Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl

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Rechtssein als Pose

Côme Martin-Karls La réaction aus dem Jahr 2019 ist eine Satire auf das rechtsextreme und reaktionäre Milieu im heutigen Frankreich. Der Roman karikiert dessen Erscheinungsformen sehr konkret: die libertär-katholisch-identitäre Mischszene (Yvon mit seinem Programm aus „Todesstrafe, schwacher Staat, Privatisierung von Boden, Luft, Feuer und Wasser“ 1 ), die Online-Trolle und maskulinistischen Gaming-Foren (Jérôme), den traditionalistischen Katholizismus (Marine, Joie & Combat“) und vor allem die zerfallende Welt royalistisch-integralistischer Splittergruppen („Reaktionäre Erneuerung“, „Merowingisches Land“, „Komitee für die royalistische Wiedervereinigung“ 2 ). Die Komik lebt von der absurden Spaltungsdynamik dieser Mikrogruppen – am Ende zersplittert der Renouveau réactionnaire (RR) in ein Dutzend Grüppchen, von denen viele „leere Hüllen, die aus nur einer Person bestehen“ 3 sind.

Es ist allerdings nicht primär eine Parodie auf die „Nouvelle Droite“ im engeren, ideengeschichtlichen Sinn – also den intellektuellen Strang um Alain de Benoist und den GRECE der 1970er Jahre. Diese Strömung war metapolitisch, neuheidnisch und gerade nicht christlich. Martin-Karls Zielscheibe ist eher das gegenwärtige, breitere Spektrum: die katholisch-reaktionäre Rechte, die Online-Reaktion und die „France des ronds-points“ der späten 2010er Jahre. Der erfundene RR mit seiner Verdammung des Buchdrucks ist eine Erfindung, die das „Prinzip“ reaktionären Denkens ad absurdum führt – die Frage „Jusqu’où remonter?“ –, kein Porträt einer realen Schule.

Und der entscheidende Punkt: Die schärfste Satire richtet sich gar nicht auf eine Doktrin, sondern auf die Hohlheit dahinter. Matthieu wird nicht rechts aus Überzeugung, sondern aus Dandytum und Distinktionssucht – und wechselt am Schluss mühelos ins linke Lager. Damit ist der Roman weniger eine Parodie einer Ideologie als eine Satire auf die Pose, auf ein Verständnis von Männlichkeit und ein Milieu, in denen politische Haltung zur reinen Selbstinszenierung verkommt.

Im Rückblick auf seine Jugend erklärt Matthieu, wie er am Gymnasium erstmals entdeckte, dass eine rechte Haltung ihm soziales Kapital verschaffte. Die Stelle steht unmittelbar nach seiner kalkulierten Schulaufsatz über die Vereinbarkeit von Homosexualität und reaktionärem Denken und beschreibt die Wurzel seines politischen Auftretens.

Quand j’étais au lycée, l’air du temps voulait qu’un tiers des élèves soit de gauche, et que les deux autres tiers soient dénués de toute conscience politique. Je portais de longs manteaux noirs, j’appelais Robespierre „Robert-Pierre“ comme les contre-révolutionnaires, je lisais Jacques Chardonne, je lisais Paul Morand, je lisais les romantiques parce qu’ils étaient hautains et antilibéraux, j’apprenais par cœur des vers d’Alfred de Vigny parce qu’ils étaient pessimistes. […] Je disais aux gens que j’étais très à droite pour devenir un pestiféré sublime, et c’est ce qui arrivait. On m’a détesté, et j’avais des admirateurs et des admiratrices, on n’a jamais été aussi amoureux de moi qu’au lycée, car on n’aime que les gens détestés. […] [Ils] formaient un cercle dont j’étais le gourou et qui s’enorgueillissait d’être maudit.

Côme Martin-Karl, La réaction

Als ich auf dem Gymnasium war, war es damals so, dass ein Drittel der Schüler linksorientiert war und die anderen zwei Drittel keinerlei politisches Bewusstsein hatten. Ich trug lange schwarze Mäntel, ich nannte Robespierre „Robert-Pierre“, wie die Konterrevolutionäre, ich las Jacques Chardonne, ich las Paul Morand, ich las die Romantiker, weil sie hochmütig und antiliberal waren, ich lernte Verse von Alfred de Vigny auswendig, weil sie pessimistisch waren. […] Ich sagte den Leuten, ich sei sehr rechts, um ein erhabener Ausgestoßener zu werden, und genau das passierte. Man hasste mich, und ich hatte Bewunderer und Bewunderinnen; nie war man so verliebt in mich wie im Gymnasium, denn man liebt nur die Menschen, die man hasst. […] [Sie] bildeten einen Kreis, in dem ich der Guru war und der stolz darauf war, verflucht zu sein.

Die Stelle legt die Mechanik der Distinktionssucht offen, noch ehe von Ideologie die Rede ist. Matthieus Lektüren sind nach Wirkung, nicht nach Inhalt ausgewählt – die Romantiker liest er, „parce qu’ils étaient hautains et antilibéraux“, Dichter wie Vigny, „parce qu’ils étaient pessimistes“: Die Begründung liegt stets in der Geste der Abweichung, nie in der Überzeugung. Die schwarzen Mäntel, der affektierte „Robert-Pierre“, die auswendig gelernten Verse sind Requisiten einer Inszenierung, deren Ziel die Formel „pestiféré sublime“ auf den Punkt bringt – der erhabene Aussätzige. Entscheidend ist der Lohn: Bewunderung und Begehren („des filles voulaient coucher avec moi“). Rechtssein funktioniert hier als erotisches und soziales Kapital, das gerade aus der Verachtung der Mehrheit entsteht („on n’aime que les gens détestés“). Politik ist von Anfang an Selbststilisierung zum Gurus eines Kreises, der sich seines Verfemtseins „enorgueillissait“.

Wenn Matthieu Richard im allerersten Satz des Romans bekennt, es sei zu seiner großen Überraschung, dass er überhaupt existiere 4, dann ist damit bereits die paradoxe Grundstruktur einer Männlichkeit benannt, die sich nur als Pose, nie als Substanz zu fassen bekommt. Dieser Aufsatz vertritt die These, dass REA die reaktionäre Männlichkeit nicht als Ideologie, sondern als ästhetisches Distinktionsverfahren entlarvt: Der Erzähler wird nicht rechts, weil er etwas glaubt, sondern weil Rechtssein in seinem Milieu die wirksamste Form ist, sich von der „formlosen Masse“ 5 der anderen abzuheben – eine Männlichkeit also, deren härtester Kern die Leere ist und deren provokante Härte präzise dort kippt, wo das einzige echte Begehren des Erzählers, das homosexuelle, sie von innen aushöhlt. Um diese These zu diskutieren, fragt der Aufsatz: Mit welchen Gattungs- und Erzählverfahren erzeugt der Roman die Spannung zwischen Bekenntnis und Selbstinszenierung? Wie ordnet die Figurenkonstellation die Männer als Spiegel einer immer gleichen Hohlheit an? Welche Räume, Zeiten und semantischen Felder – von der versiegelten Vorstadtbrache bis zur tausendjährigen Apokalypse – geben dieser Männlichkeit ihre Bühne? Und schließlich: Was bedeutet es poetologisch, dass ein Roman über die Feinde des gedruckten Wortes selbst ein gedrucktes Buch ist, das seinen Erzähler beim Verfassen eines Aufsatzes über die eigene Identität zeigt?

Côme Martin-Karls Roman erzählt aus der Rückschau die Geschichte Matthieu Richards, eines arbeitslosen Mannes Ende zwanzig, der sich aus reinem Dandytum in der erstarkenden reaktionären Szene Frankreichs treiben lässt. Der erste Teil führt in die „communauté de l’Expiation“ ein, eine luxuriöse Pariser Wohngemeinschaft, in der der libertäre Erbe Yvon Saillac de Livès rechtsextreme Internet-Trolle als Mäzen alimentiert. Matthieu, der unter wechselnden Pseudonymen wie „Bearnais2souche“ oder „Gaystapo“ in Kommentarspalten und sozialen Netzwerken hetzt, lebt zwischen Marine Versot, einer katholischen Bloggerin, und Jérôme Noyel, dem Betreiber maskulinistischer Gaming-Foren. Sein Antrieb ist nicht Überzeugung, sondern die panische Furcht vor Normalität: Er will sich um jeden Preis abheben.

Der zweite Erzählstrang setzt mit einer Begegnung auf einer Demonstration für die „Freiheit der Wissenschaft“ ein, die Jérôme durch ein erfundenes Gerücht über zensierte Rasseforschung selbst ausgelöst hat. Dort erkennt Matthieu in einem Aktivisten des winzigen „Renouveau réactionnaire“ Maximin wieder, einen Mann, mit dem er anderthalb Jahre zuvor geschlafen hatte und der damals noch links war. Maximin, nunmehr katholisch-integralistisch und doktrinär, schleppt Matthieu in das Milieu des RR, dessen Gründungsidee es ist, die Erfindung des Buchdrucks als Beginn des zivilisatorischen Verfalls, der „Grande Déliquescence“, zu bekämpfen. An Maximins Seite steht dessen jüngerer Geliebter Enguerrand, ein als Khalid Derradji in Bobigny geborener, zum rigiden Katholizismus konvertierter Algerier.

Während Matthieu sich in das Sektenleben aus Konferenzen, Spaltungen und Bibelzitaten verstrickt, eskaliert die Handlung doppelt. Privat wird er aus der „Expiation“ gedrängt: Yvon lässt aus Verärgerung über Matthieus Untätigkeit von einem Schützenklub-Freund die Wohnungstür seines Freundes Issouf – eines burkinischen Muslims, bei dem Matthieu zeitweise unterkommt – mit Schrot durchlöchern, was die Nachbarschaft in Paranoia stürzt. Politisch eskaliert die Lage, als Maximin bei einer Straßenschlägerei zwischen linken und rechten Schlägertrupps niedergeschlagen wird und ins Koma fällt. Matthieu empfindet an Maximins Krankenbett vor allem die Faszination der Katastrophe, weniger Mitgefühl; seine eigentliche, nie ausgesprochene Sehnsucht gilt Enguerrand.

Kurz nach seinem Einzug in die „communauté de l’Expiation“ steht Matthieu am Fenster seines Zimmers und beschreibt seine Beklemmung. In einer Umgebung, in der alle dieselben rechten Ansichten teilen, droht ihm das Schlimmste: Normalität.

Je me demandais ce que je faisais là, j’avais peur que mon anticonformisme se dissolve dans cet endroit où tout le monde affichait des opinions réprouvées par soixante ans de triomphe culturel de la gauche. J’avais peur d’être devenu consensuel. Je tenais à mon originalité à tel point que, si jamais l’air du temps devenait entièrement, absolument, indistinctement réactionnaire, j’envisageais d’être communiste.

Côme Martin-Karl, La réaction

Ich fragte mich, was ich hier eigentlich tat; ich hatte Angst, dass sich mein Nonkonformismus an diesem Ort auflösen würde, an dem jeder Meinungen vertrat, die durch sechzig Jahre kulturellen Triumphs der Linken verpönt waren. Ich hatte Angst, konsensorientiert geworden zu sein. Meine Originalität lag mir so sehr am Herzen, dass ich, sollte der Zeitgeist jemals gänzlich, absolut und unterschiedslos reaktionär werden, sogar in Erwägung zog, Kommunist zu werden.

Diese Stelle ist der explizite Schlüssel zur These und nimmt die Schlusspointe des Romans vorweg. Matthieus Furcht gilt nicht etwa dem Verrat an einer Sache, sondern allein der Auflösung seines „anticonformisme“ – dem Gespenst, „consensuel“ zu sein. Die rechten Überzeugungen interessieren ihn nur, solange sie „réprouvées“ sind, also Abweichung garantieren; sobald sie zur Mehrheit würden, verlören sie jeden Wert. Der Konditionalsatz formuliert das Prinzip mit logischer Kälte: Würde der Zeitgeist „entièrement, absolument, indistinctement réactionnaire“, erwöge er, „d’être communiste“. Die politische Achse links–rechts wird damit als beliebig kenntlich gemacht – konstant bleibt allein die Funktion, sich von der Mehrheit abzusetzen. Genau diesen Mechanismus vollzieht der Romanschluss, wenn der einstige Troll eine linke Buchhandlung führt und nun von Rechten angegriffen wird: Nicht eine Läuterung hat stattgefunden, sondern der Lagerwechsel war im System der Distinktionssucht von Beginn an angelegt.

Der letzte Teil zeigt Matthieu und Enguerrand bei einem konspirativen Einbruch in den RR-Sitz, wo sie die „biografischen Hefte“ der Mitglieder stehlen – erzwungene Geständnisse, deren Veröffentlichung das Grüppchen in Dutzende absurde Splittergruppen zersprengt. Dieser Tag mit Enguerrand bleibt Matthieus glücklichste Erinnerung. Eine spätere, gemeinsam begangene Tat führt beide vor Gericht in Pau; nach der Verhandlung bricht Enguerrand jeden Kontakt ab. Im Epilog betreibt der gealterte Matthieu eine linke Buchhandlung an der belgischen Grenze, hält Marx-Abende ab und wird nun seinerseits von rechten Aktivisten angegriffen. Maximin, erfährt er beiläufig, ist nach dreiundzwanzig Jahren aus dem Koma erwacht – vergessen, sprachlos, ein politischer Märtyrer ohne Bewegung.

Verfahren der Inszenierung und Entlarvung

Die Verweigerung der Entwicklung

REA übernimmt die Oberfläche des Entwicklungs- und Desillusionsromans, um sie systematisch zu unterlaufen. Der Roman beginnt mit einem Bewerbungsgespräch, das gar nicht stattfindet – Matthieu gibt sein Besuchernamensschild zurück und verlässt das Hochhaus, ehe er „chef de produit haché/sous vide“ werden kann. Diese verweigerte Initiation ins Erwachsenenleben setzt den Ton: Statt der bürgerlichen Reifung, die der Bildungsroman verlangt, inszeniert der Text eine Bewegung in die Marginalität hinein, die der Erzähler selbst als Sucht nach Subversion durchschaut. Sein Bild dafür ist das eines Sprengmeisters, der unablässig Sprengsätze in ein bereits vermintes Feld legt 6. Die Gattungserwartung des „Helden“, der durch Prüfungen wächst, wird so von Anfang an als selbstzerstörerische Endlosschleife demontiert. Der Klappentext, der das Buch ironisch „un roman édifiant sur notre époque“ – einen „erbaulichen“ Roman – nennt, treibt die Parodie auf die Spitze: Erbauung gibt es hier nur als ihr Gegenteil.

Unzuverlässiges Erzählen und Selbstkonstruktion

Der Roman ist durchgehend homodiegetisch und retrospektiv erzählt, doch die Erzählinstanz untergräbt ihre eigene Autorität fortwährend. Matthieu gesteht offen, dass Erinnerung und Erfindung bei ihm ineinanderfließen – etwa wenn er Enguerrands Vorgeschichte konzediert: „Ich stelle es aus dem Gedächtnis wieder her, aber vielleicht erfinde ich auch ein bisschen etwas dazu.“ 7. Diese eingestandene Unzuverlässigkeit ist kein Nebeneffekt, sondern poetologisches Zentrum: Sie verwandelt jede Schilderung in einen Akt der Selbstkonstruktion. Bezeichnend ist die Episode der „cahiers biographiques“, der erzwungenen Geständnishefte des RR: Matthieu fühlt sich durch die abfälligen Randnotizen („mensonges“, „pédé“, „caractériel“) nicht in seiner Intimität verletzt, weil die Hälfte dessen, was er selbst hineingeschrieben hatte, ohnehin gelogen war. Der Text führt damit eine Figur vor, deren Innerstes aus Fiktionen besteht – und eine Erzählung, die nicht zwischen Wahrheit und Lüge, sondern zwischen Versionen wählt. Der Leser ist gezwungen, gegen den Erzähler zu lesen.

Ein gedrucktes Buch gegen den Buchdruck

Die schärfste Ironie des Romans liegt in seiner Selbstreferenz. Der „Renouveau réactionnaire“ datiert den Beginn des Verfalls auf die Verallgemeinerung des Buchdrucks im 15. Jahrhundert – und druckt zugleich seine Broschüren, etwa das aus einem einzigen, hunderte Seiten langen Absatz bestehende „Erschrecken oder Barbarei“ 8. Matthieu spricht den Widerspruch aus („Mais vous imprimez vos tracts.“), und Maximin antwortet mit der zynischen Formel, man kämpfe mit den Waffen, die man bekommt 9. Diese Szene ist eine Allegorie des Romans auf sich selbst: Ein gedrucktes Buch erzählt von Männern, die das Gedruckte verdammen, und entlarvt damit die performative Selbstwidersprüchlichkeit reaktionärer Rede. Verschärft wird dies durch die Schlüsselszene im Café, in der Matthieu mit Heft und schwarzem Stift „als müsste ich einen Aufsatz schreiben“ 10 das Thema bearbeitet: „Wie lassen sich Homosexualität und reaktionäres Denken miteinander vereinbaren?“ 11 Hier wird die Figur zum Autor ihrer eigenen Ideologie: Überzeugung entsteht nicht aus Erfahrung, sondern aus einer schriftlichen Übung in Kohärenz. Der Roman zeigt das Schreiben selbst als Technik der reaktionären Selbsterfindung.

Un jour, j’ai pris un carnet et un stylo noir, je me suis attablé dans un café, j’ai tracé des schémas, j’ai fait appel à des lectures exactement comme si je devais rédiger une dissertation dont le sujet aurait été : „Comment concilier homosexualité et pensée réactionnaire ?“. Et en une heure je tenais une réponse à peu près articulée. Elle pouvait se résumer ainsi : la religion chrétienne a été condamnée et persécutée par l’Empire romain. Or, un réactionnaire peut à bon droit défendre comme un bloc l’héritage chrétien et l’héritage gréco-romain de l’Occident. […] Dans peu de temps, quelques dizaines d’années tout au plus, l’homosexualité, aujourd’hui rejetée par les réactionnaires, sera vue comme appartenant au bloc de continuité occidentale qu’il faudra défendre au même titre qu’il faut défendre, et pour les mêmes raisons, la mémoire du vase de Soissons. Je suis un réactionnaire en avance.

Côme Martin-Karl, La réaction

Eines Tages nahm ich ein Notizbuch und einen schwarzen Stift, setzte mich in ein Café, zeichnete Schemata und griff auf Literatur zurück, ganz so, als müsste ich einen Aufsatz schreiben, dessen Thema gelautet hätte: „Wie lassen sich Homosexualität und reaktionäres Denken miteinander vereinbaren?“. Und innerhalb einer Stunde hatte ich eine mehr oder weniger formulierte Antwort parat. Sie ließ sich wie folgt zusammenfassen: Die christliche Religion wurde vom Römischen Reich verurteilt und verfolgt. Nun kann ein Reaktionär jedoch zu Recht das christliche Erbe und das griechisch-römische Erbe des Westens als Einheit verteidigen. […] In nicht allzu ferner Zukunft, in höchstens ein paar Jahrzehnten, wird Homosexualität, die heute von den Reaktionären abgelehnt wird, als Teil des westlichen Kontinuitätsblocks angesehen werden, den es ebenso zu verteidigen gilt wie – und aus denselben Gründen – die Erinnerung an die Vase von Soissons. Ich bin ein Reaktionär, der seiner Zeit voraus ist.

Hier wird Homosexualität restlos in eine intellektuelle Konstruktion überführt – sie soll nicht gefühlt, sondern bewiesen werden. Die Form des Aufsatzes mit Schemata und Belegen ist entlarvend: Identität entsteht bei Matthieu nicht aus Erfahrung, sondern aus einer schriftlichen Kohärenzübung. Die Argumentation selbst ist eine groteske Verrenkung, die zwei „partiellement ennemies“ Erbschaften (das verfolgte Christentum, das verfolgende Rom) zum „bloc de continuité occidentale“ verschweißt, um die eigene Sexualität nachträglich einzugemeinden. Der absurde Verweis auf den „vase de Soissons“ – das Schulbuch-Symbol des Frankenreichs – treibt die Pseudo-Gelehrsamkeit ins Komische. Die selbstgewisse Schlusspointe „Je suis un réactionnaire en avance“ zeigt, worum es wirklich geht: nicht um Selbstannahme, sondern um die Wahrung der Sonderstellung. Selbst die Homosexualität wird zum Distinktionsgewinn umgedeutet, zum Beweis, der Avantgarde voraus zu sein.

Die Entleerung der Sprache: Kommunikation als Krieg ohne Inhalt

Ganz zu Beginn des Romans verlässt Matthieu ein Bewerbungsgespräch, ehe es beginnt. Er reflektiert, was ihn an der Stelle als „chef de produit haché/sous vide“ überhaupt gereizt hatte – und entlarvt damit sein Verhältnis zu jeder Positionierung.

J’avais été excité par ce poste. Ce qui m’avait excité, c’est que j’aurais œuvré pour une industrie détestée, une industrie en train de mourir sous les coups de boutoir de la bien-pensance animalo-végétalienne. J’aurais pu dire en soirée, à des personnes tout juste rencontrées […] : „Je suis chef de produit haché/sous vide, je travaille pour une marque qui transforme des veaux en cubes goût arrière-pays provençal.“ J’aurais aimé lire dans leurs yeux l’incompréhension ou le dégoût. J’aurais aimé qu’ils commencent à argumenter sur le cancer de la viande, le bien-être des animaux doués de conscience et la protection de l’environnement.

Côme Martin-Karl, La réaction

Diese Stelle hatte mich begeistert. Was mich daran gereizt hatte, war, dass ich für eine verachtete Branche gearbeitet hätte, eine Branche, die unter den Hieben der tier- und veganorientierten Political Correctness im Sterben lag. Ich hätte auf einer Party zu Leuten, die ich gerade erst kennengelernt hatte, sagen können […]: „Ich bin Produktmanager für Hackfleisch/Vakuumverpackungen, ich arbeite für eine Marke, die Kälber in Würfel mit dem Geschmack der provenzalischen Hinterlandregion verwandelt.“ Ich hätte gerne in ihren Augen Unverständnis oder Ekel gelesen. Ich hätte mir gewünscht, dass sie anfangen, über Fleischkrebs, das Wohlergehen bewusster Tiere und den Umweltschutz zu diskutieren.

Die Szene überträgt die Distinktionslogik vom Politischen aufs Berufliche und macht so sichtbar, dass es Matthieu nie um den Gegenstand geht, sondern stets um die Reaktion des Gegenübers. Was ihn reizt, ist nicht die Fleischindustrie selbst, sondern ihr Status als „industrie détestée“ – das Verachtete zieht ihn an wie zuvor am Lyzeum die verfemte Pose. Der vorweggenommene Smalltalk ist als Provokationsdramaturgie konstruiert: Er imaginiert „Unverständnis oder Abscheu“ 12 im Blick der anderen und genießt den Streit, den er auslösen würde. Die antiökologische Stoßrichtung („animalo-végétalienne“, „protection de l’environnement“) ist dabei austauschbar – sie liefert nur den Widerstand, an dem sich seine Sonderstellung beweisen lässt. Tatsächlich nimmt er die Stelle nicht an, denn echte Zugehörigkeit (Kollegen, Kantine, Hierarchie) würde die Pose zerstören. Die Haltung existiert nur als folgenlose Behauptung in der Soirée, nicht als gelebte Praxis.

Die vorherrschende Kommunikationsform des Romans ist die entkoppelte, folgenlose Rede. Yvons Tischmonologe – der Erzähler vergleicht ihn mit dem Hitler der Anekdote, der seine Gäste mit zusammenhanglosem Gerede bis tief in die Nacht erschlug – sind das Modell: Politik ist hier reine Deklamation, die sich am nächsten Tag widerspruchslos selbst dementieren kann. Yvons absurde „Theorie“, die Ebene mache die wahre französische Seele aus, während Flussanwohner Verräter seien, weil sie zur „eine flüchtige Gesellschaft ohne Bindungen“ 13 gehörten, ist Sprache, die sich von jedem Wahrheitsanspruch gelöst hat. Dieselbe Struktur trägt die Troll-Praxis: Jérômes erfundenes Gerücht über zensierte Rasseforschung verbreitet sich, wie es heißt, „mit der Geschwindigkeit einer Kugel, die in einen leeren Raum geschossen wird“ 14 und durchstößt die Membran zwischen der Welt der Trolle und der „Welt der Leute“. Der Roman diagnostiziert eine Männlichkeit, die ihre Wirkmacht nicht aus Argumenten, sondern aus der Geschwindigkeit und Gewalt der Provokation bezieht – eine Kommunikation, in der das Behaupten den Beweis ersetzt und die Nichtexistenz eines Belegs paradox als Beleg gilt.

Als Jérômes erfundenes Gerücht über zensierte Rasseforschung die etablierten Medien erreicht, muss nun jede politische Person Stellung beziehen – auch der Innenminister.

La polémique avait envahi les médias traditionnels, percé la membrane qui sépare le monde des trolls de celui des gens, et pendant presque deux semaines, toute personnalité politique interviewée se devait d’avoir un avis sur la censure des travaux de recherche. La science était-elle libre ? Y avait-il des questions désormais et pour toujours interdites ? Le ministre de l’Intérieur de l’époque avait déclaré dans un quotidien : „Cette rumeur me paraît complètement infondée, mais il n’en demeure pas moins qu’on doit s’interroger collectivement sur les limites d’une certaine pensée unique qui s’immisce jusque dans la science.“

Côme Martin-Karl, La réaction

Die Kontroverse hatte die traditionellen Medien erobert, die Grenze zwischen der Welt der Trolle und der Welt der Menschen durchbrochen, und fast zwei Wochen lang musste jede befragte politische Persönlichkeit eine Meinung zur Zensur von Forschungsarbeiten haben. War die Wissenschaft frei? Gab es Fragen, die nun und für immer verboten waren? Der damalige Innenminister hatte in einer Tageszeitung erklärt: „Dieses Gerücht erscheint mir völlig unbegründet, doch bleibt nichtsdestotrotz die Frage, ob wir uns gemeinsam Gedanken über die Grenzen eines gewissen Einheitsdenkens machen müssen, das sich bis in die Wissenschaft hinein ausbreitet.“

Ohne reale Namen zu nennen, zeichnet der Roman präzise den Mechanismus der gegenwärtigen französischen Debattenkultur nach: wie eine im Trollmilieu fabrizierte Falschmeldung „la membrane“ zur seriösen Öffentlichkeit durchstößt und das gesamte politische Personal zur Stellungnahme zwingt. Die Ministeräußerung ist eine Musterstudie rhetorischer Feigheit – sie nennt das Gerücht „complètement infondé“ und legitimiert es im selben Atemzug durch das „il n’en demeure pas moins“. Das Schlagwort „pensée unique“ – ein realer Kampfbegriff der französischen Rechten gegen den vermeintlichen linken Meinungskonsens – markiert die Anspielung auf zeitgenössische Diskurse genau. Der Roman diagnostiziert eine Mitte, die der rechten Provokation nicht widersteht, sondern sie aus Angst vor dem Vorwurf des Konformismus halb übernimmt: die „dédiabolisation“ in Aktion.

Spiegel der Leere: die Aushöhlung der reaktionären Männlichkeit

Varianten männlicher Inhaltslosigkeit

Die Figurenkonstellation ordnet sich um Matthieu als ein System von Spiegeln an, von denen jeder eine Spielart der inhaltslosen reaktionären Männlichkeit reflektiert. Yvon, der dreißigjährige Erbe mit dem Gesicht eines „neunzehn Jahre alt, der mit fünfundzwanzig sterben würde“ 15, verkörpert die libertäre Variante: Sein Programm – die Privatisierung von Luft, Feuer und Wasser 16, seine Begeisterung „Ich liebe die globale Erwärmung“ 17 – ist reine Provokation eines Müßiggängers, der seine Truppe entlässt, sobald sie ihn langweilt. Jérôme, der maskulinistische Forenbetreiber, dessen politische Beiträge der Erzähler auf seine vermutete sexuelle Frustration zurückführt, zeigt die masturbatorische Variante: ein „körperlicher Mut, der umgekehrt proportional zur Niederträchtigkeit seiner virtuellen Äußerungen ist“ 18, der bei der ersten realen Konfrontation zusammenbricht und um Gnade winselt. Und Maximin, der binnen weniger Monate vom Marxismus-Leninismus über drei rechte Gruppen zum RR wandert, verkörpert die doktrinäre Variante, deren „doktrinäre Reinheit“ 19 nur die Kehrseite völliger Beliebigkeit ist. Matthieu hält ihm spöttisch vor: „Letztendlich versuchst du, es allen recht zu machen.“ 20 – eine Diagnose, die für ihn selbst nicht weniger gilt.

Misogynie und Negation des Weiblichen

Die geschlechtliche Ordnung des Romans ist eine fast geschlossene Männerwelt, in der Weiblichkeit nur als Karikatur oder als Verfügungsmasse erscheint. Marine Versot ist eine Karikatur der katholischen „fofolle“, deren Mund- und Augenrhetorik der Erzähler genüsslich seziert; Sabrina, die RR-Aktivistin und Verkehrspolizistin, wird auf das herabsetzende Bild eines „lebende Ampel“ 21 reduziert.

Matthieu rekonstruiert den Werdegang Enguerrands (geboren als Khalid Derradji), des jüngeren, zum Katholizismus konvertierten Geliebten Maximins. Die Stelle erzählt, wie der Junge wegen einer sexuellen Handlung aus der katholischen Schule flog.

Mais il se trouve que Khalid a sucé la bite d’un camarade en troisième, aux toilettes, pendant la récréation de quinze heures cinquante-cinq. Il a été exclu, mais pas son camarade, car la position de celui qui se fait prodiguer une fellation est moins humiliante pour l’institution, un trou est un trou, à cet âge-là des hormones peuvent faire faire n’importe quoi. À l’inverse, sucer une bite, ça, ça ne pouvait pas être une erreur, un coup de tête, c’était répugnant, délibéré et inadmissible. […] On l’a envoyé contre toute logique dans un internat mâle non mixte, tenu par des religieux traditionalistes réputés durs, dans un département montagneux. Il eut d’autres expériences sexuelles, pas toujours désirées, c’est là qu’il a appris à se méfier de tout le monde sauf de la France éternelle, la France du Christ, de Jeanne d’Arc et du sang vendéen.

Côme Martin-Karl, La réaction

Aber es stellte sich heraus, dass Khalid in der neunten Klasse während der Pause um 15:55 Uhr auf der Toilette einem Mitschüler einen geblasen hatte. Er wurde von der Schule verwiesen, sein Mitschüler jedoch nicht, denn die Position desjenigen, dem ein Blowjob verpasst wird, ist für die Institution weniger demütigend – ein Loch ist ein Loch, und in diesem Alter können Hormone einen zu allem verleiten. Im Gegensatz dazu konnte das Blasen eines Schwanzes kein Fehler oder eine spontane Laune sein, es war widerwärtig, absichtlich und inakzeptabel. […] Man schickte ihn entgegen jeder Logik in ein reines Jungeninternat, das von als streng geltenden traditionalistischen Ordensbrüdern in einer bergigen Region geführt wurde. Er machte weitere sexuelle Erfahrungen, nicht immer gewollte, und dort lernte er, jedem zu misstrauen außer dem ewigen Frankreich, dem Frankreich Christi, Jeanne d’Arcs und des Blutes der Vendée.

Diese Stelle radikalisiert das Motiv, indem sie Homosexualität als Ursprung – nicht als Widerspruch – der reaktionären Wendung zeigt. Die Schule bestraft asymmetrisch: Der gebende, als „weiblich“ markierte Part wird ausgeschlossen, der empfangende nicht, denn „un trou est un trou“. Der Roman legt damit die homophobe Logik der Institution bloß, die aktive Penetration toleriert, die Unterwerfung aber als „répugnant, délibéré et inadmissible“ verfemt. Tragisch ist die Kausalkette: Aus Demütigung und weiteren, teils erzwungenen Erfahrungen im Internat erwächst Enguerrands Flucht in die „France éternelle […] du Christ, de Jeanne d’Arc et du sang vendéen“. Die Hinwendung zum Integralismus ist hier Verdrängungsleistung – der Hass richtet sich nach außen, um die als beschämend erlebte eigene Sexualität zu überdecken. Der Roman deutet mann-männliches Begehren so als das verdrängte Zentrum, das die reaktionäre Männlichkeit zugleich hervorbringt und zerstört.

Am deutlichsten wird die Geschlechterideologie in Enguerrands Familiengeschichte: Nur der Sohn muss „integriert“ werden, während die Töchter ins öffentliche Schulwesen abgeschoben werden, weil Mädchen „von Natur aus formbar“ 22 seien, „die sich in die nationale Erzählung einfügen lassen, so wie man Eier in einen Kuchenteig einarbeitet“ 23. Dieses kulinarische Bild die Frau als passive Zutat – entlarvt die maskulinistische Logik, in der Männlichkeit Gefahr, Aufstieg und Geschichte beansprucht, Weiblichkeit aber bloße Formbarkeit. Die reaktionäre Männlichkeit braucht die Frau nur als Negativfolie ihrer eigenen behaupteten Härte.

Die Subversion des Begehrens

Eine zentrale Subversion des Romans besteht darin, dass seine reaktionären Männer schwul sind – und ihre Ideologie Schwule verdammt. Matthieu schläft ausschließlich mit linken Männern und zieht aus dem Politstreit nach dem Sex eine erotische Lust, eine „Fortsetzung des Geschlechtsakts“ 24. Matthieu erinnert sich an eine winterliche Nacht mit einem linken Mann, mit dem er sich küsst, der ihn aber wegschickt. Die Episode dient ihm als Anlass, seinen ungelösten Widerspruch zwischen reaktionärer Haltung und gleichgeschlechtlichem Begehren offenzulegen.

– Et pour quelqu’un de droite, être pédé, c’est pas un problème ? / – Je ne suis pas pédé. / Cette réponse, qui m’était venue spontanément, ne me satisfaisait pas. Le contre-argument était évident mais je ne m’y étais pas assez préparé. Je crois que mon personnage de cynique se contentait de cette contradiction sans savoir la résoudre. Je prêchais la défense d’un monde en train de s’engloutir, je développais des valeurs conservatrices, je vomissais la modernité, néanmoins d’une certaine manière, on pouvait me reprocher d’en faire partie en séduisant des garçons. Pour dénouer ce conflit, à l’époque j’oscillais entre plusieurs cadres d’explication flous. Parfois, je me disais que je faisais ça pour faire chier les musulmans. D’autres fois, j’invoquais des figures comme Ernst Röhm ou Abel Bonnard. D’autres fois encore, je refusais de me coller une étiquette.

Côme Martin-Karl, La réaction

– Und für jemanden von rechts ist es kein Problem, schwul zu sein? / – Ich bin nicht schwul. / Diese Antwort, die mir spontan eingefallen war, befriedigte mich nicht. Das Gegenargument lag auf der Hand, aber ich hatte mich nicht ausreichend darauf vorbereitet. Ich glaube, meine zynische Rolle begnügte sich mit diesem Widerspruch, ohne zu wissen, wie man ihn auflösen könnte. Ich predigte die Verteidigung einer Welt, die im Untergang begriffen war, ich vertrat konservative Werte, ich verabscheute die Moderne, und doch konnte man mir in gewisser Weise vorwerfen, Teil davon zu sein, indem ich Jungen verführte. Um diesen Konflikt aufzulösen, schwankte ich damals zwischen mehreren vagen Erklärungsrahmen hin und her. Manchmal sagte ich mir, dass ich das tat, um die Muslime zu ärgern. Ein anderes Mal berief ich mich auf Persönlichkeiten wie Ernst Röhm oder Abel Bonnard. Wieder ein anderes Mal weigerte ich mich, mir ein Etikett aufzukleben.

Die Stelle zeigt Homosexualität als ein Begehren, das die Figur lebt, aber als Identität verweigert. Das reflexhafte „Je ne suis pas pédé“ ist kein Bekenntnis, sondern eine Abwehr, die Matthieu selbst nicht überzeugt – er nennt sie eine unaufgelöste „contradiction“, an der sein „personnage de cynique“ festhängt. Bezeichnend ist, dass er das Begehren nur über fremde Rahmungen erträglich macht: als antimuslimische Provokation, als Anrufung historischer schwuler Rechtsextremer (Ernst Röhm, der SA-Führer; Abel Bonnard, der kollaborationistische Schriftsteller) oder durch die Verweigerung jedes Etiketts. Homosexualität wird so nicht als gelebtes Selbst, sondern als ideologisches Problem behandelt, das es argumentativ zu „entwirren“ 25 gilt. Der Roman entlarvt damit eine reaktionäre Männlichkeit, die ihr eigenes Begehren nur als zu lösende Denkaufgabe, nie als Teil ihrer Person zulassen kann.

Das Begehren zwischen Männern ist im Roman keine bekenntnishafte Identität, sondern wird konsequent als Provokations- und Distinktionsform inszeniert – als Verlängerung genau jener Pose, die auch Matthieus Politik trägt. Sex und politischer Streit sind bei Matthieu untrennbar verschränkt. Er schläft nur mit linken Männern und zieht aus dem Disput nach dem Akt eine eigene Erregung: Er sehe „die Iris sich verdunkeln, der Atem wird schwerer, die Körper spannen sich an“ 26. Das Begehren zielt nicht auf den anderen, sondern auf dessen Widerstand. Entsprechend verweigert er die Identitätskategorie: Auf den Vorwurf „Ist es kein Problem, schwul zu sein?“ 27 antwortet er reflexhaft „Ich bin kein Schwuler.“ 28 – eine Antwort, die ihn selbst nicht überzeugt und deren Widerspruch er mit dem Aufsatz im Café nur theoretisch zu glätten versucht.

Begehren als Konkurrenz und Eroberung statt Bindung. Sein Verlangen nach Enguerrand ist offen instrumentell motiviert: Er will mit ihm schlafen, ausdrücklich „weil er mich nicht wollte“ 29, und um Maximin zu kränken, der ihn nur als „Fleisch für Aktivismus“ 30 behandelt. Hier wird Begehren zur Machtfrage, als Eroberung des Unverfügbaren, Demütigung des einstigen Partners. Bezeichnend ist die Asymmetrie mit Maximin, dessen kühles „Wir werden nicht wieder miteinander schlafen“ 31 Matthieus narzisstische Erwartung verletzt, er hätte „eine unvergessliche Erinnerung“ 32 hinterlassen müssen.

Der Roman bietet selbst eine Deutung an und entwertet sie sofort, eine psychoanalytische Spur und ihre ironische Abwehr. Matthieus früh verstorbene Mutter existiert für ihn nur als Foto in roter Kleidung („une robe incarnate“), auf dem sie „belle, elle se détache des autres“. Er liefert die Lesart gleich mit: ein Analytiker hätte erklärt, „Ich habe immer versucht, wie meine Mutter im roten Kleid zu sein: Homosexualität, das Streben nach Besonderheit, bla-bla-bla.“ 33 Das „bla-bla-bla“ ist programmatisch: Der Text koppelt Homosexualität und Distinktionssucht ausdrücklich an dieselbe Wurzel (das Sich-Abheben der toten Mutter), verweigert aber jede tröstliche Tiefendeutung – „Da kann man nichts machen.“ 34

Trotz aller Pose ist das mann-männliche Begehren paradoxerweise der einzige Ort von Lebendigkeit. Matthieus glücklichste Erinnerung ist nicht politisch, sondern die Zugfahrt mit dem lachenden Enguerrand, den er „von beispielloser Schönheit“ 35 erlebt – ein Moment, den er später anruft, „um mich davon zu überzeugen, dass ich nicht tot bin.“ 36 Das Begehren steht damit quer zur Ideologie: Es ist das, was die reaktionäre Selbstinszenierung von innen aushöhlt.

Der Aufsatz im Café, der das Christentum als vom Römischen Reich verfolgt und die Homosexualität als künftigen Teil des zu verteidigenden „bloc de continuité occidentale“ konstruiert, ist eine groteske intellektuelle Verrenkung, an deren Ende der stolze Satz steht: „Ich bin ein Reaktionär, der seiner Zeit voraus ist.“ 37. Enguerrands Vorgeschichte radikalisiert das Motiv: Aus der katholischen Schule fliegt er als Junge, weil er mit einem Mitschüler Fellatio macht – bestraft wird nur der gebende, gedemütigte Part. Aus dieser Demütigung erwächst seine Wendung zum „France du Christ“-Integralismus. Der Roman zeigt die reaktionäre Männlichkeit damit als Verdrängungsleistung: Sie richtet ihre Härte nach außen, um den eigenen, als beschämend erlebten Begehrenskern zu überdecken.

Frauen sind im Roman strukturell an den Rand gedrängt und erscheinen fast ausschließlich in drei entwerteten Funktionen: Als Karikatur etwa. Marine Versot wird zur Groteske der katholischen „fofolle“ reduziert, ganz „raide“ und mit aufgerissenem Mund zum Himmel blickend; Sabrina, die RR-Aktivistin und Verkehrspolizistin, schrumpft auf das herabsetzende Bild eines „feu tricolore vivant“. Die weiblichen Figuren bekommen kaum Innenleben – sie sind Typen, keine Subjekte.

Zweitens erscheinen Frauen als ideologische Verfügungsmasse: Am schärfsten formuliert es Enguerrands Familiengeschichte. Nur der Sohn muss „integriert“ werden, die Töchter gelten als „von Natur aus formbar“ 38 und „die sich in die nationale Erzählung einfügen lassen, so wie man Eier in einen Kuchenteig einarbeitet“ 39. Das kulinarische Bild – die Frau als passive Zutat – entlarvt die maskulinistische Logik, in der Männlichkeit Gefahr, Geschichte und Aufstieg beansprucht, Weiblichkeit aber bloße Formbarkeit ist.

Drittens erscheinen sie als abwesendes oder idealisiertes Phantasma. So sind die zentralen Frauen buchstäblich abwesend: die tote Mutter, die nur als Foto existiert; die „fadasse“ Stiefmutter als ihr blasses Negativ; Clarisse, die Gastgeberin, die nie auf Nachrichten antwortet und deren Verschwinden Matthieu in einer drastisch sexualisierten Todesphantasie ausmalt. Frauen sind hier Projektionsflächen – idealisiert (die flamboyante Mutter in Rot) oder verächtlich imaginiert –, aber nie gleichberechtigte Gegenüber.

Der Roman bildet eine fast geschlossene Männerwelt ab, in der echtes Begehren nur zwischen Männern zirkuliert und Frauen entweder fehlen, karikiert oder zur Nebensache erklärt werden. Wichtig ist freilich hier die kritische Distanz: Diese Geschlechterordnung ist nicht die Haltung „des Romans“, sondern das, was er an seinem maskulinistisch-reaktionären Milieu – und an seinem narzisstischen Erzähler – satirisch vorführt. Die Frau erscheint entwertet, weil die geschilderte Männlichkeit sie nur als Negativfolie ihrer eigenen behaupteten Härte braucht.

Bindung jenseits politischer Selbstinszenierung

Bezeichnenderweise liegen die wenigen Momente von Glück und realer Bindung im Roman vollständig außerhalb der politischen Selbstinszenierung. Matthieus stabilste Beziehung ist die zu Issouf, dem burkinischen Muslim aus der Handelsschule – dem einzigen, der sich nicht blau kleidete und der ihm, dem Troll, später Obdach gibt und ihn mit dem selbstverständlichen „on“ einer geteilten Zukunft anspricht. Und sein „die deutlichste, farbenprächtigste und fröhlichste Erinnerung“ 40 ist nicht ein politischer Triumph, sondern die Zugfahrt nach dem Diebstahl der Geständnishefte, in der Enguerrand lacht und ihm „von beispielloser Schönheit“ 41 erscheint – ein Moment, von dem er sich wünscht, er möge „tausend Jahre“ 42 dauern. Dieselbe Fahrt ruft er später an, um sich zu überzeugen, dass er „nicht tot“ ist. Die Pointe ist scharf: Die reaktionäre Männlichkeit kann Bindung und Lebendigkeit nur dort erfahren, wo sie ihre eigene Ideologie verrät – beim muslimischen Freund und beim heimlich geliebten Mann.

Bühnen des Verfalls: Raum, Zeit und Semantik der reaktionären Selbstinszenierung

Zwischen Bourgeoisie und Nicht-Ort

Der Roman entwirft eine Topografie des Verfalls, die seine These räumlich beglaubigt. Die „Gemeinschaft der Sühne“ 43 liegt in einer „der vornehmen Straßen von Paris“ 44, wo die Wohnungen so groß sind, dass die Bevölkerungsdichte „ridicule“ wird – ein Raum des ererbten Reichtums, der methodisch verprasst wird und in dem jeder sich allein vor seinem Bildschirm einschließt. Dem steht der Weg zum RR-Sitz gegenüber, eine Passage durch das, was der Erzähler „einen Ort ohne Richtung, einen Nicht-Ort“ 45 nennt: eine von RER-Linien, Hochspannungsleitungen und Intensivlandwirtschaft zerfetzte 46 Gegend, gesäumt von zehn Kreisverkehren und „einem kleinen Waldstück, das als wilde Müllhalde genutzt wird“ 47. Diese ökologisch versiegelte, sinnentleerte Peripherie ist der wahre Ort der Reaktion. Ihr entspricht das groteske Detail einer Straße namens „Chemin des bois“, in der es keinen einzigen Baum im Umkreis von zwei Kilometern gibt – ein Name, der nur noch auf eine verschwundene Natur verweist. Der Raum selbst dementiert die reaktionäre Sehnsucht nach Boden, Wurzel und Heimat.

Die Kollision der Zeithorizonte

Auf der Zeitebene spielt der Roman zwei unvereinbare Maßstäbe gegeneinander aus. Matthieu nennt sich „millénariste“ und behauptet, nur Jahrtausende interessierten ihn, denn „Tausend Jahre sind die Unendlichkeit, die für Menschen greifbar ist“ 48 – eine Großmannssucht, die jede Lebensspanne als bedeutungslos verwirft. Dem steht die schwindelerregende Kontingenzbetrachtung des Romananfangs gegenüber, in der jede winzige „microdécision“ als verpasste Möglichkeit eines anderen, besseren Lebens erscheint und den Erzähler „verschlingt“ 49. Die Erzählzeit ist überdies stark gerafft und elliptisch; ganze Phasen werden in Sätzen abgehandelt, was die spätere Schlussfolgerung des Erzählers vorbereitet: Ein Leben sei kein verzweigter Baum, sondern „juste une tige“. Die Ironie kulminiert in Maximins Schicksal: Der Mann, der für die Ewigkeit zu kämpfen vorgab, liegt dreiundzwanzig Jahre im Koma und erwacht „benommen, träge, aufgetaut“ 50 in eine Welt, die ihn vergessen hat – die Reaktion, die die Zeit anhalten wollte, von der Zeit überrollt.

Semantik der Auflösung

Die Metaphorik des Romans verdichtet sich zu drei semantischen Feldern, die alle dieselbe Entwertung leisten. Das Tier- und Verfallsfeld entmenschlicht durchgehend: Yvon hat „saurer Haut“ 51, ein Ahnenporträt gleicht „ein großer Büffelmozzarella“ 52, die fliehenden Demonstranten zerstreuen sich „wie ein Schwarm Spatzen in Kirschfeldern“ 53, Erinnerungen steigen auf „wie abgestandenes Wasser aus einem verstopften Waschbecken“ 54. Der Bildbereich des Wassers trägt den ideologischen Gegensatz von Festigkeit und Auflösung – Yvons Verachtung des „liquide“ und „sans attaches“ – und kehrt am Ende gegen die Reaktion selbst zurück: Die öffentlichen Mittel für den vergessenen Maximin versiegen „wie Wasser aus einem rostigen Wasserhahn“ 55. Das apokalyptische Feld schließlich strukturiert den ganzen Roman, von der wahnhaften Frau auf der Demonstration, die behauptet, das Ende habe „déjà eu lieu“, bis zum Bibelzitat des Bruders Marie-Marie, „die Ernte ist das Ende der Welt“ 56. Der Roman nimmt diese Endzeitrhetorik beim Wort und wendet sie satirisch gegen ihre Anhänger: Während sie eine geistige Apokalypse beschwören, ignorieren sie die reale, ökologische, die in den versiegelten Brachen und im bejubelten Klimawandel längst sichtbar ist.

Die Leere als Kern der Pose: Reaktion als Zitatpraxis und Simulation

Der Roman beschreibt, wie Gedenkfeiern für das Ancien Régime und die Kolonialzeit zur Normalität werden. Auf eine Buchmesse zu Ehren Pierre Lavals angesprochen, antwortet der Premierminister ausweichend.

Depuis quelque temps se multipliaient les manifestations et commémorations honorant des personnalités ou événements de l’Ancien Régime et des temps coloniaux. […] ces célébrations étaient désormais encouragées par presque toute la classe politique, soucieuse de ne pas apparaître comme repentante. / – La France est une et indivisible, avait répondu le Premier ministre lorsqu’on lui avait demandé ce qu’il pensait d’une foire aux livres organisée pour rendre hommage à Pierre Laval avec des subventions départementales. / En remplaçant par le mot „France“ le mot „République“ usuellement associé à l’adjectif „indivisible“, il avait suscité un tollé qui était venu s’écraser sur le bon sens distillé par les émissions de débats des chaînes d’information continue.

Côme Martin-Karl, La réaction

Seit einiger Zeit nahmen die Veranstaltungen und Gedenkfeiern zu Ehren von Persönlichkeiten oder Ereignissen des Ancien Régime und der Kolonialzeit zu. […] Diese Feierlichkeiten wurden nun von fast der gesamten politischen Klasse gefördert, die darauf bedacht war, nicht als reumütig zu erscheinen. / „Frankreich ist eins und unteilbar“, hatte der Premierminister geantwortet, als man ihn fragte, was er von einer Buchmesse halte, die mit Hilfe von Departementszuschüssen zu Ehren von Pierre Laval organisiert worden war. / Indem er das Wort „Republik“, das üblicherweise mit dem Adjektiv „unteilbar“ assoziiert wird, durch das Wort „Frankreich“ ersetzte, hatte er einen Aufschrei ausgelöst, der an der Vernunft zerschellte, die von den Diskussionssendungen der Nachrichtensender verbreitet wurde.

Hier verdichtet sich die politische Satire zu einer scharfen Zeitdiagnose. Die Bezugspunkte sind real und gegenwärtig: die Ablehnung der „repentance“ (der reuevollen Aufarbeitung der Kolonial- und Vichy-Geschichte) ist ein Kernmotiv der heutigen französischen Rechten; Pierre Laval, der hingerichtete Regierungschef des Vichy-Regimes, steht für das äußerste Tabu. Die sprachliche Pointe ist meisterhaft: Indem der Premierminister im Verfassungssatz „indivisible“ das Wort „République“ durch „France“ ersetzt, vollzieht er eine winzige, aber programmatische Verschiebung von der republikanischen zur ethnisch-nationalen Idee. Der Roman zeigt, wie der Tabubruch nicht von Extremisten, sondern von der Staatsspitze selbst betrieben wird, und wie die „chaînes d’information continue“ mit ihrem „bon sens“ den Skandal sofort wieder einebnen – eine Satire auf die Normalisierung des Reaktionären durch die institutionelle Mitte.

Die reaktionäre Männlichkeit ist im Roman wesentlich eine Zitatpraxis, und der Text macht das durch ein dichtes Geflecht von Verweisen kenntlich. Das Marx-Motto des Romans – die Anspielung auf die „middleclass heroes“ – rahmt die ganze Erzählung als Klassenkomödie. Matthieus jugendliche Lektüren, Jacques Chardonne, Paul Morand, die Romantiker und der auswendig gelernte Alfred de Vigny sind weniger Überzeugungen als Requisiten einer Pose des „erhabenen Aussätzigen“ 57. Religiöse Intertexte (das Evangelium, die Apokalypse) liefern den dunklen Klang der RR-Reden, während historische Namedrops von Robespierre über Ernst Röhm und Abel Bonnard bis zum Prozess in Moskau 58 die Selbststilisierung speisen. Intermedial spannt der Roman den Bogen von der „amerikanischen Highschool-Popkultur“ 59, deren Logik der Faszination des Verachteten Matthieus Lyzeumserfolg erklärt, bis zur Bildlichkeit des Internets – Pseudonyme, Memes, „Gigabits an Spucke“ 60. Die Reaktion erscheint so als Collage geliehener Zeichen ohne eigenes Zentrum: eine Männlichkeit, die aus nichts als Zitaten besteht.

Der Vergleich von Romananfang und -schluss bestätigt die Kernthese mit aller Schärfe. Der Anfang setzt mit dem Staunen des Erzählers über seine bloße Existenz ein: „Zu meiner großen Überraschung existiere ich“ 61, und entfaltet daraus den Horror der unzähligen ungelebten Leben – eine radikale Offenheit aller Möglichkeiten. Der Schluss zeigt, wohin diese Offenheit geführt hat: Der einstige Troll betreibt nun eine „kleine Buchhandlung der extremen Linken“ 62 an der belgischen Grenze, hält Marx-Abende ab und wird nun seinerseits von rechten Aktivisten mit Sprengsätzen und Parolen wie „Proletarier aller Länder, verpisst euch!“ 63 attackiert. Die Umkehrung ist total – und gerade darin der Beweis, dass nie eine Überzeugung im Spiel war. Bereits früh hatte Matthieu eingeräumt, er erwäge, Kommunist zu werden, sollte der Zeitgeist vollständig reaktionär werden, nur um sich abzuheben. Der Schluss vollzieht genau diese Logik. Das anfängliche „Es gab einen entscheidenden Unterschied zwischen mir und den anderen“ 64 hat sich vom rechten zum linken Pol verschoben, ohne dass sich der Mechanismus geändert hätte. Wo der Anfang die Kontingenz als Schwindel feiert, resümiert der Schluss resigniert: Ein Leben sei „juste une tige“, und selbst das dichteste lasse sich „en trois lignes“ abtun. Die Pose hat überlebt; der Mensch dahinter ist verschwunden.

Matthieu kommt im Buch bei Clarisse Salers de Ménard de Fretz unter, einer royalistischen Erbin. Zugleich erfährt er, dass Maximin und Enguerrand sich auf einem Bernanos-Kolloquium kennenlernten. Beide Details verorten die Figuren im realen intellektuellen Erbe der französischen Rechten.

Elle s’appelait Clarisse Salers de Ménard de Fretz, avec cette accumulation de particules et de noms bizarres qui caractérisent la noblesse d’Empire ou de complaisance. […] Elle était royaliste, et fréquentait plusieurs cercles maurrassiens. […] le soir, il m’arrivait de boire avec elle dans la cuisine un magnum de meursault vieilles vignes, elle me parlait de ses aventures sexuelles sordides avec le gratin néofasciste de la jeunesse parisienne, elle n’était jamais amoureuse. / – Mon cœur est pris, par la France.

Côme Martin-Karl, La réaction

Sie hieß Clarisse Salers de Ménard de Fretz, mit dieser Anhäufung von Adelstiteln und seltsamen Namen, die den Adel des Kaiserreichs oder den Scheinadeln charakterisieren. […] Sie war Royalistin und verkehrte in verschiedenen Maurras-Kreisen. […] Abends trank ich manchmal mit ihr in der Küche eine Magnumflasche Meursault Vieilles Vignes, sie erzählte mir von ihren schmutzigen sexuellen Abenteuern mit der neofaschistischen Crème de la Crème der Pariser Jugend, sie war nie verliebt. / – Mein Herz gehört Frankreich.

Die Stelle verankert das fiktive Personal in den realen Traditionslinien der französischen extremen Rechten und macht deren soziologische Verfasstheit kenntlich. Die „cercles maurrassiens“ verweisen auf Charles Maurras und die Action française, die monarchistisch-nationalistische Bewegung, deren Erbe in royalistischen Zirkeln bis heute gepflegt wird; das andernorts erwähnte Bernanos-Kolloquium und die Lektürelisten (Maurras, Joseph de Maistre, Julius Evola) zitieren das reale intellektuelle Arsenal dieses Milieus. Entscheidend ist die satirische Brechung: Clarisse verbindet Maurras’sche Gesinnung mit „schmutzigen sexuellen Abenteuern“ 65 und dem „neofaschistischen Abschaum der Pariser Jugend“ 66 – die hehre Ideologie koexistiert mit dekadenter bürgerlicher Lebenspraxis. Ihre Formel „Mein Herz gehört Frankreich“ 67 parodiert die Selbststilisierung als reine Liebende des Vaterlandes und entlarvt sie zugleich: Hinter der pathetischen nationalen Hingabe steht eine gelangweilte Erbin „einer gigantischen Rente“ 68. Der Roman zeigt die reaktionäre Bewegung so als Erbe realer Ideen, getragen aber von einer leerlaufenden, privilegierten Jugend.

REA ist so gelesen gar kein Roman über Politik, sondern über die Unmöglichkeit, Überzeugung von Selbstinszenierung zu trennen – und reaktionäre Männlichkeit ist sein präzisester Fall dieser Unmöglichkeit. Martin-Karl führt eine Männerwelt vor, deren Härte, Provokation und Endzeitpathos durchweg leerlaufen: Yvons Libertarismus ist Langeweile, Jérômes Maskulinismus ist Frustration, Maximins Doktrin ist Beliebigkeit, und Matthieus „millénarisme“ ist die Großspurigkeit eines Mannes, der über seinem eigenen Existenzstaunen kein Leben zustande bringt. Was diese Männlichkeit von innen zersetzt, ist ihr verdrängtes homosexuelles Begehren, das einzige Echte im Buch, das ausgerechnet quer zu jeder Ideologie verläuft – beim muslimischen Freund, beim heimlich geliebten Mann, in einer Zugfahrt, die „mille ans“ dauern sollte. Die Gattungsparodie des Anti-Bildungsromans, die unzuverlässige, sich selbst als Fiktion durchschauende Ich-Erzählung, die autopoetologische Schleife des gedruckten Buchs gegen den Buchdruck, die versiegelten „non-lieux“ der Peripherie und die ironisch wörtlich genommene Apokalypse fügen sich zu einem einzigen Befund: Die Reaktion verteidigt keinen Inhalt, sondern eine Geste der Distinktion, und ihr härtester Mann ist am hohlsten. Dass der Erzähler am Ende mühelos ins linke Lager wechselt und dort dieselbe Rolle des angefeindeten Außenseiters spielt, ist eine bittere Pointe des Romans – nicht der Triumph einer Läuterung, sondern der Beweis, dass es nie um die Sache ging, sondern stets nur darum, anders zu sein als die anderen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Reaktionäre Männlichkeit als leere Provokation: Côme Martin-Karl." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juni 1, 2026 at 13:21. http://rentree.de/2026/06/01/reaktionaere-maennlichkeit-als-leere-provokation-come-martin-karl/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. „peine de mort, État faible, privatisation des sols, de l’air, du feu et de l’eau“>>>
  2. „Renouveau réactionnaire“, „Terre mérovingienne“, „Comité d’unification royaliste“>>>
  3. „coquilles vides constituées d’une seule personne“>>>
  4. „C’est à ma grande surprise que j’existe.“>>>
  5. „grosse masse informe“>>>
  6. „J’étais comme un artificier constamment occupé à placer des explosifs dans un champ déjà miné.“>>>
  7. „Je reconstitue de mémoire mais peut-être que j’invente un peu aussi.“>>>
  8. „Sursaut ou barbarie“>>>
  9. „On se bat avec les armes qu’on nous donne.“>>>
  10. „comme si je devais rédiger une dissertation“>>>
  11. „Comment concilier homosexualité et pensée réactionnaire?“>>>
  12. „l’incompréhension ou le dégoût“>>>
  13. „société liquide, sans attaches“>>>
  14. „à la vitesse d’une balle tirée dans une chambre vide“>>>
  15. „dix-neuf ans qui allait mourir à vingt-cinq“>>>
  16. „l’air, du feu et de l’eau“>>>
  17. „J’adore le réchauffement climatique“>>>
  18. „courage physique inversement proportionnel à l’abjection de ses interventions virtuelles“>>>
  19. „pureté doctrinale“>>>
  20. „Au final, tu bouffes à tous les râteliers.“>>>
  21. „feu tricolore vivant“>>>
  22. „par nature malléables“>>>
  23. „intégrables au récit national comme on incorpore des œufs dans une préparation pour gâteau“>>>
  24. „prolongement de l’acte sexuel“>>>
  25. „dénouer“>>>
  26. „les iris s’assombrir, les respirations devenir plus fortes, les corps se tendre“>>>
  27. „être pédé, c’est pas un problème?“>>>
  28. „Je ne suis pas pédé.“>>>
  29. „parce qu’il ne voulait pas de moi“>>>
  30. „chair à militantisme“>>>
  31. „On ne recouchera pas ensemble“>>>
  32. „un souvenir sublime“>>>
  33. „j’ai toujours cherché à être ma mère en robe rouge: homosexualité, volonté de distinction, bla-bla-bla.“>>>
  34. „il n’y a rien à en faire.“>>>
  35. „d’une beauté sans précédent“>>>
  36. „pour me convaincre que je ne suis pas mort.“>>>
  37. „Je suis un réactionnaire en avance.“>>>
  38. „par nature malléables“>>>
  39. „intégrables au récit national comme on incorpore des œufs dans une préparation pour gâteau“>>>
  40. „souvenir le plus net, le plus coloré, le plus joyeux“>>>
  41. „d’une beauté sans précédent“>>>
  42. „mille ans“>>>
  43. „communauté de l’Expiation“>>>
  44. „rues très bourgeoises de Paris“>>>
  45. „lieu non directionnel, un non-lieu“>>>
  46. „lacérée“>>>
  47. „forêt exiguë utilisée comme déchetterie sauvage“>>>
  48. „Mille ans, c’est l’infini à la portée des humains“>>>
  49. „dévore“>>>
  50. „hébété, légumineux, décongelé“>>>
  51. „la peau acide“>>>
  52. „une grosse mozzarella di bufala“>>>
  53. „comme une nuée de moineaux dans des champs de cerises“>>>
  54. „comme de l’eau croupie d’un évier bouché“>>>
  55. „comme l’eau d’un robinet rouillé“>>>
  56. „La moisson, c’est la fin du monde.“>>>
  57. „pestiféré sublime“>>>
  58. „procès de Moscou“>>>
  59. „pop culture américaine high school“>>>
  60. „gigabits de crachats“>>>
  61. „C’est à ma grande surprise que j’existe.“>>>
  62. „petite librairie d’extrême gauche“>>>
  63. „Prolétaires de tous les pays, cassez-vous“>>>
  64. „il y avait une distinction cardinale à établir entre moi et les autres“>>>
  65. „aventures sexuelles sordides“>>>
  66. „gratin néofasciste de la jeunesse parisienne“>>>
  67. „Mon cœur est pris, par la France“>>>
  68. „d’une rente éléphantesque“>>>

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