Abgrund und Trugbild: die Hölle als Leere der globalen Moderne bei Jérôme Ferrari
Der neue Roman von Jérôme Ferrari, „Très brève théorie de l’enfer“ (Actes Sud, 2026) entwirft eine düstere Parabel über die metaphysische Verfassung der globalisierten Moderne. Im Zentrum steht ein korsischer Philosophielehrer, der vor der moralischen Monotonie seiner Heimat flieht und über eine Zwischenzeit in Algerien nach Abu Dhabi gelangt, wo er als privilegierter Expatriate lebt, während unsichtbare Arbeitsmigranten die glänzende Stadt errichten. Eine Erzählerin spricht im Rahmen zum „König der Zeit“ und entfaltet eine „Theorie der Hölle“, nach der Verdammnis nicht aus spektakulären Verbrechen entsteht, sondern aus der „Trockenheit des Herzens“ und einer schuldhaften Blindheit gegenüber der Wahrheit. Die Rückschau des Protagonisten und Erzählers der Binnengeschichte liefert dazu die konkrete Fallstudie: Seine Versuche, durch Flucht und religiöse Metamorphose ein anderer zu werden, scheitern; Frau und Tochter verschwinden, und die Rückkehr nach Korsika erweist sich als endgültiges Exil eines Mannes, der als „doppelter Apostat“ weder Heimat noch Identität zurückgewinnt. – Der Aufsatz liest den Roman als zweiten Teil einer Trilogie über die Dialektik von „Indigenen“ und „Reisenden“, in der Ferrari die Begegnung von Mobilität, Macht und moralischer Blindheit analysiert. Indem die metaphysische Rahmenerzählung mit der sozialen Topographie Abu Dhabis – der künstlichen Corniche, der Industriezone Mussafah, den Baustellen des Louvre – verschränkt wird, erscheint die Hölle nicht als jenseitiger Ort, sondern als Struktur der Gegenwart: ein Zustand ontologischer Indifferenz, in dem privilegierte Reisende ihre eigene Leere durch Bewegung, Rollenwechsel und kulturelle Masken verdecken. Die Reise wird so zum paradoxen Motor eines spirituellen Abstiegs. Am Ende steht die Einsicht, dass in der globalisierten Welt jede Flucht in ein „Anderswo“ nur eine Variation desselben Betrugs bleibt – ein endloser Kreislauf aus Exil, Schuld und gescheiterter Metamorphose.
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