Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- De Gaulle, Mitterrand, Ernaux
- Der frühe Mitterrand: ein Name, eine Geste der Ablehnung
- 1974: das Duell, die schwindende Hoffnung
- 1981: Mitterrand als mythische Projektionsfläche
- Die Wende von 1983: vom Erlöser zum Verwalter
- Die zweite Amtszeit: „Tonton“ und die Gewöhnung
- Der späte Mitterrand: Verkörperung von Verfall und Zeit
- Was Mitterrand für das Verständnis von Les années bedeutet
- Mitterrand als Autor und als Mythos: Le Coup d’État permanent und Les années
De Gaulle, Mitterrand, Ernaux
Annie Ernaux, Les années (Paris: Gallimard, 2008/2010).
François Mitterrand, „Le Coup d’État permanent.“ (1964) In Œuvres, Bd. 2. (Paris: Les Belles Lettres, 2016).
Adolf Kimmel, François Mitterrand (Stuttgart: Kohlhammer, 2022).
Michel Winock, François Mitterrand (Paris: Gallimard, 2015).
Alain Duhamel, François Mitterrand: portrait d’un artiste (Paris: Flammarion, 1995).
Der Vergleich von Annie Ernaux‘ Les années (2008) mit François Mitterrands gegen Präsident De Gaulle gerichteten Text Le Coup d’État permanent (1964) lohnt sich, weil zwei Texte unterschiedlichster Gattung – die unpersönliche Autobiografie und das politische Pamphlet – denselben Mechanismus erfassen: die Personalisierung der republikanischen Macht in einer einzigen Gestalt. Sie tun dies jedoch aus entgegengesetzter Perspektive und mit umgekehrtem Vorzeichen, und gerade aus dieser Spiegelung gewinnt der Vergleich seine Aussagekraft. Mitterrand seziert von außen und als Ankläger die charismatische Herrschaft de Gaulles – die Identifikation eines Mannes mit Frankreich, den quasi-monarchischen Zuschnitt der Institutionen, die beschworene „légitimité“ als Kaschierung eines illegitimen Ursprungs. Ernaux beschreibt vier Jahrzehnte später dasselbe Phänomen von innen, aus der Position des kollektiven „on“, das sich der charismatischen Figur emotional hingibt – nun aber bezogen auf Mitterrand selbst, der 1981 zur Projektionsfläche eben jener personalisierten Hoffnung wird, die er einst als Gefahr entlarvt hatte. Konkret zeigt die Gegenüberstellung damit, dass die Fünfte Republik strukturell dazu neigt, auch ihre erklärten Gegner in monarchisch konnotierte Erlöserfiguren zu verwandeln, und dass Ernaux‘ scheinbar affirmative Darstellung des Mai 1981 von Beginn an einen kritischen Index trägt, der die spätere Desillusionierung bereits in sich birgt. Indem man den analytischen Außenblick des Anklägers neben den affektiven Innenblick des kollektiven Subjekts hält, wird mithin nicht nur eine biografische Ironie sichtbar, sondern ein historisch-politisches Strukturmerkmal der Fünften Republik selbst – und eben darin liegt der Ertrag, der diesen Artikel motiviert.
In Les années (2008) gibt es im klassischen Sinn keine Figuren. Das Buch erzählt die Geschichte eines unpersönlichen „on“ und eines „nous“, einer kollektiven Stimme, in die sich die Autobiografie der Erzählerin auflöst. François Mitterrand ist innerhalb dieses Verfahrens kein Charakter, dem Ernaux psychologische Tiefe verliehe, sondern ein wiederkehrender Bezugspunkt, an dem das Buch den Wandel der kollektiven Befindlichkeit über mehr als dreißig Jahre hinweg vermisst. Er erscheint in fast jeder Phase – von der Mitte der 1960er Jahre bis zu seinem Tod 1996 und darüber hinaus – und durchläuft dabei eine Bewegung, die exemplarisch für Ernaux‘ Poetik steht: Die große politische Gestalt wird zum Spiegel, in dem sich die wechselnden Hoffnungen, Räusche und Ernüchterungen eines linken Wir-Subjekts ablesen lassen. Was Mitterrand für das Verständnis des Buches bedeutet, lässt sich daher nur entlang dieser Entwicklung zeigen.
Die Biografen Kimmel, Winock und Duhamel zeichnen ein bemerkenswert übereinstimmendes Bild des Bogens, der mit dem 10. Mai 1981 beginnt, mit einer ersten linken Präsidentschaft in Frankreich. Winock beschreibt den Wahlsieg als Erfüllung der Hoffnungen einer Linken, die Mitterrand erst spät an sich gebunden hatte, und betont, wie sehr das „peuple de gauche“ in der Aufbruchsstimmung eine späte Wiederkehr von 1936 und der Befreiung erlebte. Kimmel arbeitet besonders deutlich heraus, wie überspannt die Erwartungen waren: Auf dem Parteitag von Valence im Oktober 1981 forderten Redner offen, „Köpfe müssten fallen“, und selbst Mitterrand habe sich zeitweise im Rausch der nahezu absoluten Macht von Klassenkampfrhetorik und gedanklichen Anspielungen auf Robespierre und Lenin mitreißen lassen. Duhamel formuliert das zentrale Versprechen am schärfsten: Mitterrand habe sich im Wahlkampf als „großer Exorzist der Arbeitslosigkeit“ inszeniert, als sozialer Ingenieur, der das Beschäftigungsproblem lösen werde. Genau hier verorten alle drei den Kern der späteren Ernüchterung. Mit den Sparplänen von Juni 1982 und vor allem März 1983 – dem „tournant de la rigueur“ – kippte die Lyrik des Wandels in die „traurige Logik der Tatsachen“ 1. Duhamel datiert das Ende des „romantisme du changement“ präzise auf fünf oder sechs Jahreszeiten und zeigt, wie der unaufhaltsame Anstieg der Arbeitslosigkeit (über drei Millionen 1995) das soziale Versprechen zunichtemachte; bei Mitterrands Tod 1996 attestierten die Franzosen dem Menschen Bewunderung, seinem Werk aber eine „terrible faillite“. Kimmel fasst Mitterrands eigenes Eingeständnis zusammen – „1981 haben wir vielleicht geträumt“ – und beschreibt den Übergang von den 110 Wahlversprechen zur „gemischten Wirtschaft“ als Eintritt in eine „Phase des Realismus“. Bemerkenswert ist, dass die Biografen den Bruch nicht primär als Zynismus deuten: Duhamel sieht Mitterrand eher als „Opfer seines eigenen Talents“, der an die Wirksamkeit reiner politischer Willenskraft geglaubt und seinen ökonomischen Spielraum überschätzt habe.
Liest man diese biografischen Befunde neben Les années, fällt eine fast vollständige Deckung der Bewegung auf – bei einem entscheidenden Perspektivunterschied. Was die Biografen von außen rekonstruieren, gestützt auf Umfragen, Parteitagsprotokolle und Wirtschaftsdaten, gestaltet Ernaux von innen, aus der erlebten Perspektive des kollektiven „on“. Ihre lyrische Schilderung des Wahlabends – die Tränen, die Symbole, das Bedürfnis, sich „an Symbolen und Nostalgie zu berauschen“ – ist gewissermaßen die affektive Innenseite jenes Überschwangs, den Kimmel als kollektive Euphorie und Mitterrands eigenen Rausch dokumentiert. Und Ernaux‘ bitterer Befund über die „rigueur“ – der 10. Mai werde zur „peinlichen, beinahe lächerlichen Erinnerung“, das „Ereignis habe nicht stattgefunden“ – entspricht exakt dem, was Duhamel als „grande tromperie“ und „sentiment d’avoir été dupé“ der einfachen Leute beschreibt. Die Vermischung ist also keine zufällige Parallele, sondern eine methodische Komplementarität: Die Sachbücher liefern die Kausalketten (Ölschock, Kapitalflucht, Zwang zur europäischen Einbindung, Abkehr vom keynesianischen Programm), die in Ernaux‘ Text nur als diffuses Gefühl der Entfremdung erscheinen („der Staat entfernte sich erneut von uns“). Umgekehrt liefert Ernaux das, was den Biografien strukturell fehlt: die gelebte Textur des Glaubens und seines Verlöschens, die Erfahrung, wie sich ein politisches Versprechen im Bewusstsein eines Wir-Subjekts erst verdichtet und dann auflöst. Gerade die Distanzmarker, die Ernaux schon in die Euphorie einbaut (das schwebende „semblaient“, das nachträgliche „peut-être“), lassen sich mit Duhamels und Kimmels Deutung verknüpfen, Mitterrand habe weniger gelogen als seine eigene Wirkungsmacht überschätzt – beide Lesarten beschreiben eine Hoffnung, die schon im Moment ihres Aufflammens den Keim der Enttäuschung trug. So ergänzen sich analytische Biografie und literarische Kollektivautobiografie zu einem vollständigeren Bild desselben historischen Vorgangs.
Der frühe Mitterrand: ein Name, eine Geste der Ablehnung
Beim ersten Auftreten, im Kontext der Präsidentschaftswahl von 1965, ist Mitterrand kaum mehr als ein Name, dem eine vage historische Aura anhaftet:
On ne s’avisait pas d’évaluer ce qu’on vivait par rapport aux discours politiques ni aux événements du monde. On se donnait juste le plaisir de voter contre de Gaulle pour le candidat fringant dont le nom plongeait confusément dans les années de l’Algérie française, François Mitterrand. Dans le cours de l’existence personnelle, l’Histoire ne signifiait pas. On était seulement, selon les jours, heureux ou malheureux.
Man kam nicht auf den Gedanken, das, was man erlebte, an den politischen Reden oder an den Ereignissen der Welt zu messen. Man gönnte sich nur das Vergnügen, gegen de Gaulle zu stimmen, für den schneidigen Kandidaten, dessen Name verschwommen in die Jahre des französischen Algerien hinabreichte, François Mitterrand. Im Lauf der persönlichen Existenz bedeutete die Geschichte nichts. Man war nur, je nach Tag, glücklich oder unglücklich.
Diese wenigen Sätze enthalten bereits die Grundkonstellation, die das ganze Buch prägt. Mitterrand erscheint nicht als Programm, nicht als Überzeugung, sondern als „Vergnügen, gegen de Gaulle zu stimmen“ 2 – als negative Geste. Man wählt ihn nicht für etwas, sondern gegen jemanden. Bezeichnend ist die Unschärfe, mit der sein Name in die Vergangenheit reicht: Er „reichte verschwommen in die Jahre des französischen Algerien hinab“ 3. Ernaux spielt hier diskret auf Mitterrands belastete Rolle als Innen- und Justizminister während des Algerienkriegs an, ohne sie auszubuchstabieren – das Wort „confusément“ hält die Erinnerung bewusst im Ungefähren, so wie das politische Bewusstsein des jungen Wir selbst noch unausgebildet ist. Entscheidend ist der dritte Satz: „Im Lauf der persönlichen Existenz bedeutete die Geschichte nichts“ 4. Politik und Geschichte sind in dieser Phase äußerlich, sie berühren das private Glück oder Unglück nicht. Mitterrand markiert von Beginn an die Schwelle zwischen privater und kollektiver Zeit – jene Schwelle, deren allmähliches Verschwimmen das eigentliche Thema von Les années ist.
In derselben frühen Phase erscheint Mitterrand ein zweites Mal, eingebettet in das Geplapper kleinbürgerlicher Familienessen. Hier ist seine Funktion vor allem eine kontrastive: Seine Beinahe-Niederlage de Gaulles in der Stichwahl habe „die Respektlosigkeit aus dem Damm gelassen“ 5 und „plötzlich die Senilität“ des Generals enthüllt 6, den das Canard enchaîné nur noch „Charles le Ballotté“ nannte. Mitterrand ist hier weniger Person als Katalysator: Seine bloße Existenz als ernstzunehmender Gegner zeigt, dass die gaullistische Übermacht endlich ist. Schon hier deutet sich an, dass er weniger für sich selbst steht als für eine Möglichkeit – die Möglichkeit eines anderen Frankreichs.
1974: das Duell, die schwindende Hoffnung
Mit dem Fernsehduell gegen Giscard im Frühjahr 1974 rückt Mitterrand erstmals ins Zentrum eines kollektiven Erwartungshorizonts, der sich zugleich schon trübt:
Entre le 11 septembre 73 – les manifestations qu’on avait suivies sous le soleil contre Pinochet après l’assassinat d’Allende tandis que la droite jubilait de voir terminée „la triste expérience chilienne“ – et le printemps 1974 – installés devant la télé à regarder ce qui était présenté comme le grand événement, Mitterrand et Giscard face à face –, on avait cessé de croire qu’il y aurait un nouveau mois de mai.
Zwischen dem 11. September 73 – den Demonstrationen, denen man unter der Sonne gegen Pinochet gefolgt war, nach der Ermordung Allendes, während die Rechte frohlockte, ‚das traurige chilenische Experiment‘ beendet zu sehen – und dem Frühjahr 1974 – vor dem Fernseher sitzend und betrachtend, was als das große Ereignis präsentiert wurde, Mitterrand und Giscard von Angesicht zu Angesicht –, hatte man aufgehört zu glauben, dass es einen neuen Monat Mai geben würde.
Mitterrand erscheint hier als Endpunkt einer Entwicklung, die vom revolutionären Elan des Mai 68 wegführt. Das Duell wird als „das, was als das große Ereignis präsentiert wurde“ 7 eingeführt – die distanzierende Formulierung verrät bereits den Verdacht der medialen Inszenierung. Zwischen dem Putsch gegen Allende und diesem Frühjahr habe man aufgehört, an „einen neuen Monat Mai“ zu glauben 8. Mitterrand wird damit, noch bevor er die Macht erringt, in eine Logik der Verkleinerung eingeschrieben: Er ist nicht die Revolution, sondern ihr institutioneller, parlamentarischer Ersatz – das, was übrig bleibt, wenn der Glaube an den großen kollektiven Aufbruch erlischt. Diese frühe Skepsis ist für die Interpretation wichtig, weil sie die spätere Enttäuschung vorbereitet: Die Euphorie von 1981 ist kein naiver Anfang, sondern bereits ein Wiederaufflammen gegen einen Hintergrund des Zweifels.
1981: Mitterrand als mythische Projektionsfläche
Der eigentliche Höhepunkt der Mitterrand-Passagen ist der Wahlabend des 10. Mai 1981. Hier wechselt Ernaux‘ Prosa unverkennbar ins Lyrische, fast Liturgische. Mitterrand verkörpert nun nicht mehr eine Person, sondern die Wiederkehr der Geschichte selbst:
Après tout ce temps, au soir d’un dimanche brumeux de mai qui effaçait l’échec de l’autre, on revenait dans l’Histoire avec une cohorte de gens, les jeunes, les femmes, les ouvriers, les profs, les artistes et les homos, les infirmières, les facteurs, et on avait envie de la faire à nouveau. C’était 36, le Front populaire des parents, la Libération, un 68 qui aurait réussi. On avait besoin de lyrisme et d’émotion, de la rose et du Panthéon, de Jean Jaurès et de Jean Moulin, du Temps des cerises et des Corons de Pierre Bachelet. Des mots vibrants qui nous semblaient sincères parce qu’on ne les avait pas entendus depuis longtemps. Il fallait réoccuper le passé, reprendre la Bastille, se saouler de symboles et de nostalgie avant d’affronter l’avenir. Les larmes de bonheur de Mendès France quand Mitterrand l’embrasse, c’était les nôtres.
Nach all dieser Zeit, am Abend eines dunstigen Sonntags im Mai, der die Niederlage des anderen Males auslöschte, kehrte man in die Geschichte zurück, mit einer Schar von Leuten, den Jungen, den Frauen, den Arbeitern, den Lehrern, den Künstlern und den Homosexuellen, den Krankenschwestern, den Postboten, und man hatte Lust, sie noch einmal zu machen. Es war 36, die Volksfront der Eltern, die Befreiung, ein 68, das geglückt wäre. Man hatte Bedürfnis nach Lyrik und Rührung, nach der Rose und dem Panthéon, nach Jean Jaurès und Jean Moulin, nach dem Temps des cerises und den Corons von Pierre Bachelet. Vibrierende Worte, die uns aufrichtig schienen, weil man sie lange nicht gehört hatte. Man musste die Vergangenheit wieder in Besitz nehmen, die Bastille zurückerobern, sich an Symbolen und Nostalgie berauschen, bevor man der Zukunft entgegentrat. Die Freudentränen von Mendès France, als Mitterrand ihn umarmt, das waren die unseren.
Diese Passage ist das Herzstück der gesamten Mitterrand-Darstellung. Mehrere Verfahren greifen ineinander. Erstens die Verschmelzung der Zeiten: 1981 ist nicht einfach 1981, sondern zugleich 1936, die Befreiung von 1944 und „ein 68, das geglückt wäre“ 9. Mitterrands Sieg wird zum Sammelpunkt aller verlorenen oder unvollendeten Hoffnungen der französischen Linken – er kondensiert die kollektive Erinnerung an alle früheren Aufbrüche. Zweitens die Anhäufung von Symbolen: die Rose (Emblem der Sozialisten), das Panthéon (Mitterrands berühmter Gang zu den Gräbern Jaurès‘, Moulins und Schoelchers), das Temps des cerises (das Lied der Pariser Kommune). Mitterrand ist hier reine Projektionsfläche, ein Behälter für „Lyrik und Rührung“ 10. Drittens, und entscheidend für Ernaux‘ Methode, die kollektive Aneignung des individuellen Gefühls: „Die Freudentränen von Mendès France […], das waren die unseren“ 11. Die Tränen eines Einzelnen werden zu den Tränen des Wir. Mitterrand ist das Vehikel, durch das das „on“ wieder „in die Geschichte“ eintritt 12, nachdem es sich dreiundzwanzig Jahre lang von der Macht ausgeschlossen fühlte.
Bezeichnenderweise dringt selbst in diesen Rausch ein Element des Zweifels ein: „Vibrierende Worte, die uns aufrichtig schienen, weil man sie lange nicht gehört hatte“ 13. Das „semblaient“ hält in der Schwebe, ob die Aufrichtigkeit echt war oder nur Effekt der langen Entwöhnung. Der ganze Vorgang wird als „sich an Symbolen und Nostalgie berauschen“ 14 beschrieben – ein Rausch also, dessen Ernüchterung schon mitgedacht ist.
Ergänzend dazu die Beschreibung des Wahlplakats, die zeigt, wie sehr Mitterrand zum Bild geworden ist: Um ihn herum schwebe „die Aura einer Souveränität, der sein Porträt vor dem Hintergrund eines Dorfes mit einem Kirchturm die Kraft einer in alten Erinnerungen verwurzelten Selbstverständlichkeit verlieh“ 15. Der sozialistische Kandidat wird durch das ländlich-kirchliche Bildmotiv in eine tiefe nationale Erinnerung eingeschrieben – Mitterrand inszeniert sich als Verkörperung der „force tranquille“, und Ernaux registriert präzise, wie diese Inszenierung wirkt.
Die Wende von 1983: vom Erlöser zum Verwalter
Gerade weil die Erwartung so total war, fällt der Umschlag abrupt aus. Mit der Politik der „rigueur“ kippt der Ton:
L’atmosphère tournait à la sévérité, le discours – „rigueur“ et „austérité“ – à la punition, comme si avoir plus de temps, d’argent et de droits était illégitime, qu’il faille revenir à un ordre naturel dicté par les économistes. Mitterrand ne parlait plus du „peuple de gauche“. […] Mais le 10 Mai devenait un souvenir gênant, presque dérisoire. Les nationalisations, les augmentations de salaire, la réduction du temps de travail, tout ce qu’on avait cru être la réalisation de la justice et l’avènement d’une autre société nous paraissait avoir relevé d’une vaste cérémonie de commémoration du Front populaire, de culte rendu à des idéaux enfuis auxquels les célébrants, peut-être, ne croyaient pas. L’événement n’avait pas eu lieu. L’État s’éloignait à nouveau de nous.
Die Atmosphäre schlug um in Strenge, der Diskurs – ‚Härte‘ und ‚Austerität‘ – in Bestrafung, als wäre es unrechtmäßig, mehr Zeit, Geld und Rechte zu haben, als müsse man zu einer natürlichen, von den Ökonomen diktierten Ordnung zurückkehren. Mitterrand sprach nicht mehr vom ‚Volk der Linken‘. Aber der 10. Mai wurde zu einer peinlichen, beinahe lächerlichen Erinnerung. Die Verstaatlichungen, die Lohnerhöhungen, die Verkürzung der Arbeitszeit, all das, was wir für die Verwirklichung der Gerechtigkeit und das Heraufkommen einer anderen Gesellschaft gehalten hatten, schien uns einer großen Gedenkfeier für die Volksfront entsprungen zu sein, einem Kult vor entschwundenen Idealen, an die die Zelebranten vielleicht nicht glaubten. Das Ereignis hatte nicht stattgefunden. Der Staat entfernte sich erneut von uns.
Hier vollzieht sich die zentrale Bewegung der Mitterrand-Figur: vom mythischen Erlöser zum bloßen Verwalter einer „natürlichen, von den Ökonomen diktierten Ordnung“ 16. Dass Mitterrand „nicht mehr vom ‚Volk der Linken‘ sprach“ 17 ist die sprachliche Signatur des Verrats – der Verzicht auf das eine Wort, das den Bund mit dem Wir besiegelt hatte. Besonders aufschlussreich ist die rückwirkende Umdeutung von 1981: Was eben noch „die Verwirklichung der Gerechtigkeit“ 18 schien, erscheint nun als „große Gedenkfeier“ 19, als Kult vor entschwundenen Idealen, „an die die Zelebranten vielleicht nicht glaubten“ 20. Das nachgeschobene „peut-être“ ist verheerend: Es stellt rückblickend die Aufrichtigkeit des ganzen Augenblicks in Frage. Der lapidare Satz „Das Ereignis hatte nicht stattgefunden“ 21 widerruft die Euphorie des vorigen Abschnitts fast vollständig. Mitterrand bedeutet hier den Bruch eines Versprechens – und damit den Beweis, dass die Hoffnung, das Politische könne das kollektive Leben verwandeln, eine Illusion war.
Die zweite Amtszeit: „Tonton“ und die Gewöhnung
In den folgenden Jahren verliert Mitterrand seine messianische Aura und wird zum vertrauten Möbelstück der Epoche. Nach dem Machtwechsel von 1986 heißt es knapp: „Man liebte Mitterrand wieder“ 22 – man liebt ihn wieder, aber nur, weil die Rechte noch weniger Glück bereitet. Vor der Wiederwahl 1988 ist die Resignation vollständig:
De toute façon, par rapport à 81, le cœur n’y était pas, nous n’avions ni attente ni espérance, seulement le désir de garder Mitterrand plutôt que d’avoir Chirac. Il était Tonton, rassurant, un homme du centre, entouré de ministres bcbg, dont les gens de droite ne craignaient plus rien.
Jedenfalls war im Vergleich zu 81 das Herz nicht dabei, wir hatten weder Erwartung noch Hoffnung, nur den Wunsch, Mitterrand zu behalten, statt Chirac zu bekommen. Er war Tonton, beruhigend, ein Mann der Mitte, umgeben von feinen Ministern, vor denen die Leute der Rechten nichts mehr fürchteten.
Der Kontrast zu 1981 ist mit Absicht hart gesetzt: „im Vergleich zu 81 war das Herz nicht dabei“ 23. Aus dem Träger kollektiver Erlösung ist „Tonton“ geworden – der gemütliche Onkel, „beruhigend“ 24, „ein Mann der Mitte“ 25, vor dem „die Leute der Rechten nichts mehr fürchteten“ 26. Die Wahl von 1988 ist keine Hoffnung mehr, sondern Schadensbegrenzung: „Mitterrand behalten, statt Chirac zu bekommen“ 27. Nach der Wiederwahl heißt es entsprechend: „Die Wiederwahl Mitterrands gab uns die Ruhe zurück. Es war besser, unter der Linken zu leben, ohne etwas zu erwarten, als sich unter der Rechten ständig aufzuregen“ 28. Mitterrand bedeutet jetzt das Gegenteil von 1981: nicht Aufbruch, sondern „Ruhe“ 29, das Leben „ohne etwas zu erwarten“ 30. Er ist zur Gewohnheit geworden, zur beruhigenden Hintergrundpräsenz einer Epoche, in der das Politische keine Verheißung mehr trägt.
Der späte Mitterrand: Verkörperung von Verfall und Zeit
Am Ende verwandelt sich Mitterrand in eine Allegorie der Vergänglichkeit selbst. Der gealterte, kranke Präsident wird ununterscheidbar vom großen Thema des Buches, dem Verrinnen der Zeit:
C’était un vieil homme exténué aux yeux enfoncés trop brillants, à la voix détimbrée, une dépouille assise de chef d’État dont les aveux sur son cancer et sa fille secrète signaient l’abandon du politique, obligeaient à ne plus voir en lui, par-delà ses compromissions et ses ruses, que la terrible figuration du „temps qui reste“.
Es war ein erschöpfter alter Mann mit zu hell glänzenden, eingesunkenen Augen, mit klangloser Stimme, eine sitzende Hülle eines Staatschefs, dessen Geständnisse über seinen Krebs und seine geheime Tochter die Aufgabe des Politischen besiegelten, dazu zwangen, in ihm, jenseits seiner Kompromisse und seiner Listen, nur noch die schreckliche Verkörperung der ‚verbleibenden Zeit‘ zu sehen.
Mitterrands körperlicher Verfall – „ein erschöpfter alter Mann“ 31, „eine sitzende Hülle“ 32 – wird zur sichtbaren Gestalt der verrinnenden Zeit. Seine Geständnisse über Krebs und uneheliche Tochter besiegeln die „Aufgabe des Politischen“ 33: In dem Maße, in dem der Mensch hervortritt, verschwindet der Politiker. Die Formel „die schreckliche Verkörperung der ‚verbleibenden Zeit'“ 34 ist der Schlüssel: Mitterrand verkörpert nun nicht mehr eine politische Richtung, sondern das memento mori, das über dem ganzen Buch liegt. Sein Verschwinden aus der Politik nimmt seinen Tod vorweg.
Dieser Tod 1996 wird mit großer Nüchternheit erzählt und doch zum kollektiven Ereignis erhoben:
On regardait sans comprendre l’énorme titre à la une du Monde, FRANÇOIS MITTERRAND EST MORT. La foule se reformait comme en décembre, sur la place de la Bastille, dans la nuit. On continuait d’avoir besoin d’être ensemble et c’était la solitude. Il nous revenait que le soir du 10 mai 81, dans la mairie de Château-Chinon, Mitterrand, en apprenant qu’il était élu président de la République, avait murmuré „quelle histoire“.
Man betrachtete, ohne zu begreifen, die riesige Schlagzeile auf der Titelseite des Monde, FRANÇOIS MITTERRAND IST TOT. Die Menge bildete sich wieder wie im Dezember, auf dem Place de la Bastille, in der Nacht. Man hatte weiterhin das Bedürfnis, zusammen zu sein, und es war die Einsamkeit. Es kam uns wieder in den Sinn, dass Mitterrand am Abend des 10. Mai 81, im Rathaus von Château-Chinon, als er erfuhr, dass er zum Präsidenten der Republik gewählt war, ‚was für eine Geschichte‘ gemurmelt hatte.“
Der Bogen schließt sich: Die Menge an der Bastille erinnert an den Jubel von 1981, doch nun ist das Beisammensein nur noch „Einsamkeit“ 35. Und das berühmte „was für eine Geschichte“ 36 vom Wahlabend 1981, an das man sich erinnert, trägt eine doppelte Bedeutung – es meint sowohl die unwahrscheinliche politische Karriere als auch, im Mund Ernaux‘, die Geschichte einer ganzen Epoche, die mit diesem Mann verknüpft war.
Was Mitterrand für das Verständnis von Les années bedeutet
Aus diesen Stationen ergibt sich Mitterrands eigentliche Bedeutung für das Buch. Erstens ist er ein Zeitmaß. Im Schlussteil notiert Ernaux, die Medien teilten die Menschen in „Generationen de Gaulle, Mitterrand, 68, Babyboom“ ein 37, und an anderer Stelle heißt es über die Jungen: „Mitterrand war ihr de Gaulle, sie waren mit ihm aufgewachsen, vierzehn Jahre, das war wohl genug“ 38. Mitterrand gliedert die kollektive Biografie; seine vierzehn Amtsjahre gerinnen, wie Ernaux schreibt, zu einem „bloc“ geronnener Zeit, an dem man ablesen kann, wie sehr man gealtert ist.
Zweitens verkörpert Mitterrand den Lebenszyklus einer politischen Hoffnung. Keine andere Gestalt des Buches durchläuft eine so vollständige Kurve: vom vagen Namen über die mythische Erlöserfigur von 1981, den enttäuschenden Verwalter der „rigueur“, den beruhigenden „Tonton“ bis zur Allegorie des Sterbens. In dieser Kurve verdichtet sich die gesamte affektive Geschichte der französischen Linken zwischen 1965 und 1996 – das Aufflammen, Verglühen und schließliche Erlöschen des Glaubens, dass Politik das kollektive Leben verwandeln könne.
Drittens, und am tiefsten, dient Mitterrand dem Kernverfahren des Buches: der Ununterscheidbarkeit von persönlicher und nationaler Zeit. Die Tränen Mendès Frances sind „die unseren“ 39; Mitterrands körperlicher Verfall ist die „Verkörperung der verbleibenden Zeit“ 40, also auch des eigenen verrinnenden Lebens; sein Tod löst dasselbe Bedürfnis nach Gemeinschaft aus, das sich sogleich als Einsamkeit entlarvt. Mitterrand ist der Ort, an dem die große Geschichte und das private Altern in eins fallen. Genau das ist das Programm von Les années: eine „autobiographie impersonnelle“, in der das Ich nur als Schnittpunkt kollektiver Erfahrungen existiert. Indem Ernaux den Aufstieg und Verfall Mitterrands erzählt, erzählt sie zugleich den Aufstieg und Verfall einer Hoffnung, das Vergehen einer Epoche und – unauffällig darin eingelassen – das eigene Älterwerden. Mitterrand ist damit nicht ein Thema des Buches unter anderen, sondern eine seiner zentralen Gelenkstellen, an der sich die Poetik der unpersönlichen Autobiografie am deutlichsten zeigt.
Mitterrand als Autor und als Mythos: Le Coup d’État permanent und Les années
Mitterrands Argumente gegen de Gaulle (1964)
Bevor der Vergleich gezogen werden kann, sind die beiden Stränge von Mitterrands Anklage gegen de Gaulle in Le Coup d’État permanent (1964) zu rekonstruieren.
Das erste Argument betrifft den illegitimen Ursprung der Macht. Die Rückkehr de Gaulles im Mai 1958 sei kein „arbitrage“ zwischen einem gedemütigten Staat und arroganten Vasallen gewesen, wie es die offizielle Lesart wolle, sondern ein Staatsstreich: De Gaulle habe eine politische Verschwörung inspiriert und eine militärische Meuterei ausgenutzt, um die bestehende – wenn auch verfallende – republikanische Ordnung zu stürzen. „Vom 13. Mai bis zum 3. Juni 1958 hat der General de Gaulle einen ersten Staatsstreich vollbracht“ 41. Den Begriff „légitimité“, den de Gaulle unablässig beschwöre, deutet Mitterrand als Symptom eines schlechten Gewissens: Wer seine Herkunft ständig rechtfertigen müsse, regiere „par effraction“, durch Einbruch. Mitterrand stellt de Gaulle in eine bonapartistische Tradition – er vergleicht ihn mit „einem Louis-Napoléon Bonaparte, den die bürgerlichen Tugenden eines Louis-Philippe I. bewohnten“ 42 – und sieht im Gaullismus die Synthese von monarchischer Größensehnsucht und jakobinischer Einheitsleidenschaft, also die klassische Matrix des „pouvoir personnel“. Der Verfassungsreferendumssieg von 1958 sei eine „manière de sacre“ gewesen, ein nach napoleonischem Plebiszit-Muster organisierter Selbstkrönungsakt.
Das zweite Argument betrifft die Aushöhlung des Rechtsstaats nach der Machtergreifung. Der eigentliche „coup d’État permanent“ sei nicht das einmalige Ereignis von 1958, sondern dessen tägliche Fortsetzung: „ein Staatsstreich an jedem Tag“ 43. De Gaulle reduziere den Premierminister zum bloßen Befehlsempfänger – er sei „sein Adjutant, die anderen seine Burschen“ 44 –, entmachte das Parlament, indem er es seiner gesetzgeberischen Zuständigkeit beraube und in ein „ghetto d’interdits“ einschließe, und neutralisiere nach und nach jede Kontrollinstanz: den Verfassungsrat, den Conseil d’État, die unabhängige Justiz. Übrig bleibe, so Mitterrands Bild, ein „Monarch, umgeben von seinen häuslichen Bediensteten“ 45 gegenüber einem getäuschten Volk. Hierher gehört auch der berühmte Tabubegriff. Mitterrand nennt das Regime offen eine Diktatur: „Ich nenne das gaullistische Regime Diktatur, weil es, alles in allem, dem am meisten ähnelt, weil es unaufhaltsam zu einer fortwährenden Verstärkung der persönlichen Macht tendiert, weil es nicht mehr von ihm abhängt, den Kurs zu ändern“ 46. Er schärft die Anklage zusätzlich, indem er von einer „dictature qui s’ignore“, einer sich selbst nicht eingestehenden Diktatur spricht, die er gerade deshalb für gefährlicher hält als eine offen erklärte. Den „secteur réservé“ in der Außenpolitik, den die Verfassung nirgends vorsehe, deutet er als Beleg dafür, dass die Außenpolitik Frankreichs nicht mehr der Nation gehöre, sondern „einem einzigen Mann und, schlimmer noch, einem einsamen Mann“ 47. Wichtig ist Mitterrands Differenzierung: Seine Anklage richtet sich gegen die personalisierte Machtausübung de Gaulles, nicht gegen die republikanischen Institutionen als solche – eine Unterscheidung, die seine eigene spätere Amtszeit als Präsident der Fünften Republik vorwegnimmt.
Mitterrand setzt vor allem auf die historische Analogie: Er stellt de Gaulle systematisch in eine Linie mit Louis-Napoléon Bonaparte und Pétain und ruft das jahrhundertealte republikanische Trauma des „bonapartisme“ und „césarisme“ auf, um den General als Wiedergänger der personalisierten Macht zu delegitimieren. Zweitens arbeitet er mit der rhetorischen Wendung des Schlüsselbegriffs: Den von de Gaulle beschworenen Begriff „légitimité“ dreht er gegen seinen Urheber, indem er ihn als Symptom eines schlechten Gewissens deutet, und das Wort „dictateur“ nähert er dem General über die paradoxe Formel der „Diktatur, die sich selbst nicht kennt“ an. Drittens bedient er sich der ironischen Herabsetzung und antithetischen Bildlichkeit, etwa wenn der Premierminister zum bloßen „Adjutanten“ und die Minister zu „Burschen“ geschrumpft werden oder das Regime im Bild des von „häuslichen Bediensteten“ umgebenen Monarchen erscheint. Viertens nutzt er die Antiklimax und Zuspitzung im Titelbegriff selbst: Aus dem einmaligen „coup d’État“ von 1958 macht er durch die Formel „coup d’État de tous les jours“ eine dauerhafte, sich täglich erneuernde Usurpation. Schließlich verleiht er der Anklage durch Pamphlet-Ton, gelehrte Anspielungen und rhythmische Periodensprache literarischen Schwung – die Mischung aus juristischer Präzision, klassischen Verweisen und polemischer Verve macht den Text zur „plaidoirie à charge“, zur kunstvoll komponierten Anklagerede gegen den persönlichen Machtanspruch de Gaulles.
Dasselbe Phänomen von zwei Seiten
Eine aufschlussreiche Spannung entsteht, wenn man Ernaux‘ Mitterrand neben den Mitterrand stellt, der 1964 selbst zur Feder griff. In Le Coup d’État permanent führt Mitterrand exakt jene Kritik am personalisierten, quasi-monarchischen Präsidialregime, die er später als Amtsinhaber verkörpern wird. Sein Kernvorwurf gegen de Gaulle lautet, dieser habe ein Regime errichtet, in dem die Außenpolitik Frankreichs nicht mehr der Nation gehöre, „sondern einem einzigen Mann und, schlimmer noch, einem einsamen Mann“ 48. Eben diese Reduktion der Republik auf eine einzelne Figur ist es, die Ernaux am Mitterrand von 1981 – affirmativ gewendet – beschreibt: das Plakat mit „der Aura einer Souveränität […], die in alten Erinnerungen verwurzelt“ sei 49, der Erlöser, in dem die kollektiven Hoffnungen zusammenschießen.
Die beiden Bücher beleuchten damit dasselbe Phänomen von entgegengesetzten Seiten. Mitterrand analysiert die Mechanik der charismatischen Macht von außen, als Ankläger; er entlarvt die „légitimité“ de Gaulles als rhetorisches Bedürfnis eines Mannes, der „par effraction“ regiere, durch Einbruch. Ernaux dagegen beschreibt dieselbe charismatische Macht von innen, aus der Perspektive des kollektiven „on“, das sich ihr hingibt. Was Mitterrand 1964 als Täuschung anprangert – die Identifikation eines Mannes mit Frankreich, die er als gaullistischen Schlussstein benennt: „er wird Frankreich mit de Gaulle identifizieren“ 50 –, vollzieht das Wir in Les années zwei Jahrzehnte später an Mitterrand selbst. Die Pointe ist historisch wie literarisch: Der schärfste Theoretiker der Gefahren des „pouvoir personnel“ wird zur Projektionsfläche eben jener personalisierten Hoffnung, die er einst sezierte.
Was der Vergleich für die Lesart von Les années bedeutet
Dieser Befund vertieft die Lesart von Ernaux‘ Verfahren. Denn Ernaux ist die Ironie nicht entgangen. Ihre Darstellung des Mitterrand-Kults von 1981 enthält, wie gezeigt, von Anfang an den eingebauten Zweifel – „Worte, die uns aufrichtig schienen“ 51 –, und die spätere Ernüchterung der „rigueur“ bestätigt, dass das kollektive Subjekt einer Inszenierung aufgesessen war. Liest man Les années mit Le Coup d’État permanent im Hintergrund, erscheint Mitterrands Aufstieg zum „Tonton“ und schließlich zur „terrible figuration du ‚temps qui reste'“ als die endgültige Bestätigung seiner eigenen Frühschrift: Die Fünfte Republik formt auch ihre erklärten Gegner zu monarchischen Figuren um. Mitterrand selbst hat diese Kontinuität nie geleugnet – er ließ Le Coup d’État permanent sogar während seiner Präsidentschaft neu auflegen.
Für das Verständnis von Les années bedeutet dieser Vergleich, dass Ernaux‘ Mitterrand nicht nur die affektive Geschichte der Linken bündelt, sondern auch das strukturelle Paradox der Fünften Republik sichtbar macht: ein institutionelles System, dessen Kritik und dessen Verkörperung in derselben Person zusammenfallen können. Ernaux schreibt damit, ohne es explizit zu sagen, die Geschichte einer Republik, die ihre Bürger – und ihre Präsidenten – immer wieder dazu verführt, das Politische in einer einzelnen Gestalt zu personifizieren.
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Anmerkungen- „triste logique des faits“>>>
- „plaisir de voter contre de Gaulle“>>>
- „plongeait confusément dans les années de l’Algérie française“>>>
- „Dans le cours de l’existence personnelle, l’Histoire ne signifiait pas“>>>
- „débondé l’irrévérence“>>>
- „brusquement révélé la sénilité“>>>
- „ce qui était présenté comme le grand événement“>>>
- „un nouveau mois de mai“>>>
- „un 68 qui aurait réussi“>>>
- „lyrisme et émotion“>>>
- „Les larmes de bonheur de Mendès France […], c’était les nôtres“>>>
- „dans l’Histoire“>>>
- „Des mots vibrants qui nous semblaient sincères parce qu’on ne les avait pas entendus depuis longtemps“>>>
- „se saouler de symboles et de nostalgie“>>>
- „l’aura d’une souveraineté à laquelle son portrait sur fond d’un village avec un clocher d’église conférait la force d’une évidence enracinée dans de vieilles mémoires“>>>
- „ordre naturel dicté par les économistes“>>>
- „ne parlait plus du ‚peuple de gauche'“>>>
- „la réalisation de la justice“>>>
- „vaste cérémonie de commémoration“>>>
- „auxquels les célébrants, peut-être, ne croyaient pas“>>>
- „L’événement n’avait pas eu lieu“>>>
- „On re-aimait Mitterrand“>>>
- „par rapport à 81, le cœur n’y était pas“>>>
- „rassurant“>>>
- „un homme du centre“>>>
- „les gens de droite ne craignaient plus rien“>>>
- „garder Mitterrand plutôt que d’avoir Chirac“>>>
- „La réélection de Mitterrand nous rendait à la tranquillité. Il valait mieux vivre sans rien attendre sous la gauche que s’énerver continuellement sous la droite“>>>
- „tranquillité“>>>
- „sans rien attendre“>>>
- „un vieil homme exténué“>>>
- „une dépouille assise“>>>
- „l’abandon du politique“>>>
- „la terrible figuration du ‚temps qui reste'“>>>
- „solitude“>>>
- „quelle histoire“>>>
- „générations de Gaulle, Mitterrand, 68, baby-boom“>>>
- „Mitterrand était leur de Gaulle à eux, ils avaient grandi avec lui, quatorze ans, c’était bien assez“>>>
- „les nôtres“>>>
- „figuration du temps qui reste“>>>
- „Du 13 mai au 3 juin 1958, le général de Gaulle a réussi un premier coup d’État“>>>
- „un Louis-Napoléon Bonaparte qu’habiteraient les vertus bourgeoises de Louis-Philippe Ier“>>>
- „un coup d’État de tous les jours“>>>
- „Le Premier ministre est son aide de camp, les autres ses ordonnances“>>>
- „un monarque entouré de ses corps domestiques“>>>
- „J’appelle le régime gaulliste dictature parce que, tout compte fait, c’est à cela qu’il ressemble le plus, parce que c’est vers un renforcement continu du pouvoir personnel qu’inéluctablement il tend, parce qu’il ne dépend plus de lui de changer de cap“>>>
- „à un seul homme et, pis encore, à un homme seul“>>>
- „mais à un seul homme et, pis encore, à un homme seul“>>>
- „l’aura d’une souveraineté […] enracinée dans de vieilles mémoires“>>>
- „il identifiera la France à de Gaulle“>>>
- „des mots qui nous semblaient sincères“>>>