Das Zweistromland zwischen archaischer Mythologie, imperialer Gegenwart und postkolonialer Schuld: Olivier Guez
Olivier Guez’ „Mesopotamia“ (Grasset, 2024, dt. „Die Welt in ihren Händen“, Kiepenheuer & Witsch, 2026) rekonstruiert in Form einer historiografischen Fiktion das Leben der britischen Archäologin und Kolonialbeamtin Gertrude Bell als Knotenpunkt zweier ineinandergreifender Narrative: der Emanzipationsgeschichte einer außergewöhnlichen Frau und der gewaltsamen Genese des modernen Irak im Kontext des britischen Imperialismus nach dem Ersten Weltkrieg. Der Roman verfolgt Bells Weg von der wissenschaftlichen Erschließung Mesopotamiens bis zu ihrer maßgeblichen Rolle bei der politischen Neuordnung der Region, wobei historische Akteure wie T. E. Lawrence, Winston Churchill und Faisal I. in ein dichtes Geflecht aus Diplomatie, Mythologie und Machtpolitik eingebunden werden. Zentral ist dabei die poetische Konstruktion Mesopotamiens als Palimpsest, in dem sich archaische Zivilisationen (Sumer, Babylon) und moderne Kolonialinteressen überlagern; diese Tiefenschichtung fungiert zugleich als ideologische Matrix imperialer Legitimation und als ironische Brechung ihrer Hybris. Die Interpretation arbeitet heraus, dass Guez’ eigentliches Argument in der strukturellen Analogie von Archäologie und Kolonialherrschaft liegt: Beide operieren als Formen epistemischer Aneignung, die Wissen in Macht übersetzen und so politische Ordnungen hervorbringen, deren Fragilität im postkolonialen Epilog – vom Sturz der Monarchie bis zu den Kriegen des 20. und 21. Jahrhunderts – evident wird. Die zyklische Zeitstruktur und die mythische Übercodierung werden als narrative Strategien gedeutet, die das britische Projekt als nur eine Episode in einer longue durée imperialer Wiederholungen erscheinen lassen; dabei wird die Tendenz betont, die französisch-britische Rivalität primär als Spiegelstruktur zu lesen. Insgesamt zeigt die Rezension, wie Guez Bell als tragische Figur zwischen Erkenntnis und Komplizenschaft inszeniert und damit eine fundamentale Kritik an der Illusion imperialer Gestaltungsmacht formuliert.
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