Die Last der Stärke
Der Band Masculinité (Grasset, 2025) sammelt Erzählungen statt Theoretisierungen, für einen gemeinsamen runden Tisch zum starken Geschlecht, der u.a. zeigt, dass die Differenz zwischen virilité und masculinité darin liegt, dass virilité das enge, historisch aufgeladene Ideal eines „harten“ Mannes bezeichnet – ein Modell, das körperliche Stärke, Dominanz, Unverletzbarkeit, Risikobereitschaft und häufig auch Gewalt verlangt –, während masculinité für die tatsächlichen, konkreten, widersprüchlichen Erfahrungen des Mannseins steht, wie sie die Geschichten des Bandes zeigen: verletzliche Jungen, verunsicherte Väter, Männer, die an kulturellen Ritualen leiden, Körper, die Spuren gesellschaftlicher Erwartungen tragen, und Identitäten, die sich erst mühsam aus den starren virilen Normen lösen. Der Band macht sichtbar, dass virilité ein starres Soll-Modell ist, das Männer deformiert, während masculinité ein offenes, fragiles, pluralisiertes Feld ist, das sich erst durch das Erzählen der eigenen Brüche und Unsicherheiten neu formt.
Dantzigs Einleitung lässt sich zunächst als radikale Bestandsaufnahme der männlichen Identität lesen. Er diagnostiziert eine historische Überfülle an Macht, die den Mann zugleich privilegiert und deformiert. Der entscheidende Gedanke ist dabei, dass die Männlichkeit nicht einfach ein neutrales oder natürliches Merkmal ist, sondern ein historisch überladenes Konstrukt. Die Bemerkung, dass Männer „zu viel Macht und Nutzen“ hatten, impliziert eine strukturelle Verstrickung: Männlichkeit ist nicht unschuldig. Sie ist verschattet durch das, was aus ihr gemacht wurde und was sie hervorgebracht hat. Dantzig stellt damit die Frage nach Verantwortung und Belastung der männlichen Identität in den Mittelpunkt und verschiebt den Diskurs vom Individuellen zum Historischen.
Zugleich fordert Dantzig, über den „Mann“ immer auch das Böse mitzudenken. Diese Formulierung ist nicht moralistisch gemeint, sondern analytisch: Er verweist darauf, dass in den kulturellen Vorstellungen von Virilität Schattenzonen eingeschrieben sind – Gewalt, Dominanz, Missbrauch, Eroberung. Die Norm der Männlichkeit ist bei ihm untrennbar mit ihren destruktiven Potenzialen verbunden. Damit entlarvt er das Ideal der Virilität als ambivalente Figur: Sie verspricht Stärke, doch trägt sie die Gefahr der Zerstörung in sich. Dantzig regt an, sich dieser Ambivalenz zu stellen, anstatt sie zu verdrängen. Die Einleitung wird so zu einem Appell, das Unbehagen an der Männlichkeit ernst zu nehmen.
Darüber hinaus entfaltet Dantzig ein tiefes Mitgefühl für die Männer selbst, ohne die historische Kritik zu relativieren. Er zeigt, dass Männer Produkte einer Kultur sind, die ihnen Stärke abverlangt, Unverwundbarkeit aufzwingt und Zweifel verbietet. Diese Spannung zwischen Privileg und Zwang ist zentral: Männer leiden unter einem System, das von ihnen geschaffen wurde – oder das sie geschaffen haben. Dantzig beschreibt Männlichkeit nicht als einfache Schuldzuweisung, sondern als Gefangenschaft im eigenen Mythos. Gerade dadurch wirkt seine Kritik komplexer als klassische patriarchatskritische Essays, denn sie entwirft Männer nicht als Täter im Singular, sondern als ambivalent geprägte Figuren eines historischen Skripts.
Ein weiteres wichtiges Interpretationsmoment ist Dantzigs implizite Vorstellung einer „post-patriarchalen Männlichkeit“. Wenn er Männlichkeit als brüchig, erschöpft und historisch verbraucht beschreibt, deutet er zugleich auf die Möglichkeit einer Neudefinition hin. Diese neue Männlichkeit wäre nicht durch Macht, sondern durch Reflexivität geprägt – nicht durch Überlegenheit, sondern durch Zweifel. Dantzig versteht den vorliegenden Band als eine Art Forschungsraum, in dem Männer – als Figuren, Erzähler oder Autoren – ihre eigene Fragmentierung sichtbar machen. Literatur fungiert bei ihm als Medium der Transformation: Sie erlaubt es, das starre Bild des Mannes in Bewegung zu versetzen.
Schließlich positioniert Dantzig den Band programmatisch als Gegenentwurf zu jeder naturalisierenden Vorstellung von Männlichkeit. Die Einleitung stellt klar, dass Männlichkeit eine kulturelle Erzählung ist und deshalb auch literarisch neu erzählt werden kann. Indem er die Tradition explizit problematisiert und die historische Verstrickung benennt, öffnet er einen Raum, in dem die folgenden Texte als plurale, widersprüchliche, tastende Annäherungen an das männliche Selbst gelesen werden können. Die Einleitung ist somit nicht nur ein theoretischer Auftakt, sondern ein ästhetisches Manifest: Sie lädt ein, Männlichkeit nicht länger als Zustand, sondern als Prozess zu begreifen – einen Prozess, der kritisch, fragil und zutiefst menschlich ist.
Die Präsentation von Habib-Rubinstein setzt den Ton des Bandes, indem sie die Fragestellung nach der heutigen Männlichkeit historisch, psychologisch und literarisch rahmt. Habib-Rubinstein betont, dass der Band keine einheitliche Antwort auf die Frage nach der Virilität gibt, sondern die Vielfalt der Erfahrungen und die Widersprüche in den Vordergrund rückt. Die Texte seien als „Labor“ gedacht, in dem verschiedene Lebenswege, Verletzungen und gesellschaftliche Bedingungen sichtbar werden.
Habib-Rubinstein macht deutlich, dass Männlichkeit nicht mehr als stabile Kategorie zu verstehen ist. Die Präsentation wirkt wie ein kuratorischer Akt, der die Leserinnen und Leser auf die Zerlegung eines Mythos vorbereitet. Indem er die literarischen Stimmen als heterogen positioniert, unterstreicht er, dass Männlichkeit heute plural ist und sich gerade durch Differenz und Fragmentarität auszeichnet. Damit verschiebt er das Thema vom biologistischen oder moralischen Diskurs zu einem kulturellen und narrativen.
Die Präsentation von Habib-Rubinstein ergänzt Dantzigs Einleitung, indem sie dessen kritische, historisch argumentierende Diagnose der Männlichkeit in eine konkrete literarische und erfahrungsbezogene Perspektive überführt. Während Dantzig die Männlichkeit als ein durch Macht, Mythos und potenzielle Gewalt überladenes Konzept beschreibt, richtet Habib-Rubinstein den Blick darauf, wie Männer heute tatsächlich leben, scheitern, sprechen oder schweigen. Er nennt keine abstrakten Ideale, sondern verweist auf die Vielfalt der im Band vorkommenden Figuren: Jungen, die an väterlichen Erwartungen zerbrechen, Männer, die in Handwerk, Arbeit oder Sport nach Identität suchen, solche, die im Körper die Last von Normen tragen, und andere, die zwischen Kulturen schwanken und durch Beschneidung, Migration oder Tradition geformt werden. Dadurch konkretisiert die Präsentation das, was Dantzig theoretisch öffnet: Sie zeigt, dass das „zuviel an Macht“, von dem Dantzig spricht, sich in Geschichten übersetzt, in denen Männer eben gerade keine Macht über sich selbst haben – sie werden gemacht, geformt, gebrochen.
Gleichzeitig verschiebt die Präsentation den Fokus: Sie zeigt nicht nur die Schäden des virilen Modells, sondern lädt ein, die Texte als Erkundungen neuer, fragiler, ungeordneter Männerbilder zu lesen. Habib-Rubinstein unterstreicht, dass der Band keine einheitliche Definition sucht, sondern eine Vielfalt von Stimmen versammelt, die alle an den Rändern der traditionellen Männlichkeit operieren. Wo Dantzig betont, dass im Mann immer auch die Möglichkeit des Bösen steckt, zeigt die Präsentation die andere Seite: die Verletzlichkeit, die Unsicherheit, die Zärtlichkeit, das Scheitern, die sich durch die Texte ziehen und neue Formen von Männlichkeit sichtbar machen. So entsteht ein Dialog: Dantzig diagnostiziert die Überladung der Männlichkeit, Habib-Rubinstein zeigt die literarischen Figuren, die unter dieser Last stehen – und die zugleich, oft tastend und unbeholfen, Räume jenseits der Virilität öffnen. Die Präsentation macht damit deutlich, dass der Band kein bloßes Kritikbuch ist, sondern ein Ort des Suchens, Fragens und Neu-Erzählens männlicher Existenz.
Dantzigs Einleitung liest sich wie der Blick eines Schriftstellers, der die Männlichkeit im grellen Licht der realen Geschichten betrachtet, die ihm folgen werden. Er beschreibt den Mann als Träger einer alten Rüstung, schwer von Jahrhunderten der Macht, aber längst von innen hohl geworden. Damit meint er jene Figuren, die in den von Habib-Rubinstein präsentierten Texten auftauchen: den Vater, der seinem Jungen ungefragt ein Messer in die Hand drückt und glaubt, damit Stärke zu vermitteln; den jungen Boxer, der sich im Ring zusammenschlagen lässt, weil man ihm sagte, nur harte Körper seien männliche Körper; den beschnittenen Jungen, auf dessen Haut die Gemeinschaft einen unausweichlichen Stempel schlägt; den Seemann, der im Sturm arbeiten muss, weil sein Beruf ihm keine andere Rolle als die des standhaften Mannes lässt. Dantzig sieht in diesen Szenen nicht individuelle Schicksale, sondern die Spuren eines alten Mythos: Männer müssen ertragen, müssen leisten, müssen schweigen. Die Virilität der Erzählungen erscheint dabei nie heroisch, sondern wie ein schlecht sitzender Mantel – ein kostspieliger Auftritt, der die Figuren eher verkrümmt als stärkt.
Damit öffnet Dantzig den Blick dafür, wie tief das Unbehagen im männlichen Selbst eingeschrieben ist. Die Geschichten zeigen Männer, die glauben, stark sein zu müssen, und gerade deshalb zerbrechen: der Junge, der die Geste des Vaters als Gewalt empfindet; der Sportler, dessen Körper zur Arena sozialer Erwartungen wird; der Erzähler aus Indien, der inmitten männlicher Aggression gelernt hat, Angst als Alltag zu betrachten; der Mann auf dem Land, der merkt, dass körperliche Arbeit kein Beweis für Identität ist; der chinesische Erzähler, der zwischen „viril“ und „maskulin“ hin- und hergerissen ist und merkt, dass beide Begriffe Fallen sein können. Dantzig interpretiert solche Momente als Symptome einer Männlichkeit, die sich ihrer eigenen Überladung bewusst wird: eine Identität, die historisch zu viel Macht besaß und nun unter ihrem Gewicht einknickt. Seine Einleitung macht klar, dass die Frage nach der Männlichkeit nur im Spiegel konkreter Erfahrungen beantwortet werden kann – und diese Erfahrungen, wie die Geschichten eindrücklich zeigen, sind oft von Angst, Unsicherheit und dem schmerzhaften Wunsch geprägt, endlich aus der Rolle herauszuwachsen.
Zu den Beiträgen
Benjamin Prescott La Rue – La trajectoire des marins
Prescott La Rue erzählt von den Lebenswegen von Seeleuten, deren Alltag von Gefahr, Körperarbeit, Hierarchie und Gemeinschaft geprägt ist. Das Meer dient als Raum männlicher Initiationsgeschichten, aber auch als Ort der Einsamkeit und existenziellen Selbstbefragung. Die Seefahrt bildet eine Parallelgesellschaft, in der Männer in Grenzsituationen geraten und ihre Identität im Spannungsfeld von Mut, Erschöpfung und Kameradschaft aushandeln.
Der Text öffnet einen Blick auf eine traditionelle, fast mythische Form der Virilität: körperlich, risikoreich, kollektiv. Gleichzeitig zeigt er, dass diese Form nicht stabil ist. Die Härte der Seefahrt wird nicht heroisiert, sondern kritisch betrachtet – als System, das Männer formt, aber auch verschleißt. Die maritimen Lebenswege erscheinen als Allegorie der männlichen Sozialisation: Fremdbestimmt, gefährlich, zugleich solidarisch und zerstörerisch. La Rue entlarvt damit das romantisierte Bild des virilen Seemanns.
Giovanni Delù – Les incertitudes de la masculinité
Delù beschreibt die Kindheit eines Jungen in den 1980er Jahren, der mit widersprüchlichen Erwartungen an Männlichkeit konfrontiert ist. Eine zentrale Szene zeigt den Vater, der dem Sohn ein Messer in die Hand drückt – eine vermeintliche Initiation, die für das Kind wie Gewalt wirkt . Der Erzähler erkennt früh, dass er sich nicht in die Rolle fügen kann, die Familie und Gesellschaft für ihn vorgesehen haben, und trägt diese Unsicherheit bis ins Erwachsenenalter weiter.
Die Geschichte dekonstruiert die Vorstellung, dass Männlichkeit durch Rituale erlernt wird. Bei Delù zeigt sich, dass diese Rituale traumatisch und entfremdend wirken können. Männlichkeit erscheint als erzwungene Performanz, die mehr Leiden als Orientierung erzeugt. Indem der Erzähler seine lebenslange Unsicherheit betont, gibt Delù der Fragilität des Männlichen einen literarischen Ausdruck, der die normative Härte untergräbt.
Anatole Tomczak – Entre nous
Tomczak erzählt von einem jungen Mann, der versucht, seine Identität über körperliche Stärke zu definieren und im Boxen eine Möglichkeit sieht, „männlich“ zu werden. Doch der Sport reproduziert dieselben Zwänge der Härte und Unverletzlichkeit, gegen die er eigentlich ankämpft. Beziehungen – besonders zwischen Männern – erscheinen brüchig, voller Missverständnisse und unausgesprochener Erwartungen.
Der Boxring wird zum Symbol eines Systems, in dem Männlichkeit wie ein Produkt hergestellt und bewertet wird. Tomczak durchbricht die Erzählung vom Sport als Befreiung und enthüllt ihn als Disziplinierungsmaschine. Indem er zeigt, wie schwer es Männern fällt, Intimität zuzulassen oder Schwäche zu zeigen, erklärt er die Distanz, die „entre nous“ entsteht. Der Text offeriert letztlich eine Kritik an virilen Idealen, die Nähe und Verletzlichkeit verhindern.
Mathis Chevalier – Lettre de refus
Der Text ist als ablehnender Brief gestaltet – ein Refus, der sich gegen die Übernahme einer bestimmten männlichen Rolle richtet. Der Erzähler lehnt Erwartungen ab, die ihm aufgedrängt werden, seien sie familiär, beruflich oder gesellschaftlich. Die Form des Briefes verstärkt das Motiv: Er spricht nicht, um zu erfüllen, sondern um abzulehnen.
Chevalier inszeniert eine subtile Rebellion. Der „refus“ wird zum Symbol für Selbstbestimmung in einem System, das Männer auf bestimmte Funktionsweisen reduziert. Männlichkeit zeigt sich hier als verhandelbar, verweigerbar und neu formulierbar. Der Text steht für eine Generation, die sich weigert, Identität als Pflicht zu akzeptieren.
Raphaël Zyss – Autofabulation à propos d’une circoncision et de ses conséquences
Zyss verbindet autobiografische Reflexion mit Fiktion und analysiert die Beschneidung als körperliches und symbolisches Ereignis. Der Eingriff erscheint nicht nur als medizinische Handlung, sondern als kulturelle Markierung von Männlichkeit. Der Erzähler untersucht, wie dieser Eingriff seine Beziehung zum eigenen Körper, zur Sexualität und zum männlichen Selbstbild geprägt hat.
Die Beschneidung wird zu einer Metapher für die Einschreibung von Männlichkeit in den Körper. Zyss zeigt, wie intime Operationen gesellschaftliche Machtstrukturen widerspiegeln und wie Identität durch kulturelle Praxis geformt wird. „Autofabulation“ bedeutet, dass die eigene Geschichte immer auch eine Erzählung ist–und dass Männlichkeit, ähnlich dem Körper, fabulierbar und veränderbar bleibt.
Eugène D. – Une place à la campagne
Der Erzähler beschreibt einen Aufenthalt auf dem Land, wo er auf traditionelle Vorstellungen stößt: körperliche Kraft, Kontrolle über Natur, praktische Fähigkeiten. Die ländliche Umgebung wirkt wie ein Ort, an dem alte Rollenbilder weiterleben. Gleichzeitig empfindet er dort eine ambivalente Mischung aus Befreiung und Enge.
Eugène D. untersucht die ländliche Männlichkeit als kulturelles Relikt, aber auch als Sehnsuchtsort. Der Text zeigt, wie Natur und Männlichkeit miteinander verknüpft wurden – als ob das Land die Bühne für virile Selbstbehauptung wäre. Doch die Distanz des Erzählers macht sichtbar, dass diese Vorstellungen brüchig geworden sind. Die „place à la campagne“ wird zur Projektion, die er nicht mehr ausfüllen kann oder will.
Sumit Kumar – Un drôle d’homme en Inde
Kumar erzählt von einer Kindheit in Indien, in der Gewalt zwischen Männern alltäglich ist und Männlichkeit sich im öffentlichen Raum wie im familiären Umfeld durch Aggression ausdrückt. Frauen agieren häufig als Vermittlerinnen in männlichen Konflikten. Der Erzähler versucht später, diese Muster zu durchbrechen, stößt jedoch auf tief verwurzelte kulturelle Normen.
Kumars Text zeigt Männlichkeit als kulturelles Trauma. Gewalt ist kein Ausnahmezustand, sondern ein Mittel der sozialen Kommunikation zwischen Männern. Der Blick des Kindes entlarvt die Absurdität der virilen Pose; der erwachsene Erzähler ringt mit den Überresten dieser Erziehung. Die Geschichte steht exemplarisch für die globale Herausforderung, Männlichkeit von Gewalt zu entkoppeln.
Qiyue Liang – Viril ou masculin ?
Liang untersucht die semantische und kulturelle Unterscheidung zwischen „viril“ und „männlich“. Der Text vergleicht verschiedene kulturelle Vorstellungen, insbesondere im chinesischen Kontext, und stellt fest, dass Virilität oft als überhöhte, aggressive Form der Männlichkeit erscheint. Gleichzeitig zeigt er, wie diese beiden Konzepte ineinandergreifen und sich gegenseitig verzerren.
Liang liefert eine theoretisch-kulturelle Analyse, die den Band intellektuell ergänzt. Durch die Gegenüberstellung von Begriffen wird sichtbar, dass Männlichkeit keine einheitliche Kategorie ist, sondern durch Sprache, Kultur und Politik geformt wird. Der Text lädt dazu ein, „viril“ und „masculin“ zu entflechten – und dadurch neue Begriffe für Identität zu entwickeln.
Arthur Habib-Rubinstein – Un corps en forme de crime
Habib-Rubinstein porträtiert einen männlichen Körper, der sich schuldig fühlt: ein Körper, der wie ein Verbrechen („crime“) geformt ist, weil er die Gewalt, die Erwartungen und die sozialen Projektionen der Männlichkeit trägt. Der Text zeigt, wie Körperlichkeit nicht neutral ist, sondern zum sichtbaren Schauplatz gesellschaftlicher Zuschreibungen wird.
Der Körper erscheint als das erste Opfer der virilen Norm. Habib-Rubinstein zeigt, wie Männer lernen, ihren Körper als Waffe, als Schutzschild oder als Risiko zu betrachten. Der „corps en forme de crime“ steht für die internalisierte Schuld: Männer sind Täter und Opfer zugleich – geprägt von einem System, das sie deformiert. Der Text rundet den Band mit einer körperphilosophischen Reflexion ab.
Gesamtbetrachtung
Heterosexualität erscheint im Rahmen des Bandes nicht als selbstverständliche, neutrale Norm, sondern als zentraler Träger und Reproduktionsraum viriler Erwartungen. Sie ist häufig an Rollen gebunden, in denen Männlichkeit sich über Leistung, Dominanz, Zeugung, Schutz oder Kontrolle definiert: der Vater, der Stärke weitergeben will; der Liebhaber, der nicht schwach sein darf; der Arbeiter oder Sportler, dessen Körper als Beweis männlicher Tauglichkeit fungiert. Die Texte zeigen, dass Heterosexualität hier weniger als intime Beziehungspraxis denn als kulturelles Skript wirksam wird, das Männer in bestimmte Haltungen zwingt – zur Härte, zur Initiative, zum Schweigen über Angst und Zweifel. Gerade dort, wo heterosexuelle Beziehungen von Missverständnissen, Gewalt, Überforderung oder emotionaler Abwesenheit geprägt sind, wird sichtbar, wie sehr die virile Norm auch das Begehren formt und verengt. Heterosexualität ist in diesem Sinn kein privater Raum jenseits der Macht, sondern ein Ort, an dem sich die historische Überladung der Männlichkeit konkret einschreibt – oft auf Kosten von Nähe, Zärtlichkeit und Selbstreflexion.
Homosexualität bezeichnet im Band weniger eine fest umrissene Identität denn ein Störmoment der virilen Ordnung und einen kritischen Spiegel der Männlichkeitsnorm. Sie macht sichtbar, dass das hegemoniale Modell der Virilität nicht nur Frauen, sondern auch Männer ausschließt, diszipliniert oder bedroht, deren Begehren nicht in das heteronormative Raster passt. Homosexuelle Erfahrung erscheint dabei nicht automatisch als befreite Gegenwelt, sondern als ein Feld eigener Spannungen: zwischen Sichtbarkeit und Gefahr, zwischen Anpassung und Abweichung, zwischen dem Wunsch nach Anerkennung und der Ablehnung viriler Maßstäbe. Zugleich eröffnet Homosexualität im Band einen Raum, in dem Männlichkeit anders erzählbar wird – weniger über Macht und Durchsetzung, stärker über Verletzlichkeit, Ambivalenz und die bewusste Distanz zum Mythos der Stärke. In diesem Sinn steht sie exemplarisch für das, was der Band insgesamt sucht: keine neue Norm, sondern die Möglichkeit, Männlichkeit jenseits des virilen Soll-Modells zu denken und zu erzählen.
Der Band zeigt Männlichkeit als ein pluralisiertes, zerbrechliches und historisch überformtes Konzept. Die Beiträge entlarven traditionelle virile Normen – Härte, Gewalt, Selbstbeherrschung, Überlegenheit – als kulturelle Konstruktionen, die weder stabil noch befreiend sind. Stattdessen erscheinen Unsicherheit, Verletzlichkeit und Ambivalenz als zentrale Bestandteile des männlichen Erlebens heute.
Zugleich kritisieren die Texte die sozialen Mechanismen, durch die Männlichkeit erzeugt wird: Rituale, körperliche Praktiken, familiäre Erwartungen, sprachliche Unterscheidungen, kulturelle Traditionen. Männlichkeit wird nicht individuell, sondern strukturell reflektiert – als System, das Männer zugleich privilegiert und beschädigt.
Schließlich entwickelt der Band ein literarisches Labor neuer Männlichkeiten. Die Autoren entwerfen alternative Erzählweisen, die Nähe, Zweifel, Fragilität, Intimität und Selbstbefragung zulassen. Literatur wird damit zu einem Raum, in dem Männlichkeit nicht mehr festgeschrieben, sondern neu erzählt wird – nicht als fixierte Identität, dafür als Prozess, in Bewegung.