Eric Vuillard, die Wurzeln des Trumpismus und Versionen von Billy the Kid
Éric Vuillards „Les Orphelins: récit“ (Actes Sud, 2026) demontiert den Mythos Billy the Kid, indem der Roman die berühmte Figur nicht als romantischen Outlaw, sondern als beschädigtes, früh verlorenes Kind liest – als Waise im biografischen wie im historiografischen Sinne. Ausgehend von einem Gerichtsprotokoll über Billys ersten Mord zeigt Vuillard, wie offizielle Dokumente Gewalt verschleiern und Täter-Opfer-Verhältnisse verkehren. Die Forderung, „die Szene neu zu schreiben“, bedeutet keine Korrektur im Namen einer besseren Wahrheit, sondern eine ethische Umschrift: Billy erscheint als körperlich unterlegener Jugendlicher, der in Panik handelt. So wird Geschichte als ein Feld von Verzerrungen sichtbar, das Literatur nicht heilen, aber offenlegen kann. Der Récit verweigert lineares Erzählen, reduziert Schlachten und Heldentaten auf Randnotizen und konzentriert sich auf Lücken, Staub, Körper und Angst. Übrig bleibt kein Held, sondern ein Waise (Orphelin): eine Figur ohne Herkunft, Besitz, Stimme oder Zukunft, die exemplarisch für all jene steht, die Geschichte erleiden, ohne sie schreiben zu dürfen. – Der Artikel liest Vuillards Text als wütende, bewusst parteiische Gegenpoetik zur offiziellen Geschichtsschreibung. Sie betont, dass Vuillard nicht rekonstruiert, sondern interveniert: durch die Konfrontation von Archivmaterial mit einer lyrisch zugespitzten Erzählerstimme, die Archive als Machtinstrumente entlarvt. Wahrheit entsteht hier nicht aus Faktentreue, sondern aus der Wucht des Zeugnisses und der Sichtbarmachung struktureller Gewalt. In dieser Perspektive wird Billy zum Vektor einer größeren Kritik: an der ästhetisierten Brutalität des amerikanischen Mythos, an der genealogischen Verbindung von Kapital, Staat und Gesetzlosigkeit, an der Illusion, Freiheit sei je unschuldig gewesen. Die Rezension versteht „Les Orphelins“ deshalb als Teil von Vuillards langfristigem Schreibprojekt in verschiedenen historischen Varianten – und Literatur als prekäre, aber notwendige Störung, die mit den Trümmern der Sprache gegen die falschen Erzählungen der Macht anschreibt.
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