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Inhalt
Die Überwindung eines statischen Werkbegriffs
In der folgenden Doppelrezension werden die beiden Werke von Tiphaine Samoyault vergleichend besprochen: Toutes sortes de Misérables (Seuil, 2026, zit. als TSM) und Traduction et violence (Seuil, 2020, zit. als TEV). Beide Bücher eint das grundlegende Interesse an der Transformation literarischer Texte – sei es durch die kulturelle Variation und Bearbeitung eines Klassikers oder durch den ebenso schöpferischen wie gewaltvollen Akt der Übersetzung.
Die besondere Aktualität für die heutige Literaturwissenschaft dieser Ausgangsthese zu Tiphaine Samoyault liegt in der radikalen Abkehr von der Vorstellung des „stabilen Textes“ und der Hinwendung zu einer Poetik der textuellen Mobilität. In einer Zeit, in der digitale Archive ein Übermaß an Gedächtnis suggerieren und globale Märkte literarische Klassiker oft auf bloße Handelsware reduzieren, fordern Samoyaults Werke dazu auf, Literatur nicht als statisches Denkmal, sondern als dynamischen Prozess der Transformation zu begreifen.
Ein zentrales Element dieser Aktualität ist die Neudefinition des „Klassikers“. Samoyault postuliert, dass Variation die Bedingung für die Existenz eines Klassikers ist. Ein Werk wie „Les Misérables“ bleibt nicht trotz seiner unzähligen Bearbeitungen, Kürzungen und Übersetzungen lebendig, sondern gerade wegen dieser „unendlichen Metamorphose“. Für die Literaturwissenschaft bedeutet dies, dass die Erforschung von Adaptionen und Rezeptionen nicht länger als Randerscheinung der Philologie betrachtet werden kann, sondern als Kernbereich der Werkkonstitution anerkannt werden muss. Die Autorin zeigt auf, dass Werke „anfällig dafür sind, ihre Varianten aufzunehmen und zu produzieren“, was eine historische und kritische Untersuchung ihrer Nutzung unabdingbar macht.
Ces quelques variations sur « Cosette » – qui ne sont qu’une sélection parmi beaucoup d’autres – permettent de poser deux considérations qui peuvent sembler, de prime abord, paradoxales. La première est que le personnage ne cesse de se disperser, de se différencier. Selon l’édition où nous la découvrons, les mots qui la disent ne sont pas les mêmes. Nous ne lisons pas la même Cosette. La deuxième est que la multiplication des Cosette garantit que nous la rencontrions toutes et tous, à un moment de nos existences lectrices. C’est pourquoi tout le monde se souvient de Cosette. Ainsi, et là le paradoxe disparaît, plus Cosette est réécrite, plus elle devient mémorable. Les implications théoriques de cette phrase – sur lesquelles la suite de cet essai reviendra plus longuement – invitent à nous demander de quoi nous nous souvenons lorsque nous lisons et sur quoi reposent nos communes références. (TSM)
Diese wenigen Variationen zu „Cosette” – die nur eine Auswahl unter vielen anderen sind – lassen zwei Überlegungen zu, die auf den ersten Blick paradox erscheinen mögen. Die erste ist, dass sich die Figur ständig auflöst, sich immer weiter differenziert. Je nach Ausgabe, in der wir sie entdecken, sind die Worte, die sie beschreiben, nicht dieselben. Wir lesen nicht dieselbe Cosette. Die zweite Überlegung ist, dass die Vervielfältigung der Cosettes dafür sorgt, dass wir sie alle irgendwann in unserem Leben als Leser begegnen. Deshalb erinnert sich jeder an Cosette. Und damit verschwindet das Paradoxon: Je öfter Cosette neu geschrieben wird, desto unvergesslicher wird sie. Die theoretischen Implikationen dieses Satzes – auf die im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes noch näher eingegangen wird – laden uns dazu ein, uns zu fragen, woran wir uns erinnern, wenn wir lesen, und worauf unsere gemeinsamen Referenzen beruhen.
Hier wird konkret gezeigt, wie Samoyault philologische Detailarbeit (Vergleich von Kinderfassungen des Hugo-Textes) für ihre Theorie nutzt. Sie diskutiert das Paradoxon, dass die Zerstückelung und Variation des Originals dessen kulturelle Präsenz nicht schwächt, sondern erst ermöglicht. Für das Buchvorhaben bedeutet dies: Die Literaturwissenschaft muss sich von der Fixierung auf den „einen“ Text lösen und die „textuelle Mobilität“ als Kern des Klassischen anerkennen.
Die Reflexion über Transformation ist hochgradig relevant für aktuelle Debatten um die sogenannte „Cancel Culture“. Samoyault argumentiert, dass jede Kultur auf einem fragilen Gleichgewicht zwischen Erinnern und Vergessen beruht und somit in gewisser Weise immer eine Form von „Cancel Culture“ ist. Die Aktualität ihrer These besteht darin, das Umschreiben als Gegenteil der Tilgung zu rahmen: Wer ein Werk umschreibt, erinnert sich an das Original. Anstatt moralische Korrekturen an Texten (wie etwa bei Agatha Christie oder Mark Twain) pauschal als Zensur zu verurteilen, lädt Samoyault dazu ein, diese Eingriffe als Teil einer „reparativen Gerechtigkeit“ zu verstehen, die unsichtbare Stimmen und marginalisierte Perspektiven im Kanon erst hörbar macht.
In Bezug auf die Übersetzung fordert Samoyault die Literaturwissenschaft heraus, das verbreitete Bild des Übersetzens als friedliche Brücke zwischen Kulturen zu hinterfragen. In der Ära der Künstlichen Intelligenz und automatisierter Übersetzung, die auf perfekte Transparenz und Äquivalenz abzielt, ist ihr Hinweis, dass „Transparenz Gewalt ist“, von hoher Aktualität. Die heutige Forschung muss sich demnach verstärkt der „agonistischen Übersetzung“ widmen – einem Modell, das den Konflikt und die Reibung zwischen den Sprachen nicht glättet, sondern als schöpferische und politische Kraft erhält. Übersetzung wird hier als ein „potenziell sezessionistischer und emanzipatorischer Raum“ begriffen, der hegemoniale Sprachstrukturen aufbrechen kann.
Samoyaults Ansatz zwingt die Literaturwissenschaft dazu, ihren Fokus von der Autorität des Originals auf die Autorität des Prozesses zu verschieben. Die Transformation literarischer Texte wird zum Schauplatz, an dem sich gesellschaftliche Machtverhältnisse, ethische Verantwortlichkeiten und das Überleben kultureller Identitäten entscheiden. In einer globalisierten Welt zeigt sie: „Ein Klassiker definiert sich weniger durch seine Beständigkeit als durch seine Veränderbarkeit“. Das Interesse an der Transformation eint somit die Philologie mit einer engagierten Kulturwissenschaft, die Literatur als lebendige, oft schmerzhafte, aber stets notwendige Auseinandersetzung mit der Welt versteht.
Einzellektüren: Texte als Prozesse in Raum und Zeit
TSM untersucht die Natur literarischer Klassiker am Beispiel von Victor Hugos Monumentalwerk. Samoyault vertritt die These, dass Variation die Bedingung für die Existenz eines Klassikers ist: Er bleibt nur deshalb lebendig, weil er ständig adaptiert, gekürzt, übersetzt und neu geschrieben wird. Vor dem Hintergrund zeitgenössischer Debatten um die „Cancel Culture“ zeigt sie, dass das Umschreiben keine Tilgung, sondern ein notwendiger Prozess des kollektiven Gedächtnisses ist, der Werke vor der Erstarrung bewahrt.
TEV stellt das gängige, rein positive Bild der Übersetzung als friedlicher Brücke zwischen Kulturen infrage. Samoyault analysiert die inhärente Gewalt der Übersetzung – das Zerstören und Neu-Zusammensetzen von Texten – sowie ihre historische Verstrickung in Kolonialismus und Totalitarismus. Sie plädiert für eine „agonistische“ Übersetzungstheorie, die den Konflikt und die Differenz zwischen den Sprachen aushält, statt einen falschen Konsens oder eine illusorische Transparenz vorzutäuschen.
Die Verbindung zwischen beiden Fragestellungen liegt im Begriff der textuellen Mobilität. Samoyault bricht in beiden Büchern mit der Vorstellung eines „heiligen Originals“. Während das erste Buch die Variation als Überlebensstrategie des Klassikers feiert, zeigt das zweite, dass genau dieser Prozess der Übertragung oft ein schmerzhafter Kampf um Autorität und Identität ist. Beide Werke fordern eine Literaturwissenschaft, die Texte nicht als statische Denkmäler, sondern als dynamische Prozesse in Raum und Zeit begreift.
Toutes sortes de Misérables: Umschreiben als Erinnern

Le présent livre entend montrer que la variation définit le classique, qu’elle est la condition même de son existence. Il veut le faire dans le contexte contemporain des attaques contre une prétendue culture de l’annulation où l’on s’insurge contre le droit de toucher à un texte. En prenant en compte les variations dans la durée de tout objet culturel – Les Misérables seront mon objet d’étude premier, mais j’aurai recours à beaucoup d’autres exemples dans le domaine des arts –, je rappellerai que toute culture promeut en reléguant, voire en effaçant ce qui précède. La valeur des œuvres ne leur est pas consubstantielle : c’est un potentiel activé ou non selon les époques. Et si chaque culture se fonde sur un équilibre toujours différent entre mémoire et oubli, il est possible d’affirmer que toute culture est, à sa manière, une « cancel culture ». Tout simplement parce que toute culture est la configuration singulière d’une mémoire collective, incluant sa part d’oubli temporaire et d’oubli définitif. C’est ainsi, on le verra, que réécrire n’est pas effacer, mais faire jouer les ombres et les lumières d’une façon chaque fois différente. (TSM)
Das vorliegende Buch möchte zeigen, dass Variation den Klassiker definiert, dass sie die eigentliche Voraussetzung für seine Existenz ist. Es möchte dies im aktuellen Kontext der Angriffe auf eine vermeintliche Kultur der Auslöschung tun, in der man sich gegen das Recht aufändert, einen Text zu verändern, auflehnt. Unter Berücksichtigung der Variationen in der Dauer jedes kulturellen Objekts – Les Misérables wird mein primäres Studienobjekt sein, aber ich werde viele andere Beispiele aus dem Bereich der Kunst heranziehen – werde ich daran erinnern, dass jede Kultur fördert, indem sie das Vorherige zurückstellt oder sogar auslöscht. Der Wert der Werke ist nicht wesensgleich mit ihnen: Es handelt sich um ein Potenzial, das je nach Epoche aktiviert wird oder nicht. Und wenn jede Kultur auf einem immer unterschiedlichen Gleichgewicht zwischen Erinnerung und Vergessen basiert, kann man sagen, dass jede Kultur auf ihre Weise eine „Cancel Culture” ist. Ganz einfach, weil jede Kultur die einzigartige Konfiguration eines kollektiven Gedächtnisses ist, einschließlich ihres Anteils an vorübergehendem und endgültigem Vergessen. So ist das Umschreiben, wie wir sehen werden, kein Auslöschen, sondern ein jedes Mal anderes Spiel mit Licht und Schatten.
Dieser Auszug legt das theoretische Fundament des Buches dar: Samoyault problematisiert die statische Sichtweise auf literarische Werke, die jede Bearbeitung als „Cancel Culture“ ablehnt. Stattdessen diskutiert sie die These, dass ein Klassiker nur durch ständige Veränderung überlebt. Die Relevanz für das Vorhaben liegt in der Umdeutung des „Löschens“: Es ist kein destruktiver Akt, sondern ein produktiver Teil der kollektiven Gedächtnisbildung, der Texte erst lebendig hält.
Kapitel 1: Cent fois Cosette. Samoyault beginnt mit den unzähligen Kinderfassungen und Bearbeitungen der Cosette-Figur. Sie stellt fest, dass Kürzungen oft mehr verändern als Umschreibungen, etwa wenn religiöse Bezüge gestrichen werden. Variation ist hier kein Verlust an Authentizität, sondern ein Gewinn an Memorabilität: „je mehr Cosette umgeschrieben wird, desto einprägsamer wird sie“.
Kapitel 2: Trois fois Les Misérables. Die Autorin reflektiert ihre eigenen drei Lektüren des Romans in verschiedenen Lebensaltern und Editionen. Sie zeigt, wie die individuelle Erfahrung den Text verändert: „Wir lesen, wer wir sind, weit mehr als wir sind, was wir lesen“. Für die Literaturwissenschaft bedeutet dies, dass Lektüre selbst ein aktiver Prozess der Transformation ist, der den Text ständig neu konstituiert.
Kapitel 3: Mille fois encore, ailleurs. Dieses Kapitel weitet den Blick auf die Weltliteratur und untersucht die Hugo-Rezeption in Russland, China und Korea. Samoyault zeigt, dass ein Werk „durch Übersetzung gewinnt“. Der Klassiker wird hier als ein „flüchtiges Objekt“ definiert, das erst in der Gesamtheit seiner Versionen existiert. Dies bricht das Paradigma der Nationalphilologie zugunsten einer globalen Perspektive auf.
Kapitel 4: Qu’est-ce qu’un texte lisible? Am Beispiel von Annie Ernaux und Montaigne wird Lesbarkeit als ideologisches Konstrukt untersucht. Samoyault argumentiert, dass Werke altern und „undurchsichtig“ werden, weshalb sie ständig angepasst werden müssen. Die Literaturwissenschaft gewinnt hier die Einsicht, dass Lesbarkeit kein Faktum, sondern eine Bewegung ist, die das Unverständliche miteinschließt.
Kapitel 5: Adapter, est-ce toujours altérer? Samoyault analysiert die Titeländerung bei Agatha Christie und die feministische Rückgewinnung von Märchen. Sie zeigt, dass das, was wir als „Original“ oder „Kanon“ betrachten, oft selbst das Ergebnis früherer Umschreibungen ist. Sie erhält die Einsicht, dass Anpassung die Bedingung für das Fortbestehen des Kanons unter veränderten moralischen Vorzeichen ist.
Kapitel 6: Les deux durées. Hier unterscheidet Vf’in zwischen der „dauerhaften Dauer“ von Werken und der „flüchtigen Dauer“ von Aktualisierungen im Theater. Am Beispiel von Shakespeare und Brecht zeigt sie, dass kollektive Autorschaft oft durch eine autoritäre Schriftkultur verschleiert wird. Dies fordert eine Revision des Geniebegriffs hin zu einer Anerkennung des kollektiven Schaffensprozesses.
Kapitel 7: La réécriture comme contestation de l’autorité culturelle. Samoyault diskutiert das Umschreiben als Machtkritik, etwa bei Toni Morrison oder Mark Twain. Sie argumentiert, dass Philologie aufschlussreicher ist als Ideologie, um die „Aufnahmekraft der Literatur“ zu zeigen. Umschreiben ist hier ein Akt der „reparativen Gerechtigkeit“, der Stimmen aus den Rändern hörbar macht.
Kapitel 8: Réécrire n’est pas effacer. Dieses Kapitel nutzt Analogien aus der Kunst (Rauschenberg, Vermeer), um zu zeigen, dass Tilgung oft Offenbarung ist. „Löschen ist nicht Vernichten“. Deshalb differenziert Samoyault zwischen Zensur (die ausschließt) und produktivem Auslöschen, das neue Bedeutungsschichten freilegt.
Kapitel 9: La disparition des livres. Samoyault reflektiert die Angst vor brennenden Bibliotheken und verlorenen Büchern. Sie stellt fest, dass wir im digitalen Zeitalter eher an einem „Zuviel“ an Gedächtnis leiden. Die Literaturwissenschaft muss lernen, mit dem Verlust und dem Fragmentarischen umzugehen, um Texte lebendig zu halten.
Kapitel 10: Faut-il réécrire les classiques? Samoyaults Fazit betont, dass Klassiker politische Institutionen sind, die durch Machtverhältnisse konstituiert werden. Samoyault plädiert dafür, keine Angst vor Variationen zu haben, da sie die Metamorphose der Geschichten und Sprachen widerspiegeln. Literatur bleibt ein Raum der Kritik an allen Institutionen.
Traduction et violence: Transparenz ist Gewalt

Pour penser la transformation des relations que ce développement de la traduction assistée par ordinateur implique, il faut cesser de penser la traduction comme une opération exclusivement positive d’accueil de l’étranger ou d’apprentissage des autres par leur langue. Il faut cesser d’en faire l’éloge ou de voir simplement en elle l’espace de la rencontre entre les cultures et les différentes façons de penser. La traduction peut devenir aussi l’outil principal de la marche vers un monde isolé, où chacun n’approche l’autre que par le petit bout de l’oreillette. La transparence est violence. Tout en se gardant bien d’observer ces évolutions sur le mode de la hantise ou de l’angoisse, il paraît donc important de penser autrement l’ensemble des processus de communication ; et, pour cela aussi, de comprendre la traduction comme une opération ambiguë, complexe, capable du meilleur comme du pire. Il faut rappeler quelle puissance d’appropriation et de réduction de l’altérité elle a manifesté dans l’histoire des rencontres culturelles, qui sont aussi des histoires de domination. (TEV)
Um über die Veränderungen nachzudenken, die diese Entwicklung der computergestützten Übersetzung mit sich bringt, muss man aufhören, Übersetzung als einen ausschließlich positiven Vorgang zu betrachten, bei dem man Fremdes aufnimmt oder andere durch ihre Sprache kennenlernt. Man muss aufhören, sie zu loben oder sie einfach als Ort der Begegnung zwischen Kulturen und verschiedenen Denkweisen zu sehen. Übersetzung kann auch zum wichtigsten Instrument auf dem Weg zu einer isolierten Welt werden, in der jeder den anderen nur über das kleine Stückchen Kopfhörer wahrnimmt. Transparenz ist Gewalt. Ohne diese Entwicklungen mit Angst oder Beklemmung zu betrachten, erscheint es daher wichtig, alle Kommunikationsprozesse anders zu denken und dafür auch die Übersetzung als einen mehrdeutigen, komplexen Vorgang zu verstehen, der zum Besten wie zum Schlechtesten fähig ist. Man muss sich vor Augen führen, welche Macht der Aneignung und Reduzierung der Andersartigkeit sie in der Geschichte der kulturellen Begegnungen, die auch Geschichten der Herrschaft sind, entfaltet hat.
Samoyault problematisiert den euphorischen Diskurs über technologische Transparenz. Sie diskutiert, dass eine vermeintlich „hürdenfreie“ Kommunikation durch KI die eigentliche Begegnung mit der Differenz verhindert. So dekonstruert das Buch die Auffassung der Übersetzung als rein friedfertige Brücke; sie wird als ambivalenter Akt der Aneignung und Reduktion von Alterität sichtbar gemacht.
Einleitung: Seuls, chacun dans sa langue. Samoyault warnt vor der Illusion einer perfekten, durch KI gesteuerten Transparenz. Sie postuliert: „Transparenz ist Gewalt“. Für ihr Vorhaben bedeutet dies, die Übersetzung als eine komplexe Operation zu verstehen, die nicht nur verbindet, sondern auch trennt und aneignet.
Kapitel 1: Traduction et consensus démocratique. Die Autorin kritisiert den euphorischen Diskurs internationaler Organisationen über die Übersetzung als bloßes Friedensinstrument. Sie entlarvt dies als Verleugnung von Machtverhältnissen. So wir die Notwendigkeit postuliert, das „Negative“ wieder in die Übersetzungstheorie einzuführen, um die Reibung zwischen den Kulturen sichtbar zu machen.
Kapitel 2: Les antagonismes de la traduction. Historische Beispiele wie die Eroberung Amerikas (Malinche) und Algeriens zeigen, wie Übersetzung zur Auslöschung von Kulturen beitrug. Übersetzung ist oft ein „Dienst an der ideologischen Vereinheitlichung“. Dies schärft den Blick für die politische Verantwortung des Übersetzers in asymmetrischen Machtverhältnissen.
Kapitel 3: La traduction agonique. Samoyault entwickelt den Begriff der agonistischen Übersetzung, die den Konflikt nicht auflöst, sondern als schöpferische Kraft nutzt. Sie zeigt an Beckett und Celan, dass die Übersetzung das Werk in einen „Zustand der Differenz“ versetzt. Für die Literaturwissenschaft bietet dies ein Modell, um Texte jenseits von Identität und Eigentum zu denken.
Kapitel 4: La double violence. Hier wird die Gewalt gegen das Original (Zerstörung der Form) und die Gewalt gegen die Zielsprache (Verfremdung) analysiert. Am Beispiel von Artaud und Pézard zeigt sie, dass radikale Übersetzungen die Sprache neu erfinden. Die Übersetzung wird anerkannt als „sezessionistischer Raums“, der Emanzipation ermöglicht.
Kapitel 5: La traduction dans les camps. Die Analyse von Primo Levis Werk zeigt die Übersetzung als Akt des Überlebens und des Zeugnisses. „Von der Möglichkeit zu übersetzen hängt das Überleben ab“. Dies verdeutlicht, dass das Zeugnis selbst eine Übersetzung der Erfahrung in eine Sprache ist, die dem Ereignis oft nicht gewachsen scheint.
Kapitel 6: Rendre justice par la traduction. Samoyault verbindet „Justesse“ (Richtigkeit) und „Justice“ (Gerechtigkeit). Sie diskutiert Derridas Konzept der „relevanten“ Übersetzung. Eine gerechte Übersetzung ist eine, die dem Werk seine Sprache zurückgibt oder es – wie Mallarmé im Arabischen – in seiner verborgenen Tiefe enthüllt.
Kapitel 7: Une zone d’imprévisibilité. Bezugnehmend auf Édouard Glissant wird die Übersetzung als Teil der „Relation“ und „Kreolisierung“ verstanden. Sie ist ein Bereich des Unvorhersehbaren, der hierarchische Strukturen durchbricht. Dies läuft hinaus auf eine Poetik der Übersetzung, die nicht auf Inhalten, sondern auf Beziehungsprozessen beruht.
Kapitel 8: Traduction et communauté. Samoyault untersucht, wie Übersetzung Gemeinschaften stiftet, aber auch ausschließt. Am Beispiel von Michel Vinaver zeigt sie, wie Nicht-Übersetzung die Distanz zu globalen Ereignissen markieren kann. Für die Literaturwissenschaft folgt daraus die Einsicht, dass Übersetzung kein universelles „Wir“ schafft, sondern ein „Wir der Differenz“.
Kapitel 9-10: Traduction, procréation et tournant sensible. Die Autorin analysiert sexualisierte Metaphern der Übersetzung und verknüpft sie mit biologischen Prozessen der Fortpflanzung. Schließlich fordert sie eine Hinwendung zum Sinnlichen: Übersetzung müsse auch das Nicht-Audible und das Nicht-Humane (die „Sprache der Tiere“) berücksichtigen. Dies weitet den Horizont der Literaturwissenschaft weit über den menschlichen Text hinaus.
J’ai observé que si les métaphores de l’enfantement dominaient le discours sur la création, celles qui sont couramment employées pour parler de l’acte de traduire touchent non plus à la naissance ou au fait de donner la vie, mais aux douleurs qui leur sont associées. Les birth pangs, les douleurs de l’enfantement, qui sont aussi en anglais les douleurs de la naissance, éprouvées à la naissance, et que la « nature » nous enjoint d’oublier, manifestent à la fois la collusion entre traduction et création (tant les métaphores sont proches) et l’idée que la traduction est un travail quand on continue à rêver la création comme une forme de révélation ; de l’inné et du génie en tant que celui-ci est à lui-même sa propre origine. La procréation, et les manipulations que l’on peut exercer à partir d’elle, rendent illusoire cette question de l’origine, et ne subsiste plus alors que l’exercice du corps dans ce qu’il a de plus pénible car de plus contraint. La traduction prolonge la création, mais elle en prolonge aussi – et dès lors en exprime – les difficultés et les peines. Elle la pousse, littéralement. Elle la sort du corps propre en tentant de lui en donner un autre qui soit aussi un peu le sien. (TEV)
Ich habe beobachtet, dass zwar Metaphern der Geburt den Diskurs über das Schaffen dominieren, diejenigen, die üblicherweise verwendet werden, um über den Akt des Übersetzens zu sprechen, jedoch nicht mehr die Geburt oder das Leben schenken betreffen, sondern die damit verbundenen Schmerzen. Die birth pangs, die Geburtswehen, die auch im Englischen die Schmerzen der Geburt bezeichnen, die bei der Geburt empfunden werden und die uns die „Natur” zu vergessen gebietet, zeigen sowohl die Verflechtung zwischen Übersetzung und Schöpfung (so ähnlich sind sich die Metaphern) als auch die Vorstellung, dass Übersetzen Arbeit ist, während man sich die Schöpfung weiterhin als eine Form der Offenbarung vorstellt; des Angeborenen und des Genies, da dieses sein eigener Ursprung ist. Die Fortpflanzung und die Manipulationen, die man anhand dieser ausüben kann, machen diese Frage des Ursprungs illusorisch, und es bleibt nur noch die Ausübung des Körpers in seiner schmerzhaftesten Form, da sie am meisten eingeschränkt ist. Die Übersetzung verlängert die Schöpfung, aber sie verlängert auch die Schwierigkeiten und Mühen – und verleiht ihnen damit Ausdruck. Sie treibt sie buchstäblich voran. Sie holt sie aus dem eigenen Körper heraus und versucht, ihr einen anderen zu geben, der auch ein wenig ihr eigener ist.
Samoyault problematisiert hier die geschlechtsspezifischen Metaphern der Literaturgeschichte. Sie zeigt, dass Übersetzung kein gottgleicher Schöpfungsakt ist, sondern ein mühsames „Gebären“ (Prokreation), das mit dem Schmerz der Zweitrangigkeit verbunden ist. Der Ertrag liegt in der materiellen und körperlichen Rückbindung des Übersetzens: Es ist ein „Labeur“, ein physischer Widerstand, der die Illusion des souveränen, autonomen Originals zerstört.
Fazit und Ausblick: Poetik der textuellen Mobilität
Samoyault kombiniert in beiden Büchern akribische philologische Textarbeit mit politischer und kulturwissenschaftlicher Theoriebildung. Während TSM eher induktiv von einem Einzelwerk zu einer Theorie des Klassikers aufsteigt, ist TEV deduktiver angelegt und dekonstruiert den ethischen Konsens der Übersetzungswissenschaft. Beide Bücher lehnen ein positivistisches Verständnis von Literatur ab. Die Autorin arbeitet hochgradig interdisziplinär, indem sie bildende Kunst, Theaterwissenschaft, Rechtsphilosophie und Naturwissenschaften (Biotechnologie) einbezieht.
Ihre Arbeitsweise ist geprägt von einer „Hyper-Lektüre“. Sie vergleicht kleinste Nuancen in Kinderfassungen von „Les Misérables“ ebenso wie verschiedene Übersetzungen von Celan oder Kafka. Dabei bleibt sie stets konkret und anschaulich, etwa wenn sie die physische Anstrengung des Übersetzens als „Arbeit des Körpers“ beschreibt.
Un dernier paramètre temporel influe peut-être encore plus directement sur les processus de classicisation, sur les fluctuations de ce qu’une société considère comme classique et sur la réécriture même des classiques, c’est le rôle du pouvoir. Un ouvrage n’est pas érigé en classique pour des valeurs qui lui seraient intrinsèques, mais selon la façon dont il est reçu. Et cette réception lui fait franchir plusieurs seuils de consécration. Celui de l’institution littéraire de l’époque, de l’édition, de l’école, de la recherche universitaire… Au XIXe siècle, pour la première fois en France, un éditeur, Hachette, lançait une collection dite de classiques. Ce ne fut pas un hasard. Cette initiative était concomitante de l’exaltation du « roman national ». On aspirait alors à lier étroitement langue, littérature et nation. (TSM)
Ein letzter zeitlicher Faktor hat vielleicht noch direkteren Einfluss auf den Prozess der Klassifizierung, auf die Schwankungen dessen, was eine Gesellschaft als klassisch ansieht, und auf die Neufassung der Klassiker selbst: die Rolle der Macht. Ein Werk wird nicht aufgrund seiner inneren Werte zum Klassiker, sondern aufgrund der Art und Weise, wie es aufgenommen wird. Und diese Rezeption lässt es mehrere Stufen der Anerkennung durchlaufen. Die der literarischen Institution der damaligen Zeit, des Verlagswesens, der Schule, der universitären Forschung … Im 19. Jahrhundert brachte ein Verleger, Hachette, zum ersten Mal in Frankreich eine sogenannte Klassikerreihe heraus. Das war kein Zufall. Diese Initiative fiel mit der Begeisterung für den „nationalen Roman” zusammen. Man strebte damals danach, Sprache, Literatur und Nation eng miteinander zu verbinden.
Samoyault problematisiert hier die Vorstellung, Klassiker besäßen zeitlose, innewohnende Werte. Sie zeigt, dass der Status eines Werks das Ergebnis von Machtverhältnissen und institutionellen Entscheidungen ist. Für ihr Vorhaben ist dies entscheidend, um die heutige Notwendigkeit von Umschreibungen (z.B. aus dekolonialer Sicht) zu legitimieren: Da der Kanon politisch konstruiert wurde, muss er auch politisch verhandelbar bleiben.
In TSM nutzt Samoyault eine induktive und philologische Methode, indem sie von Victor Hugos Roman als primärem Untersuchungsobjekt ausgeht und dessen unzählige Variationen akribisch vergleicht. Sie führt detaillierte Textanalysen durch, um zu zeigen, wie Kürzungen, Adaptionen für Kinder oder Titeländerungen den „Geist“ eines Werkes oft stärker verändern als eine wörtliche Umschreibung. Ihre Arbeitsweise verbindet diese philologische Detailarbeit mit einer historischen Diskursanalyse, die untersucht, wie Institutionen wie Verlage oder Schulen Klassiker als politische Machtinstrumente konstituieren und nutzen. Zudem weitet sie den Blick auf die Weltliteratur und transnationale Rezeptionsgeschichten aus (etwa in China, Russland oder Korea), um das Paradigma der Nationalphilologie aufzubrechen und den Klassiker als ein dynamisches, globales Geflecht aus Versionen zu begreifen.
In TEV verfolgt die Autorin eine dekonstruktive und kritisch-theoretische Methode, mit der sie den vorherrschenden euphorischen Diskurs über Übersetzung als rein friedliches Instrument der Völkerverständigung hinterfragt. Sie analysiert politische Institutionstexte und historische Fallbeispiele (wie die Eroberung Amerikas oder das koloniale Algerien), um die Verflechtung von Übersetzung mit Machtasymmetrien, kultureller Auslöschung und Gewalt aufzuzeigen. Methodisch entwickelt sie dabei neue begriffliche Kategorien wie die „agonistische Übersetzung“, die den Konflikt zwischen den Sprachen nicht glättet, sondern als schöpferisches Potenzial begreift, und verschiebt den Fokus von der philologischen „Richtigkeit“ (justesse) zur ethischen „Gerechtigkeit“ (justice). Ihre Analyse stützt sich zudem auf literarische Fallstudien extremer Grenzerfahrungen, etwa in den Werken von Primo Levi oder Paul Celan, um die Übersetzung als einen existentiellen Akt des Überlebens und des Zeugnisses zu verankern.
La traduction place le même dans un état de différence, et de différence continuée. Il faut essayer de prendre la mesure de ce par quoi cette différence peut être critique. À l’ère des post (postmoderne, postcolonial ou posthumain…), le nouveau, l’inédit, l’original ont laissé la place à une différence qui est pensée moins comme altérité éventuellement menaçante que comme état permanent de variations, d’hétérogénéités, d’hybridations. Le risque est parfois la dilution de la différence, ce qui implique qu’elle doit être critique. Si la traduction a pris tant de place non seulement dans la pensée (comme régulation d’un rapport à la mondialisation) mais également dans les écritures contemporaines, c’est sans doute parce que notre époque a pris conscience des dangers de la représentation. Les écrivains bilingues, les écrivains qui s’autotraduisent ou qui choisissent d’écrire dans une langue étrangère, littéralisent le topos selon lequel toute littérature serait écrite dans une sorte de langue étrangère, travaillant la différence dans et pour la langue. La traduction ne produit jamais que de la ressemblance habitée de dissemblances. (TEV)
Die Übersetzung versetzt das Gleiche in einen Zustand der Differenz und der fortdauernden Differenz. Man muss versuchen zu ermessen, inwiefern diese Differenz kritisch sein kann. Im Zeitalter des Post (Postmoderne, Postkolonialismus oder Posthumanismus…) sind das Neue, das Unbekannte und das Originelle einer Differenz gewichen, die weniger als möglicherweise bedrohliche Andersartigkeit, sondern vielmehr als permanenter Zustand von Variationen, Heterogenitäten und Hybridisierungen verstanden wird. Das Risiko besteht manchmal in der Verwässerung der Differenz, was bedeutet, dass sie kritisch sein muss. Wenn die Übersetzung nicht nur im Denken (als Regulierung eines Verhältnisses zur Globalisierung), sondern auch in der zeitgenössischen Literatur einen so großen Platz eingenommen hat, dann sicherlich deshalb, weil unsere Zeit sich der Gefahren der Repräsentation bewusst geworden ist. Zweisprachige Schriftsteller, Schriftsteller, die sich selbst übersetzen oder sich dafür entscheiden, in einer Fremdsprache zu schreiben, literarisieren den Topos, wonach jede Literatur in einer Art Fremdsprache geschrieben sei, und arbeiten mit der Differenz in und für die Sprache. Übersetzung erzeugt immer nur eine von Unähnlichkeiten durchdrungene Ähnlichkeit.
Dieser Auszug diskutiert den zentralen Begriff der „agonistischen Übersetzung“. Samoyault zeigt, dass Übersetzung nicht Identität schaffen soll, sondern einen „Zustand der Differenz“ aufrechterhalten muss. Für das Vorhaben bedeutet dies: Eine ethische Übersetzung glättet Konflikte nicht, sondern macht die Reibung zwischen den Sprachen als schöpferisches und kritisches Potenzial fruchtbar.
Samoyault zeigt mit beiden Büchern: „Die Literatur hat keine Privilegien“. Ihre Kraft liegt in ihrer Fähigkeit, durch ständige Verwandlung und Übersetzung Widerstand gegen die Ordnung der Welt zu leisten. Ihre Texte fordern von der heutigen Literaturwissenschaft einen radikalen Abschied vom statischen Textbegriff zugunsten einer Poetik der textuellen Mobilität, die das Werk nicht als unveränderliches Denkmal, sondern als dynamisches Geflecht aus unendlichen Variationen begreift. Ein Klassiker definiert sich demnach nicht durch seine Beständigkeit, sondern durch seine Mutabilität in Raum und Zeit, wobei Umschreibungen, Kürzungen und Adaptionen die eigentliche Bedingung für seine mémorabilité und sein Überleben sind. Diese Perspektive bricht das verengte Paradigma der Nationalphilologie auf und verankert das literarische Objekt in einer transnationalen Weltliteratur, in der ein Autor durch die globalen Metamorphosen seiner Übersetzungen – wie am Beispiel der Hugo-Rezeption in China oder Russland gezeigt – erst seine volle kulturelle Wirksamkeit entfaltet. Das Original verliert dabei seinen Status als sakrosankter, souveräner Urtext und wird stattdessen als ein volatiles Objekt verstanden, das erst in der Gesamtheit seiner Versionen und Nutzungen wirklich existiert.
Methodisch mündet dieser Ansatz in die Forderung nach einer agonistischen Philologie, die Machtasymmetrien und die inhärente Gewalt der Textzirkulation nicht länger als Störfaktoren glättet, sondern als erkenntnisfördernde Reibungsflächen produktiv macht. Anstatt eine illusorische Transparenz oder einen falschen demokratischen Konsens vorzutäuschen, die kulturelle Differenzen tilgen, muss die Forschung den Konflikt zwischen den Sprachen als schöpferische Kraft aushalten und die Übersetzung als einen potenziell sezessionistischen und emanzipatorischen Raum begreifen. Darüber hinaus drängt Samoyault die Literaturwissenschaft zu einem tournant sensible, der den Fokus über die rein rationale Sprache hinaus auf das Sinnliche und Nicht-Humane weitet – von der materiellen Textur der Laute bis hin zur „Sprache der Tiere“. Nur durch diese Öffnung für das Unvorhersehbare, die Opazität und die materiellen „Schmerzen“ des Texttransfers kann die Disziplin der Komplexität globaler Krisen begegnen und Literatur als einen Raum der reparativen Gerechtigkeit begreifen, der stets bereit ist, „alle Arten von Elenden“ in sich aufzunehmen.
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