Beirut-Fiktion: Aneignung, Begehren und Verschwinden des Imams bei Sabyl Ghoussoub
Sabyl Ghoussoubs Roman „Mon imam“ (Stock, 2026) erzählt von Moussa al-Sadr, dem 1978 in Libyen spurlos verschwundenen Gründer der libanesischen Schiitenbewegung Amal, dessen reale Biografie der französisch-libanesische Erzähler Sabyl mit einer erfundenen Fortsetzung überschreibt: einem neuen Leben als „Imam Moretti“ in Rom und an der Küste von Sperlonga, zwischen Vespa-Fahrten, einer italienischen Geliebten und der Frage, ob der Verschwundene selbst gegangen sein könnte, erschöpft von Krieg, Politik und der eigenen Rolle als Ikone. Um diese doppelte Erzählung aus historischer Rekonstruktion und offener Fiktion legt sich als dritte Schicht die Gegenwart des Erzählers, der seine Recherche mitten im erneuten Krieg zwischen Israel und der Hisbollah betreibt und dabei ebenso über sich selbst wie über den Imam schreibt. Der Aufsatz argumentiert, dass diese drei Ebenen, Biografie, Fiktion und Selbstbefragung, in einer einzigen poetologischen Bewegung zusammenlaufen: Das Verschwinden des Imams wird zum Verfahren des gesamten Romans, der zwischen Dokument und Erfindung, zwischen politischer Ikone und begehrendem Körper, zwischen kollektiver Verehrung und privater Aneignung wechselt. Anhand von Gattung, Erzählstruktur, Raum- und Zeitgestaltung, Figurenkonstellation, Geschlechterordnung, Intertextualität und der durchgehenden autopoetologischen Selbstreflexion des Erzählers zeigt der Aufsatz, wie der Roman einen politisch-religiösen Mythos von seinem Denkmalsockel löst, ohne ihn endgültig aufzulösen, und weist den Text abschließend als doppelte Utopie aus, die als politisches Wunschbild uneingelöst bleibt.
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