Inhalt
- Die Parallelität von Zeitskalen
- Naturkräfte als mythologische Akteure
- Geologie als Metapher für das Trauma
- Die Paradoxie von Industrie und Erkenntnis
- Katastrophen als zyklische Unausweichlichkeit
- Die Nordsee als Raum der kollektiven Identität
- Die Biologisierung des Geologischen
- Das Doggerland als vorübergehendes „Eden“
- Epilog
Dieser Essay befasst sich mit der vielschichtigen Verschränkung von menschlicher Existenz und Erdgeschichte in Élisabeth Filhols Roman Doggerland (P.O.L. 2019, dt. von Cornelia Wend: Nautilus, 2020). Geologische Prozesse bestimmen die psychologische und gesellschaftliche Tiefenstruktur der Erzählung. Die Interpretation des Prologs und der Einführung von Doggerland offenbart ein komplexes Geflecht aus wissenschaftlicher Präzision, mythologischer Überhöhung und menschlicher Psychologie. Margaret blickt zurück, um eine verlorene Welt zu verstehen, während Marc die Ressourcen dieser Welt ausbeutet, um die Gegenwart zu befeuern.
So wie die Erdkruste unter dem Druck tektonischer Platten oder dem Gewicht verschwindender Gletscher (Isostasie) nachgibt, so brechen auch die mühsam errichteten Lebensentwürfe der Protagonisten unter dem Druck der Vergangenheit auf. Die „weiße Stelle“ auf Margarets innerer Landkarte korrespondiert mit dem physisch nicht mehr existierenden Doggerland. Die Einführung des Sturms Xaver dient als fiktionaler Katalysator. Er wird nicht nur als meteorologisches Phänomen beschrieben, sondern als eine mythologische Macht, die wie Athene „gehelmt und gestiefelt“ aus dem Haupt ihres Vaters entspringt.
Filhol beschreibt das Vorrücken und Zurückweichen der Gletscher als einen organischen, atmenden Prozess, der den europäischen Kontinent physisch verformt:
À chaque variation du climat, l’inlandsis enfle et dégonfle, telle une respiration. Il pousse vers l’avant, gagne en épaisseur, en étendue, s’épanouit dans toutes les directions, ou au contraire se rétracte, au gré des épisodes de réchauffement, recule et se recentre, et n’est plus qu’une mince banquise, prête à se disloquer. Puis à nouveau il s’épaissit, s’élargit, franchit les eaux gelées de l’Arctique et s’implante sur les terres émergées, déborde à chaque refroidissement de ses propres limites, se consolide, glisse sous son poids et les épanchements des eaux souterraines, descend des hautes latitudes jusqu’à celles tempérées d’une Europe qui déjà, quand il l’a atteinte, ne l’est plus. Une fois installé, il pèse sur les plaques continentales qui d’abord résistent à cet endroit, encaissent. Puis au fur et à mesure que le volume augmente au-dessus d’elles, s’enfoncent dans un mouvement infiniment lent, sous trois kilomètres d’épaisseur de glace, s’enfoncent toujours plus profondément sous le corps froid du glacier qui ravage, racle et abrase, à chaque respiration, à chaque déplacement, avancée ou contraction, il rabote et accumule sous son ventre tout ce que le socle rocheux peut lui fournir de matériaux à extraire, transporter, concasser, réduire en cailloutis, en sables grossiers, en sables fins, ou embarquer entiers pour les blocs les plus énormes. Une fois qu’il a pris pied sur la terre ferme, il ne la lâche pas.
Bei jeder Klimaveränderung schwillt das Inlandeis wie beim Atmen an und zieht sich wieder zurück. Er drängt nach vorne, gewinnt an Dicke und Ausdehnung, breitet sich in alle Richtungen aus oder zieht sich im Gegenteil zurück, je nach Erwärmungsphasen, geht zurück und konzentriert sich wieder und ist nur noch ein dünnes Packeis, das bereit ist, sich aufzulösen. Dann verdickt er sich wieder, breitet sich aus, überquert die gefrorenen Gewässer der Arktis und setzt sich auf dem Festland fest, überschreitet bei jeder Abkühlung seine eigenen Grenzen, festigt sich, rutscht unter seinem Gewicht und dem Auslaufen von Grundwasser ab, sinkt von den hohen Breitengraden bis in die gemäßigten Zonen Europas, das, wenn es ihn erreicht, bereits nicht mehr gemäßigt ist. Einmal angekommen, lastet es auf den Kontinentalplatten, die zunächst an dieser Stelle Widerstand leisten und standhalten. Dann, während das Volumen über ihnen zunimmt, sinken sie in einer unendlich langsamen Bewegung unter drei Kilometer dickes Eis, sinken immer tiefer unter den kalten Körper des Gletschers, der verwüstet, kratzt und abschleift, bei jedem Atemzug, bei jeder Bewegung, jedem Vorwärtskommen oder Zurückziehen, hobelt er und sammelt unter seinem Bauch alles, was ihm der Felsuntergrund an Material liefern kann, um es zu extrahieren, zu transportieren, zu zerkleinern, zu Kies, grobem Sand, feinem Sand zu zermahlen oder die größten Blöcke als Ganzes mitzunehmen. Sobald er auf festem Boden Fuß gefasst hat, lässt er nicht mehr los.
Diese Passage bildet das geohistorische Fundament des Romans und steht im engen Zusammenhang mit Margarets wissenschaftlicher Besiedlung des Quartärs. Während in der Gegenwart des Jahres 2013 das Sturmtief Xaver als meteorologische „Bombe“ über die Nordsee fegt, blickt der Text hier zurück in die „lange Zeit“ der Geologie, um die physische Entstehung des Doggerlands zu erklären. Margaret erforscht diese Epoche, in der der Mensch zum Faktor der Transformation wurde, doch Filhol zeigt hier, dass der Mensch zunächst nur ein Statist gegenüber den „Respirationen“ des Eises war.
Die fiktionale Inszenierung nutzt eine hochgradig biologische Sprache, um die Erdgeschichte als lebendigen Prozess darzustellen. Das Eisschild wird nicht als totes Eis beschrieben, vielmehr als ein Organismus, der „atmet“, „anschwillt“, einen „Bauch“ besitzt und Landschaften „verschlingt“. Diese Semantisierung der Naturkräfte zieht sich durch das gesamte Werk: So wie der Sturm Xaver als Göttin der Mythologie auftritt, erscheint das Eis hier als urzeitliche Macht, die den europäischen Sockel aktiv „verwüstet, kratzt und abschmirgelt“. Diese Darstellung unterstreicht die These des Romans, dass die Natur eine eigene, dem Menschen überlegene Handlungsfähigkeit besitzt, die in Zyklen von Spannung und Entladung verläuft.
Auf einer metaphorischen Ebene spiegelt der physische Druck des Eises die emotionale Architektur der Protagonisten wider. Das Bild der Kontinentalplatten, die unter der Last von drei Kilometern Eis „widerstehen“, „einstecken“ und schließlich „unendlich langsam einsinken“, ist eine Analogie für das Verdrängte und Verborgene im Leben von Margaret und Marc. Marc erkennt in geologischen Verwerfungen ausdrücklich „alte Kindheitswunden“ und Traumata, die unter neuem Druck wieder aufbrechen können. Die geologische Isostasie – das Sinken und Heben des Bodens – korrespondiert so mit Marcs manisch-depressiven Zyklen und Margarets innerer „weißen Stelle“, die sie durch die Erforschung der versunkenen Welt zu füllen versucht.
Die Parallelität von Zeitskalen
Der Roman Doggerland entfaltet sich vor dem Hintergrund einer gewaltigen Naturerscheinung: dem Sturmtief Xaver, das im Dezember 2013 über die Nordsee fegt. Inmitten dieser atmosphärischen Entladung begegnen sich die Geologin Margaret und der Ingenieur Marc nach zwanzig Jahren Trennung wieder. Filhol nutzt das versunkene Doggerland – eine Landmasse, die vor 8.000 Jahren Großbritannien mit dem Kontinent verband – als zentrales Motiv, um über die Beständigkeit von Erinnerung und die Unaufhaltsamkeit des Wandels nachzudenken. Die erzählerische Struktur des Romans ist selbst stratigraphisch angelegt: Sie schichtet die „kurze Zeit“ der menschlichen Biografie über die „lange Zeit“ der Erdgeschichte.
Die Verbindung zwischen der persönlichen Geschichte der Protagonisten und der Geologie wird bereits im Prolog etabliert. Filhol stellt fest, dass Geologen wissen, dass über sehr lange Zeiträume hinweg Kräfte wirken, die fähig sind, „alte Vulkane zu wecken und alte Verwerfungen wieder zu öffnen“. Die zwanzig Jahre, die Margaret und Marc getrennt verbringen, erscheinen im Vergleich zu den 8.000 Jahren seit dem Versinken des Doggerlands kurz, doch im Roman wirken sie wie eine eigene geologische Epoche, in der sich emotionale Spannungen im Verborgenen angestaut haben.
Diese Parallelität zeigt sich auch in der physischen Bewegung der Landmassen. Während Margaret in St. Andrews forscht, reflektiert sie darüber, wie sich Schottland nach dem Verschwinden der Gletscher hob, während England sich absenkte – eine isostatische Ausgleichsbewegung, die den Raum für ihr Studienobjekt, die versunkenen Gebiete, erst schuf. Diese langsamen, aber unaufhaltsamen Bewegungen der Erdkruste dienen als Metapher für die schleichenden Veränderungen in den Lebensentwürfen der Charaktere, die erst durch ein Ereignis wie den Sturm Xaver wieder ins Bewusstsein gerückt werden.
In der Begegnung in Esbjerg wird deutlich, dass die Vergangenheit nicht abgeschlossen ist, dass sie wie eine sedimentäre Schicht unter der Gegenwart liegt. Margaret hat sich der Rekonstruktion des Vergangenen verschrieben, während Marc in der Industrie der fossilen Brennstoffe arbeitet, die eben jene Schichten ausbeutet, die Margaret untersucht. Die „lange Zeit“ der Geologie bietet den Rahmen, in dem die „kurze Zeit“ der menschlichen Begegnung überhaupt erst ihre existenzielle Schwere erhält; das Wiedersehen ist die Reaktivierung einer Verwerfung, die nie ganz verheilt war.
Naturkräfte als mythologische Akteure
Das Sturmtief Xaver wird im Roman nicht als bloßes meteorologisches Datenpaket beschrieben, es wird als eine eigenständige Macht mit mythologischen Zügen semantisiert. Filhol beschreibt die Entstehung des Sturms als eine „Explosion“, eine „Bombe“, die plötzlich aus dem Nichts auftaucht und die numerischen Vorhersagemodelle der Meteorologen Lügen straft. Der Sturm wird personifiziert und mit der Göttin Athena verglichen, die „gehelmt und gestiefelt aus dem Haupt ihres Vaters“ entspringt – eine Form, die von Beginn an vollendet und „außerhalb der Norm“ ist.
Diese Mythisierung verleiht der Natur eine Handlungsfähigkeit, die sich dem menschlichen Zugriff entzieht. Obwohl Ted Hamilton und seine Kollegen im Met Office den Sturm mit Supercomputern und Satelliten überwachen, bleibt ein Restbestand des Unberechenbaren, den die Wissenschaftler paradoxerweise mit einer Mischung aus Angst und „Bewunderung“ betrachten. Die Natur wird hier als eine Instanz gezeigt, die „die Grenzen überschreitet“ und die Menschen dazu zwingt, ihre eigene Verletzlichkeit anzuerkennen und eine fast verlorene „Fähigkeit zum Selbstschutz“ wiederzuentdecken.
Die Semantisierung als mythologische Macht hebt den Sturm aus dem Bereich des Alltäglichen heraus. Er wirkt als ein Katalysator der Wahrheit, der die Protagonisten aus ihrer Routine reißt und sie zur Konfrontation zwingt. In der „Schönheit von Xaver“, die untrennbar mit ihrer Zerstörungskraft verbunden ist, offenbart sich eine Natur, die nicht mehr ein passives Objekt der Ausbeutung bildet, vielmehr als ein Subjekt, das den Raum der Nordsee gewaltsam neu ordnet.
Geologie als Metapher für das Trauma
Für Margaret wirkt das versunkene Doggerland als eine äußere Entsprechung ihrer eigenen inneren Leere. Sie beschreibt ihr Inneres als eine „weiße Stelle“, die wie eine Karte von Afrika im 17. Jahrhundert zwar klare Küstenlinien hat, deren Hinterland jedoch völlig unerforscht und leer bleibt. Die wissenschaftliche Erforschung des Doggerlands ist für sie ein Weg, diesen „unzugänglichen Ort in ihr selbst“ zu besetzen und durch eine topographische Rekonstruktion der Vergangenheit zu kompensieren.
Das Doggerland wird so zum Symbol für das Verdrängte und Verborgene. Margaret flüchtet sich in die prähistorische Geologie, um den „Dämonen“ ihrer eigenen Biografie zu entkommen. St. Andrews mit seiner mittelalterlichen Architektur und den uralten studentischen Ritualen bietet ihr den nötigen Rahmen und die Stabilität, um sich nicht im „Dephasage“ ihrer Herkunftsstadt Aberdeen zu verlieren, die durch den Ölboom permanent ihr Gesicht veränderte. Die Geologie bietet ihr eine „Heimat“, in der die Zeit stillsteht oder zumindest kontrollierbar scheint.
Marc Berthelots Vision des geologischen Rifts unter der Nordsee verbindet tektonische Vorgänge mit psychologischen Traumata, indem das Rift als eine Narbe in der Erdkruste semantisiert wird:
Telle une vieille blessure d’enfance, comblée provisoirement par les alluvions des rivières puis les dépôts marins, le rift en vaste plaine qui a subi une première fois ce chamboulement et va devoir le subir à nouveau, sous l’action des forces tectoniques qui agissent à distance, qui font s’étirer et s’amincir la croûte terrestre à cet endroit, là où la zone est la plus fragile, a déjà été blessée, déchirée, pansée et colmatée à la hâte, et enfin cicatrisée, ça recommence, après un temps de latence qui aurait pu signer la fin, mais non. Comme si le sort s’acharnait à cet endroit. On sait bien que non, que le destin répond à un principe bien moins aléatoire qui veut qu’un premier traumatisme ouvre la voie au suivant, lui Marc Berthelot le sait, il sait ce à quoi on n’échappe pas, par défaut de construction ou défaillance de la structure, il s’emploie à le comprendre, à en saisir avec lucidité les conséquences, depuis vingt-cinq ans qu’il extrait des données de la boîte noire, il a pu affiner sa vision.
Wie eine alte Wunde aus der Kindheit, die vorübergehend durch Flussablagerungen und später durch Meeresablagerungen aufgefüllt wurde, der Grabenbruch in der weiten Ebene, der zum ersten Mal diese Umwälzung erlitten hat und sie erneut erleiden wird, unter dem Einfluss der tektonischen Kräfte, die aus der Ferne wirken und die Erdkruste an dieser Stelle, wo die Zone am empfindlichsten ist, dehnen und ausdünnen, wurde bereits verletzt, zerrissen, in Eile verbunden und versiegelt und schließlich verheilt wurde, beginnt es von Neuem, nach einer Ruhephase, die das Ende hätte bedeuten können, aber nein. Als ob das Schicksal an diesem Ort besonders hart zuschlägt. Wir wissen natürlich, dass das nicht der Fall ist, dass das Schicksal einem weitaus weniger zufälligen Prinzip folgt, wonach ein erstes Trauma den Weg für das nächste ebnet. Marc Berthelot weiß das, er weiß, wem man nicht entkommen kann, aufgrund von Konstruktionsfehlern oder Strukturmängeln, er bemüht sich, dies zu verstehen, die Folgen klar zu erkennen, seit fünfundzwanzig Jahren extrahiert er Daten aus der Blackbox und konnte so seine Sichtweise verfeinern.
Dieser Auszug markiert einen Wendepunkt in Marcs Handlungsstrang. In einer schlaflosen Nacht in seinem Hotelzimmer in Aarhus hat er eine fast halluzinatorische Vision des Rifts. Diese Erkenntnis treibt ihn dazu, sein Projekt eines umfassenden Überwachungssystems voranzutreiben, da er die Nordsee durch die Ölförderung und natürliche Spannungen destabilisiert sieht. Das geologische Rift wird hier als psychologische Metapher für ein Trauma semantisiert. Filhol vergleicht die tektonische Verwerfung mit einer „alten Kindheitswunde“, die nur notdürftig verheilt ist und nun unter neuem Druck wieder aufbricht. Marc erkennt eine fatale Logik: Ein „erstes Trauma öffnet den Weg für das nächste“. Hier verschmelzen Marcs eigene instabile Psyche (manisch-depressive Zyklen) und die geophysikalische Instabilität der Nordsee zu einer Einheit.
Die prähistorischen Wälder, die bei Ebbe auftauchen, werden als eine eingefrorene Armee inszeniert, was die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart fiktional betont:
Ils émergent au lever du jour, de vieilles souches, les bras soudés au corps et les jambes tordues prêtes à se mettre en marche, des troncs couchés prêts à se relever, une armée sans âge, rescapée à l’heure de la pleine marée basse, sauvée des eaux, encore luisante sous le ciel de traîne et qui semble vouloir partir à l’assaut de la plage, plusieurs dizaines d’individus mais une poignée seulement au premier plan, et qui seront suivis par d’autres on dirait, engendrés à chaque marée, figés dans la posture qu’ils avaient quand l’horloge, quelques millénaires plus tôt, s’est arrêtée. Chaque promeneur, chaque amateur, y va de sa petite estimation. Un demi-siècle avant la technique de datation au carbone 14, pour les contemporains de Clement Reid, qui n’ont pas d’autre chronologie à leur disposition que biblique, et contrairement à lui qui s’intéresse à la stratigraphie, c’est un temps antédiluvien. Et ces forêts fossiles qui apparaissent en une nuit avant d’être reprises par les vagues, ils les nomment Noah’s Woods, les Bois de Noé.
Bei Tagesanbruch tauchen sie auf, alte Baumstümpfe, die Arme an den Körper geschmiedet und die Beine verdreht, bereit, sich in Bewegung zu setzen, liegende Stämme, bereit, sich wieder aufzurichten, eine zeitlose Armee, gerettet zur Zeit der Ebbe, aus den Fluten gerettet, noch glänzend unter dem Schleierhimmel und scheinbar bereit, den Strand zu stürmen, mehrere Dutzend Individuen, aber nur eine Handvoll im Vordergrund, und es scheint, als würden ihnen andere folgen, die bei jeder Flut entstehen, erstarrt in der Haltung, die sie hatten, als die Uhr vor einigen Jahrtausenden stehen blieb. Jeder Spaziergänger, jeder Liebhaber gibt seine eigene kleine Einschätzung ab. Ein halbes Jahrhundert vor der C-14-Datierungstechnik ist es für die Zeitgenossen von Clement Reid, die keine andere Chronologie als die biblische zur Verfügung haben, und im Gegensatz zu ihm, der sich für Stratigraphie interessiert, eine vorzeitliche Zeit. Und diese fossilen Wälder, die über Nacht auftauchen, bevor sie von den Wellen wieder verschluckt werden, nennen sie Noah’s Woods, die Wälder Noahs.
Die Entdeckung von fossilen Wäldern, den sogenannten „Bois de Noé“, die nach Stürmen kurzzeitig am Strand auftauchen, verstärkt diese Metaphorik. Diese „Armee ohne Alter“, die wie aus der Zeit gefallen wirkt, spiegelt Margarets eigenes Gefühl der Erstarrung wider. Das Trauma der Trennung von Marc und die Manipulationen ihres Bruders Ted liegen wie das Moorlog – der Schlamm und die Trümmer am Meeresgrund – unter der Oberfläche ihres geordneten Lebens und kommen durch die wissenschaftliche (und persönliche) Arbeit wieder ans Licht.
Margaret reflektiert über das Werk von Clement Reid, Submerged Forests (1913), das ihr Bruder Ted ihr einst schenkte. Die fossilen Wälder tauchen im Roman immer wieder als visuelle Verbindung zwischen der prähistorischen Vergangenheit und der Gegenwart auf, besonders wenn Margaret die Küsten nach Stürmen absucht. Die fiktionale Inszenierung nutzt hier das Bild einer angehaltenen Uhr: Die Bäume sind in der Pose erstarrt, die sie vor Jahrtausenden beim Untergang hatten. Der Begriff „Bois de Noé“ (Noahs Wälder) verweist zudem auf die Mythologisierung der Geologie durch Zeitgenossen, die wissenschaftliche Phänomene in biblische Erzählungen einordneten, während Margaret heute versucht, diese „weiße Stelle“ auf der Karte rein wissenschaftlich zu füllen.
Die Paradoxie von Industrie und Erkenntnis
Eine der schärfsten Thesen des Romans ist die ambivalente Abhängigkeit zwischen der Wissenschaft und der Industrie, die ihren Forschungsgegenstand zerstört. Margaret muss anerkennen, dass die Beschleunigung ihrer archäologischen Forschung erst durch den „Zustrom inoffizieller geophysikalischer Daten“ möglich wurde, die durch die Öl- und Gasexploration in der Nordsee gewonnen wurden. Die Industrie liefert die Werkzeuge (wie 3D-Modellierung und Bohrkerne), um das Doggerland „aus den Wassern zu retten“, während sie gleichzeitig den Meeresboden durch Bohrungen und Infrastrukturen remaniert.
Diese Paradoxie wird im Gespräch zwischen Margaret und ihrem Sohn David thematisiert. David wirft ihr vor, einen „Pakt mit dem Teufel“ einzugehen, indem sie mit den Firmen zusammenarbeitet, die den Dogger Bank leerfischen und fossile Ressourcen plündern. Margaret verteidigt dies als „präventive Archäologie“, die lediglich versucht, die Informationen zu retten, bevor die industrielle Expansion – sei es durch Ölplattformen oder riesige Windparks wie die von Margarets Ehemann Stephen betreuten – alles unwiederbringlich zerstört.
Die Industrie wird somit gleichzeitig als Zerstörer und Offenbarer der prähistorischen Welt semantisiert. Marc und Stephen repräsentieren diese Seite der Medaille: Sie wandeln die „nutzlose Kraft“ des Windes oder die fossilen Überreste der Vergangenheit in produktive Energie um. Diese „kreative Beziehung“ zwischen Offshore-Industrie und Archäologie, wie sie auf dem Kongress in Esbjerg postuliert wird, bleibt im Kern jedoch eine ungleiche Verbindung zwischen dem Verlangen nach Wissen und dem Hunger nach Profit.
Katastrophen als zyklische Unausweichlichkeit
Filhol inszeniert den Storegga-Tsunami als ein Ereignis, das die zyklische Natur von Katastrophen verdeutlicht. Das Ereignis vor über 8.000 Jahren, bei dem Milliarden Kubikmeter Silit in Bewegung gerieten und eine bis zu dreißig Meter hohe Welle auslösten, wird im Roman als ein „statistisch erwartetes“ Ereignis behandelt, das sich jederzeit wiederholen könnte. Diese prähistorische Apokalypse dient als düsteres Analogon für die Instabilität der modernen Welt.
Die zyklische Unausweichlichkeit zeigt sich auch in der Ökonomie. Der Roman vergleicht die Schwankungen der Ölpreise mit einer „manisch-depressiven Störung“ des Weltkapitalismus. Auf Phasen des Booms folgen unweigerlich Einbrüche, Krisen und Entlassungen, wobei die Akteure jedes Mal so tun, als sei der Schock „ohne Präzedenzfall“, obwohl er einem inhärenten Muster der Erd- und Wirtschaftsgeschichte folgt. Diese „Wiederholung des Schreckens“ verbindet die geologische Instabilität der Nordsee (Erdbeben durch Entleerung der Reservoire) mit der ökonomischen Fragilität.
Im Epilog wird die Katastrophe von 6.150 v. Chr. unmittelbar erfahrbar gemacht. Das namenlose Paar im Doggerland erlebt das „Schweigen der Natur“ und das Zurückweichen des Meeres als Vorboten einer Vernichtung, die ihre gesamte Kultur aus dem kollektiven Gedächtnis tilgen wird. Die Geologie wird hier zur Schicksalsmacht, die jede menschliche Planung zunichtemacht – ein Motiv, das im Roman durch die Warnungen vor einer neuen Sismizität in der Nordsee eine beunruhigende Aktualität erhält.
Die Nordsee als Raum der kollektiven Identität
Die Nordsee wird im Roman als ein Raum semantisiert, der trotz seiner gewaltsamen Natur eine einigende Kraft besitzt. Filhol beschreibt die Bewohner der Küsten von Schottland bis Dänemark als eine Gemeinschaft, die durch das „gemeinsame Erbe“ der Nordsee geprägt ist – eine Identität, die aus der Konfrontation mit ihrer Gewalt, ihrem Reichtum und den Zerstörungen, die sie provoziert, erwächst. Doggerland ist in diesem Sinne das „verlorene Paradies“, das als „Präsenz in der Leere“ die Mentalitäten der Anwohner bis heute unbewusst strukturiert.
Dieser Raum ist jedoch kein friedliches Idyll, er ist ein Gebiet der „Rivalitäten“ und der „Hegemonie“, das heute in wirtschaftliche „Jagdreviere“ aufgeteilt ist. Das Doggerland bietet Margaret die Möglichkeit, eine „Gemeinschaft“ mit Menschen zu bilden, die uns zwar kulturell fern, aber biologisch gleich sind. Es ist ein Ort des Austauschs, der über die modernen Nationalstaatsgrenzen hinausweist und eine tiefere, transnationale Verbundenheit suggeriert.
Die Nordsee wird so zum Gedächtnisraum. In den Netzen der Fischer verfangen sich die Knochen von Mammuts und Löwen, ein „Bric-à-brac“ der Vergangenheit, das zeigt, dass die heutige See nur eine vorübergehende Phase ist. Das Doggerland wirkt als „strukturierendes Territorium Europas“ im Verborgenen fort und mahnt ein Gleichgewicht zwischen Umwelt und Bevölkerung an, das im Zeitalter der industriellen Ausbeutung verloren gegangen ist.
Die Biologisierung des Geologischen
Besonders deutlich wird die Verschränkung von Mensch und Erde in der Figur des Marc Berthelot. Seine psychische Verfassung, geprägt durch manisch-depressive Zyklen, wird im Roman direkt mit tektonischen Prozessen verglichen. Marc erkennt in den geologischen Verwerfungen des Nordsee-Rifts eine „alte Wunde“, die wie ein „Kindheitstrauma“ immer wieder aufbricht. Er sieht sich selbst als Teil dieses Systems: Ein „erstes Trauma öffnet den Weg für das nächste“, ob in der Erdkruste oder in der menschlichen Psyche.
Filhol beschreibt Marcs Visionen als eine Form der „Kristallisation“, bei der sich geophysikalische Daten und innerer Druck zu einer fast mystischen Erkenntnis verbinden. Sein Bedürfnis nach ständiger Bewegung und Aktion ist ein Versuch, der „inneren surpression“ (Überdruck) zu entgehen, die ihn zu explodieren droht. Die menschliche Existenz erscheint bei Marc als ein Mikrokosmos der Erde: Druck, Spannung und schließlich die entladende Katastrophe (der Unfall, der Zusammenbruch) folgen den gleichen Gesetzen wie der Gasausbruch auf der Plattform Elgin.
Diese Biologisierung der Geologie (und Geologisierung der Biologie) findet ihren Höhepunkt in der Beschreibung des Eisschildes, das „atmet“, „frisst“ und Landschaften „zermahlt“. Marc fühlt sich in seinen Phasen der Hyperaktivität wie ein „Coyote“, der über dem Abgrund schwebt, getragen von einer Energie, die ebenso unerschöpflich scheint wie die Reservoirs der Nordsee – bis der reale Druck der Verhältnisse ihn unweigerlich wieder in die Tiefe reißt.
Das Doggerland als vorübergehendes „Eden“
Der langsame Anstieg des Meeresspiegels wird als eine Verschiebung der Klimazonen und als ein fragiler Moment des ökologischen Gleichgewichts beschrieben:
Dans la marche vers cet équilibre, beaucoup de paramètres entrent en ligne de compte et contribuent, étape par étape, à faire de ce territoire-là un Éden, tandis que le niveau des océans continue à monter, une fois acquis le bénéfice de la surface maximale, un seuil est franchi, à partir duquel l’immense plaine de la mer du Nord est irrémédiablement envahie par les eaux, mais le processus est lent et s’accompagne d’un climat plus doux, comme si la plaine descendait en latitude, rendant la concession plus facile d’une perte de territoire dans la balance des températures qui n’en finissent pas de grimper. Certes le Doggerland est un espace en mutation durant toute la période du Mésolithique et sur à peu près tous les critères, à commencer par sa cartographie, il n’en reste pas moins vrai, si l’on se place du point de vue des ressources, de ce dont les hommes ont besoin, non plus pour survivre mais pour vivre à leur aise, tout est là, à disposition, à profusion, même dans une version insulaire du Doggerland, recentrée, plus compacte, et néanmoins suffisamment vaste pour offrir en biodiversité le nécessaire et le superflu à des milliers d’hommes organisés en clans, qui développèrent là une culture parente de celle de leurs cousins continentaux et singulière. Avant d’être submergé, le Doggerland fut une île prospère.
Auf dem Weg zu diesem Gleichgewicht spielen viele Parameter eine Rolle und tragen Schritt für Schritt dazu bei, dieses Gebiet zu einem Paradies zu machen, während der Meeresspiegel weiter steigt. Sobald die maximale Fläche erreicht ist, wird eine Schwelle überschritten, ab der die riesige Nordseeebene unwiderruflich vom Wasser überflutet wird, aber der Prozess verläuft langsam und geht mit einem milderen Klima einher, als würde die Ebene in den Breitengrad absinken, was den Verlust von Territorium im Gleichgewicht der immer weiter steigenden Temperaturen leichter zu akzeptieren macht. Zwar ist Doggerland während der gesamten Mittelsteinzeit ein sich wandelnder Raum und nach fast allen Kriterien, angefangen bei seiner Kartografie, bleibt es dennoch wahr, dass aus Sicht der Ressourcen, die die Menschen nicht mehr zum Überleben, sondern zum Leben in Wohlstand benötigen, alles vorhanden und in Hülle und Fülle verfügbar, selbst in einer insularen Version des Doggerlands, das zwar kleiner und kompakter war, aber dennoch groß genug, um Tausenden von Menschen, die in Clans organisiert waren und dort eine Kultur entwickelten, die der ihrer Verwandten auf dem Kontinent ähnelte und dennoch einzigartig war, die notwendige und überflüssige biologische Vielfalt zu bieten. Bevor es überflutet wurde, war Doggerland eine blühende Insel.
Dies ist das Herzstück von Margarets Vortrag und ihrer Weltanschauung. Sie diskutiert mit ihrem Sohn David darüber, ob das Doggerland ein reales Land oder eine Fiktion ist. Für Margaret ist es ein Ort, an dem sie „Gemeinschaft bilden“ kann, bevölkert von Menschen, die uns ähnlich, aber durch ihre Kultur fremd sind. Das Doggerland wird als ein flüchtiges Paradies dargestellt, das in einem Moment des klimatischen Gleichgewichts existierte. Filhol beschreibt den Prozess des Versinkens fast als einen akzeptablen Handel: Das Land geht verloren, aber das Klima wird milder, was den Verlust „leichter“ macht. Es ist die Schilderung einer verlorenen Harmonie zwischen Mensch und Umwelt, ein „Eden“, das reich an Ressourcen war (Fische, Vögel, Wälder). Dieser Zustand dient im Roman als schmerzhafter Kontrast zur heutigen industriellen Ausbeutung der Nordsee durch Windparks und Ölplattformen, die Margaret und Marc beruflich repräsentieren.
Epilog
Der Epilog des Romans Doggerland bildet den dramatischen und emotionalen Schlusspunkt einer Erzählung, die ständig zwischen der Gegenwart des Jahres 2013 und der tiefen geologischen Vergangenheit pendelt. Während die Protagonistin Margaret die Versenkung des Doggerlands als wissenschaftliches Abstraktum und „weißen Fleck“ auf der Landkarte erforscht, macht der Epilog diesen Prozess als unmittelbare, lebensbedrohliche Realität erfahrbar, als historisches Echo auf das Sturmtief Xaver, das die Rahmenhandlung der Gegenwart bestimmt. Er rekonstruiert die letzten Stunden des Doggerlands im Jahr 6.150 v. Chr., als der Storegga-Tsunami – ausgelöst durch einen gigantischen Unterwasser-Erdrutsch vor der norwegischen Küste – das Land für immer verschlang.
Ils marchent avec précaution, regardent où ils mettent les pieds, de temps en temps lèvent la tête pour évaluer la distance qui les sépare du banc de coquillages qu’ils ont repéré. Et c’est là qu’un changement se produit. Elle aperçoit l’îlot. Comme si le mouvement de la marée montante, brutalement, s’était inversé. Elle distingue avec précision les contours de l’îlot qui un moment plus tôt était immergé. Devant eux, la mer se retire. Elle se rétracte, non pas insensiblement, mais à vue d’œil. Ils observent, incrédules, ce qui fait effraction, qui est sans précédent dans leur histoire, dont ils n’ont jamais eu de témoignage direct, et que pourtant ils connaissent, reconnaissent, le phénomène tel qu’il est décrit et leur est parvenu, tout droit descendu du Grand Récit de leurs origines, et que ceux qui nagent, creusent, rampent, volent, ont senti avant eux, elle dit son nom dans leur langue, son nom légendaire qui n’a pas d’équivalent dans ce monde, qui va bientôt les emporter dans l’autre en moins de temps qu’il n’en faudrait pour regagner la pirogue.
Sie gehen vorsichtig, achten darauf, wo sie hintreten, und heben von Zeit zu Zeit den Kopf, um die Entfernung zu der Muschelbank zu schätzen, die sie entdeckt haben. Und dann geschieht eine Veränderung. Sie entdeckt die kleine Insel. Es ist, als hätte sich die Bewegung der Flut plötzlich umgekehrt. Sie kann die Umrisse der Insel, die kurz zuvor noch unter Wasser lag, genau erkennen. Vor ihnen zieht sich das Meer zurück. Es zieht sich nicht unmerklich zurück, sondern mit bloßem Auge sichtbar. Ungläubig beobachten sie dieses beispiellose Ereignis, das in ihrer Geschichte noch nie vorgekommen ist, von dem sie noch nie direkt gehört haben, das sie jedoch kennen und wiedererkennen, da es ihnen beschrieben wurde und direkt aus der großen Erzählung ihrer Herkunft stammt, und dass diejenigen, die schwimmen, graben, kriechen, fliegen, vor ihnen gespürt haben, es sagt seinen Namen in ihrer Sprache, seinen legendären Namen, der in dieser Welt keine Entsprechung hat, der sie bald in weniger Zeit in die andere Welt entführen wird, als sie brauchen würden, um zum Einbaum zurückzukehren.
Dieser Moment beschreibt das physische Phänomen des Tsunami-Vorläufers, das Margaret in ihrem Vortrag über den Storegga-Slide theoretisch erläutert. Für das Paar ist es der Augenblick der „Erschütterung“ (effraction), der ihre Welt aus den Angeln hebt. Das Zurückweichen des Meeres wird als ein unnatürlicher, fast magischer Vorgang beschrieben. Die Zeit scheint sich zu raffen („à vue d’œil“). Das „legendäre Wort“, das die Frau ausspricht, verbindet die geologische Katastrophe mit dem kollektiven Mythos – die Naturkraft wird hier zur mythischen Vernichtungsmacht.
Le sol est meuble, sans résistance, se dérobe sous leurs pieds, ils s’enfoncent, s’arrachent au sable, s’enfoncent à nouveau, la première dune leur fait obstacle, sans être pour autant un refuge, refuse de leur faciliter la tâche, elle ne lui a jamais paru aussi raide, elle ne l’a jamais grimpée aussi vite, leur survie est de l’autre côté, leur espoir de survie domine le paysage, elle tente de soutenir son rythme à lui, elle lutte, jette d’entrée toutes ses forces dans la bataille, à l’approche de la crête, les racines des oyats qui ont colonisé l’autre versant et débordent de ce côté-ci, consolident le sol, ils accélèrent, franchissent les dernière coudées presque déjà dans l’élan qui va suivre, atteignent le sommet et de là, dévalent la pente, elle est légère, lui contrôle mieux sa vitesse, elle manque de tomber, retrouve son équilibre, il pourrait prendre de l’avance, il ne le fait pas ; à mi-course elle lâche prise, se laisse emporter, et lui avec elle, et dans l’accélération ils survolent la pelouse au pied de la dune jusqu’aux premiers massifs de bruyères qui tapissent la dépression qu’ils doivent traverser.
Der Boden ist locker, ohne Widerstand, gibt unter ihren Füßen nach, sie sinken ein, reißen sich aus dem Sand, sinken erneut ein, die erste Düne versperrt ihnen den Weg, ohne ihnen jedoch Zuflucht zu bieten, weigert sich, ihnen die Aufgabe zu erleichtern, sie ist ihm noch nie so steil vorgekommen, er ist sie noch nie so schnell hinaufgeklettert, ihr Überleben liegt auf der anderen Seite, ihre Hoffnung auf Überleben dominiert die Landschaft, sie versucht, sein Tempo mitzugehen, sie kämpft, wirft von Anfang an ihre ganze Kraft in den Kampf, als sie sich dem Kamm nähern, festigen die Wurzeln des Strandhafer, die den anderen Hang besiedelt haben und auf diese Seite überlaufen, verfestigen den Boden, sie beschleunigen, überwinden die letzten Meter fast schon im Schwung, erreichen den Gipfel und stürzen sich von dort den Hang hinunter, sie ist leicht, er kontrolliert seine Geschwindigkeit besser, sie stürzt beinahe, findet ihr Gleichgewicht wieder, er könnte sich absetzen, tut es aber nicht; auf halber Strecke lässt sie los, lässt sich mitreißen, und er mit ihr, und in der Beschleunigung fliegen sie über den Rasen am Fuße der Düne bis zu den ersten Heidekrautbüschen, die die Senke bedecken, die sie durchqueren müssen.
Die Flucht durch die Dünenlandschaft spiegelt die physische Beschaffenheit des Doggerlands wider, die Margaret durch Bohrkerne rekonstruiert. Die Dünen, die einst Schutz vor dem Wind boten, werden nun zu lebensentscheidenden Hindernissen. Die Sprache wird hier selbst atemlos und spiegelt die Verzweiflung wider. Das „Sich-Entziehen“ des Bodens (le sol se dérobe) symbolisiert die Instabilität der gesamten Existenz des Doggerlands. Die geologische Formation (die Düne) ist kein passiver Hintergrund mehr, sie wird ein Gegner in einer „Schlacht“ ums Überleben.
Die fiktionale Inszenierung nutzt das Schicksal eines namenlosen Paares, um die Ohnmacht des Menschen gegenüber geologischen Zeiträumen zu verdeutlichen. Der Text wechselt hier von der analytischen Distanz der Geologin Margaret zur archaischen Unmittelbarkeit der Opfer. Die Natur wird als eine Macht dargestellt, die Zeichen aussendet (das Schweigen der Vögel, das Fliehen der Hunde), die der Mensch jedoch erst zu spät zu deuten lernt. Der Epilog schließt den Kreis des Romans: Was für Margaret ein „Paradies“ oder ein „Eden“ der Forschung ist, endet für seine Bewohner in einem apokalyptischen „Nichts“.
Die „Dune Noire“ (Schwarze Düne) wird im Text als einer der höchsten Punkte der Insel eingeführt. Sie repräsentiert die letzte Hoffnung auf Sicherheit in einer versinkenden Welt, ein Motiv, das Margaret in ihren Simulationen als „Hindernis“ für die Wellenausbreitung bezeichnet. Die Welle wird hier als ein Raubtier („la bête“) personifiziert, das seine Beute jagt. Die Flucht wird mit einer Jagd verglichen, wobei die Rollen von Mensch und Natur vertauscht sind: Der Mensch ist nun das gejagte Wild. Die Geologie (die Welle) besitzt eine unaufhaltsame, fast bewusste Dynamik.
Ils entament l’ascension de la dune noire, moins raide que la précédente, mais dont la protection, de là où ils partent, paraît inaccessible, le sol résiste, lui se déplace vite, ajustant d’instinct son effort au degré de la pente pour maintenir sa vitesse constante, quand sa vitesse à elle décline inexorablement, elle lui crie de ne pas l’attendre, de filer jusqu’à la crête, qu’elle le rejoindra, il n’entend pas, il ne veut pas l’entendre, un grondement sourd leur parvient, comme le grondement lointain du tonnerre, mais qui contrairement au bruit du tonnerre ne s’éteint pas, il jette un regard derrière lui, quand elle arrive à sa hauteur, il la saisit par la main, elle sait qu’elle n’ira pas plus vite, au contraire, qu’ils se ralentissent mutuellement, le grondement s’amplifie, de là où ils sont, on voit la mer, elle ne se retourne pas, ils progressent, ils s’élèvent, dans un mouvement soutenu, saccadé, elle va puiser en elle, aussi loin que possible, pour ne pas le freiner lui, le sommet est à leur portée, les arbres sont tout proches, il accélère, à lui arracher le bras, elle s’essouffle, elle pense à ses enfants… elle se hisse sur une branche basse, c’est un fracas comme mille tonnerres, elle n’a plus peur, elle le fait, elle se retourne, et puis plus rien.
Sie beginnen den Aufstieg auf die schwarze Düne, die weniger steil ist als die vorherige, deren Schutz jedoch von ihrem Ausgangspunkt aus unerreichbar erscheint. Der Boden bietet Widerstand, er bewegt sich schnell vorwärts und passt seine Anstrengung instinktiv dem Gefälle an, um seine Geschwindigkeit konstant zu halten, während ihre Geschwindigkeit unaufhaltsam nachlässt. Sie ruft ihm zu, er solle nicht auf sie warten, sondern bis zum Kamm weitergehen, sie werde ihn einholen. Er hört sie nicht, er will sie nicht hören. Ein dumpfes Grollen erreicht sie, wie fernes Donnergrollen, das jedoch im Gegensatz zum Donnergrollen nicht verstummt. Er wirft einen Blick hinter sich, als sie auf seiner Höhe angekommen ist, ergreift er ihre Hand, sie weiß, dass sie nicht schneller gehen wird, im Gegenteil, dass sie sich gegenseitig verlangsamen, das Grollen wird lauter, von dort, wo sie stehen, sieht man das Meer, sie dreht sich nicht um, sie kommen voran, sie steigen auf, in einer anhaltenden, ruckartigen Bewegung, sie schöpft aus ihren inneren Kräften, so weit es geht, um ihn nicht zu bremsen, der Gipfel ist in Reichweite, die Bäume sind ganz nah, er beschleunigt, reißt ihr den Arm weg, sie kommt außer Atem, sie denkt an ihre Kinder… Sie zieht sich auf einen niedrigen Ast hoch, es ist ein Getöse wie tausend Donnerschläge, sie hat keine Angst mehr, sie tut es, sie dreht sich um, und dann nichts mehr.
Das Ende des Epilogs ist das Ende des Doggerlands. Das „und dann nichts mehr“ (et puis plus rien) markiert den Übergang von der bewohnten Welt zum „Moorlog“, dem Schlamm und den Trümmern, die Margaret heute erforscht. Es ist die Geburtsstunde des „weißen Flecks“ auf der Landkarte. Der letzte Moment ist geprägt von einer extremen körperlichen Anstrengung und einer endgültigen Stille. Das „Plus rien“ ist die ultimative Semantisierung des geologischen Prozesses: die totale Auslöschung menschlicher Präsenz durch die Naturkraft. Die „tausend Donner“ symbolisieren die akustische Überwältigung durch die Materie, bevor alles in der Tiefe der Nordsee versinkt.
Élisabeth Filhols Doggerland ist so auch ein episches Klagelied auf das Anthropozän, das die Hybris der Gegenwart vor dem Maßstab der geologischen Zeit entlarvt. In der Figur der Margaret zeigt sich die Sehnsucht nach einer stabilen Vergangenheit, während Marc die rastlose, selbstzerstörerische Energie der Moderne verkörpert. Der Roman erinnert uns daran, dass wir auf einem „Moorlog“ aus Trümmern bauen und dass die gewaltigen Kräfte der Natur, die einst das Doggerland verschlangen, unter der dünnen Schicht unserer Zivilisation jederzeit wieder erwachen können.