Diaspora und Nationalismus: europäische Schwellenzeit 1913 bei François Sureau

Vorabend der Katastrophe

In der literarischen Reihe um Thomas More von François Sureau sind bislang zwei historische Romane erschienen: der erste Band Les enfants perdus führt 1870 nach der Schlacht von Sedan in eine Detektivgeschichte an der Schnittstelle von Krimi und historischer Reflexion. Nach der Niederlage bei Sedan wird More als Kriegsgefangener gehalten, als ihn der preußische König in einen mysteriösen Mordfall im eigenen Umfeld verwickelt und auf diese Weise in eine verzwickte kriminalistische Untersuchung hineinzieht. Über die Lösung dieses Verbrechens hinaus lotet der Roman in der Folge Fragen nach der Natur des Bösen und der Verbrechen selbst aus, während More noch weitere Fälle wie die Brandserie gegen Kirchen im Osten Frankreichs verfolgt.

Der zweite Roman Loin de Salonique von François Sureau (Gallimard, 2026) setzt im Frühjahr 1913 in Monastir und Thessaloniki ein, im politisch aufgeheizten Balkanraum kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Die zwei Städte des südosteuropäischen Umbruchsraums sind eben erst dem zerfallenden Osmanischen Reich entglitten. Mit dem historischen Monastir ist das heutige Bitola gemeint, mit Salonique das noch vom osmanischen Erbe geprägte Thessaloniki. Der Schauplatz ist damit kein randständiger Ort, sondern ein politisch überhitzter Balkanraum, in dem sich imperiale Vielvölkerordnung und nationalstaatliche Neuformierung überlagern – eine Schwellenlandschaft am Vorabend der europäischen Katastrophe.

Auslöser der Handlung ist der Fund der Leiche des französischen Rechtsprofessors André Charlot im Grabgewölbe einer jüdischen Familie in Thessaloniki. Der rätselhafte Thomas More, ein in diplomatischen und geheimdienstlichen Missionen erfahrener Franzose, übernimmt gemeinsam mit dem Unternehmer Paul Seligmann die inoffizielle Untersuchung. Die Ermittlungen führen durch Konsulate, Polizeibüros, Handelshäuser und Privaträume und legen ein Geflecht aus politischen Spannungen, wirtschaftlichen Interessen und historischen Loyalitäten frei. Der Mordfall wird so zum Kristallisationspunkt einer Epoche im Übergang, in der das osmanische Erbe, griechische Staatsbildung, jüdische Diaspora-Identität und europäische Machtpolitik aufeinandertreffen.

Thomas Morus

Die Namensgebung ist als Anspielung auf Thomas Morus zu lesen. Der Autor von Utopia steht in der europäischen Geistesgeschichte für humanistischen Universalismus, für die Idee einer vernunftgeleiteten Ordnung und zugleich für die Tragik politischer Loyalität. Er verband staatspraktische Tätigkeit mit philosophischer Reflexion – und bezahlte seine Gewissensentscheidung gegenüber Heinrich VIII. mit dem Leben. Diese Spannung zwischen politischer Wirklichkeit und normativer Idee prägt auch die Figur des Thomas More im Roman.

Der literarische Thomas More bewegt sich als diskreter Ermittler und politischer Beobachter in einem Raum, der kurz vor der historischen Katastrophe steht. Wie sein frühneuzeitliches Namensvorbild verkörpert er ein Bewusstsein für Ordnung, Maß und Recht in einer Welt zunehmender Unübersichtlichkeit. Er ist kein bloßer Detektiv, sondern eine Figur der Urteilskraft. Seine Bildung, seine historische Tiefensicht und seine Skepsis gegenüber ideologischen Vereinfachungen erinnern an den humanistischen Geist der Renaissance.

Zugleich wirkt die Anspielung ironisch gebrochen. Während Morus mit Utopia einen imaginierten Idealstaat entwarf, bewegt sich Thomas More des Romans in einer dezidiert nicht-utopischen Realität: einem Balkanraum, der von Nationalismen, Geheimdiplomatie und Machtverschiebungen zerrissen wird. Seine Präsenz markiert gewissermaßen den Abstand zwischen humanistischem Ordnungsdenken und der politischen Moderne vor 1914. Die Utopie ist hier nicht erreichbar; sie erscheint höchstens als leiser Resonanzraum.

Darüber hinaus evoziert der Name eine Kontinuität europäischer Geschichte. Der Roman verknüpft das Ende des osmanischen Vielvölkerraums mit einer längeren Tradition europäischer Selbstdeutung. In dieser Perspektive wird Thomas More zu einer Art wanderndem Gedächtnis Europas: eine Figur, die das Bewusstsein früherer Epochen in die Schwelle zur Katastrophe trägt.

Die Anspielung ist daher doppelt codiert: Sie adelt die Figur mit humanistischer Autorität und unterstreicht zugleich die Tragik ihres historischen Augenblicks. In einer Welt, die ihre utopischen Horizonte verliert, bleibt More ein Vertreter der Idee – aber ohne Macht, die Entwicklung aufzuhalten.

Jüdische Stadt

Die Thematisierung der Jüdischkeit bildet ein zentrales strukturelles Element des Romans. Thessaloniki erscheint als mehrheitlich jüdische Stadt mit sephardischer Prägung, zugleich jedoch als Ort innerjüdischer Differenzen: religiöse Tradition, säkularer Bürgersinn, zionistische Hoffnungen und pragmatische Anpassung koexistieren. Paul Seligmann verkörpert eine Form kosmopolitischer, wirtschaftlich verankerter Jüdischkeit, die sich weder ausschließlich religiös noch national definieren lässt. Seine Familie ist in Frankreich, Wien und im Osmanischen Reich präsent; Identität entsteht hier aus Migration, Handel, Bildung und Loyalität. Gerade diese Vielschichtigkeit macht sie anfällig für politische Umbrüche. Der Mord an Charlot birgt die Gefahr antisemitischer Instrumentalisierung – und verweist damit auf die latente Prekarität jüdischer Existenz in einem Raum, dessen Machtverhältnisse sich gerade neu ordnen.

Der Roman vermeidet dabei jede essentialistische Definition. Die Frage nach dem „Wesen“ des Jüdischen wird mehrfach angedeutet, aber nicht beantwortet. Stattdessen wird Jüdischkeit als historisch gewachsene, relationale Größe gezeigt: als Netzwerk aus Sprachen (Französisch, Ladino, Deutsch, Griechisch), aus Handelsbeziehungen und kulturellen Referenzen. Sie ist kein homogener Block, sondern eine vielstimmige, diasporische Form von Zugehörigkeit. Diese Offenheit kontrastiert mit den sich verhärtenden nationalen Ideologien der Zeit. Während Nationalstaaten nach Eindeutigkeit streben, lebt die jüdische Gemeinschaft von Mehrdeutigkeit – und gerät dadurch zwischen die Fronten.

Gattungspoetisch bewegt sich der Roman in einem hybriden Feld. Äußerlich folgt er der Struktur eines Detektivromans: ein rätselhafter Mord, ein außergewöhnlicher Ermittler, Indizien, Befragungen, Verdachtsmomente. Doch das kriminalistische Rätsel ist nie Selbstzweck. Die Frage nach dem Täter tritt hinter eine umfassendere historische Diagnose zurück. Der Text verbindet Elemente des historischen Romans, des politischen Essays und der metaphysischen Parabel. Thomas More agiert weniger als klassischer Detektiv im Sinne rationaler Deduktion denn als Figur des Gedächtnisses, die historische Tiefenschichten sichtbar macht. Die Ermittlungsarbeit wird zur Methode, die verborgenen Spannungen eines ganzen Kontinents freizulegen.

Vielvölkerraum und Frankreich

Im Zentrum steht die Darstellung eines untergehenden Vielvölkerraums. Monastir und Thessaloniki erscheinen als Knotenpunkte eines osmanisch-europäischen Kosmos, in dem Griechen, Türken, Juden, Slawen und westeuropäische Diplomaten miteinander verkehren. Diese Koexistenz ist spannungsvoll, aber funktional. Märkte, Häfen, Konsulate und Werkstätten bilden ein Geflecht pragmatischer Zusammenarbeit. Der Roman inszeniert diesen Raum mit einer leisen Melancholie: Die Figuren bewegen sich in einer Welt, die noch intakt scheint, deren Zerfall jedoch bereits absehbar ist. Die nationalen Bewegungen, Geheimbünde und diplomatischen Intrigen wirken wie tektonische Verschiebungen unter einer scheinbar stabilen Oberfläche.

Frankreich nimmt in diesem Gefüge eine besondere Stellung ein. Es erscheint als kulturelle Referenzmacht, als diplomatischer Akteur und als Träger eines universalistischen Rechtsverständnisses. Die Seligmanns orientieren sich an Frankreich als Land der Emanzipation und des republikanischen Ideals; Charlot verkörpert französische Verwaltungsrationalität; More repräsentiert eine Form politischer Klugheit, die über nationale Grenzen hinaus operiert. Zugleich ist Frankreich nicht unschuldig: Seine Interessen durchziehen den Balkan diskret, seine Vertreter mischen mit im Spiel der Mächte. Frankreich steht damit für eine doppelte Bewegung – für ein Ideal europäischer Aufklärung und für reale Machtpolitik.

Thomas More bündelt diese Ambivalenz. Seine Figur wirkt zeitentrückt, beinahe unhistorisch, als trüge sie die Erinnerung an frühere Konflikte und Revolutionen in sich. Er bewegt sich mit sprachlicher und kultureller Souveränität zwischen den Gemeinschaften. In ihm verdichtet sich ein universalistischer Anspruch, der den partikularen Nationalismen entgegensteht. Doch seine Fähigkeit zu erkennen und zu deuten bedeutet nicht, dass er die heraufziehende Katastrophe verhindern kann. Er bleibt Beobachter und zeitweiliger Ordner, nicht Retter.

Neue Diaspora

Der Schluss des Romans ist entsprechend zurückhaltend. Die kriminalistische Auflösung bringt keine triumphale Wiederherstellung von Ordnung. Vielmehr bleibt ein Gefühl latenter Bedrohung. Entscheidend ist die innere Bewegung der Figuren, insbesondere Seligmanns. Sein Wunsch, die Stadt zu verlassen, verweist auf eine kommende historische Dynamik: Die Diaspora wird sich neu formieren, der Vielvölkerraum wird zerbrechen. Der individuelle Entschluss steht exemplarisch für eine kollektive Verschiebung von Lebensräumen.

Im Gesamtzusammenhang lässt sich der Roman als Meditation über das Ende einer Epoche lesen. Der Mord erscheint als Symptom eines größeren Zerfallsprozesses. Jüdischkeit erscheint als Seismograph historischer Spannungen, Frankreich als ambivalenter Bezugspunkt zwischen Ideal und Macht, der Balkan als Bühne einer bevorstehenden europäischen Selbstzerstörung. Der leise, melancholische Schluss unterstreicht, dass Geschichte nicht abrupt endet, sondern sich in kaum merklichen Verschiebungen ankündigt. Das Buch hält den Moment fest, in dem eine Welt noch existiert – und zugleich schon im Verschwinden begriffen ist.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Diaspora und Nationalismus: europäische Schwellenzeit 1913 bei François Sureau." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Februar 18, 2026 at 19:22. http://rentree.de/2026/02/18/diaspora-und-nationalismus-europaeische-schwellenzeit-1913-bei-francois-sureau/.

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