Inhalt
Benjamin Dierstein: Bleus, Blancs, Rouges.
- Bd. 1: Bleus, blancs, rouges, Flammarion, 2025.
- Bd. 2: L’étendard sanglant est levé, Flammarion, 2025.
- Bd. 3: 14 Juillet, Flammarion, 2026.
Benjamin Diersteins nun abgeschlossenes jüngstes literarisches Projekt, die Trilogie Bleus, Blancs, Rouges, entwickelt sich als groß angelegte historische Saga über die Jahre 1978 bis 1984 und setzt sich mit der politischen und gesellschaftlichen Befindlichkeit Frankreichs in dieser Übergangsphase auseinander. Dierstein verwebt das Genre des Roman noir mit politischer Satire, um die Machtstrukturen der französischen V. Republik zu sezieren, und folgt dabei den verknüpften Schicksalen von vier Protagonisten – zwei Polizeiinspektoren, einem traumatisierten Infiltrator und einem Söldner –, deren Wege sich bei der Jagd auf den mysteriösen Waffenhändler Geronimo immer wieder kreuzen. Inmitten der „bleiernen Jahre“, der Erschütterungen der Françafrique sowie des politischen Umbruchs von der Ära Giscard zur „Mitterrandie“ interagieren diese fiktiven Figuren mit realhistorischen Akteuren wie Valéry Giscard d’Estaing, Jacques Mesrine, Carlos oder Omar Bongo. Die Romane verknüpfen Terrorismus, staatliche Gewalt, Polizei- und Geheimdienstaktionen mit einer ausgefeilten fiktionalen Handlung und beleuchten dabei sowohl die destruktive Rivalität der Sicherheitsdienste als auch tiefgreifende politische Korruption. Gestützt auf intensive Archivarbeit entfaltet Dierstein ein breit angelegtes Tableau von großer narrativer Wucht, das schließlich in Beirut kulminiert – einem Schauplatz, der den endgültigen Verlust aller moralischen Illusionen der Akteure im Zeichen globaler Gewalt und staatlicher Skandale symbolisiert und nicht zuletzt an die Ambitionen des amerikanischen Noir-Epos eines James Ellroy erinnert.
Benjamin Dierstein ist ein französischer Schriftsteller, der sich in der zeitgenössischen Literaturszene vor allem durch große, politisch aufgeladene Kriminalromane profiliert hat. Geboren 1983 in Lannion (Bretagne), arbeitete er vor seiner literarischen Karriere als Musiker, Label-Direktor und Gelegenheitsarbeiter, was seine gesellschaftskritische Perspektive geprägt hat. Seine frühen Roman-Trilogien wie La Sirène qui fume (2018), La Défaite des idoles (2020) und La Cour des mirages (2022) zeichneten ein Panorama Frankreichs in den Jahren der Sarkozy-Ära und machten ihn zu einer markanten Stimme des politischen Romans und des Noir-Genres in Frankreich. Neben seiner literarischen Tätigkeit leitet er das elektronische Musiklabel Tripalium Corp., was seinen eklektischen kulturellen Hintergrund unterstreicht.
Der erste Band der Trilogie, Bleus, blancs, rouges (2025), erhielt in Frankreich ein sehr positives Echo: Kritiker hoben die umfassende Dokumentation, die erzählerische Dichte und die Fähigkeit hervor, aus einem historischen Milieu einen fesselnden, teilweise fulminanten Roman zu machen. Besprochen wurde das Buch als „page-turner“ und große historische Erzählung, die sowohl politisch reflektierend als auch spannend ist. Rezensionen beschreiben es als Mischung aus Roman noir, politischem Thriller und Gesellschaftspanorama, punktuell mit satirischen Zügen, und loben vor allem den Reichtum an Figuren und die Qualität der Recherche. Zudem wurde das Buch mit dem Prix Landerneau Polar 2025 ausgezeichnet, was seinen Erfolg im Genre bestätigt hat. Insgesamt wird die Trilogie als mutiges, ambitiöses literarisches Unternehmen rezipiert, das politisch wie erzählerisch eine große Breite abdeckt und der französischen Literaturgeschichte ein neues Kapitel im Umgang mit den „Années de plomb“ und den politischen Spannungen der späten 1970er und frühen 1980er Jahre hinzufügt.
Band 1: Bleus, Blancs, Rouges (1978–1979)

Der Auftakt der Saga führt vier miteinander verknüpfte Schicksale ein: Die jungen Inspektoren Marco Paolini und Jacquie Lienard sowie den Söldner Robert Vauthier und den traumatisierten Polizisten Jean-Louis Gourvennec. Im Zentrum der Handlung steht die Jagd auf den geheimnisvollen Waffenhändler Geronimo, der als Bindeglied zwischen internationalen Terrorgruppen und dem französischen Untergrund handelt. Während Gourvennec eine linksextreme Zelle infiltriert, kehrt Vauthier aus Afrika zurück, um mit Unterstützung krimineller Clans die Pariser Nachtwelt zu kontrollieren. Die Handlung gipfelt in der Entführung des jungen Charles-Henri de Castelbajac, die die Hilflosigkeit der Sicherheitsapparate offenbart. Am Ende des Bandes zeigt sich, dass die persönlichen Schicksale unlösbar mit den dunklen Flecken der französischen Geschichte verwoben sind.
Der politisch-historische Kontext ist geprägt von den „bleiernen Jahren“ und der Spätphase der Präsidentschaft von Valéry Giscard d’Estaing. Frankreich sieht sich einer beispiellosen Welle des Terrorismus gegenüber, die von Gruppen wie der RAF, den Roten Brigaden und dem FPLP getragen wird. Diese äußere Bedrohung dient als Katalysator für eine zerstörerische Rivalität zwischen den Polizeidiensten BRI und RG, die sich gegenseitig Informationen vorenthalten, um politische Gunst zu gewinnen. Die Handlung spiegelt reale Ereignisse wie die Entführung des Barons Empain wider, um das Klima der allgemeinen Verunsicherung zu illustrieren. Es wird deutlich, dass der Staat im Kampf gegen den Terrorismus oft selbst an der Grenze zur Illegalität operiert.
Die tiefere Interpretation des ersten Bandes liegt in der Aufarbeitung des Traumas von Mai 1968. Gourvennecs Infiltration ist direkt mit dem Tod eines Kollegen während der Studentenunruhen verknüpft, was die ungelösten Spannungen zwischen Staat und Gesellschaft thematisiert. Geronimo wiederum steht für die Geister der kolonialen Vergangenheit, die nun in das Mutterland zurückkehren. Der Roman zeigt, wie die Ideale von 1968 in der Gewalt des Terrorismus und der Korruption der Institutionen verpuffen. Die Protagonisten verlieren bereits hier ihre moralische Unschuld im Dienst einer Republik, die ihre eigenen Geheimnisse hütet.
Giscard d’Estaing, im Buch oft als „der Monarch“ tituliert, verkörpert ein System, das sich zunehmend von der Realität der Bürger entfernt. Die Affären der Françafrique, symbolisiert durch die Diamanten-Affäre um Kaiser Bokassa, ziehen sich wie ein roter Faden durch die Handlung. Robert Vauthiers Rückkehr aus dem Gabun verbindet das Pariser Milieu direkt mit den neokolonialen Machenschaften der französischen Eliten. Diese geopolitische Dimension zeigt, dass der Terror in Paris oft die Quittung für die französische Außenpolitik in Afrika und im Nahen Osten ist. Die Grenzen zwischen Staatsraison, Verbrechen und Idealismus verschwimmen zusehends.
Abschließend interpretiert Band 1 die Polizei als einen Mikrokosmos der gespaltenen französischen Gesellschaft. Die Rivalität zwischen Paolini und Lienard ist nicht nur persönlicher Natur, sondern steht für den Kampf zwischen verschiedenen Behörden-Kulturen. Während Paolini die „Cowboy-Mentalität“ der BRI verkörpert, repräsentiert Lienard die intellektuelle Analyse der RG. Dass beide letztlich an den starren Hierarchien und Geheimnissen ihrer Väter scheitern, ist die tragische Grundstimmung des Buches. Der Band endet mit der Erkenntnis, dass die Jagd nach der Wahrheit in einem System aus Lügen kaum möglich ist.
Band 2: L’Étendard sanglant est levé (1980–1981)

Im zweiten Band setzt sich die Jagd auf Geronimo fort, während sich die Protagonisten in einer veränderten Weltordnung wiederfinden. Gourvennec ist mittlerweile tief in die linksextreme Gruppe Action directe eingetaucht und führt unter deren Deckmantel gewaltsame Operationen durch. Paolini und Lienard versuchen weiterhin, die Identität des Waffenhändlers zu lüften, geraten dabei aber in den Sog des Kalten Krieges. Vauthier agiert als mächtiger Zuhälter im Pariser Jetset, plant jedoch gleichzeitig eine Rückkehr nach Afrika, um seine eigenen Rechnungen zu begleichen. Das Schicksal der Protagonisten ist nun untrennbar mit den großen Spionageaffären der Zeit verknüpft.
Der politisch-historische Kontext wird durch den Machtwechsel von 1981 dominiert. Der Sieg von François Mitterrand löst eine Welle von Säuberungsaktionen („Purges“) innerhalb der Polizei aus, die alte gaullistische Netzwerke wie den SAC zerschlagen sollen. Inmitten dieses Umbruchs erschüttert der Mord am Minister Robert Boulin das Vertrauen in den Staat, wobei Marco Paolini direkt in die Vertuschungsaktionen verwickelt wird. International prägen der Libyen-Tschad-Konflikt und die sowjetische Spionageoperation „Farewell“ die Handlung. Die Protagonisten müssen entscheiden, wem ihre Loyalität in dieser neuen Ära gehört.
Die Interpretation dieses Bandes kreist um das Thema Täuschung und Desillusionierung. Der Titel suggeriert den blutigen Kampf um die Macht, der sich sowohl auf den Straßen von Paris als auch in den Hinterzimmern der Politik abspielt. Die Protagonisten stellen fest, dass auch die neue sozialistische Regierung schnell zu den alten Mitteln der Repression und Geheimhaltung greift. Gourvennecs totale Entfremdung von seiner Familie und seine Hingabe an die radikale Gewalt spiegeln den Zerfall persönlicher Bindungen zugunsten politischer Ideale wider. Es zeigt sich, dass der Staat seine Diener opfert, sobald sie zur Belastung werden.
Ein zentrales Motiv ist die Verschmelzung von Kriminalität und Politik. Die Zemour-Brüder und Tany Zampa kämpfen um die Vorherrschaft im Glücksspiel und Drogenhandel, wobei sie oft von hochrangigen Polizisten gedeckt werden. Robert Vauthier agiert als Vermittler zwischen diesen Welten und nutzt seine Verbindungen zum Geheimdienst SDECE (später DGSE), um seine kriminellen Interessen zu schützen. Die Handlung interpretiert die Françafrique als ein System, in dem Söldner und Staatsdiener gemeinsam an der Destabilisierung fremder Regime arbeiten, um den Wohlstand im Mutterland zu sichern.
Schließlich thematisiert Band 2 den Verlust der moralischen Orientierung. Marco Paolini, gequält von Schuldgefühlen wegen des Todes von Robert Boulin, flüchtet sich in eine fanatische Arbeitsethik bei der DST. Jacquie Lienard erkennt, dass sie in einem System aus Vetternwirtschaft und politischen Ränkespielen nur ein Rädchen im Getriebe ist. Die Jagd auf Geronimo wird zur Metapher für die vergebliche Suche nach einem greifbaren Feind in einem Geflecht aus gegenseitigen Abhängigkeiten. Am Ende steht die Erkenntnis, dass sich die Mechanismen der Macht unter Mitterrand kaum von denen unter Giscard unterscheiden.
Band 3: 14 Juillet (1982–1984)

Der Abschluss der Trilogie spielt in einer Atmosphäre der Belagerung und des Verrats. Nach dem verheerenden Attentat in der Rue des Rosiers gründet Mitterrand eine geheime Anti-Terror-Zelle im Élysée-Palast, der Jacquie Lienard beitritt. Paolini arbeitet nun für die DST, während Vauthier für die DGSE im Libanon operiert. Alle jagen dieselbe Zielperson: die algerische Terroristin Khadidja Ben Bouazza, die eng mit Carlos und dem „Pinzutu“ (dem nun offen terroristisch agierenden Gourvennec) zusammenarbeitet. Die Handlung führt die Protagonisten schließlich nach Beirut, wo ihre Wege in einer finalen Katastrophe kollidieren.
Politisch steht die Ära Mitterrand vor ihrem moralischen Offenbarungseid. Der Skandal um die „Irlandais de Vincennes“ – gefälschte Beweise gegen vermeintliche Terroristen durch das GIGN – erschüttert die Glaubwürdigkeit der neuen Regierung. Zur gleichen Zeit erreicht der Bürgerkrieg im Libanon mit dem Anschlag auf das Drakkar-Gebäude, bei dem viele französische Soldaten sterben, eine neue Eskalationsstufe. Im Inland nutzt der aufstrebende Front National die Unsicherheit und die Wirtschaftskrise für seinen politischen Durchbruch. Die Auflösung des SAC markiert das Ende einer Epoche der Schattenpolizei, schafft jedoch Platz für neue, ebenso skrupellose Strukturen.
Die Interpretation dieses Bandes konzentriert sich auf den totalen Verlust der Illusionen. Jacquie Lienard erkennt, dass die Gerechtigkeit, an die sie einst glaubte, nur eine Kulisse für politische Zweckmäßigkeit ist. Ihr paranoider Zerfall und die Einweisung in die Psychiatrie spiegeln den Zustand einer Polizei wider, die ihre eigenen Dämonen jagt. Das Thema des „Deep State“ (Honneur de la Police, Légion du Roy) wird zur zentralen Erklärung für die ungelösten Morde der letzten Jahrzehnte. Am Ende steht nicht die Lösung des Rätsels, sondern die Vertuschung der Wahrheit zum Schutz der Republik.
Ein entscheidendes Motiv ist der Zusammenbruch der Françafrique und der neokolonialen Träume. Vauthiers Scheitern im Libanon und der Verlust seines „Ziehsohns“ Nantier markieren das Ende des Söldnertums als legitimes Instrument der Außenpolitik. Die Figur der Khadidja Ben Bouazza wird als Spiegelbild der französischen Gewaltgeschichte interpretiert – eine Frau, deren Leben durch französische Folter zerstört wurde und die nun den Terror ins Herz von Paris trägt. Die „Légion du Roy“, ein Netz aus Altnazis und Kollaborateuren, wird als das wahre, dunkle Herz der französischen Sicherheitsorgane entlarvt.
Das Ende der Trilogie ist eine Tragödie der Einsamkeit. Paolini stirbt durch die Hand seines eigenen Cousins, ein Opfer der Geheimnisse, die er aufzudecken versuchte. Gourvennec wird von Vauthier hingerichtet, nachdem er die Sinnlosigkeit seines Kampfes erkannt hat. Jacquie Lienard bleibt als einzige Überlebende zurück, ist jedoch seelisch gebrochen und Teil des Systems geworden, das sie einst reformieren wollte. Das Datum des 14. Juli im Titel wird so zur bitteren Ironie: Statt Freiheit und Brüderlichkeit herrschen Schweigen und Zynismus.
Anatomie der V. Republik
Benjamin Diersteins Trilogie ist mehr als ein historischer Kriminalroman; sie ist eine sezierende Anatomie der französischen V. Republik. Das Vorhaben lässt sich als der Versuch verstehen, die Kontinuität der Gewalt von der Kollaboration unter Vichy über den Algerienkrieg bis hin zum modernen Terrorismus der 1980er Jahre nachzuzeichnen. Dierstein nutzt das Genre des Roman Noir, um zu zeigen, dass die Fundamente der französischen Demokratie auf den Gräbern von Opfern stehen, die im Namen der Staatsraison oder des Antikommunismus geopfert wurden.
Das Werk interpretiert die Geschichte Frankreichs als eine Abfolge von Verrat und Desillusionierung. Die vier Protagonisten – der Idealist (Paolini), die Karrierebewusste (Lienard), der traumatisierte Außenseiter (Gourvennec) und der zynische Profiteur (Vauthier) – scheitern allesamt an einer Machtstruktur, die keine Individualität duldet. Besonders die Figur der Khadidja Ben Bouazza agiert als das personifizierte schlechte Gewissen der Nation, deren Rachefeldzug die Sünden der Kolonialzeit nach Paris zurückbringt.
So lässt sich Diersteins Projekt als eine Demontage der nationalen Mythen begreifen. Durch die Verwebung fiktiver Biografien mit realen Skandalen wie der Affäre Boulin oder den „Irlandais de Vincennes“ macht der Autor deutlich, dass die Grenze zwischen Gesetzeshütern und Gesetzlosen in den höchsten Kreisen der Macht oft nicht existiert. Die Saga endet nicht mit dem Triumph der Gerechtigkeit, sondern mit der Zementierung des Status Quo durch Schweigegeld und Korruption, was das Werk zu einer düsteren Parabel über die Unmöglichkeit von Wahrheit in der Politik macht.