Im Buch Ouvriers, artisans du beau selon Caillebotte (2024) der Buchreihe „Le roman d’un chef d’oeuvre“ unternimmt Dominique Auzel den ebenso ambitionierten wie heiklen Versuch, kunsthistorische Analyse, historische Recherche und literarische Imagination ineinander zu verschränken. Ausgangspunkt ist ein einzelnes Gemälde, Gustave Caillebottes Raboteurs de parquet von 1875, doch rasch wird deutlich, dass dieses Bild weniger als isoliertes Meisterwerk denn als Kristallisationspunkt dient: für Fragen nach Moderne und Realismus, nach Arbeit und Körper, nach sozialer Sichtbarkeit und ästhetischer Würde, schließlich nach der inneren Biografie eines Künstlers, dessen Werk lange im Schatten seiner impressionistischen Weggefährten stand.
Caillebottes Malerei markiert innerhalb der Moderne eine eigentümliche Schwellenposition. Sie steht quer zu den etablierten Erzählungen des Impressionismus, weil sie weder vollständig im Auflösen der Form noch im reinen Primat des Atmosphärischen aufgeht. Vielmehr verbindet Caillebotte eine strenge, fast klassische Kompositionsdisziplin mit der radikalen Wahl moderner Sujets. Seine Stadtansichten, Interieurs und Arbeitsszenen sind durchzogen von klaren Linien, präzisen Perspektiven und ungewöhnlichen Blickwinkeln, die an fotografische oder architektonische Verfahren erinnern. Die Moderne zeigt sich hier weniger als Aufbruch in die formale Unbestimmtheit denn als neue Ordnung des Sehens: Der urbane Raum, der private Innenraum und der menschliche Körper werden als strukturierte, zugleich aber kontingente Erfahrungsfelder erfasst.