Komm her Lügenfrau: Hélène Frédérick

Première poudrerie sur la Wagmüllerstrasse. La neige comme manteau de promesse. Viens là, femme-mensonge, viens, je te trouverai un nouveau nom, quelque chose de léger. Je te décrocherai de ton socle et nous verrons à lisser encore ta peau, à te cajoler. Pour la première fois j’entends ta voix, tu murmures à mon oreille. Tu me demandes mon nom, je le prononce pour toi, tout bas : je suis Hermine Moos. (Tu me reconnais au toucher de mes doigts, à mon parfum, à mes gestes.) Je ferai de toi la copie d’une femme vivante et vibrante. Il te manque encore les cheveux, les paupières, les pupilles exactes, les pieds ne sont pas terminés, la poitrine. Il me faudra trouver encore du crin, des huiles aromatisées, un crayon particulier pour certains traits du visage à ajouter aux points de broderie. Il me semble qu’on ne se voit plus, l’une l’autre, de la même façon. Tu aimes mes manières, et ta grâce m’émeut. Viens vers moi, viens habiter mon hiver. Pour la première fois je t’invite vraiment.

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Reparieren der Bruchlinien im Text: Hélène Frédérick

Hélène Frédéricks „Lézardes“ (2025) ist ein hybrider Roman, der Tagebuchminiaturen, autobiografische Erinnerungen, essayistische Passagen zur Kulturgeschichte des Korrekturwesens und poetologische Reflexionen miteinander verschränkt und dabei den „Riss“ (la lézarde) zur zentralen ästhetischen und epistemologischen Metapher erhebt: Erzählt wird aus der Perspektive einer in Paris arbeitenden Korrektorin, deren Alltag in der Kabine der Redaktion mit Rückblenden in eine Kindheit im handwerklichen Milieu Québecs verbunden ist, insbesondere in die Werkstatt des Vaters, dessen reparierende Präzisionsarbeit parallel zur philologischen Aufmerksamkeit gelesen wird. Die Rezension argumentiert, dass der Roman seine Thematik performativ vollzieht: Die fragmentierte, anti-lineare Struktur, die Perspektivwechsel zwischen „Je“ und adressierendem „Tu“, die bewusste Kultivierung von Ellipsen, „wackeligen Sätzen“ und scheinbaren Inkohärenzen spiegeln jene Risse wider, die der Text als Bedingung von Wahrnehmung, Erinnerung und Poesie verteidigt. Inhaltlich entfaltet Frédérick eine Poetik des Unsichtbaren, indem sie den bedrohten, historisch mit libertären Milieus verbundenen Beruf der Korrektorin als ethische Praxis des Zweifelns, des genauen Hinsehens und des Widerstands gegen sprachliche und gesellschaftliche Glättung ins Zentrum rückt; argumentativ liest die Rezension den Roman als dezidiertes Gegenmodell zu Effizienz, Normierung und algorithmischer Vereinheitlichung. Autobiografie, Sprachreflexion und Sozialgeschichte verdichten sich so zu der These, dass Literatur – und das Schreiben überhaupt – nicht aus Kohärenz und Perfektion hervorgeht, sondern aus Brüchen und Zwischenräumen, weshalb die lézardes weniger als Mangel denn als produktive Beobachtungsposten erscheinen, an denen Subjektivität, Geschichte und Sprache überhaupt erst sichtbar werden.

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