Inhalt
Der Roman als violentomètre
Der Titel La nuit au cœur (2025) des neuen Romans von Nathacha Appanah spiegelt die zentralen Themen: Gewalt, Angst, Isolation, Trauma, aber auch Widerstand und die Suche nach Sinn und Erinnerung. Die Struktur des Romans gliedert sich in fünf Teile, die zwischen der persönlichen, autofiktionalen Erzählung der Autorin und den rekonstruierten Schicksalen von Emma und Chahinez wechseln, wobei eine „imaginäre Kammer“ als Ort der Begegnung und Reflexion dient. Der Roman dekonstruiert Feminizide nicht als isolierte Vorfälle, sondern als Ausdruck eines tief verwurzelten patriarchalen Systems, das sich über Kulturen und Zeiten erstreckt. Der Roman kritisiert scharf die patriarchalen Gesellschaften, insbesondere in Algerien und auf Mauritius, wo Frauen mit Scheidung stigmatisiert werden und ihre Autonomie eingeschränkt ist. Die parallele Erzählung der drei Frauen – einer Überlebenden und zwei Opfern – unterstreicht die universelle Gefahr, der Frauen ausgesetzt sind, und die erschreckende Ähnlichkeit der Täterprofile und Gewaltmuster (Kontrolle, Eifersucht, Isolation, physische und psychische Misshandlung).
La nuit au cœur seziert die Mechanismen der „Emprise“, beginnend mit subtiler Manipulation, Schmeichelei und Isolation („groomed“) bis hin zu offener Gewalt und physischer Versklavung. Der Roman zeigt, wie die Täter systematisch die Opfer von ihrem sozialen Umfeld abschneiden, ihr Selbstwertgefühl untergraben und ihre Realitätswahrnehmung verzerren. Das „violentomètre“ wird explizit als Werkzeug zur Kategorisierung dieser Verhaltensweisen eingeführt, das die graduelle, aber unerbittliche Eskalation der Gewalt verdeutlicht. Gleich zu Beginn des Buches entwirft Appanah einen „imaginären Raum“ oder eine „imaginäre Kammer“. In diesem Raum versammelt sie die drei Täter – den Maurer MB, den Chauffeur RD und den Journalisten und Dichter HC (ihren eigenen Peiniger). Dieser Raum dient der Autorin dazu, die Erzählung zu beherrschen, die Rollen umzukehren und selbst zur „kleinen Henkerin zu werden“, um „Macht der Kontrolle und Faszination auszuüben“ und „Zuhören und Schweigen einzufordern“. Dies ist ein direkter Versuch, die Kontrolle über die traumatischen Ereignisse zurückzugewinnen, die ihr im realen Leben entzogen wurde. In diesem „gläsernen Ort“ gibt es „keinen Platz für psychologisierende Erklärungen“, die lediglich dazu dienen, Schuldige zu entlasten und Opfern ihre Identität zu nehmen. Stattdessen sollen die Täter „sprachlos“ und „der Geschichte ausgeliefert“ sein. Diese Haltung ist ein klares Ergebnis ihrer persönlichen Erfahrungen und ihres Wunsches, die Gewalt unverfälscht darzustellen. Obwohl sie die Täter als nicht „ganz schlecht“ beschreibt und die Möglichkeit subtiler Nuancen andeutet, wehrt sie sich entschieden gegen die Versuchung, ihre Handlungen zu relativieren oder psychologisch zu erklären. Die detaillierten Beschreibungen von MB, RD und HC zu Beginn dienen dazu, ihr Verhalten später als „unerdenklich“ erscheinen zu lassen, indem sie scheinbar normale Menschen als Täter entlarvt.
Die Autorin wendet sich unmittelbar an den Leser und macht ihre persönliche Betroffenheit deutlich. Sie reflektiert über ihren Schreibprozess und ihre Motivation. Der fiktive Raum, den die Autorin im Kopf erschafft, um die Täter zu versammeln und die Kontrolle über die Erzählung zu gewinnen. Hier kann sie „Zuhören und Schweigen einfordern“ und lehnt „psychologisierende Erklärungen“ ab, die Täter entlasten könnten. Dies ist eine symbolische Form der Kommunikation, in der die Autorin die Machtverhältnisse umkehrt. Die Autorin erzählt ihre eigene Geschichte in der Ich-Form, wechselt aber in die Er-Form, wenn sie über Emma und Chahinez spricht, um Distanz und gleichzeitig tiefes Einfühlungsvermögen zu zeigen. Sie überführt dabei persönliche Erfahrung in kollektive Erzählung. Der Text integriert Zeitungsartikel, Berichte, Zeugenaussagen von Freunden und Familie und sogar die Reflexion über ein „Violentometer“, um die Komplexität der Gewalt und das Versagen der Gesellschaft zu verdeutlichen. Das bewusste Schweigen über das eigene Trauma der sexuellen Gewalt („la chose“) durch HC wird zu einem Akt der Selbstermächtigung und des Widerstands am Ende des Romans. Die Autorin stellt fest, dass manche Dinge „ohne Sprache“ bleiben müssen, um erträglich zu sein. Auch die Sprachlosigkeit angesichts des Grauens der Leiche Chahinez‘ am Prozessbeginn ist eine starke Aussage. Gerüche, Geräusche, physische Empfindungen und Körpersprache übermitteln oft mehr als Worte. Die Angst, das Zittern, die Atemlosigkeit, die Gerüche der Täter – all dies wird detailliert beschrieben und erzeugt eine unmittelbare emotionale Resonanz.
Nathacha Appanahs zentrales Anliegen ist es, das „unerträgliche Rätsel des ehelichen Femizids“ zu ergründen und aufzuzeigen, „wenn die schwarze Nacht die Stelle der Liebe einnimmt“. Es geht darum, die Mechanismen zu verstehen, die zu dieser extremen Form der Gewalt führen. Die Erzählerin strebt eine „verzweifelte Suche nach Gerechtigkeit“ an, die „so nah wie möglich am Leben, an der Nacht, am Herzen, am Körper, am Geist“ ist. Sie möchte die Geschichten der Frauen erzählen, „sie anschauen, sie wiegen, vergleichen, nebeneinanderlegen, gut geschützt in diesem Buch“. Die Autorin lehnt gleichwohl „psychologisierende Erklärungen“ für die Täter ab, da diese nur dazu dienten, „die Schuldigen zu entlasten, Empathie zu wecken und ihre Opfer auszulöschen“. Das Buch soll die Täter „der Geschichte ausgeliefert“ und „zum Schweigen“ bringen. Das Buch soll die „Gewalt und die Kontrolle in einer Beziehung“ und die „kulturelle Gefangenschaft“ beleuchten. Es zeigt, wie Gewalt „Stück für Stück zerfällt“, wie Geist, Herz und Körper zerbrechen und wie der Täter die Identität des Opfers auslöscht. Durch die Darstellung von „Dysfunktionen“ bei der Polizei und Justiz, sowie der „infantilisierenden“ und stereotypisierenden Medienberichterstattung zielt das Buch auch darauf ab, auf die Mängel im System hinzuweisen. Appanah legt offen, wie sowohl traditionelle gesellschaftliche Normen (Scham, Ehre, patriarchale Strukturen) als auch moderne Institutionen (Polizei, Justiz, soziale Dienste) Opfer von Gewalt im Stich lassen und oft zur Täter-Opfer-Umkehr beitragen. Die detaillierte Schilderung von Chahinez‘ gescheiterten Versuchen, Schutz zu finden, ist eine Anklage an die bürokratischen und menschlichen Mängel, die Feminizide ermöglichen. Die Darstellung der medialen Rezeption von Chahinez‘ Tod kritisiert die Tendenz zur Infantilisierung und Stereotypisierung der Opfer.
Indem die Erzählerin „das, was danach passiert, für andere unmerklich“ beschreibt, will sie aber vor allem die stille Qual und die verborgene Resilienz der Überlebenden sichtbar machen. Die Erzählerin fragt sich immer wieder, ob das Schreiben und die Literatur „zu etwas nützen“, angesichts der Grausamkeit der Realität, was die tiefgreifende Selbstreflexion des Buches unterstreicht.
Das persönliche Engagement der Erzählerin spiegelt sich in einer fragmentierten, nicht-linearen und spiralförmigen Handlungsstruktur wider: Das Buch „verwebt drei Geschichten von Frauen, die Opfer von Gewalt durch ihren Partner geworden sind“. Diese Geschichten werden nicht chronologisch, sondern thematisch und emotional miteinander verbunden, oft durch die wiederkehrende Metapher des Laufens oder der Nacht. Die Erzählerin springt in der Zeit hin und her, verknüpft eigene Erinnerungen mit den Geschichten von Emma und Chahinez. Dies spiegelt die Funktionsweise von Trauma und Erinnerung wider, die oft nicht linear, sondern in Bruchstücken und überwältigenden Rückblenden präsent sind. Die Erzählerin beschreibt ihren Arbeitsprozess explizit als eine „Spirale“, in der sie sich dem „Zentrum“, dem Kern der Gewalt und der Wahrheit, langsam und vorsichtig nähert, ohne direkt darauf zuzusteuern. Dies erlaubt ihr, das Thema aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten, zu recherchieren und persönliche Reflexionen einzuflechten, bevor sie sich den rohesten Details widmet.
Im Wesentlichen verbindet der Titel die dunkle Realität der Gewalt („La nuit“ – die Nacht) mit dem tiefsten Inneren der betroffenen Frauen („au cœur“ – im Herzen). Die „Nacht“ symbolisiert die tatsächlichen Stunden der Dunkelheit, in denen Frauen am verwundbarsten für Missbrauch und Femizid sind. Sie wird als „schwarze und erbarmungslose Stunde“ beschrieben, in der die Frau schreckliche Angst hat und die Einsamkeit der Nacht von der drohenden Gefahr des Verfolgers widerhallt. Die „dichte und undurchsichtige Nacht“ wird als etwas Physisches und Hartes empfunden, in der der Tod nahe ist und die Morgendämmerung nicht kommt. Die „Nacht“ beschränkt sich nicht auf bloße Stunden, sondern steht für die Jahre psychischer und physischer Gefangenschaft unter der Kontrolle des Täters. Diese Jahre werden explizit als „lange, elastische und triefende Nächte“ beschrieben, in denen die Grenze zwischen Realität und Fantasie verschwimmt und die Gesichter zu monströsen Masken werden. Es ist die Zeit, in der die Männer „in den Büschen lauerten“ oder die Frauen beim Schlafen beobachteten, was ein Gefühl extremer Verletzlichkeit und permanenter Bedrohung erzeugt. Die Nacht wird auch als unvorhersehbarer Abgrund dargestellt. Die Nacht steht auch für die erzwungene Isolation der Frauen von Freunden und Familie, die verborgene Natur häuslicher Gewalt und das Gefühl, von der Gesellschaft nicht gesehen oder gehört zu werden. Die Erzählerin beschreibt, wie ihr Leben unter HC zu einem „geheimen und schwarzen Leben“ wurde, in dem sie isoliert war.
Das „Herz“ repräsentiert die tiefsten Emotionen, Erinnerungen und das innere Leben der Frauen. Hier ringen sie mit ihren Ängsten, ihrer Trauer und ihren Hoffnungen. Die Autorin spricht von „Herzen, die kämpfen“. Das Herz wird körperlich als „explodierende Granate“ oder „übergroß, geschwollen, schwer“ beschrieben, das den ganzen Körper einnimmt und langsam, mit einem dumpfen Geräusch schlägt – ein Symbol für die überwältigende Angst und die tief sitzenden Auswirkungen der Gewalt. Der Schmerz ist oft so tief, dass er sich als „große kalte Hand, die sich auf das Herz legt“ anfühlt. Trotz aller Gewalt bewahrt das „Herz“ die innere Stärke der Frauen, ihren Widerstand gegen die vollständige Unterwerfung und die Bewahrung ihrer Würde. Chahinez‘ Weigerung, ihr Telefon herauszugeben, ist ein symbolischer Akt, um ihr „Herz“, ihre Würde und ihre Intimität zu schützen. Der Titel deutet auch an, dass die „schwarze Nacht die Stelle der Liebe einnimmt“, was die zutiefst zerstörerische Natur der intimen Gewalt hervorhebt, bei der das, was eigentlich Liebe und Geborgenheit geben sollte, zu Quelle von Angst und Leid wird. Die Liebe wird durch manipulative Techniken („groomed“) ersetzt, die das Opfer von sich selbst reinigen.
So lässt sich sagen, dass La nuit au cœur die tiefgreifende und allgegenwärtige Natur der Gewalt gegen Frauen darstellt. Es verdeutlicht, dass die Dunkelheit, Angst und das Leiden nicht nur äußere Ereignisse sind, sondern bis ins tiefste Innere der Frau – ihre Emotionen, ihre Erinnerungen, ihre Identität – vordringen. Es hebt den intimen Verrat hervor, wenn der Ort, an dem Liebe wohnen sollte, vom Terror verschlungen wird. Gleichzeitig birgt der Titel aber auch die Hoffnung auf Resilienz, das „Kämpfen der Herzen“ und die Möglichkeit, selbst aus dieser tiefen Dunkelheit heraus Kraft und eine Stimme zu finden. Die Erzählerin selbst betont, dass sie einen Weg gefunden hat, „aus der Nacht herauszukommen“, was die Überwindung des Traumas und die Wiedererlangung der eigenen Stimme impliziert. Der Titel ist somit ein kraftvolles Bild für die innere Landschaft der Überlebenden und die fortwährende Auseinandersetzung mit der tiefen Verletzung durch Gewalt.
Die Erzählerin identifiziert sich als die erste der drei Frauen und sagt: „Diese Frau, das bin ich“. Diese direkte Selbstbezeichnung verankert ihre Geschichte unmittelbar in den narratives der anderen Frauen und verleiht dem Buch eine unbestreitbare Authentizität. Sie empfindet eine tiefe Verbundenheit mit Emma und Chahinez, da sie die Angst und das Gefühl, gejagt zu werden, selbst erlebt hat. Sie hat das Gefühl, „an ihrer Stelle hätte sein können“ und ist „mit ihnen“. Die Erzählerin betreibt intensive Recherche, sichtet Zeitungsartikel, Fernsehberichte, nimmt Kontakt zu Anwälten der Familien auf und reist sogar an die Orte der Geschehnisse. Dies zeigt ihr Bestreben, die Wahrheit so genau wie möglich zu rekonstruieren. Die Erzählerin hinterfragt kritisch ihre eigene Wahrnehmung und frühere Naivität. Sie ist sich ihrer „Zerbrechlichkeit“ und der „Scham“ bewusst, die das Trauma mit sich bringt.
Die Autorin erschafft einen „imaginären Raum“ für die drei männlichen Täter, in dem sie diese zusammenführt und das Geschehen kontrolliert. Dies ist ein direkter Eingriff in die Handlungsstruktur, der die Machtverhältnisse des realen Lebens umkehrt und der Erzählerin die Kontrolle über das Narrativ der Gewalt gibt. Bestimmte Ereignisse, insbesondere die eigene sexuelle Gewalterfahrung, werden lange umschrieben und erst am Ende des Buches, wenn die Erzählerin durch das Schreiben mit den Geschichten der anderen Frauen gestärkt ist, direkt konfrontiert. Diese „Sache“ wird nicht vollständig erzählt, da das „Schweigen ihr Kraft gibt“, was die Grenzen der Erzählung bewusst macht. Die Darstellung der Täter durch die „Verhaltensweisen eines Hais“ im Abschnitt „Habitudes comportementales“ ist ein Verfahren, um die systematische Natur der Gewalt zu objektivieren und zu entpersonalisieren, während sie gleichzeitig die brutale Effizienz der Täterstrategien hervorhebt. Die Einbeziehung von Gerichtsprotokollen, Zeitungsartikeln und Zeugenaussagen in die Erzählung verschränkt die literarische Fiktion mit der dokumentarischen Realität, um die „Gerechtigkeit“ der Darstellung zu unterstreichen.
Zu den drei Frauen: Nathacha, Emma, Chahinez
Die Autorin schildert ihre eigene traumatische Erfahrung, als sie mit siebzehn Jahren eine Beziehung mit HC, einem dreißig Jahre älteren Journalisten und Dichter, einging. Sie beschreibt, wie sie durch „Grooming“-Taktiken manipuliert und isoliert wurde, ihre Familie und Freunde verließ und in eine toxische Beziehung geriet, die von psychologischer und physischer Gewalt geprägt war. Ihr Körper und Geist wurden domestiziert und versklavt, und sie erlebte sexuelle Übergriffe. Nach sechs Jahren, im Alter von fünfundzwanzig Jahren, entkommt sie dieser „Nacht in ihrem Herzen“ und kehrt zu ihren Eltern zurück, gezeichnet von den Erfahrungen, aber am Leben. Die Rückkehr ist ein schwieriger Prozess des Wiederaufbaus und der Konfrontation mit ihrer Vergangenheit, die sie lange Zeit als „schlechte Erfahrung“ verdrängt hat. Der Tod von HC viele Jahre später löst eine komplexe Mischung aus Gefühlen und eine Auseinandersetzung mit seinem ambivalenten Erbe aus.
Im Dezember 2000 wird Emma auf Mauritius von ihrem Ehemann RD, einem Regierungsfahrer, ermordet. Während sie versucht, vor ihm zu fliehen, überfährt er sie mit seinem Auto. RD versucht, den Mord als Unfall zu vertuschen, indem er ihre Sportschuhe falsch an ihre Füße steckt. Emma war eine moderne, unternehmungslustige Frau, die eine Catering-Firma gründen wollte und die Eifersucht und Spielsucht ihres Mannes ertragen musste. Ihre Familie hüllt sich aus Scham in Schweigen über die Umstände ihres Todes, und Emma wird in der Öffentlichkeit als untreue Frau diffamiert, was RD als mildernden Umstand dient. RD wird nach zwölf Jahren Haft entlassen und steckt später das Haus in Brand, in dem sie gelebt hatten.
Im Mai 2021 wird Chahinez Daoud in Mérignac, Frankreich, von ihrem Ex-Mann MB, einem Maurer, getötet. MB ist ein kontrollsüchtiger, eifersüchtiger und gewalttätiger Mann, der Chahinez unter anderem mit der Einreise ihres ältesten Sohnes Hicham aus Algerien nach Frankreich erpresst. Chahinez unternimmt mehrfach Versuche, ihn zu verlassen und erstattet Anzeige, doch das System versagt auf tragische Weise: Ein Polizist, der selbst wegen häuslicher Gewalt verurteilt wurde, behandelt ihre Beschwerde nachlässig und leitet sie unzureichend weiter. MB kann seine Frau weiter verfolgen, entführen und misshandeln. Schließlich schießt er ihr in die Oberschenkel, gießt Benzin über sie und verbrennt sie auf offener Straße. Er zündet auch das gemeinsame Haus an. Ihre Eltern reisen aus Algerien an, um die verwaisten Kinder zu versorgen.
Die Autorin verbindet diese drei Schicksale durch das wiederkehrende Motiv der „Frauen, die rennen“, um der Gewalt ihrer Partner zu entkommen. Sie nutzt ihre eigene Erfahrung als Brücke, um die universellen Mechanismen der „emprise“ (Dominanz und Kontrolle) und die tragischen Folgen aufzuzeigen. Das Buch ist eine „verzweifelte Suche nach Gerechtigkeit“ und ein Versuch, den Opfern eine Stimme zu geben, ihre Erinnerungen zu bewahren und das „unerträgliche Rätsel des Feminizids“ zu entschlüsseln. Sie schafft den „imaginären Raum“, einen literarischen Raum, um die Täter zu versammeln und die Kontrolle über die Erzählung zu gewinnen, die Rollen umzukehren und die Perspektive der Opfer zu Wort kommen zu lassen. Dabei reflektiert sie kritisch die Grenzen der Sprache und die Unmöglichkeit, die „ganze Wahrheit“ zu erfassen.
Trotz der erdrückenden Gewalt und Isolation zeigen die Frauen – insbesondere die Erzählerin und Chahinez – Momente des Widerstands und eine unbändige Lebenskraft. Chahinez‘ Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit und ihr Kampf für ihre Kinder, die Erzählerin’s Rückkehr zum Schreiben als Akt der Selbstbehauptung – all dies zeugt von einer „unzerbrechlichen“ (incassables) inneren Stärke. Das Erfahren der PAMI (Préjudice d’Angoisse de Mort Imminente) gibt der extremen Todesangst einen Namen und bestätigt die Authentizität der überlebten Bedrohung.
Zur Perspektive der Männer
Nathacha Appanah stellt in La nuit au cœur die männlichen Täter nicht im Sinne einer Entlastung oder Rechtfertigung ihrer Taten dar, sondern verfolgt eine umfassende und ungeschminkte Darstellung, die sowohl ihre äußeren Merkmale und anfänglichen Anziehungspunkte als auch die volle Bandbreite ihrer gewalttätigen und manipulativen Persönlichkeiten umfasst. Die „Gerechtigkeit“ der Darstellung liegt hier in der Ablehnung von Verharmlosung und Opferbeschuldigung und in der Betonung der Wahrheit aus Sicht der Überlebenden und Opfer. Die Autorin gibt zu, dass die Männer „nicht vollständig böse“ sind und dass man in ihnen „hier und da Transparenzen und feine Adern“ finden könnte, die „ein Anschein von Verletzlichkeit“ vermitteln würden: MB (der Maurer) wird als „sehr schönes Kind“ beschrieben, das „liebenswert“ und „fleißig“ ist. Er ist stolz auf seine Arbeit und versteht es, Frauen zu „verführen“ und zu „schmeicheln“. RD (der Chauffeur) wird als „schön“ wahrgenommen, „höflich, sympathisch, charmant“ und „respektvoll und hilfsbereit“. Er sieht sich selbst als „Familienmensch“. HC (der Journalist und Poet) ist intellektuell („glänzend“, „genial“), ein engagierter Sportler und wurde als „Guru“ oder „Mentor“ bezeichnet. Er sah sich selbst als „Poet“. Der Abschnitt „Habitudes comportementales“ analysiert die Verhaltensweisen der Täter, indem er sie von ihren individuellen Identitäten löst und stattdessen von einem generischen „er“ spricht. Dieses „er“ wird am Ende als „Haifisch“ identifiziert, wodurch das räuberische und systematische Muster der Gewalt betont wird, unabhängig von der Person des Täters. Es werden spezifische Techniken beschrieben: das „einkreisende Beobachten“, „frontale Angriffe“ und „kreuzende Annäherungen“, die die Isolation des Opfers, verbale und physische Gewalt sowie ständige Überwachung und Kontrollstrategien umfassen.
Insgesamt stellt der Roman La nuit au cœur eine grundsätzliche Kritik an der patriarchalischen Dominanz und der damit verbundenen Gewalt dar. Er bekräftigt die Bedeutung der weiblichen Perspektive und der Erinnerung an die Opfer, während er gleichzeitig die Oberflächlichkeit von gesellschaftlichen Urteilen und die manipulativen Konstruktionen von Männlichkeit entlarvt. Die Bewertung der Geschlechterrollen erfolgt durch die schonungslose Darstellung der Realität von Gewalt und Unterdrückung, die der traditionellen männlichen Dominanz zugrunde liegt, und durch die Betonung der inneren Stärke und des Widerstandswillens der Frauen. Der Roman von Nathacha Appanah konzentriert sich dezidiert auf die weibliche Opferperspektive und lehnt eine auf Empathie für die Täter zielende Lesart ab. Die Autorin erschafft einen „imaginären Raum“, in dem die drei männlichen Täter versammelt sind und bewusst „psychologisierende Erklärungen“ verweigert werden, da diese nur dazu dienten, „die Schuldigen zu entlasten, Empathie zu wecken und ihre Opfer auszulöschen“. Die Männer sollen „der Geschichte ausgeliefert“ sein und „den Mund halten“. Dies deutet darauf hin, dass eine männerorientierte Lesart, die den Mann als Opfer der Geschlechterordnung oder Rollenzuschreibungen sieht, dem ausdrücklichen Anliegen des Buches widersprechen würde.
Dennoch liefert der Text einige Hintergrundinformationen und Anhaltspunkte, die von einem Leser außerhalb der expliziten Erzählstrategie des Buches als Einblicke in die Umstände verstanden werden könnten, die männliches Verhalten prägen, auch wenn das Buch selbst diese nicht zur Entlastung nutzt:
MB (der Maurer) wächst in einem patriarchalischen Umfeld in Algerien auf, wo seine Mutter traditionellen Regeln unterliegt. Er bricht die Schule mit 14 Jahren ab, möglicherweise um sich „vom familiären Joch zu befreien, unabhängig zu sein“ und „wie seine älteren Brüder zu sein, die bereits arbeiten“. Er ist stolz auf seine Arbeit und das Gefühl, ein „nützliches“ Leben zu führen und „endlich ein Mann“ zu sein, wie sein Vater und seine Brüder. Seine Selbstbeschreibung als „liebenswert und fleißig“ spiegelt den Wunsch wider, bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen zu entsprechen.
RD (der Chauffeur) wird von Kindheit an für sein Aussehen gelobt und wächst in bescheidenen Verhältnissen auf. Seine Anstellung als Chauffeur im Ministerium ist für ihn „die Chance seines Lebens“ und erfüllt ihn mit Stolz, da er sich als „Mann, der es geschafft hat, der seinen Platz gefunden hat“ sieht und die „Stolz des Weges seiner Familie, seiner Vorfahren, seiner ganzen sozialen Klasse“ trägt. Seine Selbstbeschreibung als „Familienmensch“ steht im Kontrast zu seinen späteren Gewalttaten. Er verliert jedoch im Casino die Kontrolle, was auf eine innere Instabilität oder den Druck hindeutet, etwas zu beweisen.
HC (der Journalist und Poet) wächst in einer Familie auf, in der sein Vater seine Mutter regelmäßig schlägt. Er beschreibt eine „schwierige Kindheit“, einen „manchmal brutalen Vater“ und eine „schweigende Mutter“. Er empfindet, dass „etwas ihn daran hindert, fröhlich, vollkommen frei zu sein“ und glaubt, dies liege an seiner Kindheit, den gesellschaftlichen Ungleichheiten seines Landes oder der „Geschichte seines Volkes“. Seine intellektuellen Ambitionen und sein Engagement im Sport könnten Versuche sein, diesen inneren Konflikten zu entkommen. Er sieht sich als „Poet“, obwohl er nicht die Anerkennung erhält, die er sich wünscht, und fühlt sich von anderen „betrogen“. Seine anfängliche Hinwendung zum Seminar und zur Kontemplation könnte als Suche nach Frieden und Sinn interpretiert werden, bevor seine „Fleischeslust“ und sein „Origineller Geist“ ihn davon abhalten.
Während der Roman die tragischen Lebensgeschichten der Täter und ihre gesellschaftlichen Prägungen streift, sei nochmals unterstrichen: Er lehnt explizit eine Lesart ab, die die Männer als Opfer der Geschlechterordnung oder Rollenzuschreibungen darstellt, um ihre Taten zu entschuldigen oder Empathie für sie zu wecken. Die Autorin nutzt die dargestellten männlichen „Rollen“ (Maurer, Chauffeur, Poet) eher als Fassade, hinter der sich systematische Gewalt und manipulative Verhaltensmuster verbergen, die sie als „Haifisch“-Strategie identifiziert. Obwohl die Autorin kurz mit der Idee spielt, ob HC’s Tod eine Versöhnung oder ein milderes Urteil ermöglichen könnte, kehrt sie letztlich zu einer unversöhnlichen Haltung zurück, die die volle Verantwortung bei den Tätern belässt und die Erfahrungen der weiblichen Opfer in den Vordergrund stellt.
Die öffentliche Darstellung von häuslicher Gewalt und Femiziden in Romanen, Filmen und Medien ist von entscheidender Bedeutung, da sie das gesellschaftliche Verständnis dieser komplexen Phänomene prägt. Eine faktenbasierte Ergänzung erscheint mir gleichwohl für die Situation in Deutschland oder Frankreich nötig, die die oft vernachlässigte Perspektive männlicher Gewaltbetroffenheit mit berücksichtigt. Kriminologische Forschungen in Deutschland haben darauf hingewiesen, dass eine umfassende, empirisch fundierte Grundlage für Debatten über Femizide und häusliche Gewalt bisher weitgehend fehlt und eine Versachlichung der Debatten dringend geboten ist.
Gewalt, insbesondere in ihren schwersten und tödlichsten Formen, ist weltweit und in Deutschland überwiegend ein Phänomen, bei dem Männer gegen Frauen Gewalt ausüben. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamtes (BKA) liefert gleichwohl ein zentrales empirisches Fundament, um einem verkürzten Bild der Realität entgegenzutreten. Die Zahlen für das Jahr 2023 belegen, dass Männergewalt gegen Frauen dominiert, zeigen aber auch die Existenz einer signifikanten Zahl männlicher Opfer. Von den insgesamt 256.276 Opfern häuslicher Gewalt waren 70,5 % weiblich (180.715) und 29,5 % männlich (75.561). Bei der partnerschaftlichen Gewalt, dem zentralen Thema des Romans, waren 79,2 % der 167.865 Opfer weiblich (132.966), aber auch 20,8 % männlich (34.899). Diese Zahl von fast 35.000 betroffenen Männern ist substanziell und verdeutlicht, dass die Annahme, Männer seien niemals Opfer in einer Partnerschaft, nicht der Realität entspräche.
Noch differenzierter zeigt sich das Bild bei der innerfamiliären Gewalt, die 34,5 % der häuslichen Gewaltfälle ausmacht. Hier ist das Geschlechterverhältnis der Opfer fast ausgeglichen: 54 % weiblich (47.749) und 46 % männlich (40.662). Diese Zahlen belegen, dass die Opfererfahrung von Männern kein singuläres Phänomen ist, sondern je nach Beziehungskontext stark variiert und in bestimmten familiären Konstellationen fast gleich häufig vorkommt wie bei Frauen. Die Statistik der Tatverdächtigen ergänzt diese Perspektive. Während 77,6 % der Tatverdächtigen in Partnerschaftsgewalt männlich waren, waren 22,4 % weiblich. Auch dies unterstreicht, dass Gewalt keine exklusiv männliche Handlung ist.
Auch die offiziellen Polizeizahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Eine Studie des WEISSEN RINGS ergab, dass jeder zweite Mann im Laufe seines Lebens einmal von Partnerschaftsgewalt betroffen war. Diese Diskrepanz zwischen der wahrgenommenen und der polizeilich erfassten Gewalt legt eine massive „Dunkelziffer“ nahe. Ein wesentlicher Teil dieser nicht gemeldeten Fälle betrifft die unsichtbareren Formen der Gewalt. Eine aktuelle Erhebung zeigt, dass rund 39 % der betroffenen Männer von psychischer und über 29 % von körperlicher Gewalt berichteten. Diese psychische Gewalt umfasst systematische Einschüchterung, Demütigung, soziale Isolation, Kontrollverhalten und Stalking.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die „gewöhnliche Paargewalt“, die auch leichte physische Auseinandersetzungen wie Schläge und Stoßen einschließt. Diese Form der Gewalt wird in den USA und in Deutschland als „geschlechtssymmetrisch“ beschrieben und tritt demnach nahezu gleich häufig bei Männern wie bei Frauen auf. Während schwere, eskalierende oder tödliche Gewalt nachweislich von Männern dominiert wird, zeigt die Existenz der geschlechtssymmetrischen Gewalt, dass es in alltäglichen Konflikten keine simple Täter-Opfer-Binärdarstellung gibt. Die Tatsache, dass viele Frauen hier ebenfalls Täterinnen sind, und die Tatsache, dass diese Fälle seltener gemeldet werden, tragen zur Aufrechterhaltung des vereinfachten narrativen Bildes bei.
Die Gründe für die hohe Dunkelziffer männlicher Opfer sind tief in traditionellen Geschlechterrollen verwurzelt. Das sogenannte „alte Männerbild“ wird zunehmend mit dem Konzept der „toxischen Männlichkeit“ in Verbindung gebracht. Dieses Bild beschreibt Verhaltensweisen und Einstellungen, die sowohl für Männer als auch für Frauen schädlich sind und auf den gleichen „hegemonialen Männlichkeitskonzepten“ beruhen, die auch Gewalt gegen Frauen begünstigen. Zu diesen problematischen Aspekten gehören die emotionale Unterdrückung, die Verknüpfung von Aggression und Männlichkeit, ein überhöhter Leistungsdruck sowie die Angst, als schwach zu gelten.
Die gesellschaftliche Erwartung, dass ein Mann „einsteckt“ und Druck standhält, führt dazu, dass Männer psychische Gewalt oft gar nicht als Gewalt wahrnehmen und die Schuld bei sich selbst suchen. Dieses Rollenbild verlangt von ihnen, ihre eigene Verletzlichkeit zu verleugnen. Die Folge ist, dass sie gesundheitliche Probleme ignorieren, was zu einer geringeren Lebenserwartung führen kann, und in Gewaltsituationen nicht die notwendige Hilfe suchen. Das Resultat ist eine massive innere Belastung, die sich in seelischen Leiden wie Depressionen, Angstzuständen und Schlafstörungen manifestieren kann. Diese Bemerkungen sollen einen vollständigeren Blick auf die gesellschaftliche Situation ermöglichen, aber das Anliegen und das Leid der drei Frauen im Roman in keiner Weise relativieren.
Im Rückblick auf HC, nach seinem Tod, bietet die Autorin eine duale Beschreibung seiner Persönlichkeit. Sie listet seine „säurehaltigen, anspruchsvollen, pingeligen, effizienten, einzigartigen, liebenswerten, scharfsinnigen, poetischen, talentierten, außergewöhnlichen, lebhaften, geschliffenen, bemerkenswerten“ Eigenschaften auf, fügt aber sofort hinzu, dass er auch „gewalttätig, herablassend, manipulativ, manisch, besessen, paranoid, kalkulierend, frauenfeindlich, demütigend, sexistisch“ war. Dies zeigt, dass sie bereit ist, die gesamte Komplexität und Widersprüchlichkeit zu zeigen, ohne dabei die männliche Gewalt zu relativieren.
Sprachlosigkeit und Selbstermächtigung
Das Ende des Romans, insbesondere der Abschnitt „La peine“ (Die Strafe), reflektiert die Grenzen der Sprache angesichts des Unsagbaren und die komplexe Art und Weise, wie die Autorin ihr eigenes Trauma verarbeitet. Während des Prozesses gegen MB steht die Autorin erneut vor der „Unmöglichkeit der Sprache“, als sie die Fotos von Chahinez‘ Leiche sieht. Sie sucht nach Worten, aber „kein Wort passt ganz, keines sagt es genau“. Sie weigert sich, Chahinez‘ Körper mit lindernden Adjektiven zu beschreiben, die das Ausmaß der Gewalt verschleiern würden. Stattdessen beschreibt sie ihn als ein „es“ (ça) – „es ist nicht mehr Chahinez, es ist kein Mensch mehr, es ist ein ça.“ Diese Radikalität unterstreicht die totale Vernichtung der Identität des Opfers durch die Gewalt und kontrastiert damit, wie sie die Erinnerung an Emma als menschlich bewahrt hat.
Die Entdeckung des Akronyms PAMI (préjudice d’angoisse de mort imminente – Angstschaden des unmittelbar bevorstehenden Todes) bei Gericht hat eine tiefe persönliche Resonanz für die Autorin. Sie erkennt darin ein Wort für die extreme Angst, die sie selbst in jener schrecklichen Nacht erlebt hat, als sie dachte, zu sterben. Diese Erkenntnis, dass es einen Begriff für ihre „unmenschlichen Schreie“ und ihren Zustand als „Puppe“ gibt, ist für sie auch nach über einem Vierteljahrhundert von Bedeutung und bestätigt die Realität ihres Leidens. Während sie MB im „Glasgefängnis“ des Gerichtssaals beobachtet, verschwimmt die Realität für sie. MB erscheint ihr als „Palimpsest von jemand anderem“, in dem sie Ähnlichkeiten zu RD und HC erkennt. Der Gerichtssaal wird zu ihrer „imaginären Kammer“, in der die drei Peiniger präsent sind. Dies zeigt, dass die Verarbeitung ihres Traumas ein fortwährender Prozess ist und die inneren Räume der Konfrontation weiterhin existieren.
Ein zentrales Element des Romanschlusses ist das Konzept der „chose“ (die Sache), ihr eigenes Trauma der sexuellen Gewalt durch HC, das sie über lange Zeit nicht direkt benennen oder beschreiben kann. Sie gesteht, dass sie anfangs daran scheiterte, diese „Sache“ zu schreiben, da ihr die „Stimme, wörtlich und literarisch“, fehlte und sie zu ersticken drohte. Ihre Strategie war es, die „Sache“ zu umgehen und sich vorzunehmen, sie „am Ende dieses Buches, am Ende dieses Weges“ zu schreiben. Am Ende des Romans entscheidet sie sich jedoch, die „Sache“ nicht vollständig zu erzählen oder zu beschreiben. Dieses bewusst gewählte Schweigen wird zu ihrem „Geheimnis, meiner Wut, meinem Erpressungsobjekt, meinem Mitternachtsgarten, meiner Rückkehr zur Macht, endlich“. Es ist ein kraftvoller Akt der Selbstermächtigung und des Widerstands, der das Trauma nicht relativiert, sondern es in seiner unantastbaren Form bewahrt. Es ermöglicht ihr, „aufrecht zu bleiben“ und nicht von der „süßen Melodie“ der Versöhnung oder des Vergessens eingelullt zu werden.
Trotz der Sprachlosigkeit und des Schmerzes bleibt der Wunsch, die Wahrheit zu ergründen und das Leben der Toten zu ehren. Sie denkt täglich an Emma und Chahinez, an die Versprechen, die sie nicht leben konnten, und an die Kinder, die ohne ihre Mütter weiterleben müssen. Ihre Arbeit ist eine fortwährende Auseinandersetzung mit „Geistern und Lebenden“ und eine Suche nach „Wahrheit und dem Schmerz der verlorenen Dinge“. Interessanterweise greift die Autorin in der „dritten Nacht“ (Teil 3) zu einer anderen Ausdrucksform, als sie das Haus von Chahinez zeichnet und dadurch dessen „Materie und Form“ begreift. Auch am Ende der „Quatrième partie“ zeichnet sie einen Plan der „geträumten Häuser“ von Emma und Chahinez, wo die Linien gerade sind und nicht zittern, was einen Moment der Kontrolle und des Trostes in einer sonst chaotischen Erzählung darstellt.
Der Romanschluss zeigt die Grenzen der literarischen Darstellung von extremer Gewalt auf, insbesondere der sexuellen Gewalt, und mündet in einen Akt des Schweigens als Zeichen der Stärke und Selbstermächtigung. Appanah lehnt eine vollständige Offenbarung zugunsten der Wahrung ihrer inneren Integrität ab, während sie die Geschichten der anderen Frauen weiterhin mit einer unvergleichlichen, persönlich fundierten Intensität erzählt. Sie ist nicht nur die Erzählerin, sondern auch eine Überlebende, die einen Weg gefunden hat, ihre Stimme zu erheben und gleichzeitig ihr innerstes Geheimnis zu schützen, um nicht erneut zum Opfer zu werden.