Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik

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Der Weg ins Pantheon: die lange Geschichte der Anerkennungsdebatten

Am 23. Juni 2026 betritt Marc Bloch, 82 Jahre nach seiner Erschießung durch die Gestapo, symbolisch jenes neoklassizistische Gebäude auf dem Pariser Hügel Sainte-Geneviève, das seit der Französischen Revolution die sterblichen Überreste der „grands hommes“ der Nation beherbergt. Die Überführung seiner sterblichen Überreste – sofern sie überhaupt zu lokalisieren sind – ins Pantheon ist mehr als eine posthume Ehrenbezeigung. Sie ist ein Akt staatlicher Selbstreflexion, eine verzögerte Wiedergutmachung und ein politisches Bekenntnis in einer Zeit, in der jene Kräfte, gegen die Bloch sein ganzes Leben lang ankämpfte, in Europa erneut auf dem Vormarsch sind. Wie die Historikerin Annette Becker es formulierte: Die Pantheonisierung Blochs genau dann, wenn all das wiederauftaucht, wogegen er sich stets erhoben hat, habe etwas Schwindelerregendes. 1

Die Entscheidung, Marc Bloch ins Pantheon zu überführen, hat eine verschlungene Vorgeschichte, die weit mehr über die Verfassung der französischen Erinnerungskultur aussagt als über den Historiker selbst. Seit Anfang der 1990er Jahre tauchte sein Name immer wieder als möglicher Kandidat auf. Bereits im Jahr 2006 war die Aufnahme in den Kreis der Großen der Nation so gut wie beschlossene Sache – bis ein Konkurrenzprojekt intervenierte: die mögliche Pantheonisierung von Alfred Dreyfus. Der Umstand, dass beide, der zu Unrecht degradierte Offizier und der ermordete Historiker, als Symbolfiguren des republikanischen Frankreichs mit jüdischem Hintergrund galten, schuf eine absurde Konkurrenzsituation, die das Projekt für nahezu zwei Jahrzehnte blockierte. 2 Bloch wäre wohl gerne neben seinen Kameraden aus dem Ersten Weltkrieg ins Pantheon eingezogen – jene Generation, die Maurice Genevoix verkörpert, der 2020 aufgenommen wurde. Doch es kam anders.

Die formelle Entscheidung traf Staatspräsident Emmanuel Macron am 23. November 2024, bezeichnenderweise bei einem Staatsakt in Straßburg anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung der Stadt. Der Ort war nicht zufällig gewählt: Straßburg war Blochs akademische Heimat, dort lehrte er von 1919 bis 1936 mittelalterliche Geschichte. Macron bezeichnete Bloch als „l’homme des Lumières dans l’armée des ombres“ – den Mann der Aufklärung in der Armee der Schatten – und würdigte seine „lucidité cinglante qui nous frappe aujourd’hui encore“, seine beißende Klarheit, die uns noch heute trifft. 3 Die Zeremonie war auf den 16. Juni 2026 festgelegt worden, den Jahrestag von Blochs Erschießung. Wegen des G7-Gipfels in Évian-les-Bains wurde sie schließlich auf den 23. Juni verschoben.

Die Reaktionen der Familie waren von tiefer Bewegung, aber auch von kämpferischer Entschlossenheit geprägt. In einem Brief an den Staatspräsidenten forderten Blochs Enkelin Suzette Bloch und sein Urenkel Matis Bloch, dass „die extreme Rechte in all ihren Erscheinungsformen von jeder Teilnahme an der Zeremonie ausgeschlossen wird“. 4 Die Formulierung war bewusst gewählt: Im Februar 2024 hatte Marine Le Pen gegen den erklärten Willen der Nachkommen an der Pantheonisierung des armenisch-stämmigen Widerstandskämpfers Missak Manouchian teilgenommen – ein Affront, den die Bloch-Familie nicht wiederholen lassen wollte. Zudem bestand die Familie darauf, dass die Zeremonie „rein zivil“ gehalten werde, wie Bloch es selbst in seinem Testament verfügt hatte: Er war Atheist, dem einzig an der Republik lag. 5

Das gesamte politische Spektrum reagierte auf die Pläne. Der Figaro publizierte eine Ehrenpetition von Historikern mit dem Titel „Supplique à Monsieur le président de la République pour le transfert au Panthéon de Marc Bloch“, L’Humanité forderte wiederholt, das Werk Blochs zu pantheonisieren und nicht nur die Person. Libération brachte kritische Stimmen zu Wort, die vor einer Instrumentalisierung warnten. Guillaume Mazeau, Dozent an der Universität Paris-1 Panthéon-Sorbonne, fragte in einem Meinungsbeitrag, ob die Pantheonisierung nicht ein „Nebelvorhang“ sei, der von tatsächlichen Problemen ablenke. 6 Le Point veranstaltete eine Art polemischen Wettkampf: „Panthéon: le match Bloch-Dreyfus“, als wäre Mnemosyne eine Ringrichterin. 7

Ein Leben zwischen Gelehrtenstube und Schlachtfeld

Marc Bloch wurde am 6. Juli 1886 in Lyon geboren, als Sohn von Gustave Bloch, einem renommierten Altertumswissenschaftler und Sorbonne-Professor, und von Sara Ebstein. Die Familie entstammte einer elsässischen jüdischen Gelehrtenlinie, die die Entscheidung für Frankreich nach 1871 als Gewissensentscheid vollzogen hatte: Blochs Großvater Marc, der erste jüdische Schüler der École normale de Nancy, hatte als Lehrer in Straßburg gewirkt; sein Vater Gustave hatte nach der deutschen Annexion des Elsass für Frankreich optiert und eine Glanzkarriere an der École normale supérieure und der Sorbonne gemacht. 8 Das Haus Bloch atmete republikanische Laizität und meritokratischen Ehrgeiz. Das Judentum war, wie Florian Mazel und Yann Potin in ihrer 2026 erschienenen Biographie schreiben, bei den Blochs nicht religiöse Praxis, sondern kulturelle Erinnerung und staatsbürgerliche Identität – man war, wie das Vorbild der Dreyfus-Affäre lehrte, „fou de la République“, verrückt nach der Republik. 9

Marc Bloch studierte an der École normale supérieure (ENS), jener Kaderschmiede der französischen Geistesaristokratie, dann in Berlin und Leipzig, wo er die Methoden der deutschen Geschichtswissenschaft kennenlernte, freilich mit kritischer Distanz. Er promovierte über die Königsherrschaft im mittelalterlichen Frankreich, absolvierte den Ersten Weltkrieg als Infanterieoffizier und Träger des Croix de guerre – vier Jahre Schützengraben, die ihn im Innersten prägten. 1919 erhielt er einen Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte in Straßburg, der frisch zurückgewonnenen Stadt, deren Universität der Dritten Republik als Musteranstalt kultureller Rückgewinnung galt. Dort begann eine der fruchtbarsten Kooperationen der modernen Geschichtswissenschaft: die Zusammenarbeit mit Lucien Febvre, seinem Kollegen, Mitgründer und lebenslangen intellektuellen Gesprächspartner.

1929 gründeten Bloch und Febvre die Annales d’histoire économique et sociale, eine Zeitschrift, die den Geist des Faches für immer verändern sollte. 1936 wurde Bloch als Nachfolger Febvres auf den Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte an die Sorbonne berufen. Es war der Höhepunkt einer akademischen Karriere, die mit dem September 1939 und der neuerlichen Mobilisierung jäh unterbrochen wurde. Als 52-Jähriger diente Bloch erneut in der Armee, erlebte das Debakel von 1940, kehrte nach Frankreich zurück – und begann zu schreiben. 1942–43 schloss er sich der Résistance an. Am 8. März 1944 wurde er in Lyon verhaftet, in der Gefangenenbehörde Montluc inhaftiert und gefoltert. Am 16. Juni 1944, wenige Wochen vor der Befreiung Frankreichs, wurde er zusammen mit 29 Kameraden in einem Feldweg bei Saint-Didier-de-Formans erschossen. Sein Leichnam wurde im Graben liegen gelassen.

Blochs Selbstverortung

Je suis juif, sinon par la religion, que je ne pratique point, non plus que nulle autre, du moins par la naissance. Je n’en tire ni orgueil ni honte, étant, je l’espère, assez bon historien pour n’ignorer point que les prédispositions raciales sont un mythe et la notion même de race pure une absurdité particulièrement flagrante. Je ne revendique jamais mon origine que dans un cas : en face d’un antisémite. Mais peut-être les personnes qui s’opposeront à mon témoignage chercheront-elles à le ruiner en me traitant de « métèque ». Je leur répondrai, sans plus, que mon arrière-grand-père fut soldat en 93 ; que mon père, en 1870, servit dans Strasbourg assiégé ; que mes deux oncles et lui quittèrent volontairement leur Alsace natale, après son annexion au IIe Reich ; que j’ai été élevé dans le culte de ces traditions patriotiques, dont les Israélites de l’exode alsacien furent toujours les plus fervents mainteneurs ; que la France, enfin, dont certains conspireraient volontiers à m’expulser aujourd’hui, demeurera, quoi qu’il arrive, la patrie dont je ne saurais déraciner mon cœur.

Marc Bloch, Étrange Défaite

Ich bin Jude, wenn auch nicht durch die Religion, welche ich ebenso wenig ausübe wie irgendeine andere, so doch zumindest durch meine Herkunft. Ich empfinde deswegen weder Stolz noch Scham, da ich, wie ich hoffe, ein ausreichend guter Historiker bin, um zu wissen, dass rassische Veranlagungen ein Mythos und der Begriff der reinen Rasse selbst ein besonders eklatanter Unsinn sind. Ich bekenne mich nur in einem Fall zu meiner Herkunft: gegenüber einem Antisemiten. Aber vielleicht werden diejenigen, die sich meinem Zeugnis widersetzen, versuchen, es zu diskreditieren, indem sie mich als „Fremden“ bezeichnen. Ich werde ihnen schlicht antworten, dass mein Urgroßvater 1793 Soldat war; dass mein Vater 1870 im belagerten Straßburg diente; dass meine beiden Onkel und er freiwillig ihr Heimatland Elsass verließen, nachdem es dem Zweiten Reich angegliedert worden war; dass ich im Geiste dieser patriotischen Traditionen erzogen wurde, deren eifrigste Bewahrer stets die Israeliten des elsässischen Exodus waren; dass Frankreich schließlich, aus dem mich manche heute gerne vertreiben würden, auf jeden Fall die Heimat bleiben wird, aus der ich mein Herz nicht herausreißen könnte.

Diese Passage aus Blochs Étrange Défaite ist persönlich wie wenige, zudem politisch aufgeladen. Der Historiker schreibt dies 1940, im Moment, da Vichy ihm per Gesetz den Staatsdienst entzieht – und er antwortet statt mit Klagen mit Genealogie: Großvater Soldat in der Republik von 1793, Vater im belagerten Straßburg 1870, Onkel, die freiwillig Frankreich wählten, als Deutschland das Elsass annektierte. Die Beweiskette ist unabweisbar und zugleich erschütternd: Hier verteidigt ein Mann seinen Platz in der Nation, die ihn gerade ausstößt, mit dem einzigen Argument, das einem Historiker zur Verfügung steht – der Vergangenheit. Bloch fragte 1940, ob die Republik ihn noch als ihren Sohn anerkenne. 2026 gibt der französische Staat die Antwort – mit dem höchsten Ort, den er für seine Toten kennt. In den Mauern des Pantheon hallt nach, was Bloch schrieb: „la patrie dont je ne saurais déraciner mon cœur“ – „die Heimat, von der ich mein Herz nicht losreißen könnte.“

Bloch entstammte einer elsässischen jüdischen Familie, die das Judentum als kulturelle Erinnerung und republikanische Berufung verstand, nicht als religiöse Praxis. Die Bildungsdynastie der Blochs – vom Großvater, dem ersten jüdischen Schüler der École normale de Nancy, über den Vater Gustave an der Sorbonne bis zu Marc selbst – war ein Projekt der republikanischen Emanzipation durch Verdienst und Wissen. Was diese Familie zusammenhielt, war nicht die Synagoge, sondern die Schule, nicht die Tora, sondern die Republik. Die Dreyfus-Affäre, die Bloch als Kind und Jugendlicher erlebte, prägte dieses Bewusstsein tief: Sie zeigte, dass die Assimilation vollständig und der Antisemitismus gleichwohl immer bereit war. Bloch hat dies für sich registriert, ohne daraus einen Kultus der Verletzlichkeit zu machen. Dass er mehrfach nicht ins Collège de France gewählt wurde – die antisemitischen Vorurteile spielten dabei eine Rolle, die er selbst relativierte –, nahm er als persönliche Niederlage, nicht als Anklage gegen Frankreich.

Die Bedeutung dieser jüdischen Selbstverortung für Blochs historisches Werk ist subtiler, als sie auf den ersten Blick erscheint. Sie liegt weniger in einer expliziten Thematisierung des Judentums – das in seinen Hauptwerken keine direkte Rolle spielt – als in einer spezifischen epistemischen Haltung: der Weigerung, Geschichte von innen einer einzigen Gemeinschaft zu erzählen. Bloch war von Haus aus ein Mann der Zwischenräume, des Vergleichs, des Grenzüberschreitens. Sein ganzes wissenschaftliches Programm basierte auf dem Misstrauen gegen die methodologische Nation: Mittelalterliche Agrarverfassungen, Königsriten, Feudalstrukturen ließ er nie im nationalen Container, sondern immer im europäischen Vergleich untersuchen. Ein Historiker, der weiß, dass Grenzen konstruiert sind – weil seine eigene Familie 1871 eine solche Grenze überschreiten musste und sich dabei für eine Seite entschied –, denkt anders über Grenzen nach als einer, der sie als naturgegeben hinnimmt. Hinzu kommt die Erfahrung des doppelten Außenseitertums: Als Jude in der französischen Akademie und als Laizist im kulturellen Judentum stand Bloch nirgends vollständig innerhalb. Diese Position des leicht Exzentrischen, des Beobachters, der zugehört und doch leicht versetzt bleibt, ist eine klassische Konstellation des kritischen Denkens – und sie prägte Blochs Fähigkeit, das Selbstverständliche als erklärungsbedürftig zu behandeln. Dass er in der Apologie pour l’histoire schrieb, der Historiker müsse das Gegenwärtige verstehen, um das Vergangene zu begreifen – und umgekehrt –, war keine bloße Methode: Es war eine Lebenspraxis, die sich aus der Erfahrung speiste, niemals ganz im Gestern und niemals ganz im Heute zu Hause zu sein.

Das Werk: eine neue Wissenschaft vom Menschen in der Geschichte

Was Bloch als Historiker leistete, lässt sich nicht auf eine Schule oder eine Methode reduzieren. Es ist das Werk eines Geistes, der die Grenzen des akademischen Fachs als Einladung verstand, nicht als Barriere. Ulrich Raulff, der Bloch im deutschsprachigen Raum wohl am tiefsten analysiert hat, beschreibt Blochs intellektuelle Tätigkeit als eine Form von „Wissenschaftsgeschichte als politischer Kulturgeschichte“: Der Historiker reagierte mit „seismographischer Empfindlichkeit“ auf die Erschütterungen seiner Zeit – und verarbeitete sie in eine neue Sprache der Erkenntnis. 10

Marc Bloch, Les Rois thaumaturges: Étude sur le caractère surnaturel attribué à la puissance royale, particulièrement en France et en Angleterre (Strasbourg: Librairie Istra, 1924; Neuausg. mit Vorwort von Jacques Le Goff, Paris: Gallimard, 1983).

Die Studie über die sakrale Heilkraft der Könige von Frankreich und England, ist das erste der großen Werke. Bloch untersucht darin, wie mittelalterliche Könige durch das Handauflegen Skrofeln heilten – und wie dieses Ritual jahrhundertelang als politisches Legitimationsinstrument wirkte. Es ist eine Geschichte des politischen Imaginären avant la lettre, eine Untersuchung der symbolischen Macht, die alle Grenzen zwischen Religionsgeschichte, politischer Geschichte und Sozialpsychologie systematisch unterläuft. Jacques Le Goff, der das Werk 1983 mit einem neuen Vorwort herausgab, nannte es einen Grundstein der politischen Anthropologie des Mittelalters. 11

Marc Bloch, Les Caractères originaux de l’histoire rurale française (Oslo: Institut pour l’étude comparative des civilisations; Paris: Honoré Champion, 1931; Neuausg. mit Vorwort von Pierre Toubert, Paris: Armand Colin, 1988).

Dies ist eine vergleichende Agrargeschichte, die von der Flurform bis zur Dorfgemeinschaft, von der mittelalterlichen Dreifelderschaft bis zur neuzeitlichen Agrarrevolution reicht. Bloch arbeitet hier als Feldforscher, der Luftaufnahmen auswertet, Katasterkarten analysiert und bäuerliche Überlieferungen befragt – eine Pionierleistung interdisziplinärer Methodik, die die moderne Umwelt- und Agrargeschichte vorbereitet hat.

Marc Bloch, La Société féodale, 2 Bde. (Paris: Albin Michel, 1939–40).

In zwei Bänden kurz vor Kriegsausbruch erschienen, ist La Société féodale das monumentale Hauptwerk. Bloch entwirft eine vergleichende Sozialgeschichte des europäischen Feudalismus als System menschlicher Bindungen und Abhängigkeiten – nicht als bloße Rechts- oder Herrschaftsgeschichte. Das Werk verbindet Strukturanalyse mit einer fast novellistischen Dichte der Beschreibung. Es ist, in Raulffs Formulierung, ein Klassiker der historiographischen Literatur im vollen Sinne: nicht nur wissenschaftlich wegweisend, sondern auch als Prosa von bleibendem Wert. 12

Marc Bloch, L’Étrange Défaite: Témoignage écrit en 1940 (Paris: Société des Éditions Franc-Tireur, 1946; Neuausg. Paris: Gallimard, 1990).

Dies ist das Werk, das Bloch ins kollektive Gedächtnis Frankreichs einschrieb. Geschrieben in den Wochen nach dem Zusammenbruch der Dritten Republik, ist es ein unerbittliches Zeugnis und eine schonungslose Analyse: Warum ist Frankreich so schnell und so total zusammengebrochen? Bloch benennt die Schuldigen mit einer Deutlichkeit, die ihn zu einem unbequemen Zeugen macht – die politischen Eliten, die militärische Führung, die akademische Intelligenz (zu der er sich selbst rechnet), alle haben versagt. Das Buch ist ein Dokument der Selbstanklage und zugleich ein Liebesgeständnis an Frankreich. Macron zitierte bei seiner Ankündigung in Straßburg eben jene Passage, die von der „volonté française émoussée par le conservatisme, endormi par le conformisme, amolli par la bureaucratie“ spricht – dem durch Konservativismus abgestumpften, durch Konformismus eingeschläferten, durch Bürokratie erschlafften französischen Willen. 13 Es ist nicht zuletzt die Aktualität dieser Diagnose, die Blochs Werk unsterblich macht.

L’Étrange Défaite ist zunächst ein Dokument der Zeugenschaft – und Bloch weiß genau, was dieses Wort bedeutet. In der „Présentation du témoin“, mit der das Buch beginnt, legt er seinen dreifachen Status offen: Historiker, Soldat, Jude. Diese Trias ist erkenntnistheoretisches Programm. Der Historiker bürgt mit seinem Handwerk für die kritische Methode des Zeugenberichts; der Soldat kann sprechen, weil er dabei war – als Kapitän des Generalstabs der 1. Armee, der die Katastrophe aus der Binnenperspektive des Kommandoapparates erlebte; der Jude nennt sich, weil er damit rechnet, dass man ihn als Fremden diskreditieren will, und ihm nur der Weg der schonungslosen Offenheit bleibt. Das Buch ist nach dem Muster eines gerichtlichen Protokolls konstruiert: „La déposition d’un vaincu“ lautet der Titel des Hauptteils, und Bloch versteht sich als Ankläger und Zeuge zugleich vor dem Tribunal der Geschichte. Den Kern seiner Analyse des militärischen Versagens formuliert er in einem Satz von brutaler Klarheit: Die Niederlage gegen Deutschland war „wesentlich ein intellektueller Triumph“ des Gegners. Frankreichs Armee hatte den Krieg von gestern geführt, als Deutschland bereits den Krieg von morgen schlug. Der Begriff der Geschwindigkeit, der die moderne Kriegführung revolutioniert hatte, war in den Generalstäben nicht verstanden worden. Bloch beobachtet, wie die französischen Kommandeure in Kategorien des Stellungskriegs von 1914–18 dachten – Frontlinien, geordnete Rückzüge in bekanntem Rhythmus –, während die Wehrmacht in Stunden voranrückte, wo man Tage gerechnet hatte. Das Ergebnis dieser Gedankenverzögerung war nicht nur strategisches Scheitern, sondern psychologischer Zusammenbruch: Soldaten, die im richtigen Moment am falschen Ort erwarteten, gerieten in Panik, weil das Undenkbare eintraf. Die Deutschen, notiert Bloch, „hielten sich nicht ans Spiel.“ 14

Der zweite, tiefer liegende Befund des Buches ist der eigentlich erschütternde: der „Examen de conscience d’un Français“, der dritte und bekannteste Teil. Hier weitet Bloch die Analyse vom Militär auf die gesamte Gesellschaft aus. Die Niederlage sei nicht nur das Werk unfähiger Generäle gewesen – diese verdienten ihren Tadel –, sondern Ausdruck einer allgemeinen geistigen Starre der französischen Eliten. Die herrschende Klasse, la bourgeoisie, hatte sich in den Zwischenkriegsjahren einem bequemen Konservativismus hingegeben, der jede wirkliche Reform verhinderte. Die Gewerkschaften und die Linke ihrerseits hatten, im Misstrauen gegen das Militär, Rüstung und Wehrerziehung verteufelt. Das Ergebnis war ein gesellschaftlicher Immobilismus, in dem niemand die Energie aufbrachte, Frankreich auf die Wirklichkeit des Jahres 1940 vorzubereiten. Bloch geißelt hier auch sich selbst: Die akademische Intelligenz, zu der er gehört, habe sich zu sehr in ihre Studierstuben zurückgezogen und zu wenig auf die öffentliche Wirklichkeit eingewirkt. Das Buch endet nicht mit Resignation, sondern mit einem leidenschaftlichen Bekenntnis zu Frankreich – dem Frankreich, das er liebt, gerade weil er es anklagt. Das Paradox, das die Étrange Défaite zu einem Schlüsseltext nicht nur der französischen, sondern der modernen europäischen Geistesgeschichte macht, ist dieses: Ein Mann, dem der Staat seiner Geburt in eben jenen Monaten die bürgerlichen Rechte entzog, als er dieses Buch schrieb, schrieb es dennoch als unverbrüchliches Liebesgeständnis an sein Land – „Quoi qu’il arrive, la patrie dont je ne saurais déraciner mon cœur.“ 15

Marc Bloch, Apologie pour l’histoire ou Métier d’historien, hg. von Lucien Febvre (Paris: Armand Colin, 1949; Neuausg. mit Vorwort von Jacques Le Goff, 1993).

Die Apologie ist das unvollendete Meisterwerk der historischen Epistemologie – Bloch schrieb daran noch in den letzten Jahren seines Lebens. Es ist keine trockene Methodenlehre, sondern eine leidenschaftliche Verteidigung der Geschichte als menschliche Wissenschaft schlechthin. „Warum Geschichte?“ fragt Bloch im ersten Satz, weil sein kleiner Sohn ihn darum bat, ihm dies zu erklären. Die Antwort entfaltet sich in einem der schönsten und zugänglichsten Texte über das Handwerk des Historikers, den die Weltliteratur kennt. Es ist die international meistgelesene Einführung in die Geschichtswissenschaft überhaupt. 16 Das Buch ist geprägt vom Bewusstsein der Unvollständigkeit – Bloch konnte es nicht beenden – und trägt im Fragment den Stempel seiner Zeit: Es entstand in der Illegalität, zwischen Verhören und Flucht.

Marc Bloch, Carnets inédits 1917–1943, hg. von Étienne Bloch (Paris: Presses Universitaires de France, 2006).

Hinzu kommen die erst spät veröffentlichten Carnets (Tagebücher 1917–1943), deren Bedeutung für das Verständnis des Blochschen Denkens noch nicht vollständig erschlossen ist, sowie eine umfangreiche Korrespondenz, vor allem mit Lucien Febvre.

Die Annales: Eine Revolution des historischen Denkens

Wer Bloch würdigt, muss die Annales würdigen. Die 1929 mit Febvre gegründete Zeitschrift war mehr als ein Publikationsorgan – sie war ein Programm, eine Herausforderung, ein intellektuelles Manifest. Gegen die herkömmliche „histoire historisante“, die sich in der positivistischen Narration von Ereignissen, Schlachten und Staatsakten erschöpfte, setzten Bloch und Febvre eine Geschichte der langen Dauer, der Strukturen, der Mentalitäten und des Alltags. Sie öffneten die Geschichtswissenschaft für Soziologie, Geographie, Linguistik, Archäologie und Psychologie. Diese „decompartmentalization“, wie Erwin Panofsky den verwandten Prozess in der Kunstgeschichte nannte, war eine wissenschaftshistorische Revolution ersten Ranges. 17

Die Annales haben nach Blochs Tod überlebt und sich weiterentwickelt – unter der Herausgeberschaft Febvres, dann unter der Ägide von Fernand Braudel, der Blochs komparatistischen Impulse in seinen gigantischen Studien über das Mittelmeer weitertrieb. Die Zeitschrift besteht bis heute und heißt heute Annales: Histoire, Sciences Sociales. Dass das Pantheon, in das Bloch aufgenommen wird, offizieller Teil des Universitätsnamens „Paris 1 Panthéon-Sorbonne“ ist – also den Namen des Bauwerks trägt, das seinen Schöpfer beherbergt – ist eine der kleinen Ironien der Institutionengeschichte, die Bloch selbst gewiss amüsiert hätte.

Die Neuerscheinungen: aus der Forschung 2026

Im Zuge der Pantheonisierung hat die Bloch-Forschung einen neuen Schub erhalten. Drei jüngst erschienene Bücher verdienen bspw. Beachtung.

Florian Mazel und Yann Potin (Hg.): Marc Bloch, L’Univers historique (Éditions du Seuil, März 2026).

Dieser Sammelband – herausgegeben in der renommierten Reihe, die von Patrick Boucheron und Paulin Ismard geleitet wird – versammelt Beiträge zahlreicher Historikerinnen und Historiker, die das Werk und die Wirkung Blochs aus je eigener Perspektive beleuchten. Im Vorwort betonen die Herausgeber, dass es noch nie eine synthetische Biographie gegeben habe, die Leben, Werk, wissenschaftliches Engagement und Erinnerungsgeschichte wirklich zusammenbrächte. Etienne Bloch, der älteste Sohn des Historikers und langjährige Hüter seines Gedächtnisses, hatte 1997 programmatisch eine „biographie impossible“ vorgelegt – was er damit meinte, war keine Resignation, sondern eine epistemische Warnung vor vorschneller Kanonisierung. Mazel und Potin setzen auf ein Kollektivwerk mit vier Schwerpunkten: die vielfältigen Engagements eines Lebens, die Wahl des Mittelalters als Forschungsfeld, das Gespräch zwischen Geschichte und Sozialwissenschaften, und Blochs Nachwirkung in Bezug auf das Konzept der Nation. Patrick Boucheron, einer der Herausgeber der Reihe, bringt es auf den Begriff: Bloch betreibe Geschichte in Resistenz, nicht weil er Geschichte als Widerstand gedacht habe – er opferte dafür sein Gelehrtenleben –, sondern weil er meinte, das Handwerk des Historikers entferne ihn keineswegs vom Leben, sondern stärke im Gegenteil die doppelte Verantwortung gegenüber Vergangenheit und Gegenwart. 18

Alya Aglan: La double mort de Marc Bloch (Flammarion, 2026).

Alya Aglan, Professorin für Zeitgeschichte an der Universität Paris 1 Panthéon-Sorbonne und Spezialistin für die europäischen Widerstandsbewegungen, stellt in ihrem prägnanten Essay eine provokante These auf: Bloch starb zweimal – einmal den bürgerlichen Tod durch die antisemitischen Gesetze Vichys, die ihn aus seiner Profession, aus seinem Amt, aus seiner Revue und aus der nationalen Gemeinschaft ausschlossen; und dann den physischen Tod durch die Nazis. Diese „doppelte Verfolgung“ – durch den französischen Staat und durch die deutschen Besatzer in staatlicher Kollaboration – unterscheide Bloch von allen anderen Pantheon-Figuren. Die erste Tat war die des État français in Vichy, die zweite die der deutschen Besatzer, verbunden durch eine enge antisemitische Komplizenschaft. Aglan weist darauf hin, dass Bloch im Februar 1942, gemeinsam mit weiteren zwanzig prominenten Persönlichkeiten und ehemaligen Frontkämpfern aller Konfessionen, offiziell gegen die antisemitische Gesetzgebung protestierte und an Jean Ullmo schrieb: „Les juifs français sont des Français comme les autres.“ Die Pantheonisierung sei mithin eine Rehabilitierung einer ganzen Kategorie von Staatsbürgern, die der französische Staat selbst aus der nationalen Gemeinschaft ausgestoßen hatte: eine republikanische Geste, die es in dieser Form bislang nicht gegeben hat. 19

Olivier Lévy-Dumoulin: Marc Bloch, Références/Facettes 2. Auflage (Presses de Sciences Po, 2025).

Diese überarbeitete zweite Auflage des knappen, aber gehaltvollen Einführungsbandes erschien kurz nach der Ankündigung der Pantheonisierung. Lévy-Dumoulin skizziert Bloch als „historien hors du commun“ aus einem dreifachen Blickwinkel: als Schöpfer eines sehr kreativen mittelalterhistorischen Werkes, als Reflexionsinstanz über das historische Handwerk (vor allem in der Apologie) und als Gründungsimpuls einer neuen historiographischen Praxis durch die Annales. Lévy-Dumoulin betont dabei, was Bloch auch für ein breiteres Publikum interessant macht: Mit ihm lassen sich Fragen nach dem Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit, nach der sozialen Rolle des Gelehrten in der Polis, nach den Risiken des Urteils im Umgang mit der Vergangenheit stellen. Die Frage, wie das Ereignis – manchmal das dramatischste – in eine Karriere und eine intellektuelle Formation einbricht, bis der Historiker unter deutschen Kugeln stirbt, macht Bloch zur emblematischen Figur einer Erfahrung, die seine ganze Generation teilte – und die er allein in diese Sprache übersetzte. 20

Ergänzend zu erwähnen ist etwa noch die ältere, aber noch immer unentbehrliche Biographie von Carole Fink: Marc Bloch: A Life in History (Cambridge University Press, 1989; dt. Übersetzung 1992), die erste wissenschaftliche Gesamtbiographie auf Basis der Familienarchive. Finks Darstellung des Leben ist unersetzt, auch wenn Raulff ihr vorhält, sie habe Bloch als „apolitisch“ charakterisiert und damit Wesentliches seiner intellektuellen Physiognomie verfehlt. 21 Zu nennen ist auch Peter Schöttler, der Bloch aus der Perspektive deutsch-französischen Wissenstransfers untersucht hat und zu den wichtigen Bloch-Forschern im deutschsprachigen Raum zählt.

Was Pantheonisierung im französischen Kontext bedeutet

Das Pantheon ist eine Erfindung der Französischen Revolution. 1791 ursprünglich als Kirche im Bau, wurde das Gebäude auf der Anhöhe Sainte-Geneviève zur Grabstätte der Nation umgewidmet – „Aux grands hommes la patrie reconnaissante“, verkündet der Giebelfries noch heute. Die Institution ist von Beginn an politisch imprägniert: Wer ins Pantheon aufgenommen wird, offenbart etwas über das Selbstbild der Republik zu einem bestimmten Zeitpunkt. Mirabeau wurde aufgenommen und wieder hinausgeworfen. Voltaire und Rousseau liegen dort, aber nicht Diderot oder d’Alembert. Victor Hugo liegt dort, aber nicht Flaubert oder Zola. Die Liste der Anwesenden und der Abwesenden ist ein Barometer der nationalen Selbstwahrnehmung.

Unter der Fünften Republik wurden die Aufnahmen seltener, aber aufgeladener. De Gaulle nahm Jean Moulin auf – und meißelte damit das Narrativ der „France résistante“ in Stein. Mitterrand machte Pierre und Marie Curie zu Pantheon-Bewohnern; Chirac überführte André Malraux. Hollande holte Pierre Brossolette, Germaine Tillion und Geneviève de Gaulle-Anthonioz. Macron begann sein Amt mit Maurice Genevoix (dem Dichter der Poilus) und Simone Veil, der Überlebenden von Auschwitz und Kämpferin für das Recht auf Abtreibung; es folgten Joséphine Baker und Missak Manouchian als Kämpfer der Französischen Résistance.

Jede Pantheonisierung ist ein Teil, der für das Ganze steht. Mit Manouchian – dem armenisch-stämmigen Kommunisten, der als Angehöriger einer Einwanderergruppe für Frankreich starb – wurde die plurale, ethnisch vielfältige Résistance gewürdigt. Mit Bloch wird etwas anderes gewürdigt: die Tatsache, dass der französische Staat selbst einen der Seinen aus der Gemeinschaft ausgestoßen, beraubt und schließlich seinem Mörder überlassen hat. Diese Geste ist, wie Aglan hervorhebt, in ihrer Spezifik völlig neu im Pantheon. 22

Außerdem: Bloch ist der erste Historiker, der ins Pantheon kommt. Mazel und Potin formulieren es mit leiser Ironie: „Pour la première fois – ce dont on peut légitimement s’étonner –, ce vieux pays qui a la passion de l’histoire accueillera aussi avec sa personne un historien dans son Panthéon national.“ 23 Ein Land, das die Geschichte liebt wie kaum ein anderes, und doch hatte es noch keinen professionellen Historiker in seinen Tempel aufgenommen. Mit Bloch betritt, so die symbolische Lesart, der kritische Geist der Geschichtswissenschaft selbst die Nekropole der Memoria.

Das ist nicht unproblematisch. Guillaume Mazeau, der in Libération fragte, ob die Pantheonisierung eine „Ablenkung“ sei, wies darauf hin, dass staatliche Memoria immer instrumentalisierbar ist. 24 Die Bloch-Familie hat ihrerseits klar benannt, was sie nicht will: eine religiöse Zeremonie, eine parteiische Vereinnahmung, eine Präsenz der extremen Rechten. Der Wunsch nach einer „rein zivilen“ Feier hat historische Deckung: Im Testament, das Bloch am 18. April 1941 als spirituelles Vermächtnis verfasste, wählte er als Grabinschrift das lateinische „dilexit veritatem“ – er liebte die Wahrheit. Mehr brauchte es nicht.

Die deutsche Perspektive: Bloch zwischen Anerkennung und Schuld

Für Deutschland hat die Pantheonisierung Marc Blochs eine besondere Bedeutung, die in der französischen Debatte zu wenig thematisiert wird. Bloch wurde von deutschen Soldaten erschossen. Er wurde von der Gestapo verhaftet und gefoltert. Die Vernichtungspolitik, gegen die er Widerstand leistete, trug ein deutsches Staatssiegel. Und doch ist Bloch im deutschsprachigen Raum kein Unbekannter – im Gegenteil: Er wurde hier früh rezipiert, intensiv diskutiert und in die Tradition der deutschen Sozialgeschichte integriert.

Es war nicht zuletzt Ulrich Raulff, der mit seiner 1995 erschienenen Studie Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch (S. Fischer) die deutsche Bloch-Rezeption auf ein neues Niveau hob. Raulffs Buch ist kein biographisches Werk im engeren Sinne, sondern ein intellektuelles Portrait, das Bloch als emblematische Figur des 20. Jahrhunderts begreift – eines Jahrhunderts, das durch zwei Weltkriege und die Krise des europäischen Humanismus definiert wird. Raulff verfolgt Blochs Selbstrepräsentation als Historiker-Richter, die Metaphorik des Labors und der Werkstatt, die testamentarischen Schriften und das politische Engagement – und zeigt, wie das Werk des Mediävisten und die Erfahrungen des Offiziers und Citoyens untrennbar miteinander verwoben sind. 25

Die deutsche Akademie hatte Bloch bereits früh als Gesprächspartner angenommen, nicht zuletzt durch die Zeitschrift Annales, die in methodischen Debatten der deutschen Sozialgeschichte – vor allem in der Bielefelder Schule um Hans-Ulrich Wehler – stets präsent war. Bloch galt als Kronzeuge für eine Geschichtswissenschaft, die das „Primat der Innenpolitik“ und die strukturellen Bedingungen sozialer Wandlungsprozesse gegenüber dem bloßen Ereignis betonte. Diese Rezeption war selektiv und oft von den eigenen methodischen Interessen der deutschen Historiographie gefärbt – Bloch als Ahnherr einer Sozialgeschichte, die er selbst so nie beschrieben hätte.

Die deutsch-französischen Beziehungen haben sich in den letzten Jahrzehnten auch über das Gedächtnis an Bloch konstituiert. Mazel und Potin verweisen darauf, dass Bloch seit dem 50. Jahrestag seiner Erschießung 1994 zu einer „Leitfigur der deutsch-französischen universitären und kulturellen Beziehungen“ geworden ist, von Berlin bis Paris, mit Straßburg als symbolischem Mittelpunkt. 26 Das Marc-Bloch-Zentrum in Berlin – ein gemeinsames Forschungsinstitut der CNRS und der deutschen Wissenschaftsgemeinschaft – trägt seinen Namen seit 1992 und verkörpert jene grenzüberschreitende Gelehrtenkultur, die Bloch selbst in Straßburg als Ideal entwickelt hatte. Die nunmehrige Pantheonisierung gibt diesem symbolischen Fundament eine neue Tiefe.

Für die deutsche Öffentlichkeit ist die Frage allerdings auch eine des Gedenkens und der Schuld. Bloch ist ein Opfer der deutschen Staatsgewalt – und zugleich ein leidenschaftlicher Verteidiger der Idee eines Europa, dessen historische Verflechtungen er besser verstand als die meisten Nationalhistoriker seiner Zeit. In La Société féodale entwirft er eine vergleichende Geschichte des europäischen Feudalismus, die nationale Grenzen als historiographische Konstrukte entlarvt. Dieser europäische Blick hat in Deutschland Resonanz gefunden – und umso schmerzlicher ist es, dass jene Nation, die ihn als Forscher am tiefsten beeinflusst hatte, die der deutschen Schule von Ranke bis zu den Monumenta Germaniae Historica, am Ende seine Ermordung befahl.

Die Pantheonisierung ist, aus dieser Perspektive, nicht nur eine französische Angelegenheit. Sie ist eine Mahnung an Europa: dass Wissenschaft und staatsbürgerliches Engagement zusammengehören, dass der Historiker keine Festung des akademischen Elfenbeinturms ist, sondern ein Bürger mit Verantwortung – und dass diese Verantwortung im schlimmsten Fall den Tod kostet.

„Dilexit veritatem“

Im April 1941, noch in der unbesetzten Zone, schrieb Marc Bloch ein „spirituelles Testament“. Er war 54 Jahre alt. Er wusste, dass er in Gefahr war. Er wusste nicht, dass ihm noch drei Jahre blieben. In diesem Testament formulierte er seine Identität mit einer Klarheit, die bis heute erschüttert: Er war ein Franzose, der die Geschichte liebte und seinem Land diente; er war Jude ohne religiösen Glauben, „geboren in einer Familie, die sich seit langem in der Heimat verwurzelt hat“; er war Historiker, der der Wahrheit verpflichtet war, auch wenn sie unbequem war. Als Grabinschrift wählte er „dilexit veritatem“ – er liebte die Wahrheit. 27

Diese Verpflichtung auf die Wahrheit zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. In den Rois thaumaturges die Wahrheit über die mythische Grundlage politischer Macht. In den Caractères originaux die Wahrheit über die longue durée bäuerlicher Lebensformen. In der Société féodale die Wahrheit über die sozialen Bindungen, die Europa zusammenhielten und entzweiten. In der Étrange Défaite die bitterste Wahrheit: die über das Versagen der eigenen Gesellschaft und der eigenen Klasse. In der Apologie die methodische Wahrheit über das Handwerk, das diesen Erkenntnissen zugrunde liegt.

Bloch war, in Ulrich Raulffs prägnanter Formel, eine „emblematische Figur für die Situation des Historikers im 20. Jahrhundert“. 28 Er verkörperte auf einzigartige Weise die Spannung zwischen gelehrter Betrachtung und politischer Verantwortung – eine Spannung, die das Jahrhunderts des Totalitarismus jedem Intellektuellen aufzwang, der nicht wegsah. Bloch sah nicht weg. Er schrieb, analysierte, engagierte sich, kämpfte und starb.

Ces pages seront-elles jamais publiées ? Je ne sais. Il est probable, en tout cas, que, de longtemps, elles ne pourront être connues, sinon sous le manteau, en dehors de mon entourage immédiat. Je me suis cependant décidé à les écrire. L’effort sera rude : combien il me semblerait plus commode de céder aux conseils de la fatigue et du découragement ! Mais un témoignage ne vaut que fixé dans sa première fraîcheur et je ne puis me persuader que celui-ci doive être tout à fait inutile. Un jour viendra, tôt ou tard, j’en ai la ferme espérance, où la France verra de nouveau s’épanouir, sur son vieux sol béni déjà de tant de moissons, la liberté de pensée et de jugement. Alors les dossiers cachés s’ouvriront ; les brumes, qu’autour du plus atroce effondrement de notre histoire commencent, dès maintenant, à accumuler tantôt l’ignorance et tantôt la mauvaise foi, se lèveront peu à peu.

Marc Bloch, Étrange Défaite

Werden diese Seiten jemals veröffentlicht werden? Ich weiß es nicht. Es ist jedenfalls wahrscheinlich, dass sie lange Zeit nur heimlich, außerhalb meines engsten Umfelds, bekannt werden können. Ich habe mich dennoch entschlossen, sie zu schreiben. Es wird eine schwere Aufgabe sein: Wie viel bequemer wäre es doch, den Ratschlägen der Müdigkeit und der Entmutigung nachzugeben! Doch ein Zeugnis ist nur dann etwas wert, wenn es in seiner ursprünglichen Frische festgehalten wird, und ich kann mich nicht davon überzeugen, dass dieses hier völlig nutzlos sein muss. Es wird früher oder später ein Tag kommen, davon habe ich die feste Hoffnung, an dem Frankreich auf seinem alten, bereits von so vielen Ernten gesegneten Boden die Freiheit des Denkens und des Urteils wieder aufblühen sehen wird. Dann werden die verborgenen Akten geöffnet; der Nebel, der sich um den schrecklichsten Zusammenbruch unserer Geschichte legt und schon jetzt mal Unwissenheit, mal Böswilligkeit anhäuft, wird sich nach und nach lichten.

Bloch schreibt diesen berühmten Beginn von Étrange Défaite im Sommer 1940, im besetzten Frankreich, ohne Gewissheit, je wieder publizieren zu dürfen, ohne Gewissheit zu überleben. Was ihn trotzdem schreiben lässt, ist nicht Heroismus, sondern eine methodische Überzeugung: Ein Zeugnis verliert seinen Wert, wenn es nicht in der Unmittelbarkeit der Erfahrung fixiert wird. Der Historiker, der sonst über die Abstände zwischen Ereignis und Dokument nachdenkt, schreibt hier selbst an der Nullstelle des Abstands. Der Glaube, dass „die versteckten Dossiers sich eines Tages öffnen werden“, ist kein frommer Wunsch, sondern eine erkenntnistheoretische Wette: auf die Zukunft der Wahrheit gegen die Gegenwart der Lüge. Dass dieser Text nun, 82 Jahre später, seinen Autor ins Pantheon trägt, ist die Erfüllung jener Prophezeiung – die Brumes haben sich gehoben, die Dossiers sind geöffnet. Das macht diesen Eröffnungssatz zum vielleicht würdigsten Motto einer Pantheonisierung, die Bloch selbst sich nicht vorstellen konnte und doch in gewissem Sinne vorhergesehen hat.

Am 23. Juni 2026 wird die Französische Republik ihm einen Platz in ihrem höchsten Tempel der Erinnerung geben. Es ist eine überfällige Geste. Es ist eine unvollständige Geste – denn kein Marmor und kein Staatszeremoniell kann das Körnerfeld bei Saint-Didier-de-Formans ungeschehen machen, wo seine Leiche im Graben lag. Aber es ist eine notwendige Geste, weil sie ein Versprechen erneuert: das Versprechen der Republik an ihre Bürger, dass die Wahrheit sie nicht vergisst, wenn sie für die Wahrheit sterben.

Dilexit veritatem. Er liebte die Wahrheit.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Marc Bloch im Pantheon: Historiker, Widerstandskämpfer, Märtyrer der Republik." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Mai 18, 2026 at 19:19. http://rentree.de/2026/05/18/marc-bloch-im-pantheon-historiker-widerstandskaempfer-maertyrer-der-republik/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. Annette Becker, „La panthéonisation de Marc Bloch au moment où ressurgit tout ce contre quoi il s’était toujours élevé a quelque chose de vertigineux,“ Le Monde, 3. Dezember 2024, Rubrik Débats.>>>
  2. Zu den Vorgeschichten der Pantheonisierung Blochs und der konkurrierenden Debatte um Dreyfus vgl. „Panthéon: le match Bloch-Dreyfus,“ Le Point.>>>
  3. Emmanuel Macron, Rede im Palais universitaire de Strasbourg, 23. November 2024, zit. nach: Le Monde mit AFP, „Marc Bloch, historien et résistant, va entrer au Panthéon, annonce Emmanuel Macron,“ Le Monde, 23. November 2024.>>>
  4. Brief von Suzette Bloch und Matis Bloch an den Staatspräsidenten, zit. nach ebd.>>>
  5. Vgl. Olivier Lévy-Dumoulin, Marc Bloch, 2. Aufl. (Paris: Presses de Sciences Po, 2025), 10–11.>>>
  6. Guillaume Mazeau, „Marc Bloch au Panthéon: la commémoration, un écran de fumée?“, Libération, 26. Nobember 2024, S. 18.>>>
  7. Élisabeth Lévy, „Panthéon: le match Bloch-Dreyfus,“ *Le Point.>>>
  8. Florian Mazel und Yann Potin (Hg.), Marc Bloch (Paris: Éditions du Seuil, 2026), 24–25; Manon Pignot, „Je crois aux jeunes“, ebd., 23–26.>>>
  9. Ebd., Avant-propos, 7–8.>>>
  10. Ulrich Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert: Marc Bloch (Frankfurt am Main: S. Fischer, 1995), Einleitung, Kap. 2.>>>
  11. Vgl. ebd.; Marc Bloch, Les Rois thaumaturges, Neuausg. mit Vorwort von Jacques Le Goff (Paris: Gallimard, 1983 [1924]).>>>
  12. Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert, Einleitung.>>>
  13. Macron, Rede vom 23. November 2024, zit. nach Le Monde, 23. November 2024.>>>
  14. Marc Bloch, L’Étrange Défaite. Témoignage écrit en 1940 (Paris: Société des Éditions Franc-Tireur, 1946; Neuausg. Paris: Gallimard, 1990), Teile II–III, insbes. S. 56–57: „le triomphe des Allemands fut, essentiellement, une victoire intellectuelle.“>>>
  15. Ebd., Teil I: „Présentation du témoin“, S. 22–23 (zur dreifachen Identität); S. 23 (Zitat zum Vaterland).>>>
  16. Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert, Einleitung.>>>
  17. Ebd., Einleitung.>>>
  18. Florian Mazel und Yann Potin (Hg.), Marc Bloch (Paris: Seuil, 2026), Avant-propos, 10.>>>
  19. Alya Aglan, La double mort de Marc Bloch (Paris: Flammarion, 2026), Kap. 1: „Fait juif par la loi“, 12–17.>>>
  20. Lévy-Dumoulin, Marc Bloch, 7–11.>>>
  21. Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert, Einleitung.>>>
  22. Aglan, La double mort de Marc Bloch, Kap. 1, 9–12.>>>
  23. Mazel und Potin (Hg.), Marc Bloch, Avant-propos, 7.>>>
  24. Mazeau, „Marc Bloch au Panthéon: la commémoration, un écran de fumée?“, Libération.>>>
  25. Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert, Vorbemerkung und Einleitung.>>>
  26. Mazel und Potin (Hg.), Marc Bloch, Avant-propos, 9.>>>
  27. Mazel und Potin (Hg.), Marc Bloch, Avant-propos, 8; Aglan, La double mort de Marc Bloch, Kap. 1.>>>
  28. Raulff, Ein Historiker im 20. Jahrhundert, Einleitung.>>>

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