen Bann zieht. Er erkennt Rimbaud an einem bekannten Foto und ist fasziniert von dessen „durchdringendem, aber zärtlichem“ Blick, der ihn direkt anspricht. Dieses Porträt wird für Léo zu einem „Talisman sacré“ oder einer „divinité protectrice“. Eine spätere Internetrecherche bestätigt, dass Rimbaud, Verlaine und Mathilde tatsächlich in dem Haus gewohnt hatten, was Léos „Ahnung“ bestätigt und seine Faszination verstärkt.

Léos zunehmende Sehstörung, die sich als „voiles noirs“ (schwarze Schleier) äußert und ihn zeitweise erblinden lässt, fällt in einen „canicule“-Sommer (Hitzewelle). In dieser „demi-obscurité“ (Halbdunkel) findet er jedoch Trost und eine neue Art des Sehens. Er betrachtet Rimbaud als seinen „chien d’aveugle dans des paysages de rêve, des mondes illuminés qu’ils soient perdus ou imaginés“. Die Idee des „voyant“ (Sehers) – ein Konzept, das Rimbaud selbst durch die „dérèglement de tous les sens“ (Störung aller Sinne) verfolgte – wird für Léo zentral. Er glaubt, dass seine eigene Erblindung ihn dazu befähigt, die Welt auf eine tiefere, unsichtbare Weise zu „sehen“ und die Vergangenheit lebendig werden zu lassen. Der Arzt Dr. Lalumière bestätigt indirekt die Möglichkeit einer „hysterischen Blindheit“, die durch das Nicht-sehen-Wollen der Welt hervorgerufen wird, und Printz untermauert Léos Ansicht, dass seine Blindheit ihm ein besseres, über Zeit und Raum hinausgehendes Sehen ermöglicht.

Léos Imaginations- und Identifikationsprozess

Léo taucht in Rimbauds Leben und Werk ein, liest die Œuvre vie von Alain Borer, die Werk und Leben Rimbauds chronologisch vereint. Diese intertextuelle Verknüpfung ermöglicht Léo, detaillierte Szenen zu imaginieren, die sich in seiner Wohnung oder in den Straßen von Paris abspielen. Er „sieht“ Rimbauds Ankunft in Paris, das erste Treffen mit Verlaine und Mathilde in der Wohnung, die gemeinsamen Tage und Nächte, und besonders die sexuellen Begegnungen zwischen den beiden Dichtern. Diese Imaginationen sind für Léo so lebendig, dass sie realer wirken als seine Gegenwart.

Ein entscheidender Aspekt der Identifikation ist die gemeinsame Fähigkeit der Synästhesie. Léo empfindet eine tiefe Brüderlichkeit mit Rimbaud, da er wie dieser Farben bei Vokalen sieht: A ist schwarz, E ist weiß, U ist grün, I ist gelb und O ist braun. Dies korrespondiert mit Rimbauds berühmtem Sonett „Voyelles“. Für Léo ist dies keine „Glaubensfrage“, sondern eine „Évidence“ (Offensichtlichkeit), die sie verbindet und andere Professoren, die dies nicht sehen, als „blinder als er“ erscheinen lässt.

Léo identifiziert sich auch physisch mit Rimbaud. Er bemerkt Ähnlichkeiten in ihrem Alter, ihrem zerzausten Haar und ihren blauen Augen. Er beginnt sogar, Rimbauds Verhalten zu imitieren, wie das Ablegen von Kleidung in der Öffentlichkeit, was er als „érotique euphorie de l’exhibition des aveugles“ (erotische Euphorie der Exhibition der Blinden) interpretiert. Der Wunsch, sich „Rimb“ (Rimbauds Spitzname) unter das Auge tätowieren zu lassen, ist ein direkter Akt der Identifikation und Selbstdarstellung, ein „sacrification rituelle“ und „offrande“, die seine dauerhafte Verbindung zum Dichter symbolisiert. Die Heilung der Wunde lässt das Tattoo zu einer „Marke im glühenden Eisen“ werden, die Léo als Zeichen der Überlebenden imaginiert, die der Apokalypse trotzen.

Rimbaud wird zudem zur Quelle von Léos eigener dichterischer Energie. Léo beginnt, Gedichte zu schreiben, zunächst in klassischen Alexandrinern, dann in freien Versen und Prosa, inspiriert von Rimbauds Entwicklung. Er schickt seine Gedichte an Alain Borer, einen Rimbaud-Spezialisten, in der Hoffnung auf Anerkennung, ähnlich wie Rimbaud seine Werke an Verlaine sandte.

Rimbauds Charakterzüge in Léos Fiktion

Léo stellt Rimbaud oft als den „petit démon sans père“ (kleinen Dämon ohne Vater), einen „voyou“ (Raufbold) und den „diable“ (Teufel) dar, der durch seine wilde Energie, seine Provokationen und seine Missachtung bürgerlicher Konventionen beeindruckt. Léo bewundert Rimbauds „bravoure“ bei seinen Fluchten, Diebstählen und seinem Widerstand gegen Leid.

Trotz der „teuflischen“ Züge betont Léo auch Rimbauds Tiefe und Zärtlichkeit, die in seinen Augen zu sehen ist. Er imaginiert Rimbauds Verletzlichkeit, insbesondere im Kontext seiner schwierigen Beziehung zu seiner Mutter und der Abwesenheit seines Vaters. Verlaines Liebe zu Rimbaud wird für Léo durch einen „élan de compassion“ (Impuls des Mitgefühls) für diese verletzliche Seite verstärkt.

Die Darstellung von Rimbauds sexueller Freiheit und Bisexualität ist ebenfalls zentral. Léo imaginiert Rimbauds Experimentierfreude, sei es in der Beziehung zu Verlaine oder in den Erfahrungen im Château-Rouge mit Prostituierten beiderlei Geschlechts. Dies beeinflusst Léos eigene sexuelle Erforschung und seine Offenheit für gleichgeschlechtliche Beziehungen, die er als Teil seiner Rimbaud-Erfahrung sieht, indem er sich „dans les pas de Rimbaud“ bewegt.

Literatur bei Rimbaud und Intertextualität

Alain Blottières Roman ist auf mehreren Ebenen intertextuell mit Rimbaud verbunden:

Biographische Referenzen

Der Roman basiert stark auf biographischen Details Rimbauds. Léos Wohnung in der Rue Nicolet, die detaillierten Beschreibungen von Rimbauds Ankunft in Paris, seiner Aufenthalte bei Verlaine, Charles Cros, Théodore de Banville und in der Rue Campagne-Première mit Forain sind präzise biographische Rekonstruktionen, die Léo in seiner Vorstellung lebendig werden lässt. Auch Ereignisse wie das Abendessen der „Vilains Bonshommes“ und der Vorfall mit Carjat werden detailreich nacherzählt.

Literarische Intertextualität

Rimbauds Werk und seine literarischen Konzepte durchdringen Léos Wahrnehmung: Rimbauds Sonett „Voyelles“ ist der zentrale Text für Léos Identifikation durch Synästhesie. Léo sieht die Farben der Vokale ähnlich wie Rimbaud, was für ihn eine „Évidence“ (Offensichtlichkeit) ist, die ihn mit dem Dichter verbindet. Léos Blindheit wird direkt mit Rimbauds Konzept des „Voyant“ verbunden, der durch die „Störung aller Sinne“ („dérèglement de tous les sens“) zu einer höheren, unsichtbaren Wahrheit gelangen soll. Léo sieht seine Erblindung nicht als Mangel, sondern als eine Tür zu visionären Erfahrungen.

Léos eigene Entwicklung als Dichter spiegelt Rimbauds Weg wider. Er beginnt mit klassischen Alexandrinern und wechselt dann zu freien Versen und Prosa, analog zu Rimbauds Abwendung von traditionellen Formen. Die Kritik Alain Borers an Léos „parnassiennes“ Reimen als „datiert“ und „1860 markiert“ und die Beschreibung von Rimbauds Werdegang als eine Abkehr von traditionellen Formen unterstreichen diese literaturgeschichtliche Dimension.

Borers Verwendung des philosophischen Begriffs „noème“ für Léos Poesie, der einen spezifischen, tiefen „Sinn“ der Poesie jenseits der Form bezeichnet, ist das höchste Lob und eine Ermutigung für Léo, weiterzuschreiben, mit der Botschaft „Pas de Harar pour vous!“. Dies bezieht sich auf Rimbauds spätere, nicht-poetische Kaufmannstätigkeit in Harar und impliziert, dass Léos dichterische Berufung lebendig bleiben soll.

Rimbauds revolutionäre Sprache, die Verlaine „zu krass“ fand, aber auch seine „gewaltsame Pracht“ und sein „démon sans père“, werden als Quelle seiner unverstandenen Energie und Genialität dargestellt. Die Episode beim Abendessen der „Vilains Bonshommes“, wo Rimbaud die steifen Verse der anderen Dichter mit „merde!“ kommentiert und Carjat mit einem Degen verletzt, zeigt seine Verachtung für das literarische Establishment und seine radikale Haltung. Léo identifiziert sich mit dieser Wut und der Ablehnung des „kleinen Paris der Literatur“.

Rimbauds und Léos Sexualität

Die sexuelle Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine ist ein explizites und zentrales Thema in Léos Rimbaud-Fiktion. Léo imaginiert detailliert die intimen Momente der beiden Dichter, insbesondere deren erste sexuelle Begegnung in seiner eigenen Wohnung. Diese imaginierte Beziehung ist für Léo nicht nur eine historische Rekonstruktion, sondern ein Spiegel und Katalysator für seine eigene sexuelle Entwicklung.

Léos eigene sexuelle Erlebnisse sind eng mit seinen Rimbaud-Visionen verknüpft. Er reflektiert über seine sexuelle Unerfahrenheit und die Erwartungen, die er an „Liebe“ hat. Die Begegnungen mit Julie, einer wesentlich älteren Frau, werden als erste „wahre“ sexuelle Erfahrungen beschrieben, die Léo als eine Art „Manöver“ oder „Manipulation“ erlebt, die ihn jedoch stolz macht und gleichzeitig seine Bereitschaft zeigt, sich auf unkonventionelle Beziehungen einzulassen.

Die imaginierte Beziehung zwischen Rimbaud und Verlaine, einschließlich der expliziten Darstellung ihrer Zärtlichkeiten und sexuellen Handlungen, öffnet Léo für die Möglichkeit gleichgeschlechtlicher Beziehungen. Als sein Lehrer Bennati ihm Avancen macht, ist Léo zwar zunächst überrascht, aber „tout à fait prêt à essayer ce qu’a priori il ne désirait pas vraiment“ und sieht dies als „dans les pas de Rimbaud“, der „offen für alle Winde aller Meere, für alle Umwege, für alle Störungen als Initiationen und Abenteuer“ war. Die Risiken, die Bennati eingeht („il risquait gros à faire l’amour avec lui“) und die Erinnerung an Verlaines Inhaftierung nach dem Schuss auf Rimbaud, zeigen, dass das Thema Homosexualität auch heute noch mit Gefahren und gesellschaftlicher Verurteilung verbunden sein kann, auch wenn es sich um ein Jahrhundert und mehr handelt.

Die Idee des „Rimb“-Tattoos, inspiriert durch den Rapper XXXTentacion, dessen Tattoo „Numb“ und dessen offenherzige Haltung als „gay-friendly“ beschrieben wird, verstärkt die Verbindung zwischen Léos Identifikation mit Rimbaud und der Akzeptanz und Feier nicht-heteronormativer Sexualität. Die Darstellung der Homosexualität ist somit nicht nur ein biographisches Detail, sondern ein integraler Bestandteil von Léos Selbstfindung, seiner sexuellen Befreiung und seiner Rebellion gegen gesellschaftliche Normen, die er – angeleitet von Rimbaud – durchbricht.

Dem schwarzen Azur entgegen

Der Roman endet mit Léos letztem Gang durch ein dem Untergang geweihtes Paris und seiner finalen Immersion in die „Rimbaud-Fiktion“, die im Titelmotiv des „Azur noir“ kulminiert. Dieser Begriff, der im Titel des Romans vorkommt, fasst Léos paradoxe Seherfahrung zusammen. Der „Azur“ steht für den klaren, reinen Himmel von Rimbauds Zeit, ein Symbol für Reinheit und Schönheit. Das „noir“ (Schwarz) repräsentiert Léos Blindheit und die apokalyptische Realität der „fin du monde“. Es ist eine Vision von Schönheit, die aus der Dunkelheit geboren wird, eine innere, leuchtende Welt, die sich aus der äußeren Zerstörung speist.

Léo lässt sein Handy und seine Schlüssel zurück, nimmt nur einen alten Audio-Player mit Musik von XXXTentacion (insbesondere „Train food“) und tunesischen Datteln mit. Dieser Akt der Entsagung spiegelt Rimbauds rastlose Wanderungen und seine Abkehr von materiellen Besitz wider. Léo tritt Rimbauds Weg vom Ankunftstag in Paris in umgekehrter Richtung an, aber nicht in ein blühendes Paris, sondern in eine verlassene, sterbende Stadt, die von einem gelben Staubsturm bedeckt ist.

Léo trifft auf einen nackten, ausgemergelten Obdachlosen, der ihn um Wasser bittet und behauptet, es sei „der letzte Tag“ und Léo sei „Jesus“. Diese Begegnung ist ein starkes Symbol für die universelle menschliche Not in der Apokalypse und die verzweifelte Suche nach Verbindung und Mitgefühl. Die Worte des Obdachlosen, dass man „alle Menschen küssen muss, denen man begegnet“, unterstreichen die existenzielle Dringlichkeit von Zuneigung in Angesicht des Endes.

Léo „sieht“ Rimbauds historische Abfahrt vom Gare de l’Est. Doch anstatt sich von dieser Vision zu trennen, setzt Léo seinen eigenen Weg fort, „toujours aveugle sur la voie du dernier train, marchait vers l’azur noir“. Dies bedeutet, dass er sich vollständig in seine innere, von Rimbaud inspirierte Welt begibt. Seine Blindheit ist hier nicht das Ende, sondern die ultimative Form des Sehens, ein Schutzschild gegen die brennende Welt. Léo wird selbst zum „Voyant“, dessen inneres Licht die äußere Dunkelheit durchdringt.

Der Roman endet nicht mit Verzweiflung, sondern mit einer Transformation. Léo wird zu einem lebenden Denkmal Rimbauds, der die Gewalt und das Leid der Gegenwart durch seine imaginierte Verbindung zum Dichter überwindet. Das Azur noir ist somit das Ziel seiner Reise – ein Ort, wo seine innere Vision das äußere Chaos ersetzt und er in einer einzigartigen Form der Existenz weiterlebt. Der Roman schließt mit einer melancholischen, aber auch hoffnungsvollen Note, dass in dieser neuen, inneren Realität das Erbe des Genies weiterlebt, selbst wenn die Welt in Flammen steht.


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