Sehen am Limit: ästhetische Überwältigung bei Nicolas de Crécy

Nicolas de Crécys „Le syndrome de Kyoto“ (Gallimard, 2026, zit. als SDK) ist ein Künstlerroman, der die Pathologie eines an Bildern übersättigten Bewusstseins zur kulturdiagnostischen Metapher ausweitet: Im Zentrum steht mit Alexandre Vollin-Delbar ein Maler, dessen hypertrophes Kunstgedächtnis jede unmittelbare Wahrnehmung durch kunsthistorische Überlagerungen ersetzt und ihn so zugleich zum idealen Rezipienten und zum unfähigen Produzenten macht. Der Roman entwickelt diese Konstellation in einer doppelten Bewegung aus narrativer Darstellung (Kyoto-Aufenthalt als gescheiterter Heilungsversuch) und reflexiver Selbstspiegelung (die Form des Textes imitiert die enzyklopädische Bilderflut seines Protagonisten), wodurch die individuelle Krankheit als Symptom einer bildgesättigten Gegenwart lesbar wird. Der Aufsatz argumentiert, dass Crécys Text weniger als psychologische Fallstudie denn als Poetik des Scheiterns zu verstehen ist: Die „hypertrophie de la mémoire de l’art“ des Malers wirkt als Schnittstelle von Wahrnehmungstheorie, Kunstkritik und Medienanalyse, indem sie das Paradox sichtbar macht, dass totale Verfügbarkeit von Bildern nicht zu gesteigerter Kreativität, sondern zu deren Blockade führt. In der Gegenüberstellung von Alexandre und der Kunsthistorikerin Julie wird zudem ein alternatives Modell des Sehens entwickelt – ein distanziertes, historisch reflektiertes Wahrnehmen, das nicht überwältigt, sondern ordnet. Der Artikel arbeitet heraus, wie der Roman klassische Formen (Bildungsroman, Künstlerroman) systematisch unterläuft, seine eigene Erzählstruktur an die Logik der Halluzination angleicht und zugleich eine subtile Satire auf Kunstmarkt, Konzeptkunst und digitale Bildkultur formuliert. Im Schlussbild – dem stillen, freien Zeichnen nach dem Verstummen der inneren Bilder – erkennt die Rezension schließlich keine einfache Erlösung, sondern eine minimalistische Gegenpoetik: Kunst entsteht nicht aus der Akkumulation von Referenzen, sondern aus der Reduktion auf Wahrnehmung und Geste. So erscheint SDK in dieser Lesart als ebenso skeptischer wie präziser Kommentar zu den Bedingungen künstlerischen Schaffens im Zeitalter der totalen Sichtbarkeit.

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Die geraubte Sonne: Kunst als kollektive Utopie im Haiti der Duvalier-Ära bei Luce Perez-Tejedor

Der Aufsatz deutet Luce Perez-Tejedors „Saint-Soleil“ (Seuil, 2026) als Roman, der die Entstehung, Blüte und Zerstörung einer haitianischen Künstlergemeinschaft in den 1970er Jahren mit der langen Dauer kolonialer Gewalt verschränkt. Im Zentrum steht das Projekt einer kollektiven, rituell fundierten Kunstpraxis, die sich der westlichen Genieästhetik und Marktlogik entzieht: Bauern, Arbeiter und Außenseiter entwickeln – angeleitet, aber nicht dominiert – eine eigenständige Bildsprache aus lokalen Materialien und spirituellen Praktiken, deren leuchtende Farben und expressive Gesten eine ästhetische Pracht entfalten, die unmittelbar sinnlich erfahrbar ist. Zugleich ist diese künstlerische Entwicklung eingebettet in den repressiven politischen Kontext Haitis unter der Duvalier-Diktatur, in dem Gewalt, Korruption und Kontrolle des Lebensraums allgegenwärtig sind und die Utopie der Gemeinschaft permanent bedrohen. Sie gerät in dem Moment in Gefahr, in dem sie sichtbar wird: Die internationale Anerkennung, vermittelt durch André Malraux und andere, schlägt in Vereinnahmung um, und die Bilder werden zu Waren in einem globalen Kunstsystem, das koloniale Blickverhältnisse fortschreibt. Die Interpretation liest den Roman als systematische Gegenüberstellung zweier inkompatibler Logiken – einer ästhetisch-spirituellen Praxis des Gemeinsamen und einer ökonomischen Logik der Extraktion, die sich nicht nur im Kunstmarkt, sondern auch in drastischen Motiven wie dem Blutplasmahandel materialisiert. Die konzentrische Anlage der Handlung, die vertikale Raumordnung (Berg vs. Stadt), die semantischen Felder von Sonne und Blut sowie die Parallelmontagen (Gabe vs. Raub) werden als Ausdruck derselben historischen Dialektik gelesen. So entsteht das Bild eines Romans, der seine eigene Poetik reflektiert und zugleich demonstriert, dass jede Darstellung dieser Kunst bereits in jene Mechanismen verstrickt ist, die sie kritisiert.

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Drei intermediale Orpheus-Variationen: Palermo, Berlin und Trumps USA bei Sébastien Berlendis

Die Rezension liest Sébastien Berlendis’ neuen Roman „24 fois l’Amérique“ (Actes Sud, 2026, zit. FA) im Zusammenhang mit zwei früheren Büchern („Revenir à Palerme“, 2018 und „Seize lacs et une seule mer“, 2021) als Teil einer zusammenhängenden poetischen Konstellation. Alle drei Texte variieren ein gemeinsames erzählerisches Grundmotiv: Ein Ich-Erzähler folgt der Spur einer verschwundenen Frau und bewegt sich dabei durch Landschaften, die von Geschichte, Erinnerung und Melancholie geprägt sind. Während der erste Roman in einem verfallenden Palermo eine fast klaustrophobische Suche nach der verlorenen Geliebten Délia entfaltet und die Fotografie als Medium der Erinnerung inszeniert, verlegt der zweite diese Spurensuche in die sommerlichen Seenlandschaften Berlins, wo Super-8-Filme einer geheimnisvollen Frau zum Ausgangspunkt einer flanierenden Rekonstruktion der Vergangenheit werden. FA nun erweitert diese Bewegung zu einem Roadmovie durch den amerikanischen Rust Belt: Der Erzähler reist von New York bis zum Lake Michigan, um Marianne wiederzufinden, die seit Jahren nur noch durch gezeichnete Postkarten präsent ist. Der Roman entfaltet daraus eine visuell strukturierte Reise durch Motels, Industriebrachen und Seenlandschaften, in der fotografische Apparate, überbelichtete Bilder und filmische Einstellungen zu zentralen Metaphern für die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses werden. Marianne erscheint weniger als reale Figur denn als „Präsenz durch Abwesenheit“, deren Spur der Erzähler in einer Landschaft aus Erinnerungsfragmenten verfolgt. – Der Artikel argumentiert, dass diese drei Romane als eine intermediale Variation des Orpheus-Mythos zu lesen sind. Berlendis’ Erzähler bewegt sich stets in einer paradoxen Bewegung zwischen Erinnerung und Gegenwart: Wie Orpheus versucht er, eine verlorene Eurydike zurückzuholen, doch die Suche führt nicht zur Wiedergewinnung der Geliebten, sondern zu einer ästhetischen Transformation des Verlusts. Die Analyse zeigt, dass diese Poetik stark von visuellen Medien geprägt ist. Fotografie, Film und Polaroidbilder strukturieren nicht nur die Wahrnehmung der Figuren, sondern auch die formale Organisation der Texte – besonders im jüngsten Roman, dessen vierundzwanzig Episoden wie filmische Einstellungen eines melancholischen Roadmovies wirken. Gleichzeitig liest der Artikel den jüngsten Roman als indirekten politischen Roman über das gegenwärtige Amerika: Die Reise durch den Rust Belt führt durch deindustrialisierte Städte, religiös aufgeladene Landschaften und migrantisch geprägte urbane Räume, wodurch sich ein vielschichtiges Bild eines gesellschaftlich zerrissenen Landes ergibt. Die Interpretation argumentiert, dass Berlendis diese politische Dimension nicht programmatisch formuliert, sondern aus einer Poetik der Beobachtung entstehen lässt, in der persönliche Erinnerung, mediale Wahrnehmung und historische Landschaften ineinander verschränkt sind.

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Hermaphroditisches Schreiben: eine Nacht im Museum mit Éric Reinhardt

Éric Reinhardts „L’imparfait“ (Stock, 2026) der Buchreihe „Ma nuit au musée“ beginnt mit einer scheinbar einfachen Prämisse: eine Nacht allein in der Galleria Borghese. Doch aus diesem institutionell gerahmten Experiment entwickelt sich ein vielschichtiger Text, der Selbstbefragung, Kunstbetrachtung, Mythos und Liebesfantasie ineinander verschiebt. Im Zentrum steht der Schlafende Hermaphrodit, dessen doppelte Körperlichkeit zur Leitfigur des ganzen Buches wird: Identität erscheint nicht als festgelegte Form, sondern als perspektivabhängige Erscheinung. Die Nacht im Museum löst die gewohnte Zeitordnung auf; Erinnerungen, frühere Rom-Aufenthalte, imaginierte Szenen und gegenwärtige Wahrnehmung überblenden sich. Kunstwerke werden nicht kunsthistorisch erklärt, sondern als Gegenüber erfahren – als stille, widerständige Körper, die Nähe erlauben und zugleich Distanz wahren. Parallel dazu entfaltet sich die Geschichte von Gloria und Bruno, die den antiken Mythos von Salmacis und Hermaphroditos bei Ovid in eine moderne Transformations- und Liebeserzählung überführt. Am Ende bleibt weniger eine abgeschlossene Handlung als ein atmosphärischer Zustand: das Bewusstsein, dass Schönheit, Identität und Erinnerung nur im Modus des Unvollendeten existieren – im Imperfekt. Die Rezension macht deutlich, dass dieses Buch nicht als Museumsreportage zu lesen ist, sondern als poetologisches Experiment. Sie zeigt, wie Reinhardt den Hermaphroditen, Berninis plastische Hybridität und die mythische Metamorphose als Modelle seines eigenen Schreibens nutzt: Der Text selbst wird „hermaphroditisch“, indem er Essay, Roman und Autobiographie verschmilzt. Besonders eindrücklich arbeitet die Besprechung die Spannung zwischen Nähe und Unverfügbarkeit heraus: Der Erzähler kann neben der Statue liegen, sie imaginär zudecken – doch besitzen kann er sie nicht. Auch der Schluss wird als bewusst ernüchternd gedeutet: Mit dem Morgen kehrt die Welt zurück, laut und prosaisch, während die Kunst wieder in ihre marmorne Innerlichkeit versinkt. Die Erfahrung der Nacht bleibt als Nachhall, nicht als Verwandlung.

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Hitlers Visite im leeren Paris: Michel Guénaire

Michel Guénaires „La visite“ (Grasset, 2025) rekonstruiert Hitlers zweistündigen Paris-Besuch am 23. Juni 1940 nicht als historische Episode, sondern als hochkonzentrierten ästhetischen Akt. Der Text zeigt eine entvölkerte Stadt, die Hitler im Morgengrauen durchschreitet wie ein Museum ohne Publikum: Paris erscheint als „toter Stern“, als reine Architektur, losgelöst von sozialem Leben. Guénaire ersetzt Handlung durch Wahrnehmung und macht den Gang, den Blick und das Schweigen zum eigentlichen Stoff der Erzählung. Die Stadt wird zum Maßstab und zum Rivalen, an dem sich Hitlers ästhetische Ambitionen entzünden: Paris wird bewundert, taxiert und zugleich als Herausforderung für das nie realisierte Projekt „Germania“ gelesen. In der Begegnung mit Monumenten wie der Opéra, dem Trocadéro oder dem Invalidendom entfaltet sich der Récit als politisch-ästhetische Studie über Macht, Form und Aneignung, in der Architektur zur Sprache totalitärer Imagination wird. Die Rezension liest „La visite“ als Modellfall autoritärer Herrschaft und analysiert Guénaires Argumentation über den historischen Rahmen hinaus. Sie zeigt, wie der Text Macht nicht psychologisch erklärt, sondern als Wahrnehmungs- und Inszenierungsform freilegt: Hitler erscheint nicht als denkendes Subjekt, sondern als sehende Instanz, umgeben von einem archetypischen Gefolge aus Technikern, Künstlern und Funktionären, die Macht ästhetisch absichern. Die menschenleere Stadt verweigert jedoch die erwartete Resonanz und entlarvt so die Leere totalitärer Gesten. Die Rezension betont besonders die Metapher des „Stummfilms“, mit der Guénaire die Visite als irrealen, nahezu unwirklichen Moment beschreibt – eine friedliche Inszenierung im Zentrum eines Vernichtungskrieges. Aus dieser Perspektive wird „La visite“ zu einer universellen Reflexion über autoritäre Systeme: Nicht der einzelne Diktator steht im Mittelpunkt, sondern die wiederkehrenden Strukturen, Rollen und Bilder, durch die Macht sich selbst hervorbringt – und an einer Welt scheitert, die sich nicht vollständig aneignen lässt.

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Kunst als Arbeit: Dominique Auzel über Gustave Caillebotte

Im Buch Ouvriers, artisans du beau selon Caillebotte (2024) der Buchreihe „Le roman d’un chef d’oeuvre“ unternimmt Dominique Auzel den ebenso ambitionierten wie heiklen Versuch, kunsthistorische Analyse, historische Recherche und literarische Imagination ineinander zu verschränken. Ausgangspunkt ist ein einzelnes Gemälde, Gustave Caillebottes Raboteurs de parquet von 1875, doch rasch wird deutlich, dass dieses Bild weniger als isoliertes Meisterwerk denn als Kristallisationspunkt dient: für Fragen nach Moderne und Realismus, nach Arbeit und Körper, nach sozialer Sichtbarkeit und ästhetischer Würde, schließlich nach der inneren Biografie eines Künstlers, dessen Werk lange im Schatten seiner impressionistischen Weggefährten stand.

Caillebottes Malerei markiert innerhalb der Moderne eine eigentümliche Schwellenposition. Sie steht quer zu den etablierten Erzählungen des Impressionismus, weil sie weder vollständig im Auflösen der Form noch im reinen Primat des Atmosphärischen aufgeht. Vielmehr verbindet Caillebotte eine strenge, fast klassische Kompositionsdisziplin mit der radikalen Wahl moderner Sujets. Seine Stadtansichten, Interieurs und Arbeitsszenen sind durchzogen von klaren Linien, präzisen Perspektiven und ungewöhnlichen Blickwinkeln, die an fotografische oder architektonische Verfahren erinnern. Die Moderne zeigt sich hier weniger als Aufbruch in die formale Unbestimmtheit denn als neue Ordnung des Sehens: Der urbane Raum, der private Innenraum und der menschliche Körper werden als strukturierte, zugleich aber kontingente Erfahrungsfelder erfasst.

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Exponierter Körper und Melancholie der Spur: Joy Majdalani und Robert Mapplethorpe

Die Rezension liest Joy Majdalanis Roman „Le goût des garçons“ (2021) und Essay „Jimmy Freeman“ (2025) als zwei komplementäre Stationen eines konsequenten literarischen Projekts. Der Roman „Le goût des garçons“ ist eine subjektive Erkundung weiblichen Begehrens, das sich im Spannungsfeld von religiöser Erziehung, Schuld und Selbstermächtigung formt. Männliche Figuren erscheinen darin weniger als psychologisch ausgearbeitete Charaktere denn als Projektionsflächen, an denen sich Macht, Fantasie und Transgression erproben lassen. „Jimmy Freeman“ führt diese Motive weiter, verschiebt sie jedoch vom narrativen Risiko des Romans in eine poetisch-essayistische Reflexion: Ausgehend von Robert Mapplethorpes Fotografie von Jimmy Freeman denkt Majdalani Begehren, Objektivierung und Gewalt der Form kunsttheoretisch und existenziell weiter. Der Essay wirkt wie eine Verdichtung und Kommentierung des Romans, in dem sich autobiographische Erfahrung, ästhetische Analyse und ethische Selbstbefragung überlagern. Zentral für den Artikel ist die homoerotische Kunst Robert Mapplethorpes, dessen Werk als Scharnier zwischen klassischer Schönheit und radikaler Körperpolitik gelesen wird, als perfekt geformtes, diszipliniertes Objekt des Begehrens. Zugleich zeigt die Lektüre, dass diese ästhetische Objektifizierung des Körpers immer von einer Melancholie der Spur begleitet ist, denn die Fotografie bewahrt nur den Abdruck eines lebendigen, sterblichen Körpers. In der Spannung zwischen formaler Ewigkeit und körperlicher Vergänglichkeit entfaltet sich bei Mapplethorpe ein Begehren, das ebenso monumental wie tief verletzlich ist. Seine Fotografien stehen für eine Kunst, die den männlichen – insbesondere den schwarzen – Körper zugleich kanonisiert und exponiert und dabei Fragen von Macht, Blick und Unterwerfung unausweichlich macht. Überschattet wird diese Spannung vom Wissen um AIDS und den frühen Tod Mapplethorpes und vieler seiner Modelle, wodurch die Bilder im Rückblick den Charakter eines letzten Aufleuchtens annehmen – verewigt schön, sterblich und unwiederbringlich.

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Nouvelle Vague als Roman: Patrick Roegiers

Patrick Roegiers’ „Nouvelle Vague, roman“ (2023) übersetzt das Denken des Kinos in Prosa, diese erzählt die Nouvelle Vague nicht nach, sondern inszeniert sie neu als ästhetische Bewegung. Statt chronologischer Filmgeschichtsschreibung oder biografischer Porträts entsteht ein cineastisches Gewebe, das Szenen, Räume und Figuren wie Einstellungen einer unsichtbaren Kamera montiert. Roegiers lässt den Leser durch die Redaktionsräume der „Cahiers du cinéma“ treiben, durch die Wohnungen, Drehorte und symbolischen Landschaften, in denen Truffaut, Godard, Chabrol, Rohmer und Varda ihre filmische Sprache erfanden. Historische Fakten, anekdotisches Material und ikonische Filmszenen werden wie found footage in einen größeren literarischen Rhythmus eingespeist, der die Erzählung nicht motivisch festschreibt, sondern als fragile, vibrierende Komposition aus Bildern, Bewegungen und Blicken gestaltet. Die Rezension argumentiert, dass der Roman seine Kraft gerade daraus bezieht, dass er die ästhetischen Prinzipien der Nouvelle Vague selbst performativ in seine Prosa einschreibt. Er wird nicht als Beitrag zur Filmhistoriografie verstanden, sondern als literarische Choreografie, die das Denken der Filmemacher – ihr Misstrauen gegenüber Konventionen, ihre Vorliebe für Fragment, Gegenwart, Improvisation und direkte Beobachtung – in Textform reproduziert. Dabei zeigt die Interpretation, wie Roegiers’ Montageverfahren, seine anachronistischen Begegnungen und die Verschmelzung von dokumentarischem Material und Fiktion jene Offenheit und Beweglichkeit reaktivieren, die die Nouvelle Vague zur ästhetischen Revolution gemacht haben. Die literarische Form wird selbst zum Labor einer frei beweglichen Wahrnehmung, die historische Figuren entmythologisiert, sie zugleich aber in ihrer ästhetischen Radikalität neu sichtbar macht – als Fortsetzung einer Revolte, die nie abgeschlossen war.

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Algerienkrieg, Orestie, Film noir: Serge Raffy

Serge Raffys „L’odeur de la sardine“ (Fayard, 2025) ist ein hybrides Werk, das sich an der Schnittstelle von Kriminalroman, historiographischer Fiktion und politischer Allegorie bewegt. Der rätselhafte Mord am ehemaligen Polizeichef Charles Bayard in Paris entpuppt sich als Katalysator für eine tiefgreifende Reise in die unheilbaren Wunden des Algerienkrieges. Raffy nutzt eine Poetik des „mentir vrai“, um die verdrängten Traumata und die „dunkle Seite des Gaullismus“ freizulegen. Der titelgebende „widerliche Geruch der Sardine“ wird dabei zum durchdringenden Symbol der unentrinnbaren Kriegsschuld und des Posttraumas, das Bayard und die ganze Nation zeitlebens verfolgt. Die Figurenkonstellation – von der wahrheitssuchenden Jeanne Obadia über den Journalisten mit Schreibblockade Rochas bis zum ambivalenten Ermittler Sarda – reflektiert unterschiedliche Positionen im Diskurs über Erinnerung und Schuld. Im Kern ist „L’odeur de la sardine“ ein moderner Algerienroman und kann als Nachspiel zur antiken „Orestie“ gelesen werden, in dem die Suche nach Gerechtigkeit und Sühne die „mauvaise conscience française“ offenbart. Raffy beleuchtet das transgenerationale Schweigen und die „leeren Gräber“ als Metaphern für eine systematisch verdrängte Vergangenheit. Raffy verzichtet auf eine einfache Auflösung des Kriminalfalls und der historischen Schuld. Stattdessen inszeniert er eine vielstimmige, filmisch geprägte Erzählung, die von Film-noir-Ästhetik und der Fragmentierung der Erinnerung geprägt ist. So bleibt der Algerienkrieg als „ungelöster Fall“ bestehen, dessen „Geruch“ in den Seelen und Köpfen über dem Mittelmeer schwebt und eine Versöhnung fordert, die noch aussteht.

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Nackte Realität: zur Neuausgabe des frühen Claude Simon

Claude Simons Roman „La corde raide“ (1947) ist ein Mosaik aus Szenen, Erinnerungen und Reflexionen, die vom Bad im Meer mit der jungen Véra über Kindheitserinnerungen und Kriegserlebnisse bis hin zu kunsttheoretischen Betrachtungen reichen. Das „straff gespannte Seil“ im Titel steht für eine heikle Balance zwischen Vitalität und Todesbewusstsein, zwischen chaotischer Lebenserfahrung und deren künstlerischer Formung. Die 2025 von den Éditions de Minuit in einem Band mit „Le tricheur“ (1945) neu herausgegebenen Frühwerke des Autors, präsentiert von Mireille Calle-Gruber, waren lange vergriffen, da Simon ihre Wiederauflage zu Lebzeiten nicht wünschte. Calle-Gruber deutet die Texte als poetologisches Laboratorium, in dem bereits Montage, Fragmentierung, Simultaneität der Zeiten und Vorrang der Sinneswahrnehmung vor Handlung erkennbar sind – Techniken, die sein späteres Werk prägen. Die Neuauflage schließt eine Lücke in der Werkgeschichte, indem sie diesen Moment der literarischen Entwicklung wieder zugänglich macht (beide Texte fehlen in der Pléiade-Ausgabe). – Der Artikel interpretiert „La corde raide“ als nicht-lineare Erzählung, als assoziatives Netz von Szenen und Leitmotiven, die durch semantische Felder wie Wasser, Licht, Vegetation, Körper und Bewegung verknüpft sind. Kriegserfahrungen werden nicht heroisch, sondern als chaotische, körperlich-sensorische Realität geschildert; Kindheitsszenen dienen als Ursprungsschicht der Wahrnehmung und Kontrastfolie zur existenziellen Gegenwart. Das Spannungsverhältnis von Schein und Realität ist zentral: Simon kritisiert „Fälschung“ in Kunst und Gesellschaft und sucht eine nackte, ungeschminkte Wahrheit, wobei Cézanne als positives Gegenmodell zur akademischen Malerei gilt. Architektur, Farb- und Lichtgestaltung werden wie in der Malerei eingesetzt, um Erinnerung und Wahrnehmung zu strukturieren. Insgesamt wird „La corde raide“ als frühe, aber bereits konsequente Erprobung einer Poetik verstanden, die Wahrnehmung, Erinnerung und Form auf einem „Drahtseil“ zwischen Chaos und Struktur balanciert.

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Walzer der Ruinen: Jean-Jacques Schuhl

Jean-Jacques Schuhls Roman „Ingrid Caven“ (Gallimard, L’Infini, 2000), ausgezeichnet mit dem Prix Goncourt, ist mehr als eine bloße biografische Annäherung an die Künstlerin und Partnerin des Autors. Er lässt sich als eine kulturgeschichtliche Diagnose einer Epoche, ihrer prägenden Themen und der Faszination an einer spezifischen deutschen Mythologie aus französischer Perspektive lesen. Dies umfasst zentrale historische Marker wie den Krieg und die „Stunde Null“, Figuren einer „deutschen Mythologie“ wie Rainer Werner Fassbinder und die Rote Armee Fraktion, sowie das omnipräsente Motiv der „Sehnsucht“. Gleichzeitig ist der Roman in seiner Ästhetik Ausdruck eines dezidierten Literaturverständnisses von Jean-Jacques Schuhl selbst, der seine eigene Rolle und die des Verlegers Philippe Sollers in der literarischen Produktion und Rezeption reflektiert.

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Er ist es, der mich hält: Simon Chevrier

„Photo sur demande“ (Stock, 2025) von Simon Chevrier ist ein autofiktionaler Roman, der das Leben eines jungen Mannes über ein Jahr hinweg beleuchtet. Der Roman wurde mit dem Prix Goncourt du Premier Roman 2025 ausgezeichnet, war auch Finalist für andere Preise. Das Buch zeichnet die prekäre Lebenswelt eines jungen Mannes nach, der zwischen abgebrochenen Studien, Escort-Diensten und einer belastenden familiären Situation taumelt. Diese Existenz mündet in eine tiefe persönliche Krise, ausgelöst durch den fortschreitenden Krankheitsverlauf und Tod seines Vaters während der COVID-Pandemie, was eine intensive Sinnsuche und eine fast obsessive Auseinandersetzung mit der „gelöschten“ Geschichte eines Mannes auf einer Fotografie auslöst.

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Poetiken der Kindheit: Annie Ernaux

Annie Ernaux‘ Poetik der Kindheit ist eine sich entwickelnde, zentrale Dimension ihres Werks, die persönliche Erinnerung untrennbar mit kollektiven, sozialen und historischen Dimensionen verknüpft. Ihre Kindheit im elterlichen Café-Lebensmittelgeschäft in Yvetot prägte ein tiefes Gefühl des „Dazwischenseins“ und der „Zerrissenheit“ – entstanden durch fehlende Privatsphäre, frühe Konfrontation mit Armut und sozialen Unterschieden, die sich in ihrer Privatschulzeit verstärkten und einen Bruch mit dem Herkunftsmilieu bewirkten. Anstatt eine lineare, traditionelle Erzählung der Kindheit zu präsentieren, zerlegt Ernaux ihre Erinnerungen, analysiert die prägenden Einflüsse von Sprache, sozialer Herkunft, Geschlechterrollen und kulturellen Normen und beleuchtet, wie diese Faktoren ihre Identität als Kind und junge Frau formten. Sie ist bemüht, die „unsagbare Szene“ ihrer Kindheit aufzulösen und sie in die Allgemeinheit von Gesetzen und Sprache einzubetten, oft indem sie sich selbst als „Ethnologin ihrer selbst“ präsentiert. Ihre Kindheitsdarstellungen sind daher keine idealisierten oder nostalgischen Rückblicke, sondern scharfe, oft schmerzhafte Untersuchungen, die die Ambivalenz und die sozialen Spannungen ihrer Herkunft offenlegen.

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Entwicklung im Negativ: Audrey Jarre

Audrey Jarres Debütroman „Les négatifs“ (2025) ist nicht nur ein Großstadtroman und eine Erkundung weiblicher Subjektivität, sondern zugleich ein Beitrag zur gegenwärtigen Literatur über das Sehen, Gesehenwerden und die Rolle der Bilder. Die fotografische Metaphorik durchzieht den gesamten Roman. Bereits im Motto – einem Zitat aus Roland Barthes‘ „La Chambre claire“ über die Fotografie als „micro-expérience de la mort“ – deutet Jarre an, dass ihr Text in engem Dialog mit der Bildtheorie steht. Die Fotografie wird nicht nur thematisch verhandelt, sondern strukturell implementiert. Erzählt wird die Geschichte der jungen Französin Alice, die ein Auslandspraktikum in New York absolviert und dort in eine intensive und zunehmend toxische Beziehung mit dem Fotografiestudenten Nathan gerät. Das narrative Grundmotiv des Romans ist das Sichtbar-Werden und zugleich das Sich-Entziehen. Zwischen dem Wunsch, sichtbar zu werden, Teil einer urbanen Bohème zu sein, und der Angst, sich selbst zu verlieren, schwankt Alice in einer Welt aus Kunst, Oberfläche, Emotionalität und Bildlichkeit. Die Beziehung zu Nathan, aber auch zu dessen charismatischer Freundin Léonore, wird zur Projektionsfläche für Alices Unsicherheiten und Sehnsüchte.

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Malerei war also Sprache: Intermedialität bei Elsa Gribinski

Nach eigenem Bekunden schreibt Elsa Gribinski Kurzgeschichten, weil sie dicht und kurz schreibt. Dafür kam sie in die Auswahlliste für den Prix Goncourt de la nouvelle 2024. Die sechzehn Texte, die sie in „Toiles: nouvelles“ (Mercure de France, 2024) gesammelt hat, sind besonders unter intermedialen Gesichtspunkten interessant: Jede Fiktion, oder jede „Leinwand“, thematisiert Malerei in einem ästhetischen Kontext, häufig im Alltagszusammenhang. Elsa Gribinski verwendet für jede Geschichte ein spezifisches künstlerisches und intermediales Verfahren, das mit der Thematik und Ästhetik der Erzählung verknüpft ist. Die Erzählungen setzen sich mit Wahrnehmung, künstlerischer Repräsentation und der Flüchtigkeit von Eindrücken auseinander. Jede Geschichte greift dabei nicht nur eine bestimmte malerische Technik auf, sondern überträgt diese in eine literarische Form, sodass sich das Buch als ein intermediales Experiment lesen lässt.

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Yannick Haenel und Francis Bacon

Die Kunst Francis Bacons ist ein Schrei: Seine Bilder, geprägt von Fleischlichkeit, verzerrten Gesichtern und schattenhaften Existenzen, drücken das Menschliche in einer fragilen, aber auch gewaltträchtigen Form aus. Yannick Haenels literarische Annäherung an Bacons Werk in „Bleu Bacon“ ist ein kompromissloses Eintauchen in die Grundlagen dieser Bilder. Der Text selbst wird zu einer Art performativer Kunst, einer sprachlichen Spiegelung der Bacon’schen Deformationen, Verzerrungen und existenziellen Dringlichkeiten.

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Zoomer à mort: Grégoire Bouillier über Monets Seerosen

Während eines Besuchs im Musée de l’Orangerie in Paris, wo Monets Nymphéas ausgestellt sind, erleidet der Erzähler eine plötzliche Angstattacke. Dieses unerwartete Unwohlsein steht im Gegensatz zur allgemeinen Wahrnehmung dieser monumentalen Werke, die oft als Symbol für Frieden, Meditation und Harmonie verstanden werden. Doch anstatt das Gefühl schnell abzutun, begibt sich Bouillier auf eine obsessive Suche nach dessen Ursache. Der Text wird zu einer Art künstlerischer Detektivgeschichte, in der der Erzähler – in der Rolle des Detektivs Bmore – den Verdacht entwickelt, dass Monet etwas in seinen Bildern verborgen haben könnte. Diese Grundannahme führt zu einer Untersuchung, die sich nicht nur mit der Kunst Monets, sondern auch mit Fragen der Wahrnehmung, der Kunstgeschichte und der historischen Dimension von Kunst auseinandersetzt. Grégoire Bouilliers „Le Syndrome de l’Orangerie“ vereint essayistische Reflexion, detektivische Recherche, autobiografische Erinnerungen und kunstkritische Analysen zu einer außergewöhnlichen Erzählform.

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Diese kaum entworfenen Geschöpfe der Maler

On les distingue à peine tant ils sont petits, au fond de cette majestueuse allée bordée d’immenses cyprès. Sont-ils vraiment là, si infimes dans ce décor qui les écrase ? Et pourquoi le dessinateur a-t-il voulu leur donner cette vie, pour minuscule qu’elle soit ? Entendait-il, de ces silhouettes tout juste identifiables, faire des créatures humaines, des personnages ?

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Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart
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