Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude

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Zwei Texte und ein Mörder

Beide hier besprochenen Texte benutzen Pierre Rivière. Foucault benutzt ihn, um zu zeigen, wie Diskurse Körper und Stimmen verwalten. Ismaël Jude benutzt ihn, um genau jene Verwaltung zu sabotieren – und tut das mit den Mitteln, die Rivière selbst erfunden hat: dem Text, der tötet.

Ein normannischer Bauernsohn tötet im Juni 1835 mit einer Sense seine Mutter, seine Schwester und seinen jüngeren Bruder. Er flieht in die Wälder. Wochen später stellt er sich der Justiz und verlangt, ein Schriftstück einzureichen: ein vierzigseitiges Memoire, das er in der Arrestzelle von Vire in roher, fehlerreicher, eigentümlich eindringlicher Prosa verfasst hat. Dieser Text – das Dokument eines Mordes, das zugleich ein literarisches Werk ist – hat eine Geschichte, die weit über den Fall selbst hinausreicht. Er wurde im 19. Jahrhundert psychiatrisch pathologisiert, juristisch verwertet und schließlich weitgehend vergessen. 1973 holt ihn Michel Foucault ans Licht und stellt mit seiner Forschergruppe eine Frage, die seitdem nicht aufgehört hat zu irritieren: Wem gehört dieser Text? Wer darf über ihn sprechen – und in wessen Namen? Foucaults editorisches Projekt ist eine Intervention in die Machtverhältnisse des Wissens: Es versammelt die Diskurse um Rivière, um deren Mechanismen sichtbar zu machen, und es wagt die Behauptung, das Memoire sei schön – eine Schönheit, die keiner Erklärung bedürfe. Knapp fünfzig Jahre später erscheint ein Text von Ismaël Jude bei den éditions verticales (grief, Gallimard, 2022, zit. als GR), ein Text, dessen Erzählerin in Foucaults Buch gelesen hat, das Wort „parricide“ auf jeder Seite ausstreicht und ersetzt, und sich selbst zur imaginären Zwillingsschwester Rivières erklärt – zu seinem weiblichen Doppel, seiner verdrängten Seite, seiner Gegenfigur. Zwei Texte, ein Mörder, eine Frage: Wer spricht, und aus welcher Perspektive?

Die Lektüre beider Texte zusammen ist keine bloß akademische Übung. Sie öffnet einen produktiven Spannungsraum, in dem sich grundlegende Fragen der Literaturwissenschaft, der Diskurstheorie und der politischen Ästhetik materialisieren: Was bedeutet es, einem historischen Dokument Stimme zu geben? Welche Körper, welche Geschlechter, welche Schmerzen werden dabei sichtbar gemacht – und welche bleiben im Schatten der Interpretation? Foucault zeigt, wie institutionelle Diskurse einen Text domestizieren und in Besitz nehmen; Jude zeigt, dass Foucaults eigene Intervention selbst eine Form der Inbesitznahme ist, die das Weibliche in Rivières Geschichte systematisch auslässt. Wo Foucault analytisch distanziert operiert, operiert Jude performativ und wütend: Ihr „minuscrit“ ist keine Deutung des Memoire, sondern seine Weiterführung durch andere Mittel – durch eine Stimme, die nicht erklärt, sondern attackiert, nicht kommentiert, sondern wiederholt und umkehrt. Beide Texte kreisen um dieselbe Frage, die Rivière in seiner Zelle gestellt hat: Ist der Text und die Tat dasselbe? Und wenn ja – wer darf töten, und wer darf schreiben?

Der Einfluss von Foucaults Werk auf Rivière reicht weit über die Philosophie hinaus. 1976 verfilmte René Allio das Buch; ein Film, den Foucault selbst für seine Fähigkeit lobte, den Raum der Bauernschaft als „Heterotopie“ darzustellen. Die filmwissenschaftliche Untersuchung analysiert, wie der Film die Diskrepanz zwischen Bild und Ton nutzt, um der Vielfalt der in der Akte vertretenen Standpunkte Rechnung zu tragen.

„Moi, Pierre Rivière ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère…“ d’après l’ouvrage collectif dirigé par le philosophe Michel Foucault, Bande annonce du film de René Allio.

Heute stellt die Forschung die Frage: Wer wären die Pierre Rivières von heute? Der Fall dient dazu, Formen der Subjektivierung im Kontext des digitalen Kapitalismus zu analysieren, in dem die Produktion von Daten manchmal die Selbstdarstellung ersetzt. Einige Forscher sehen in Rivières Handeln eine Vorwegnahme zeitgenössischer Versuche, angesichts zunehmend undurchsichtiger Machtapparate ein kollektives „Wir“ zu konstruieren. Die Forschung befasst sich zudem mit der Frage, wie der „Fall“ zeitgenössische Formate der Kriminalberichterstattung beeinflusst hat, wie beispielsweise True Crime-Podcasts oder Dokumentarserien (Making a Murderer), die mit dem Projekt von 1973 den Wunsch teilen, die Beweismittel offen zu legen, damit die Öffentlichkeit über institutionelle Willkür urteilen kann.

Michel Foucault (Hg.): „Moi, Pierre Rivière, ayant égorgé ma mère, ma sœur et mon frère“ (1973)

Am 3. Juni 1835, gegen Mittag, tritt Pierre Rivière, ein zwanzigjähriger Bauernsohn aus der Normandie, in das Haus seiner Familie und erschlägt mit einer Sense Mutter, Schwester und jüngeren Bruder. Er flieht in die Wälder, schläft unter freiem Himmel, ernährt sich von Kräutern und Beeren. Wochen später stellt er sich der Justiz und verlangt, ein Schriftstück einreichen zu dürfen. Dieses Schriftstück – ein Memoire von vierzig Seiten, in einer eigentümlichen, syntaktisch unkontrollierten, von Orthographiefehlern durchzogenen Prosa – ist das Dokument, um das sich alles dreht.

je me representai les guerriers qui mouraient pour leur patrie et pour leur roi, la valeur des eleves de l’ecole polithecnique lors de la prise de paris en 1814 je me disais : ces gens la mouraient pour soutenir le parti d’un homme qu’ils ne connaissaient pas et qui ne les connaissait pas non plus, qui n’avait jamais pensé a eux ; et moi je mourrai pour delivrer un homme qui m’aime et qui me cherit. l’exemple de chatillon qui soutint seul jusqu’à la mort, un passage d’une rue par ou les ennemis abondaient pour prendre son roi ; le courage d’eleazar frére machabées qui tua un elephant ou il pensait que le roi ennemi etait ; quoique qu’il sut qu’il allait être étouffé sous le poids de cet animal, l’exemple d’un général romain dont je ne me rappelle pas le nom, qui dans la guerre contre les latins se devoua a la mort pour soutenir son parti. toutes ces choses me passaient par l’esprit et m’invitaient à faire mon action. l’exemple de henri de la roquejacquelain que je lut dans les derniers temps me sembla avoir un grand rapport avec ce qui me regardait. […] mais moi je ne peux délivrer mon pére qu’en mourant pour lui.

Ich stellte mir die Krieger vor, die für ihr Vaterland und ihren König starben, und die Tapferkeit der Studenten der École Polytechnique bei der Einnahme von Paris im Jahr 1814. Ich sagte mir: Diese Menschen starben, um die Sache eines Mannes zu unterstützen, den sie nicht kannten und der sie ebenfalls nicht kannte, der nie an sie gedacht hatte; und ich werde sterben, um einen Mann zu befreien, der mich liebt und schätzt. Das Beispiel von Chatillon, der allein bis zum Tod eine Straßenpassage verteidigte, durch die die Feinde strömten, um seinen König zu fangen; der Mut von Eleazar, dem Bruder der Makkabäer, der einen Elefanten tötete, von dem er glaubte, dass sich der feindliche König darin befand; obwohl er wusste, dass er unter dem Gewicht dieses Tieres erdrückt werden würde; das Beispiel eines römischen Generals, dessen Namen ich nicht mehr weiß, der sich im Krieg gegen die Latiner bis in den Tod opferte, um seine Seite zu verteidigen. All diese Dinge gingen mir durch den Kopf und spornten mich zu meiner Tat an. Das Beispiel von Henri de la Roquejacquelain, über das ich in letzter Zeit gelesen hatte, schien mir in großem Zusammenhang mit meiner eigenen Situation zu stehen. […] Doch ich kann meinen Vater nur befreien, indem ich für ihn sterbe.

Dieses Zitat verdeutlicht Rivières heroischen Wahn und seinen Wunsch nach historischer Unsterblichkeit. Er setzt seinen grausamen Mord an seiner Mutter und seinen Geschwistern mit dem Opfertod von Kriegern, biblischen Helden und Märtyrern gleich. Für ihn ist die Tat keine bloße Gewalt, sondern ein strategischer und moralischer Akt, um seinen Vater aus der vermeintlichen Tyrannei der Mutter zu befreien. Die Interpretation seines Lebenslaufs gipfelt in der Idee, dass sein eigener Tod (durch die Justiz) der notwendige Preis für die Freiheit des Vaters ist.

Die Analyse der Rezeption des Werks verdeutlicht die entscheidende Bedeutung des Falles Rivière für die Herausbildung des Konzepts des „gefährlichen Individuums“. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts versuchte die Psychiatrie, vertreten durch Persönlichkeiten wie Jean-Étienne Dominique Esquirol und seinen Schüler Étienne-Jean Georget, ihren Einfluss auf den Strafrechtsbereich auszuweiten. Sie führten den Begriff der „mörderischen Monomanie“ ein, einer Form des Wahnsinns, die sich ausschließlich durch die Tötungshandlung manifestiert, während die übrige Vernunft intakt bleibt.

Dieses Konzept war revolutionär und für das Rechtssystem zutiefst erschütternd. Artikel 64 des Strafgesetzbuchs von 1810 legte fest, dass weder ein Verbrechen noch ein Vergehen vorliegt, wenn sich der Angeklagte zum Zeitpunkt der Tat im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befand. Rivière hingegen wirkte vollkommen klar, wovon sein Schriftsatz durch seine Struktur und seine unerbittliche Logik zeugte. Historische Forschungen zeigen, wie Psychiater diesen Fall nutzten, um ihre Rolle zu wandeln: Sie sind nicht mehr nur dazu da, die Verrückten in Anstalten zu behandeln, sondern auch, um Kriminelle zu begutachten und über ihre Zurechnungsfähigkeit zu entscheiden.

Die Veröffentlichung des von Michel Foucault herausgegebenen Sammelbands mit dem Titel „Ich, Pierre Rivière, der meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder ermordet hat…“ im Jahr 1973 ist ein interdisziplinärer Knotenpunkt, an dem Geschichte, Philosophie, forensische Psychiatrie und Diskursanalyse aufeinandertreffen. Entstanden aus einem Seminar am Collège de France zwischen 1971 und 1973, beschränkt sich dieses Projekt nicht auf die bloße Aufarbeitung eines blutigen Kriminalfalls, der sich 1835 in der normannischen Bocage ereignete. Es stellt einen bedeutenden theoretischen Beitrag dar, der die Entstehung der forensischen Psychiatrie und das Aufkommen dessen dokumentiert, was Foucault als „medizinisch-juristisches Kontinuum“ bezeichnet. Die akademische Forschung hat diesen „Fall“ in den letzten fünfzig Jahren eingehend untersucht, um darin die Spuren eines Paradigmenwechsels in Foucaults Werk zu entdecken, wobei sie gleichzeitig die Grenzen seines Ansatzes aufzeigte, insbesondere im Hinblick auf geschlechtsspezifische Gewalt und die Ausblendung der Opfer.

Michel Foucault publiziert dieses Memoire 1973 zusammen mit einer Gruppe von Historikern und Psychiatern im Rahmen einer kollektiven Arbeitsgruppe am Collège de France. Das entstandene Buch ist selbst eine Art Dossier: Es enthält den Originaltext Rivières, die zeitgenössischen Ermittlungsprotokolle, Arztgutachten, Zeugenbefragungen und schließlich Aufsätze verschiedener Autoren – Foucault selbst, aber auch Jean-Pierre Peter, Blandine Barret-Kriegel und andere –, die das Material aus psychiatrischer, historischer und diskursanalytischer Perspektive kommentieren. Das Buch ist methodisch ein Widerspruch in sich: Es produziert genau das, was es zu analysieren vorgibt, nämlich die institutionelle Einkapselung eines Textes durch Expertenwissen. Foucaults kurzes eigenes Vorwort entzieht sich deshalb explizit der interpretierenden Geste: Man habe das Mémoire veröffentlicht, schreibt er, weil es schön sei und weil diese Schönheit keiner Erklärung bedürfe.

Im Zentrum des Bandes steht dennoch eine Frage: Wie wird ein Text – in diesem Fall das Memoire eines Mörders – von der Macht des Diskurses eingehegt, klassifiziert, verwertet? Welche Institutionen sprechen über Rivière, und was entsteht dabei aus dem, was er selbst sagt? Der Mörder ist der Ausgangspunkt, aber er ist gleichzeitig das, was alle Instanzen – Richter, Ärzte, Zeugen, Philosophen – in Besitz nehmen wollen. Das Buch ist ein Tableau dieser Inbesitznahme und gleichzeitig ihr kritischer Spiegel.

Ismaël Jude: „grief“ (2022)

Fast ein halbes Jahrhundert später erscheint GR von Ismaël Jude bei Gallimard / Verticales. Es ist ein schmaler Roman – oder besser: ein Text, der sich aller generischen Kategorisierungen verweigert, ein „minuscrit“ in der Sprache des Textes selbst. Die Erzählerin – nie benannt, aber als weiblich und als eine Art flüchtiges, vielfach gespaltenes Subjekt kenntlich – beginnt damit, dass sie ihren Treffpunkt mit dem „Homme-aux-Livres“ rekapituliert: am 5. Juli, auf der Straße zwischen Écueil und Noirlieu, dort, wo ein Fluss namens öö entspringt. Sie hat Foucaults Buch über Pierre Rivière in seiner Bibliothek gefunden. Und damit beginnt alles.

GR ist in einem ungewöhnlichen graphischen Regime geschrieben: ohne Großbuchstaben, ohne Anführungszeichen, ohne Satzzeichen konventioneller Art, dafür mit einem selbstentwickelten Akzentsystem (accent aigu für die Gegenwart, accent grave für die Geschichte, accent circonflexe für die Ewigkeit) und einem Minuskrit – einem geheimen Schreiben, das zugleich Tatwaffe und literarisches Gerät ist. Das Ich des Textes begreift sich als die imaginäre Zwillingsschwester Pierre Rivières – sein „double féminin“, der verkannte, weibliche Gegenpart des Mörders, sein Pendant und seine Ergänzung. Sie tritt nicht als Figur in einen fiktionalen Raum ein, sondern als Stimme, die den Leser direkt anspricht, beleidigt, verführt, angreift und schließlich auf eine Art absurden Mord in der Gegenwart hin treibt.

Jude verwebt die Figur Rivières mit Merlin-Legenden, mit der Geschichte bäuerlicher Ausbeutung und Landeinschließung, mit islamischen Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, mit Paul Celan, Ovid, mittelalterlicher Dichtung und der aktuellen Verödung der Normandie durch Urbanisierung und nationale Erinnerungspolitik. Der Text ist explizit obszön, zutiefst subversiv gegenüber allen Formen akademischer Vereinnahmung – und er richtet seine Wut nicht zuletzt gegen die „bande à Foucault (fc&co)“, die männlichen Intellektuellen, die Pierre Rivières Text in Beschlag genommen haben.

Ismaël Jude, 1976 geboren, ist ein französischer Autor und Theaterwissenschaftler, der neben Romanen auch Essays über Gilles Deleuze und das Theater Philippe Quesnes veröffentlicht hat – eine akademische Verwurzelung, die in GR spürbar ist, aber produktiv gegen sich selbst gewendet wird. Sein Schreiben gehört in den Kontext einer frankophonen Gegenwartsliteratur, die sich an der Grenze zwischen Roman, Essay und Sprachperformance bewegt und zu der auch Autoren wie Nathalie Sarraute, Christine Angot oder Annie Ernaux in unterschiedlicher Weise Vorläufer bilden, ohne dass Jude sich irgendeiner dieser Linien einfach anschließt. Was sein Werk – neben GR sind das Dancing with myself (2014) und Vivre dans le désordre (2019) – auszeichnet, ist eine Bereitschaft, Form und Inhalt nicht zu trennen: Die Art zu schreiben ist immer schon eine Stellungnahme zu dem, worüber geschrieben wird, und das macht seinen Ort im Literaturbetrieb so schwer zu fixieren wie die Erzähler/innen seiner Texte selbst.

Das Memoire als Diskursobjekt – Foucaults Intervention

Das Projekt um den Fall des Pierre Rivière ist untrennbar mit dem intellektuellen Klima im Paris nach 1968 verbunden und mit dem Bestreben von Michel Foucault, den „Leben der verachteten Menschen“ eine Stimme zu geben – jenen Existenzen, die in der Geschichte meist nur dort sichtbar werden, wo sie mit den Machtapparaten kollidieren. Die Entdeckung der Archive durch Foucault und ein Kollektiv von Mitarbeitern, darunter Robert Castel, Gilles Deleuze und Jean-Pierre Peter, zielte gerade nicht darauf ab, eine kohärente Wahrheit über das Verbrechen zu rekonstruieren. Vielmehr sollte eine Kartographie der Konfrontationen entstehen – ein Geflecht konkurrierender „Wahrheitsregime“, in dem sich Justiz, Medizin und der Täter selbst überlagern.

Diese editorische Entscheidung prägt die Struktur des 1973 erschienenen Werks grundlegend. Anstelle einer klassischen Monografie werden die Dokumente nebeneinandergestellt: Protokolle der Gendarmerie, medizinische Berichte aus der Provinz, Gutachten Pariser Experten – und im Zentrum das vierzigseitige Memoire, das Rivière im Gefängnis verfasst. Die Vielstimmigkeit dieses Arrangements macht sichtbar, wie ein Leben überhaupt erst zu einem „Fall“ wird: als Produkt institutioneller Deutungen, die versuchen, eine Tat zu fixieren, deren Sinn sich gerade entzieht. Die zentrale Pointe liegt dabei in dem, was Foucault verweigert: Er erklärt Rivière nicht, diagnostiziert ihn nicht und integriert ihn nicht in ein stabiles Raster psychiatrischer oder juristischer Kategorien. Stattdessen exponiert er das Dokument selbst – mit seiner eigentümlichen Logik, seinen Brüchen und seiner verstörenden Kohärenz – und umgibt es mit dem Rauschen jener Diskurse, die es im 19. Jahrhundert vereinnahmen wollten.

Rivière schildert die konfliktreiche Ehe seiner Eltern, die Demütigungen des Vaters, ökonomische Not und sozialen Zerfall – und tut dies in einem Stil voller Paradoxien: minutiöse Genauigkeit neben beinahe bürokratischer Sachlichkeit, die unvermittelt in exaltierte Passagen umschlägt. Dort identifiziert er sich mit biblischen Figuren, mit Napoléon Bonaparte oder antiken Helden und stilisiert den Mord als heroischen Akt, als Befreiung des Vaters und zugleich als Selbstopfer. Das Erhabene und das Absurde berühren sich dabei unaufhörlich; selbst die Planung der Tat – bis hin zur Überlegung, in Sonntagskleidung zu töten – oszilliert zwischen pathetischer Inszenierung und grotesker Banalität. Zugleich ist dieser Text alles andere als naiv: Rivière schreibt im Bewusstsein seiner Leser. Er schreibt für die Richter und gegen sie, entwirft sich selbst als Subjekt seiner Geschichte und macht die Schrift zum integralen Bestandteil der Tat. Töten und Schreiben fallen zusammen; der Text wird zur Waffe, und die Waffe zum Text.

maintenant que j’ai fait connaître toute ma monstruosité, et que toutes les explications de mon crime sont faites, j’attends le sort qui m’est destiné, je connais l’article du code penal a l’egard du parricide, je l’accepte en expiation de mes faûtes ; helas si je pouvais voir encore révivre les infortunées victimes de ma cruauté, s’il ne fallait pour cela qu’endurer tous les supplices possibles ; mais non c’est inutile, je ne puis faire que les suivres ; ainsi j’attends donc la peine que je merite, et le jour qui doit mettre fin a tous mes ressentimens. FIN Le present manuscrit commencé le 10 juillet 1835 dans la maison d’arrêt de Vire, et fini au même lieu le 21 du même mois. Pre RIVIÉRE.

Nun, da ich meine ganze Abscheulichkeit offenbart habe und alle Erklärungen zu meinem Verbrechen abgegeben sind, erwarte ich das Schicksal, das mir bestimmt ist. Ich kenne den Paragrafen des Strafgesetzbuches bezüglich des Vatermordes und nehme ihn als Sühne für meine Verfehlungen an; Ach, könnte ich doch die unglücklichen Opfer meiner Grausamkeit wieder zum Leben erwecken, selbst wenn ich dafür alle nur denkbaren Qualen ertragen müsste; doch nein, es ist vergeblich, ich kann ihnen nur folgen; so erwarte ich also die Strafe, die ich verdiene, und den Tag, der all meinen Groll beenden soll. ENDE Das vorliegende Manuskript wurde am 10. Juli 1835 im Gefängnis von Vire begonnen und am 21. desselben Monats am selben Ort vollendet. Pre RIVIÉRE.

Am Ende seines Manuskripts akzeptiert Rivière die Kategorisierung seiner Tat durch das Gesetz. Er erkennt sich selbst als „Monstrum“ an und sieht in der Todesstrafe die einzige logische Konsequenz und Sühne. Das Schreiben diente ihm dazu, seine Tat zu erklären, bevor er physisch ausgelöscht wird. Für Rivière fallen Tat, Text und Strafe am Ende in einer harten, juristischen Realität zusammen, die ihm paradoxerweise eine feste Identität verleiht.

Foucault zeigt sich fasziniert von der „seltsamen Schönheit“ dieses Textes, verfasst von einem jungen Bauern, der als wenig gebildet galt. Die spätere Forschung hat diese Analyse unter Einsatz linguistischer und poetischer Werkzeuge vertieft. In ihm kreuzen sich Diskurse, ohne dass einer endgültig dominiert. Rivière produziert Sprache, die Institutionen produzieren Sprache über ihn – und das 19. Jahrhundert entscheidet, welche davon Geltung beanspruchen darf. Das Memoire interessiert nicht als Beweisstück für Rivières Psyche, sondern als Kampfplatz: Das Bemerkenswerte ist, dass Rivière selbst diese Struktur antizipiert. Er weiß, dass er gelesen werden wird. Er schreibt für die Richter, gegen die Richter, er entwirft sich als Subjekt seiner eigenen Geschichte. Das Memoire ist kein naives Bekenntnis, sondern eine literarische und rhetorische Konstruktion. Der Fall wird so zu einem paradigmatischen Schauplatz jener Macht-Wissens-Verschränkung, die Foucault in den folgenden Jahren systematisch entfalten wird, etwa in Überwachen und Strafen und in seinen Vorlesungen am Collège de France. Diskurs erscheint hier nicht länger als neutrales System von Regeln, sondern als strategisches Feld: als Waffe, mit der angegriffen, verteidigt und beherrscht wird. Wahrheit erweist sich entsprechend nicht als Ergebnis reiner Erkenntnis, sondern als Effekt von Kräfteverhältnissen – insbesondere zwischen Justiz und der sich etablierenden Psychiatrie.

In diesem Sinne markiert das Rivière-Projekt einen Übergang innerhalb von Foucaults Werk: von der archäologischen Analyse der Wissensordnungen, wie sie in Die Ordnung der Dinge formuliert wurde, hin zu einer genealogischen Perspektive, die Kampf, Taktik und Macht ins Zentrum rückt. Indem Foucault „lokale Diskursivitäten“ wie Rivières Text freilegt, versucht er, unterworfene Wissensformen sichtbar zu machen und sie aus der Dominanz einheitlicher wissenschaftlicher Diskurse zu lösen. Der Fall Rivière erscheint so als Vorläufer jener Figur des „gefährlichen Individuums“, die in den modernen Disziplinargesellschaften eine zentrale Rolle spielt.

Gleichzeitig bleibt dieses Unternehmen nicht frei von Ambivalenzen. Das Buch analysiert, wie institutionelle Diskurse eine Stimme domestizieren – und ist selbst Teil eines solchen institutionellen Rahmens: verankert im Verlag Gallimard, legitimiert durch die Autorität des Collège de France. Die vermeintliche Rettung Rivières vor psychiatrischer Vereinnahmung erfolgt durch eine neue Form der Aneignung, eine philosophische. Dieser Widerspruch hat spätere Kritiken angeregt und bildet eine produktive Angriffsfläche für weiterführende Analysen.

Die spätere Forschung hat insbesondere die literarische und rhetorische Dimension des Memoire vertieft. Mithilfe linguistischer und poetologischer Ansätze wird der Text als polyphones Gefüge gelesen, in dem verschiedene Stimmen ineinandergreifen. Rivière erscheint hier als Autor eines „Mord-Diskurses“: Er tötet, um zu schreiben, und schreibt, um seine Tat zu vollenden. Seine Abhandlung ist kein bloßes Geständnis, sondern ein strategischer Versuch, eine eigene Wahrheit gegen die Deutungen von Richtern und Ärzten zu behaupten. In jüngeren Interpretationen wird dies sogar im Licht des foucaultschen Begriffs der parrhēsia gelesen: als riskante Wahrheitsrede, durch die sich Rivière nicht als Objekt, sondern als handelndes, politisches Subjekt konstituiert.

Doch gerade diese ästhetische Aufwertung bleibt umstritten. Kritikerinnen und Kritiker haben darauf hingewiesen, dass die Faszination für die literarische Qualität des Textes die brutale Realität des Dreifachmords zu überblenden droht. Gleichwohl hat dieser Zugang einen entscheidenden Perspektivwechsel ermöglicht: Die Schriften von Gefangenen erscheinen nicht länger als bloße klinische Kuriositäten, sondern als eigenständige Texte, in denen sich – bei aller Problematik – auch Strategien des Widerstands und der Selbstbehauptung artikulieren.

Gegen den Vater – „grief“ als Gegenschrift

Die Auseinandersetzung mit dem Fall des Pierre Rivière gehört zu den eindringlichsten und zugleich umstrittensten Arbeiten von Michel Foucault. Trotz ihrer analytischen Brillanz und ihres innovativen Zugriffs auf Archive und Diskurse ist diese Studie nicht ohne gewichtige Einwände geblieben. Insbesondere die zeitgenössische feministische Forschung – etwa bei Chloë Taylor – hat die Perspektive Foucaults kritisch hinterfragt und dabei grundlegende blinde Flecken offengelegt.

Im Zentrum der Kritik steht zunächst die auffällige Unsichtbarmachung der Opfer. Foucault richtet seine Aufmerksamkeit vor allem auf die diskursiven Kämpfe zwischen männlichen Akteuren: Richtern, Ärzten und dem Täter selbst. In dieser Konstellation erscheinen die Ermordeten – Rivières schwangere Mutter sowie seine Schwester – kaum als eigenständige Subjekte, sondern verschwinden hinter den Deutungsversuchen der Institutionen. Ihr Leiden, ihre Lebensrealität und die konkrete Erfahrung geschlechtsspezifischer Gewalt bleiben weitgehend unartikuliert.

Damit verbunden ist ein zweiter Einwand: die problematische Geschlechtsneutralität von Foucaults Kategorien. Begriffe wie „gefügige Körper“ oder „gefährliche Individuen“ werden von ihm als scheinbar universelle analytische Werkzeuge eingesetzt. Doch gerade diese Abstraktion verdeckt, dass Disziplinierung und Gewalt historisch und sozial häufig entlang von Geschlechterverhältnissen organisiert sind. Im Fall Rivière wird dies besonders deutlich: Der Täter rechtfertigt seine Tat mit der Vorstellung, den Vater von den „Qualen“ einer Ehe zu befreien – ein Narrativ, das tief in patriarchalen Strukturen verwurzelt ist und Gewalt gegen Frauen rationalisiert.

je suis allée à la gendarmerie de maille et je leur ai dit dass l’association pour la protection du ciel ne m’envoyait pas et qu’il fallait me prendre je leur ai dit : coffrez-moi et preuves à l’appui je leur ai remis le minuscrit. […] la spécialiste du cerveau a examiné le manuscrit et elle a dit : passe encore l’ortografe étrange et elle a dit : vous étalez votre cerveau et vous nous le servez sur un plateau-repas mais ça ne fait pas de vous une criminelle j’ai dit coffre-moi elle a dit rentre chez toi elle a dit : on ne coffre pas pour des symboles des légendes. je lui ai dit primo : c’est pas des légendes deuzio : pas mon cerveau que j’ai tartiné dans le minuscrit. c’est mes tripes et qu’elle change de spécialité si elle confond des tripes avec du cerveau. j’ai dit aux gendarmes : faites venir la spécialiste des tripes faites venir la tripologue. […] mais il n’a pas réussi à stopper le flux l’hémorragie et une auto est passée et une femme est sortie c’était un gros 4 × 4 de merde. (GR)

Ich bin zur Gendarmerie in Maille gegangen und habe ihnen gesagt, dass mich der Verein zum Schutz des Himmels nicht geschickt habe und dass sie mich festnehmen müssten. Ich sagte ihnen: ‚Sperrt mich ein!‘ Und als Beweis habe ich ihnen das Manuskript übergeben. […] Die Gehirnspezialistin hat das Manuskript geprüft und gesagt: Die seltsame Rechtschreibung geht noch, und sie sagte: Sie breiten Ihr Gehirn aus und servieren es uns auf einem Tablett, aber das macht Sie nicht zu einer Kriminellen. Ich sagte: Sperren Sie mich ein. Sie sagte: Gehen Sie nach Hause. Sie sagte: Man sperrt niemanden wegen Symbolen und Legenden ein. Ich sagte ihr erstens: Das sind keine Legenden, zweitens: Es ist nicht mein Gehirn, das ich in das Manuskript geschmiert habe. Es sind meine Eingeweide, und sie soll das Fach wechseln, wenn sie Eingeweide mit Gehirn verwechselt. Ich sagte zu den Gendarmen: Holt die Spezialistin für Eingeweide, holt die Tripologin. […] aber er schaffte es nicht, den Blutfluss zu stoppen, die Blutung, und ein Auto fuhr vorbei und eine Frau stieg aus, es war ein riesiger beschissener Geländewagen.

In diesem entscheidenden Moment des Schlusses von GR wird die Erzählerin mit der institutionellen Gleichgültigkeit der Moderne konfrontiert. Im Gegensatz zu Rivière wird ihr Geständnis nicht als rechtliche Tatsache, sondern als bloße „Literatur“, „Symbolik“ oder psychiatrisches Symptom abgetan. Die Justiz und die Wissenschaft (die Gehirnspezialistin) verweigern ihr die Verantwortung für ihre Tat, indem sie das „Minuscrit“ als bloßes intellektuelles Konstrukt behandeln. Dies ist eine moderne Form der Entmündigung: Die Tat wird durch ihre Ästhetisierung oder Pathologisierung unsichtbar gemacht.

Besonders scharf wird die Kritik dort, wo Foucaults Darstellung selbst als potenziell problematisch erscheint. Indem er Rivières Tat stellenweise ästhetisiert oder sich für dessen vermeintliche Wahrhaftigkeit (parrhēsia) interessiert, läuft seine Analyse Gefahr, eine Rhetorik zu reproduzieren, die männliche Gewalt als Akt der Befreiung inszeniert. Diese „Erotisierung der Schande“, wie sie von feministischer Seite genannt wurde, verweist auf eine ethische Grenze genealogischer Analyse: Wo beginnt die kritische Distanz zu bröckeln und schlägt in eine ungewollte Faszination um?

Die feministischen Einwände lassen sich systematisch bündeln. Erstens wird Foucault eine Geschlechtsblindheit attestiert: Er vernachlässigt die patriarchalen Machtverhältnisse innerhalb der Familie Rivière und damit den sozialen Kontext der Tat. Daraus ergibt sich zweitens die Forderung nach einer intersektionalen Neubewertung historischer Kriminalakten, die Geschlecht, Macht und Gewalt zusammendenkt. Drittens wird die Hysterisierung der Opfer kritisiert: Die Konzentration auf den „Wahn“ des Täters degradiert die Ermordeten zu bloßen Funktionen der Tat, statt ihre Perspektive ernst zu nehmen. Viertens verweist die feministische Debatte – auch im Kontext von Foucaults umstrittener Position zur Vergewaltigung in den 1970er Jahren – auf die Notwendigkeit, die Trennung von Sexualität und Gewalt zu überdenken.

Diese Kritik zielt jedoch nicht auf eine einfache Zurückweisung Foucaults. Im Gegenteil: Sie versteht sich als immanente Weiterführung seines Projekts. Indem feministische Theoretikerinnen seine genealogischen Werkzeuge aufnehmen, versuchen sie, gerade jene Machtverhältnisse sichtbar zu machen, die in seinen Analysen unterbelichtet bleiben. Neuere Arbeiten verbinden daher foucaultsche Genealogie mit Theorien männlicher Dominanz, um zu zeigen, wie Strafjustiz und Psychiatrie historisch dazu beigetragen haben, die Opfer häuslicher Gewalt zu marginalisieren, zu übersehen oder gar zu pathologisieren. In dieser Perspektive wird Foucault nicht widerlegt, sondern produktiv überschritten.

Ismaël Jude lässt seine Erzählerin Foucaults Buch in der Bibliothek des Mannes finden, dem der gesamte Text adressiert ist. Diese Bibliothek ist keine neutrale Lektüreumgebung, sondern ein Besitzraum, eine Institution im Kleinen: „ta Bibliothèque-très-exceptionnelle“. Die Erzählerin liest das Buch. Sie streicht jedes Mal, wenn das Wort „parricide“ vorkommt, dieses Wort aus und schreibt an seine Stelle: „matricide“. Dann: „fratricide“. Dann: „sororicide“.

Diese typographische Geste ist das erste große literarische Manöver des Romans. Sie tut zweierlei. Zunächst weist sie auf das, was im Foucault-Band – und in der Geschichtsschreibung überhaupt – systematisch ausgeblendet wird: das spezifische Geschlecht der Opfer. Der juristische Begriff „parricide“ umfasst Mutter und Geschwister, löscht aber ihre Verschiedenheit aus. Rivières Mutter ist Victoire Brion. Sie ist nicht Rivières Vater. Sie hat eine Geschichte, eine Stimme, eine Logik des Widerstands gegen den Ehevertrag. Indem die Erzählerin den Begriff Parricide tilgt und durch drei spezifische Worte ersetzt, bricht sie die Homogenität des Opfers auf. Sie besteht auf dem Plural der Toten.

Dann aber, und das ist die zweite und unheimlichere Geste, erklärt die Erzählerin sich selbst zur Zwillingsschwester Rivières – zur versteckten Schwester „de l’auteur (l’assassin)“, zu seinem weiblichen Doppel, zu einer „machine à tuer“, die denselben Text schreiben will wie er: „j’écris que je te me vous tue pour vous je te me l’écris et quand tout sortira : l’acte et l’écrit / ce sera en même temps ce sera d’un seul tenant ce sera simultané ce sera / deux-en-un : l’acte-écrit“. Die Erzählerin wiederholt – radikalisiert – Rivières eigene Formel der Identität von Schreiben und Töten. Aber während Rivière diese Identität von einer hierarchischen Logik ausgehend konzipierte (Schreiben als Erklärung der Tat, die Tat als Erlösung des Vaters), denkt Judes Erzählerin sie anders: als Simultaneität, als „une seule et meïsme cose“, als vollständige Verschmelzung von Handlung und Text.

Dabei wird Foucault explizit als Zielobjekt dieser Umdeutung benannt – mit einem Ausdruck, der den akademischen Respekt demonstrativ aufkündigt: „fucking fc himself“. Die „bande à Foucault (fc&co)“ erscheint als eine weitere patriarchale Institution, die Rivières Stimme in Besitz genommen hat, ohne auf die Stimmen der Ermordeten zu hören, und ohne auf die Möglichkeit einer weiblichen, einer anderen Beziehung zu dieser Geschichte zu reflektieren. Die foucaultsche Intervention, die sich als Befreiung des mörderischen Textes von der psychiatrischen Bevormundung verstand, wird selbst als Bevormundung entlarvt – als philologische Okkupation.

Gegenüberstellung: Stimme, Subjekt, Körper

Die grundlegendste Differenz zwischen Foucault und Jude liegt in der Frage der Stimme und des Subjekts. Bei Foucault ist Pierre Rivière ein historisches Objekt – faszinierend, eloquent, komplex –, aber seine Subjektivität wird durch das Dispositiv des Buches filtert. Foucault spricht nie als Rivière; er spricht über Rivière. Das editorische Ich ist das des Wissenschaftlers. Die Stimme Rivières wird präsentiert, aber sie wird umrahmt, eingeordnet, in eine theoretische Argumentation eingebettet. Selbst in der scheinbaren Geste des Nicht-Erklärens gibt es eine souveräne Meta-Position: Foucaults Weigerung zu deuten ist selbst eine Deutung.

In GR hingegen sprechen weder ein Wissenschaftler noch ein distanzierter Kommentator. Die Erzählerin besetzt die erste Person radikal, wechselt unangekündigt zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Selbst und Anderem. Sie ist „pierre rivière inversée“ – aber sie ist auch Ganieda (Merlins Schwester aus der keltischen Sage), auch ein Vogel, auch die Tochter einer Dienstmagd, auch eine von Männern gejagte Frau in der heutigen Normandie. Die Identität bleibt in Bewegung; sie ist „moi-deux“, ein gespaltenes, nicht-kohärentes Subjekt, das sich jeder Festschreibung widersetzt. Das ist keine Schwäche, sondern eine bewusste ästhetische Strategie: Das weibliche Subjekt kann nicht als Ganzes sprechen, weil es nie als Ganzes gedacht wurde.

Körperlichkeit ist ein weiterer zentraler Unterschied. Rivières Memoire bei Foucault ist körperlos im wörtlichen Sinne: Es ist ein Gedankendokument, ein Text über Intentionen, Planungen, Motive. Der Körper der Opfer erscheint nur im kalten Protokoll des Ermittlungsrichters – als objektive, verwaltete Beschreibung von Wunden und Lage der Leichen. Selbst die Beschreibung des Tatgeschehens in dem Memoire ist merkwürdig unkörperlich: Rivière schildert den Mord mit derselben berichtenden Nüchternheit, mit der er die Schulden seiner Mutter aufzählt.

In GR ist der Körper überall – und nie nur als Medium der Gewalt. Die Erzählerin hat einen Körper, der verfolgt, begehrt, beschädigt, verworfen wird. Die Körper der Opfer – der Mutter Victoire, der Schwester Marguerite, des kleinen Jules – werden von ihr rekapituliert und benannt, aber nicht als Beweisstücke eines Verbrechens, sondern als Körper, die ein Leben gelebt haben. Die obsessive Wiederholung ihrer Namen („victoire margot jules j’ai répété les noms de ma mère ma sœur mon petit frère“) hat etwas Rituelles, fast Litaneihaftes: Es ist ein Akt des Gedenkens, den das juristische Dossier nie vollzieht.

Auch das Begehren hat in Judes Text einen Platz, der bei Foucault vollständig fehlt. Die Erzählerin erinnert sich an ihre Kindheitsliebe zu Amine, an die Entdeckung ihrer Sexualität, an nächtliche Begegnungen im Friedhof, an die körperliche Intimität zweier Frauen in einer Gesellschaft, die sie für inexistent hält. Rivières Memoire hingegen behandelt das Begehren als etwas, das er prinzipiell abgelehnt hat – „j’avais une horreur de l’inceste“ –, und die Frauen sind für ihn entweder Mutter, Schwester (Opfer) oder abstrakte, feindliche „Weiber“, die den Männern die Herrschaft streitig machen. Judes Text kehrt diese Struktur um: Das Begehren ist keine Störgröße, sondern eine Ressource; und die Frauen sind die handelnden, erinnerungstragenden, wütenden Subjekte.

Geschichte, Macht und das Feld der Wiederholung

Foucaults methodisches Interesse gilt der longue durée der Machttechnologien: Wie entstand die psychiatrische Expertise? Wie wurde das Gesetz der Unzurechnungsfähigkeit entwickelt? Wie artikulieren sich Justiz und Medizin als konkurrierende Instanzen um den Körper des Täters? Diese Fragen erscheinen in dem Band nicht als abstrakte Theorie, sondern am konkreten, histiorisch belegbaren Einzelfall. Rivière ist ein Erkenntnisanlass, kein Held.

Jude hingegen behandelt Geschichte als lebendige Wunde. Die normannische Landschaft – zwischen Écueil und Noirlieu, die Vallée de l’öö – ist in GR kein historischer Hintergrund, sondern ein umkämpfter Raum. Die Erzählerin erinnert an die Einschließungsbewegungen (enclosures) des frühen 19. Jahrhunderts, an die „vaines pâtures“, an die bäuerlichen Gemeinden, die ihr Land verloren, an Frauen wie Garaude, die für ihren Widerstand gegen die Domestizierung verbrannt wurden. Diese historischen Schichten werden nicht in akademischer Distanz dargeboten, sondern von der Erzählerin als ihre eigene Geschichte erlebt – oder besser: als Geschichte, die sich in ihr fortsetzt. Die Normandie der Gegenwart, mit ihren Betonkreiseln, ihre Pavillons, ihrer ausgeräumten Nacht (die Gemeinde erhält keine étoile für Lichtverschmutzung), ist dieselbe Normandie wie die Rivières: eine Landschaft der Enteignung, der Domestizierung, der Auslöschung des Unreglementierten.

Hier öffnet sich die interessanteste Zone der Konvergenz zwischen beiden Texten. Rivières Memoire enthält eine explizit politische Klage: Er sieht in der weiblichen Emanzipation – der Möglichkeit, dass Frauen vor Gericht gehen, Schulden machen, ihren Männern davonlaufen können – eine Perversion der natürlichen Ordnung. Er formuliert eine rückwärtsgewandte Misogynie, die er selbst als revolutionären Akt begreift. Foucault und seine Mitherausgeber lesen diese politische Dimension als symptomatisch für die ideologische Formierung eines normannischen Bauernsohnes im frühen 19. Jahrhundert – ohne sie zu verteidigen, aber auch ohne sie zum Anlass der Analyse zu machen.

Judes Erzählerin hingegen dreht die politische Logik vollständig um. Sie liest Rivières Misogynie als Symptom einer tieferen Struktur: Der „contrat domestique“, den Rivières Vater und Mutter abgeschlossen hatten, ist ein Kontrat der Unterwerfung der Frau („domestiquer la femme (c’est moi qui souligne) (du verbe domestiquer : comme une bête sauvage)“). Dass Victoire Brion, Rivières Mutter, sich diesem Vertrag widersetzte – Schulden machte, sich weigerte, ins gemeinsame Haus zurückzukehren, ihren eigenen Körper als ihren verstand –, macht sie für die Erzählerin zu einer Widerstandsfigur, nicht zu einer Täterin. Rivière tötet, um eine patriarchale Ordnung wiederherzustellen. Die Erzählerin schreibt und tötet, um sie zu zerstören. Der Rückgriff auf dieselbe Figur führt zu entgegengesetzten politischen Begehren.

Das Schreiben als Tatwaffe – eine literaturtheoretische Schlussbemerkung

Das Motiv der Identität von Schreiben und Handeln, von Acte und Écrit, ist das Herzstück beider Texte – und die Achse ihrer stärksten Konvergenz wie ihrer radikalsten Differenz. Bei Foucault hat dieses Motiv eine analytische Funktion: Es erklärt, warum Rivières Memoire kein normales Geständnis ist, sondern ein literarischer Akt. Rivière konzipiert sich selbst als Autor seiner Geschichte, nicht nur als Täter. Er will gelesen werden; er will nachwirken. Die Lektüre des Textes, die Foucault ermöglicht, ist in gewissem Sinne die Erfüllung von Rivières literarischem Willen. Das macht die Situation kompliziert: Foucault ist der Vollstrecker eines mörderischen Schriftstellers.

Bei Jude hat das Motiv eine performative Funktion: Die Erzählerin schreibt nicht über die Identität von Text und Tat, sie vollzieht sie. Das minuscrit ist keine Beschreibung, sondern die Waffe selbst – „mon albalètre ma calibene (machines de guerre) / une seule et même machine à tuer“. Das Schreiben richtet sich gegen den Adressaten (den „Homme-aux-Livres“, den Leser, den männlichen Intellektuellen), gegen die Institutionen, die das Schreiben regulieren (Richter, Ärzte, Philosophen, Verlage), und gegen die Kategorien, durch die Subjekte eingehegt werden (Vernunft/Wahnsinn, legal/kriminell, weiblich/männlich). Am Ende des Buches hat die Erzählerin tatsächlich getötet – einen unbekannten Mann auf der Landstraße –, und niemand nimmt ihre Aussage auf. Die „spécialiste du cerveau“ schickt sie mit Beruhigungsmitteln nach Hause. Der Text bleibt als einziges Dokument.

Diese Volte ist zugleich komisch, grausam und präzise. Sie wiederholt Rivières Situation: Der Text gilt nicht als Tatwaffe; er gilt als Symptom, als Kuriosität, als literarisches Experiment. Aber die Erzählerin nimmt das gelassen hin – weil es ihr immer so gegangen ist, weil Frauen, die sprechen, nie gehört werden, und weil die Fortsetzung des Schreibens unter dieser Bedingung selbst eine Form des Widerstands ist.

Wo Foucault die Diskurse um einen Körper versammelt, um ihre Machtmechanismen sichtbar zu machen, versucht Jude, einen Körper – einen weiblichen, einen flüchtigen, einen nicht domestizierbaren – aus den Diskursen zu befreien, indem er ihn anders schreibt: kleingeschrieben, mit Akzent markiert, obszön, polyglott, mythisch verankert und brutal gegenwärtig. Das Ergebnis ist ein Text, der Foucaults Projekt gleichzeitig fortsetzt und widerlegt. Er setzt die Analyse der Diskursmacht fort, aber er tut es aus einer Position, die Foucault systematisch ausgeblendet hat: aus der Position des weiblichen Körpers, dem alle Definitionen von Außen zugeschrieben werden und der nun – endlich, wütend, grinsend – anfängt, selbst zu definieren.

Wer GR aufschlägt, findet sich sofort in einer Situation, die keinen Halt bietet: kein erklärendes Subjekt, keine beruhigende Erzählstimme, kein Kapitel, das signalisiert, wo man ist. Stattdessen spricht jemand – eine Frau, eine Wütende, eine Vielnamige – direkt adressiert, fast intim und gleichzeitig bedrohlich, in einem Strom ohne Großbuchstaben, ohne Anführungszeichen, mit Akzenten, die ein eigenes System bilden, mit Klammern, die sich in Klammern öffnen, mit Wortneuschöpfungen, die man liest und sofort versteht, obwohl man sie noch nie gesehen hat. Das ist keine avantgardistische Geste um ihrer selbst willen: Jede typographische Entscheidung ist eine politische Entscheidung, jeder Neologismus eine Weigerung, sich in vorgegebenen Kategorien bequem einzurichten. Der Text ist obsessiv, obszön, mythisch, historisch und völlig gegenwärtig zugleich – er springt von der normannischen Landschaft des 19. Jahrhunderts in die heutigen Kreisverkehre derselben Landschaft, von der Vita Merlini zu Paul Celan, von einem mittelalterlichen Bauerngericht zu einer Verhörszene bei der Gendarmerie, und all diese Schichten liegen nicht übereinander, sondern ineinander, als hätte die Geschichte nie aufgehört und als würde sie in diesem Text, jetzt, gerade noch passieren. Was GR zu einem ungewöhnlichen Leseerlebnis macht, ist nicht vorrangig die Komplexität, sondern die Unmittelbarkeit der Wut: Man liest und spürt, dass hier jemand wirklich meint, was er schreibt – nicht im Sinne eines Autobiografismus, sondern im Sinne eines Textes, der keine Schutzschicht zwischen sich und dem Leser zulässt, der die akademischen Distanzierungen, die literarischen Konventionen und die gesellschaftlichen Höflichkeiten systematisch und mit erkennbarem Vergnügen demontiert.

je me suis demandé ce que c’était qu’être une femme j’ai creusé en mon être et j’ai trouvé la colère. elle avait toujours été là pierre cachée la nuit nature humaine rivière sauve intègre non-contaminée. cette colère intacte vois comme elle t’expose comme elle t’explose à la gueule. mais personne ne prend ma déposition. la spécialiste du cerveau m’a donné des calmants des putains de xanax et m’a dit : retourne chez toi. les gendarmes m’ont déposée chez la mamoune. la mamoune a beaucoup de peine elle est prise de cécité. je l’aide dans les tâches ménagères. elle m’apprend à revivre. je n’ai pas été arrêtée en attendant je vis suspendue dans ta bibliothèque. (GR)

Ich habe mich gefragt, was es bedeutet, eine Frau zu sein. Ich habe tief in mein Innerstes geschaut und dort Wut gefunden. Sie war schon immer da gewesen – ein in der Nacht verborgener Stein, menschliche Natur, ein unversehrter, unverfälschter Fluss. Diese unberührte Wut – sieh nur, wie sie dich bloßstellt, wie sie dir ins Gesicht explodiert. Aber niemand nimmt meine Aussage auf. Die Gehirnspezialistin gab mir Beruhigungsmittel, verdammtes Xanax, und sagte: Geh nach Hause. Die Polizisten brachten mich zu Mamoune. Mamoune leidet sehr, sie ist erblindet. Ich helfe ihr bei der Hausarbeit. Sie lehrt mich, wieder zu leben. Ich wurde nicht verhaftet, in der Zwischenzeit lebe ich schwebend in deiner Bibliothek.

Der wahre Schluss von Judes Romans liegt in der Erkenntnis, dass die Essenz des weiblichen Seins der Erzählerin in einer „nicht-kontaminierten“ Wut besteht. Da die Gesellschaft sie nicht bestraft, sondern lediglich mit Beruhigungsmitteln (Xanax) ruhigstellt und in die häusliche Sphäre zur blinden Mutter zurückschickt, bleibt ihr Widerstand unvollendet. Sie endet in einem Zustand der Suspension: Sie ist weder befreit noch gerichtet, sondern existiert als Geist in der Bibliothek des „Mannes-der-Bücher“ weiter. Ihr „Grief“ (Schmerz/Klage) bleibt eine offene Wunde, die im Text weiterlebt, während sie in der physischen Welt zur häuslichen Pflege verdammt ist.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Das Monster und sein Doppel: Pierre Rivière bei Michel Foucault und Ismaël Jude." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on März 31, 2026 at 20:20. http://rentree.de/2026/03/31/das-monster-und-sein-doppel-pierre-riviere-bei-michel-foucault-und-ismael-jude/.

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