Rimbaud-Fiktionen: Philippe Lemaire

Einleitung: Rimbaud als literarische Fiktion

Philippe Lemaires Roman L’Arpenteur de rêves (2021) lässt sich nicht als bloße Biographie oder historischer Bericht über den Dichter Arthur Rimbaud lesen. Der Text präsentiert vielmehr eine poetische Konstruktion, die auf verschiedenen Ebenen mit der Figur spielt: Rimbaud wird zugleich erzählt, beschworen und neu erfunden. Schon der Titel verweist auf eine doppelte Bewegung: der „Vermesser der Träume“ ist jemand, der das Unmessbare kartographiert, der das Unmögliche in Sprache fasst und zugleich in der Schwebe belässt. Lemaire erzählt Rimbaud, indem er ihn fiktionalisiert, um sein Bild für den Leser neu sichtbar zu machen.

Handlung und Struktur: Ein Leben als Legende

Die äußere Handlung folgt grob den Stationen von Rimbauds Leben. Schon im ersten Kapitel wird mit Clémence eine junge Frau eingeführt, deren Freiheitsdrang, ihre Lust auf Ausbruch und ihre Sehnsucht nach „le grand large“ Rimbauds Jugendhaltung spiegelt. Clémence tritt zwar als eigenständige Figur auf, doch ihre Sehnsüchte wirken wie eine vorbereitende Bühne, auf der das Rimbaud-Bild literarisch erscheinen kann. Ihr Traum, die dörfliche Enge zu verlassen, nimmt Rimbauds berühmten Drang nach Paris, nach London, nach Afrika vorweg.

Die biographischen Eckpunkte – die konfliktreiche Jugend in Charleville, das explosive Verhältnis zu Verlaine, die Reisen und schließlich das Schweigen – erscheinen nicht in nüchterner Chronologie, sondern in verdichteten, oft traumartigen Szenen. So wirkt etwa die Szene der Fluchtversuche Clémences, wenn sie auf der Brücke in den Nebel hinausblickt, wie eine Allegorie auf Rimbauds eigenes Lebensgefühl. Der Nebel des Kanals, durch den kaum eine Sichtlinie verläuft, wird zur Metapher für das Unsichere, Unfassbare des eigenen Lebenswegs.

Die Struktur des Romans ist damit weniger chronologisch als vielmehr mythisch: Episoden werden überblendet, Motive kehren wieder, Leerstellen öffnen sich. Diese Bauweise entspricht dem Wesen des Rimbaud-Mythos, der nie als einheitliches Narrativ, sondern immer als Fragment, als Legende, als Projektion tradiert worden ist.

Figurenkonstellation: Spiegelungen des Dichters

Die Figurenkonstellation des Romans verdeutlicht diesen Ansatz. Clémence, die zu Beginn als Hauptfigur eingeführt wird, trägt die Züge eines weiblichen Doppelgängers Rimbauds. Ihre Sehnsucht nach Entgrenzung, ihr Zorn auf die Mutter, ihre Erfahrung der Fremdheit und der Ausgrenzung („la bâtarde“) spiegeln zentrale Erfahrungen des jungen Dichters. Dass Lemaire eine solche Figur als Einstieg wählt, ist kein Zufall: Clémence wirkt als poetischer Resonanzraum, in dem sich Rimbauds Gestalt formt, noch bevor er selbst als Figur im Vordergrund tritt.

Die Mutter Clémences wiederum erinnert an Rimbauds eigene Mutter Vitalie, die in der Überlieferung stets als harte, unnachgiebige Frau erscheint. Die Szenen der häuslichen Konflikte, in denen Clémence ihrer Mutter Vorwürfe macht und diese in Tränen ausbricht, verweisen auf das ambivalente Verhältnis Rimbauds zur Mutter, die ihn einerseits prägte, andererseits in die Enge drängte.

Verlaine tritt im späteren Verlauf des Romans als Gegenfigur auf: leidenschaftlich, destruktiv, zugleich fasziniert von und eifersüchtig auf Rimbaud. Ihre Beziehung ist weniger als psychologische Studie denn als dichterische Polarität inszeniert. Das Begehren wird stets mit Gewalt und Zerstörung verknüpft. Der Roman deutet ihre Affäre nicht nur als Skandal der Epoche, sondern als poetische Begegnung zweier „Traumarbeiter“, die einander entzünden und vernichten.

Nebenfiguren – seien es Mariniers, Lehrer oder afrikanische Gefährten – erscheinen eher als symbolische Marker denn als realistische Charaktere. Sie repräsentieren Stationen im Lebens- und Imaginationraum Rimbauds: die Enge des Dorfes, die Versuchungen der Stadt, die Fremdheit der Ferne.

Metaphorik: Bilder als Erkenntnismodus

Die Metaphorik des Romans ist von Rimbauds eigener Bildwelt geprägt. Immer wieder tauchen Motive von Licht, Farbe und Bewegung auf. Clémences Blick auf die „cime de quelques peupliers qui semblaient flotter au-dessus d’un océan de brume“ evoziert unweigerlich Rimbauds synästhetische Bilder, etwa jene der „Illuminations“.

Besonders wirkt der Roman dort, wo er Naturbilder als Allegorien der existenziellen Situation verwendet. Die Szene des beinahe brennenden Heustapels in der Scheune, was die Jugendlichen im letzten Moment abwenden, kann als Metapher für Rimbauds eigene künstlerische Existenz gelesen werden: ein Leben, das stets am Rande des Entflammens und der Selbstvernichtung steht, das nur durch riskante Gesten zu retten ist.

Die zentrale Metapher des Arpenteur de rêves selbst fasst diese Bildwelt zusammen. Rimbaud ist derjenige, der Träume vermisst, ohne sie vielleicht jemals ganz fassen zu können. Die Metapher deutet auf die paradoxe Position des Dichters: ein Vermesser des Unvermessbaren, ein Sprachschöpfer, der zugleich im Unsagbaren verschwindet.

Konkrete Referenzen

In L’Arpenteur de rêves von Philippe Lemaire werden mehrere zentrale Texte Rimbauds thematisiert und in die Romanfiktion integriert, allerdings nicht in der Weise philologischer Zitate, sondern als poetische Bezugspunkte, Spiegelungen und narrative Motive:

„Le Bateau ivre“ – dieses Gedicht über das entfesselte Schiff erscheint im Roman als Leitmotiv des Aufbruchs und der Entgrenzung. Szenen, in denen Rimbaud von Reisen träumt oder in Landschaften hinausblickt, sind mit Metaphern von Wasser, Strömung und Fahrt durchsetzt. Lemaires Erzähler beschreibt Rimbaud, als sei er selbst das Schiff, das den Kurs verliert, sich treiben lässt und in Visionen versinkt.

Das Sonett „Voyelles“, in dem Rimbaud den Vokalen Farben zuordnet, wird im Roman mehrfach evoziert. Figuren wie Clémence sehen die Welt in Farbklängen, und Rimbauds Wahrnehmung ist durchzogen von synästhetischen Verknüpfungen. Die Romanmetaphorik („un trait de labour luisant comme une lèvre mouillée“) nimmt diese Farb-Sprache auf und deutet sie erzählerisch um.

„Une Saison en enfer“: Diese autobiographisch-poetische Sammlung ist im Roman ein untergründig mitlaufender Text. Besonders Rimbauds Beziehung zu Verlaine und sein Gefühl des Scheiterns werden im Ton und in den Reflexionen daran angelehnt. Lemaire lässt Passagen entstehen, die wie kommentierte Wiederaufnahmen klingen: der Schmerz des Bruchs, die Bitterkeit, die Selbstanklage.

Die Spätgedichte der „Illuminations“ von Rimbaud liefern für Lemaire einen ästhetischen Hintergrund. Das Prinzip der Fragmentierung, die assoziativen Bilder, die synästhetischen Räume prägen die Struktur des Romans. Einzelne Naturbilder (Nebel, Licht, Farben, Horizonte) erinnern explizit an die „Illuminations“ als ästhetisches Reservoir.

Auch die frühen Texte des jugendlichen Rimbaud blitzen im Roman auf, etwa wenn Natur und Tod enggeführt werden. So erinnert die Schilderung Clémences auf dem Friedhof, wenn sie am Grab des Vaters steht, an die Stimmung des „Dormeur du val“: Schönheit der Natur und Präsenz des Todes in paradoxem Nebeneinander.

Der Roman thematisiert diese Texte nicht als bloße Zitate, sondern als Resonanzen, die sich in Figuren, Metaphern und Szenen einschreiben. Rimbaud erscheint damit weniger als Autor von Gedichten, sondern als ein Geflecht von Sprachbildern, das in Lemaires Prosa weiterlebt.

Narrative Verfahren: Fragment und Polyphonie

Die narrativen Verfahren des Romans verstärken diese Wirkung. Die Erzählung bleibt fragmentarisch, springt zwischen Figuren und Perspektiven, wechselt von realistischer Beschreibung zu poetischen Überhöhungen. Schon die Anfangsszene, die Clémence auf dem Fahrrad durch den Nebel fahrend zeigt, trägt diesen doppelten Ton: nüchterne Beobachtungen („la chaîne de son vélo grinçait“) stehen neben stark metaphorischen Bildern („un vol de corneilles au-dessus d’un trait de labour luisant comme une lèvre mouillée“).

Solche Brüche durchziehen den ganzen Text. Traumsequenzen, Erinnerungen und Gerüchte werden in den Erzählfluss eingespeist, so dass nie eindeutig ist, was dokumentarisch und was imaginär ist. Die Vielstimmigkeit des Romans spiegelt Rimbauds eigenes poetisches Prinzip wider: die Auflösung des einheitlichen Ichs, das „Je est un autre“. Lemaire übernimmt diese poetische Programmatik in die Struktur seines Romans, indem er dem Leser keinen festen Halt gibt, sondern ein kaleidoskopisches Geflecht von Stimmen präsentiert.

Rimbauds Schweigen

Kaum ein Aspekt der Rimbaud-Biographie hat die Literaturwissenschaft so sehr beschäftigt wie sein Schweigen. Dass ein Dichter, der in wenigen Jahren eine der radikalsten, visionärsten und einflussreichsten Dichtungen der Moderne geschaffen hatte, plötzlich verstummte und nie wieder eine Zeile veröffentlichte, ist zu einem zentralen Moment seines Mythos geworden. Lemaires L’Arpenteur de rêves greift dieses Schweigen nicht nur als biographischen Fakt auf, sondern deutet es als symbolischen Akt, der zugleich eine poetologische, historische und politische Dimension besitzt.

Das Verstummen wird zunächst als Folge der radikalen Sprachexperimente verstanden. Rimbaud hatte in den „Illuminations“ und in „Une Saison en enfer“ die Sprache an ihre Grenzen getrieben, sie entgrenzt, entfremdet, in synästhetische Räume überführt. Die Formel vom „dérèglement de tous les sens“ bedeutete, dass die Sprache sich selbst aufhob, indem sie alles in sich aufnahm. Lemaires Roman legt nahe: Wer die Sprache bis an diesen Punkt getrieben hat, muss am Ende schweigen, weil es nichts mehr zu sagen gibt. Schweigen wird so zur Vollendung der poetischen Radikalität.

Doch Lemaire beschränkt sich nicht auf diese poetologische Lesart. Der Roman thematisiert auch das Leben Rimbauds nach der Literatur: die Reisen nach Aden und Harar, die Tätigkeit als Kaufmann und Waffenhändler. Hier ist das Schweigen nicht nur poetische Konsequenz, sondern Ausdruck einer radikalen Zeitgebundenheit. Lemaire zeigt Rimbaud in Aden, wie er im gleißenden Licht der arabischen Sonne Geschäfte abwickelt, Rechnungen prüft, Karawanen zusammenstellt. Der Blick auf einen „ciel d’un blanc aveuglant“ wird zum Sinnbild einer Welt, die jede Farbe verschluckt. Wo Rimbaud in Europa die Farben in synästhetische Harmonien auflöste, herrscht hier eine grelle Monochromie, die das Auge schmerzt. Das Schweigen ist womöglich keine innere Verweigerung, sondern ein Effekt der äußeren Welt. Die Kolonien, die Handelsrouten, das Geschäft mit Gewehren und Elfenbein sind Räume, in denen Literatur keinen Platz hat.

In einer Passage sitzt Rimbaud in Harar bei Verhandlungen über Waffenlieferungen. Lemaire beschreibt, wie Gewehrkisten aufgereiht wie stumme Verse standen („des caisses de fusils s’alignaient comme des strophes muettes“) ein Bild, das die Verschiebung vom Poetischen ins Ökonomische sichtbar macht. Die Gewehrkisten treten an die Stelle der Gedichtzeilen; sie sind eine andere Form des Schreibens, eine Schrift aus Holz und Eisen, deren Sprache Gewalt ist. Rimbaud, der einst mit Worten eine neue Welt zu entwerfen versuchte, wird hier zum Händler, der mit Gewehren politische Realität schafft. Lemaires Metapher deutet an: Rimbaud hat die Sprache nicht verloren, sondern gegen eine andere getauscht. Sein Schweigen als Dichter ist für Lemaire die Kehrseite seiner Stimme als Kaufmann und Kolonialhändler.

Die Szene, in der er nachts auf das afrikanische Hochland hinausblickt, verstärkt diesen Eindruck. Lemaire beschreibt, wie Rimbaud lange schweigend zum Horizont blickte, als würde er darauf warten, dass die Erde selbst zu sprechen beginnt („longtemps regardait l’horizon sans un mot, comme s’il attendait que la terre elle-même se mette à parler“). Diese Sprachlosigkeit der Landschaft überträgt sich auf den Dichter. Afrika wird als Raum des Unsagbaren gezeichnet, als Kontinent, in dem Rimbaud alles sieht, aber nichts mehr sagt. Sein Schweigen ist hier nicht nur persönliche Entscheidung, sondern Spiegel einer Epoche, die koloniale Gewalt mit Stummheit überzieht.

Damit verweist der Roman auf eine zweite Dimension des Schweigens: das Schweigen als historische Leerstelle. Rimbaud wird zum Symbol für die Kolonialzeit selbst, für eine Epoche, die ihre „Sprache“ verlor, weil sie Gewalt an ihre Stelle setzte. Indem der Dichter verstummt, wird er zur stummen Chiffre dieser Geschichte, die in den europäischen Metropolen kaum erzählt, in den kolonisierten Ländern aber als tägliche Realität erfahren wurde.

Schließlich deutet Lemaire Rimbauds Schweigen auch als Reflexion über die Aufgabe der Literatur. Wenn Rimbaud nicht mehr schreibt, dann nicht, weil er nichts mehr zu sagen hätte, sondern weil er erkannt hat, dass Sprache die Welt nicht verändert. Die Szene, in der er einen Brief an seine Familie in Charleville verfasst, aber die Seite unvollendet liegen lässt, ist dafür emblematisch. Zwischen den nüchternen Mitteilungen über Geschäftszahlen und den unterdrückten Regungen des Heimwehs klafft eine Leerstelle, die zeigt, dass Worte versagen, wo ökonomische und koloniale Realitäten herrschen. Das Schweigen ist daher nicht bloß Resignation, sondern ein Kommentar: Literatur stößt an ihre Grenze dort, wo Gewalt, Handel und Macht das Geschehen bestimmen.

Doch paradoxerweise ist es dieses Schweigen, das Rimbaud zum Mythos macht. Der Abbruch, die Leerstelle, die Verweigerung – all das macht Rimbaud zu einer Figur, die immer wieder neu erfunden werden kann. Lemaires Roman greift dieses Paradox auf: Das Schweigen ist nicht das Ende, sondern der Anfang der Rimbaud-Fiktion.

Der Schluss: Schweigen als Vollendung

Am Ende des Romans kulminiert diese Bewegung selbst im Schweigen. Rimbaud, krank und verstummend, wird nicht als tragische, sondern als symbolische Figur dargestellt. Das Schweigen ist die letzte Konsequenz seiner poetischen Radikalität: Wer die Sprache so weit getrieben hat, muss sie am Ende aufgeben. Lemaires Darstellung deutet an, dass Rimbaud in diesem Schweigen nicht verschwindet, sondern sich transformiert.

Der Schluss inszeniert also die paradoxe Dialektik des Rimbaud-Mythos: Der Dichter lebt fort, weil er verstummt ist; er ist gerade deshalb unsterblich, weil er sein Werk abbrach. Das letzte Bild des Romans – der Blick in die Dunkelheit, in der nur eine glühende Zigarette aufscheint – zeigt Rimbaud abwesend und zugleich präsent, verschwunden und doch in der Dunkelheit gegenwärtig.

Philippe Lemaire entwirft mit L’Arpenteur de rêves ein Rimbaud-Bild, das nicht auf biographischer Genauigkeit, sondern auf poetischer Fiktionalität beruht. Der Dichter erscheint nicht als historisches Subjekt, sondern als mythische Projektion, als „Vermesser von Träumen“. Clémence fungiert als Spiegel und Doppelgängerin, die Figurenkonstellation als symbolisches Tableau, die Metaphorik als Erkenntnismodus, die narrative Struktur als poetische Fortführung von Rimbauds eigener Sprachradikalität. Der Schluss fasst all dies in der Dialektik von Schweigen und Mythos zusammen.

Damit zeigt Lemaire, dass die Figur des Dichters nur in der Fiktion existiert – im literarischen Imaginären, in der fortwährenden Neuerfindung. Rimbaud ist nicht das, was einmal war, sondern das, was in der Literatur immer wieder entsteht. L’Arpenteur de rêves ist daher nicht nur ein Roman über Rimbaud, sondern eine Rimbaud-Fiktion, die den Dichter als literarische Figur entwirft.


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