Partnerschaft und Gewalt im Roman: Nathacha Appanah

Der Titel „La nuit au cœur“ (2025) des neuen Romans von Nathacha Appanah spiegelt die zentralen Themen: Gewalt, Angst, Isolation, Trauma, aber auch Widerstand und die Suche nach Sinn und Erinnerung. Die Struktur des Romans gliedert sich in fünf Teile, die zwischen der persönlichen, autofiktionalen Erzählung der Autorin und den rekonstruierten Schicksalen von Emma und Chahinez wechseln, wobei eine „imaginäre Kammer“ als Ort der Begegnung und Reflexion dient. Der Roman dekonstruiert Feminizide nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Ausdruck eines tief verwurzelten patriarchalen Systems, das sich über Kulturen und Zeiten erstreckt. Der Roman kritisiert scharf die patriarchalen Gesellschaften, insbesondere in Algerien und auf Mauritius, wo Frauen mit Scheidung stigmatisiert werden und ihre Autonomie eingeschränkt ist. Die parallele Erzählung der drei Frauen – einer Überlebenden und zwei Opfern – unterstreicht die universelle Gefahr, der Frauen ausgesetzt sind, und die erschreckende Ähnlichkeit der Täterprofile und Gewaltmuster (Kontrolle, Eifersucht, Isolation, physische und psychische Misshandlung).

Rimbaud-Fiktionen: Samuel Benchetrit

Der Roman „Le coeur en dehors“ (Grasset, 2009) von Samuel Benchetrit führt uns in die Welt von Charlie Traoré, einem zehnjährigen Jungen malisch-schwarzer Herkunft, der in einer französischen Banlieue-Siedlung, einer „Cité“, aufwächst. Sein tägliches Leben ist geprägt von der Zuneigung seiner Mutter Joséphine, seiner Schwärmerei für Mélanie, der Freundschaft zu seinen Kameraden und der Sorge um seinen drogenabhängigen älteren Bruder Henry. Die Handlung setzt dramatisch ein, als Charlies Mutter von der Polizei festgenommen wird, da ihre Papiere nicht in Ordnung sind. Der Roman schildert daraufhin einen einzigen, prägenden Tag in Charlies Leben, während er durch seine Cité streift, um seinen Bruder Henry zu finden und die Geschehnisse um die Verhaftung seiner Mutter zu ergründen. Diese Odyssee führt ihn durch die nach Dichtern benannten Türme, verfallene Einkaufszentren und trostlose Viertel seiner Umgebung. – Charlie selbst kann als eine Art moderner „Seher“ (voyant) im Rimbaud’schen Sinne verstanden werden, auch wenn er selbst keine Verse schreibt.

Was wirklich neu war in Literatur, Malerei und Musik: Jacques Rivière

Anlässlich seines hundertsten Todestages wird Jacques Rivière in die Sammlung Bouquins aufgenommen, mit einem Band, der sein Werk als Schriftsteller, Kritiker und Essayist beleuchtet, herausgegeben von Robert Kopp in Zusammenarbeit mit Ariane Charton, mit Vorwort von Jean-Yves Tadié. Jacques Rivière (1886–1925), oft als ein „Kritiker von Genie“ beschrieben, der „durch andere lebte“, war eine zentrale …

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Roman choral eines Tals im Périgord: Renaud de Chaumaray

Renaud de Chaumarays Roman „Quitter la vallée“ (Gallimard, 2025) fügt sich in eine Tradition ein, die man im Französischen „roman choral“ oder als „polyphonen Realismus“ bezeichnen könnte: ein literarisches Projekt, das mehrere Stimmen, Lebensläufe und Perspektiven miteinander verschränkt, um daraus ein überindividuelles Bild einer Region, eines Milieus oder einer Epoche zu gewinnen. Mitten im Périgord, genauer in der Vallée de la Vézère, entfaltet Chaumaray drei zunächst voneinander unabhängige Erzählstränge, die sich allmählich berühren, verschränken und überlagern. Der Roman evoziert Landschaft, Geschichte und Gewalt, Erinnerung, Liebe und Flucht, sodass er nicht allein als Ensemble von Einzelschicksalen gelesen werden kann, sondern als eine Art Fresko, in dem sich individuelle Existenz und kollektive Erfahrung untrennbar verbinden.

Rimbaud-Fiktionen: Pierre Michon und William Marx

In „Rimbaud le fils“ (Gallimard, 1991) verfolgt Pierre Michon nicht das traditionelle Ziel eines Biografen, neue Fakten über Arthur Rimbaud zu enthüllen oder bestehende Studien zu ergänzen. Vielmehr dringt er in die Persönlichkeit und Intimität des Schreibens des Dichters ein, um letztlich zu seiner eigenen schriftstellerischen Stimme zu finden. William Marx (Minuit, 2005) betrachtet das Schweigen Rimbauds als einen Punkt, an dem sich eine Ära des Glaubens an die absolute Macht der Literatur endgültig schließt und die moderne Literatur in eine existenzielle Krise gerät, aus der sie bis heute nicht vollständig herausgefunden hat. – Das bedeutet, dass Michons Buch selbst zu einem Objekt der Marx’schen Analyse werden könnte: als ein Werk, das die „Mythologisierung“ Rimbauds fortsetzt und so zur Aufrechterhaltung des Diskurses über das „Adieu à la littérature“ beiträgt, auch wenn es dies auf eine persönlich-künstlerische und nicht auf eine historisch-soziologische Weise tut.

Rimbaud-Fiktionen: Yves Bonnefoy

Yves Bonnefoys Werk „Rimbaud“, dessen erste Ausgabe 1961 erschien und 1994 neu aufgelegt wurde, ist gewiss mehr als eine konventionelle Biografie; es ist eine Interpretation von Arthur Rimbauds Leben und Schaffen, die sich auch als „Rimbaud-Dichtung“ verstehen lässt. Bonnefoy verfolgt das explizite Ziel, Rimbauds ureigene „Stimme wiederzufinden, seinen Willen zu entschlüsseln, seinen Akzent wiederzubeleben“.

Jetzt werden wir Marokko machen: Gilbert Sinoué

Gilbert Sinoués „Au couchant, l’espérance“ (Gallimard, 2025) inszeniert die Entstehung nationaler Unabhängigkeit als Spiegel und Gegenfolie eines individuellen Freiheitskampfs. Der Roman koppelt die politische Befreiung Marokkos an die innere Rekonstruktion seines Protagonisten Hussein Chaoui: Was sich politisch am 16. November 1955 mit der Rückkehr des Sultans Mohammed V und am Ende mit der Unabhängigkeit erfüllt, erscheint erzählstrategisch als späte Antwort auf eine biografische Kette von Verlusten, Verwundungen und Sprachlosigkeiten. Der Roman verschränkt zwei Semantiken der Erlösung: nationale Souveränität und personale Entlastung aus Trauma und Schuld. Die Poetik des Romans besteht darin, diese beiden Linien nicht zu harmonisieren, sondern sie als spannungsvolle Parallelbewegung zu montieren, die von Diskontinuitäten, asymmetrischen Zeiterfahrungen und gebrochener Kommunikation gezeichnet ist.

Rückkehr nach Athen: Laurent Gaudé

Laurent Gaudés „Zem“ (Actes Sud, 2025), die direkte Fortsetzung zu „Chien 51“ (2022), führt in die dystopische Megalopolis Magnapole zurück, wo das globale GoldTex-Konsortium die radikale soziale Spaltung zwischen den Zonen 1, 2 und 3 verschärft, und erzählt die Wandlung des desillusionierten Ex-Polizisten Zem Sparak. Dieser Band enthüllt die Existenz einer „Zone 4“ in Kreta, die auf Ausbeutung und Sucht beruht, und verdeutlicht, wie globale Konzerne angesichts globaler Klimaprobleme ganze Nationen zur Rohstoffgewinnung und menschlichen Ressource degradieren. Diese Besprechung analysiert, wie Gaudé mit seiner analytisch kühlen und liturgisch verdichteten Sprache universelle Fragen nach Erinnerung, moralischer Integrität und individueller Handlungsmacht in einer konzern-dominierten Welt verhandelt, während Zems Rückkehr nach Athen seine persönliche Suche nach Identität und Widerstand gegen das Vergessen symbolisiert.

Alain Pacadis als Ikone der Pariser Underground-Szene: Charles Salles

Charles Salles‘ Roman „Alain Pacadis, Face B“, veröffentlicht im Jahr 2023, zeichnet ein vielschichtiges Porträt des französischen Journalisten und der „Glam-Punk-Ikone“ Alain Pacadis. Das Buch beleuchtet Pacadis‘ Leben, das exemplarisch für die radikalen gesellschaftlichen und kulturellen Umbrüche der Nachkriegszeit in Paris steht. Es begleitet ihn von seiner Jugend in ärmlichen Verhältnissen und seiner ersten politischen Manifestation im Jahr 1968, die seine Desorientierung und Suche nach Identität offenbart, über seine prägenden Erfahrungen mit Drogen, Sexualität und der Pariser Underground-Szene der 1970er Jahre, bis hin zu seinem tragischen Tod im Jahr 1986. Der Roman erforscht die tiefere, komplexere Persönlichkeit jenseits der Oberfläche: seine Familiengeschichte, seine jüdischen und griechischen Wurzeln, persönliche Traumata wie den Tod des Vaters und den Suizid der Mutter sowie seine tiefen Unsicherheiten. Diese weniger sichtbaren, intimen Schichten seines Wesens bilden seine „B-Seite“.

Rimbaud-Fiktionen: Victor Kathémo

Der Roman „Le descendant africain d’Arthur Rimbaud“ von Victor Kathémo erzählt die Geschichte des Ich-Erzählers Racho, der in Äthiopien, genauer gesagt in Dirédoua nahe Harar, geboren wurde. Sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als seine Identitätspapiere gestohlen werden und der Dieb bei einem Unfall ums Leben kommt. Rachos Familie, die sich auf die Adresse in den gestohlenen Dokumenten beruft, hält den Toten für Racho selbst und veranstaltet eine Beerdigung zu seinen Ungunsten. Von seinen Angehörigen als „Wiedergänger“ oder „bösartiger Geist“ missverstanden und gefürchtet, verlässt Racho sein Dorf und begibt sich auf eine schwierige Reise, die er als sein „Kreuzweg“ bezeichnet. Im Verlauf seiner Odyssee entdeckt Racho, dass er ein entfernter Nachfahre Arthur Rimbauds ist. Seine Ururgroßmutter, eine Amhara-Frau und Gewürzhändlerin, hatte in Harar eine „kurze und diskrete Liaison“ mit Rimbaud, aus der nach dessen plötzlicher Abreise ein Kind hervorging.

Ambivalenz der Sensibilität: Éric Fottorino

Éric Fottorinos Roman „Des gens sensibles“ ist ein Werk der Erinnerung, aber nicht im Sinne nostalgischer Rückschau, sondern als poetische Erforschung einer existenziellen Kategorie. Sensibilität ist im Roman doppelgesichtig: Sie bedeutet Offenheit, eine übersteigerte Empfänglichkeit für Schönheit, Wahrheit, Mitgefühl – zugleich aber macht sie verletzlich, exponiert, bedroht von der Gewalt der Geschichte, der Härte des Literaturbetriebs und der eigenen Selbstzerstörung. Fottorino stellt diese Ambivalenz im Dreiecksverhältnis zwischen Fosco, Clara und Saïd exemplarisch dar. Der Erzähler Jean Foscolani, genannt Fosco, blickt aus zeitlicher Distanz auf seine ersten Jahre in der Pariser Literaturszene der frühen 1990er zurück. Dabei, wird er von der Presseagentin Clara entdeckt und protegiert. Gleichzeitig tritt er in eine intensive Freundschaft mit Saïd, einem algerischen Schriftsteller, der in Frankreich im Exil lebt und zugleich von den Schatten des Bürgerkriegs verfolgt wird. Drei Figuren – drei Modi der Sensibilität: Clara als exzentrische Vermittlerin, die alles für die Literatur gibt; Saïd als politisch Verfolgter, der die Literatur als Zeugenschaft versteht; Fosco als junger Autor, der zwischen Faszination und Unsicherheit seine Stimme sucht.

Tyrannei der Imagination: Julien de Kerviler

Julien de Kervilers „Les Tyrans sont éternels“ (2003) erzählt die US-Invasion Bagdads aus der Perspektive einer Favoritin Saddam Husseins, die zugleich Double, Medium und Erzählerin ist. Der Roman webt ein labyrinthisches Geflecht aus Täuschung, Doppelgängertum und mythischer Überblendung, in dem Realität, Fiktion und Geschichte ununterscheidbar werden. Bagdad erscheint als Neuauflage von Babel, Saddam als Wiederkehr mesopotamischer Herrscher und die Tyrannei als unzerstörbare, sich ewig wiederholende Macht. Der weibliche Körper dient als Schauplatz der Unterwerfung, zugleich aber auch als Ort narrativer Gegenmacht. In einer apokalyptischen Vision konservieren sich die Tyrannen im Untergrund, um nach dem Untergang der Menschheit wiederzukehren. Der Roman selbst inszeniert sich als „Zeitbombe“ und Waffe, die den Leser in das Spiel der Täuschung hineinzieht und so demonstriert, dass Sprache und Erzählung die ultimative Form der Machtausübung sind. – Der Aufsatz zeigt, dass Kervilers Roman nicht nur ein politischer Text über den Irakkrieg ist, sondern eine poetologische Reflexion über die Unausweichlichkeit von Täuschung, die Macht der Sprache und das ewige Wiederkehren der Tyrannei. Er arbeitet die zentralen Motive – Doppelgänger, Babel-Mythos, Körperpolitik, Metafiktion – heraus, verknüpft sie mit der mesopotamischen Mythographie und vergleicht sie mit anderen literarischen Kontexten wie Olivier Guez’ „Mesopotamia“ (2024) und de Kervilers „Les mouvements de l’Armée rouge en 1945“ (2025). Der Aufsatz interpretiert „Les Tyrans sont éternels“ letztlich als literarisches „Wahrnehmungsexperiment“, das zeigt, dass die radikalste Form der Tyrannei nicht physische Gewalt, sondern die Kolonisierung der Imagination durch Sprache ist.

Schreibweisen des Realen: Ivan Jablonka

Ivan Jablonka, Le Troisième Continent ou la littérature du réel, Seuil, 2024. Einleitung: Interpretieren und Verändern In Le Troisième Continent unternimmt Ivan Jablonka, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Sorbonne Paris Nord und Mitglied des Institut Universitaire de France (IUF), eine Neukartierung der intellektuellen Welt und der Schreibformen. Die traditionelle intellektuelle Landkarte wird demnach seit …

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Rimbaud-Fiktionen: Sigolène Vinson

Der Roman „Courir après les ombres“ (2015) von Sigolène Vinson entwirft eine komplexe und tragische Erzählung, die sich um die Obsession des Protagonisten Paul Deville mit dem französischen Dichter Arthur Rimbaud dreht. Diese Obsession ist nicht nur ein zentrales Motiv, sondern auch der tragische Angelpunkt, der Pauls Handlungen, seine Rechtfertigungen und letztlich sein Scheitern in einer globalisierten Welt bestimmt. Rimbaud dient dabei als Projektionsfläche für Pauls idealistische Sehnsüchte, die sich jedoch unweigerlich mit den brutalen Realitäten des internationalen Handels und imperialistischer Machtpolitik verflechten.

Rimbaud-Fiktionen: Thierry Beinstingel

Der vorliegende Roman „Vie prolongée d’Arthur Rimbaud“ (Fayard, 2016) von Beinstingel inszeniert eine provozierende Uchronie, indem er die literarische Legende Arthur Rimbauds als eine Fortsetzung seines Lebens jenseits des offiziell bekannten Todesjahres 1891 neu erzählt. Im Zentrum steht die Doppelidentität des Dichters, der unter dem Namen Nicolas Cabanis seine Krankheit überlebt und ein neues, scheinbar profanes Leben als Unternehmer und Familienvater beginnt, während der „tote“ Arthur Rimbaud in der europäischen Literaturszene zur Legende wird. Der Roman erkundet die Spannung zwischen dem „lebenden“ Nicolas, der sein dichterisches Erbe verleugnet, und dem „toten“ Arthur, dessen Ruhm von Literaturkritikern und seiner Schwester Isabelle posthum konstruiert wird.

Rimbaud-Fiktionen: Guillaume Meurice

In Guillaume Meurices Rimbaud-Fiktion „Cosme“ (2018) ist der Protagonist Sohn spanischer Einwanderer, der in Biarritz geboren wurde und seine Kindheit verbrachte. Sein Leben ist eine bewegte Reise, die ihn von Jugenddelinquenz in den Pariser Vorstädten über einen Militärdienst, bei dem er Geheimnachrichten entschlüsselt, bis hin zu endlosen Stunden in Schachklubs führt. Cosme ist ein freier Geist, ein Dichter und potenziell ein „Seher“ („Voyant“), der Freundschaft schätzt und eine Existenz zwischen geteilten Leidenschaften, unendlicher Einsamkeit, Schwindelgefühlen und einer „langen Entfesselung der Sinne“ führt. Ein zentrales Thema in Cosmes Leben ist seine beharrliche und fast obsessive Suche nach dem verborgenen Sinn von Arthur Rimbauds rätselhaftem Gedicht „Voyelles“, das er als den „Gral der französischen Poesie“ betrachtet. Er ist unbeirrbar in seiner Entschlossenheit, Geheimnisse zu lüften, auch wenn dies bedeutet, unkonventionelle Wege zu gehen und sich der sozialen Gewalt, der Obdachlosigkeit oder der Missachtung von Autorität zu stellen. Letztendlich ist Cosme ein selbstlernender Alchemist der Worte, der das bestgehütete Geheimnis der französischen Literatur lüften will.

Frankreichs Kontamination 2036: Robert Merle und Emmanuel Ruben

Emmanuel Rubens Roman „Malville“ (Stock, 2024) fügt sich in eine lange Reihe apokalyptischer Literatur ein, die von biblischen Prophetien bis zu Robert Merles „Malevil“ bzw. „Malevil oder die Bombe ist gefallen“ (1972, dt. 1975) reicht, dessen Titel hier bewusst als intertextuelle Folie aufgerufen wird: Auf der Ebene der Gesellschaftskritik ist „Malville“ eine Abrechnung mit der französischen Nuklearpolitik seit den 1970er Jahren. Heute zeichnet Ruben minutiös nach, wie politische Entscheidungen – von Macrons Renaissance des Atomprogramms über den Aufstieg der extremen Rechten bis zur Auflösung der Europäischen Union – in die Katastrophe führten. Robert Merles „Malevil“ erzählt aus der Ich-Perspektive des Landwirts Emmanuel Comte, der nach einem plötzlichen Atomschlag gemeinsam mit einer kleinen Gruppe von Freunden und Nachbarn in der abgeschiedenen Burg Malevil überlebt. Schon vor Beginn der eigentlichen Handlung wird klar, dass Rubens „Malville“ als intertextueller Dialog mit Merle gelesen werden will – Fortführung, Variation und zugleich kritische Umkehrung seines Endzeitromans.

Afrikanischer Klassizismus: alternative Geschichtlichkeit bei David Diop

David Diop gehört seit seinem preisgekrönten Roman „Frère d’âme“ (2018) zu den wichtigsten Stimmen der franko-senegalesischen Literatur. In „Où s’adosse le ciel“ (2025) führt er eine poetische und zugleich historiographische Suche fort, die bereits in seinen früheren Büchern sichtbar wurde: das Bestreben, afrikanische Geschichte jenseits kolonialer Narrative zu rekonstruieren. Das Neue an diesem Roman ist, dass er die Verbindungslinien nicht nur zwischen Kolonialzeit und Gegenwart zieht, sondern zwischen einer mythischen Vergangenheit – dem Ägypten der Ptolemäer – und dem Senegal des 19. Jahrhunderts. Der Roman entwirft eine alternative Geschichtlichkeit, die nicht auf Schrift, Monument oder Archiv basiert, sondern auf mündlicher Überlieferung und Erinnerung.

Technische Notiz des Schreibautomaten: Sigolène Vinson

„Les Jouisseurs“ (2017) erzählt die Geschichte von Olivier, einem unter Schreibblockade leidenden Autor, der einen Automaten namens „L’Écrivain“ stiehlt, um seinen Roman zu verfassen, während seine Partnerin Éléonore Psychopharmaka konsumiert und in ihren Halluzinationen ebenfalls den Automaten nutzt, um die Geschichte von Ole und Léonie zu imaginieren. Parallel dazu entfaltet sich die Erzählung von Ole und Léonie, einem Paar von Schmugglern im Marokko des frühen 20. Jahrhunderts, die ebenfalls versuchen, ihrer Melancholie durch ihre „Caravane de débauche“ zu entfliehen. Der Roman erforscht dabei über Epochen und Orte hinweg die zentrale Frage, ob intensive Sinnesfreude („jouissance“) eine Flucht vor der Brutalität des irdischen Daseins ermöglichen und zu wahrer Lebensfreude führen kann.

Pflüger der Erde: Gaspard Kœnig

Gaspard Kœnigs „Humus“ (2023, deutsch 2025), das sich der großen Tradition der realistischen Literatur verpflichtet fühlt, gräbt sich tief in die Materie des Bodens und seiner Bewohner, der Regenwürmer, ein, um existenzielle Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur, Idealismus und Pragmatismus, Scheitern und Neuanfang zu verhandeln. Es ist eine Geschichte von zwei jungen Agronomie-Studenten, Arthur und Kevin, deren Wege sich anfänglich kreuzen, um dann in radikal unterschiedliche Richtungen zu führen und die Komplexität heutiger Umweltkonflikte widerzuspiegeln. Der Roman entscheidet nicht zwischen den beiden großen Optionen der Protagonisten, sondern analysiert sowohl die Fehler als auch die Vorzüge beider Entwürfe.

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