Austausch und Unverständnis: Jacques Decour, Philisterburg

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Das Dazwischen als literarisches Prinzip

Jacques Decour, Philisterburg, Paris: Gallimard, 1932 / Éditions Allia, 2023.
Jacques Decour, Philisterburg, Ins Dt. von Stefan Ripplinger, Andere Bibliothek, 2014.

Es gibt Bücher, die ihren historischen Moment mit einer Präzision einfangen, die nachträgliche Deutung beinahe überflüssig macht – und dabei doch so viel literarische Eigenwilligkeit besitzen, dass sie nicht im Dokument aufgehen. Philisterburg (zit. als PHB), 1932 bei Gallimard erschienen, von Jacques Decour (bürgerlicher Name: Daniel Decourdemanche, 1910–1942), ist ein solches Buch. Es entstand aus einem Aufenthalt des zwanzigjährigen Pariser Germanistikstudenten im Schuljahr 1930/31 in Magdeburg, das er im Text zur fiktiven preußischen Provinzstadt „Philisterburg“ umtauft. In dieser Umbenennung liegt bereits das literarische Programm: Der Name ist kulturgeschichtlich aufgeladen – „Philister“ bezeichnet seit dem Sturm und Drang den engstirnigen, kunstfeindlichen Bürger, und er verweist zugleich auf die alttestamentarischen Feinde Israels, eine semantische Mehrfachaufladung, die 1930 in Deutschland nicht mehr harmlos ist.

Was Decour schreibt, lässt sich gattungsmäßig kaum fixieren: Es ist Tagebuch und Essay, Schulreisebericht und politische Diagnose, Charakterstudie und Poetik in einem. Es ist auf Französisch verfasst, handelt aber von Deutschland; es bedient sich des Genres der „littérature de voyage“ und unterläuft es zugleich durch reflexive Selbstbefragung. Damit erfüllt es alle Kriterien, die die Rubrik „Romans croisés“ für ihre Texte anlegt: formale Verschränkung zweier Kulturräume, räumliche und historische Tiefenschärfe, sowie eine erkennbare Reflexion des Dazwischen als literarisches Prinzip. PHB ist nicht ein Buch über Deutschland aus französischer Sicht – es ist ein Buch, das im Spalt zwischen den beiden Kulturen entsteht und diesen Spalt selbst zum Gegenstand macht.

Die tragische Dimension liegt offen: Decour, der 1942 als Mitgründer einer Résistance-Zeitschrift (Les Lettres françaises) von der französischen Polizei an die Gestapo ausgeliefert und erschossen wird, beobachtet in PHB mit beunruhigender Klarheit das, was in Deutschland heraufdämmert. Sein Buch löst in Frankreich einen Skandal aus – weil es weder die deutsche noch die französische Seite schont, weil es Verständnis für die Not Deutschlands fordert und zugleich die Gefährlichkeit des deutschen Nationalismus erkennt. Diese doppelte Unbequemlichkeit, die Weigerung, Partei zu ergreifen und doch politisch zu denken, ist die eigentliche literarische Leistung des Textes.

Ein französischer Blick auf Deutschland vor 1933

Der Roman – der Einfachheit halber sei er so bezeichnet, obwohl Decour selbst von „Notes sur un séjour en Prusse“ spricht – gliedert sich in drei Teile: ein kurzes „Prélude“ (Prolog) und ein umfangreiches Journal sowie den abschließenden Essay „Goethe et la jeunesse allemande“.

Im Prélude schildert der Ich-Erzähler die Bahnreise von Paris nach Philisterburg im Oktober 1930. Zwei Mitreisende – ein Bankier mit Schnurrbart, einer mit Hornbrille – entpuppen sich als kleinkarierte Vertreter eines selbstgefälligen französischen Nationalismus: Sie reden von der „heiligen Mission“ des jungen Lehrers als kulturellem Botschafter, verlangen Konzessionslosigkeit gegenüber Deutschland und fordern: „Nicht einen Pfennig Nachlass!“ Ein dritter Mitreisender liest Korrekturfahnen eines kosmopolitischen Manifestes – ein „junger Europäer“, der in seiner Effeminiertheit karikiert wird. Die Szene entwirft bereits das gesamte Koordinatensystem des Textes: der selbstgefällige Chauvinist, der hohle Pazifist, der beobachtende Erzähler dazwischen.

Das Tagebuch setzt am 14. Oktober 1930 ein und erstreckt sich bis in den Februar 1931. Der Erzähler beschreibt seinen Einstand am Gymnasium – das Zusammentreffen mit dem Direktor Dr. Bär (Modell: der reale Direktor Bruns), einem idealistischen, moralpredigenden Pädagogen des alten Schlags; seine Pensionsunterkünfte bei der Witwe Bügler und später der noch bigoteren Witwe Grimm; seine Begegnung mit dem überzeugten Nationalsozialisten Adler, seinem Mitbewohner; mit dem Schüler Kraus, einem deutschsprachigen Tschechoslowaken voller revisionistischer Ressentiments; mit dem feinsinnigen Geschichtslehrer Dr. Apel, der als leuchtende Ausnahme gilt; und mit dem pedantischen Französischlehrer Bruneau. Daneben beschreibt er die Straßen von Philisterburg, nationalsozialistische und kommunistische Aufmärsche, die politischen Auseinandersetzungen, die Zeitungslandschaft und das Alltagsleben der preußischen Kleinbürger. Reflexionen über Schulpädagogik, Nationalcharaktere, das deutsch-französische Verhältnis und die Rolle des Schriftstellers durchziehen den Text.

Das Tagebuch mündet in eine ausgedehnte politische Analyse der deutsch-französischen Verhältnisse: Decour kartographiert die politischen Lager beider Länder, zerlegt die gegenseitigen Stereotypen, diagnostiziert strukturelle Unfähigkeit zur Verständigung und formuliert – in einem der einprägsamsten Sätze des Textes – dass der gegenwärtige Kurs in die Katastrophe führe: „Hitler est le fils du traité de Versailles.“ 1 Der Abschluss-Essay über Goethe und die deutsche Jugend zeigt anhand des Goethe-Jubiläums von 1932, wie weit sich die deutsche Jugend von jenem humanistischen, kosmopolitischen Erbe entfernt hat, das dem Erzähler als eigentliche Substanz des Deutschlands gilt, das er liebt.

Nähe und Distanz

PHB ist ein Hybridtext, und diese hybride Gattungsform ist kein ästhetisches Manko, sondern das eigentliche Trägermedium seiner Aussage. Das Tagebuch als Leitgattung erzeugt die Illusion von Unmittelbarkeit und verbürgt Authentizität, aber Decour selbst unterläuft diese Illusion im Text, wenn er schreibt: „Il me reste encore à noter une ‹prise de contact› (style de journaliste) avec les élèves, et mon emménagement. Si j’avais le courage de lire ce qui précède, j’y trouverais sans doute, autour du noyau des petits faits réels, une épaisse couche de faits mentaux : peu de substance et beaucoup de bavardage.“ 2 Diese mise en abyme der Tagebuchform – der Erzähler kritisiert das eigene Schreiben innerhalb des Schreibens – ist ein wesentliches Element von Decours autopoetologischer Dimension: Das Buch denkt fortwährend darüber nach, was es ist und was es zu leisten vermag.

Die Erzählperspektive ist streng personal und erzählt aus der Ich-Perspektive eines jungen Franzosen, der seine eigene Subjektivität nicht verleugnet, sondern explizit vorführt. Decour lässt seinen Erzähler bekennen: „Ces notes, rédigées sans le moindre souci des conséquences, n’ont rien d’un reportage. Elles ne recherchent pas l’objectivité, mais l’impartialité.“ 3 Der Unterschied zwischen „objectivité“ und „impartialité“ ist programmatisch: Nicht Neutralität wird angestrebt – diese wäre eine Lüge –, sondern Gerechtigkeit trotz und durch Subjektivität. Diese erkenntnistheoretische Bescheidenheit schützt den Text vor dem Hochmut des ethnologischen Beobachters und macht ihn literarisch produktiv.

Besonders raffiniert ist die Konstruktion von Nähe und Distanz: Der Erzähler gibt sich Mühe, die Deutschen nicht zu karikieren, gesteht aber im selben Atemzug seine ästhetischen Aversionen und politischen Reaktionen ein. In einem merkwürdigen Zwischenraum zwischen Faszination und Fremdheit beobachtet er den SA-Aufmarsch eines Sonntags: „Ich wurde nach und nach von der gemeinsamen Stimmung mitgerissen, die sie erfüllte; um ein Haar hätte ich mitgesungen.“ 4 Das Mitgerissensein vom kollektiven Rhythmus wird ehrlich eingestanden – diese Ehrlichkeit macht die Analyse glaubwürdig. Der Erzähler ist kein überlegener Betrachter, sondern ein Betroffener, der sich bei seiner eigenen Anfälligkeit ertappt.

Der Text fügt dem Tagebuch essayistische Einschübe hinzu, in denen die Grenze zwischen Erzähler und Autor nahezu aufgehoben wird. Diese Einschübe behandeln Fragen der Schulpädagogik, des Nationalismus, der Pressemanipulation, der Rolle des Schriftstellers – und sie alle kreisen um den deutsch-französischen Antagonismus als ihr erkenntnisstrukturierendes Zentrum. Damit weist der Text formal weit über das bloße Reisetagebuch hinaus und nähert sich dem intellektuellen Essay im Sinne Montaignes an: dem Denken als Bewegung, nicht als fertigem Resultat.

Figurenkonstellation und der deutsch-französische Raum

Die Figurenkonstellation von PHB ist keine Ansammlung von Charakteren, sondern ein System von Typen, das das gesamte deutsch-französische Feld kartographiert. Bereits im Zug entwirft das Prélude das französische Spektrum: die Bankiers als Vertreter eines nationalkonservativen, von wirtschaftlichem Eigeninteresse geleiteten Frankreichs, das Deutschland zwar verachtet, aber finanziell ausbeuten möchte; der „junge Europäer“ als Vertreter eines hohlen kosmopolitischen Idealismus. Beide Positionen werden durch die ironische Distanz des Erzählers demontiert.

In Philisterburg tritt dem Erzähler ein vielschichtiger Cast gegenüber. Dr. Bär, der Direktor, ist die komisch-pathetische Verkörperung des alten Preußen: ein protestantischer Moralprediger, der die Erziehung der Jugend zum Sakrament erhebt – „Der Lehrerberuf ist für ihn eine Berufung, einer der schönsten Berufe überhaupt: die Jugend zu erziehen, Menschen zu formen, Jugendlichen den Weg zum Wahren und Guten zu weisen“ 5 – und dabei die reale politische Lage vollständig verkennt. Sein Begriff der „moralischen Individualität“ als pädagogisches Ziel hat etwas Rührendes und gleichzeitig Gefährliches: Er hält das 19. Jahrhundert am Laufen, während das 20. Jahrhundert marschiert.

Adler, der Mitbewohner, ist die eigentliche Entdeckung des Textes: ein junger, geordneter, rationaler Nationalsozialist, der nicht Irrationalismus, sondern eine kühle Pragmatik verkörpert. Sein Weltbild ist geschlossen – „Es gibt nur eine Wahrheit“, denkt er ohne den geringsten Anflug von Hochmut, „und ich bin derjenige, der sie besitzt. Alle, die keine Nationalsozialisten sind, irren sich oder täuschen das Land.“ 6 – aber nicht hysterisch. Decour zeigt damit etwas Beunruhigendes: dass die Gefahr nicht im Wahnsinn liegt, sondern in der perfekten Organisation des Ressentiments. Der Gegensatz zwischen Adler und dem Erzähler ist auch ein kultureller: „Welch einen Abgrund an Skepsis würde ein Adler nicht in jedem einzelnen Franzosen finden!“ 7 Der Franzose ist durch seinen unvermeidlichen Relativismus strukturell unfähig zu der Art von Gewissheit, die Adler auszeichnet – eine kulturelle Differenz, die der Erzähler nicht kaschiert.

Dr. Apel, der Geschichtslehrer, ist das positive Gegenbild: ein Mann mit „yeux goethéens“ 8, der Geschichte nicht als Gedächtnis, sondern als Denkinstrument lehrt, der seinen Schülern beibringt, hinter diplomatischen Phrasen ökonomische Interessen zu erkennen, und der – dem Erzähler zufolge – „für die Vereinigten Staaten von Europa arbeitet“. Er ist die Ausnahme, die die Regel bestätigt, und seine spätere Entlassung – nach Erscheinen des Buches wird er von seinen Kollegen denunziert – gehört zur tragischen Nachgeschichte des Textes.

Die beiden Witwen Bügler und Grimm sind nicht komische Typen, sondern Figuren mit soziologischer Präzision: zwei Frauen, die die wirtschaftliche Katastrophe der Inflation verkörpern und an ihr zerbrochen sind. Frau Grimm, die den Erzähler mit unverhohlenem Misstrauen behandelt, weil er Franzose ist und die Franzosen „an der Inflation schuld sind“, zeigt in nuce, wie die ökonomische Misere in politischen Hass umgeschmolzen wird. Das Gespräch über Goethe – Frau Grimm fragt, ob Frankreich auch bedeutende Schriftsteller habe, worauf der Erzähler lakonisch antwortet: „Nicht ein einziges“, antwortete ich ruhig. „Stellen Sie sich vor, wir lesen ausschließlich Bücher, die aus dem Deutschen übersetzt wurden.“ 9 – ist ein Beispiel für die beißende Ironie, mit der Decour den Kulturnationalismus demontiert.

Kommunikationsformen und die Rolle der Fremdsprache

PHB ist auch ein Buch über gelungene und gescheiterte Kommunikation zwischen den Kulturen. Die Fremdsprache – sowohl das Französische als Sprache des Erzählers in Deutschland als auch das Deutsche, das er lernt und beobachtet – ist dabei nicht bloß Medium, sondern selbst Thema.

Die sprachliche Asymmetrie ist von der ersten Seite an spürbar: Dr. Bär, der den Erzähler empfängt, beherrscht fast kein Französisch außer der Begrüßungsformel „Comment ça va, à Paris?“ – und der Erzähler muss zwei Stunden auf Deutsch ausharren. Diese Szene konstituiert das Grundmuster des gesamten Aufenthalts: Der Franzose versteht die Sprache, wird aber nicht wirklich verstanden; er ist der Fremde, der zugleich als repräsentativer Franzose gilt, mit dem Philisterburg für Jahrzehnte sein Frankreichbild aufbaut – „Mein Aufenthalt in Philisterburg wird ihnen zwanzig Jahre lang als Vorlage für ihre Vorstellungen von den Franzosen dienen.“ 10 Die Last des Repräsentativen, die der Erzähler spürt, ist zugleich Ausdruck und Kritik des Stereotypenmechanismus.

Besonders aufschlussreich sind die Szenen, in denen das Scheitern der Übersetzung explizit gemacht wird. Der Begriff ‚Schülermaterial‘ – das Wort erscheint kursiv im Originaltext mit einer Fußnote: „Intraduisible“ – verweist auf eine pädagogische Haltung, für die es im Französischen schlicht kein Äquivalent gibt, weil sie eine kulturspezifische Konzeptionalisierung von Schülern als zu verwaltendes Material voraussetzt. Decour notiert programmatisch: „Zwischen den abstrakten Begriffen beider Sprachen gibt es keine vollkommenen Entsprechungen; selbst die besten Übersetzungen sind nur Annäherungen […]; sogar die Art zu denken und die Gedanken zu ordnen, unterscheidet sich völlig. So gebildet und aufmerksam sie auch sein mögen, ein Deutscher und ein Franzose können sich nur halbwegs verstehen.“ 11 Sprache ist hier nicht bloß Kommunikationsmittel, sondern Weltanschauung – eine Einsicht, die nach Sapir-Whorf avant la lettre klingt.

Besonders interessant ist die Rolle der Lernenden. Decour beobachtet den Unterricht und stellt fest: Im deutschen Gymnasialunterricht gilt die Lehrerfrage als das eigentliche pädagogische Instrument – der Schüler, der die beste Frage stellt, hat mehr gelernt als der, der die Antwort kennt. Im französischen Geschichtsunterricht hingegen dominiert der narrative Monolog des Lehrers. Dieses strukturelle Unterschiede im Wie des Lernens sind zugleich Differenzen im Selbstverhältnis zu Wissen und Autorität. Die Diskussion über den Sinn von Studentenduellen – Adler verteidigt sie als Schule des Mutes, der Erzähler lehnt sie als barbarisch ab – ist ebenfalls eine Kommunikationsszene, in der zwei Kulturen unterschiedliche Konzepte von Maskulinität, Ehre und Zivilisation aufeinanderprallen.

Das Gespräch mit dem Schüler Kraus, der fließend Deutsch und Französisch mischt 12 – ist die einzige Szene echter sprachlicher Grenzüberschreitung im Text. Dieser Tschechoslowake deutscher Nationalität, ein lebendiger Versailles-Schaden, verkörpert in seiner Zweisprachigkeit das, wofür der Text auf der Ebene der Gattung einsteht: dass Identität im Übergang stattfindet, nicht in nationalen Reinformen.

Schulvergleich und Bildungskonzept

Der Schulvergleich ist einer der ausführlichsten und literarisch reichsten Stränge des Romans. Decour beobachtet beide Seiten – das deutsche Gymnasium und die Funktion, die er selbst als französischer Assistent darin ausfüllt – mit der Schärfe eines sich selbst beobachtenden Teilnehmers.

Das deutsche Gymnasium erscheint zunächst als Ort strenger Hierarchie und religiöser Einrahmung. Die Montagsandacht, bei der Dr. Bär über das gottlose Individuum predigt, das ohne Glauben kein Mensch sei, ist in ihrer Totalität für den Franzosen (der aus einem laizistischen Schulsystem kommt, wo die loi Combes die Religion aus den Schulen verbannt hat) ein Kulturschock. Der Erzähler singt den lutheranischen Choral mit – „Ich habe, so scheint es mir, noch mehr Elan als meine Nachbarn. Ich schreie.“ 13 – und kommentiert selbst diese komische Anpassungsleistung. Die Fußnote vermerkt lakonisch: „Hier gibt es kein Combes-Gesetz.“ – „Ici, pas de loi Combes.“

Aber das Bild des deutschen Gymnasiums ist differenziert. In Dr. Apels Geschichtsunterricht erlebt der Erzähler eine Unterrichtsstunde, die er schlicht nie vergessen wird: Schüler rekonstruieren Geschichte dialogisch, statt sie passiv aufzunehmen; der Lehrer kämpft gegen euphemistische Diplomatensprache an; politische Realität wird als durch ökonomische Interessen strukturiert gedacht. Der Vergleich mit dem französischen Unterricht fällt vernichtend aus: „In Frankreich gilt Geschichte und Geografie für die meisten Schüler als das langweiligste und nutzloseste Fach.“ 14 Das deutsche Modell des entdeckenden, disputierenden Lernens steht dem französischen narrativen Monolog gegenüber – eine Differenz, die Decour auf tieferliegende Unterschiede im Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft, von Schüler und Autorität zurückführt.

Zugleich zeigt er die Kehrseite: Die Schüler, die er im Konversationsunterricht betreut, sind für ihr Alter erschreckend fertig. Sie haben keine romantische Phase, keine egotistische Selbstentdeckung; sie sind mit siebzehn Jahren auf allen Fragen positioniert. Heine? „Kein Deutscher, er ist Jude.“ Diese Szene ist 1930 notiert und hat das Gewicht einer Prophezeiung. Das Bildungskonzept des deutschen Gymnasiums – wie Decour es beobachtet – ist nicht Emanzipation, sondern Einrahmung in ein kollektives Wertesystem. Der Einzelne wird nicht zur Freiheit erzogen, sondern zur Gemeinschaft.

Der Gegensatz zwischen zwei Lehrern – Apel und Bruneau – symbolisiert diese Spannungen: Apel lehrt Denken; Bruneau lehrt Taxonomie. Bruneau sucht auf der Karte den genauen Ort, an dem Maupassants „Les Deux Amis“ spielt. Das Lernen als Katalogisieren, das Wissen als enzyklopädisches Faktenwissen – eine Pathologie, die, wie Decour konzediert, nicht auf Deutschland beschränkt ist: „Diese Krankheit ist übrigens nicht auf Preußen beschränkt, sie grassiert auch in Frankreich, und die Sorbonne ist noch immer teilweise davon befallen.“ 15 Die selbstkritische Wendung gegen das eigene System ist charakteristisch für Decours Schreibweise.

Raumstruktur und die Topographie des Fremden

Philisterburg ist ein sorgfältig konstruierter Raum. Die Stadt gliedert sich in distinkte Zonen, die je eine andere Schicht der gesellschaftlichen Wirklichkeit repräsentieren. Die große Straße mit Bismarck-Statue und Schaufenstern voller preußischer Bronzen (Soldat, Schmied, Hund – je ein Symbol für Heldentum, Arbeit, Treue) ist die bürgerliche Repräsentation der Stadt; das Arbeiterviertel im Norden, das der Erzähler bevorzugt, weil es „franchement matériel“ ist und keine geistigen Ansprüche stellt, bildet den Gegenpol. Zwischen diesen Polen liegt die Bismarckstraße, in der der Erzähler zunächst wohnt: eine anonyme Zwischenwelt aus gleichförmigen Miethäusern, staubigen Kakteen hinter immer geschlossenen Fenstern, Geruch nach Kohl und Lauge. Diese Raumstruktur ist nicht Kulisse, sondern Bedeutungsträger: Die Fenster bleiben geschlossen, die Wohnungen sind hermetisch – Philisterburg ist eine Stadt der geschlossenen Systeme, die keine Luft von außen einlassen.

Die einzige Ausnahme ist das Dom-Café, wo die Zeitungen aller politischen Lager nebeneinander liegen – ein heterotoper Ort, an dem die Widersprüche der Zeit räumlich sichtbar werden. Dort liest der Erzähler Volksstimme, das Berliner Tageblatt, den Völkischen Beobachter, L’Œuvre – eine contradictio in adiecto, die die Unmöglichkeit einer souveränen Beobachterposition dramatisiert: Man verlässt das Café mit heißem Kopf und angespannten Nerven.

Dass Philisterburg „keine bedeutenden Menschen hervorgebracht hat“ 16 –, steht bereits im ersten Tagebucheintrag. Dieser lapidare Befund ist mehr als ein touristisches Urteil: Er setzt die Stadt als Ort der geistigen Leere, als Sammelpunkt des Mittelmaßes. Der Name PHB verdichtet diese Botschaft zur Überschrift des gesamten Textes. Die gotische Kathedrale, die den gottesfürchtigen Anspruch der Stadt repräsentiert, steht neben dem Finanzamt – Göttlichkeit und Kalkulation als zwei Seiten derselben preußischen Münze.

Die Raumstruktur des Textes ist auch eine Zeitstruktur: Philisterburg ist ein Ort, der im 19. Jahrhundert steckengeblieben ist. Frédéric II., Bismarck, Hindenburg an allen Wänden – die Stadt hängt ihre Vergangenheit als Gegenwart auf. Dagegen stehen die modernen Flachbauten eines neuen Viertels, hinter deren funktionalistischen Fassaden sich dieselben bürgerlichen Seelen befinden wie in den Gründerzeitbauten: Geranien und Zeitungsständer. Die Modernität der Form verändert die Substanz nicht.

Zeitstruktur und historischer Kontext

Die Zeitstruktur von PHB ist dreifach: Es gibt die erzählte Zeit des Aufenthalts (Oktober 1930 bis Februar 1931), die Zeit des Schreibens (der Text erscheint 1932, das Vorwort ist datiert auf „Juillet 1932“) und – implizit – die Lesezukunft, auf die der Text ständig vorausweist. Diese teleologische Dimension macht das Buch zu mehr als einer Momentaufnahme: Es ist eine Diagnose mit Prognose.

Das Jahr 1930 ist historisch ein Wendepunkt. Die Weltwirtschaftskrise nach 1929 hat Deutschland mit voller Wucht getroffen; die Septemberwahlen 1930 haben die NSDAP zur zweitstärksten Partei gemacht; vier Millionen Arbeitslose demonstrieren die Unhaltbarkeit des Versailler Systems in seiner damaligen Ausgestaltung. Decour hat das alles beobachtet: Die nationalsozialistische Veranstaltung im Rathaussaal, die kommunistische nebenan, die politische Gewalt auf den Straßen, die Toten. „5. November. Die Nationalsozialistische Partei veranstaltet eine Versammlung im großen Gemeindesaal. Die Kommunistische Partei veranstaltet eine weitere in einem benachbarten Saal. […] Es gibt Tote.“ 17 Diese lakonische Notiz – ohne Erregung, fast protokollarisch – ist eines der eindringlichsten Beispiele für Decours Stil des kontrollierten Schreckens.

Der historische Kontext strukturiert auch die Figurenwahrnehmung. Die Schülerin, die dem Erzähler das Foto ihres ersten Geliebten zeigt – ein Soldat, gefallen in Frankreich, begraben auf französischem Boden –, macht den Ersten Weltkrieg zur Hintergrunddimension aller menschlichen Begegnungen des Textes. Frau Bügler, die ihren Sohn durch die Arbeitslosigkeit verliert; Frau Grimm, deren Mann infolge der Inflation gestorben ist – alle Figuren tragen die Geschichte der letzten fünfzehn Jahre auf dem Körper. In diesem Sinne ist PHB auch ein Roman der Zwischenkriegszeit, ein Text, der zwischen 1918 und dem noch nicht Eingetretenen, aber bereits Spürbaren geschrieben ist.

Die Erwähnung von Remarques Im Westen nichts Neues – Adler ist empört über den Film und den Roman, der das deutsche Kriegsbild beschädige – situiert den Text in der zeitgenössischen Debatte um Kriegserinnerung und Kriegsmythos. Die Leerstelle zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem sich anbahnenden Zweiten wird im Text als produktive Spannung erfahren.

Stereotypen, Feindbilder und die nationale Semantik

Einer der wertvollsten Beiträge von PHB zur Literaturgeschichte des deutsch-französischen Verhältnisses ist die explizite Auseinandersetzung mit dem Stereotyp. Decour führt die wechselseitigen Klischees vor und unterzieht sie einer gleichzeitig kulturkritischen und selbstreflexiven Analyse.

Das französische Deutschlandbild, das der Erzähler rekonstruiert, besteht aus einem überschaubaren Repertoire: Deutschen sind hässlich, saufen Bier und essen Würste, die Männer sind kahlköpfig und tragen Goldbrillen, die Frauen rot und unelegant; sie kopieren Erfindungen anderer, stellen Imitate her, sind pedantisch und verlieren sich in metaphysischem Nebel; ihr Nationalcharakter ist zutiefst unehrlich, ihr Grundaffekt ist Misstrauen und Falschheit. Und dann, als zweiter Zug, die Angst: Die Deutschen sind „calés“, sie sind stärker, sie wollen Revanche. „Hilfe, Hilfe, Maginot, baue uns Kanonen!“ 18 – diese Paraphrase des französischen nationalistischen Diskurses ist gleichzeitig Parodie und Analyse.

Das deutsche Frankreichbild, das Decour aus den Zeitungen und Gesprächen rekonstruiert, ist spiegelbildlich strukturiert: Frankreich ist der satte Drache, der auf seinen Kriegslorbeeren schläft; Frankreich ist Selbstgefälligkeit und moralisches Abrüsten; Frankreich ist der Feind, der die Deutschen aushungert und dann noch Zinsen verlangt. „Politisch gesehen ist Frankreich der mit Gold vollgestopfte Drache, der sich auf den Lorbeeren des Krieges ausruht und den Nachbarn verhungern lässt.“ 19 Dass die deutsche Presse einen Zeitungsartikel, der meldet, in Frankreich fahre man rechts (à droite), als Beweis interpretiert, dass Autos in Frankreich das Recht (le droit) haben, überall zu fahren – diese Anekdote gehört zu den komischsten und treffendsten Illustrationen des Mechanismus, durch den nationale Feindbilder aus minimalen Fehlinformationen aufgebaut werden.

Was Decour zum eigentlichen Kernproblem erklärt, ist nicht das Feindschaftsgefühl, sondern die strukturelle Übersetzungsunmöglichkeit: „La géographie, l’histoire, la culture ont donné aux mots un contenu tout différent.“ Die Wörter ‚Politik‘ und ‚Geschichte‘ haben jenseits des Rheins einen anderen Gehalt als diesseits. Das Konzept der politischen Verantwortung, das für den deutschen Bürger (in der Wahrnehmung des Erzählers) einen quasireligiösen Ernst hat, ist für den französischen Bourgeois ein Gegenstand zynischer Ironie. Diese semantische Inkommensurabilität ist – tiefer als alle politischen Differenzen – der eigentliche Grund der Unverständigung.

Geschlechterrollen und die Frauen von Philisterburg

PHB ist auch ein Text über Geschlechterordnungen – weniger explizit als die politischen Analysen, aber umso aufschlussreicher in seinen Beobachtungen. Die Frauen des Romans sind durchgehend Figuren des Verlustes: Die Wirtin Bügler hat ihren Mann verloren, ihr Sohn trinkt das Arbeitslosengeld; die Wirtin Grimm wurde durch die Inflation von ihrem Mann getrennt – er ist an den wirtschaftlichen Folgeerscheinungen gestorben. Ihre Autorität wird durch das Porträt des Gatten in goldenem Rahmen an der Wand aufrechterhalten: „Frau Grimm hat heute den Todestag ihres Mannes begangen. Sie trauert nicht um ihren Mann, sondern um das Vermögen, das er angehäuft hatte, um den starken und anspruchsvollen Mann, der mit scharfer Stimme zu befehlen versteht. Eine solche Frau muss sich als Dienerin fühlen.“ 20 Diese Beobachtung des Erzählers ist eine ziemlich harte psychologische Diagnose: Die Frau hat die eigene Unterwerfung verinnerlicht und trauert nicht um die Person, sondern um die Herrschaftsform.

Die Bügler-Tochter ist die einzige weibliche Figur, der der Text eine eigenständige emotionale Szene einräumt: Sie zeigt dem Erzähler das Foto ihres gefallenen ersten Geliebten, begraben auf französischem Boden. In diesem kurzen Austausch wird der abstrakte Antagonismus zweier Nationen auf die simpelste menschliche Ebene heruntergebrochen: Ein Mädchen, ihr toter erster Geliebter, ein Franzose als Gesprächspartner. Der Erzähler beschreibt die Szene mit unerwarteter Zartheit. Die Kommentierung des preußischen Geschlechtermodells bleibt insgesamt punktuell und ironisch-distanziert, aber der Befund ist klar: Die Frauen von Philisterburg sind Verwalterinnen eines Verlustes – des Mannes, des Vermögens, der Ordnung. Sie tragen die Folgen der historischen Katastrophe auf dem Körper.

Themen, semantische Felder und Metaphorik

Das zentrale semantische Feld des Textes ist das der Grenze: Staatsgrenze, Sprachgrenze, Gedankengrenze, Temperaturgrenze. Philisterburg ist kalt – die Fenster bleiben geschlossen, der Erzähler öffnet sie gegen den Willen seiner Wirtin, die das Heizöl nicht verschwenden will. Diese Fensterszene ist eine der seltsamsten und aufschlussreichsten des ganzen Buches: Der Franzose braucht Luft – den Austausch mit der Außenwelt –, die Preußin bewacht den Wärmeverlust. Es ist ein Bild für das gesamte kulturelle Muster: Die Geschlossenheit des preußischen Bürgerhauses, die Abwesenheit von Durchlüftung als kultureller Zustand.

Die Metaphorik des Organischen durchzieht den Text: Die Verhältnisse zwischen Frankreich und Deutschland werden als Krankheit beschrieben, der Nationalismus als Symptom, nicht als Ursache. Decour spricht explizit davon, dass man die Symptome nicht kurieren, sondern die Ursachen beseitigen müsse. Diese medizinische Metaphorik ist konsequent: Es handelt sich um ein krankes System, das aber heilbar wäre, wenn der politische Wille vorhanden wäre.

Das Thema des „Rapprochement franco-allemand“ – der deutsch-französischen Annäherung – zieht sich durch den gesamten Text wie ein melancholisches Leitmotiv. Es wird von Figuren verschiedenster politischer Couleur beschworen, aber stets entweder als hohle Phrase oder als strukturell unmöglich dargestellt. Decour selbst formuliert in der Vorrede: „Eine ‚deutsch-französische Annäherung‘ ist derzeit unmöglich, doch Zugeständnisse an Deutschland sind notwendig.“ 21 Diese Formulierung – Unmöglichkeit des Projekts, Notwendigkeit der Schritte – ist die paradoxale Conclusio eines politischen Realismus, der weder hoffnungslos noch naiv ist.

Das semantische Feld des Krieges – latent, allgegenwärtig – strukturiert den Text. Der vergangene Krieg ist in allen Biographien anwesend (die Lehrerkollegen sind allesamt ehemalige Frontkämpfer, die die Topographie Frankreichs aus dem Schützengraben kennen); der kommende Krieg ist in der Struktur der Feindbilder und der politischen Dynamik immer schon anwesend. Decour formuliert hellsichtig: „So wird die Weltöffentlichkeit darauf vorbereitet. Sollte es zu einem neuen Krieg kommen, besteht kein Zweifel daran, dass Frankreich aufgrund seiner zurückhaltenden Politik der Zurückhaltung dafür verantwortlich gemacht würde.“ 22 1940 wird sich diese Prognose bewahrheiten – nicht in ihrer Schuldzuweisung, aber in ihrer Beschreibung der Dynamik.

Intertextuelle und intermediale Referenzen

PHB ist reich an intertextuellen Bezügen, die konsequent deutsch-französisch überkreuzt sind. Goethe ist die zentrale Referenzfigur: nicht der kanonisierte Vitrinengott, sondern der Goethe des Relativismus, der Parteilosigkeit, des humanistischen Kosmopolitismus – jener Goethe, den die deutsche Jugend von 1930 nicht mehr versteht und nicht mehr lesen will. Nietzsche, der den Goethe-Satz über den Nutzwert von Geschichte zitiert, erscheint als Vermittler. Thomas Mann mit seinem Appell an die Vernunft, Börne und Heine als Vertreter einer jüdisch-deutschen Aufklärungskultur, Lessing und Herder als Gründungsväter einer deutschen Kulturtradition, die dem Erzähler näher ist als die gegenwärtige – all diese Referenzen konstruieren ein Gegenbild zur zeitgenössischen deutschen Realität.

Auf der französischen Seite stehen Stendhal und Montaigne als stilistische und epistemologische Vorbilder: Stendhal für die kühle Beobachtung auch unscheinbarer Fakten, Montaigne für das essayistische Denken als Selbstbefragung. Die Anspielung auf „Beyle, Milanese“ – Stendhals berühmte selbst-entfremdete Namensgebung – erscheint explizit als „fantaisie ou absurdité“: Nationalidentität ist nicht wählbar, aber auch nicht notwendigerweise das letzte Wort über ein Individuum.

Das Kontrafaktum von Goethes Haltung gegenüber der Gegenwart ist eine der literarisch effektvollsten Stellen des Textes: „Wenn er heute die Jugendlichen mit Hakenkreuzen sehen würde, die durch die Straßen marschieren und Kriegslieder singen, würde er sich in einen Elfenbeinturm zurückziehen, in dem er von beiden Seiten mit Kugeln durchsiebt würde.“ 23 Hier tritt Goethe als literarische Figur in den zeitgenössischen Raum ein – ein intertextueller Einbruch, der zugleich die Größe des Erbes und seine Unrettbarkeit in der aktuellen Lage markiert.

Intermedial ist wie oben angedeutet die Erwähnung von Remarques Im Westen nichts Neues – sowohl als Film als auch als Buch – zentral: Adlers Entrüstung über den pazifistischen Kriegsroman verweist auf die Konkurrenz zweier Erinnerungsdiskurse. Das Buch (Remarque) und der Film (Milestone) sind in Philisterburg verboten worden – ein Zensurakt, den Decour als Symptom des herrschenden Diskurses über die Kriegserinnerung liest.

Die Fußnoten des Textes gehören ebenfalls zur intertextuellen Dimension: Sie kommentieren, ergänzen, relativieren – ein Gespräch des Textes mit sich selbst. Eine Fußnote stellt lakonisch fest: „Was gibt es doch für viele Spießer in Frankreich!“ 24 – ein Fingerzeig, der die nationalistische Lektüre des Textes gegen sich selbst wendet.

Poetik des Romans und autopoetologische Dimension

Die Poetik von PHB ist eine Poetik des Dazwischen. Decour formuliert ihr Programm in dem Satz: „Ich gehöre zu denen, die glauben, dass Meinungen Verpflichtungen mit sich bringen.“ 25 Dies ist eine Position zwischen Elfenbeinturm und Parteibindung: Der Schriftsteller nimmt Stellung, ohne sich einer Doktrin zu verkaufen. Der Elfenbeinturm sei weder ehrlich noch möglich, aber die Parteikarte sei ein Verrat an der Spontaneität des literarischen Schreibens. Was bleibt, ist das Engagement als Form des Denkens, nicht als Unterwerfung unter ein System.

Diese autopoetologische Position wird in einem langen Abschnitt entfaltet, der die eigentliche literaturtheoretische Mitte des Textes bildet. Decour beschreibt den literarischen Schreibraum als einen „monde fermé, intérieur, inutilisable“ – geschlossen, innen, unverwertbar –, der aber Öffnung nach außen erfordert, sonst bleibe das Schreiben bloßes Handwerk: „Sonst wäre seine Beschäftigung nur Arbeit und sein Werk nur ein Handwerk. Aber er muss auch darüber hinausgehen, seinen Blick nach außen richten und zu den Problemen seiner Zeit Stellung beziehen.“ 26 Die Formulierung trifft präzise das, was PHB selbst ist: kein politisches Pamphlet und kein reines Kunstwerk, sondern ein Text, der aus dem geschlossenen literarischen Innenraum heraustritt, ohne sich in der Außenwelt aufzulösen.

Die Wahl des Tagebuchs als Gattung ist selbst eine poetologische Entscheidung: Sie verhindert die nachträgliche Kohärenz, den runden Abschluss, das fertige Urteil. Das Tagebuch schreibt im Prozeß des Verstehens, nicht nach ihm. Wenn Decour notiert: „Dieses Tagebuch langweilt mich. Es macht mir Sorgen. Ich spüre darin einen Fremden, einen Feind. Es lauert auf mich.“ 27 – dann ist das die autopoetologische Reflexion auf den Tagebuchzwang selbst: Das Medium beginnt, seinen Schreiber zu verfolgen, ihn zu einer Rechenschaft zu zwingen, die er vielleicht nicht leisten will.

Von der Karikatur zur gemeinsamen Verantwortung

Der Romanbeginn und der Romanschluss markieren zwei Pole eines intellektuellen Weges, der keine abgerundete Reifungsgeschichte darstellt, sondern eine zunehmend ernstere Erkenntnis.

Das Prélude beginnt im Komödiantischen: zwei aufgeblasene Bankiers im Eisenbahnabteil, die dem jungen Lehrer seine „heilige Mission“ als Kulturbotschafter erklären und ihn mit Parolen entlassen – „Lasst euch nicht von den Stahlhelmen unterkriegen! Zeigt es ihnen! Keine Nachprüfung! Sicherheit vor Abrüstung!“ 28 Das ist Satire im Ton Voltaires: die Selbstgefälligkeit des bürgerlichen Nationalismus karikiert in ihren eigenen Phrasen. Der Erzähler schweigt, nickt, betrachtet das Panorama.

Der Abschluss des Goethe-Essays – der letzte Teil des Textes – ist in einem anderen Ton gehalten: ruhig, traurig, ohne Häme. Goethe, der größte deutsche Dichter, ist zum „grand homme de vitrine“ geworden, ein Schaufensterexponat, das man ehrt ohne ihn zu lesen. Die Jugend, die ihn zurückweist, ist jung und ihre Meinungen sind nicht fest – aber das System, das sie hervorgebracht hat, ist das Problem: „Würden wir es an seiner Stelle besser machen?“ 29 Diese abschließende Frage wendet den Blick zurück auf Frankreich und auf den Leser. Das Komödiantische des Anfangs ist dem Ernst einer Selbstbefragung gewichen.

Zwischen Anfang und Schluss hat der Text eine Bewegung vollzogen, die man als Entkarikaturisierung beschreiben könnte: Die anfängliche Bereitschaft, die Deutschen als Witze zu betrachten, ist einer differenzierten Wahrnehmung gewichen – die eigene, die französische, die europäische. Der Zug von Paris nach Philisterburg ist eine Reise aus dem Selbstgefälligen in die schwierige Mitverantwortung.

Identität als Übersetzbares und Unabschließbares

PHB ist eines der (seltenen) Bücher, die mit klarer Stimme formulieren, was man nicht hören will – und die dafür in beiden Ländern nicht gehört wurden. In Frankreich skandalisierte der Text, weil er Verständnis für Deutschland zeigte; in Deutschland wurde er, als die Verhältnisse eintraten, die Decour beschrieben hatte, kein Thema mehr.

Was macht diesen Text zu einem Paradigma der Rubrik „Romans croisés“? Er poetisiert nicht das Dazwischen als harmonische Synthese, sondern als produktiven Widerspruch. Die deutsch-französische Grenze wird nicht aufgehoben, sondern als Erkenntnisort genutzt: Von ihr aus wird sichtbar, was von einem der beiden Ufer allein unsichtbar bleibt. Die formale Verschränkung von Tagebuch und Essay, von Beobachtung und Reflexion, von Nahaufnahme und Panorama entspricht dem Inhalt: einer Weigerung, die Komplexität durch Parteinahme aufzulösen.

Die zentrale Frage der Rubrik – wie Literatur Differenz nicht auflöst, sondern produktiv macht – beantwortet Decour durch sein Schreiben selbst. Bedeutung entsteht im Übergang zwischen den Sprachen dort, wo ein Wort keine genaue Entsprechung hat (‚Schülermaterial‘, unübersetzbar), dort, wo der Erzähler den lutheranischen Choral mitsingt und sich dabei beim Mitgerissenwerden ertappt, dort, wo ein Schüler Französisch und Deutsch mischt und dadurch sein gespaltenes Nationalitätsschicksal zum Sprechen bringt.

Bilder von Nachbarschaft und Konflikt entwirft Decour nicht als Folklore, sondern als politische Strukturanalyse: Die beiden Nationen sind wie zwei Menschen, die aufgehört haben miteinander zu sprechen und darüber streiten, wer zuerst wieder reden soll, während die gemeinsame Wohnung abbrennt. Die Identität des Erzählers selbst bleibt beweglich, übersetzbar, unabgeschlossen: Er ist Franzose, aber kein Chauvinist; er liebt Goethe, aber er idealisiert Deutschland nicht; er sieht die Gefahr kommen, aber er verweigert die bequeme Überlegenheit des Prophetengestus.

Dass Jacques Decour zwölf Jahre später von der Gestapo erschossen wurde, verleiht seinem Text eine Dimension, die über die Literaturwissenschaft hinausgeht. Aber als literarisches Dokument besteht PHB aus eigenem Recht: als eine der scharfsinnigsten, ehrlichsten und formal konsequentesten Zeugenaussagen über das deutsch-französische Verhältnis in dem Jahrzehnt, das Europa in die Katastrophe geführt hat – und als Zeugnis dafür, dass das Denken im Dazwischen nicht nur möglich, sondern notwendig ist.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Austausch und Unverständnis: Jacques Decour, Philisterburg." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Mai 1, 2026 at 12:48. http://rentree.de/2026/05/01/austausch-und-unverstaendnis-jacques-decour-philisterburg/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. „Hitler est le fils du traité de Versailles.“, S. [2084f.]>>>
  2. „Si j’avais le courage de lire ce qui précède, j’y trouverais sans doute, autour du noyau des petits faits réels, une épaisse couche de faits mentaux : peu de substance et beaucoup de bavardage.“, S. [816ff.]>>>
  3. „Ces notes, rédigées sans le moindre souci des conséquences, n’ont rien d’un reportage. Elles ne recherchent pas l’objectivité, mais l’impartialité.“, Préface, S. [58f.]>>>
  4. „J’étais peu à peu entraîné par le sentiment collectif qui les animait ; pour un peu, j’aurais chanté avec eux.“>>>
  5. „Le métier, c’est pour lui un sacerdoce, c’est une des plus belles professions qui soient : élever la jeunesse, former des hommes, montrer aux adolescents les voies du vrai et du bien“>>>
  6. „Il n’y a qu’une vérité, pense-t-il sans le moindre orgueil, c’est moi qui la détiens. Tous ceux qui ne sont pas nationaux-socialistes se trompent ou trompent le pays.“>>>
  7. „Quel abîme de scepticisme un Adler ne trouverait-il pas dans le moindre Français !“>>>
  8. „Mit seinem strubbeligen Haar und seinen Goethe-Augen hinter der Brille hat er ein geniales Aussehen.“ – „Avec ses cheveux hirsutes, ses yeux goethéens derrière les lunettes, il a une physionomie géniale.“>>>
  9. „Pas un seul, ai-je répondu tranquillement. Figurez-vous que nous ne lisons que des livres traduits de l’allemand.“>>>
  10. „Mon séjour à Philisterburg leur fournira pendant vingt ans leurs idées sur les Français.“>>>
  11. „Il n’y a pas entre les mots abstraits des deux langues d’équivalences parfaites ; les meilleures traductions ne sont que des approximations […] même la façon de penser, d’ordonner les pensées, diffère complètement. Si cultivés, si attentifs qu’ils soient, un Allemand et un Français ne peuvent se comprendre qu’à demi.“>>>
  12. „Kraus, petit brun au regard malicieux, mélangeait plaisamment le français et l’allemand.“>>>
  13. „J’ai, me semble-t-il, encore plus d’entrain que mes voisins. Je hurle.“>>>
  14. „En France, l’histoire et la géographie sont, pour la plupart des élèves, l’étude la plus ennuyeuse et la moins utile.“>>>
  15. „La maladie n’est d’ailleurs pas réservée à la Prusse, elle sévit aussi en France et la Sorbonne en est encore partiellement infestée.“>>>
  16. „Grands hommes nés à Philisterburg : néant.“>>>
  17. „Le 5 novembre. Le parti national-socialiste organise une réunion dans la grande salle municipale. Le parti communiste en organise une autre dans une salle voisine. […] il y a des morts.“>>>
  18. „Au secours, au secours, Maginot, fais-nous des canons !“>>>
  19. „Sur le plan politique, la France est le dragon gorgé d’or, qui s’endort sur les lauriers de la guerre et laisse le voisin mourir de faim.“>>>
  20. „Mme Grimm a célébré aujourd’hui l’anniversaire de la mort de son mari. Ce n’est pas son mari qu’elle pleure, c’est la fortune qu’il avait gagnée, c’est l’homme fort et besogneux qui sait commander d’une voix tranchante. Une telle femme a besoin de se sentir serve.“>>>
  21. „le ‚rapprochement franco-allemand‘ est actuellement impossible, mais des concessions à l’Allemagne sont nécessaires.“ Préface.>>>
  22. „C’est ainsi que l’on prépare l’opinion mondiale. Si une nouvelle guerre survenait, ne doutons pas que la France, grâce à sa prudente politique de conservation, en serait regardée comme responsable.“>>>
  23. „S’il voyait aujourd’hui les adolescents à croix gammée marcher dans les rues en chantant des hymnes guerriers, il se retirerait dans une tour d’ivoire dans laquelle il serait criblé de balles par les deux partis.“>>>
  24. „Mais que de Philisterbourgeois en France !“>>>
  25. „Je suis de ceux qui croient que les opinions engagent.“>>>
  26. „Sans quoi son occupation ne serait qu’un travail et son œuvre ne serait que de l’ouvrage. Mais il faut aussi qu’il en sorte, qu’il jette les yeux au-dehors et qu’il prenne position vis-à-vis des problèmes de son temps.“>>>
  27. „Ce journal m’ennuie. Il m’inquiète. Je sens en lui un étranger, un ennemi. Il me guette.“>>>
  28. „Ne vous faites pas avaler par les Casques d’Acier ! Faites-leur la leçon ! Pas de révision ! La sécurité avant le désarmement !“>>>
  29. „Ferions-nous mieux à sa place ?“>>>

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