Inhalt
L’ouvrage que vous tenez entre les mains est un livre d’Histoire, d’histoires, mais surtout un livre d’archives. Ce n’est ni un ouvrage militant, ni un plaidoyer, ni une tentative de réhabilitation. Il a pour modeste ambition de raconter le quotidien d’un Paris clandestin et interlope, à jamais disparu. Basé en grande partie sur les archives de la préfecture de police de Paris, il raconte les us et coutumes d’une bien étrange communauté souvent pittoresque, quelquefois tragique, qui, assez paradoxalement, ne semble pas si éloignée de la nôtre. Ce Paris qui est sous la haute surveillance des agents de la « P-P », c’est celui des hôtels garnis, des prostitués, des bals « spéciaux », des vespasiennes et des bains vapeur.
Das Werk, das Sie in den Händen halten, ist ein Geschichtsbuch, ein Buch voller Geschichten, aber vor allem ein Archivbuch. Es ist weder ein militantes Werk noch ein Plädoyer oder ein Versuch der Rehabilitierung. Es hat den bescheidenen Anspruch, den Alltag eines geheimen und zwielichtigen Paris zu erzählen, das für immer verschwunden ist. Es basiert größtenteils auf den Archiven der Pariser Polizeipräfektur und erzählt von den Sitten und Gebräuchen einer sehr seltsamen Gemeinschaft, die oft malerisch, manchmal tragisch ist und paradoxerweise gar nicht so weit von unserer entfernt zu sein scheint. Dieses Paris, das unter der strengen Aufsicht der Beamten der „P-P” steht, ist das Paris der Hotels mit Vollpension, der Prostituierten, der „speziellen” Bälle, der öffentlichen Toiletten und der Dampfbäder.
Das Buch Les secrets de Sodome: un siècle et demi d’homosexualité clandestine (Plon, 2025, 576 Seiten) von David Alliot hat es sich zur Aufgabe gemacht, den klandestinen Alltag des homosexuellen Paris zwischen 1830 und 1981 basierend auf der Durchsicht der Archive der Pariser Polizeipräfektur zu rekonstruieren. Es versteht sich ausdrücklich nicht als militantes Plädoyer, sondern als historische Untersuchung, die durch die „kalte Sprache“ der Verwaltung offenlegt, wie die Gesellschaft und der Staat auf eine Gemeinschaft blickten, die als „pervers“ stigmatisiert wurde. Das Vorhaben besteht darin, die klandestinen Biografien und sozialen Treffpunkte – von Dampfbädern bis zu öffentlichen Toiletten – aus der Anonymität der Aktenberge zu befreien.
Le lecteur du XXIe siècle sera probablement surpris, voire plus, par les termes usités dans ces documents, les pratiques policières de l’époque, sans oublier les amalgames douteux. Rappelons que ces textes n’étaient pas conçus, à l’origine, pour être lus par des yeux « profanes » et constituaient des documents de travail destinés à la hiérarchie policière. Rappelons également qu’ils sont le reflet d’une époque. Dans le prolongement du paragraphe précédent, la froideur administrative des documents de police présents dans les archives ne doit pas faire oublier que, derrière ces arrestations, il y a des personnes qui ont été discriminées, parfois intimidées. Des vies ont été malmenées, et, dans certains cas, des carrières ont été brisées. Il ne faut pas oublier non plus que ces documents ne rendent compte que du point de vue des policiers, et non pas des homosexuels.
Der Leser des 21. Jahrhunderts wird wahrscheinlich überrascht sein, vielleicht sogar mehr als das, von den in diesen Dokumenten verwendeten Begriffen, den damaligen Polizeipraktiken und nicht zuletzt den zweifelhaften Verallgemeinerungen. Man muss bedenken, dass diese Texte ursprünglich nicht für „Laien” bestimmt waren, sondern Arbeitsdokumente für die Polizeihierarchie darstellten. Wir sollten auch bedenken, dass sie ein Spiegelbild ihrer Zeit sind. In Anknüpfung an den vorigen Absatz darf die administrative Kälte der Polizeidokumente in den Archiven nicht vergessen lassen, dass hinter diesen Verhaftungen Menschen stehen, die diskriminiert und manchmal eingeschüchtert wurden. Leben wurden zerstört, und in einigen Fällen wurden Karrieren ruiniert. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Dokumente nur die Sichtweise der Polizisten wiedergeben, nicht die der Homosexuellen.
Das Ergebnis der Arbeit ist eine beeindruckende Sittengeschichte über mehr als ein Jahrhundert, die zeigt, wie Homosexuelle trotz formaler Straffreiheit seit der Französischen Revolution Opfer einer tief verwurzelten kulturellen Feindseligkeit blieben. Alliot dokumentiert, dass der Übergang von der physischen Vernichtung des Ancien Régime zur modernen Überwachung lediglich die Form der Repression änderte, bis die Ära Mitterrand 1981 schließlich ein Ende der systematischen Dateierfassung markierte. Das Werk endet mit der Erkenntnis, dass Rechte niemals absolut gesichert sind und jede politische Krise die Gefahr eines moralischen Rückschlags in sich birgt.
Muguettes Geschichte
Alliot verbindet die Mikrogeschichte einzelner Individuen mit den großen politischen Umbrüchen Frankreichs. Geben wir deshalb hier einem Fall ein Antlitz: Das Schicksal von Eugène Guillou, besser bekannt unter seinem Künstlernamen „Muguette“, ist eines der tragischsten Beispiele für den sozialen Aufstieg und den tiefen Fall eines homosexuellen Künstlers in der Zwischenkriegszeit. Geboren 1906 in der Bretagne, zog er Mitte der 1920er Jahre nach Paris, wo er schnell zu einem der berühmtesten Travestiekünstler seiner Zeit aufstieg. Er arbeitete in bekannten Etablissements wie dem Tambourin und erlangte durch seine intime Beziehung zum hochrangigen General de Tinan sowie durch die finanzielle Unterstützung eines wohlhabenden Ehepaars eine gewisse gesellschaftliche Bekanntheit und Sicherheit.
Dank dieser finanziellen Mittel konnte Muguette nach Berlin übersiedeln, das damals als Zentrum des freien homosexuellen Lebens galt. Dort feierte er als Star im Kabarett L’Eldorado „beispiellose Erfolge“ und eröffnete Anfang 1933 schließlich mit einem Partner sein eigenes Lokal, La Silhouette. Sein beruflicher Höhepunkt fiel jedoch unglücklicherweise mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten zusammen, die unmittelbar begannen, homosexuelle Treffpunkte gewaltsam zu schließen.
Die Vertreibung aus Deutschland erfolgte brutal und entwürdigend: Die preußische Polizei setzte ihn im März 1933 in einen Zug nach Frankreich, ohne ihm Zeit zu lassen, seine Frauenkleider gegen Männerkleidung zu tauschen. Muguette kam völlig mittellos und mit nur einer kleinen Handtasche in Paris an. Obwohl seine Rückkehr im Umfeld des Balls im Magic City kurzzeitig gefeiert wurde, war er innerlich durch den Verlust seiner Existenzgrundlage und die erlittene Erniedrigung gebrochen.
In seiner Verzweiflung traf er in der Nacht zum 25. März 1933 zufällig auf den bisexuellen Piloten William Trafford, in dessen luxuriöser Wohnung er kurz darauf verstarb. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben, dass Muguette an einer Überdosis starb, wobei die Beamten von einem Selbstmord aus Scham über seine soziale Deklassierung ausgingen. Sein Tod im Alter von nur 27 Jahren wurde von der zeitgenössischen Presse entweder ignoriert oder in kurzen Berichten voller faktischer Fehler abgetan.
Muguettes Geschichte dient heute als Mahnmal für die Zerbrechlichkeit queerer Biografien im Angesicht politischer Umbrüche. Sein Schicksal verdeutlicht, wie schnell ein Leben voller Glamour und Erfolg durch staatliche Repression in völlige Anonymität und Elend umschlagen konnte. Erst durch die mühsame Rekonstruktion seiner Polizeiakte wird heute wieder sichtbar, dass hinter der Kunstfigur Muguette ein junger Mann stand, der zum Opfer der ersten großen Säuberungswellen des 20. Jahrhunderts wurde.
Inhaltszusammenfassung
David Alliot führt den Leser durch ein verschwundenes Paris der „hôtels garnis“ 1 und „vespasiennes“, 2 um die klandestinen Lebenswege sichtbar zu machen, die in offiziellen Geschichtsbüchern oft fehlen. Das Vorhaben nutzt die akribischen Aufzeichnungen der Sittenpolizei, um nicht nur Verbrechen, sondern den gesamten „Look“ einer Gesellschaft auf das vermeintlich Abweichende zu dokumentieren. Das Ergebnis ist eine Chronik, die zeigt, dass die Polizei weniger Taten verfolgte, sondern vielmehr Identitäten katalogisierte.
Im 19. Jahrhundert wurde die homosexuelle Gemeinschaft als eine Art „Franc-maçonnerie du vice“ wahrgenommen, die es mit Registern und Kategorisierungen wie „persilleuses“ oder „honteuses“ 3 zu kontrollieren galt. Alliot macht deutlich, dass die formale Legalität der Homosexualität durch andere Gesetze – etwa gegen Landstreicherei oder öffentliche Sittenwidrigkeit – effektiv ausgehebelt wurde. Dies führte zu einer permanenten Einschüchterung, die besonders die unteren sozialen Schichten traf.
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Analyse der moralischen Verengung im 20. Jahrhundert, die ihren Tiefpunkt während der Besatzungszeit fand. Alliot verdeutlicht, dass die diskriminierende Gesetzgebung vom 6. August 1942 keineswegs eine oktroyierte Maßnahme der deutschen Besatzungsmacht war, sondern tief in französischen Bestrebungen nach „moralischer Erneuerung“ wurzelte. Tatsächlich betrachteten deutsche Stellen eine solche Repression in besetzten Gebieten sogar als kontraproduktiv, da sie die „Lebenskraft“ der dominierten Völker stärken könnte. Die Initiative ging vielmehr von französischen Juristen wie dem Staatsanwalt von Toulon, Charles Dubost, aus, der rechtliche Lücken schließen wollte, da einvernehmliche Handlungen mit Jugendlichen über 13 Jahren nach bisherigem Recht kaum zu ahnden waren. Damit griff das Vichy-Regime Pläne zur „moralischen Aufrüstung“ auf, die bereits in der Endphase der Dritten Republik unter Daladier diskutiert worden waren, und schuf mit der Anhebung des Schutzalters auf 21 Jahre erstmals seit der Revolution von 1791 eine explizite rechtliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung.
Diese staatlich verankerte Homophobie überdauerte den Zusammenbruch des Vichy-Regimes um Jahrzehnte, da die Bestimmungen bereits im Februar 1945 durch die provisorische Regierung unter de Gaulle wieder in Kraft gesetzt wurden. Es herrschte ein bemerkenswerter Konsens zwischen Gaullisten, Sozialisten und Kommunisten, die Homosexualität als Zeichen „faschistischer Degeneration“ brandmarkten und ihr das Ideal einer „kämpferischen Virilität“ der Résistance entgegensetzten. Mit Alliot lassen sich u.a. folgende Politiker nennen, die diesen Konsens der moralischen Strenge und die Ablehnung von Homosexualität als „Degeneration“ in der Nachkriegszeit verkörperten:
Charles de Gaulle (Gaullist) unterzeichnete als Leiter der provisorischen Regierung zusammen mit seinem Justizminister François de Menthon am 8. Februar 1945 die Verordnung, die die diskriminierenden Gesetze des Vichy-Regimes (insbesondere die Anhebung des Schutzalters für homosexuelle Kontakte auf 21 Jahre) wieder in Kraft setzte. In diesem politischen Lager wurde der „kämpferischen Virilität“ der Résistance die vermeintliche moralische Schwäche der Kollaborateure gegenübergestellt.
Jules Moch (Sozialist): Als Innenminister ordnete er 1949 an, das Verbot für Männer, in der Öffentlichkeit miteinander zu tanzen, sowie das Verbot von Travestie-Shows auf ganz Frankreich auszuweiten, da diese die „Perversion und Ausschweifung“ fördern würden.
René Mayer (Sozialist): In seiner Funktion als Justizminister forderte er 1950 im Fall des Abgeordneten Georges Archidice „harte und unmissverständliche“ Strafanträge, obwohl Archidice selbst Sozialist und ehemaliger Résistance-Kämpfer war.
François Mitterrand (Sozialist/UDSR): Als Minister für Veteranen und Kriegsopfer bestätigte er 1948 die Praxis, homosexuellen Deportierten den Status eines „politisch Deportierten“ und die damit verbundenen Entschädigungen zu verweigern, da ihre Inhaftierung als Folge von „kriminellem“ Verhalten und nicht als politischer Widerstand gewertet wurde.
Maurice Thorez (Kommunist): Unter seiner Führung als Generalsekretär etablierte die KPF (PCF) eine streng puritanische Linie, die Homosexualität als „bürgerliches Laster“ und Zeichen der Dekadenz brandmarkte. Seine Frau Jeannette Vermeersch unterstützte diesen konservativen Kurs massiv.
Jacques Duclos (Kommunist): Er wird mit der Aussage zitiert, dass die „Arbeiterklasse keine Päderasten mag“, und forderte homosexuelle Aktivisten bei einer Wahlkampfveranstaltung 1971 auf, sich „heilen zu lassen“, da echte Männer Frauen liebten.
Pierre Juquin (Kommunist): Noch 1977 vertrat er die Ansicht, dass Homosexualität nichts mit der Arbeiterbewegung zu tun habe und ein Zeichen gesellschaftlicher Fäulnis sei.
Dieser parteiübergreifende Konsens basierte auf der Überzeugung, dass Homosexualität eine „Degeneration“ sei, die besonders in faschistischen Kreisen (wie bei den Kollaborateuren Abel Bonnard oder Marcel Bucard) floriert habe, während die neue Republik durch die „männlichen Tugenden“ der Résistance-Kämpfer moralisch gereinigt werden müsse.
Die moralische Verengung erreichte 1960 mit dem „Mirguet-Amendement“ einen weiteren Tiefpunkt, als Homosexualität offiziell als „soziales Übel“ (neben Alkoholismus und Prostitution) eingestuft und die Mindeststrafen verdoppelt wurden. Erst nach dem politischen Umbruch von 1981 wurde unter François Mitterrand die systematische polizeiliche Erfassung beendet und 1982 durch das „Loi Forni“ die endgültige rechtliche Gleichstellung herbeigeführt.
Das Buch widmet sich ausführlich dem Aufstieg des militanten Aktivismus nach den Ereignissen vom Mai 1968. Anhand von Figuren wie Guy Hocquenghem wird referiert, wie die „Frage der Moral“ in ein politisches Kampffeld verwandelt wurde. Diese Bewegungen forderten das Ende der klandestinen Existenz und provozierten die Gesellschaft durch öffentliche Sichtbarkeit, was schließlich den Boden für die endgültige Entkriminalisierung bereitete.
Zusammenfassend dokumentiert die Arbeit den langen Weg von der totalen Heimlichkeit zur öffentlichen Stolzbekundung. Das Ergebnis ist die Erkenntnis, dass die Freiheit der Homosexuellen in Frankreich oft von politischen Instabilitäten abhing. Das Werk zeigt auf, wie aus isolierten Individuen, die „die Mauern entlangschlichen“, ein politisches Kollektiv wurde, das 1981 seinen symbolischen Sieg errang.
Zu David Alliot, incl. Céline und Césaire
David Alliot gilt in der französischen Literaturlandschaft als profilierter Grenzgänger zwischen klassischer Biografik und akribischer Archivforschung, der sich vor allem als Experte für die Schattenseiten und sozialen Randphänomene der Moderne einen Namen gemacht hat. Sein Werk zeichnet sich durch eine bemerkenswerte thematische Spannweite aus: So lieferte er durch Standardwerke wie L’Affaire Louis-Ferdinand Céline und D’un Céline l’autre unverzichtbare, dokumentarisch fundierte Einblicke in das komplexe Erbe des umstrittenen Schriftstellers. Einen weiteren zentralen Pfeiler seines Schaffens bildet die intensive Auseinandersetzung mit Aimé Césaire, dem Wegbereiter der Négritude; in Werken wie Aimé Césaire, le conquérant de l’impossible gelingt es Alliot, die politische Wucht und poetische Tiefe dieses karibischen Intellektuellen für ein breites Publikum zugänglich zu machen, vom „verfemten“ Genie bis zum antikolonialen Vordenker. Schließlich widmete er sich mit Werken wie Le Miroir aux sexes der Kulturgeschichte der Homosexualität und beleuchtete so die Entwicklung gesellschaftlicher Identitäten und Tabus. Alliots Ansatz verbindet dabei stets die Leidenschaft für das philologische Detail mit dem Bestreben, historische Persönlichkeiten und Bewegungen aus ihren soziokulturellen Verflechtungen heraus verständlich zu machen und dies analytisch präzise und erzählerisch lebendig aufzuarbeiten, was ihn zu einem wichtigen Chronisten der französischen Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts macht.
David Alliot erwähnt auch in diesem Werk sowohl Louis-Ferdinand Céline als auch Aimé Césaire mehrfach in unterschiedlichen Kontexten. Céline wird vor allem im Zusammenhang mit seiner literarischen Darstellung des Pariser Milieus und durch persönliche Verflechtungen mit Personen aus dem Umfeld von Jean Genet erwähnt: Alliot weist darauf hin, dass die bizarre Praktik der „croûtenards“ 4 durch Céline in seinem Roman Mort à crédit (Tod auf Kredit) Eingang in die Literatur fand. Das Werk von Alexandre Scouffi wird von Alliot mit dem Stil von Céline verglichen: Scouffi war ein griechisch-ägyptischer Dichter und Schriftsteller, der 1929 mit seinem Roman Au Poiss’ d’Or ein wichtiges Werk über das klandestine Leben homosexueller Stricher in Paris veröffentlichte. Sein Leben endete tragisch am 25. März 1932, als er in seiner luxuriösen Wohnung in der Rue de Rome von einer flüchtigen Bekanntschaft aus dem „Milieu“ ermordet wurde, wobei der Täter trotz intensiver Ermittlungen der Kriminalpolizei nie gefasst werden konnte. Zudem wird Céline neben Aragon und Genet als einer der Autoren genannt, für die der Verleger Robert Denoël tätig war. Alliot schildert schließlich, dass François Sentein – ein zeitweiliger Geliebter von Jean Genet – Céline 1944 in den Räumen des Denoël-Verlags kennenlernte und ihn nach dem Krieg interviewte.
Aimé Césaire erscheint im Buch primär im Kapitel über den Aktivisten Daniel Guérin und im Kontext des Antikolonialismus: Der martiniquische Dichter und Politiker Aimé Césaire traf Daniel Guérin im Rahmen ihrer gemeinsamen Kämpfe: Daniel Guérin engagierte sich zeitlebens als radikaler Intellektueller und unermüdlicher Aktivist in antikolonialistischen, antifaschistischen und anarchistischen Bewegungen. Als Pionier der homosexuellen Emanzipation in Frankreich wechselte Guérin vom gemäßigten Club Arcadie zum radikalen Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) und verfasste wegweisende Schriften über sexuelle Befreiung. Dabei verband er seinen Einsatz für die Rechte sexueller Minderheiten mit der Unterstützung unterdrückter Gruppen weltweit und prangerte konsequent die Homophobie innerhalb der politischen Linken an. Césaire schrieb 1956 das Vorwort zu Guérins Buch Les Antilles décolonisées. Alliot erwähnt, dass es wahrscheinlich Guérin war, der Césaire dazu bewegte, seinen berühmten „Brief an Maurice Thorez“ (den Bruch mit der KPF) 1956 in der Zeitschrift L’Observateur zu veröffentlichen. Césaire wird als Teil jener intellektuellen Generation genannt, die sich bereits in den 1930er Jahren den Ideen der Kommunistischen Partei annäherte.
Zu den drei Großteilen
Teil 1: Von der Monarchie zur Belle Époque (1830–1914)
Die Fragestellung dieses Teils lautet: Wie organisierte die Polizei die Überwachung einer Gemeinschaft, die gesetzlich eigentlich nicht fassbar war? Die Analyse stützt sich auf die „Päderasten-Register“ (BB 4 bis BB 6), in denen Namen, Pseudonyme wie „La Reine des Belges“ und physische Merkmale festgehalten wurden. Ziel war es, ein Kontrollinstrument für Personen zu schaffen, deren Sitten (mœurs) von der bürgerlichen Norm abwichen.
Besonders anschaulich wird dies am Schicksal des Marquis de Custine, dessen „mörderische Leidenschaft“ für Soldaten dokumentiert wurde, was seine politische Karriere ruinierte. Die Polizei war besessen davon, Homosexuelle anhand von Kleidung, Stimme oder Berufen in Kategorien wie „rivettes“ (wohlhabende Amateure) oder „jésus“ (Stricher) einzuteilen. Das Ergebnis war ein Klima der permanenten Überwachung in öffentlichen Parks wie den Tuilerien.
Ein weiteres Beispiel ist die „Tigerliebe“ zwischen Paul Verlaine und Arthur Rimbaud. Alliot analysiert hier Polizeiberichte, die Rimbaud als „Monstrum“ charakterisieren und die literarische Bedeutung der beiden völlig ignorieren. Für die Beamten waren sie lediglich Kriminelle mit „widernatürlichen Gewohnheiten“, die man in Brüssel oder London bespitzelte.
Die Analyse der öffentlichen Toiletten, der „Vespasiennes“, zeigt, wie diese Orte zu Brennpunkten der Drague (Suche nach Partnern) wurden. Die Nutzer entwickelten kreative Strategien wie „Glory Holes“, um die polizeiliche Überwachung zu umgehen. Das Ergebnis dieser Ära war eine paradoxe Situation: Frankreich galt als liberales Exil für Männer wie Oscar Wilde, während die Einheimischen ständig Razzien fürchteten.
Das Ende des ersten Teils markiert die Erkenntnis, dass die soziale Stellung oft über Strafe oder Toleranz entschied. Reiche konnten ihre Vorlieben in privaten Salons diskret ausleben, während Arme in den „cloaques infects“ (verseuchten Löchern) der Gefängnisse landeten. Die polizeiliche Logik blieb dabei stets dieselbe: Homosexualität war ein „soziales Gift“, das die nationale Kraft schwächte.
Teil 2: Von den „Années folles“ zur Kriegserklärung (1920–1940)
Dieser Teil fragt nach dem Spannungsfeld zwischen der scheinbaren sexuellen Befreiung der Nachkriegszeit und einer wachsenden konservativen Gegenbewegung. Die Analyse konzentriert sich auf die großen Bälle im Magic City, wo Cross-Dressing während des Karnevals kurzzeitig geduldet wurde. Hier tanzten bis zu 3.000 Menschen, darunter prominente Künstler wie Joséphine Baker oder Michel Simon als Jurymitglieder für Travestie-Wettbewerbe.
Der Fotograf Brassaï spielte eine entscheidende Rolle bei der visuellen Bewahrung des klandestinen Pariser Nachtlebens, da seine Aufnahmen die „bals spéciaux“ (oft abfällig als „bals des lopes“ bezeichnet) für die Nachwelt dokumentierten. Insbesondere durch die Veröffentlichung seines Buches Le Paris secret im Jahr 1976 gelangten diese Aufnahmen – wie etwa die Porträts von Travestis beim Mardi Gras am Montagne-Sainte-Geneviève um 1932 – an die Öffentlichkeit und ließen die Erinnerungen an eine längst begrabene Vergangenheit wieder aufleben. Ohne solche künstlerischen Dokumente wäre die exzentrische Welt der Bälle im Magic City oder der klandestinen Treffpunkte weitgehend in Vergessenheit geraten, da sie zu ihrer Zeit nur in einer Nische zwischen gesellschaftlicher Ächtung und polizeilicher Duldung existierten.
Ein düsteres Kapitel bilden die Analysen spektakulärer Kriminalfälle wie die Morde an Alexandre Scouffi, Oscar Dufrenne und Louis Leplée. Alliot zeigt, wie die Presse diese Verbrechen nutzte, um das „milieu spécial“ als Hort der Verderbtheit darzustellen. Besonders der Fall des Schriftstellers Scouffi, der in seiner luxuriösen Wohnung von einem Gelegenheitsliebhaber erstochen wurde, diente als moralisches Exempel.
Die Ergebnisse der polizeilichen Ermittlungen in dieser Zeit zeugen von tiefem Ekel. Beamte wie Albert Priolet verfassten Berichte über „Orgien“ in Dampfbädern, in denen sie die Schließung der Kabinen forderten, um die „Sodomie“ zu unterbinden. Die Analyse macht deutlich, dass die Polizei sich als Wächter einer bedrohten patriarchalen Ordnung verstand.
Der wohl überraschendste Befund ist der Zusammenhang zwischen dem Mord an Maurice Rabouin und der Gesetzgebung von 1942. Die Empörung eines Richters über das „widerwärtige Doppelleben“ dieses Finanzbeamten führte zu einem Votum der Geschworenen, das die Grundlage für die spätere Verschärfung der Gesetze bildete. Es war ein Sieg der moralischen Reaktion über die republikanische Toleranz.
Das Ergebnis dieses Teils ist das Bild einer „goldenen Ära“, die jedoch durch politische Skandale wie die Stavisky-Affäre in eine Phase verschärfter Repression mündete. Die Einführung der diskriminierenden Gesetze unter Vichy war somit keine plötzliche Neuerung, sondern die Exekution langer gehegter bürokratischer Pläne.
Teil 3: Kämpfe und Repressionen (1940–1981)
Hier wird die Frage nach der Entstehung eines kollektiven homosexuellen Bewusstseins und politischen Widerstands gestellt. Alliot analysiert die Akten prominenter Figuren wie Jean Genet, dessen kriminelle Laufbahn und literarischer Aufstieg eng mit der Polizeiüberwachung verknüpft waren. Man sieht, wie Cocteau und Sartre ihren Einfluss nutzten, um Genet vor der Deportation zu retten, was die Macht intellektueller Netzwerke verdeutlicht.
Die Analyse des Dossiers von Charles Trenet zeigt, wie selbst nationale Idole durch Vorwürfe der Homosexualität und vermeintlich jüdischer Herkunft in Bedrängnis gerieten. Trenets Verhaftung im Jahr 1963 wegen „Unzucht mit Minderjährigen“ illustriert die unerbittliche Härte der damaligen Justiz. Das Ergebnis dieser Ära war eine Gesellschaft, die private Vorlieben weiterhin gnadenlos politisierte.
Ein zentraler Aspekt ist die Untersuchung des militanten Aufbruchs nach 1968, personifiziert durch Guy Hocquenghem. Alliot referiert die Entstehung des Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR), dessen Mitglieder provokante Slogans wie „Nous nous sommes fait enculer par des Arabes. Nous en sommes fiers et nous recommencerons.“ nutzten. Die Analysen zeigen die interne Dynamik zwischen politischem Anspruch und der Realität von Versammlungen, die oft in kollektiven sexuellen Handlungen endeten. Der zitierte Slogan war Teil eines Manifests mit dem Titel „Nous sommes plus de 343 salopes“ (Wir sind mehr als 343 Schlampen), was eine bewusste Anspielung auf das kurz zuvor erschienene „Manifest der 343“ Frauen war, die sich öffentlich zu ihren Abtreibungen bekannten. Mit dieser drastischen Wortwahl wollte der FHAR unter der Führung von Hocquenghem bürgerliche Tabus brechen und gleichzeitig eine politische Solidarität mit den stark marginalisierten und rassistisch diskriminierten arabischen Einwanderern in Frankreich ausdrücken.
Die Ergebnisse der polizeilichen Überwachung des FHAR dokumentieren das Unbehagen der Behörden gegenüber dieser neuen Form des Widerstands. Man beobachtete Hocquenghem bei jedem Schritt, konnte den Geist der Befreiung jedoch nicht mehr in die Flasche zurückbringen. Die „Gay Pride“ von 1977 markiert in der Analyse den endgültigen Bruch mit der Ära der Geheimhaltung.
Die „Gay Pride“ vom 25. Juni 1977 entstand als unmittelbare Reaktion auf eine polizeiliche Razzia im Club „Le Manhattan“ und stellte eine völlig neue Form der öffentlichen Sichtbarkeit dar. Mit dieser Demonstration beendeten die Teilnehmer das jahrzehntelange „raser les murs“ („Mauernentlangschleichen“) 5 im klandestinen Ghetto und forderten stattdessen stolz ihre Rechte im öffentlichen Raum ein. Diese Demonstration überraschte die Staatsführung und markierte den historischen Wendepunkt, der das Ende der systematischen polizeilichen Erfassung und die spätere rechtliche Gleichstellung einleitete.
Das Ergebnis dieser Ära ist der Übergang von individuellen Gnadengesuchen zur organisierten Forderung nach Gleichberechtigung. Die Arbeit von Alliot endet mit dem Sieg von 1981, warnt jedoch davor, dass die Freiheit historisch gesehen ein fragiles Gut bleibt, das ständig verteidigt werden muss.
Das Jahr 1981
Die Begründung für das Jahr 1981 als Endpunkt der Untersuchung liegt in den tiefgreifenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen dieses Jahres: Die Wahl von François Mitterrand am 10. Mai 1981 markierte den Beginn einer neuen Ära, in der Homosexuelle nicht mehr als Parias behandelt, sondern schrittweise in das allgemeine Recht integriert wurden. Unmittelbar nach dem Regierungswechsel ordnete der neue Innenminister Gaston Defferre an, dass keine Person mehr aufgrund ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert oder polizeilich erfasst werden darf. Das Jahr 1981 markiert das Ende der Praxis, Homosexuelle in speziellen Registern zu führen. Die Regierung ordnete die Zerstörung der polizeilichen Dateien an, womit die klandestine Ära der „Mittel zur Überwachung der Invertierten“ endgültig abgeschlossen wurde.
Kurz darauf, im Jahr 1982, folgte die endgültige Entkriminalisierung und die Aufhebung diskriminierender Altersgrenzen, was den rechtlichen Schlusspunkt unter die im Buch beschriebene Repressionsgeschichte setzte. Das am 4. August 1982 verabschiedete „Loi Forni“ (benannt nach Raymond Fornie) bewirkte die endgültige Entkriminalisierung der Homosexualität zwischen einwilligenden Erwachsenen in Frankreich. Das Gesetz hob die diskriminierenden Bestimmungen des Artikels 331 des Strafgesetzbuchs auf, die noch aus der Zeit des Vichy-Regimes stammten. Diese Bestimmungen hatten für homosexuelle Handlungen ein höheres Schutzalter (21 bzw. später 18 Jahre) vorgeschrieben als für heterosexuelle Handlungen (15 Jahre). Mit der Verabschiedung dieses Gesetzes wurde die rechtliche Gleichbehandlung hergestellt und die Ära beendet, in der Bürger aufgrund ihrer sexuellen Orientierung vor dem Gesetz unterschiedlich behandelt wurden.
Männlichkeiten
Der Verfasser David Alliot zeigt in seiner Untersuchung auf, dass die Verurteilung homosexueller Männer untrennbar mit den jeweils vorherrschenden heterosexuellen Männlichkeitskonzepten verbunden war, die Homosexualität nicht nur als moralisches „Laster“, sondern als Bedrohung für die nationale Stärke und die soziale Ordnung definierten:
Virilität als Staatsräson und das Bild des „improduktiven“ Mannes
La jeune République, héritière de l’universalisme des Lumières, qui s’impose au forceps, est tiraillée entre ses principes de liberté, d’égalité et de fraternité, et une méfiance ancestrale envers les particularismes contraires à la norme masculine, bourgeoise et hétérosexuelle de ses dirigeants. Pour la grande majorité de cette classe politique bourgeoise, l’homosexualité est un « fléau social » au même titre que l’alcoolisme, la syphilis, la tuberculose, la masturbation, etc., tous coupables, selon elle, de la « dégénérescence » de la « race française ». Dès lors, le mode de vie homosexuel dans son ensemble, par essence « improductif », devenait ipso facto une menace pour l’avenir du pays, aussi bien sur les aspects liés à la natalité que sur le moral des futurs citoyens.
Die junge Republik, Erbin des Universalismus der Aufklärung, die sich mit Gewalt durchsetzt, ist hin- und hergerissen zwischen ihren Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und einem angestammten Misstrauen gegenüber Besonderheiten, die der männlichen, bürgerlichen und heterosexuellen Norm ihrer Führer widersprechen. Für die große Mehrheit dieser bürgerlichen politischen Klasse ist Homosexualität eine „soziale Plage” ebenso wie Alkoholismus, Syphilis, Tuberkulose, Masturbation usw., die ihrer Meinung nach alle für die „Entartung” der „französischen Rasse” verantwortlich sind. Von da an wurde die homosexuelle Lebensweise in ihrer Gesamtheit, die ihrem Wesen nach „unproduktiv” war, ipso facto zu einer Bedrohung für die Zukunft des Landes, sowohl in Bezug auf die Geburtenrate als auch auf die Moral der zukünftigen Bürger.
Dieses Zitat beleuchtet den Übergang der Repression von einer religiösen hin zu einer biopolitischen Begründung unter der Dritten Republik: Homosexualität als Gefahr für die „Volkskraft“ und die militärische Stärke Frankreichs. Nach der militärischen Niederlage von 1870 gegen Preußen wurde Männlichkeit in Frankreich eng mit Patriotismus, Wehrkraft und Fortpflanzung verknüpft. Alliot zitiert den Sittenpolizeichef Félix Carlier, für den Homosexualität die „kraftvollsten Naturen entartet“, Charaktere „verweichlicht“ und „Feigheit erzeugt“. Da homosexuelle Männer keine Kinder (und somit keine künftigen Soldaten) zeugten, galten sie als „unproduktiv“ und somit als Gefahr für das Überleben der „französischen Rasse“. Ein Mann, der sich dem „Gesetz der Fortpflanzung“ entzog, wurde als „nutzloses Wesen“ für die Gesellschaft abgestempelt. Diese Sichtweise rechtfertigte eine Überwachung, die weit über das Strafrecht hinausging und die Homosexualität als Zeichen einer allgemeinen gesellschaftlichen Fäulnis stigmatisierte.
Die Stigmatisierung des Effeminierten
Die polizeiliche Erfassung homosexueller Männer, insbesondere der sogenannten „passiven Päderasten“, stützte sich im 19. Jahrhundert massiv auf äußere Merkmale, die als Abkehr von der männlichen Norm galten. In den Akten der Präfektur und den Memoiren führender Sittenpolizisten wie Félix Carlier wurden Verdächtige oft durch ihre „affektierten Manieren“, „effeminierten Allüren“ und ihre „sanften Stimmen“ charakterisiert, die spöttisch als „kastriert“ bezeichnet wurden. Besonders bei Gruppen wie den „persilleuses“ oder den „petits jésus“ notierten die Beamten akribisch das Vorhandensein von „geschminkten Gesichtern“, die Verwendung von Reispuder und Parfums sowie eine „weibliche Koketterie“ im Auftreten. Diese stigmatisierenden Beschreibungen dienten dazu, eine vermeintliche „Geheimgesellschaft des Lasters“ visuell identifizierbar zu machen, wobei jedes Abweichen von der herkömmlichen männlichen Kleidung oder Körpersprache als Beweis für sexuelle „Inversion“ gewertet wurde.
Diese äußere „Verweiblichung“ wurde medizinisch und politisch als Symptom einer tiefgreifenden „Degeneration“ interpretiert, die eine Bedrohung für die nationale Stärke Frankreichs darstellte. Führende Mediziner wie Dr. Ambroise Tardieu suchten nach körperlichen Anzeichen für diesen moralischen Verfall – wie etwa verformte Genitalien oder spezifische Gesäßformen – und ordneten Homosexualität als psychische Störung oder „erotischen Wahnsinn“ ein. Aus biopolitischer Sicht galt der homosexuelle Lebensstil insbesondere angesichts des Geburtenrückgangs und der militärischen Rivalität mit Deutschland nach 1870 als Gefahr für die „französische Rasse“. Laut zeitgenössischen Analysen führe die Homosexualität zwangsläufig zum „Absterben des patriotischen Gefühls“, zur „Verweichlichung des Charakters“ und zur „Feigheit“, was im krassen Gegensatz zum republikanischen Ideal des kräftigen, soldatischen Bürgers stand, der bereit sein musste, für sein Land zu sterben.
„Kämpferische Virilität“ vs. „Schuldhafte Passivität“
Alliots Analyse der Zeit nach 1944 verdeutlicht, dass die Befreiung Frankreichs keineswegs eine sexuelle Befreiung darstellte, sondern eine Ära moralischer Verengung einleitete, die auf einem breiten politischen Konsens basierte. Zwar erklärte die Übergangsregierung unter General de Gaulle die Gesetze des Vichy-Regimes zunächst für „null und nichtig“, wodurch auch die diskriminierende Gesetzgebung vom 6. August 1942 formal für genau sechs Monate außer Kraft gesetzt war. Dieser Zustand blieb jedoch im allgemeinen Chaos der Befreiung fast unbemerkt. Bereits am 8. Februar 1945 unterzeichneten de Gaulle und sein Justizminister François de Menthon eine Verordnung, die die repressiven Bestimmungen von Vichy – insbesondere das Sonder-Schutzalter von 21 Jahren für homosexuelle Kontakte – fast wortgleich wieder in Kraft setzte und damit erstmals eine dauerhafte rechtliche Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung im republikanischen Recht verankerte.
Dieser Rückschritt wurde von allen großen Kräften der Résistance getragen, da Gaullisten, Sozialisten und Kommunisten gleichermaßen einen Kult der Männlichkeit pflegten, der die „kämpferische Virilität“ des Widerstands gegen die als „weibisch“ und passiv wahrgenommene Kollaboration ausspielte. Homosexualität wurde als Zeichen einer „faschistischen Degeneration“ gebrandmarkt, wobei man auf prominente Kollaborateure wie den Minister Abel Bonnard (spöttisch „Gestapette“ genannt) oder den Faschistenführer Marcel Bucard verwies. Im Zentrum der angestrebten „moralischen Erneuerung“ stand eine aggressive Natalitätspolitik: De Gaulle forderte öffentlich „zwölf Millionen schöne Babys“, um die nationale Kraft Frankreichs wiederherzustellen. Ich erinnere an die oben bereits erwähnten Politiker: Während die Kommunisten unter Maurice Thorez Homosexualität als „bürgerliches Laster“ bekämpften und Führer wie Jacques Duclos später offen erklärten, dass die Arbeiterklasse „keine Päderasten mag“, sorgten die Sozialisten unter Ministern wie Jules Moch dafür, dass Verbote wie das Tanzverbot für Männer im öffentlichen Raum landesweit verschärft wurden.
Die heteronormative Prägung der Ordnungshüter
David Alliot beleuchtet in seiner Untersuchung eindringlich das Selbstverständnis der Beamten der Pariser Polizeipräfektur, die bis in die jüngere Vergangenheit hinein als ideologische Bollwerke einer streng heteronormierten Gesellschaft fungierten. Ein wesentlicher Aspekt ihrer Rolle war, dass die Beamten selbst strengen Auswahlkriterien unterlagen: Um in den Dienst der Präfektur aufgenommen zu werden, mussten sie idealerweise verheiratete Männer sein und über einen einwandfreien Leumund verfügen, was damals unter dem Begriff „gute Sitten“ („de bonnes mœurs“) zusammengefasst wurde. Diese Polizisten sahen sich nicht als neutrale Beobachter, sondern als aktive Verteidiger einer patriarchalischen Ordnung, in der Homosexualität offiziell als „soziales Übel“ – auf einer Stufe mit Alkoholismus oder Prostitution – und als Bedrohung für die nationale Stärke eingestuft wurde. In diesem Sinne war das Verständnis für homosexuelle Empfindungen keineswegs Teil ihres Berufsbildes; vielmehr herrschte die Überzeugung vor, dass abweichende Sexualpraktiken die „männliche Tugend“ schwächen und damit eine Gefahr für den Fortbestand der Nation darstellten.
Diese tiefe kulturelle Ablehnung manifestierte sich in einer „administrativen Kälte“ innerhalb der polizeilichen Dossiers, die laut Alliot oft die gravierenden menschlichen Tragödien – wie zerstörte Karrieren, soziale Ausgrenzung und systematische Einschüchterung – hinter einer scheinbar sachlichen Fassade verbargen. Da die Berichte ursprünglich nur für die interne Polizeihierarchie und nicht für „profane Augen“ konzipiert waren, spiegelten sie ungefiltert den hämischen und vorurteilsbehafteten Blick der Fahnder wider. In den Akten finden sich häufig hasserfüllte oder spöttische Kommentare über „effeminierte Allüren“, „weibische Stimmen“ oder „geschminkte Gesichter“, die dazu dienten, die Betroffenen visuell als „pervers“ oder „degeneriert“ zu markieren. Alliot macht deutlich, dass diese Dokumente eine Einbahnstraße sind: Sie geben ausschließlich die Perspektive der Verfolger wieder, während die Gedanken und Gefühle der verfolgten Männer völlig unsichtbar bleiben. Die Beamten agierten somit als Exekutive einer moralischen Aufrüstung, die Homosexualität als Zeichen gesellschaftlicher Fäulnis stigmatisierte und sie mit polizeilichen Mitteln in die Klandestinität zwang.
Der Aufbruch gegen den „Kult der Männlichkeit“
Die Untersuchung von David Alliot verdeutlicht, dass die 1970er Jahre in Frankreich einen radikalen Bruch mit den bisherigen Männlichkeitsbildern markierten, wobei der Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) die Speerspitze dieses Umbruchs bildete. Nach Jahrzehnten der erzwungenen Klandestinität und des „Mauernentlangschleichens“ trat der FHAR 1971 mit einer aggressiven Sichtbarkeit an die Öffentlichkeit. Diese neue Generation von Aktivisten lehnte die Strategie der Unauffälligkeit, wie sie etwa vom Club Arcadie gepflegt wurde, entschieden ab und setzte stattdessen auf das Motto: „Wir sind stolz darauf“. Ihr Ziel war nicht mehr die bloße Toleranz innerhalb einer bürgerlichen Ordnung, sondern die Zerstörung der patriarchalischen Kleinfamilie, die sie als Säule des Kapitalismus und Fabrik für sexuelle Unterdrückung betrachteten.
Ein zentrales Ziel des FHAR war der direkte Angriff auf den herrschenden „Kult der Virilität“ und die Figur des „hétéro-flic“ („Hetero-Bulle“), der als Inbegriff der repressiven Normmännlichkeit wahrgenommen wurde. Die Aktivisten brandmarkten die herkömmliche Männlichkeit als ein Konstrukt, das auf der Unterdrückung des eigenen Begehrens und der Dominanz über andere beruhte. In ihren Flugblättern riefen sie dazu auf, die Verknüpfung von viriler Identität und sozialer Macht aufzubrechen, indem sie die Scham ablegten und sich offen zu Verhaltensweisen bekannten, die als „weibisch“ oder „degeneriert“ stigmatisiert worden waren. Slogans wie „Prolétaires de tous les pays, caressez-vous“ (Proletarier aller Länder, liebkost euch) sollten zeigen, dass wahre Revolution auch die Befreiung des Körpers und des Begehrens umfassen müsse.
Der Philosoph und FHAR-Theoretiker Guy Hocquenghem untermauerte diesen Kampf ideologisch, indem er eine „Revolution des Begehrens“ forderte, die insbesondere den menschlichen Körper von produktivistischen und reproduktiven Zwängen befreien sollte. In radikalen Aufsätzen argumentierte er, dass die Befreiung des „trou du cul“ von seiner bloßen biologischen Funktion des Ausscheidens ein politischer Akt gegen die bürgerliche Moral sei. Indem der FHAR die Sodomie und das passive Begehren glorifizierte, griff er den Kern der „phallokratischen“ Männlichkeit an, die Passivität stets als Verlust an Würde und Männlichkeit definiert hatte. Dieser Ansatz war eine bewusste Provokation gegen die heteronormative Gesellschaft, die homosexuelle Handlungen nur als krankhafte „Inversion“ oder „Erotomanie“ zu begreifen vermochte.
Innerhalb der Bewegung trieben Gruppen wie die „Gazolines“ den Bruch mit weißen, bürgerlichen und rassistischen Männlichkeitsnormen auf die Spitze: Durch exzentrisches Cross-Dressing und provokantes Verhalten bei politischen Anlässen – wie etwa bei den Beisetzungen linker Märtyrer – demontierten sie das Ideal des ernsthaften, virilen Revolutionärs und ersetzten es durch die subversive Figur der „hysterischen Tunte“. Damit wurde Männlichkeit nicht mehr als naturgegebene Essenz, sondern als ein politisches Machtinstrument entlarvt, das es im Zuge der Revolution zu überwinden galt.
Mit dieser Argumentation zeigt der Verfasser, dass die Verurteilung homosexueller Männer weniger auf deren Taten an sich basierte, sondern darauf, dass sie das Ideal des wehrhaften, zeugungsfähigen und dominanten heterosexuellen Mannes infrage stellten.
Lebenswege schwuler Künstler
Astolphe de Custine
Der Marquis Astolphe de Custine (1790–1857) war eine der glanzvollen und zugleich tragischen Figuren des Pariser Geisteslebens im 19. Jahrhundert. Als hochrangiger Aristokrat und begabter Schriftsteller erlangte er Weltruhm durch sein Werk La Russie en 1839, das bis heute als Meilenstein der politischen Reiseliteratur gilt. Trotz seiner gesellschaftlichen Stellung und einer kurzen Ehe mit Léontine de Saint-Simon, aus der ein Kind hervorging, war sein Privatleben von seiner Liebe zu Männern geprägt – ein Umstand, der in den Pariser Salons zwar hinter vorgehaltener Hand besprochen wurde, aber erst durch ein Gewaltverbrechen zur öffentlichen Katastrophe geriet.
Der entscheidende Wendepunkt in seinem Leben ereignete sich am Abend des 28. Oktober 1824, als er in Begleitung eines jungen Mannes von Saint-Denis nach Épinay wanderte. Er wurde von vier Soldaten abgefangen, brutal zusammengeschlagen, seiner Kleider und seines Geldes beraubt und halbnackt sowie bewusstlos im Straßengraben liegen gelassen. Gegen den dringenden Rat seiner Freunde, die eine öffentliche Schande fürchteten, entschied sich Custine, Anzeige zu erstatten. Zwar wurden die Täter gefasst und verurteilt, doch die Details des klandestinen Treffens wurden publik und ruinierten seine politische Karriere als angehender Pair von Frankreich sowie seinen Ruf in der „guten Gesellschaft“ unwiderruflich.
Die Pariser Polizeipräfektur führte Custine in ihren berüchtigten Registern (speziell im Band Pédés no 1) als eine Art moralisches Mahnmal. Er wurde dort als „zügelloser Päderast“ („pédéraste effréné“) geführt, der in allen einschlägigen Kreisen und bei den Strichern der Hauptstadt bekannt sei. Besonders bezeichnend ist die administrative Kälte dieser Akten, die ihn zwar als „Autor mehrerer bemerkenswerter Werke“ anerkennen, ihn aber gleichzeitig durch die detaillierte Erfassung seines Sexuallebens stigmatisieren und so seine gesellschaftliche Ausgrenzung zementieren.
Trotz des sozialen Ruins und des Spottes von König Karl X. bewies Custine eine bemerkenswerte persönliche Resilienz. Er lebte bis zu seinem Tod mit seiner großen Liebe, dem Engländer Édouard de Sainte-Barbe, zusammen, der ebenfalls in den Polizeiakten vermerkt war. Diese lebenslange Partnerschaft im Angesicht einer feindseligen Umwelt zeigt, dass Custine versuchte, sich ein Stück privates Glück und Würde zu bewahren, auch wenn er für die öffentliche Welt ein Paria blieb, der nur noch in seinen Büchern eine unantastbare Autorität besaß.
Der Ertrag seiner Geschichte für heutige Leser liegt in der frühen Dokumentation dessen, was man heute als „soziale Vernichtung“ bezeichnet. Custines Schicksal verdeutlicht, dass im 19. Jahrhundert das Recht auf körperliche Unversehrtheit für Homosexuelle oft mit dem Preis des gesellschaftlichen Todes erkauft werden musste. Sein Fall ist ein Vorläufer moderner Debatten über Sichtbarkeit und Justiz: Er lehrt uns, dass die Geschichte der Homosexualität nicht nur aus Opfern besteht, sondern aus Individuen, die den Mut hatten, Verbrechen gegen sich anzuzeigen, selbst wenn der Staat diese Ehrlichkeit nutzte, um sie moralisch zu brandmarken.
Marcel Proust und Robert de Montesquiou
David Alliot stellt Robert de Montesquiou und Marcel Proust als prominente Vertreter der „haute pédale“ dar – jener gesellschaftlichen Elite, deren Status und Beziehungen sie oft vor den schlimmsten strafrechtlichen Konsequenzen schützten. Während Montesquiou seine Vorliebe für junge Männer und Soldaten auf dem Champ-de-Mars relativ offen lebte, nutzte Proust seine Verbindungen zur klandestinen Welt eher diskret, um Material für sein literarisches Schaffen zu sammeln. Alliot zeigt auf, dass beide Männer trotz ihres Talents und Ruhms unter ständiger polizeilicher Beobachtung standen, da ihre Lebensweise der damals vorherrschenden heteronormativen Ordnung widersprach.
In Bezug auf Robert de Montesquiou belegen Alliots Archivsichtungen in den Akten der Polizeipräfektur eine konkrete Untersuchung aus dem Jahr 1914. Die Pariser Polizei forderte damals vom Parkett in Nancy Dokumente zu einer Anklage wegen „attentats aux mœurs“ (Verstoß gegen die Sitten) an. Alliot stellt jedoch fest, dass diese spezifischen Stücke in den Pariser Akten heute fehlen. Er vermutet, dass die Unterlagen entweder im Krieg verloren gingen oder aufgrund von Montesquious enormem Reichtum und Einfluss absichtlich aus der Akte entfernt wurden, um seinen Ruf zu schützen.
Bei Marcel Proust konzentrieren sich die Archivfunde vor allem auf seine Beziehung zu Albert Le Cuziat, einem ehemaligen Valet, der zum Betreiber homosexueller Bordelle (hôtels garnis) aufstieg. Die Akten der Sittenpolizei (Brigade mondaine) bestätigen, dass Le Cuziat als wichtigster Informant für Proust fungierte und ihm Details über die Laster der Aristokratie lieferte. Proust ging sogar so weit, Le Cuziats Etablissement, das im Roman als „Tempel der Unzucht“ erscheint, mit Möbeln aus seinem eigenen Familienbesitz auszustatten.
Ein zentrales Ergebnis von Alliots Forschung ist der Polizeibericht über eine Razzia im Hôtel Marigny am 11. Januar 1918. Proust wurde dort von der Sittenpolizei bei einer „beuverie“ (Trinkgelage) mit Le Cuziat und zwei Soldaten im Erdgeschoss angetroffen. Während Le Cuziat wegen der Anwesenheit von Minderjährigen im Hotel später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, kam Proust ohne strafrechtliche Folgen davon. In der polizeilichen Liste wurde er schlicht als „PROUST Marcel, 46 ans, rentier“ geführt.
Abschließend reflektiert Alliot, wie diese Archivrealitäten Eingang in Prousts Werk fanden. Montesquious öffentliches Auftreten und seine Gewohnheit, Soldaten nachzustellen, lieferten die Vorlage für den Baron de Charlus. Prousts eigene Beobachtungen in Le Cuziats Häusern – wie etwa die reale Flagellation eines Großindustriellen, die er durch ein Guckloch miterlebte – sowie seine Erfahrungen mit polizeilichen Verhören wurden von ihm in Sodom und Gomorrha und Die wiedergefundene Zeit transponiert.
Jean Cocteau
Jean Cocteau (1889–1963) war ein außergewöhnlich produktiver Dichter, Zeichner und Regisseur, der die französische Kulturszene über Jahrzehnte als „Tausendsassa des Genies“ prägte. Die Pariser Polizeipräfektur führte ihn in ihren Akten der Renseignements généraux jedoch weniger als Künstler, sondern primär als „notorischen Päderasten“ und bekannten Opiomanen. In den Augen der damaligen Sittenhüter galt seine „morbide Literatur“ als gefährlich, da er angeblich einen schädlichen Einfluss auf die Jugend ausübte und junge „Ephèben“ zum Konsum von Rauschgiften verführen wollte.
Ein zentraler Aspekt seiner klandestinen Existenz war die Beziehung zu jungen Männern wie dem ehemaligen Matrosen Jean Desbordes, den er ab 1926 offiziell als seinen „Sekretär“ ausgab, um die ständige gemeinsame Lebensführung gesellschaftlich zu tarnen. Die Polizei beobachtete ihre gemeinsamen Reisen nach Toulon mit großem Misstrauen und vermutete hinter den Aufenthalten in Marinekreisen fälschlicherweise die gezielte Rekrutierung von Anhängern für „homosexuelle Ausschweifungen“ unter den Seeleuten. Cocteau bewegte sich dabei in einem illustren Kreis, zu dem auch andere prominente Invertierte wie Maurice Rostand oder die ebenfalls drogenabhängige Duchesse Sforza gehörten.
Trotz dieser stigmatisierenden Überwachung verfügte Cocteau über eine enorme gesellschaftliche Macht und pflegte paradoxerweise enge Kontakte zur obersten Polizeiführung. Er war ein persönlicher Freund des Präfekten Amédée Bussière, der ihn bewundernd mit „Meister“ ansprach, und konnte auf die Loyalität hochrangiger Beamter wie Maurice Toesca und André Dubois zählen. Diese privilegierten Netzwerke innerhalb der „Grande Maison“ nutzte Cocteau gezielt als Schutzschild für sich selbst und um anderen verfolgten Künstlern in existenzbedrohenden Situationen beizustehen.
Das eindrucksvollste Beispiel für Cocteaus loyales Wirken war die Rettung von Jean Genet aus dem Internierungslager Tourelles während der Besatzungszeit im Jahr 1944. Cocteau mobilisierte einflussreiche Persönlichkeiten wie den berühmten Chirurgen Henri Mondor, um den Präfekten Bussière davon zu überzeugen, dass man ein literarisches Genie wie Genet nicht wie einen gewöhnlichen Kriminellen behandeln dürfe. Durch dieses geschickte Manöver, das poetische Argumente mit medizinischen Gutachten verband, erreichte er schließlich Genets Freilassung und bewahrte ihn vor der drohenden Deportation.
Der Ertrag von Cocteaus Rolle aus Sicht des 21. Jahrhunderts liegt in der Ambivalenz seiner Position als Teil der „haute pédale“, die durch sozialen Status und Charisma repressiven Systemen trotzte. Er bewies, dass intellektuelle Solidarität und persönliche Netzwerke in autoritären Zeiten Leben retten können, selbst wenn der Staat eine ganze Gemeinschaft systematisch kriminalisiert. Cocteaus Vermächtnis ist die Erkenntnis, dass Kunst und persönlicher Einfluss als Werkzeuge des Widerstands dienen können, was es ihm ermöglichte, seine Identität und seine Liebe zu Männern wie Jean Marais in einem feindseligen Umfeld zu behaupten.
Charles Trenet
Die Geschichte von Charles Trenet, dem „Fou chantant“ (dem singenden Verrückten), ist bei Alliot als eine Abfolge von triumphalen Erfolgen und tiefen persönlichen Krisen dargestellt, die eng mit seiner Homosexualität und dem jeweiligen politischen Zeitgeist verknüpft waren. Geboren 1913 in Narbonne, stieg er in den 1930er Jahren durch sein Duo mit Johnny Hess und später als Solokünstler zum Superstar des französischen Swings auf. Doch bereits 1931 und 1938 geriet er wegen „öffentlicher Sittenwidrigkeit“ in Prades und Brüssel erstmals in den Fokus der Justiz, was jedoch durch diskrete Interventionen einflussreicher Persönlichkeiten noch ohne Folgen für seine Karriere blieb.
Während der deutschen Besatzung erreichte die Diskriminierung eine neue Qualität, als Trenet von der kollaborationistischen Presse fälschlicherweise als Jude denunziert wurde. Man behauptete hämisch, sein Name sei ein Anagramm von „Netter“ und er sei der Enkel eines Rabbis. Um weiter auftreten zu dürfen, musste sich Trenet einer demütigenden Ahnenforschung unterziehen und Dokumente bis ins Jahr 1780 beibringen, während die Polizei parallel ermittelte, ob er „Netter“ 6 oder „Arier“ sei. Obwohl er seine Abstammung belegte, hielten die hasserfüllten Angriffe in Zeitungen wie Le Réveil du peuple bis zum Ende des Krieges an.
Trotz der rassistischen Verfolgung blieb Trenets Homosexualität für die Sittenpolizei die eigentlich relevante Aktennotiz. Berichte der Brigade mondaine aus dem Jahr 1943 beschreiben ihn als „notorischen Homosexuellen“, der jungen Männern den Vorzug gebe und in speziellen Etablissements verkehre. Sein Sekretär Jean Réal wurde in diesen Dossiers sogar verdächtigt, für seinen Chef die Partner zu rekrutieren und diese einer Art „Initiation“ zu unterziehen. Diese polizeiliche Überwachung dokumentiert, dass Trenets Lebenswandel in den Augen des Staates stets ein moralisches Risiko darstellte.
Der schwerste Schlag für sein öffentliches Ansehen erfolgte jedoch am 12. Juli 1963, als Trenet auf seinem Anwesen in Aix-en-Provence unter dem Vorwurf „unzüchtiger Handlungen mit Minderjährigen“ verhaftet wurde. In seinem Fall handelte es sich um vier junge Männer unter 21 Jahren, was nach dem damals geltenden Gesetz (dem Erbe von Vichy) als Straftat galt. Trenet verbrachte einen Monat in Untersuchungshaft, und der anschließende Prozess im Jahr 1964 endete mit einer einjährigen Bewährungsstrafe und einer hohen Geldbuße. Der Skandal war gewaltig, da die Presse seine „naturwidrige“ Sexualität in aller Breite ausschlachtete und ihn in den USA sowie Kanada zur unerwünschten Person machte.
In der Auswertung zeigt sich, dass Trenet nach diesem Skandal jahrelang beruflich marginalisiert war und sogar eine Scheinehe mit der Witwe seines Verlegers erwog, um seinen Ruf zu retten. Erst die gesellschaftliche Liberalisierung der 1980er Jahre und die Entkriminalisierung der Homosexualität 1982 ermöglichten seine vollständige Rehabilitation. Das Dossier schließt mit seinem späten Triumph im Jahr 1993, als er im Beisein von Präsident Mitterrand seinen 80. Geburtstag in der Pariser Oper feierte – ein Beweis dafür, dass der einstige „Aussätzige“ schließlich zum unantastbaren Kulturgut Frankreichs aufgestiegen war.
Guy Hocquenghem
Guy Hocquenghem (1946–1988) war eine zentrale Figur des französischen Aktivismus, die den Übergang von einer klandestinen, schambesetzten Existenz hin zu einem offensiven, politisierten Kampf markierte. Geboren in eine bürgerliche Intellektuellenfamilie und als brillanter Student der École normale supérieure sozialisiert, lebte er zunächst eine „schizophrene“ Existenz: Während er in maoistischen und trotzkistischen Gruppen die Revolution plante, hielt er sein homosexuelles Leben vor seinen Genossen streng geheim, da die politische Linke Homosexualität damals oft als „bürgerliches Laster“ verunglimpfte. Diese Spannung entlud sich nach den Ereignissen von Mai 1968 in einer radikalen Neudefinition des Körpers als politisches Kampffeld.
Als führender Kopf des 1971 gegründeten Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) brach Hocquenghem mit der Strategie der Unauffälligkeit, wie sie Gruppen wie Arcadie pflegten. Er sorgte dafür, dass die „homosexuelle Frage“ direkt in das Zentrum radikaler linker Publikationen wie der Zeitschrift Tout! rückte, wo er provokante Manifeste veröffentlichte, die sexuelle Befreiung und proletarische Revolution miteinander verknüpften. Sein Ziel war es, das homosexuelle Ghetto zu sprengen und die Unterdrückung durch die „hétéro-flics“ (Hetero-Bullen) und die bürgerliche Kleinfamilie öffentlich anzuprangern.
Ein historischer Wendepunkt für die Sichtbarkeit Homosexueller in Frankreich war Hocquenghems öffentliches Coming-out im Januar 1972 im Nouvel Observateur. Unter dem Titel „Die Revolution der Homosexuellen“ gab er dem bis dahin gesichtslosen „Laster“ eine Stimme und ein attraktives, intellektuelles Gesicht. Damit verwandelte er die Homosexualität von einem medizinischen „douloureux problème“ (schmerzhaften Problem) in eine selbstbewusste politische Identität und zwang die französische Gesellschaft sowie die Linke zur Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Homophobie.
In seinen späteren Jahren wirkte Hocquenghem als einflussreicher Theoretiker und Schriftsteller, dessen Werk Le Désir homosexuel (1972) fundamentale Impulse für die heutige Queer-Theorie lieferte. Als Dozent an der Universität Vincennes und Chronist für Zeitungen wie Libération blieb er ein unbestechlicher Kritiker der Macht. Er attackierte scharf jene ehemaligen Weggefährten, die ihre revolutionären Ideale gegen lukrative Posten im Staatsapparat eintauschten, und blieb bis zu seinem frühen Tod an den Folgen von AIDS im Jahr 1988 eine Stimme derer, die am Rande der Gesellschaft standen.
Eine Betrachtung seines Wirkens aus heutiger Sicht betont den Paradigmenwechsel von der Scham zum Stolz und der Erkenntnis, dass private Lebensweisen hochgradig politisch sind. Er bereitete den Boden für die endgültige Entkriminalisierung der Homosexualität in Frankreich im Jahr 1982 und bewies, dass Sichtbarkeit die stärkste Waffe gegen staatliche Repression ist. Sein Vermächtnis ist der kompromisslose Anspruch, „nicht mehr die Mauern entlangzuschleichen“, sondern Rechte aktiv einzufordern – eine Haltung, die die moderne LGBTQ+-Bewegung bis heute prägt.
Lesbische, transsexuelle und andere queere Personen
Alliot betont ein „abgrundtiefes Vakuum“ in den Archiven bezüglich lesbischer Frauen, da ihre Liebe seit der Revolution kaum verfolgt wurde, sofern die öffentliche Ordnung nicht gestört wurde. Sie erscheinen in der Untersuchung primär als Randfiguren in Razzien gemischter dancings oder als Gründungsmitglieder militanter Bewegungen wie „Les Gouines rouges“.
Suzy Solidor: Die berühmte Sängerin wird als offen lebende Lesbe erwähnt, deren Chansons besonders bei Matrosen und der homosexuellen Gemeinschaft beliebt waren. Sie galt als Ikone, die klandestine Sehnsüchte in die populäre Kultur trug.
Violette Morris: Die Untersuchung beleuchtet den Fall der Sportlerin, die aufgrund ihres Beharrens auf Männerkleidung und ihres „männlichen“ Lebensstils von Sportverbänden geächtet wurde. Sie ist ein Beispiel für den staatlichen Kampf gegen die Verwischung der Geschlechterrollen außerhalb der Karnevalszeit.
Die „Gazolines“: Diese radikale Untergruppe des FHAR bestand aus transsexuellen und travestierten Aktivisten, die durch provokante, oft sexuell explizite Happenings auffielen. Die Polizei beschrieb sie als „hysterische Verrückte“, deren Aktionen schließlich zum Bruch mit den eher traditionell-politischen Kräften des FHAR führten.
Gesamtbetrachtung: formale Legalität vs. kulturelle Feindseligkeit
Tour à tour rejetés par l’Église, à peine tolérés par la classe politique, traqués par la police, fermement condamnés par la justice et désormais cobayes médicaux, il n’était pas facile pour les homosexuels de se faire une place dans la société, d’autant plus que tous les corps sociaux évoqués n’hésitaient pas à amalgamer, pour une fois unanimes dans leur révulsion, homosexualité et prostitution. Si la société française montrait une certaine tolérance pour l’homosexualité, c’était surtout le cas dans les grands centres urbains, dans un certain milieu social et à condition de rester discrets. Pour résumer, nous dirons que l’histoire des relations entre adultes de même sexe en France aux XIXe et XXe siècles se distingue moins par une réelle tolérance sociale que par la combinaison d’une légalité formelle avec une hostilité culturelle profondément enracinée.
Abwechselnd von der Kirche abgelehnt, von der politischen Klasse kaum toleriert, von der Polizei verfolgt, von der Justiz streng verurteilt und nun als medizinische Versuchskaninchen missbraucht, war es für Homosexuelle nicht leicht, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern, zumal alle genannten sozialen Gruppen ohne zu zögern Homosexualität und Prostitution gleichsetzten und sich in ihrer Abscheu ausnahmsweise einmal einig waren. Wenn die französische Gesellschaft eine gewisse Toleranz gegenüber Homosexualität zeigte, dann vor allem in den großen städtischen Zentren, in bestimmten sozialen Milieus und unter der Voraussetzung, dass man sich diskret verhielt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Geschichte der gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Erwachsenen in Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert weniger durch echte soziale Toleranz als durch die Kombination von formaler Legalität und tief verwurzelter kultureller Feindseligkeit gekennzeichnet ist.
Der wesentliche Ertrag dieser Arbeit liegt in der Nutzbarmachung der Polizeiarchive, die eine bisher unbekannte Präzision in der Beschreibung des homosexuellen Alltags ermöglichen – von den Preisen für sexuelle Dienstleistungen bis hin zu detaillierten Skizzen illegaler Bordelle. Besonders aufschlussreich ist von jenseits des Rheins die Erkenntnis, dass die homophobe Gesetzgebung von 1942 keine deutsche Forderung war, sondern aus dem „Wunsch nach moralischer Erneuerung“ innerhalb der französischen Justiz hervorging, erkennbar auch an der polemischen Verweiblichung der Kollaboration und der Maskulinisierung der Résistance in den Folgejahren. Ebenso erstaunlich ist die Ambivalenz prominenter Persönlichkeiten wie Jean Cocteau, der einerseits vom Präfekten bewundert wurde, während derselbe Präfekt die Jagd auf anonyme Männer in Parks intensivierte.
Die Archive bieten gezielt eine einseitige Perspektive. Alliot betont die „administrative Kälte“ der Dokumente, die zwar akribisch Verhaftungen und Lebensläufe festhalten, aber niemals preisgeben, was die Betroffenen selbst dachten oder fühlten. Der Verfasser David Alliot formuliert als eine seiner zentralen Ausgangspunkte, dass sein Werk weniger ein Buch über Homosexuelle an sich ist, sondern vielmehr eine Untersuchung über den Blick, den die Gesellschaft durch das Prisma der Polizei auf sie warf. Die Arbeit mit den Archiven der Pariser Polizeipräfektur ermöglichte ihm eine „schwindelerregende Tauchfahrt“ in einen Zeitraum von über einem Jahrhundert, die zeigt, wie die administrative Sprache eine Welt voller „Größe und Elend“ dokumentierte.
Eine wichtige Erkenntnis ist, dass die Geschichte der Homosexualität in Frankreich seit der Revolution nicht durch Toleranz, sondern durch die Kombination von formaler Straffreiheit und tief verwurzelter kultureller Feindseligkeit geprägt war. Die Archive belegen, dass die Polizei Homosexuelle oft über Umwege wie Gesetze gegen „Vagabundieren“ oder „öffentliche Sittenwidrigkeit“ drangsalierte, um eine soziale Vernichtung oder Einschüchterung zu erreichen.
David Alliot ist mit diesem Werk eine hochkarätige historische Dokumentation gelungen, die es versteht, die Grenze zwischen administrativer Distanz und menschlicher Tragik zu wahren. Durch die akribische Auswertung der Polizeiarchive entreißt er Schicksale wie das des tragisch verstorbenen Travestiekünstlers „Muguette“ der Vergessenheit. Besonders hervorzuheben ist sein Verzicht auf Idealisierung; er zeigt die Gemeinschaft in ihrer ganzen Komplexität, einschließlich ihrer internen Konflikte, ihrer Eliten und ihrer am stärksten marginalisierten Mitglieder.
Die Arbeit ist zudem ein wichtiges Mahnmal für die Rechtsgeschichte, da sie aufzeigt, wie leicht moralische Vorurteile in Gesetzesform gegossen werden können, wenn die politische Stimmung umschlägt. Alliot verbindet erfolgreich die Mikrogeschichte einzelner Individuen mit den großen politischen Umbrüchen Frankreichs. Das Buch ist somit nicht nur eine Geschichte der Homosexualität, sondern eine Geschichte der französischen Gesellschaft selbst, gespiegelt im Blick ihrer Ordnungshüter.
Fragiler Sieg
Der Verfasser David Alliot äußert sich in seinem Werk „Les secrets de Sodome“ explizit zur gegenwärtigen Lage und zur Zukunft der homosexuellen Gemeinschaft, wobei er sowohl die erzielten Fortschritte als auch die bleibenden Gefahren heute und künftig hervorhebt:
Vom Ghetto zum Markt: Alliot beobachtet eine „Banalisierung“ und „Verbürgerlichung“ der homosexuellen Welt nach der rechtlichen Gleichstellung (Pacs 1999, Ehe für alle 2013). Das einstige „Ghetto“ sei heute ein Zielobjekt für Marketingstrategen und den Handel geworden, die diese urbane Kundschaft mit hoher Kaufkraft für sich entdeckt haben.
Verschwinden der klandestinen Orte: Viele der im Buch beschriebenen Orte des klandestinen Paris sind heute verschwunden. So bemerkt Alliot, dass im Jahr 2025 nur noch ein einziges pornografisches Kino in Paris existiere. Die alten „hôtels garnis“ wurden durch moderne „Liebeshotels“ oder die stundenweise Vermietung in herkömmlichen Hotels ersetzt.
Rückgang des Aktivismus: Mit dem Erreichen der rechtlichen Gleichbehandlung haben viele militante Verbände an Zulauf verloren oder sind ganz verschwunden, da viele Homosexuelle ihre Rechte als gesichert ansehen und kein Bedürfnis mehr für öffentlichen Protest verspüren.
Fragilität der Rechte: Alliot mahnt zur ständigen Wachsamkeit. Er zitiert sinngemäß Simone de Beauvoir mit der Warnung, dass Rechte niemals absolut gesichert sind und bereits eine politische, wirtschaftliche oder religiöse Krise ausreichen kann, um sie wieder infrage zu stellen. Er betont, dass diese Rechte das ganze Leben lang verteidigt werden müssen.
Zukünftige Geschichtsschreibung: Der Verfasser weist darauf hin, dass die Geschichte der Jahre 1950 bis 1980 erst noch geschrieben werden muss, da die Sperrfristen für Sittenakten ein Jahrhundert betragen. Er erwartet, dass ab dem Jahr 2036 eine neue Generation von Historikern durch die dann zugänglichen Archivbestände der Polizeipräfektur tiefere Einblicke in die Zeit der Trente Glorieuses und die ersten aktivistischen Bewegungen gewinnen wird.
Verlust an Quellen: Alliot bedauert einerseits als Historiker die Zerstörung der polizeilichen Dateien nach 1981, da damit eine wichtige Informationsquelle verloren ging, begrüßt diesen Schritt jedoch gleichzeitig als Sieg der individuellen Freiheit. Sein Buch solle dazu dienen, Interesse für die zukünftige Erforschung dieser „noch zu schreibenden Seiten“ zu wecken: „Si ce livre réussit à susciter des vocations, alors il n’aura pas été écrit pour rien.“
- In der klandestinen Welt des homosexuellen Paris dienten die hôtels garnis als männliches Pendant zu den Bordellen, galten jedoch rechtlich lediglich als einfache Beherbergungsbetriebe. Diese Häuser stellten Liebhabern diskrete Zimmer für kurze Zeiträume zur Verfügung, wobei die oft bereitwilligen Betreiber durch ihre Komplizenschaft einen Schutzraum vor der öffentlichen Moral boten. Viele Etablissements verfügten über Bars, in denen wohlhabende Notabeln in geschützter Atmosphäre junge Stricher treffen konnten, bevor sie sich zur „Konsumation“ in die oberen Etagen zurückzogen. Ein prominentes Beispiel war das Hôtel Marigny von Albert Le Cuziat, das als exklusiver Treffpunkt der Elite fungierte und in dem sogar Marcel Proust im Rahmen einer polizeilichen Razzia angetroffen wurde. Nach der Entkriminalisierung von 1981 verloren diese spezialisierten Rückzugsorte ihre einstige Bedeutung und wandelten sich teilweise in moderne „Liebeshotels“ für eine breitere Kundschaft um.>>>
- Die Vespasiennes waren öffentliche Urinale in Paris, die ab den 1830er Jahren zur Verbesserung der Stadthygiene errichtet wurden und im homosexuellen Argot oft als „tasses“ bezeichnet wurden. Diese Orte entwickelten sich vergleichbar zu den „Klappen“ in Deutschland zu wichtigen klandestinen Treffpunkten für Männer, da sie kostenlos zugänglich waren und durch ihre Bauweise mit Kabinen einen geschützten Rahmen im öffentlichen Raum boten. Innerhalb dieser Anlagen entstanden spezifische Subkulturen wie die „renifleurs“ sowie technische Manipulationen wie „Glory Holes“, um sexuelle Kontakte zwischen den Zellen zu ermöglichen. Die Sittenpolizei beobachtete die Pissotières akribisch und führte massenhafte Verhaftungen wegen „öffentlicher Sittenwidrigkeit“ durch, insbesondere in den stark frequentierten Bereichen nahe der Hallen von Paris. Mit der Modernisierung der Stadt verschwanden die ehemals fast 4.000 Pavillons bis auf ein letztes historisches Exemplar am Boulevard Arago, das heute als Relikt dieser verschwundenen Welt verblieben ist.>>>
- Als „persilleuses“ wurden meist junge Männer aus der Arbeiterklasse bezeichnet, die ihre Homosexualität auffällig und provokant zur Schau stellten, weibliche Verhaltensweisen imitierten und oft klangvolle Pseudonyme wie „La du Barry“ verwendeten. – Die „honteuses“ hingegen bildeten die Mehrheit der damaligen Gemeinschaft und lebten ihre Neigungen unter dem Schutz einer bürgerlichen Unauffälligkeit völlig im Verborgenen, um gesellschaftliche Ächtung zu vermeiden.>>>
- „croûtenards“: Männer, die in Urin getränkte Brotstücken aus Pissoirs sammelten>>>
- „raser les murs“ wurde zu einem zentralen Ausdruck des Front homosexuel d’action révolutionnaire (FHAR) in den frühen 1970er Jahren, um den Bruch mit der klandestinen, verborgenen Existenz zu verdeutlichen: In einem der ersten Flugblätter des FHAR vom April 1971 hieß es auffordernd: „Cessons de raser les murs !“ (Hören wir auf, an den Mauern entlangzuschleichen!). Während der Demonstration am 1. Mai 1971, dem ersten öffentlichen Auftritt von militanten Homosexuellen in den Straßen von Paris, lautete der gemeinsame Slogan mit der Frauenbewegung (MLF): „Lesbiennes et pédés, ne rasons plus les murs“ (Lesben und Schwule, schleicht nicht mehr an den Mauern entlang).>>>
- Die kollaborationistische Presse behauptete hämisch, der Name Trenet sei lediglich ein Anagramm dieses „spezifisch jüdischen“ Namens.>>>