Inhalt
Zemmour, Éric. La messe n’est pas dite. Paris: Fayard, 2025.
Zemmour, Éric. Je n’ai pas dit mon dernier mot. Paris: Rubempré, 2023.
Zemmour, Éric. La France n’a pas dit son dernier mot. Paris: Rubempré, 2021.
Zemmour, Éric. Destin français. Paris: Albin Michel, 2018.
Zemmour, Éric. Un quinquennat pour rien. Paris: Albin Michel, 2016.
Zemmour, Éric. Le Suicide français. Paris: Albin Michel, 2014.
Zemmour, Éric. Mélancolie Française. Paris: Fayard, 2010.Crenne, Emmanuel. L’étrange destin d’Eric Zemmour. Paris: Muller éditions, 2024.
Girard, Étienne. Le radicalisé: enquête sur Éric Zemmour. Paris: Éditions du Seuil, 2021.
Ibn Najiallah, Mohammed. Les fables d’Eric Zemmour: autopsie d’un sophiste. Paris: Europa Éditions, 2023.
Joly, Laurent. La falsification de l’histoire: Éric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs. Paris: Bernard Grasset, 2022.
Noiriel, Gérard. Le venin dans la plume: Édouard Drumont, Éric Zemmour et la haine des autres. Paris: La Découverte, 2019.
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Zemmours christlich-jüdisches Frankreich als Einschränkung der Freiheitsrechte
Après la messe, le diable danse. (Sprichwort)
Zemmours Buch ist weniger eine Verteidigung des christlichen Erbes als ein politisches Programm zur autoritären Rechristianisierung Europas. „Nach der Messe tanzt der Teufel“, lautet ein französisches Sprichwort. Es bedeutet, dass selbst nach einer öffentlichen Demonstration von Frömmigkeit oder gutem Benehmen (symbolisiert durch die Messe) eine Person schnell wieder in schlechte Gewohnheiten, unmoralisches Verhalten oder verbotene Vergnügungen zurückfallen kann. Es warnt so vor Heuchelei oder deutet an, dass gute Absichten und Tugendhaftigkeit oft nicht von Dauer sind.
Zemmour baut für seine Pläne dezidiert auf die Jugend, gerade weil sie kein religiöses oder kulturelles Erbe erhalten habe. Sie sehnt sich laut Zemmour nun nach Regeln, Disziplin, Gemeinschaft und Sakralität, welche der „narzisstische und nihilistische Individualismus“ ihrer Eltern verwehrt habe. Auch wenn der Titel von Éric Zemmours Buch, La messe n’est pas dite (Die Messe ist noch nicht gelesen), signalisiert, dass der Überlebenskampf für die christliche Zivilisation noch nicht entschieden sei, bedeutet sein Modell einer katholischen Basis für Frankreich und Europa doch eher, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, da die von ihm vorgeschlagene Rettungsmethode die liberalen Grundprinzipien des christlichen Westens selbst untergräbt. Zemmour fordert u.a. die Europäer auf, den „Universalismus, der zum Humanitarismus verkommen ist“ aufzugeben, und die christlichen „Formen“ mit Zwang wiederherzustellen und allen, die auf dem Kontinent leben, aufzuerlegen, etwa durch Zwangs-’Remigration’ nicht assimilationswilliger Muslime. Er ist also bereit, die inneren Prinzipien der individuellen Freiheit und des Rechtsstaates zugunsten eines autoritären, identitären Staatszwangs aufzugeben, wodurch er das liberale Erbe des Christentums durch einen „virilen, männlichen Katholizismus“ ersetzen will, der nur wenig „durch die Friedensbotschaft der Evangelien gemildert“ werde. 1
Zemmour wirft dem Islam vor, eine zutiefst theokratische Zivilisation zu sein, da dieser die „ununterscheidbare Einheit des Spirituellen und des Weltlichen“ („l’union indiscernable du spirituel et du temporel„) darstelle und das „Reich eines Dogmas“ sei. Der Islam sei eine Orthopraxie, in der die Scharia (das heilige Gesetz) das laizistische Gesetz vollständig negiere und das Leben jedes Einzelnen regle. Ihm scheint selbst nicht aufgefallen zu sein, dass das eigene vorgeschlagene Programm zur „rechristianisation“ selbst stark autoritäre und identitär-totalitäre Züge aufweist, die den Kern des theokratischen Zwangs imitieren, wenn auch im Namen der nationalen Identität und nicht direkt im Namen Gottes. Am radikalsten ist seine Forderung, die Prinzipien des „heiligen Rechtsstaates“ (sacro-saint ‚État de droit‘) neu zu bewerten, um das Überleben der Zivilisation zu gewährleisten.
Obwohl Zemmour die christliche Theologie der Trennung zwischen Glauben und Gesetz nutzt, um die theokratische Natur des Islam zu diskreditieren, resultiert sein eigener politischer Ansatz in der Erzwingung einer kulturell-religiösen Homogenität durch staatlichen Zwang. Funktional betrachtet würde der Staat, der die Bekehrung des Individuums zu einem bestimmten kulturellen und identitären Modell erzwingt – notfalls durch die Aussetzung des Rechtsstaates – ein identitäres Zwangssystem schaffen, das in seinen Auswirkungen (nicht nur) auf die individuelle Religionsfreiheit der Totalität dessen, was er dem Islam vorwirft, nahekommt.
Als historische Vorform dessen, was Zemmour später als „Remigration“ von nicht hinreichend assimilierten Muslimen aus Frankreich fordert, fällt uns die von Philipp III. verordnete Vertreibung der Morisken aus Spanien (1609–1614) ein (also jener zwangsweise christianisierten ehemaligen muslimischen Bevölkerung und ihrer Nachkommen), eine Vertreibung, die Menschen in enormer Zahl aus Spanien entfernte, um die Gesellschaft ethnisch-religiös zu homogenisieren.

Die Vertreibung der Muslime und später der Morisken aus Spanien hatte tiefgreifende langfristige negative Folgen für das Land, insbesondere in wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht. Auf wirtschaftlicher Ebene führte der Verlust von schätzungsweise 275.000 bis 300.000 produktiven Morisken – oft geschickte Landwirte, Handwerker und Spezialisten für Bewässerungstechniken – zur Verödung fruchtbarer Landstriche, besonders in Valencia und Aragonien, und senkte die landwirtschaftliche Produktivität nachhaltig, was den ökonomischen Niedergang Spaniens im 17. Jahrhundert verschärfte. Kulturell beendete die Vertreibung die über Jahrhunderte gewachsene multikulturelle Vielfalt (Convivencia), zugunsten einer erzwungenen homogenen, intoleranten katholischen Staatsidentität, die durch das Ideal der limpieza de sangre (Reinheit des Blutes) geprägt war und auf lange Sicht gesellschaftliche Innovation und Offenheit hemmte.
Argumentationsgang
Éric Zemmours La messe n’est pas dite verfolgt eine klar strukturierte, ideologisch aufgeladene Argumentationslinie, die sich um die zentrale These dreht, dass die europäische Zivilisation ohne das Christentum dem Untergang geweiht sei. Im Auftaktkapitel L’Europe est mortelle skizziert er diese These mit apokalyptischen Bildern von Kirchenleerstand, Christenverfolgung und der „akzeptierten Islamisierung Europas“. Darauf aufbauend entwickelt er in Foi et loi und Naissance de l’individu eine zivilisatorische Kausalität: Das Christentum hat laut Zemmour nicht nur das Individuum geschaffen, sondern auch den europäischen Universalismus und die moderne Staatsordnung geprägt. Die Argumentation verbindet historische Exempel, theologische Differenzierungen und kulturpessimistische Überlegungen, wobei der Islam als totalitäres Gegenprinzip konstruiert wird. In Tous coupables verschiebt Zemmour den Fokus auf die innere Schwächung Europas durch „Schuld- und Woke-Kult“, die er als Verbündete der Islamisierung interpretiert. Mit L’inversion entre le christianisme d’Occident et celui d’Orient liefert er ein historisches Vergleichsschema: Zemmour argumentiert, das westliche Christentum sei heute durch Schuldgefühle „entwaffnet“ und daher einer islamischen Bedrohung machtlos ausgeliefert. Zur Begründung zieht er eine historische Parallele zum Ostchristentum des 7. Jahrhunderts, das er als pazifistisch und konfliktscheu beschreibt und das dem Islam deshalb unterlegen sei. Heute jedoch hätten die Nationen Osteuropas aufgrund jahrhundertelanger Konfrontation mit dem Osmanischen Reich „Antikörper“ gegen eine islamische Invasion entwickelt und dienten als Vorbilder eines widerständigen Nationalbewusstseins. Daraus leitet Zemmour die Zuspitzung ab, Westeuropa müsse sich entweder an diesem autoritären osteuropäischen Modell orientieren oder wie das historische Ostchristentum im Niedergang gegenüber dem Islam enden.
In den Kapiteln La grande alliance pour sauver la chrétienté und Rechristianisation de l’Europe kulminiert Zemmours Argumentation in einem politischen und sozialen Handlungsimperativ: Die Rettung Europas liege im gemeinsamen Interesse zwischen traditionalistischen Katholiken und assimilierten Juden, flankiert von Remigration und restriktiver Laizität. Die Wiederherstellung christlicher „Formen“ – Kultur, Architektur, Gesetzgebung – wird als unabdingbar für den Erhalt europäischer Identität dargestellt. Kritisch betrachtet stützt sich Zemmour auf selektive historische, theologische und demografische Beispiele, die stark ideologisch gefärbt sind und komplexe soziale, ökonomische und religiöse Dynamiken stark vereinfachen. Seine Rhetorik arbeitet mit Polarisierung, Schuldzuweisung und der Konstruktion eines existenziellen Feindes, wodurch die wissenschaftliche Überprüfbarkeit seiner Thesen eingeschränkt ist. Die argumentative Strategie bleibt somit überwiegend normativ-dogmatisch: Europa wird als christlich definierte Zivilisation idealisiert, während Islam, Woke-Kultur und postkoloniale Kritik als Bedrohung stilisiert werden.
Zwangsassimilation
In seinen früheren Werken, wie Destin français (2018), legt Zemmour den Schwerpunkt auf die historischen und kulturellen Wurzeln Frankreichs, wobei er den Katholizismus als grundlegend für die nationale Einheit und das Konzept des modernen Individuums hervorhebt. Laut Zemmour wird das Modell für eine erfolgreiche Integration des Judentums in die französische Nation durch die Figur des Israeliten verkörpert, der seine Religion als rein private Angelegenheit („Juif à la maison, Français dans la rue“) praktiziert. Dieses Ideal stützt sich auf die Forderung von Clermont-Tonnerre von 1789, wonach Juden als Nation alles verweigert, als Individuen jedoch alles gewährt werden müsse. Dieses historische Modell der Assimilation dient Zemmour als Argumentationsbasis, um zu fordern, dass Muslime eine „individualistische und spiritualistische Mutation“ vollziehen müssen, notfalls erzwungen durch den Staat, ähnlich der „eisernen Hand Napoleons“ gegenüber dem Sanhedrin.
In seiner späteren Argumentation, insbesondere während und nach der Präsidentschaftskampagne (z. B. in La France n’a pas dit son dernier mot, 2021), rückt Zemmour die unmittelbare demografische und kulturelle Bedrohung ins Zentrum, oft formuliert als Grand Remplacement („Große Umvolkung“). Die Verbindung zwischen Judentum und Katholizismus wird hier primär durch die gemeinsame existenzielle Notwendigkeit der Selbstverteidigung begründet. Er konstatiert, dass die Islamisierung der Vororte (Banlieues) die dort lebende jüdische Jugend aus den antirassistischen Illusionen der 1980er Jahre gerissen habe, wodurch sie nun die gemeinsamen identitären Anliegen mit konservativen Katholiken teile. Um die Verteidigung der französischen Identität zu untermauern, fordert er konkrete Maßnahmen der kulturellen Assimilierung, darunter das Verbot „koranischer Vornamen“, das Verbot von Verschleierung im öffentlichen Raum und die Remigration derer, die sich weigern, die französische Zivilisation anzunehmen.
Forderungen
Ein neuer Akzent wird in seinem jüngsten Werk La messe n’est pas dite gesetzt. Der Titel signalisiert die Hoffnung auf eine Wiederbelebung der christlichen Identität. Zemmour forciert die Verbindung zwischen Juden und traditionellen Katholiken. Er diagnostiziert eine Inversion der historischen Rollen: Für Zemmour hat das europäische (katholische) Christentum seine virile Verteidigungshaltung zugunsten eines übertriebenen Universalismus und Humanitarismus aufgegeben und ähnele nun dem pazifistischen Ost-Christentum, das dem Islam unterliegen musste. Obwohl Zemmour selbst keinen katholischen Glauben für sich beansprucht, bekräftigt er den Katholizismus als politischen und kulturellen Schutzwall Frankreichs.
Zusätzlich zu symbolischen Maßnahmen (zur Vorherrschaft christlicher Formen) fordert Zemmour konkrete juristische Schritte, um die Assimilationskraft des Staates zu stärken und die demografische Dynamik zu korrigieren. In seiner Programmatik gehört dazu die Wiederbelebung des napoleonischen Gesetzes von 1803, das die freie Wahl des Vornamens untersagte und vorschrieb, dass Neugeborene nur „französische Vornamen“ (aus dem christlichen Kalender oder der antiken Geschichte) tragen dürfen, wodurch „koranische Vornamen“ verboten würden. Des Weiteren müsse die napoleonische Strenge bei Eheschließungen wiederhergestellt werden, um sicherzustellen, dass zivile Eheschließungen vor religiösen Zeremonien stattfinden, insbesondere angesichts der Praxis mancher Muslime, die nur vor dem Imam heiraten, was Polygamie ermögliche.
Die Migrationspolitik muss laut Zemmour drastisch verschärft werden, um die „Invasion und Kolonisierung“ des Landes zu stoppen. Er fordert die Abschaffung des „droit du sol“ (Geburtsortprinzip), die Beendigung des Familiennachzugs („regroupement familial“) und eine strikte Begrenzung des Asylrechts. Er beabsichtigt, verurteilten Doppelstaatsbürgern die französische Staatsangehörigkeit abzuerkennen. Um diese radikalen Maßnahmen umzusetzen und dem „Putsch der Richter“ entgegenzuwirken, müssten die Gesetze per Referendum verabschiedet werden, und die Autorität des Verfassungsgerichts sowie des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) müsste in Migrationsfragen beschnitten werden.
Darüber hinaus zielt Zemmours christliches Frankreich auf eine moralische und kulturelle Wende ab. Er will den „pädagogistischen“ Ansatz in der Bildung beenden und die „Gender-Theorie“ bekämpfen. Die Gesellschaft dürfe nicht länger vom „Individualismus narzisstischer und nihilistischer“ Eliten dominiert werden, die traditionelle Strukturen wie Familie und Nation zu Gunsten einer „totalitären“ und unkontrollierbaren Freiheit zerstörten. Das Ziel ist die Wiederherstellung einer „virilen“ christlichen Kultur, die den inneren und äußeren Feinden standhält.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Zemmours christliches Frankreich eine souveräne Nation wäre, die durch die Wiederherstellung der katholischen Autorität und die Beseitigung des inneren Feindes (exzessiver Liberalismus und Islam) gerettet wird. Die Wiederherstellung der Freiheit für die französische Nation erfordert die Einschränkung der Freiheiten anderer und die Unterordnung des Rechts unter die Staatsräson. Dies würde die „Wiederherstellung der Monarchie“ der Werte bedeuten, in der Staat und Recht den Interessen der Nation dienen und den kulturellen Erhalt gewährleisten.
Kritikpunkte
Zemmours Strategie im jüngsten Buch wird kritisiert, da sie den Laizismus instrumentalisiert. Die französische Laïcité, die ursprünglich die Trennung von Staat und Kirche gewährleisten sollte, wird von ihm zu einem Instrument zur Verteidigung der christlichen Vormachtstellung umfunktioniert. Er sieht die Laïcité als notwendigen Verbündeten, um „jede religiöse Äußerung, wie den Schleier, nicht nur in der Schule, sondern auch an der Universität und im öffentlichen Raum“ zu verbieten, und um den Bau von „Kathedralmoscheen“ zu verhindern. Kritiker argumentieren, dass dies eine „antirepublikanische“ Politik sei, da sie die Prinzipien der Neutralität zugunsten einer kulturellen Christianisation des öffentlichen Raumes aufgibt.
Darüber hinaus wird Zemmours Vorgehen von Kritikern als intellektuell unehrlich und manipulativ verurteilt. Sein Gebrauch seiner jüdischen Identität scheint ihn dahingehend zu immunisieren, extremistische anti-islamische Positionen vertreten zu können, ohne als „rassistisch“ oder „Nazi“ gebrandmarkt zu werden. Er wird des Sophismus bezichtigt, indem er tendenziös Textstellen des Korans (z. B. zur soumission oder Apostasie) isoliert und als Aufruf zur Gewalt interpretiert, während er ignoriert, dass ähnliche Forderungen nach Unterwerfung oder strenge Strafen auch in der Torah oder historischen jüdischen Texten existieren. Diese Dämonisierung des Islam dient dazu, den Islamo-Gauchisme – die angebliche Verbindung der Linken mit dem Islam – als Feind zu festigen und die „Allianz der Zerstörer“ der europäischen Zivilisation zu konstruieren.
Eric Zemmours Buch La messe n’est pas dite: pour un sursaut judéo-chrétien (Die Messe ist noch nicht gelesen: für einen jüdisch-christlichen Aufschwung) ist im Wesentlichen ein identitäres und zivilisatorisches Manifest. Zemmour setzt darin seine Reflexion über die Geschichte und Zukunft Frankreichs der vorangegangen Bücher fort. Er vertritt die Ansicht, dass Europa nur gerettet werden könne, wenn es zu seinen christlichen Wurzeln zurückfindet. Zemmour postuliert, dass „Frankreich ohne das Christentum nicht mehr Frankreich ist.“ Mit dem jüngsten Werk vollzieht Zemmour einen Wandel von früheren eher soziopolitischen und demographischen Themen hin zu einer zivilisatorischen, identitären Religions-Metapolitik. Religion – konkret das Christentum – wird von ihm nicht (mehr) nur als moralischer Rückgriff verstanden, sondern als zentrales Identitäts- und Zivilisationsfundament.
Zemmour vergleicht Christentum, Judentum und Islam: Das Christentum beruht ihm gemäß auf Glauben und ermögliche eine spirituelle Freiheit, da der innere Glaube nicht kontrollierbar sei. Das Judentum erlaubt laut Zemmour Diskussionen über Glaubensinhalte, habe aber strikte Vorschriften in der Praxis. Der Islam dagegen lasse weder Diskussion über Glaubensinhalte noch über Praxis zu und sei so besonders restriktiv und autoritär. Diese Differenz sieht er als wesentlichen Grund für die Probleme, die der Islam in westlichen Gesellschaften bereite.
Hier legt Zemmour freilich ungleiche Standards bei der Bewertung der heiligen Schriften an. So enthält die Tora selbst strengere Gesetze für Ungläubigkeit und fordert ebenfalls die Todesstrafe für Apostasie und Blasphemie. Das jüdische Gesetz verlangt sogar, dass ein Israelit, der andere zur Anbetung fremder Götter verleitet, getötet wird, selbst wenn es sich um Familienmitglieder handelt. Zemmour kritisiert die Ungleichheit in der muslimischen Gesellschaft (z. B. zwischen Freien und Sklaven oder Männern und Frauen), ignoriert jedoch, dass ähnliche Ungleichheiten in den Texten des Judentums und der Bibel existieren. Die Behauptung, der Islam sei eine „Eroberungsreligion“, kann ebenso durch Zitate aus der Bibel über Missionierung und aus der Torah, die den Israeliten die Eroberung von Ländern und die Vernichtung von Völkern gebietet, auf das Judentum angewandt werden. Zemmour ignoriert die historische Toleranz der muslimischen Welt gegenüber Juden und Christen. Diese Minderheiten genossen in der muslimischen Welt, beispielsweise während des Mittelalters in Andalusien oder unter den Abbasiden, oft eine bessere Stellung als die in der zeitgenössischen europäischen Gesellschaft. Die christliche Betonung der inneren Freiheit (Glaube vor Gesetz) wird idealisiert, wobei ignoriert wird, dass das Christentum erst schrittweise den Individualismus entwickelte. Zudem erfolgte die notwendige Abtrennung des Christentums von der jüdischen Orthopraxie selbst unter großen dogmatischen Kämpfen. Das von Zemmour beklagte moderne, übersteigerte humanitäre „Liebe den Anderen“-Christentum ist paradoxerweise selbst ein Ergebnis der post-konziliaren Entwicklung des Universalismus, die Zemmour als Schwächung der europäischen Identität ansieht.
Die polemische Dämonisierung des Islam dient dazu, die Mobilisierung gegen die innere und äußere Bedrohung zu rechtfertigen. Indem der Islam als die „vollständigste Negation Europas“ und als einzigartig totalitäres System dargestellt wird, kann er zum Hauptfeind erklärt werden. Die Vision von Eric Zemmour für ein christliches Frankreich zielt darauf ab, die nationale Identität Frankreichs wiederherzustellen, indem sie deren untrennbare Verbindung mit dem Katholizismus (ergänzt durch das griechisch-römische Erbe und die jüdische Moral) bekräftigt. Zemmour argumentiert, dass die französische Zivilisation und ihre Existenz selbst nur durch eine tiefe Verwurzelung im Christentum gesichert werden können, da die Franzosen die Evangelien „im Mark“ tragen, unabhängig von ihrer individuellen Frömmigkeit. Dieses Projekt ist eine kulturelle Revolution und ein Kampf um die Zivilisation (Kulturkampf), der die Wiederherstellung einer starken christlichen Identität fordert, um die „Formen“ Europas zu bewahren, die durch den exzessiven Individualismus und die Islamisation bedroht seien.
Clément Guillou betont in Le Monde (23.10.2025), wie Zemmour in seinem Buch und in seinen Vorträgen eine weitere Radikalisierung seines Denkens vornimmt und dabei systematisch die zentralen Prinzipien des Christentums – Nächstenliebe, Universalismus, Dialogorientierung – als Schwäche denunziert und durch ein aggressiv identitäres Programm ersetzt. Der Artikel verweist dabei auf kritische Gegenstimmen, etwa von Jean de Saint-Cheron, die Zemmours Position als dezidiert antichristlich und zutiefst gewaltorientiert bewerten. Zemmour fordert stattdessen einen identitär verstandenen Pakt zwischen Juden und Christen, die sich von ihren „verräterischen“ offiziellen Repräsentanten lösen müssen. Zemmour präsentiert für Guillou sein Weltbild in Nähe zum amerikanischen katholischen Identitarismus rund um J. D. Vance und der Trump-Sphäre, publiziert in konservativ-religiösen Magazinen und argumentiert mit geschichtspolitischen Analogien, die den Islam auf die Ebene kommunistischer oder nationalsozialistischer Totalitarismen stellen.
Während Zemmour 2018 noch zwischen kirchlicher Institution und christlichem Glaubensinhalt unterschied, attackiert er nun dezidiert sowohl die katholische Kirche als auch die jüdischen Institutionen. Laut dem Artikel macht er sie dafür verantwortlich, gegenüber dem Islam „naiv“ und „universalistisch“ aufzutreten und damit einer vermeintlichen „islamischen Eroberung Europas“ Vorschub zu leisten. und sich einer angeblichen Bedrohung durch einen Schulterschluss von „Islam und Wokismus“ entgegenstellen sollen.
Laizismus und religiöse Kooperation in der Fünften Republik
Je suis, comme chef de l’Etat, garant de la liberté de croire et de ne pas croire, mais je ne suis ni l’inventeur ni le promoteur d’une religion d’Etat substituant à la transcendance divine un credo républicain. (Emmanuel Macron)
Als Staatsoberhaupt bin ich Garant für die Freiheit zu glauben oder nicht zu glauben, aber ich bin weder der Erfinder noch der Förderer einer Staatsreligion, die die göttliche Transzendenz durch ein republikanisches Credo ersetzt.
Präsident Macron definierte in seinem Discours du Président de la République devant les Evêques de France (9. April 2018) seine Rolle als Staatsoberhaupt als Garant der Glaubensfreiheit und grenzt sich gleichzeitig vom aggressiven Laizismus ab, der versucht, die göttliche Transzendenz durch ein „republikanisches Credo“ zu ersetzen. Die Strategien der französischen Präsidenten seit Beginn der Fünften Republik zeigen einen Wandel in der Interpretation der Laïcité: von der kulturellen Integration des Christentums als nationales Erbe über Phasen der strikten Neutralität bis hin zur pragmatischen „Laïcité Positive“ und dem aktuellen Kampf gegen den Separatismus. Charles de Gaulle (1958–1969) leitete diesen Wandel ein, indem er den Katholizismus entpolitisierte und ihn als kulturellen Pfeiler der nationalen Grandeur neu interpretierte. Er sah Kräfte wie den Katholizismus im vornehmsten Interesse der Nation. Indem er den historischen Titel Frankreichs als „la fille aînée de l’église“ (die älteste Tochter der Kirche) reaktivierte, etablierte De Gaulle das christliche Erbe als identitäre Klammer, ohne die juristische Neutralität des Gesetzes von 1905 zu verletzen. Diese Strategie ermöglichte es ihm, konservative Wähler zu binden und das kulturelle Gedächtnis der Nation zu feiern.
Die Phase der Konsolidierung und Verteidigung (1969–2007) war geprägt von anfänglicher Neutralität und späterer defensiver Härte. Die Präsidenten Georges Pompidou (entstammte einem katholischen, aber nicht streng praktizierenden Milieu), Valéry Giscard d’Estaing (verkörperte eine liberal-republikanische Haltung, der seinen Katholizismus als Privatsache behandelte) und François Mitterrand konzentrierten sich auf die juristische Stabilität des neutralen Rahmens der Laïcité. Die pragmatische Entscheidung Giscards im Jahr 1975, den Familiennachzug von Algeriern zu genehmigen, legte ein Fundament für die signifikante Zunahme der muslimischen Bevölkerung, was die Laïcité unter andere Formen des Drucks setzte. Mitterrand stammte aus einer streng katholischen, bürgerlich-konservativen Familie, in der religiöse Praxis – regelmäßiger Kirchgang, Gebete, kirchliche Feste – selbstverständlich war. Mitterrand besuchte ein katholisches Internat und engagierte sich in seiner Jugend in katholischen Gruppen wie der Jeunesse étudiante chrétienne (JEC). Diese frühe, intensive religiöse Sozialisation prägte ihn zunächst stark – zeitweise erwog er offenbar sogar den Priesterberuf –, doch entwickelte er später eine kritische Distanz gegenüber der institutionellen Kirche. Als Reaktion auf die wachsende Sichtbarkeit religiöser Praktiken (als Communautarisme bezeichnet) kehrte Jacques Chirac (1995–2007) zur rigiden Trennung zurück, zu einer defensiven Laïcité. Chirac (der durch die Mutter katholisch erzogen worden war) verstand jegliche religiöse Sichtbarkeit im öffentlichen Raum als Bedrohung für die Einheit der Republik und kulminierte im Gesetz von 2004, das auffällige religiöse Zeichen in Schulen verbot.
Ein entscheidender Paradigmenwechsel erfolgte unter Nicolas Sarkozy (2007–2012), der das Konzept der „Laïcité Positive“ einführte. Sarkozy brach offen mit der strikten Distanz des Gesetzes von 1905 und argumentierte, dass die Republik Religion nicht ignorieren, sondern als sozialen Partner sehen müsse, um moralische und soziale Probleme zu lösen. Seine zentrale Aussage in der Lateranbasilika 2007, dass es im „Interesse der Republik“ sei, dass es viele Gläubige gäbe, schockierte die säkulare Öffentlichkeit, da sie suggerierte, dass Glaube die Staatsbürgerschaft begünstige. Sarkozy lieferte eine utilitaristische Rechtfertigung: Religionen liefern gesellschaftlichen Mehrwert (Moral, Hoffnung), den der säkulare Staat nicht reproduzieren kann (dieses Prinzip wird in Deutschland häufig auf Böckenförde bezogen). Er sah keinen Grund mehr für strikte Neutralität, da die katholische Kirche die Republik akzeptierte, und plädierte für eine wohlwollende Anerkennung zur Bewältigung der neuen Integrationskrisen u.a. des Islam.
In der jüngsten Ära (Hollande und Macron) hat sich die Strategie im Angesicht terroristischer Anschläge und der Debatte um den „islamischen Separatismus“ weiter zugespitzt. François Hollande (2012–2017) ist selbst Atheist und sieht den Laizismus als ein Prinzip der Freiheit des Glaubens und der Nicht-Glaubens und des Zusammenhalts der Gesellschaft; er versuchte, einen „Islam à la française“ zu fördern, um den Einfluss ausländischer Finanzierung zu unterbinden, was jedoch Schwierigkeiten aufzeigte. Emmanuel Macron (seit 2017) setzt diesen Pragmatismus fort. Macron, der in einer nicht-religiösen Familie aufwuchs, entschied sich im Alter von zwölf Jahren, sich taufen zu lassen. 2 Obwohl er als Präsident einer laizistischen Republik Gottesdiensten grundsätzlich fernbleibt, glaubt er, dass die französische Gesellschaft durch die Kirche und den Katholizismus „vertikal geprägt“ wurde. Er nutzt das christliche Erbe weiterhin als kulturellen Anker zur Stabilisierung der Republik in Zeiten der Identitätskrise. Gleichzeitig schärft er die Laïcité als juristisches Schwert gegen den Communautarisme und die als Bedrohung empfundene religiöse Fragmentierung. Die moderne Notwendigkeit der Kooperation ist ein Eingeständnis, dass die starre, neutrale Laïcité nicht ausreichte, um starke neue religiöse Identitäten in das republikanische Projekt zu integrieren, weshalb die Republik nun pragmatisch die religiösen Akteure als soziale Partner behandelt.
Neue rechte Strategien
Zemmours Umdeutungen der französischen Identität stehen im Gegensatz zur präsidentiellen Kontinuität der Fünften Republik, die seit Charles de Gaulle eine kulturelle Anerkennung des christlichen Erbes mit dem juristischen Rahmen der Neutralität einer Trennung von Staat und Kirche zu vereinen suchte. Während Präsidenten wie De Gaulle, Sarkozy und Macron das christliche Erbe als „kulturellen Anker“ und stabilisierendes Element nutzten, radikalisiert Zemmour diese kulturelle Betonung zu einer totalitären, ausschließenden Identitätspolitik. Zemmours Ansatz, der die Ausweisung von Muslimen als „eisernes Gesetz“ fordert, ist insofern schädlich für die republikanische Kohäsion, als er die moralische Grundlage der modernen Integrationspolitik, die auf dem Schutz von Minderheiten und dem Universalismus der Menschenrechte basiert, frontal angreift. Er lehnt den post-konziliaren Humanitarismus der Kirche ab, den er als Ursache für die „Islamisation“ und die „Schuldkultur“ der europäischen Eliten betrachtet, und versucht, die Laïcité nicht als neutrale Trennung, sondern als „Waffe“ zur Verteidigung katholischer „Formen“ (z.B. Bauverbot von Moscheen) einzusetzen. Indem er seine jüdische Herkunft als Autorisierung nutzt und die vollständige Anpassung an das individualistische christliche Modell erzwingen will, widerspricht er dem republikanischen Ideal, das das Judentum historisch als loyalen Verbündeten geschützt hat, der nie als antirepublikanische Kraft galt.
Für künftige Präsidenten bleibt es m.E. notwendig, Zemmours radikale Abkehr vom Rechtsstaat entschieden abzulehnen und stattdessen den pragmatischen Pfad der „Laïcité Positive“ fortzusetzen. Die strikte, neutrale Laïcité der Chirac-Ära (vor 2007) ist darin gescheitert, neue, starke religiöse Identitäten (Islam) in das republikanische Projekt zu integrieren, was zur Fragmentierung (Kommunitarismus) führte. Zukünftige Staatschefs müssen die Strategie Macrons beibehalten, das christliche Erbe als kulturellen Anker zu nutzen, um die Nation zu stabilisieren, während sie gleichzeitig die Laïcité als „juristisches Schwert“ zur Bekämpfung von Separatismus und externer Finanzierung schärfen. Das Ziel muss die Förderung staatskonformer Religionen („Islam à la française“) und damit auch der soziale Zusammenhalt sein, indem sie religiöse Akteure als notwendige Partner zur Stärkung der Moral und zur Prävention von Radikalisierung behandeln. Nur durch die Beibehaltung der individuellen und bürgerlichen Freiheiten, die Zemmour für die Ausweisung aufgeben will, kann die Republik ihren Zusammenhalt in einer multireligiösen Realität gewährleisten und das Vermächtnis des christlich begründeten Individualismus bewahren.
Soweit ich sehe, erwähnt Zemmour Nicolas Sarkozys spezifischen Vorstoß der „Laïcité Positive“ oder dessen zentrale Aussage in der Lateranbasilika in den vorliegenden Auszügen seines Buches La messe n’est pas dite nicht. Zemmour kritisiert indirekt die Haltung, die Sarkozy vertrat: Zemmour argumentiert, dass die post-konziliare Kirche und der „Humanitarismus“ Europas, der auf einem übersteigerten Universalismus beruht, die „Islamisation“ aktiv begünstigt haben. Dies steht im Gegensatz zu Sarkozys utilitaristischer Auffassung, dass Religionen (einschließlich des Katholizismus) „gesellschaftlichen Mehrwert“ liefern. Während Sarkozy die Laïcité für eine wohlwollende Anerkennung der Religion als Mittel zur Förderung der sozialen Kohäsion nutzen wollte, fordert Zemmour, dass die Laïcité eine „Waffe“ („arme de guerre“) sein müsse, um die christlichen „Formen“ zu verteidigen und gegen den Islam durchzusetzen.
Die historischen Positionen des Front National (FN) unter Jean-Marie Le Pen waren durch einen integralistisch-katholischen und offen antisemitischen Kurs gekennzeichnet. Der frühe FN lehnte die Laïcité im Wesentlichen ab und strebte eine privilegierte kulturelle Rolle für das Christentum als integralen Bestandteil der französischen Nation an. In dieser Ära diente der Antisemitismus als ideologischer Markenkern, wobei Le Pen den Holocaust als „Detail der Geschichte“ relativierte. Die Republik hatte das Gesetz von 1905 jedoch gerade deshalb erlassen, um die kirchliche Macht zu brechen und antisemitische Strömungen, die in Teilen des traditionalistischen Katholizismus verwurzelt waren, zurückzudrängen. Mit der Dédiabolisation unter Marine Le Pen (MLP) vollzog das Rassemblement National (RN) einen strategischen Bruch. MLP entfernte sich vom Antisemitismus und positionierte den Katholizismus nur noch als kulturelles und zivilisatorisches Erbe der Nation, das durch die Laïcité geschützt werden müsse.
Der zentrale Wandel des RN lag in der strategischen Instrumentalisierung der Laïcité. Der RN interpretiert den Säkularismus nicht als Trennung, sondern als Schutzwall gegen den als Bedrohung empfundenen Kommunitarismus und die Einwanderung. Die Laïcité dient hier fast ausschließlich als Waffe zur Stigmatisierung und Einschränkung der Religionsausübung des Islam, während gleichzeitig das Judentum vom Feind zum strategischen Alliierten in einem Zivilisationskampf aufgewertet wurde. Die RN-Führung (Marine Le Pen und Jordan Bardella) verfolgt durch diese Neupositionierung (z. B. Bardellas aktive Verbindung mit Israel) primär das Ziel der politischen Legitimität und Regierungsfähigkeit, indem sie den Fokus vom ethnischen Antisemitismus auf den islamistisch getriebenen Antisemitismus verschiebt.
Für Bardella und die von ihm in seinen beiden Büchern porträtierten Personen ist die Christenheit untrennbar mit der Geschichte, dem Erbe, der Kunst und dem Denken Frankreichs verbunden. Die Verwahrlosung etwa ländlicher Kirchen und Denkmäler wird als Symptom der staatlichen Vernachlässigung und als „große und elende Erbärmlichkeit“ empfunden, was eine tief sitzende nationale und moralische Schuld der Elite widerspiegle. Hinsichtlich des Judentums konzentrieren sich die Bezüge hauptsächlich auf die Bedrohung der jüdischen Gemeinschaft durch den Islamismus und die Notwendigkeit der Verteidigung gegen den Antisemitismus. Die Anschläge des 7. Oktober 2023 in Israel, bei denen auch 42 französische Staatsbürger getötet wurden, werden als einer der dunkelsten Tage Frankreichs bezeichnet. Die Geschichte von Sabine in Ce que les Francais veulent, einer französisch-israelischen Überlebenden, deren Mann und ältester Sohn durch den Hamas-Terror getötet wurden, wird als Metapher für das Versagen der französischen Elite genutzt, die Zivilisation gegen den Islamismus zu verteidigen. Es wird konstatiert, dass der Antisemitismus wieder mit kalter Brutalität in Europa aufkeimt und durch das Versagen, den islamistischen Extremismus zu erkennen und zu bekämpfen, genährt wird. Der Autor unterstreicht die Verpflichtung, die Sicherheit der jüdischen Landsleute zu gewährleisten und die Erinnerung an die Shoah lebendig zu halten, um die Wiederholung solcher Gräueltaten zu verhindern.
Die politische Instrumentalisierung und Abgrenzung von der extremen Linken wird durch den Umgang mit dem jüdisch-christlichen Erbe besonders deutlich. Bardella nutzt die Bedrohung des christlichen Erbes und die Zunahme des Antisemitismus durch den Islamismus als scharfe Kritik an dem Laxisme und dem „islamo-gauchisme“ der politischen Elite, insbesondere der Bewegung La France insoumise (LFI). Er kritisiert LFI scharf dafür, dass sie solche Tendenzen fördere und „die Hefe des Antisemitismus“ schüre. Diese Linke wird als „monströs“ dargestellt, da sie den Kommunitarismus schüre und junge Einwanderer in dem Glauben bestärke, Frankreich habe ihre Eltern gedemütigt. Die Verteidigung der christlichen Traditionen und die Ablehnung des Antisemitismus werden somit zu zentralen Achsen im „Kampf für die Zivilisation und die Identität“ der Nation.
Éric Zemmours Positionen sind in ihren Forderungen radikaler und kulturell-theologisch expliziter als der RN. Zemmour, selbst assimilierter Jude, betrachtet das assimilierte Judentum als historische Blaupause für alle anderen Religionen, insbesondere den Islam. Er verlangt eine „individualistische und spiritualistische Mutation“ der Muslime, basierend auf dem von Napoleon erzwungenen Gehorsam des Judentums. Im Gegensatz zum pragmatischen RN, der die Laïcité nutzt, um die Mitte anzuziehen, spricht Zemmour in Bildern des Kriegs und Kampfes, etwa durch den Verbot koranischer Vornamen. Zemmours Programm ist ausschließender und autoritärer; wer die Assimilationsforderung ablehnt, müsse konsequent der ‚Remigration‘ folgen („rentrer chez eux“).
Eine künftige geeinte Rechte in Frankreich würde wahrscheinlich eine Synthese aus der kulturellen Radikalität Zemmours und dem pragmatischen Legitimitätsstreben des RN anstreben. Die gemeinsame Position wäre die kompromisslose Verteidigung der judäo-christlichen Zivilisation gegen den Islamismus, wobei das christliche Erbe als kultureller Anker dienen würde, ohne dogmatisch zu werden. Das zentrale Werkzeug wäre der instrumentelle Laizismus, der zur systematischen Einschränkung islamischer Praktiken im öffentlichen Raum genutzt wird, um die Einheit und Souveränität Frankreichs zu sichern. Diese „große Allianz“ müsste die breite Mobilisierung der traditionalistischen katholischen Basis (wie sie Marion Maréchal vertritt) mit der strategischen Vernetzung mit jüdischen Kreisen verbinden, um dies für eine breite Anti-Islam-Front zu instrumentalisieren und gleichzeitig die eigene Regierungsfähigkeit international zu zementieren.
Kritische Reaktionen aus Christentum und Judentum
Die Ablehnung von und Kritik an Zemmours Instrumentalisierung kam sowohl von etablierten jüdischen und katholischen Autoritäten als auch von prominenten Intellektuellen, gegenüber Zemmours Versuch, eine Vernetzung von traditionalistischen Katholiken und Juden zu schaffen, um eine „judäo-christliche“ Zivilisation vor der drohenden Islamisation zu retten.
Ablehnende und kritische Stimmen aus dem Judentum
Die Kritik aus jüdischen Kreisen richtete sich gegen die politische Vereinnahmung der jüdischen Identität und Zemmours ideologische Begründung: Die führenden jüdischen Institutionen in Frankreich, insbesondere der Großrabbiner von Frankreich und das Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF), lehnten Zemmours Annäherungsversuche entschieden ab und vertraten weiterhin den „alten antirassistischen Diskurs“. Der Großrabbiner von Frankreich verurteilte Zemmour scharf und versuchte, ihm seine „Qualität“ als Jude (qualité de juif) abzusprechen.
Prominente jüdische Intellektuelle, wie Bernard-Henri Lévy (BHL), traten ebenfalls ablehnend auf. BHL warf Zemmour vor, ein „Verräter am Judentum“ (traître au judaïsme) zu sein und eine „Beleidigung“ des jüdischen Namens darzustellen. Lévy kritisierte Zemmours Auffassung des Judentums als zu liberal, da sie es als Korollarium der individuellen Freiheit darstelle, welches die ethnischen und konfessionellen Wurzeln relativiere, und setzte es mit der von den rabbinischen Autoritäten exkommunizierten Figur Spinozas gleich.
Zemmour interpretierte die harte Kritik des Establishments als einen Versuch, ihm sein Jüdischsein abzusprechen, um seine Kritiker von dem Verdacht des Antisemitismus zu befreien, wenn sie ihn anschließend als „Nazi“ stigmatisierten. Er sah seine jüdische Identität als „bouclier“, der es ihm ermöglichte, die politisch inkorrekten Thesen zur Islamisierung auszusprechen.
Ablehnende und kritische Stimmen aus dem Christentum
Die Kritik aus kirchlichen Kreisen (insbesondere der als progressiv eingestuften postkonziliaren Kirche) basierte auf der klaren Ablehnung der Politisierung des Glaubens und der Befürwortung eines unbedingten Universalismus:
Zemmour selbst kritisiert die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, da sie sich in eine „verrückte Maschine, den Anderen zu lieben“ („folle machine à aimer l’Autre“) verwandelt habe. Diesen „überzogenen Universalismus“ und Humanitarismus sieht er als Ursache für die „Schuldgefühle“ des Westens und die „Nachgiebigkeit gegenüber der muslimischen Einwanderung“.
Die Kirchen in Europa hätten den „großen Transfer von Völkern“ als eine notwendige „Sühnearbeit“ (œuvre expiatrice) angesehen, um sich für das Versagen des Christentums während der Schoah zu entschuldigen, was zur bedingungslosen Aufnahme von Migranten führte. Zemmour behauptet, dass Papst Franziskus eine „Geringschätzung für Europa“ („dédain de l’Europe“) an den Tag gelegt habe und explizit für die muslimische Einwanderung eingetreten sei, da er glaube, dass das Überleben der Kirche von afrikanischen oder asiatischen Gläubigen abhängt, während Europa islamisiert wird.
Die offizielle Kirche in Frankreich (z. B. die katholische Zeitung La Croix) und humanistische Katholiken lehnten eine „virile“ Verteidigung des Westens ab, da sie darauf bestehen, dass die katholische Religion universalistisch („katholikos“) sei und sich nicht auf eine „Identität“ oder „Kultur“ reduzieren lasse. Die humanistische Fraktion, historisch vertreten durch Figuren wie Fénelon, argumentierte, dass man dem „Menschengeschlecht unendlich mehr schuldet, welches die große Heimat ist, als der besonderen Heimat, in der man geboren wurde“. Sie sahen die Allianz als einen Angriff auf die christliche Nächstenliebe und die Evangeliums-Botschaft des Friedens.
Kontexte der Rezeption
Gérard Noiriel, Le venin dans la plume (2019)

Gérard Noiriels vergleichende Studie, Le venin dans la plume: Édouard Drumont, Éric Zemmour et la haine des autres, analysiert Zemmours Strategien, indem er sie in eine historische Kontinuität mit dem antisemitischen Pamphletisten Édouard Drumont Ende des 19. Jahrhunderts stellt. Noiriel zeigt, dass Zemmour nicht nur Argumente übernimmt, sondern die „Grammatik“ des nationalistisch-identitären Diskurses Drumonts für die heutige Zeit adaptiert. Beide politisieren die Nation als „tragische Person“, die dem „nationalen Selbstmord“ nahe sei und deren Identität einzig durch den katholischen Glauben definiert werde. Das Kernproblem liegt in der Substitution des Feindbildes: Drumont sah in der „jüdischen Rasse“ („race juive“) den „Staatsfeind“ und „Verräter“, während Zemmour diese Rolle dem Muslim zuweist, der die „vollständigste Negation Europas“ darstelle.
Noiriel betont, dass Zemmours christlich-jüdische Konstruktion als Waffe im Kampf gegen den Islam dient. Die Antisemitismus-Grammatik wird auf Muslime übertragen: Beide Pamphletisten konstruieren die Vorstellung eines „Staates im Staat“ („nation dans la nation“) – ehemals Juden, heute Muslime – die unfähig oder unwillig zur Assimilation seien, da ihre Religion (Judentum bzw. Islam) nicht nur den Glauben, sondern das gesamte juristisch-politische System umfasse. Diese Gruppen werden als „dominierend“ und „mächtiger“ dargestellt, um die Mehrheit (die „wahren Franzosen“) zu mobilisieren, die angeblich unter der „tyrannischen Herrschaft“ der Fremden leidet. Zemmour ersetzt das Feindbild-Stereotyp „jüdische Lobby“ Drumonts durch die „Lobby homosexuel“ und die „islamo-Gauchistes“, um die „Dekadenz“ der französischen Sitten und die „schwächenden“ Einflüsse von Richtern und „Menschenrechtsideologen“ anzuprangern.
Der Historiker kritisiert die rhetorische Strategie der „Inversion“ („rhétorique de l’inversion“), die Zemmour nutze, um die Opfer-Täter-Rollen zu vertauschen. Zemmour stellt sich und seine Anhänger als „Rebellen“ und „Opfer“ der „Elite“ dar, die ihre populären Wahrheiten nicht aussprechen dürfen. Seine populistischen Behauptungen über die „Macht der Historiker“ – die angeblich „mafiöse Logik“ anwenden und die Nation euthanasieren – haben den Zweck, die wissenschaftliche Forschung und die Fakten zu delegitimieren. Im Gegensatz dazu dient Zemmours eigene jüdische Identität dazu, seine anti-islamischen Thesen zu „entdämonisieren“, während er gleichzeitig die Assimilationsideale der „alten Israélites français“ als Maßstab für die Unmöglichkeit muslimischer Integration verwendet.
Noiriel verdeutlicht, dass Zemmours Diskurs, der auf der Obsession für Herkunft, Rasse und Religion beruht, die sozialen Probleme ausblendet. Die „nationalistische Islamophobie“ Zemmours, wie Drumonts Antisemitismus, ist eine pathologische Form der demokratischen Auseinandersetzung, die den „populistischen“ Mechanismus ausnutzt, indem sie die Ängste und Vorurteile der Bevölkerung durch „Skandal“ und „Wiederholung“ mobilisiert. Die Gefahr dieser identitären Konstruktionen liegt darin, dass sie, obwohl sie oft historisch unhaltbar sind, reale politische Wirkung entfalten, indem sie die „Grammatik der Hasse“ in den öffentlichen Raum tragen und die „Desintegration“ als notwendige Folge des „zu Humanitarismus verkommenen Humanismus“ präsentieren.
Laurent Joly, La falsification de l’histoire (2022)

Laurent Jolys akribische Analyse, La falsification de l’histoire: Éric Zemmour, l’extrême droite, Vichy et les juifs, ordnet Éric Zemmour klar in die Tradition des „ethnischen Nationalismus“ ein, der um die Wende zum 20. Jahrhundert entstand und dessen Ideen 1940 unter dem Vichy-Regime an die Macht gelangten. Joly argumentiert, dass Zemmours wiederholte Versuche, die Geschichte neu zu schreiben – insbesondere die Rolle des Vichy-Regimes und die Verfolgung der Juden – kein akademischer Disput, sondern ein politisches Projekt sind. Zemmours Ziel ist es, eine politische Grundlage zu schaffen, die es ermöglicht, seit den Verbrechen der Kollaboration disqualifizierte Politiken wieder salonfähig zu machen: die Zerschlagung des Rechtsstaates, die Stigmatisierung von Minderheiten und die Massenvertreibung von Ausländern und „schlechten Franzosen“. Zemmour nutzt die Geschichte als Waffe, um die „Union der Rechten“ unter dem Banner des Ausländerhasses zu schmieden.
Joly konzentriert sich auf Zemmours umstrittene Behauptung, Marschall Pétains Vichy-Regime habe die französischen Juden gerettet, indem es die ausländischen Juden an die Nazis auslieferte. Zemmour leugnet, dass Vichy ein „Verbrechen“ begangen habe. Diese Revision ist fundamental für sein politisches Programm: Er behauptet, dass die Schuldzuschreibung („culpabiliser le peuple français“), die mit Jacques Chiracs Anerkennung der staatlichen Verantwortung für die Shoah im Jahr 1995 einherging, die Franzosen wehrlos gemacht habe, wodurch sie sich nun der „invasorischen Migration und Islamisierung des Landes“ unterwerfen. Zemmour muss Vichy „entkriminalisieren“ und dessen Politik „enttabuisieren“, um seine eigenen drastischen Maßnahmen gegen Muslime und „unerwünschte“ Franzosen – wie Massenausweisungen, den Entzug der Staatsbürgerschaft und die Abschaffung des droit du sol – als notwendige Raison d’État zu rechtfertigen, frei von den „Fesseln“ schützender Rechtsnormen.
Der Autor beleuchtet Zemmours manipulative Rhetorik, die darauf abzielt, die „Tyrannei der Richter“ und die „Doxa Paxton“ zu brechen. Zemmour behauptet, die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, insbesondere die Arbeit Robert Paxtons, sei eine ideologische Waffe der Anti-Assimilationisten, die Europa lähme. Joly zeigt auf, dass Zemmour die „peinliche und lügenhafte Theorie der heimlichen Absprache Pétain-De Gaulle“ wiederbelebt, um die Spaltung zwischen der gaullistischen Rechten und der extremen Rechten zu überwinden. Zudem instrumentalisiert Zemmour seine eigene jüdische Herkunft, um revisionistische Thesen wie diejenige, dass der historische Antisemitismus (wie die Affäre Dreyfus) nicht primär Juden, sondern „Deutsche“ traf, zu verbreiten.
Jolys Werk kommt zu dem Schluss, dass Zemmours Vorgehen eine systematische Fälschung von Fakten darstellt, die tief in der maurrassianischen Tradition verwurzelt ist, welche die „Eroberung der Geister“ durch die „Waffe der Geschichte“ als Voraussetzung für den politischen Erfolg ansieht. Zemmour nutzt die selektive Darstellung der Geschichte, um sein fremdenfeindliches und antimuslimisches Projekt zu rechtfertigen. Seine Forderungen – die Aufhebung der Loi Pleven von 1972 (die rassistische Äußerungen unter Strafe stellt) und die Umgehung des Rechtsstaates (durch die Entmachtung von Gerichten wie dem EGMR) – zeigen, dass sein „christlich-jüdisches Frankreich“ ein autoritäres Regime wäre, das auf der Banalisierung der Verbrechen Vichys aufbaut, um außergewöhnliche Ausgrenzungs- und Repressionspolitiken gegen Muslime zu ermöglichen.
Anmerkungen