Inhalt
Ibn oder Antigone
In Djoulaït Asyas Roman Ibn (erschienen 2025 bei Grasset) wird das eindringliche Porträt eines fünfzehnjährigen Jungen namens Issa gezeichnet, der mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter Leïla konfrontiert wird. Am Dienstag um 16:32 Uhr, während ihres Nachmittagsgebets (ʿAsr), erleidet sie in ihrer Wohnung einen Herzstillstand und stirbt. Kurz darauf findet Issa sie regungslos auf ihrem Gebetsteppich. Sein anfänglicher Schock weicht verzweifelten Wiederbelebungsversuchen und einem inständigen Flehen an Allah um ihre Auferstehung, an die er fest glaubt – wenn er nur richtig betet. Dieses Trauma wird durch die Erinnerung an den Tod seines Vaters vor neun Jahren und dessen Beerdigung im Ausland verstärkt, die eine schmerzhafte Trennung bedeutete. Aus Angst vor einer erneuten Trennung und davor, als „Sohn des Verstorbenen” (ibn el marhoum) abgestempelt zu werden, trifft Issa die radikale Entscheidung, den Tod seiner Mutter zu verheimlichen und sie in Frankreich selbst zu beerdigen – entgegen den islamischen Bestattungsriten und der Notwendigkeit, die Familie oder die Behörden zu informieren. Seine darauf folgende Odyssee ist geprägt von überwältigender Trauer, extremer Isolation und der großen Last, diese Krise als Jugendlicher allein bewältigen zu müssen, während er mit seinem Glauben, seiner Identität und den Erwartungen seiner Umgebung ringt. Der anfängliche Versuch, Führung von einem Imam in der Großen Moschee von Paris zu erhalten, sowie der missglückte Kauf von Baumaterialien für ein eigenes „Moschee-Hütte-Mausoleum“ in einem Baumarkt enden frustrierend und vertiefen sein Gefühl der Einsamkeit und Enttäuschung gegenüber der Welt und seinem Glauben.
En traversant le couloir, il aperçoit sa silhouette au sol. Elle prie, pense-t-il, il l’embrassera avant de ressortir.
En revenant sur ses pas, bandoulière à l’épaule, il lui semble que la robe et le voile de Leïla n’ont pas bougé ; il s’avance vers elle. Par terre, les tissus débordent du rectangle du tapis. Dans l’entrée, la voix continue de psalmodier. Un pressentiment raidit sa colonne vertébrale – Maman ?
Face au silence, il se baisse, la retourne sur le dos et refoule un sursaut lorsqu’il entrevoit ses yeux ouverts ; il s’approche alors du visage de sa mère et crie – Maman ! Lève-Toi Maman ! Regarde-moi, regarde-moi Maman, j’suis là !
Leurs cils s’entrelacent. Il ne comprend pas exactement mais il sent que sa mère n’est plus là ; elle qui répond toujours, qui jamais n’est statique. Il se recule, épouvanté. Son instinct lui enjoint de chercher du secours ; il prend appui sur le bras de sa mère, se redresse, sort son téléphone de sa poche. L’affiche plastifiée « Protocole d’urgence » collée sur la porte de l’infirmerie du lycée lui revient à l’esprit ; il compose le 15 – me lâche pas Maman.
Urgence santé bonjour, welcome… Quelques mots d’anglais suivis d’un motif musical couvent les images qui l’envahissent ; celles de la mort de son père neuf ans plus tôt et de ses funérailles loin de chez eux. Il veut résister à ce souvenir qui l’empêche de réfléchir mais il est déjà submergé ; son téléphone lui tombe des mains – si j’les préviens et si T’es vraiment… vraiment…, ils T’emmèneront, comme papa, ils appelleront la famille, j’pourrai rien faire, Tu seras enterrée là-bas et moi je serai tout seul ici.
Il se mord le dos de la main, son regard zigzague du parquet aux mailles du lustre à mesure qu’il se remémore l’enterrement de son père. Sa respiration s’affole ; il prend la pelle qu’il imagine qu’on lui tend, une contorsion défigure son visage – faut l’dire à personne, à personne, si on veut rester ensemble, faut l’dire à personne. Il lâche la pelle imaginaire pour reprendre son téléphone ; il raccroche mais regrette aussitôt – p’t-être qu’ils pourront T’sauver ? Maman, dis-moi c’que j’dois faire putain, réveille-Toi !
Il dénoue son voile, l’empoigne et la secoue avant de reposer ses épaules au sol. Les bras pliés, les poings serrés sur ses joues, il tremble. À l’affût du moindre souffle, il se penche brusquement pour fixer son oreille sur sa poitrine puis sur ses lèvres ; il n’entend rien – Maman ? Il se hisse jusqu’aux paupières. Terrifié par ces cavités, il ferme les yeux mais la vision ne se dissipe pas – j’ai peur Maman, reviens !
Il cherche une solution autour de lui ; le salon est ordonné. Sur la table basse, à côté d’une assiette de gâteaux, la bouteille d’eau ouverte témoigne des derniers gestes de sa mère ; il s’en saisit, asperge la figure de Leïla qu’il renverse ensuite d’un côté et de l’autre ; il souffle dans sa bouche, appuie sur sa poitrine, secoue ses chevilles, puis ses bras. Il finit par la tirer désespérément vers lui en scrutant ses yeux imperturbables – me laisse pas tout seul, reviens putain, reviens !
Als er den Flur durchquert, sieht er ihre Silhouette auf dem Boden. Sie betet, denkt er, er wird ihr einen Kuss geben, bevor er wieder hinausgeht.
Als er zurückkommt, die Umhängetasche über der Schulter, kommt es ihm so vor, als hätten sich Leïlas Kleid und Schleier nicht bewegt; er geht auf sie zu. Auf dem Boden quillt der Stoff über den Teppichrand hinaus. Im Eingangsbereich ist weiterhin Gesang zu hören. Eine Vorahnung lässt ihn erstarren – Mama?
Angesichts der Stille bückt er sich, dreht sie auf den Rücken und unterdrückt einen Schreck, als er ihre offenen Augen sieht; dann nähert er sich dem Gesicht seiner Mutter und ruft – Mama! Steh auf, Mama! Sieh mich an, sieh mich an, Mama, ich bin hier!
Ihre Wimpern berühren sich. Er versteht nicht genau, aber er spürt, dass seine Mutter nicht mehr da ist; sie, die immer antwortet, die niemals still ist. Er weicht erschrocken zurück. Sein Instinkt gebietet ihm, Hilfe zu holen; er stützt sich auf den Arm seiner Mutter, richtet sich auf und holt sein Handy aus der Tasche. Das laminierte Plakat „Notfallprotokoll“, das an der Tür der Krankenstation der Schule klebt, kommt ihm in den Sinn; er wählt den Notruf – „Lass mich nicht allein, Mama“.
Hier ist der Notruf, hallo, willkommen … Ein paar Worte auf Englisch, gefolgt von einer Melodie, überlagern die Bilder, die ihn überfluten; die Bilder vom Tod seines Vaters vor neun Jahren und von dessen Beerdigung weit weg von zu Hause. Er will sich gegen diese Erinnerung wehren, die ihn am Denken hindert, aber er ist bereits überwältigt; sein Telefon fällt ihm aus den Händen – wenn ich sie benachrichtige und wenn du wirklich … wirklich … bist, werden sie dich mitnehmen, wie Papa, sie werden die Familie anrufen, ich kann nichts tun, du wirst dort begraben werden und ich werde ganz allein hier sein.
Er beißt sich in den Handrücken, sein Blick flackert zwischen dem Parkett und den Maschen des Kronleuchters hin und her, während er sich an die Beerdigung seines Vaters erinnert. Sein Atem geht schneller, er nimmt die Schaufel, die ihm in seiner Vorstellung gereicht wird, sein Gesicht verzerrt sich – du darfst es niemandem sagen, niemandem, wenn wir zusammenbleiben wollen, du darfst es niemandem sagen. Er lässt die imaginäre Schaufel fallen, um sein Telefon wieder in die Hand zu nehmen; er legt auf, bereut es aber sofort – vielleicht können sie dich retten? Mama, sag mir, was ich tun soll, verdammt, wach auf!
Er löst ihren Schleier, packt sie und schüttelt sie, bevor er ihre Schultern wieder auf den Boden legt. Mit angewinkelten Armen und den Fäusten an die Wangen gepresst zittert er. Auf der Lauer nach dem leisesten Atemzug, beugt er sich plötzlich vor, um sein Ohr an ihre Brust und dann an ihre Lippen zu legen; er hört nichts – Mama? Er reißt die Augenlider hoch. Erschrocken von diesen Höhlen schließt er die Augen, aber das Bild verschwindet nicht – ich habe Angst, Mama, komm zurück!
Er sucht nach einer Lösung in seiner Umgebung; das Wohnzimmer ist aufgeräumt. Auf dem Couchtisch, neben einem Teller mit Keksen, zeugt die offene Wasserflasche von den letzten Handgriffen seiner Mutter; er greift danach, spritzt Leïla ins Gesicht und kippt sie dann auf die eine und dann auf die andere Seite; er bläst ihr Luft in den Mund, presst auf ihre Brust, schüttelt ihre Knöchel und dann ihre Arme. Schließlich zieht er sie verzweifelt zu sich heran und starrt in ihre unbewegten Augen – Lass mich nicht allein, komm zurück, verdammt, komm zurück!
Die Erzählung ist in Issas innerer Welt verankert und wird von einem fast kontinuierlichen inneren Monolog geprägt, der seine emotionalen Achterbahnfahrten zwischen Verzweiflung, Wut, Hoffnung und dem verzweifelten Wunsch nach Sinn und Kontrolle widerspiegelt. Die Struktur des Textes ist primär chronologisch, wird aber immer wieder durch Rückblenden und Erinnerungsfetzen unterbrochen. Diese verweben Issas Vergangenheit – insbesondere die Ereignisse um den Tod seines Vaters – in seine gegenwärtige Notlage und erklären seine Handlungen. Religiöse Zeitmarker, die sich an den fünf täglichen Gebetszeiten orientieren, unterteilen die Kapitel und spiegeln Issas Ringen mit traditionellen Riten wider. Einerseits versucht er, diese zu erfüllen, andererseits hinterfragt oder interpretiert er sie neu. Der Kontrast zwischen seiner inneren Zerrissenheit und der gleichgültig erscheinenden Außenwelt – sei es in der Schule, unter Freunden oder in öffentlichen Räumen – verstärkt das Gefühl seiner Isolation und der Unmöglichkeit, seine Last zu teilen. Zentrale Symbole wie Leïlas Gebetsgewand und Schleier, die Schaufel bei der Beerdigung seines Vaters oder Issas architektonische Visionen einer Grabstätte sind wiederkehrende Motive. Sie untermauern seine innere Entwicklung und seine Suche nach einem Platz in der Welt.
Zu Beginn des Romans wird das arabische Prinzip der Abstammung, des Sohn-Seins, „Ibn”, dem Namen von Antigone gegenübergestellt. Dabei legt die Vorsilbe ἀντί- (anti-) in Verbindung mit der Wurzel γονή/γόνος (gonḗ/gónos) gleich mehrere Bedeutungsschichten frei. Die Antigone der griechischen Antike entstammt einer inzestuösen Linie (der Ehe von Ödipus und Iokaste), wodurch das genealogische System der Polis gesprengt wird. Ihr Name verweist unter anderem auf den Konflikt, den diese „falsche” Zeugung in die Gemeinschaft trägt. Indem sie das Staatsgebot verletzt, zeigt sie, dass Blutsverwandtschaft politischer Zugehörigkeit übergeordnet ist. Zugleich zerstört sie die Aussicht der Familie auf Fortpflanzung, da sie sich für den Tod entscheidet. Nach dem Selbstmord der Iokaste übernimmt Antigone die Aufgaben der väterlichen und mütterlichen Fürsorge: Sie geleitet den blinden Ödipus ins Exil und sorgt für die Bestattung ihres Bruders Polyneikes. Dabei begeht sie einen weiteren Tabubruch, denn sie stellt die ewigen göttlichen Gesetze, den Totenkult und die Logik der Sippe über die staatliche Ordnung (Kreons Verbot, den Verräter zu bestatten). Ihre Fürsorge mündet jedoch nicht in neuer Fruchtbarkeit, sondern in der rituellen Pflege der Toten, einer invertierten Mutterschaft.
Hegel behandelt Antigone ausführlich in seinen Werken, insbesondere in der Phänomenologie des Geistes und in den Grundlinien der Philosophie des Rechts, als Inkarnation der familiären „Sittlichkeit” gegen den Staat. In der Phänomenologie des Geistes, insbesondere in seinem Kapitel „Die Sittlichkeit“, beschreibt er den Konflikt zwischen dem „göttlichen Gesetz“ (das die Familie und die Totenpflege repräsentiert) und dem „menschlichen Gesetz“ (das den Staat und die öffentliche Ordnung darstellt). Dieser Konflikt wird durch die Gegenüberstellung von Antigone und Kreon veranschaulicht. In den „Grundlinien der Philosophie des Rechts” (§ 166) beschreibt Hegel die Familie als die „unmittelbare Substantialität des Geistes”, die auf Liebe und Empfindung basiert, während der Staat als die „Wirklichkeit der sittlichen Idee” die objektive und allgemeine Sittlichkeit darstellt. Der Konflikt in „Antigone” ist für Hegel ein Beispiel für das Auseinanderbrechen dieser beiden Sphären, für einen tragischen Konflikt, in dem beide Seiten eine Berechtigung haben, der aber letztlich zum Untergang führt, weil die eine Seite die andere nicht anerkennt. Sowohl Antigone als auch Issa wollen eine Beerdigung auf ihre eigene Weise durchsetzen.
Exkurs: Zum ersten Roman Noire précieuse
In Asya Djoulaïts vorherigem Roman Noire précieuse (Gallimard, 2020) wird die Suche nach Selbstakzeptanz innerhalb der afrikanischen Diaspora in Paris erforscht, die mit Familiengeheimnissen zwischen Mutter und Tochter verbunden ist. Erzählt wird die Geschichte von Céleste, die mit ihrer Identität als „Bounty“ (außen schwarz, innen weiß) ringt, was ihre innere Zerrissenheit hervorhebt: zwischen der Erwartung, „intelligent“ und „seriös“ zu sein, und der Diskriminierung durch ihre eigene Gemeinschaft aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres intellektuellen Weges. Der Roman zeigt, wie diese „vergiftete“ Schönheit eine „zweite Haut“ wird, die sowohl Schutz bietet als auch eine Quelle tiefer Scham und Schmerzen darstellt. Im Alter von zehn Jahren deckt Céleste ein erschütterndes Geheimnis ihrer Mutter Oumou auf. Oumou verwendet Hautbleichmittel, auch „Tchatcholi“ genannt, um ihren Teint aufzuhellen. Diese Entdeckung erschüttert Célestes Weltbild und ihr Verständnis ihrer Mutter zutiefst. Die Handlung beleuchtet die komplexen Motivationen von Oumou für die Hautbleichung, die im Kontext von gesellschaftlichem Druck, Diskriminierung und dem Streben nach Schönheit und Ansehen stehen. Oumou, die aus Abidjan in der Elfenbeinküste nach Paris emigrierte, wollte sich den europäischen Schönheitsstandards anpassen, ein besseres Leben für sich und ihre Tochter sichern und „grand quelqu’un“ (jemand Großes) werden. Sie baut ein erfolgreiches Geschäft mit Kosmetikprodukten auf, darunter auch Bleichmittel.

Céleste muss mit dieser verborgenen Wahrheit ihrer Mutter umgehen, während sie selbst mit rassistischen Vorurteilen und den Erwartungen ihrer Umgebung konfrontiert wird. Ihre intellektuelle Entwicklung und ihr Erfolg in der Schule führen dazu, dass sie von Jugendlichen aus ihrem Viertel als „bounty“ verspottet wird. Dies verdeutlicht ihren Kampf um Zugehörigkeit und die Spannung zwischen ihrer afrikanischen Herkunft und der französischen Gesellschaft. Obwohl Céleste ihre Mutter liebt, fühlt sie sich aufgrund des Geheimnisses und der damit verbundenen Lügen hin- und hergerissen und kämpft mit ihren eigenen Gefühlen von Scham und Entfremdung. Ein Wendepunkt ist eine heftige Konfrontation zwischen Céleste und Oumou, in der Céleste ihre Mutter mit der Hautbleichung konfrontiert. Oumou gesteht, dass sie die Opfer „für uns“ gebracht hat, um Diskriminierung und Geringschätzung zu entgehen. Diese Auseinandersetzung führt zu einem tiefen Schmerz, aber auch zu einem Prozess der Versöhnung und des Verständnisses.
Am Ende des Romans erhält Céleste ein Stellenangebot in Abidjan, Côte d’Ivoire, um in einem Kulturzentrum zu arbeiten, das Bildung, Kunst und Unternehmertum fördert. Oumou, die sich zunächst gegen die Rückkehr in ihr Herkunftsland sträubte, begleitet ihre Tochter schließlich auf dieser Reise der Selbstfindung und der Neudefinition ihrer Beziehung. Der Roman schildert den schmerzhaften Prozess der Konfrontation und des Verstehens, in dem beide Frauen die „Wahrheit des Blutes“ erkennen. Am Ende führt dies zu einer tieferen, ehrlicheren Verbindung, die es Oumou ermöglicht, Céleste auf ihrer Reise nach Abidjan zu begleiten und so eine Art „Rückkehr zu den Wurzeln“ und Versöhnung anzudeuten.
Asya Djoulaït nutzt in Noire précieuse bewusst eine mehrsprachige Erzählweise, die Französisch (das „Französisch der Weißen“) mit Nouchi, dem ivorischen Slang, mischt. Diese sprachliche Hybridität spiegelt die kulturelle Identität der Charaktere wider, die zwischen verschiedenen Welten leben. Oumou spricht bewusst ein „geschminktes Französisch“, um in der französischen Gesellschaft zu bestehen, während Nouchi als eine Art Geheimsprache der Gemeinschaft dient, die Céleste zwar versteht, sich aber zunächst nicht traut zu sprechen. Der Verkäufer im Perückenladen kommentiert, dass man „das Französisch der Weißen sprechen muss, um erfolgreich zu sein“. Die sprachlichen Nuancen und der Einsatz von umgangssprachlichen Ausdrücken wie „krkrkr“ (Gelächter) oder „tchiiiiip“ (ein Schnalzgeräusch der Missbilligung) dienen nicht nur der Authentizität, sondern auch der Abgrenzung und der Hierarchisierung innerhalb der afrikanischen Gemeinschaft. Dies unterstreicht die Rolle der Sprache als Marker für Zugehörigkeit, Anpassung und Widerstand.
Der Roman thematisiert das Streben der Einwanderergeneration nach Erfolg und Anerkennung in Frankreich, insbesondere im Bild von Célestes akademischem Aufstieg in ein „renommiertes Gymnasium“ in Paris. Oumou, die aus Abidjan emigrierte, sieht in Célestes Bildung den Schlüssel zu einem besseren Leben und ist stolz auf ihre intellektuellen Leistungen. Doch dieser Aufstieg ist nicht ohne Hürden: Céleste erlebt Alltagsrassismus und Stigmatisierung sowohl von außen („Noire d’élite ou Noire d’égouts, tu es noire quand même !“) als auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft, die ihren Erfolg manchmal als Verrat an den Wurzeln wahrnimmt. Die Erzählung beleuchtet die Illusion von grenzenlosem Aufstieg und die Ernüchterung, dass Bildung und Erfolg nicht unbedingt vor rassistischen Zuschreibungen schützen. Die Reise nach Abidjan am Ende des Romans kann als Suche nach einer neuen Definition von Erfolg und Heimat verstanden werden, die über die materiellen und sozialen Errungenschaften in Frankreich hinausgeht.
In Noire précieuse wird der weibliche Körper, insbesondere der von Oumou und Céleste, zum Brennpunkt sozialer Normen, Schönheitsideale und des individuellen Widerstands. Oumous Körper ist gezeichnet von den physischen und psychischen Narben der Hautbleichung, zu der sie sich als Opfer für ihre Familie und ihren sozialen Status bereit erklärt hat. Ihre Haut, einst als „Feuer-Frau“ bezeichnet, wird durch die Bleichmittel „verrostet“ und „verkohlt“ – ein symbolischer Akt der Selbstzerstörung im Dienste der Anpassung. Céleste hingegen lehnt diese erzwungenen Schönheitsideale ab und ringt mit der Akzeptanz ihres eigenen Körpers, der als „unförmig“ und „schlecht gemacht“ beschrieben wird. Der Roman zeigt, wie Frauen in der afrikanischen Diaspora mit widersprüchlichen Erwartungen umgehen müssen: zwischen traditionellen Rollen, westlichen Schönheitsnormen und dem Kampf um Selbstbestimmung. Oumous „Flasche Parfüm“, ihre „zweite Haut“, steht für ihre Fähigkeit, sich zu tarnen und zu behaupten. Célestes Reise nach Abidjan hingegen stellt eine Befreiung von diesen äußeren Zwängen und eine Annahme ihrer „wahren Farbe“ dar.

Die parallele Lektüre von Asya Djoulaïts Noire précieuse kann unser Verständnis des Romans Ibn vertiefen und erweitern, mit ergänzenden Perspektiven auf die komplexen Herausforderungen der Identitätsfindung, des Generationskonflikts und der Auseinandersetzung mit Herkunft und Glauben in der Diaspora. Während Ibn sich auf Issas Trauer und seinen Umgang mit dem plötzlichen Verlust seiner Mutter Leïla konzentriert, zeigt Noire précieuse eine Mutter-Tochter-Beziehung, die von Geheimnissen, gesellschaftlichem Druck und der Suche nach Selbstakzeptanz geprägt ist. In Noire précieuse wird Oumous Hautaufhellung („Tchatcholi“) als ein tiefgreifendes Opfer und ein großes Geheimnis dargestellt, das sie aus Liebe und dem Wunsch nach einem „besseren Leben“ für ihre Tochter auf sich nimmt. Sie glaubt, so Diskriminierung zu entgehen und gesellschaftliches Ansehen zu gewinnen. Diese Perspektive kann Issas Mutter Leïla in „Ibn“ in einem neuen Licht erscheinen lassen: Leïlas eigene Entscheidungen, wie die Emigration nach Frankreich mit Youssef und ihr Streben nach Erfolg, könnten ebenfalls als Opfer oder Anpassungsversuche an eine oft feindselige Umgebung interpretiert werden, die sie für ihren Sohn Issa erbrachte. Ihr Bestreben, Issa eine gute Bildung zu ermöglichen und vor den Schwierigkeiten zu schützen, die sie selbst erfahren haben, wird durch Oumous Erfahrungen plausibler.
Célestes Erfahrung, als „Bounty“ (außen schwarz, innen weiß) verspottet zu werden, weil sie intellektuell ist und sich anpasst, spiegelt den inneren Kampf wider, den auch Issa führen könnte. Wenngleich in „Ibn“ weniger explizit, zeigen Issas Unbehagen im „Madrassa“-Kulturzentrum und seine Schwierigkeit, Arabisch zu sprechen, obwohl er die Sprache versteht, eine ähnliche Entfremdung von Teilen seiner Herkunft. Die Lektüre von Noire précieuse verdeutlicht, wie dieser Druck, sich entweder zu assimilieren oder „authentisch” zu sein, zu Schamgefühlen und Identitätskonflikten führen kann – selbst wenn dies von außen nicht sofort ersichtlich ist. Während „Noire précieuse“ das Thema Hautaufhellung direkt behandelt und die damit verbundenen schädlichen Schönheitsideale aufzeigt, ermöglicht dies eine tiefere Interpretation von Leïlas Erscheinung in Ibn. Leïlas Entscheidung, nach Youssefs Tod einen Schleier zu tragen, und Issas Wahrnehmung dessen als „Krone” und Symbol der Geborgenheit können als eine Form der Selbstbehauptung und des Trostes in einer neuen, selbstgewählten Ästhetik verstanden werden. Diese hebt sich von den äußeren Erwartungen ab. Dies zeigt, wie die äußere Erscheinung ein Ausdruck innerer Prozesse sein kann und als Mittel zur Bewältigung von Traumata dient. Auch wenn Oumous Handlungen in „Noire précieuse“ Céleste Schmerz zufügen, sind sie von tiefer mütterlicher Liebe motiviert und sollen die Tochter vor den erlebten Diskriminierungen schützen. Dies beeinflusst unser Verständnis von Leïlas elterlichen Entscheidungen in „Ibn“, selbst jener, die Issa nicht sofort versteht oder die ihm Schmerz bereiten, wie der Umzug nach Frankreich oder der Besuch der Koranschule. Beide Mütter handeln aus einer tiefen Überzeugung heraus, das Beste für ihre Kinder zu tun, auch wenn dies mit Geheimnissen oder schwierigen Entscheidungen verbunden ist.
Ibn bedeutet im Arabischen „Sohn von…“ oder „Nachkomme von…“ und ist verwandt mit dem Verb „bauen, konstruieren“, erläutert die Autorin am Beginn ihres Buchs. Issas Bestreben, für seine Mutter einen ehrenvollen Bestattungsort zu „bauen“, bekommt durch die thematische Verknüpfung mit Noire précieuse eine erweiterte Bedeutung. Ähnlich wie Oumou ein „Imperium“ von Kosmetikläden aufbaut, um ihren Platz in Paris zu sichern und Céleste eine Zukunft zu ermöglichen, versucht Issa, einen physischen Ort zu schaffen, der die Erinnerung an seine Mutter und ihre gemeinsame Identität bewahrt. Dieses „Bauen“ wird zum Ausdruck des Widerstands gegen die Auflösung von Identität und zur Verankerung in der neuen Heimat.
In Noire précieuse wird die religiöse Gemeinschaft sowohl als Quelle der Unterstützung als auch des Urteilsdrucks dargestellt (zum Beispiel Oumous Nachbarinnen und ihre Interpretationen der religiösen Vorschriften). Dies spiegelt sich in Ibn wider: Issa erlebt die Moschee einerseits als Ort der Schönheit und Ruhe, andererseits als Ort der Hierarchie und des Urteils. Die Ablehnung durch den Imam und das Gefühl, nicht verstanden zu werden, zeigen, dass auch religiöse Institutionen ihre eigenen Machtdynamiken und Exklusionsmechanismen haben können. Die familiäre, intime Praxis der Religion, wie Leïla sie vorlebt, steht im Kontrast zur öffentlichen, institutionellen Ausübung. Sowohl Céleste, die sich ein Zuhause in Abidjan wünscht und sich nach einem Ort sehnt, „wo sich alle wohlfühlen würden“, als auch Issa, der eine Moschee bauen möchte, „wo man atmen kann, wo man sich wohlfühlt“, teilen die Sehnsucht nach einem Ort des Wohlbefindens und der Authentizität. Die Schwierigkeiten, die beide beim Finden oder Schaffen solcher Orte erfahren, unterstreichen die Herausforderungen, sich in einer neuen Kultur zu Hause zu fühlen und die eigene Identität zu verankern.
Somit lässt sich sagen, dass Noire précieuse als ein thematischer Spiegel für Ibn gelesen werden kann, der es uns ermöglicht, die Erfahrungen und Motivationen der Charaktere in Ibn – insbesondere Leïlas und Issas – mit größerer Empathie zu verstehen. Die beiden Romane ergänzen sich, indem sie unterschiedliche Facetten der komplexen Realitäten von Identität, Migration und dem Erbe der Eltern in der Diaspora beleuchten.
Autonomie und Ritual
Issas Entscheidung, den Tod seiner Mutter zu verheimlichen und sie selbst zu beerdigen, ist ein tief autonomer Akt, der direkt aus dem Trauma der weit entfernten Beerdigung seines Vaters resultiert. Als Leïlas Körper im Wohnzimmer liegt, überfluten Issa die Erinnerungen an die Beerdigung seines Vaters, bei der er als Sechsjähriger die Schaufel in die Hand gedrückt bekam, um Erde auf den Leichnam zu werfen. Die Angst, dass man ihm seine Mutter „wegnehmen“ und „dort drüben begraben wird, wie Papa“ („comme papa, ils T’emmèneront, Tu seras enterrée là-bas et moi je serai tout seul ici“), treibt ihn dazu, sofort zu beschließen, niemandem etwas zu sagen („faut l’dire à personne, à personne, si on veut rester ensemble, faut l’dire à personne“). Dieses verzweifelte Bedürfnis nach Kontrolle über den Verbleib seiner Mutter und die Aufrechterhaltung ihrer körperlichen Nähe zeigt Issas extremen Wunsch, einer erneuten schmerzhaften Trennung zu entgehen. Er lehnt es ab, seine Tante oder den Notruf zu alarmieren, weil er überzeugt ist, dass sie ihn von seiner Mutter trennen würden. Sogar der Gedanke, Leïla in einem „Tupperware XXL“ in der Wohnung zu behalten, nur um zusammenzubleiben, unterstreicht die Radikalität seiner Autonomie, die aus einem tiefsitzenden Verlustschmerz geboren ist.
Die Geschichte zeigt Issas intensives Ringen, traditionelle islamische Praktiken mit seiner persönlichen Trauer und seinem individuellen Verständnis von Allah zu vereinbaren. Nach der Entdeckung von Leïlas Tod versucht er verzweifelt, sie durch Gebete und rituelle Handlungen wiederzubeleben, überzeugt davon, dass Allah ein Wunder wirken kann, wenn er nur die Rituale korrekt ausführt und aufrichtig bittet. Seine minutiösen, aber erfolglosen Wiederholungen der rituellen Waschungen und Gebete, bei denen er sich selbst hinterfragt, ob er auch wirklich die richtige Absicht (bismillah) hatte, verdeutlichen seine Suche nach der Wirksamkeit religiöser Regeln. Als dies fehlschlägt, kippt seine Verzweiflung in Wut gegen Allah („ah Tu veux jouer à ça?“), was seinen Glauben auf eine harte Probe stellt.
In diesem so sinnlichen wie metaphysischen Roman sind die fünf täglichen Gebete – Fajr, Dhuhr, ’Asr, Maghrib und ’Icha – tief in die Erzählstruktur integriert und dienen als wichtige Zeitmarker sowie als Spiegel von Issas emotionalem und spirituellem Zustand. Jedes Gebet leitet einen neuen Abschnitt der Erzählung ein oder beendet ihn und markiert den fortschreitenden Verfall von Leïlas Körper und Issas wachsende Verzweiflung und Entschlossenheit.
Das ’Asr-Gebet markiert das Ende des Nachmittags. Es ist der Zeitpunkt, zu dem Leïla an einem Herzstillstand stirbt, mitten während ihres Gebets. Dies ist der erste Kontakt des Lesers mit dem Gebet als entscheidendem Moment in der Handlung. Issa entdeckt den Körper seiner Mutter, nachdem er von der Schule zurückgekehrt ist. In diesem Abschnitt beschäftigt er sich mit der Realität des Todes seiner Mutter und den Bestattungsritualen. Er sucht im Internet nach Informationen über muslimische Bestattungen, ist frustriert über die fehlenden Möglichkeiten in Montreuil und erwägt sogar, seine Mutter im Apartment zu behalten. Dies unterstreicht seine wachsende Verzweiflung und die praktischen Schwierigkeiten, denen er gegenübersteht. Issa ist überwältigt vom Geruch der Verwesung und fühlt sich mit seiner Mutter begraben, als er sich an sie klammert, was einen Tiefpunkt in seinem Kampf darstellt. Der Tod während des Gebets verbindet das Spirituelle unmittelbar mit dem Tragischen. Issas interne Monologe offenbaren seine Wut auf Allah und seine Suche nach Trost, während er versucht, einen geeigneten Weg zu finden, seine Mutter zu ehren.
Das Ischa-Gebet wird bei Einbruch der Dunkelheit verrichtet. Es leitet den Beginn von Issas einsamer Tortur ein, nachdem er den Tod seiner Mutter entdeckt hat. Der Gebetsruf hallt in seinen Ohren wider, während er mit dem leblosen Körper seiner Mutter ringt und ihn unwillkürlich als Sarg wahrnimmt. Er zieht sich in „falsche Erinnerungen” an die Beerdigung seines Vaters zurück und ist von Trauer und Einsamkeit überflutet. Nachts wandert er durch die Stadt und sucht nach einem geeigneten Ort für die Bestattung. Dabei denkt er über seine Einsamkeit nach. In diesem Abschnitt wird auch Leïlas geheime Beziehung zu Ahmed enthüllt, was Issa schockiert und wütend macht, ihn aber gleichzeitig dazu zwingt, sich auf die dringend notwendigen Bestattungsvorbereitungen zu konzentrieren. In der letzten „‘Icha” vor der geplanten Beerdigung geht Issa seinen Plan durch und verbringt die Nacht damit, die Füße seiner Mutter zu küssen und Suren zu rezitieren. Die Nacht symbolisiert Issas Isolation und seinen inneren Kampf. Seine physischen Handlungen (Reibung, Geruchswahrnehmung) spiegeln seine innere Zerrissenheit wider. Die Erinnerung an die Verse über Allahs schützende Präsenz und die metaphysische Idee der Auferstehung kollidiert mit der harten Realität des Todes.
Das Fajr-Gebet ist das Morgengebet, das bei der ersten Morgenröte verrichtet wird. Der Name leitet sich vom Verb „tajara” ab, was „öffnen, entspringen lassen” bedeutet. Issa erwacht und nimmt das Läuten des Gebets wahr. Er erinnert sich an seine Mutter, die jeden Freitag den Koran las, Weihrauch anzündete und eine Kerze entzündete, um das Haus zu reinigen und zu schützen. Er tut dasselbe, putzt das Haus und führt die rituelle Waschung seiner Mutter durch. Danach nimmt er selbst ein rituelles Bad und zieht saubere, weiße Kleidung an. Dieser Abschnitt markiert den Beginn des Bestattungstages und Issas Versuch, die Kontrolle über die Situation zu übernehmen, indem er die Riten bestmöglich ausführt. Das Morgengebet steht für Neuanfang und Reinheit. Issas Handlungen, wie das Anzünden von Weihrauch und das Putzen, sind sowohl praktische Reinigungsrituale als auch symbolische Akte der spirituellen Läuterung und des Schutzes des Heims. Er strebt danach, die Riten seiner Mutter zu befolgen, um ihre ewige Ruhe zu gewährleisten – selbst wenn er sich nicht sicher ist, ob er alles richtig macht.
Das Dhuhr-Gebet markiert den Zenit der Sonne. In diesem Abschnitt werden Issas innere Überlegungen und sein Umgang mit vergangenen Traumata thematisiert. Er kehrt nach Hause zurück, nachdem er vergeblich versucht hat, Bestattungsmaterialien zu besorgen. Er betritt sein Zimmer, holt seine Ersparnisse und empfindet trotz des Verwesungsgeruchs keine Abscheu. Er küsst seine Mutter auf die Stirn und die violette Hand. Mit dem Bus fährt er nach Rosny, um Baumaterialien zu kaufen. Dort wird er von der Komplexität des Vorhabens und den hohen Kosten überwältigt, was ihn wütend und verzweifelt zurücklässt. Dieser Übergang markiert Issas erste Schritte, um seine Vision einer „Moschee-Hütte-Mausoleum” zu verwirklichen. Die physischen und finanziellen Hindernisse, auf die er trifft, stellen seine Entschlossenheit auf die Probe und zwingen ihn, seine Rolle und seinen Glauben zu hinterfragen.
Das Maghrib-Gebet wird bei Sonnenuntergang verrichtet. Nach einem gescheiterten Besuch in der Moschee kehrt Issa enttäuscht und wütend nach Hause zurück. Trotz des üblen Geruchs des Leichnams ist er aufgeregt über seinen Plan, ein Mausoleum zu bauen. Als Jumana an die Tür klopft, ist er gezwungen, ihr die Wahrheit über den Tod seiner Mutter zu enthüllen und sie um Hilfe bei der Bestattung zu bitten. Dies ist ein dramatischer Wendepunkt, da sein Geheimnis nun gelüftet ist und er einen Verbündeten findet. Das Gebet zum Sonnenuntergang markiert den Übergang von Tag zu Nacht und von Verzweiflung zu Hoffnung, als Jumana sich bereit erklärt, ihm zu helfen. Die Offenbarung des Geheimnisses und Jumanas Reaktion zeigen die gravierenden emotionalen und sozialen Konsequenzen von Issas Handlungen.
Die wiederkehrenden Gebetszeiten dienen somit nicht nur als Chronometer, sondern auch als emotionale und spirituelle Landmarken, die Issas innere Reise durch Trauer, Wut, Leugnung und Akzeptanz begleiten. Sie verdeutlichen seinen Kampf, im Angesicht des Todes seiner Mutter und der Traditionen seinen eigenen Weg im Glauben und im Leben zu finden. Der Text verbindet die physische Erfahrung des Geruchs, der Kälte und der körperlichen Anstrengung mit Issas metaphysischen Fragen über Allah, das Schicksal und die Bedeutung von Familie und Gemeinschaft.
Die spätere Begegnung mit dem Imam in der Pariser Moschee, die Issa als prachtvoll und symbolisch bedeutsam empfindet, entpuppt sich als desillusionierend. Der Imam reagiert auf Issas verkleidete Andeutungen über seine kranke Mutter mit unverbindlichen Phrasen und Ratschlägen zum „guten Muslim“-Sein, ohne Issas wahre Not zu erkennen. Diese Erfahrung führt Issa zur Erkenntnis, dass er „die nicht braucht“ („j’ai pas besoin d’eux“) und dass die prunkvolle Moschee ohne die vertraute Anwesenheit seiner Mutter leer wirkt. Er plant daraufhin, eine eigene, intime „Moschee-Hütte-Mausoleum“ für Leïla zu bauen, was seine Abkehr von rigiden institutionellen Vorgaben hin zu einer persönlichen, auf Liebe und Erinnerung basierenden Glaubenspraxis symbolisiert. Er möchte einen Ort schaffen, an dem „jeder sich wohlfühlt“ und der die Wärme und Schönheit widerspiegelt, die er von seiner Mutter kannte.
Sprachenmischung und Suche nach Zugehörigkeit
Issas Reise ist untrennbar mit seiner Suche nach Identität und einem Gefühl der Zugehörigkeit verbunden. Seit dem Tod seines Vaters ist er in seiner Herkunftsfamilie als „Sohn des Verstorbenen“ (Ibn el Marhoum) bekannt. Diese Bezeichnung reduziert ihn auf seinen Verlust und prägt seine Identität. Die arabische Bedeutung seines Namens „Ibn“ (ursprünglich „Sohn von …“ oder „Nachfahre von …“) wandelt sich für ihn zu „bauen; erzeugen; strukturieren“ (construire; engendrer; structurer). Diese Neudefinition seines Namens wird zu einem entscheidenden Akt der Selbstermächtigung. Er ist nicht mehr nur der „Sohn der Toten“ (fils des morts), sondern der „Erbauer“ (celui qui construit), der durch seine architektonische Vision eine neue Identität findet. Seine Isolation, die durch die Unfähigkeit verstärkt wird, seinen Freunden Maël und Jumana von Leïlas Tod zu erzählen, da er ihr Urteil oder ihre Trennung fürchtet, wird durch die direkte Konfrontation mit Jumana durchbrochen. Zwar ist Jumana entsetzt, als sie die Wahrheit und den verwesenden Körper entdeckt, doch sie verspricht, Issa zu helfen. Dies bedeutet eine erste Wiederherstellung des Vertrauens und der Zugehörigkeit. Auch die Begegnung mit Hadi in der Recyclerie ist entscheidend: Hadi bezeichnet sich selbst als „derjenige, der orientiert“ und offenbart Issas wahren Namen „Issa“. Er bietet ihm nicht nur praktische Hilfe in Form eines Transportwagens, sondern auch emotionale und spirituelle Unterstützung, die jenseits starrer religiöser Regeln liegt. Hadi erkennt Issas tiefen Wunsch, für seine Mutter etwas Gutes zu tun, und bestärkt ihn darin, seine eigenen Werte zu leben, auch wenn der Erfolg nicht garantiert ist. Durch diese Interaktion kann Issa sich nicht länger als „Sohn des Verstorbenen“, sondern als „Issa, derjenige, den man erwartet“ („Issa, celui qu’on attend“) fühlen. Er findet eine neue Rolle und eine neue Form der Zugehörigkeit in sich selbst und in einer Wahlfamilie.
Die Sprache von Asya Djoulaïts Ibn wird zur Polyphonie verwoben, die unser Verständnis von Identitätskonstruktion vor dem Hintergrund von Trauer, Herkunft und Glauben prägt. Der Roman mischt nahtlos Auszüge aus dem Koran, islamische spirituelle Lehren, Poesie und Rap. Diese Sprachmischung und die Referenzen sind mehr als nur stilistische Elemente, sie sind Ausdruck der komplexen Identitäten und inneren Konflikte der Charaktere, insbesondere von Issa. Der Roman ist auf Französisch geschrieben und enthält zahlreiche arabische und berberische Ausdrücke (Kabylisch). Dies spiegelt die Diaspora-Erfahrung und die Mehrsprachigkeit vieler Familien in Frankreich wider. Issas Schwierigkeiten, Darija zu sprechen, und seine Identifikation als Kabyle und nicht nur als Araber (wie bei der Autorin selbst) unterstreichen die internen kulturellen Nuancen und Zugehörigkeitsfragen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft in Frankreich.
Islamische Begriffe und Konzepte sind im gesamten Roman präsent, oft ohne direkte Übersetzung, was die kulturelle Einbettung unterstreicht und den Leser in die Welt von Issa eintauchen lässt: adhan, Allahu akbar, chahada, sūras, ḥamdullah, in sha Allah, bismillah, Sheitan, Jannah und umma. Die Großeltern (Amir und Zohra) hatten den Glauben ihrer Kinder durch eine intuitivere, erfahrungsbasierte Überlieferung („par touches“) geprägt, die auf tiefe, zugängliche Worte setzte und weniger auf die intellektuelle Analyse religiöser Texte. Sie lehrten Leïla und Youssef die Grundlagen der Religion: beten, fasten, spenden und sich Allah gegenüber demütig fühlen („sich sehr klein machen“). Auch Youssef, Issas Vater, prägte Issas spirituelle Identität, indem er ihm die göttlichen Namen Allahs einflüsterte und ihm beibrachte, wie man richtig liebt: mit Zuhören, Verständnis, Geduld, Teilen und Vergebung.
Leïla ist die zentrale Figur für Issas religiöse Sozialisation. Sie lehrte ihn die fünf täglichen Gebete und ihre Bedeutung, die Schönheit und Schutzfunktion der Suren (zum Beispiel Al-Falak gegen das Böse und sogar gegen sich selbst) sowie die Wichtigkeit von Demut und Dankbarkeit gegenüber Allah. Nach Youssefs Tod vertieft sich ihr eigener Glaube und wird zu einer „stärkeren“ und „persönlicheren“ Praxis, die sie von gesellschaftlichen Erwartungen abgrenzt. Sie betonte, dass Allah Schönheit liebt und wahre Schönheit in der Reinheit der Absicht und des Handelns liegt, im Gegensatz zur Oberflächlichkeit des „Sheitan“. Leïla führt Issa in die Madrasa ein, um ihn mit der muslimischen Gemeinschaft zu verbinden, obwohl sie selbst ein ambivalentes Verhältnis zu dieser hat und sich dem gesellschaftlichen Druck ihrer Nachbarinnen beugt.
Auch Poesie und klassische Texte finden Eingang in den Roman. Beispielsweise wird auf Emily Dickinsons Gedicht „I’m Nobody! Who are you?” ist bedeutsam. Issa rezitiert es nach dem Tod seines Vaters. Damit spiegelt er seinen Kampf mit der Identität und das Gefühl der Unsichtbarkeit in einer Welt, die ihn als „Sohn des Verstorbenen“ („ibn el marhoum“) wahrnimmt, wider. Im Schulkontext wird Jean Jaurès‘ „Lettre aux instituteurs et institutrices“ erwähnt. Dieser Text betont die Bedeutung von Selbstlosigkeit, Demut, Stolz und dem Gefühl des Unendlichen und steht somit im Kontrast zu Issas momentaner Desillusionierung und Verwirrung. Gleichzeitig zeigt er die pädagogischen Ideale, die seine Bildung beeinflussen sollen.
Issa hört Rap-Künstler wie SCH (Künstlername von Julien Schwarzer) und PNL (Rap-Duo der Brüder Tarik und Nabil Andrieu), die Abkürzung PNL steht für „Peace N Lovés“. Rap dient Issa als Flucht, Ausdrucksmittel und Quelle der Reflexion. Die Texte handeln von Verrat, Muttersliebe, Religion und dem Wunsch nach Anerkennung. Rap bietet eine Sprache, in der Issa seine Wut, seine Verzweiflung und seinen Schmerz ausdrücken kann, die er im direkten Kontakt nicht formulieren kann. Die Idee, eine „Villa für die Mutter“ zu bauen, die in Rap-Texten oft vorkommt, übersetzt sich bei Issa in den Wunsch, ein würdiges Grabmal für Leïla zu errichten.
Issa bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen der religiösen Gemeinschaft, die manchmal dogmatisch und urteilend wirkt – beispielsweise die Madrasa, der Imam oder die Nachbarinnen – und seinem Wunsch nach einer intimen, von seinen Eltern gelebten Spiritualität. Die Sprachmischung und die Ablenkung durch Rap-Musik sind seine Art, sich von den Erwartungen zu distanzieren, die er als einengend empfindet. Trotz seiner Schwierigkeiten mit der arabischen Sprache und seiner Ablehnung der Madrasa bleibt Issa tief in seiner muslimischen Identität verwurzelt. Er versucht, die Lehren seiner Mutter zu ehren und die Rituale selbst durchzuführen, auch wenn er zweifelt oder sie nicht vollständig versteht. Die etymologische Bedeutung seines Namens „Ibn“ – Sohn und Erbauer – wird zu seinem Leuchtturm. Er strebt danach, ein „schöner Ort“ (Moschee-Cabane-Mausoleum) für seine Mutter zu bauen – ein Symbol seiner Liebe, seiner architektonischen Ambitionen und seiner tiefsten Überzeugungen –, das sich von den unpersönlichen und manchmal urteilenden Institutionen abhebt.
Die verschiedenen Referenzen bieten Issa unterschiedliche Rahmen, um seinen Schmerz zu verarbeiten. Religiöse Lehren geben ihm Hoffnung und eine Struktur. Die Poesie von Dickinson spiegelt sein Gefühl der Isolation wider. Rap-Musik bietet eine rohe, direkte Sprache für seine Wut und Verzweiflung. Durch diese vielfältigen Ausdrucksformen versucht Issa, dem Verlust zu begegnen und einen Sinn in seiner neuen Existenz als Waise zu finden. Die Polyphonie zeigt auch Issas Übergang vom Kind, das blind den elterlichen Lehren folgt, zum Jugendlichen, der diese Lehren hinterfragt, sich aneignet und neu interpretiert. Er lernt, dass Religion nicht nur aus starren Regeln besteht, sondern auch aus Intentionen und dem Gefühl im Herzen. Sein verzweifelter Wunsch, seine Mutter „richtig“ zu beerdigen, ist ein Akt der Selbstbehauptung und des Respekts, der über bloße Tradition hinausgeht. Die Polyphonie in „Ibn“ ist somit ein Spiegel der zerrissenen und doch widerstandsfähigen Identität Issas, der sich seinen Weg durch die Erwartungen seiner Familie, der Gemeinschaft und der Gesellschaft bahnt, während er versucht, seine eigene Rolle als „Sohn“, „Erbauer“ und „Erwarteter“ (Issa, Sohn der Maryam) zu definieren und zu leben.
Heimat
Der Roman endet damit, dass Issa und Jumana versuchen, Leïlas Körper im Parc des Guilands zu beerdigen, einem vertrauten Ort ihrer Kindheit und ihres gemeinsamen Lebens in Montreuil. Dieser Ort ist für Issa ein Kompromiss: Er ist nicht die prunkvolle Moschee, die er sich erträumt hat, aber er ist nah, persönlich und symbolisch bedeutsam. Der Versuch der Beerdigung wird jedoch durch das Eintreffen von Parkmitarbeitern und einer wachsenden Menschenmenge jäh unterbrochen. Issa realisiert, dass er keine Schaufel hat und sein Vorhaben scheitern wird. Die äußere Realität holt ihn ein: Seine Mutter wird ihm weggenommen werden und er könnte für verrückt erklärt werden. Doch in diesem Moment des Scheiterns findet Issa eine tiefere Form der Resilienz und des Trostes. Er beginnt, mit bloßen Händen zu graben – ein verzweifelter, aber dennoch symbolträchtiger Akt der fortgesetzten Hingabe und inneren Stärke. Seine letzten Handlungen – das imaginative Basketballspiel, die Erschöpfung auf dem Boden und sein Glaubensbekenntnis: „Ich bin der Sohn der Toten, derjenige, der baut, Issa, derjenige, den man erwartet“ („Je suis le fils des morts, celui qui construit, Issa, celui qu’on attend“) – zeigen, dass er innerlich eine neue Heimat und Identität gefunden hat. Er teilt den Makrout mit Jumana, ein Zeichen der Gemeinschaft und des Gedenkens, und spricht „Allahu akbar“, womit er seine Akzeptanz und seinen inneren Frieden ausdrückt.
Die Relevanz des Textes liegt in seiner kraftvollen Erkundung universeller Themen wie Trauer und Resilienz. Asya beleuchtet die zerstörerische Kraft des Verlusts, aber auch die menschliche Fähigkeit, aus tiefster Verzweiflung neue Bedeutung und Handlungsfähigkeit zu schöpfen. Issas Reise ist eine Metapher für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit in einer sich ständig wandelnden Welt – insbesondere für junge Menschen in multikulturellen Gesellschaften, die zwischen Tradition und Moderne sowie familiären Erwartungen und persönlichen Bedürfnissen navigieren. Der Roman bietet einen nuancierten Blick auf Glaube und Spiritualität, der über dogmatische Interpretationen hinausgeht und die persönliche, intime Beziehung des Einzelnen zu seiner Religion hervorhebt. Issas architektonische Träume symbolisieren das Finden von Sinn durch Kreativität und Konstruktion – eine Möglichkeit, das Unsagbare zu verarbeiten und das Vermächtnis seiner Lieben auf authentische und selbstbestimmte Weise zu ehren. Letztlich zeigt „Ibn/Issa“, dass Heimat nicht nur ein physischer Ort, sondern auch ein innerer Zustand sein kann, der durch die Akzeptanz von Verlust, die Neudefinition des Selbst und die bewusste Entscheidung für Liebe und Verbundenheit entsteht.