Aufrechtstehen im Untergang: New Orleans bei Laurent Gaudé
Laurent Gaudés Roman „Ouragan“ (Actes Sud, 2010) schildert die Verwüstung von New Orleans durch den Hurrikan Katrina und folgt dabei mehreren Figuren, deren Lebenswege sich im Ausnahmezustand der Katastrophe kreuzen. Im Mittelpunkt stehen die fast hundertjährige Josephine, die sich weigert, ihr Viertel zu verlassen, der von seiner Arbeit auf einer Ölplattform traumatisierte Keanu, seine frühere Geliebte Rose sowie ein Geistlicher, dessen Glaube unter dem Druck der Ereignisse zerbricht. Während der Sturm die Deiche sprengt und die Stadt in den Fluten versinkt, werden soziale Unterschiede, persönliche Traumata und verdrängte Konflikte schonungslos sichtbar. Der Roman erzählt die Naturkatastrophe dabei nicht als realistische Chronik, sondern als vielstimmiges Drama über Verlust, Schuld, Liebe und Überleben. Der Aufsatz untersucht, wie Gaudé den historischen Hurrikan in einen mythisch aufgeladenen Erfahrungsraum verwandelt. Ausgangspunkt ist die These, dass der Sturm als „Offenbarungsinstanz“ fungiert: Er zerstört nicht nur Häuser und soziale Ordnungen, sondern legt zugleich den innersten Kern der Figuren frei. Analysiert werden die polyphone Erzählstruktur, die deutliche Nähe zur Form der antiken Tragödie sowie der lyrisch-epische Stil, der das Geschehen über das Dokumentarische hinaushebt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Zusammenspiel von Stimme und Schweigen, der symbolischen Bedeutung von Raum, Wasser und Körperlichkeit sowie den wiederkehrenden Motiven von Scham, Widerstand und Aufrechtsein. Der Aufsatz argumentiert, dass „Ouragan“ soziale Anklage und poetische Verdichtung miteinander verbindet und die Katastrophe als Moment der Wahrheit inszeniert, in dem Untergang und Neubeginn, Verlust und Würde miteinander verbunden werden.
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