Die Welt vervollständigen: Alice Zeniter

„Tout pouvoir est pouvoir de mise en récit.“ (Patrick Boucheron)

„Ce que je cherche, sans doute, depuis le début, en tant que lectrice et en tant qu’écrivaine, ce sont des récits qui me permettent d’entrer en relation avec des êtres qui me sont inconnus et me deviendront proches, tout comme des récits qui leur permettent – à l’intérieur de la fiction – des relations riches, complexes et fragiles.“ (Alice Zeniter) 1

Alice Zeniters Werk Toute une moitié du monde (Flammarion, 2022, deutsch: Eine ganze Hälfte der Welt, aus dem Französischen von Yvonne Eglinger, Berlin-Verlag, 2025) ist eine stimulierende Reflexion über die Fiktion, die sich aus ihren persönlichen Erfahrungen als Leserin und Autorin speist und eine umfassende Revision unserer Art, Geschichten zu lesen und zu erzählen, anregt. Das vorliegende Buch versteht sich explizit nicht als streng wissenschaftlicher Essay, sondern vielmehr als eine gedankliche Exkursion oder eine meditative Reflexion, die persönliche Reflexionen, literaturtheoretische Überlegungen und gesellschaftliche Kritik frei miteinander verknüpft. Zeniter lädt dazu ein, die Fenster der Fiktion weit zu öffnen und eine bislang verborgene oder verzerrte Hälfte der Welt zu entdecken. Der folgende Text diskutiert Zeniters zentrale Kritikpunkte am literarischen Kanon und Verlagswesen, ihre Forderungen an eine neue, pluralistische Poetik sowie die strukturellen Merkmale ihres eigenen Buches, um nach einer Lektüre des Vorworts zur deutschen Ausgabe abschließend eine Gesamtbewertung ihres Beitrags vorzunehmen. Dabei wird die Analyse um ausgewählte historische und poetologische Kontexte erweitert, die Zeniters literarische Intervention in ein größeres Theorie- und Diskursfeld einbetten.

Alice Zeniter, Toute une moitié du monde, entretien avec Sylvie Hazebroucq, 2022.

Kritik an männlich dominierten Erzählmodellen und am Literaturbetrieb

Zeniters Analyse beginnt mit einer fundamentalen Infragestellung der Vorherrschaft männlicher und heroischer Erzählmodelle. Diese führen im literarischen und filmischen Kanon oft zu einer unzureichenden oder verzerrten Darstellung weiblicher Existenzen. Sie bemängelt das signifikante Defizit an vielschichtigen, handlungsfähigen und begehrenswerten Frauenfiguren, mit denen sich Leserinnen identifizieren könnten. Der sogenannte corpus canonique, jene Bücher, die von Eltern, Lehrkräften und Kulturschaffenden als Grundpfeiler des kulturellen Erbes vermittelt werden, präsentiert Frauen zumeist als passive Objekte, Leidensgestalten oder Figuren zweiter Ordnung. Zeniter beschreibt, wie sie sich als Kind notgedrungen mit männlichen Figuren wie Bastien Balthazar Bux oder d’Artagnan identifizieren musste, da die weiblichen Figuren in ihrem Lesestoff oft Gefangene, Eingeschlossene oder Opfer waren – Zustände, die ihrer eigenen kindlichen Ohnmacht ähnelten. Die Autorin verdeutlicht dieses Defizit eindrücklich mit dem Bechdel-Test, der die unzureichende Präsenz und Qualität weiblicher Dialoge in fiktionalen Werken aufzeigt, und dem noch lapidareren Lampentest von Kelly Sue DeConnick, der fragt, ob eine weibliche Figur durch eine Lampe ersetzt werden könnte, ohne dass sich die Geschichte ändert. Diese kritische Analyse kann im Sinne einer strukturellen Gendernarratologie gelesen werden, wie sie etwa Susan S. Lanser oder Robyn Warhol fordern, die dafür plädieren, die Kategorien von Handlung, Konflikt, Subjektwerdung und Perspektivität systematisch im Hinblick auf Geschlechterkonstruktionen zu dekonstruieren. Zeniter setzt diesen theoretischen Ansatz exemplarisch literarisch um.

Ein zentrales Problem, das Zeniter untersucht, ist die patriarchale Prägung von Narrativ und Plot. Etablierte Definitionen von Geschichte und Intrige basieren demnach auf der intentionalen Handlung von Protagonisten. Dies vernachlässigt jedoch die historisch oft un-erzählten (nonstoried) Erfahrungen von Frauen, denen es an Agentivität, also Handlungsfähigkeit, mangelte. Kathryn Rabuzzi konstatiert, dass Frauen sich historisch betrachtet zumeist auf die häusliche Sphäre beschränkt haben und daher überwiegend Erfahrungen gesammelt haben, die sich nur schwer in traditionelle narrative Formen integrieren lassen. Diese These steht in enger Verbindung mit der Diskussion über „weibliches Schreiben“ (écriture féminine) bei Hélène Cixous oder Julia Kristeva, die gerade das Fragmentarische, Zyklische oder Nicht-Lineare als weibliche Schreibweisen affirmieren. Zeniters Werk kann in diesem Sinne auch als spätes Echo dieser Debatte gelesen werden.

Die von Zeniter reflektierte Lesebiografie kann in Analogie zur Autosoziobiografie bei Annie Ernaux gelesen werden. Beide Autorinnen nutzen autobiografische Elemente nicht als narzisstische Selbstbespiegelung, sondern als exemplarische Zeitdiagnose. In der Art, wie Zeniter sich mit ihrer Lektüregeschichte und ihrer literarischen Sozialisation auseinandersetzt, wird eine ähnliche Ethik der Aufrichtigkeit und Selbstauskunft sichtbar, wie sie für Ernaux kennzeichnend ist. Darüber hinaus rückt Zeniter in ihrer Kritik an traditionellen Figurenmodellen auch die Frage nach Intersektionalität in den Vordergrund: Welche Rolle spielt etwa die Herkunft, die Hautfarbe oder die Klassenzugehörigkeit bei der Repräsentation weiblicher Charaktere? In Anlehnung an Kimberlé Crenshaws Konzept macht Zeniter deutlich, dass marginalisierte Perspektiven nicht einfach durch neue Figuren eingeführt werden können, solange die Struktur der Erzahlung selbst unberührt bleibt. Die „Figur“ Janie aus Zora Neale Hurstons Roman Their Eyes Were Watching God dient in diesem Zusammenhang als paradigmatisches Beispiel für die Möglichkeit eines schwarzen weiblichen Begehrens jenseits kolonialer oder patriarchaler Raster.

Struktur und Stil

Zeniters Publikation ist, wie dargelegt, kein streng wissenschaftlicher Essay. Die Konzeption des Werks als eine Art Spaziergang oder Träumerei ermöglicht der Autorin eine freie Verknüpfung von persönlichen Reflexionen, literaturtheoretischen Überlegungen und gesellschaftlicher Kritik. Die Publikation eröffnet mit einer introspektiven Einleitung, in welcher Zeniter ihre Motivation zum Schreiben während der Pandemie beleuchtet und Parallelen zwischen ihrer eigenen literarischen Sozialisation und der gegenwärtigen Situation zieht. Hierbei fokussiert sie insbesondere auf die anfängliche Suche nach heroischen, männlich geprägten Erzählungen, welche ihr in ihrer Kindheit Orientierung boten. Ausgehend von dieser Annahme entfalten sich thematische Kapitel, deren Titel wie „Une moitié du monde“, „Être autrice“ oder „La forme et le chaos“ auf die Kernfragen des Werks verweisen. Die Struktur des Werkes zeichnet sich durch eine fließende Erzählweise aus, die durch zahlreiche didaktische Elemente und persönliche Anekdoten geprägt ist. Diese Elemente tragen zur Lesbarkeit und zum humorvollen Ton des Buches bei.

Ein signifikantes Merkmal des Werkes ist dessen intensive Intertextualität. Zeniter setzt ihre eigenen Erfahrungen kontinuierlich in einen Dialog mit den Werken und Ideen anderer Autorinnen und Autoren, Philosophinnen, Filmregisseurinnen und -regisseuren sowie Kritikerinnen. Das Korpus des Buches ist außerordentlich breit gefächert und reicht von kanonischen literarischen Werken bis zu zeitgenössischen Filmen, Serien und Podcasts. Im Rahmen der vorliegenden Diskussion werden Autoren wie Michael Ende, Dumas, Victor Hugo, Zola, Flaubert, Jane Austen, Toni Morrison, Zora Neale Hurston, Virginia Woolf, Umberto Eco, Roland Barthes, Alain Robbe-Grillet, David Foster Wallace, Amitav Ghosh und viele andere erörtert. Es erfolgt eine ausführliche Analyse von Filmen, Serien und Comics, darunter „Game of Thrones“, „Millénium“, „Avatar“ und „Six Feet Under“. Dieser vielseitige Quellenteppich unterstreicht Zeniters Argument, dass die Fiktion ein weites Feld ist, das ständig neu erkundet und erweitert werden muss, um der Komplexität der Welt gerecht zu werden. Die Vielfalt der genannten Referenzen wirkt dabei nicht beliebig oder eklektisch, sondern folgt einer kritischen Logik der Bezugnahme: Jeder Text, jedes Beispiel wird als Baustein einer übergeordneten Reflexion über Macht, Repräsentation und Teilhabe verwendet.

Vorwortanalyse und Schlussbetrachtung

In der Schlussfolgerung von Zeniters Buches werden die zu Beginn aufgegriffenen Themen der Fragmentierung sowie der Suche nach einem Sinn aufgegriffen. Zudem wird die Vorstellung einer fertigen Erzählung oder eines fertigen Lebensweges hinterfragt. Zeniter betont die Künstlichkeit literarischer Enden und die Kontinuität des Lebens, indem sie die Konventionen von Romanenden kritisiert, die oft eine falsche Vorstellung von einem glücklichen Leben auf einem Plateau vermitteln. Es lässt sich feststellen, dass sie eine Präferenz für offene Enden hat, die die Künstlichkeit der erzählten Periode offenbaren. Ein Beispiel hierfür ist das Finale von Six Feet Under. Zeniter verwendet damit nicht nur offene Formen, sondern reflektiert die Bedingungen narrativer Formgebung selbst: Sie entwirft eine Poetik des Unabgeschlossenen, in der das Erzählen als permanenter Akt des In-Beziehung-Tretens erscheint.

Maison de la poésie, rencontre animée par Elisabeth Philippe.

Im deutschen Vorwort würdigt Helene Hegemann Zeniters Literaturkonzeption. Sie beschreibt die Sprache und das Denken der Autorin als „klar und schön und im wildesten Sinne emanzipiert“. Diese Charakterisierung vereint literarische Qualität mit einem radikalen Selbstbehauptungsanspruch, der gesellschaftliche Normen in Frage stellt. Zeniters Romane basieren laut Hegemann auf dem Bestreben, die Gesellschaft mit den viel zu leicht verdrängten, zu schmerzhaften, zu widersprüchlichen Geschichten ihrer kolonialen Vergangenheit zu konfrontieren. Die Literatur fungiert somit nicht nur als Medium des Erinnerns, sondern auch als Instanz der politischen Auseinandersetzung mit struktureller Marginalisierung, Traumatisierung und hegemonialen Erzählformen. Diese literarische Strategie zielt laut Hegemann auf die „Einreißung“ der traditionellen Erzählung ab, um ein „umfassenderes, wahrhaftiges Verständnis“ von Identität zu ermöglichen. Zeniters Buch wird damit nicht nur als Gegenmodell zur klassischen Narration lesbar, sondern als politisch-performative Handlung im Raum der Öffentlichkeit. Es formuliert nicht nur Kritik, sondern entwirft ein Modell verantwortungsvollen, ethisch fundierten Erzählens.

Eine ganze Hälfte der Welt, aus dem Französischen von Yvonne Eglinger, Berlin-Verlag, 2025.

In dieser Zuspitzung manifestiert sich ein zentrales Motiv: Zeniters Buch wird als ein subversiver, feministisch-postkolonialer Angriff auf konventionelle Narrative interpretiert – nicht als theoretische Abhandlung, sondern als literarischer Essay, als poetologische Reflexion und als lesebiografischer Erfahrungsbericht. Hegemann offeriert eine Vielzahl potenzieller Lektüreeinstellungen: „Es besteht die Möglichkeit, dieses Buch als weibliche Kritik des Erzählens zu klassifizieren. Die vorliegende Abhandlung kann als literaturwissenschaftlicher Essay klassifiziert werden. Das Buch kann als eine Form der selbsttherapeutischen Arbeit betrachtet werden […].“

Diese Offenheit der Beschreibung verweist auf eine ästhetische Strategie Zeniters, die sich in der Auflösung klassischer Gattungsgrenzen, dem Eröffnen neuer Denk- und Leseformen sowie der therapeutischen Wirksamkeit dieser Formen manifestiert. Zeniter fordert von ihren Leserinnen und Lesern die Bereitschaft, sich auf die von ihr intendierte „Beständigkeit“ einzulassen, und verspricht eine Belohnung in Form eines Textes, „von dem sich die Autorin wünscht, dass er sich ‚als Spaziergang benimmt‘, der jeden plumpen Spannungsbogen aushebelt“. Der Verzicht auf klassische Hollywooddramaturgie wird in diesem Fall nicht als Verzicht, sondern als Beweis einer anderen, tiefergehenden Form von Spannung gedeutet: einer, die sich aus intellektuellem und emotionalem Widerstand speist.

Auch versteht Hegemann das Buch als Auseinandersetzung mit der eigenen Lesebiografie: „Und gleichzeitig ist Eine ganze Hälfte der Welt eine Abarbeitung an den Büchern, die Zeniter liebt.“ Der Text selbst wird zum Reflexionsraum literarischer Geschichte, zu einem Ort, an dem Leserinnen und Leser erneut mit den „Sprengkräften“ von Literatur konfrontiert werden, sobald diese sich weigert, sich dem utilitaristischen Imperativ der Verwertbarkeit zu unterwerfen. Zeniters Werk ist somit nicht nur eine Poetik des Widerstands, sondern ein konkreter Vorschlag für eine neue Ethik des Erzählens im 21. Jahrhundert.

Eine ganze Hälfte der Welt ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine radikal offene, beziehungsorientierte und multiperspektivische Literatur. Zeniters essayistisches Schreiben steht in der Tradition engagierter Autorinnen wie Toni Morrison, Annie Ernaux und Chris Kraus. Ihr Buch ist ein literarischer Essay, der ebenso sehr von theoretischer Präzision wie von erzählerischer Freiheit lebt. Die Autorin gelingt es, gesellschaftliche Machtverhältnisse zu durchdringen, narrative Konventionen aufzubrechen und alternative ästhetische Wege aufzuzeigen. Wer bereit ist, sich auf dieses anspruchsvolle „Spaziergangs-Buch“ einzulassen, wird nicht nur literarisch, sondern auch ethisch und politisch bereichert.

Anmerkungen
  1. „Was ich als Leserin und Schriftstellerin zweifellos von Anfang an gesucht habe, sind Geschichten, die es mir ermöglichen, mit mir unbekannten Menschen in Beziehung zu treten, die mir dann nahekommen, ebenso wie Geschichten, die ihnen – innerhalb der Fiktion – reichhaltige, komplexe und fragile Beziehungen ermöglichen.“ (Alice Zeniter) >>>

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