Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan

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Freundschaft zwischen Humanismus, Hermeneutik und Fiktion

Mit Montaigne – La Boétie: une ténébreuse affaire (Odile Jacob, August 2024, zit. als MBA) hat Philippe Desan – Howard L. Willett Professor Emeritus an der University of Chicago, u.a. Herausgeber der Montaigne Studies und Verfasser des maßgeblichen Buchs Montaigne: une biographie politique von 2014 – sein Fach gewechselt, ohne seinen Gegenstand zu verlassen. Der Gelehrte, dem die Académie française den Grand Prix für sein Werk zusprach, legt einen historischen Kriminalroman vor. Das ist kein bloßes Alterswerk-Divertissement, sondern ein durchkalkuliertes Experiment: ein Forscher, der ein halbes Leben lang die Grenze zwischen Montaignes Leben und Montaignes Buch vermessen hat, prüft diese Grenze nun mit den Mitteln der Fiktion. Der vorliegende Essay liest das Buch in drei Durchgängen – als Roman über eine Freundschaft, als Roman über das Lesen, und als verschlüsselte Selbstauskunft des Montaigne-Forschers.

Um zu ermessen, gegen welche Lesetradition Desan anschreibt, lohnt ein Blick auf Hugo Friedrichs Montaigne (1949). All diese Werke eint laut Hausmann der Versuch, nach den geistigen Trümmern des Nationalsozialismus das gemeinsame humanistische Erbe und die Kontinuität der europäischen Kultur neu zu beschwören. – und dies nicht zufällig, denn Desan hat Friedrichs Werk selbst herausgegeben und für die englische Ausgabe von 1991 eingeleitet. Im ersten Kapitel preist Hugo Friedrich Montaignes Mut zur Subjektivität – und zwar ausdrücklich als historisch situierte Tugend. Er schreibt, es brauche Mut und Strenge der Subjektivität gerade in jenen geschichtlichen Augenblicken, in denen eine im Formalismus erstarrte Tradition dem Einzelnen das Atmen verwehre und ihm den Zugang zur konkreten Menschlichkeit versperre. Montaignes Skepsis erscheint so als Widerstand gegen ein erstarrtes System – und Friedrich benennt den Gegenbegriff offen: Die Essais lösten die Idee einer totalitären Wissenschaft auf. Dieses Wort 1949, verbunden mit dem Bild eines Geistes, dem das System die Luft nimmt, lässt sich kaum ohne politischen Oberton lesen.

Friedrich liest die Essais als Glied einer philosophischen Anthropologie des nachantiken Europa und betont unablässig Montaignes Verwurzelung im humanistischen Erbe und in der abendländischen Bildungstradition. Sein Montaigne ist Zeuge einer kontinuierlichen europäischen Kultur, die von der Antike über die Renaissance bis in die Moderne reicht. Auch der Schluss zielt in diese Richtung: Der heiter-gelassene Grundzug Montaignes, eine Weisheit, die dem entwerteten Menschen weder Verzweiflung noch falsche Erlösungshoffnung, sondern die Bejahung seiner Endlichkeit anbietet, ist die Geste, mit der ein Autor 1949 dem Nihilismus eine humanistische Lebensbejahung entgegenhält. Frank Rutger Hausmann 1 ordnet Friedrichs Arbeit in eine Reihe mit anderen monumentalen Werken der deutschen Nachkriegs-Romanistik ein (wie Erich Auerbachs Mimesis oder Ernst Robert Curtius‘ Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Eine Differenzierung ist allerdings nötig: Auerbach und Curtius schrieben aus dem Exil beziehungsweise aus innerer Distanz, während Friedrich die NS-Jahre in einer universitären Position in Deutschland verbracht hatte. Bei ihm trägt die Beschwörung des Humanismus deshalb auch einen Zug von Selbstvergewisserung und Kontinuitätsbehauptung, der die eigene Verstrickung eher überblendet als aufarbeitet – was die auffällige Abwesenheit jeder direkten Zeitreflexion im Vorwort zusätzlich erklärt.

Friedrich liest Montaigne in der großen Tradition der romanistischen Geistesgeschichte als Einheit und wendet sich gerade gegen die fragmentierende Zerlegung des Werks in isolierte „-ismen“: Skeptizismus, Epikureismus und Ähnliches seien nur die Glieder eines sehr gut organisierten Geistes, dessen Kohärenz verlorengehe, sobald man ihn in zwei Teile, einen rückwärtsgerichteten und einen vorausweisenden spalte. Methodisch verteidigt er Montaignes scheinbare Unordnung als Wesensmerkmal – die Essais seien nicht durch articulatio, sondern durch coacervatio, durch gewollte Anhäufung gebaut – und stellt sie bewusst gegen Kants Systembegriff: Wer das Werk auf eine Zentralidee wie das „Que sais-je?“ reduziere, verfehle seine Weite, denn der Widerspruch sei kein Mangel, sondern ein beständiges Symptom des unendlich bewegten Geistes, an dem die immer neu beginnende Erfahrung interessiere, aber nicht das Ergebnis. Inhaltlich macht Friedrich Montaigne zum Begründer der modernen Moralistik, die er scharf von der Ethik abgrenzt: Sie habe wenig mit Moral zu tun, sondern vielmehr mit Sitten und Gebräuchen; ihre Vertreter seien weder Erzieher noch Ethiklehrer, sondern Beobachter, Analytiker, Menschenbildner. An die Stelle des Gattungsbegriffs „Mensch“ trete die Idee der Vielfalt, der Abwechslung, der Unterschiedlichkeit. Anders als Desans eigene Polemik in Penser le social nahelegt, die Friedrich das Dreistufen-Schema von Demütigung, Annahme und Weisheit zuschreibt, zeichnet Friedrich keine bruchlose Reifungslinie; seine Pointe ist umgekehrt die unabschließbare Beweglichkeit eines Geistes, den kein System einfängt – eine Differenz, die eher graduell ist, da auch Desans antiidealistische Stoßrichtung sich gegen die Einheitsannahme richtet, nicht gegen Friedrichs Beweglichkeitsthese.

Dennoch bleibt eine Differenz, an der Desan ansetzt. Friedrich sucht die Einheit eines sehr organisierten Geistes und nimmt Montaignes Selbstdeutung – das „livre consubstantiel à son autheur“ – als Schlüssel zu einer Wahrhaftigkeit, in der sich der Mensch schreibend zu seinem eigenen Bild macht. Diese Bindung der Wahrheit an die kohärente Person hat Desan in seinen wissenschaftlichen Arbeiten zurückgewiesen; schon in der Friedrich-Einleitung distanziert er sich behutsam – „it is perhaps necessary to dissociate ourselves from Friedrich’s statement“ – und macht aus dem Moralisten einen „anthropologist of moral man“, aus dem überzeitlichen Beobachter einen frühbürgerlichen Denker, dessen Skepsis aus der konkreten Krise der späten Renaissance erwächst. Wo Friedrich die organische Geschlossenheit eines Denkstils betont, betont Desan dessen historische Kontingenz, Strategie und soziale Verflechtung. Eben diese Verschiebung – vom konsubstantiellen Ich zur sozial konstruierten Person – ist die stille Voraussetzung des Romans: MBA zertrümmert die Idee eines Montaigne, dessen Buch transparent für seine Seele wäre. Ein Montaigne, der seinen Freund vergiftet und das Verbrechen im Einband seines eigenen Werks vergraben haben könnte, ist alles, nur kein durchsichtiges Selbstporträt.

Die Fiktion als legitimes Erkenntnisinstrument

Das Vorwort als Vertrag: die eigene Unwahrheit wird Wahrheitsbedingung

Desan eröffnet mit einer Geste, die jeder Montaigne-Leser sofort wiedererkennt. Die erste Zeile – „C’est ici un roman de bonne foi, lecteur“ – ist eine wörtliche Übernahme von Montaignes berühmtem „C’est ici un livre de bonne foi, lecteur“, mit der einzigen, alles entscheidenden Substitution von livre durch roman. In dieser einen ausgetauschten Vokabel liegt das Programm des Buches. Der Erzähler warnt, „qu’il traite d’une fiction, mais d’une fiction vraisemblable, informée par la biographie d’un homme qui écrivit un livre d’essais“. Die Fiktion wird nicht als Gegensatz zur Wahrheit eingeführt, sondern als ihre wahrscheinlichkeitsgesättigte Verlängerung.

Die Legitimation dieses Verfahrens entlehnt Desan dem Gegenstand selbst. Er zitiert Montaignes Bekenntnis zur Durchlässigkeit von Geschichte und Erfindung: „Bei meiner Untersuchung unserer Sitten und unseres Verhaltens dienen mir erfundene Berichte, sofern sie möglich sind, genauso wie die wahren.“ 2 Der Romancier nimmt den Essayisten beim Wort 3 und macht aus einer methodologischen Randbemerkung Montaignes das tragende Fundament eines ganzen Buches. Wenn das Mögliche dem Wirklichen gleichwertig dient, dann ist ein Roman über Montaigne kein Verrat an der Wissenschaft, sondern deren konsequente Fortführung mit anderen Mitteln.

Der Anspielungsreichtum des Vorworts geht über das einzelne Zitat hinaus. Indem Desan die Schwelle des Buches mit Montaignes eigener Schwellenformel pflastert, etabliert er ein Lektüreprotokoll: Der Leser soll von der ersten Zeile an doppelt lesen, soll im Romantext beständig den Essais-Prätext mithören. Das ist mehr als gelehrte Koketterie. Es verschiebt die Gattungserwartung. Ein historischer Kriminalroman verspricht gewöhnlich die Auflösung eines Rätsels in Gewissheit; Desans Vorwort hingegen kündigt an, dass die Lösung selbst eine Erfindung sein wird – „assurément une fiction“ –, dass der Leser also nicht auf Wahrheit, sondern auf Wahrscheinlichkeit eingeschworen wird. Die „bonne foi“, die Montaigne dem Leser entgegenbrachte, kippt bei Desan in eine paradoxe Aufrichtigkeit: Der Erzähler ist gerade dadurch ehrlich, dass er seine Unwahrheit deklariert. Das Motto, das dem Vorwort vorangestellt ist – Montaignes Wunsch, nicht von den Ereignissen, sondern von dem zu sprechen, „de ce qui peut advenir“ –, hebt diesen Vorrang des Möglichen vor dem Geschehenen noch einmal auf die Ebene einer Devise.

Die epikureische Klinamen-Poetik

Desan gibt seinem Verfahren eine physikalische Metaphorik, die wiederum Montaignes Lektüren entstammt. Épicure, schreibt er, zählte zu Montaignes bevorzugten Autoren, der dessen Atomtheorie schätzte. Daraus zieht Desan seine erzählerische Konsequenz: „Durch die winzige und unbeabsichtigte Verschiebung eines einzigen Atoms verändert sich unsere Welt auf unerwartete Weise.“ 4 Der Roman funktioniere ebenso – „geringfügige Abweichungen in den Ereignissen, Begegnungen oder Entscheidungen der Protagonisten gestalten die Realität neu und schaffen so eine andere Welt, die ebenso möglich ist“ 5.

Das ist eine präzise poetologische Selbstbeschreibung. Desan ändert nicht die Großwetterlage der Geschichte; er verschiebt einzelne Atome – ein verschwundenes Sonett, ein vergiftetes Fläschchen, ein Ex-voto mit grünen Augen – und lässt aus diesen minimalen Abweichungen eine alternative, lückenlos wahrscheinliche Welt entstehen. Das clinamen, das epikureische Abweichen, wird zum Bauprinzip einer kontrafaktischen Montaigne-Biografie. Die Ironie, die Desan an späterer Stelle ausspielt, ist bittersüß: Montaigne fand es seltsam, dass die Atome Epikurs sich nie zu einem Haus oder einem Schuh zusammengefunden hätten – „ironischerweise hatten sie jedoch dazu beigetragen, sein Verbrechen aufzudecken“ 6. Dieselben Atome, die im Essais-Skeptizismus als Bild der absurden Kontingenz dienten, liefern im Roman als Arsenrückstände den forensischen Beweis.

Eine Erzählarchitektur des prekären Gleichgewichts

Desan beschreibt die innere Mechanik seines Textes mit dem Bild der Uhr. Die Ereignisse verflechten sich unmerklich, „ein bisschen so, als würden Geschichte und Fiktion darum kämpfen, sich durchzusetzen, doch jedes Mal, wenn eine von beiden die Oberhand zu gewinnen scheint, schlägt das Pendel der Uhr in die entgegengesetzte Richtung zurück und stellt ein labiles Gleichgewicht wieder her“ 7. Diese Formel benennt nicht nur ein Thema, sondern die Bauweise: Die Personen der ersten beiden Teile seien sämtlich real, doch „parfois, la réalité est légèrement altérée et provoque des répercussions imprévues“. Der Roman organisiert sich als cold case über fast fünf Jahrhunderte – eine Untersuchung, deren Lösung selbst Fiktion ist, deren Erzählung aber, so Desan, wieder zur Geschichte zurückfindet, „comme pour mieux brouiller les pistes“. Erneut bürgt Montaigne: „l’écrivain n’a à rendre compte que d’une vérité empruntée“.

Die dreiteilige Architektur einer fatalen Freundschaft: vom Giftmord zum Gerichtssaal der Hermeneutik

Erster Teil – das sechzehnte Jahrhundert als Tatzeit

Der erste Teil siedelt das Geschehen 1559 in Bordeaux an, am Parlament, im Milieu der „robins“ – jener Juristen-Noblesse, der Montaigne und La Boétie gleichermaßen angehören. Desan inszeniert die erste Begegnung der beiden als rhetorisches Duell um die „coutume“, die Gewohnheit, in dem der junge, ehrgeizige Michel den gefeierten „Maître du Palais“ mit kalkulierter Frechheit aufs Glatteis führt. La Boétie durchschaut, dass die Intervention einstudiert war, „wie eine Theaterreplik“ 8, dass man eher Schauspieler-Monologen als einem aufgeklärten Gespräch beiwohnte. Diese Theater-Metapher ist programmatisch: Freundschaft erscheint von Anfang an als Inszenierung, als Rollenspiel, nicht als die transparente Seelengemeinschaft des kanonischen „De l’amitié“.

Hier liegt Desans erzählerischer Hebel. Die berühmte Freundschaft wird als Asymmetrie, ja als Täuschung neu gefasst. Der Roman exponiert systematisch, dass alles, was wir über La Boétie wissen, durch Montaigne vermittelt ist – und stellt damit eine genuin philologische Frage in den Dienst der Kriminalhandlung.

Bemerkenswert ist die Sorgfalt, mit der Desan das soziale Gefüge rekonstruiert, in dem diese Begegnung stattfindet. Der junge Michel ist in der Chambre des Requêtes blockiert, im roten Talar der zweitrangigen Beamten, während die Enquêtes-Räte in Schwarz für die wahren Magistrate gelten. La Boétie belehrt ihn über die Lage der „robins“, jener Aufsteiger, „issus du même monde du négoce, mais ils ne rêvent que de noblesse d’épée“. Diese Passagen sind kein bloßes Kolorit; sie tragen Desans wissenschaftliche Überzeugung in den Roman hinein, dass Montaignes Schreiben aus einer politischen und gesellschaftlichen Strategie hervorging, nicht aus weltabgewandter Kontemplation. Die Annäherung an La Boétie erscheint hier als Karriereschachzug, vom Vater Pierre Eyquem empfohlen, der für seinen Sohn den langen Talar und für sich selbst das Partikel begehrt. Wo die idealistische Tradition die Freundschaft als reine Seelenwahl feiert, zeigt Desan ihre Verwurzelung in Ehrgeiz, Heiratspolitik und Statusangst – und legt damit jenes Motivgeflecht, aus dem die spätere Mordhypothese ihre Plausibilität bezieht.

Zweiter Teil – die Überlieferung als Tatort

Der zweite Teil verfolgt über Jahrhunderte den Weg eines Dokuments: ein dreißigstes, kompromittierendes Sonett La Boéties, das Montaignes Witwe Françoise de la Chassaigne nach dessen Tod findet und nicht zu vernichten vermag. Desan macht aus der Buchbinderei eine Szene konzentrierter Symbolik. Françoise lässt das Manuskript der Essais prächtig in vergoldetes Pergament binden – und versteckt das Sonett zwischen Vorsatz und Einband, versehen mit einem kodierten Hinweis. Ihre Geste ist eine Rache, die sich als Frömmigkeit tarnt: „Es bleibt den künftigen Generationen überlassen, seine Offenbarung zu entschlüsseln, sagte sie sich.“ 9 Das Dokument wird zur „Flasche, die ins Meer geworfen wurde“ 10.

Desan zählt die im Oblivion verbrachte Zeit mit der pedantischen Genauigkeit eines Bibliografen: Das Sonett werde „192 Jahre und vier Monate – genauer gesagt 70.166 Tage in Vergessenheit“ 11 verbringen. Diese fast manische Präzision ist kein Zufall. Sie verrät den Sammler und Editionsphilologen, für den die Materialität des Textes – Einband, beschnittene Ränder, getilgte autografe Zeilen – keine Nebensache, sondern der eigentliche Schauplatz ist. Die Witwe, die Buch und Leichnam in der Kapelle der Feuillants zusammenführen will, vollzieht eine makabre Pointe von Montaignes eigenem Diktum, er sei mit seinem Buch „consubstantiel“: „C’est comme si elle plaçait le poème dans son habit mortuaire.“

Dritter Teil – die Gegenwart als Gerichtssaal

Der dritte Teil springt in die akademische Jetztzeit. Jacques Saint-Maur, französischstämmiger Montaigne-Spezialist an einer obskuren Universität in Iowa und besessener Sammler von Essais-Ausgaben, lenkt seine begabte Doktorandin Diane Osborne auf die Spur. Ihre These ist ein Skandal: Montaigne habe La Boétie vergiftet. Die Beweisführung kulminiert in einer Pariser Soutenance an der Sorbonne, die Desan unverhohlen als Prozess konturiert: „la thèse se transformait en procès, et Diane devrait assumer son rôle de procureur“. Die Verteidigung der Arbeit wird zum „réquisitoire en règle, sans appel possible“.

Diane stützt sich auf die Schlüsselworte aus „De l’amitié“, in denen Montaigne seine Freundschaft als „eine unerklärliche und verhängnisvolle Kraft“ 12 bezeichnet. Ihre ganze Dissertation, erklärt sie dem Jury, versuche diese zwei Worte zu erklären: „Pourquoi inexplicable ? et fatale pour qui ?“ Aus einer kanonischen Wendung der Freundschaftsprosa wird ein Tatverdacht. Ihre Lesart deutet die Beziehung als Missverständnis zweier unvereinbarer Affektmodelle – La Boétie auf der Suche nach der „licence grecque“, Montaigne als „homme à femmes“, der diese antike Praxis zurückweist. Die Philologie der Augenfarbe – grün, bei nur ein bis zwei Prozent der südwestfranzösischen Bevölkerung – soll auf dem Ex-voto die verborgene Geliebte Marguerite identifizieren und das Mordmotiv liefern.

Dianes feministische Indizienkette

Besonders aufschlussreich ist die Episode, in der Diane aus Montaignes Bemerkungen über Frauenaugen ein ganzes Beweisgebäude errichtet. Sie sammelt mit der Akribie einer Konkordanz die Stellen, an denen der Essayist die „douceur des yeux“, die „yeux chastes“, die „yeux effarouchés“ oder die „grâce de leurs yeux“ beschreibt, und schließt daraus auf eine Obsession, die zugleich übergriffig sei: Er sei überzeugt, in den Augen seiner Geliebten lesen zu können, projiziere seine Wünsche hinein, deute ein bloßes Wimpernschlagen als Einverständnis. Die rhetorische Klimax ihrer Argumentation ist eine Anklage: „Wie viele Frauen mussten seine sexuellen Übergriffe erdulden, nur weil sie einmal mit den Augen geblinzelt oder mit den Wimpern geklimpert haben?“ 13

Desan behandelt diese Passage mit kalkulierter Ambivalenz. Einerseits gibt er Dianes Lesart Raum und Würde; andererseits lässt er Saint-Maur intern urteilen, dieser feministische Diskurs werde sie bei der Soutenance „nicht weit bringen“ 14. Die Szene führt das hermeneutische Grundproblem des ganzen Romans im Kleinen vor: Aus einer Häufung textueller Indizien lässt sich eine kohärente These bauen, die überzeugend klingt und doch auf einem Sprung vom Wahrscheinlichen zum Behaupteten beruht. Die grüne Augenfarbe auf dem Ex-voto, statistisch zur Identifikationsmarke erhoben, ist das Musterbeispiel: ein an sich seriöses Datum, das durch interpretatorischen Ehrgeiz in einen forensischen Beweis verwandelt wird. Desan, der erfahrene Jurymitglied, weiß, wie nah philologische Brillanz und Überdehnung beieinanderliegen – und macht diese Nähe selbst zum Gegenstand.

Der Roman als Spiegelkabinett des Forschers

Saint-Maur als Selbstporträt

Die Figur Saint-Maur trägt unübersehbar Züge ihres Erfinders. Beide promovierten 1984 in Kalifornien; beide sind französischstämmige Montaigne-Forscher in den USA; beide sind passionierte Sammler. Saint-Maurs Privatbibliothek, die jene von Harvard und Chicago übertrifft und zur „Bibliotheca Mauriana“ wird, spiegelt direkt Desans reale „Bibliotheca Desaniana“ mit ihren rund 161 Montaigne-Ausgaben. Der Roman endet damit, dass Saint-Maur nach Boulder, Colorado, übersiedeln will – und das Vorwort ist „De Boulder, Colorado“ datiert. Die Maske ist mit Absicht durchsichtig gehalten.

Desan nutzt dieses Selbstporträt, um seine eigene methodische Position zu dramatisieren. Saint-Maur verkörpert den Forscher, dem die rein textimmanente Deutung nicht genügt, „aus dem einfachen Grund, dass der Mensch hinter dem Buch in der Literaturwissenschaft stets außer Acht gelassen wurde“ 15. Gegen die Tradition, die Montaignes ganzes Leben in seinem Buch aufgehen lässt, setzt er die „matérialité du texte“ und eine „culture matérielle de la Renaissance“. Das ist, kaum verhüllt, das kontextuell-soziologische Programm, das Desans wissenschaftliches Werk seit jeher von der idealistischen Montaigne-Philologie unterscheidet – hier ironisch überzeichnet bis zur „théorie – jugée farfelue par la plupart de ses collègues“ über die Objekte als Vermittler zwischen Welt und Imagination.

Dass Desan sein Alter Ego mit liebevoller Ironie zeichnet, schützt das Verfahren vor bloßer Selbstbeweihräucherung. Saint-Maur ist eine komische Figur: der gescheiterte Radrennfahrer, der seine kleinen Bleifahrer auf dem Kamin aufstellt, der Sartre in den Deux Magots getroffen haben will und seinen Studenten predigt, stets zuerst Nein zu sagen, der Marx und Montaigne zusammenzwingt und das Kapital in der französischen Erstausgabe von 1872 zur Pflichtlektüre seines Seminars macht. Die Selbstkarikatur erlaubt Desan, die eigene methodische Obsession – die Verbindung von historischem Materialismus und der Form des Essays, die der reale Autor in La Modernité de Montaigne verfolgt – zugleich vorzutragen und zu relativieren. Der Forscher lacht über sich, um über sein Fach ernsthaft sprechen zu können. Wenn Saint-Maur am Ende erwägt, entweder einen Roman über Montaigne und La Boétie oder ein Buch über die Moderne Montaignes zu schreiben, schließt sich der Kreis vollends: Die Figur kündigt eben jenes Werk an, das ihr Schöpfer bereits geschrieben hat.

Die These vom Forschen als Fiktion

Die schärfste Pointe legt Desan seiner jungen Protagonistin in den Mund. Nach der gescheiterten Soutenance gesteht Diane, sie habe begriffen, dass die Universitätsforschung selbst eine Form der Fiktion sei: „Je mehr ich arbeitete, desto mehr wurde mir bewusst, dass die akademische Forschung eine Form der Fiktion ist. Man muss erfinden, Hypothesen aufstellen, Theorien entwickeln und sich von anderen Interpretationen abheben.“ 16 Diese Erkenntnis ist ein ideologischer Kern des Romans. Der Detektivplot war lediglich das Vehikel, um die Verwandtschaft von Hypothesenbildung und Erzählerfindung sichtbar zu machen.

Bezeichnenderweise scheitert Diane gerade daran, dass sie an eine einzige, universelle Wahrheit glaubt – „Ich bin keine große Leserin von Montaigne, denn er glaubte, dass die Wahrheit subjektiv und formbar ist“ 17. Sie verlangt nach festen, unwiderlegbaren Gewissheiten und fühlt sich daher „plus proche des sciences que des humanités“. Desan kehrt damit die übliche Hierarchie um: Nicht der skeptische Montaignist, sondern die positivistisch gestimmte Forscherin erweist sich als die schlechtere Leserin Montaignes. Der Roman verteidigt den montaigneschen Zweifel – „Que sais-je ?“ – gegen den Wahrheitshunger seiner eigenen Heldin.

Die ironische Apotheose des Autors

Das Ende ist von vielsagender Ironie. Der Skandal nützt niemandem so sehr wie dem Beschuldigten. „Montaigne s’en était quant à lui sorti indemne“, heißt es; man stürze einen „pilier de la pensée française“ nicht so leicht vom Sockel. Ein New Yorker-Artikel unter dem Titel „L’affaire Montaigne“ behandelt die Affäre als Lehrstück über den „byzantinisme académique“ beiderseits des Atlantiks – und die Verkaufszahlen der Essais explodieren auf Amazon. Der Autor geht aus der Anklage „grandi et plus populaire que jamais face aux ergotages savants de ceux qui faisaient profession de le lire et de l’interpréter“.

Darin liegt Desans schärfste, an sein eigenes Metier gerichtete Pointe. Der Versuch, Montaigne mit forensischer Härte zu enttarnen, bestätigt nur dessen Unzerstörbarkeit; die Gelehrten, die ihn deuten, erscheinen kleiner als ihr Gegenstand. Saint-Maur verbrennt am Ende die fotografischen Beweise des Sonetts und entscheidet sich für das Vergessen – „Er hatte Montaignes Lehren über die Reue ausreichend verinnerlicht, um weiterzumachen“ 18. Der Forscher löscht seine eigene Sensation aus, und damit kehrt der Roman zu der Ausgangsthese seines Vorworts zurück: Geheimnisse, „unzugänglich und unaussprechlich“ 19, begleiten jeden Menschen ein Leben lang; die Erfindung erlaubt, sie zu enthüllen, ja zu richten – doch ob die Enthüllung Bestand hat, bleibt offen.

Das Werk im Werk

Die politische Biografie als Steinbruch

Wer Montaigne: une biographie politique (2014) gelesen hat, erkennt den ersten Romanteil als deren erzählerische Auflösung. Desans biografische Hauptthese lautet, der Montaigne-Autor sei eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts; die Spezialisten hätten einen „Montaigne universel et atemporel“ geschaffen und dabei „le serviteur royal et l’officier public“ übersehen, der seine Schreibstrategien stets nach Karrierekalkül ausrichtete. Es gelte, „das Klischeebild zu entkräften, das den Essayisten als in seinem Turm isoliert darstellt, fernab vom Trubel seiner Zeit“ 20. Eben diese Entmythisierung vollzieht der Roman szenisch: Der junge Michel nähert sich La Boétie nicht aus Seelenverwandtschaft, sondern auf Anraten des Vaters, der für den Sohn den langen Talar und für die Familie den Aufstieg aus dem Kaufmannsstand begehrt. Die ganze in der Biografie nüchtern analysierte Mechanik der „robins“ – jener Juristen-Noblesse, die „die aus derselben Geschäftswelt stammen“ 21 war und „nur von ritterlichem Ruhm träumen“ 22 – wird im Roman zur Bühne der ersten Begegnung. Was die Biografie als sozialgeschichtliche These formuliert, dramatisiert der Roman als Motiv: Die berühmte Freundschaft entsteht in einem Feld von Ehrgeiz, Heiratspolitik und Statusangst, und eben dieses Feld liefert der Mordhypothese ihren Boden. Auch Montaignes Diktum „Le Maire et Montaigne ont tousjours esté deux d’une separation bien claire“, das Desan in der Biografie als nicht für bare Münze zu nehmende Selbststilisierung entlarvt, kehrt im Roman wieder – nun als die Trennung von öffentlicher Fassade und verborgenem Privatgeheimnis, die der ganze Plot zu durchbrechen sucht.

Penser le social und die Materialität des Buches

Desans soziologisches Hauptwerk Montaigne, penser le social (2018) versteht sich als Fortsetzung der Biografie „de la pratique à la théorie“ und liest Montaigne mit Durkheim, Bourdieu und Elias als „individu collectif“, dessen Ich „n’a de sens que dans son rapport aux autres“. Es verwirft mit Nachdruck die psychologisierende Tradition, die das Werk aus einem Charakter erklärt – und reiht dabei Friedrich, etwas zugespitzt, unter deren Vertreter ein, weil dieser die Einheit eines Denkstils und die Konsubstantialität von Mann und Buch zur Deutungsachse macht. Im Roman wird dieses akademische Programm zur Figurenpsychologie Saint-Maurs verschoben und zugleich karikiert. Der ehemalige Trotzkist, der Marx und Montaigne zusammenzwingt, sucht die Wahrheit über den Essayisten in der „matérialité du texte“ und in einer „culture matérielle de la Renaissance“; er beklagt, dass „l’homme derrière le livre était toujours absent de l’interprétation littéraire“. Das ist Desans antiidealistisches Credo, ins Komisch-Obsessive übersteigert: Wo der Wissenschaftler die Essais als „objet social“ und „fait social“ analysiert, jagt der Romanheld realen Objekten nach – einem Fläschchen, einem Ex-voto, einem Sonett –, deren Materialität den Mord beweisen soll. Der Roman treibt die soziologische These bis an ihre Grenze und darüber hinaus: Aus der berechtigten Forderung, das Buch in seiner stofflichen und sozialen Konkretion zu lesen, wird die „théorie farfelue“, Objekte könnten ein Verbrechen bezeugen. Damit prüft Desan seine eigene Methode auf ihre Reichweite – und ihre Versuchung.

Das verschwiegene Sonett und die editorialen Strategien

Die feinste Verbindung betrifft das Zentrum des Plots, das verborgene Sonett. In der politischen Biografie behandelt Desan ausführlich Montaignes Edition der Werke La Boéties von 1571 und betont, dass Montaigne den Discours de la servitude volontaire zwar veröffentlichen wollte, das Mémoire über das Januar-Edikt jedoch „préféra passer sous silence“ – ein Akt des „déminage préventif en matière de politique éditoriale“. In Penser le social kehrt dasselbe Motiv wieder: Montaignes anfänglicher Wunsch, den Discours „au cœur de ses Essais“ zu platzieren, und sein späterer Rückzug angesichts der Vereinnahmung des Textes durch die Protestanten. Die Frage, was Montaigne von La Boétie überlieferte und was er unterdrückte, ist also keine Romanerfindung, sondern eine reale philologische Crux in Desans Forschung. Der Roman radikalisiert sie zur Kriminalhypothese: Wenn Montaigne das Erbe seines Freundes so sorgfältig kuratierte, was, fragt der Plot, könnte er sonst noch verschwiegen haben? Das fiktive dreißigste Sonett, das Françoise im Einband versteckt, ist die erzählerische Verkörperung jener editorialen Lücken, die Desan als Wissenschaftler kartiert hat – die Stelle, an der die Überlieferung schweigt und die Deutung beginnen muss. Dianes Soutenance-These, alles über La Boétie sei „à sens unique“, weil „aucun texte de La Boétie ne fut imprimé de son vivant“ und Montaigne die Überlieferung kontrolliere, ist eine wörtliche Übertragung von Desans philologischem Befund in die Sprache der Anklage.

Die englische Friedrich-Edition als Scharnier

Dass ausgerechnet Hugo Friedrich, dessen Montaigen-Buch Desan herausgab und einleitete, im Roman als Negativfolie präsent ist, schließt den Kreis zwischen den Werken. In der Friedrich-Einleitung formuliert Desan eine Beobachtung, die zur poetologischen Devise des Romans werden sollte: Montaigne überschreite stets die ihm vorliegende Geschichte und schaffe „a new object that he brings back to himself“; aus zwei Berichten wähle der überlegene Geist „the one that is more likely“ – das Wahrscheinlichere. Eben dieses Privileg des Wahrscheinlichen vor dem bloß Faktischen, das Desan 1991 bei Montaigne beschrieb, wird 2024 zum Bauprinzip seines eigenen Romans, dessen Vorwort die Fiktion über die Tatsache stellt, sofern sie nur „vraisemblable“ bleibt. Auch Friedrichs eigene Einsicht, die Essais interessiere die immer neu beginnende Erfahrung „mais non le résultat“, kehrt im Roman als dessen ideologischer Kern wieder – in Dianes Erkenntnis, die Forschung sei selbst eine Form der Fiktion, und in ihrem Scheitern an dem Wunsch nach „certitudes, fermes et irréfutables“. Der gemeinsame Fluchtpunkt von Friedrichs Monografie, Desans Wissenschaft und seinem Roman ist derselbe Montaigne, den schon Friedrich als „esprit infiniment mouvant“ beschrieb: ein Denken, das die Wahrheit im Vollzug und nicht im Ergebnis ansiedelt und das deshalb jedem System entgeht – auch dem des forensischen Beweises. Worin Desan über Friedrich hinausgeht, ist die Konsequenz für die Person: Wo Friedrich diese Beweglichkeit noch in der Einheit eines konsubstantiellen Ich auffängt, löst Desan auch diese letzte Einheit auf und zeigt einen Montaigne, dessen Buch keine durchsichtige Seele mehr verbürgt, sondern Geheimnisse bergen kann. So erweisen sich die wissenschaftlichen Bücher und der Roman als ein einziges, durch verschiedene Gattungen hindurch verfolgtes Projekt: die beharrliche Weigerung, Montaigne in der bequemen Annahme zur Ruhe kommen zu lassen, sein Werk falle mit seinem Selbst restlos zusammen.

MBA ist mehr als ein gelehrtes Spiel, auch wenn Desan es in den Remerciements bescheiden als „divertissement érudit“ und „jeu avec Montaigne“ bezeichnet, allerdings auch als eine seit zwanzig Jahren reifende Idee. Das Buch ist eine fiktionale Abhandlung über die Bedingungen der Montaigne-Forschung, geschrieben von einem ihrer wichtigsten Vertreter, der sich selbst als Romanfigur auf die Anklagebank setzt. Es führt vor, dass jede Interpretation eine Hypothese und damit eine Erzählung ist; dass die Grenze zwischen Biografie und Erfindung, die Montaigne im sechzehnten Jahrhundert als Erster systematisch ausgelotet hat, im einundzwanzigsten Jahrhundert dieselbe Beunruhigung stiftet. Der Bezug im Titel – die „ténébreuse affaire“ Balzacs verschränkt mit dem Detektivroman als philosophischer Form – ist deshalb auch kein Zierat. Desan hat das Genre des Krimis gewählt, weil es als literarisches Verfahren die Hermeneutik selbst zum Plot machen kann: Lesen heißt Verdacht schöpfen, Indizien deuten, eine Geschichte konstruieren, die wahrscheinlich, aber niemals beweisbar ist. Dass ausgerechnet der Spezialist diese Einsicht nicht in einer Monografie, sondern in einem Roman formuliert, ist die konsequenteste Hommage an einen Autor, der das Mögliche dem Wirklichen gleichstellte.

Worauf das Buch als Lehrstück hinauswill, lässt sich so bündeln: Deuten ist unausweichlich ein erfindender, mit Wahrscheinlichkeiten arbeitender Akt, und intellektuelle Redlichkeit besteht nicht darin, die endgültige Wahrheit über Montaigne zu finden, sondern darin, sich der eigenen erzählerischen Verfahren bewusst zu bleiben. Daraus folgt als vielleicht unbequeme Lehre des Romans: Misstrauen gegen die eigene Kohärenz. Denn die Mordhypothese scheitert nicht, weil sie schlecht gebaut wäre – im Gegenteil, sie ist elegant, materiell gestützt, lückenlos plausibel. Sie scheitert, weil gerade ihre Geschlossenheit verrät, wie viel interpretatorischer Ehrgeiz nötig war, um den Sprung vom Wahrscheinlichen zum Behaupteten unsichtbar zu machen. Was Diane an ihrer These besticht – die saubere Indizienkette, das schlüssige Motiv, die forensische Bestätigung –, ist eben das, was den geübten Leser warnen müsste. Desan richtet diese Warnung nicht nur an die radikale Doktorandin, sondern an jede Deutung, die eigene eingeschlossen: Je perfekter eine Interpretation den Widerstand ihres Gegenstands zum Verschwinden bringt, desto mehr hat sie diesen Gegenstand bereits durch ihre eigene Erfindung ersetzt. Der Montaigne’sche Zweifel ist deshalb kein Defekt des Forschers, der zu keinem Ergebnis kommt, sondern seine eigentliche Tugend – die Bereitschaft, die eigene Geschichte als Geschichte zu erkennen und sie nicht mit der Wahrheit zu verwechseln. Dass am Ende der Forscher seine Beweise verbrennt und sich für das Vergessen entscheidet, ist die letzte Konsequenz dieser Haltung: Manche Kohärenz ist zu vollkommen, um ihr trauen zu dürfen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Montaigne auf der Anklagebank: Philippe Desan." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Juni 2, 2026 at 15:21. http://rentree.de/2026/06/02/montaigne-auf-der-anklagebank-philippe-desan/.

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Anmerkungen
  1. vgl. das Nachwort von Frank Rutger Hausmann zur deutschen Ausgabe und seinen Aufsatz: Frank-Rutger Hausmann, „Hugo Friedrich, Montaigne“, Scientia Poetica: Jahrbuch für Geschichte der Literatur und der Wissenschaften 18, Heft 1 (2014): 241–59. >>>
  2. „Dans l’étude que je fais de nos mœurs et de nos comportements, les témoignages fabuleux, pourvu qu’ils soient possibles, y servent comme les vrais.“>>>
  3. „j’ai voulu la prendre au pied de la lettre“>>>
  4. „Par le déplacement négligeable et non prémédité d’un seul atome, notre monde se métamorphose de manière inattendue.“>>>
  5. „de minimes variations de faits, de rencontres, ou de décisions prises par les protagonistes, réorganisent la réalité pour créer un autre monde tout aussi possible“>>>
  6. „ironiquement, ils avaient en revanche permis de révéler son crime“>>>
  7. „un peu comme si l’histoire et la fiction se livraient bataille pour s’imposer, mais, chaque fois que l’une semble l’emporter, le balancier de l’horloge repart dans le sens opposé et rétablit un équilibre précaire“>>>
  8. „comme une réplique de théâtre“>>>
  9. „Aux générations futures de déchiffrer sa révélation, se dit-elle.“>>>
  10. „bouteille jetée à la mer“>>>
  11. „cent quatre-vingt-douze ans et quatre mois dans l’oubli – soixante-dix mille cent soixante-six jours, plus exactement“>>>
  12. „une force inexplicable et fatale“>>>
  13. „Combien de femmes ont-elles subi ses agressions sexuelles pour un simple clignement d’œil ou un battement de paupières ?“>>>
  14. „ne la mènerait pas bien loin“>>>
  15. „pour la bonne raison que l’homme derrière le livre était toujours absent de l’interprétation littéraire“>>>
  16. „Plus je travaillais, plus je me suis rendu compte que la recherche universitaire est une forme de fiction. Il faut inventer, lancer des hypothèses, élaborer des théories, se démarquer des autres interprétations.“>>>
  17. „je ne suis pas une bonne lectrice de Montaigne, car il croyait que la vérité est subjective et malléable“>>>
  18. „il avait suffisamment médité les leçons de Montaigne sur le repentir pour aller de l’avant“>>>
  19. „inaccessibles et inavouables“>>>
  20. „démythifier l’image d’Épinal qui présente l’essayiste isolé dans sa tour, loin des agitations de son temps“>>>
  21. „issus du même monde du négoce“>>>
  22. „ne rêvent que de noblesse d’épée“>>>

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