Inhalt
- Ein Schutzwall gegen die Entrealisierung
- Abgrenzung der Geschichtswissenschaft
- Schaubs Gang der Argumentation
- Schaubs Entgegnung auf Hayden White
- Die „reparative“ Imagination und Fiktionalisierung
- Neutralitätsfiktion der Geschichtswissenschaft: Imagination wider die Gewalt der Akte
- Was die Literaturwissenschaft kritisch entgegnen könnte
Ein Schutzwall gegen die Entrealisierung
Jean-Frédéric Schaubs Le passé ne s’invente pas (Die Vergangenheit lässt sich nicht erfinden, Albin Michel, 2026) ist ein leidenschaftliches und zugleich methodisch strenges Plädoyer für die Geschichtswissenschaft als unverzichtbare Stütze der liberalen Demokratie. In einer Ära, die Schaub als das „Imperium des Falschen“ bezeichnet, stellt er die These auf, dass nur eine als Wissenschaft betriebene Historie den Bürger vor Manipulation, Identitätswahn und dem Verlust der Realität schützen kann.
Schaub sieht die Geschichtswissenschaft von mehreren Fronten bedroht. Die erste Bedrohung ist technischer Natur: Die generative Intelligenz ist heute in der Lage, Spuren der Vergangenheit zu erzeugen, die nie existiert haben. Er illustriert dies anschaulich am Beispiel von Damien Rieu, einem rechtsextremen Politiker, der ein KI-generiertes Bild (via Midjourney) verbreitete, das angeblich arabische Sklavenhändler im 19. Jahrhundert zeigte. Hier wird die Fiktion nicht mehr als Kunst ausgewiesen, sondern als Beweis für eine ideologische Erzählung missbraucht.
Die zweite Bedrohung ist die identitäre Instrumentalisierung. Schaub warnt vor „Unternehmern von Konflikten“, die erfundene Traditionen und manipulierte Identitäten nutzen, um Aggressionen zu rechtfertigen. Er nennt hier explizit Wladimir Putin, dessen Aufsatz über die historische Einheit von Russen und Ukrainern der Invasion von 2022 vorausging. Hier wird Geschichte zur Waffe, die nicht mehr der Aufklärung, sondern der Unterwerfung dient. Auch innerhalb demokratischer Gesellschaften sieht er die Gefahr eines „Skeptizismus der Bequemlichkeit“, der wissenschaftliche Expertise als bloße Meinung von „Wissenden“ (Sachants) abtut.
Schaub analysiert Werke, die die Grenze zwischen historischer Realität und Erfindung spielerisch oder uchronisch überschreiten: Laurent Binets Roman Civilizations entwirft eine alternative Geschichte, in der Inkas Europa erobern, dies dient Schaub als Beispiel für uchronische Erzählungen. Emmanuel Carrère wird im Kontext des verschwimmenden „Paktes“ zwischen Autor und Leser genannt, wobei Schaub betont, dass Carrères Werk Le Royaume (Das Reich Gottes) keine wissenschaftliche Exegese ist. Zusammenfassend richtet sich Schaubs Kritik gegen jede Form der Geschichtsschreibung, die sich nicht mehr an der „indisponiblen“ (unverfügbaren) Realität der Vergangenheit orientiert, sondern diese durch poetische, politische oder identitäre Erfindungen ersetzt.
Interessanterweise führt Schaub Patrick Modiano als Beispiel für einen Schriftsteller an, der die Grenze zur Geschichte respektiert. In Dora Bruder sucht Modiano nach den Spuren eines 1942 deportierten jüdischen Mädchens. Modiano inszeniert sich als Suchender, der Dokumente ausstellt, aber dort, wo die Dokumente schweigen, erfindet er nichts hinzu. Er füllt Doras Gefühle oder Träume nicht aus. Gerade durch diesen Verzicht auf Fiktionalisierung wird das Buch für Schaub zu einem großen Werk über die Vergangenheit, weil es die „Unverfügbarkeit“ des Opfers achtet.
Am Beispiel von Roberto Bolaños Roman 2666 zeigt Schaub die Grenze der dokumentarischen Literatur auf. Bolaño beschreibt hunderte Morde an Frauen in Mexiko in einem fast polizeilichen, trockenen Stil. Doch die Wirkung auf den Leser ist nicht rational-aufklärend, sondern hypnotisch und unerträglich. Während ein journalistischer Bericht oder eine soziologische Studie zur Analyse einladen, führt die literarische Bearbeitung in eine „Sarabande des Todes“, die den Leser emotional überwältigt, statt ihm distanziertes Wissen zu vermitteln.
Jean-Frédéric Schaub ist ein renommierter französischer Historiker und Forschungsdirektor an der EHESS, der vor allem für seine tiefgreifenden Analysen zur Geschichte der politischen Anthropologie und der Entstehung des modernen Staates bekannt ist. Sein wissenschaftliches Werk zeichnet sich durch einen innovativen Fokus auf die Geschichte des Rassismus und der sozialen Ausgrenzung in der Frühen Neuzeit aus, wobei er die Verbindung zwischen kolonialen Praktiken und europäischer Identitätsbildung untersucht. Als einflussreicher Intellektueller verbindet er akribische Archivarbeit mit einem fächerübergreifenden Ansatz, um die historischen Wurzeln heutiger gesellschaftlicher Hierarchien kritisch zu hinterfragen.
Die Geschichtswissenschaft ist mit Schaub kein bloßes Sprachspiel und keine Unterabteilung der Belletristik. Sie ist eine „Technologie“ der Wahrheit, die auf der Unverfügbarkeit der Vergangenheit beharrt. Für Schaub ist die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion keine akademische Haarspalterei, sondern eine Existenzfrage für die Demokratie. Wenn die Vergangenheit beliebig formbar wird, so Schaub, bricht die Grundlage für gemeinsames politisches Handeln zusammen.
Schaubs Buch folgt, vielleicht vor anderem Hintergrund als zu Zeiten der Debatten um Postmoderne, einer klaren, eskalierenden Logik, die von der Diagnose einer aktuellen Krise zur Verteidigung wissenschaftlicher Standards führt. Seine Analyse des „Imperiums des Falschen“ geht aus von generativer KI, Deepfakes und politischer Desinformation (wie dem Trumpismus oder Putins Geschichtsklitterung). Darauf folgt eine Reflexion über den Wandel des Historikerberufs, in der er zeigt, wie sich die Disziplin durch Philologie, Statistik und die Auseinandersetzung mit dem Gedächtnis professionalisiert hat. Der dritte Teil widmet sich der geschichtspolitischen Beschwörung der Vergangenheit, gefolgt von einer grundlegenden Analyse der Abgrenzung zur Literatur und Kunst. Das Werk gipfelt in der Bestimmung der Geschichte als Wissenschaft, deren Kern die Wahrhaftigkeit (Véracité) ist.
Abgrenzung der Geschichtswissenschaft
Schaub greift historische Positionen auf, die die Wissenschaftlichkeit der Geschichte grundsätzlich ablehnen: Er zitiert Oswald Spengler als jemanden, für den die Realität nicht existiert und Natur lediglich eine Funktion der Kultur ist. Er nennt dessen Hauptwerk Le Déclin de l’Occident (Der Untergang des Abendlandes). Schaub erinnert an Paul Valérys hartes Urteil von 1931, in dem dieser die Geschichte als „Gift“ für den Geist bezeichnete, da sie unfähig sei, reale Veränderungen zu erfassen. Er bezieht sich auf Valérys Regards sur le monde actuel.
Die Abgrenzung von Fiktion und Kunst ist für Schaub deshalb so zentral, weil die Literatur andere Ziele verfolgt als die Wissenschaft. Während die Literatur und Kunst darauf abzielen, die Welt zu durchdringen, zu imprägnieren und wie ein „Zauberer“ zu wirken, versucht die Geschichte als Wissenschaft, die Welt zu erfassen und zu fixieren, soweit es die menschliche Intelligenz erlaubt.
Die methodische Abgrenzung erfolgt über drei wesentliche Punkte:
Der Bezug zum „Referenten“. Die Geschichtswissenschaft postuliert einen stabilen, externen Referenten: die reale Vergangenheit. Historiker sind nicht frei, Lücken durch Imagination zu füllen. Sie arbeiten an „Ruinen“ – materiellen Spuren menschlicher Tätigkeit, deren Fülle verloren ist und die oft ein chaotisches Bild abgeben.
Das Aushalten von Diskontinuität. Während die Literatur (vor allem der realistische Roman des 19. Jahrhunderts) dazu neigt, glatte, kausale Erzählungen zu liefern, muss der Historiker die Lücken seines Wissens offenlegen. Ein wissenschaftlicher Bericht darf nicht „schöner“ sein als die Quellenlage; er muss die Rauheit und Unvollständigkeit der Erkenntnis widerspiegeln.
Die Ablehnung von „Ventriloquismus“ (Bauchrednertum). Schaub kritisiert Versuche, den „Stummen“ der Geschichte durch fiktive Erzählungen eine Stimme zu geben, um erlittenes Unrecht zu „reparieren“. Für ihn ist dies eine Form der Anmaßung. Wahre „epistemische Gerechtigkeit“ besteht darin, das Schweigen der Archive anzuerkennen, anstatt es durch poetische Erfindung zu überdecken.
Schaubs Gang der Argumentation
Schaub legt dar, dass die Geschichtswissenschaft eine entscheidende Rolle bei der Verteidigung der liberalen Demokratie spielt. Seine zentrale These lautet, dass die Erforschung der Vergangenheit als Wissenschaft betrieben werden muss, um demokratische Institutionen zu schützen. Er warnt davor, die wissenschaftliche Historie mit künstlerischen Evokationen oder politischen Instrumentalisierungen der Vergangenheit zu verwechseln.
Kapitel 1: Das Imperium des Falschen und die Krisen des historischen Bewusstseins. In der Ära der Digitalisierung und generativen KI sieht Schaub die Gefahr einer Derealisation, in der Spuren der Vergangenheit manipuliert oder frei erfunden werden können (z. B. durch Midjourney). Er analysiert das Phänomen der „Post-Wahrheit“ nicht als bloße Lüge, sondern als Strategie, um durch „Bullshit“ (Harry Frankfurt) und eine Flut an Informationen grundsätzliches Misstrauen und Ungewissheit zu säen. Historische Wahrhaftigkeit ist für ihn das einzige Gegenmittel gegen diese Erosion des Realen.
Kapitel 2: Was sich im Beruf des Historikers geändert hat. Schaub beschreibt die Evolution der Disziplin in den letzten 50 Jahren. Wichtige Impulse kamen aus der Ethnologie (Bedeutung der Sprache der Akteure) und der Philologie. Er diskutiert den „Linguistic Turn“, statistische Methoden zur Sichtbarmachung unsichtbarer sozialer Prozesse und die „Mikro-Analyse“ (Edoardo Grendis „exceptionnel normal“). Ein weiterer Fokus liegt auf dem Aufkommen der Erinnerungskultur (Pierre Nora) und der Ego-Histoire, bei der Historiker ihre eigene Positionalität reflektieren.
Kapitel 3: Die Beschwörung der Vergangenheit stärkt die demokratische Stadt. Dieses Kapitel befasst sich damit, wie der Staat die Vergangenheit nutzt, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen. Schaub kontrastiert legitime demokratische Feiern mit der Instrumentalisierung der Geschichte durch Autokraten wie Putin oder Populisten wie Trump. Er diskutiert französische „Erinnerungsgesetze“ (Loi Gayssot, Loi Taubira) und betont, dass die Politik zwar den Rahmen für Gedenken setzt, aber die Wissenschaft nicht anweisen darf, was wahr ist.
Kapitel 4: Künstlerische Evokation: die Literatur. Hier untersucht Schaub die Nähe zwischen Geschichtsschreibung und Literatur, da beide in natürlicher Sprache verfasst sind. Er skizziert die Geschichte des Schriftstellerstatus (vom „Sacre de l’écrivain“ bis zur Autonomisierung der Kunst). Er warnt vor einer „literarischen Bigotterie“, die der Literatur eine überlegene Form der Erkenntnis zuschreibt, die man nicht wissenschaftlich hinterfragen dürfe.
Kapitel 5: Wie kann die Fiktion das Reale aufnehmen? Schaub analysiert Genres wie „True Crime“, Autofiktion und das Dokumentarische (z. B. Roberto Bolaños 2666). Er kritisiert Ansätze wie jene von Saidiya Hartman, die lückenhafte Archive durch Imagination „reparieren“ wollen, als eine Form von „Ventriloquismus“. Dem stellt er Werke wie Patrick Modianos Dora Bruder gegenüber, das die Unverfügbarkeit der Vergangenheit respektiert, indem es Lücken gerade nicht fiktional füllt. Er schließt mit einer Analyse uchronischer Dystopien (Philip K. Dick).
Kapitel 6: Die Geschichte als Wissenschaft. Zum Abschluss begründet Schaub, warum die Geschichte wissenschaftliche Standards erfüllen muss: Sie postuliert einen stabilen, externen Referenten (das, was tatsächlich geschah), der der menschlichen Willkür entzogen ist. Er bezieht sich auf Primo Levi und Bernard Williams, um zu zeigen, dass die Suche nach objektiven Fakten ein Bollwerk gegen Korruption und Terror ist. Er lehnt einen radikalen Relativismus ab, der Wahrheit nur als sozialen Konsens begreift.
Schaubs Entgegnung auf Hayden White
Die Argumentation von Hayden White (der den „Linguistic Turn“ in der Geschichtswissenschaft maßgeblich mitbegründete) ist für Schaub ein zentraler Reibungspunkt, auch wenn er ihn oft im Kontext allgemeinerer Strömungen diskutiert. 1
Zur Frage der Narration und Form argumentierte White, dass historische Berichte letztlich literarische Artefakte sind, deren Sinn durch die gewählte Erzählform (Plot) und rhetorische Tropen konstruiert wird. Schaub erkennt an, dass Historiker oft unbewusst literarischen Narrationsmodellen folgen und dass ihre Werke wie Intrigues analysiert werden können. Er entgegnet jedoch, dass die formale Eleganz oft dazu dient, die Diskontinuität des Wissens zu kaschieren. Wo die Literatur eine „glatte“ Geschichte anstrebt, sollte die Wissenschaft laut Schaub die Lücken und die „Rauheit“ des Archivs offenlegen.
Gegen Whites Tendenz, Geschichte als ein sprachliches Konstrukt (Sprachspiel) zu sehen, betont Schaub die „Indisponibilität“ (Unverfügbarkeit) der Vergangenheit. Er argumentiert, dass die Vergangenheit eine „starre Struktur“ besitzt: Ereignisse fanden entweder nacheinander oder gleichzeitig statt – dies ist keine Frage der Interpretation, sondern ein Faktum. Historiker haben nicht „freie Hand“, die Vergangenheit nach Belieben zu erfinden; sie sind an materielle Spuren (Ruinen) gebunden.
Während Whites Ansatz die Grenze zwischen Fakt und Fiktion verwischt, insistiert Schaub auf dem Unterschied zwischen dem Ziel der Kunst und der Wissenschaft. Er zitiert den Schriftsteller László Krasznahorkai zustimmend: Die Literatur wolle die Welt wie durch „Zauberei“ durchdringen und imprägnieren, während die Wissenschaft sie erfassen und fixieren wolle. Für Schaub ist Wahrhaftigkeit (Véracité) eine ethische Pflicht des Historikers, die auf Genauigkeit und Sincerity beruht.
Schaubs schärfste Entgegnung ist politischer Natur: die politische Gefahr des Relativismus. Wenn man Whites Position radikalisiert und Geschichte nur noch als eine von vielen möglichen Erzählungen sieht, entzieht man den Schwachen den Schutz vor der Willkür der Mächtigen. Wenn es keine objektive Wahrheit gibt, zählt nur noch das Recht des Stärkeren. Für Schaub ist die Unterscheidung zwischen dem, was geschehen ist, und dem, was man darüber sagt, die notwendige Bedingung für eine emanzipatorische Wissenschaft und eine funktionierende Demokratie.
In der Gattung der Uchronie (Alternativweltgeschichte) sieht Schaub die reinste Form des Irrealen. Er analysiert Philip K. Dicks „Das Orakel vom Berge“. Dick entwirft ein Szenario, in dem die Achsenmächte den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Das Geniale bei Dick ist für Schaub, dass er innerhalb des Romans ein weiteres Buch auftreten lässt, das wiederum eine andere Version des Kriegsausgangs schildert. Dadurch wird jede Verbindung zum Realen gekappt; die Fiktion bekennt sich zu ihrer eigenen Unwirklichkeit. Dies ist für Schaub ehrlich, da es nicht vorgibt, Geschichte zu sein, sondern als „Schwindel erregendes“ Gedankenexperiment fungiert.
Die „reparative“ Imagination und Fiktionalisierung
Schaub setzt sich intensiv mit Ansätzen auseinander, die versuchen, dokumentarische Lücken im Archiv durch literarische Erfindung zu füllen, um marginalisierten Gruppen eine Stimme zu geben:
Ein zentrales und kritisch diskutiertes Beispiel ist die Arbeit der Literaturwissenschaftlerin Saidiya Hartman, hier die Gefahren der „reparativen“ Fiktion. Hartman versucht, das Schweigen der Archive über versklavte Frauen der Atlantik-Passage durch „kontrafaktische Imagination“ zu durchbrechen. Schaub lehnt dies als Methode für die Geschichtswissenschaft strikt ab. Er argumentiert, dass man diesen Frauen keine Stimme „leihen“ kann, ohne sie erneut zu bevormunden. Er stellt dem die Arbeiten von Rebecca Scott und Jean Hébrard gegenüber, die durch mühsame Archivarbeit das Leben der Sklavin Rosalie rekonstruierten, ohne dabei in Fiktion zu verfallen. Für Schaub ist die reale Spur – so dünn sie auch sein mag – wertvoller als die schönste Erfindung.
Schaub kritisiert Hartmans Methode der „kontrafaktischen Imagination“. Er nennt ihren Aufsatz „Venus in Two Acts“ sowie ihr Buch „Vies rebelles. Histoires intimes de filles noires en révolte, de radicales queers et de femmes dangereuses“ (Original: Wayward Lives, Beautiful Experiments). Er wirft ihr vor, durch diese Methode eine Form von „Ventriloquismus“ (Bauchrednertum) zu betreiben, die den Opfern der Geschichte ihre Stimme nicht zurückgibt, sondern sie erneut bevormundet.
Schaub führt Ivan Jablonka im Zusammenhang mit dem Bestreben von Historikern an, den Status eines „Autors“ zu erlangen und die Geschichtswissenschaft als Literatur zu begreifen. Er zitiert hierzu Jablonkas Werk L’histoire est une littérature contemporaine. Manifeste pour les sciences sociales.
Schaub diskutiert Positionen, die die Geschichtswissenschaft selbst als ein europäisches, kolonial geprägtes Konstrukt infrage stellen: Dipesh Chakrabarty etwa wird als Vertreter einer Denkrichtung genannt, die die Historie als ein in der christlich-westlichen Tradition verwurzeltes Wissensmodell sieht, das anderen Kulturen aufgezwungen wurde. Der genannte Titel lautet Provincialiser l’Europe : la pensée postcoloniale et la différence historique (Provincializing Europe).
Schaub grenzt sich von Richard Rortys Überzeugung ab, dass Wahrheit das sei, was eine soziale Gemeinschaft zusammenhält. Er nennt das (gemeinsam mit Pascal Engel verfasste) Buch À quoi bon la vérité? Obwohl Schaub anmerkt, dass Stanley Fish sich in jüngeren Werken von radikalem Relativismus distanziert, zitiert er ihn im Kontext der „Interpretationsgemeinschaften“, die den Sinn von Texten beliebig aushandeln. Genannt wird der Titel Quand lire c’est faire (Is There a Text in This Class?).
Neutralitätsfiktion der Geschichtswissenschaft: Imagination wider die Gewalt der Akte
Kehren wir nochmals zu Saidiya Hartman zurück: Jean-Frédéric Schaubs Verteidigung der Geschichtswissenschaft als objektive, auf materiellen Spuren basierende Disziplin stößt bei Saidiya Hartman auf einen radikal anderen Begriff dessen, was ein „Archiv“ überhaupt ist und welche Gewalt es ausübt. Eine Entgegnung aus Hartmans Perspektive würde nicht die wissenschaftliche Genauigkeit ablehnen, sondern die Voraussetzung infrage stellen, dass das offizielle Archiv ein neutraler Referent der Realität sei. Für Hartman ist das Archiv der Sklaverei und der Rassentrennung selbst eine Fiktion der Macht, eine „Todesurkunde“ und ein „Grab“, das die Leben der Unterworfenen nur in dem Moment erfasst, in dem sie verletzt, verkauft oder bestraft werden. Schaubs Forderung, die „Lücken des Wissens auszuhalten“, würde sie als eine Fortführung der ursprünglichen Gewalt bezeichnen: Wer das Schweigen des Archivs lediglich akzeptiert, besiegelt das Schicksal derer, die durch dieses Schweigen ausgelöscht werden sollten.
Hartmans Methode der „Critical Fabulation“ (kritische Fabulation) ist daher kein spielerisches Dazuerfinden, sondern aus ihrer Perspektive ein notwendiger Akt der erkenntnistheoretischen Gerechtigkeit. Sie argumentiert, dass wir die Geschichte der Enteigneten nicht erzählen können, ohne gegen die Protokolle des Archivs selbst zu verstoßen. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Figur der Venus, jenes namenlosen Mädchens, das im Archiv nur als Zeile in einem Prozess gegen den Sklavenkapitän John Kimber auftaucht. Während Schaub fordern würde, bei der bloßen statistischen Erfassung ihres Todes oder der knappen gerichtlichen Erwähnung zu bleiben, zeigt Hartman in ihrem Aufsatz „Venus in Two Acts“, dass diese Quellen selbst das Produkt von Terror sind. Sie nutzt die Möglichkeitsform (Konjunktiv), um das Unaussprechliche zu benennen: Was, wenn Venus und das andere im Prozess erwähnte Mädchen sich in der Dunkelheit des Schiffsbauchs gegenseitig Trost gespendet hätten? Diese Erzählung zielt nicht darauf ab, das Archiv zu „reparieren“, sondern die Ungeheuerlichkeit seiner Lücken durch die Vorstellung von menschlicher Intimität inmitten des Grauens erst sichtbar zu machen.
In ihrem Werk Wayward Lives, Beautiful Experiments konkretisiert sie diese Entgegnung durch die Analyse staatlicher Überwachungsapparate. Schaub warnt vor „Ventriloquismus“, doch Hartman zeigt auf, dass die Stimmen der schwarzen Frauen in den offiziellen Dokumenten bereits von Soziologen, Vice-Investigatoren und Polizisten „bauchgeredet“ wurden. Wenn eine Akte der New York State Reformatory eine junge Frau wie Mattie Jackson als „moralisch depraviert“ oder „unverbesserlich“ bezeichnet, dann ist das für Hartman keine „Spur der Vergangenheit“, die man objektiv fixieren kann, sondern eine Klassifizierung der Macht, die Widerstand als Pathologie maskiert. Gegen Schaubs „Trennung der Ordnungen“ setzt sie die „Close Narration“, einen Stil, der die Stimme der Erzählerin untrennbar mit den Rhythmen und Visionen der „Indisziplinierten“ verwebt. Ein konkretes Beispiel ist Matties Sehnsucht nach Schönheit – ihre Liebe zu Kaschmirpullovern oder Goldarmbändern, die von ihren Arbeitgebern als „billiger Sozialismus“ oder Diebstahl gewertet wurde. Hartman rekonstruiert diese Handlungen als „schöne Experimente“ in der Kunst des Überlebens, die sich der staatlichen Kategorisierung entziehen.
Schaubs Kritik, dass Imagination die Opfer erneut bevormunde, würde Hartman mit dem Hinweis begegnen, dass die Neutralität des Historikers eine Illusion ist, die oft die Perspektive des Archivars – also des Herrschenden – einnimmt. Während Schaub Patrick Modianos Dora Bruder lobt, weil dieser nichts erfinde, würde Hartman darauf hinweisen, dass das Archiv der Shoah und das Archiv der Sklaverei sich fundamental in ihrer Dichte und Absicht unterscheiden. In einem Archiv, das darauf ausgelegt war, den Sklaven als bloße „Ware“ zu definieren, ist die Einbildungskraft das einzige Werkzeug, um das Menschsein überhaupt wieder in den Bereich des Denkbaren zu rücken. Die „epistemische Gerechtigkeit“, die Schaub zitiert, verlangt nach Hartman nicht nach der „harten Realität des Schweigens“, sondern nach einer Praxis, die die „Gegenwart der Vergangenheit“ als unvollendetes Projekt der Freiheit begreift.
Abschließend würde Hartman argumentieren, dass ihre Arbeit keine Flucht in die Fiktion ist, sondern eine Technologie der Wahrheit, die die Gewalt der „Fakten“ dekonstruiert. Wenn Schaub behauptet, Geschichte müsse die Welt „fixieren“, entgegnet Hartman, dass diese Fixierung für die Unterdrückten oft die Form einer Fessel oder eines Gefängnisgitters annahm. Eine Geschichtsschreibung, die sich der radikalen Imagination verweigert, bleibt in der Logik derer verhaftet, die das Archiv angelegt haben. Hartmans „Gegen-Geschichte“ hingegen ist eine Form von Abolitionismus auf der Seite, die versucht, die Toten nicht als ciphers (Ziffern), sondern als Akteure ihrer eigenen, flüchtigen Befreiung zu begreifen, auch wenn diese Befreiung nur in einem Moment des Tanzes im Cabaret oder einem verbotenen Flüstern im Flur eines Tenements bestand.
Was die Literaturwissenschaft kritisch entgegnen könnte
Schaubs strikte Trennung der Ordnungen provoziert Widerspruch aus der Sicht der Literatur- und Kulturwissenschaften. Eine kritische Replik könnte u.a. folgende Punkte umfassen:
Die Unvermeidbarkeit der Narration: Seit dem „Linguistic Turn“ (den Schaub diskutiert, aber dessen radikale Konsequenzen er ablehnt) wird argumentiert, dass Geschichte immer als Erzählung (Plot) konstruiert werden muss. Kritiker wie Hayden White würden einwenden, dass Historiker dieselben rhetorischen Tropen (Metaphern, Synekdochen) verwenden wie Schriftsteller. Es gibt kein „nacktes“ Faktum außerhalb der Sprache.
Literatur als Erkenntnismodus: Die Literaturwissenschaft könnte geltend machen, dass Fiktion eine „moralische Erkenntnis“ ermöglicht, die über die bloße Datenakkumulation hinausgeht. Literatur kann innere Zustände, moralische Dilemmata und die Komplexität menschlicher Erfahrung simulieren, für die es in Archiven nie Belege geben wird, die aber dennoch „wahr“ im Sinne einer menschlichen Grunderfahrung sind.
Die ethische Pflicht zur Imagination: Gegen Schaubs Kritik am Ventriloquismus ließe sich einwenden, dass das Archiv selbst ein Produkt von Machtverhältnissen ist. Wenn man sich nur auf die Spuren der Sieger verlässt, zementiert man deren Herrschaft. Die Imagination könnte hier als ein Akt der Widerständigkeit und der ethischen Verpflichtung gegenüber den Vergessenen gesehen werden, um ihnen zumindest einen Raum im Denkbaren zu geben.
Die Verwischung der Gattungen: Moderne Formen wie die Autofiktion oder das dokumentarische Erzählen zeigen, dass die Grenze zwischen „Sincerity“ (Aufrichtigkeit) und „Accuracy“ (Genauigkeit) oft fließend ist. Ein Schriftsteller wie Carrère oder Modiano nutzt historische Methoden, um literarische Wahrheit zu finden; die strikte Trennung Schaubs wirkt angesichts dieser hybriden Texte fast anachronistisch.
Schaubs Argumentation ist in seiner Argumentation ein Verteidigungskampf der Vernunft gegen eine drohende Auflösung aller Wahrheitsstandards, er würde etwaige Gesinnungsprämissen von „kritischer Fabulation“ genauso misstrauisch sehen wie unzulässige politische Instrumentalisierungen. Er setzt auf die spröde Kraft des Belegbaren, um die Demokratie gegen die Verzauberung durch Mythen und Lügen zu wappnen. Die Literaturwissenschaft würde demgegenüber betonen, dass gerade in der Ambivalenz und der poetischen Freiheit eine Kraft liegt, die Menschen für die Komplexität der Welt sensibilisiert – eine Aufgabe, die die Geschichtswissenschaft allein mit ihren „Ruinen“ vielleicht nicht vollständig erfüllen kann.
- Hier seien erwähnt: Metahistory: The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe. Baltimore: The Johns Hopkins University Press. 1973. – The Content of the Form: Narrative Discourse and Historical Representation. Baltimore: The Johns Hopkins University Press. 1987. – The Fiction of Narrative: Essays on History, Literature, and Theory, 1957-2007. Baltimore: The Johns Hopkins University Press. 2010. Ed. Robert Doran. – 40th Anniversary Edition: Metahistory: The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe. Baltimore: The Johns Hopkins University Press. 2014.>>>