Inhalt
Statt einer Literatur der Todesstrafe
On applique des protocoles on suit des procédures on respecte des règles. Personne ne tue.
Constance Debré, Protocoles
Wir wenden Protokolle an, befolgen Verfahren und halten uns an Regeln. Niemand tötet.
Constance Debrés Text Protocoles beginnt unmittelbar mit einer bürokratischen Mitteilung: „Vous avez été condamné à mort“ („Sie wurden zum Tode verurteilt“). Durch diese Adresse wird der Leser entweder in die Position des Delinquenten oder in die eines passiven Zeugen gezwungen, der über die Regeln der nächsten 35 Tage informiert wird. Es gibt keine Einleitung, keine Tatbeschreibung und keine moralische Rechtfertigung – nur die nackte juristische Tatsache. Die ersten Seiten widmen sich akribisch den Regeln der Überwachung („Death Watch“). Besonders hervorzuheben ist die materielle Reduktion: Der Verurteilte darf nur Gegenstände besitzen, die in 30-Zentimeter-Kuben passen. Diese extreme räumliche und materielle Fixierung zeigt die Macht des Protokolls, das den Menschen auf ein zu verwaltendes Objekt reduziert. Das Licht bleibt immer an, die Überwachung ist total; das Leben wird zur bloßen Vorbereitung auf seine technische Beendigung. Die Autonomie des Subjekts existiert hier nur noch in der Entscheidung, sich der totalen Unterwerfung unter das Protokoll hinzugeben und an der „Oberfläche“ der Tatsachen zu bleiben.
Die moderne Behandlung der Todesstrafe in der französischen Literatur wäre ohne Victor Hugo und sein Schlüsselwerk Le Dernier Jour d’un condamné (1829) nicht denkbar. Hugo revolutionierte das Genre, indem er den Verurteilten nicht als Kriminellen mit einer spezifischen Geschichte darstellte, sondern als ein namenloses Subjekt, das stellvertretend für die gesamte Menschheit leidet. Seine Absicht war es, eine „plaidoirie générale et permanente“ (allgemeine und dauerhafte Verteidigungsrede) für alle gegenwärtigen und zukünftigen Angeklagten zu verfassen. Das Tagebuch des Verurteilten dient als Medium der Selbstvergewisserung in einem Raum, in dem die Zeit auf den Moment der Exekution zusammenschrumpft. Hugo nutzt gezielt Register des Pathos und des Lyrischen, um eine emotionale Reaktion beim Leser zu provozieren, die ihn zum Verbündeten im Kampf gegen das Schafott macht. Dabei kontrastiert er die organische Lebendigkeit des Bewusstseins mit der mechanischen Kälte der Guillotine, die er in Notre-Dame de Paris und Les Misérables als ein fast mythisches Monster darstellt.
In seinen politischen Reden, etwa vor der Assemblée Constituante am 15. September 1848, übertrug Hugo diese literarische Poetik in den parlamentarischen Raum. Er definierte die Todesstrafe als das „ewige Zeichen der Barbarei“ und forderte ihre vollständige Abschaffung als einen notwendigen Schritt der Zivilisation. Der Zusammenhang zwischen seiner Poetik und seiner politischen Überzeugung liegt in der Sakralisierung des menschlichen Lebens: Da das Leben von Gott gegeben sei, habe der Staat kein Recht, darüber zu verfügen.
Albert Camus zerlegt in den Reflexionen über die Guillotine (1957) 1 die scheinbar rationalen Rechtfertigungen der Todesstrafe – Abschreckung, Exemplarität, gesellschaftliche Selbstverteidigung – als moralische Fiktionen. Camus’ Réflexions sur la guillotine verbinden eine strikt rational geführte Argumentation mit einer bewusst eingesetzten, affektiv wirksamen Narration, um die Todesstrafe zwar logisch zu widerlegen, aber auch ihre moralische Unhaltbarkeit sinnlich erfahrbar zu machen. Ausgangspunkt ist für ihn nicht juristische Argumentation, sondern eine leibliche Evidenz der Abscheu: Das Erbrechen des Vaters angesichts einer Hinrichtung entlarvt die staatliche Tötung als Akt, der nicht Ordnung stiftet, vielmehr das Verbrechen verdoppelt. Die Todesstrafe beruht auf der Anmaßung absoluter Unschuld seitens der Richter und der Gesellschaft; genau diese Unschuld ist für Camus prinzipiell unerreichbar. Wo der Staat tötet, erhebt er seine eigene Gewalt zur Norm und verwandelt Recht in legitimierten Mord. Die Guillotine erscheint Camus als Chiffre einer ideologischen Moderne, die den Tod administrierbar macht und den Menschen der Abstraktion opfert.
Zentral ist in Camus’ Argumentation das Motiv der Irreversibilität und der Unfehlbarkeitsfiktion: Weil Justiz notwendig fehlbar ist, wird jede Hinrichtung zu einem prinzipiell nicht rücknehmbaren Skandal, der das Fundament der Rechtsordnung untergräbt. Diese rationalen Überlegungen werden jedoch nicht abstrakt vorgetragen, sie werden narrativ gerahmt durch konkrete Szenen und Erfahrungsberichte – etwa die Schilderung der Hinrichtung als mechanisch-kalter Vollzug oder die Erinnerung an die traumatische Wirkung einer Exekution auf Camus’ Vater. Die Narration erzeugt jene „Evidenz“ der Abscheu, die der rein juristischen Sprache fehlt, und macht sichtbar, dass die Todesstrafe nicht bloß ein normatives Problem, sondern ein Angriff auf die elementare menschliche Sensibilität ist. Stilistisch arbeitet Camus mit Klarheit, Lakonie und moralischer Nüchternheit; Pathos entsteht nicht durch rhetorische Überhöhung, sie wird durch die Spannung zwischen sachlicher Argumentführung und der unausweichlichen Grausamkeit der dargestellten Realität erzeugt. So verschränkt der Text Logos und Pathos zu einer ethischen Überzeugungsstrategie, in der die Vernunft die Unhaltbarkeit der Todesstrafe demonstriert, während die erzählerische Verdichtung ihre existenzielle Unmenschlichkeit erfahrbar macht.
Angesichts der Todesstrafe, so Constance Debré, verliert Literatur ihre hermeneutische, moralische und imaginative Vermittlungsfunktion, weil das Gesetz selbst eine unüberbietbare Realität setzt, die weder ergänzt noch interpretiert werden kann. Debré bezieht sich auch auf Camus, wenn sie befindet:
La loi rend toute la littérature obsolète. J’ai lu j’ai traduit j’ai recopié le document. Il n’y avait rien à retrancher. Il n’y avait rien à ajouter. Ni Dante ni Dostoïevski ni Camus ni Kafka etc.
Constance Debré, Protocoles
Das Gesetz macht die gesamte Literatur überflüssig. Ich habe das Dokument gelesen, übersetzt und abgeschrieben. Es gab nichts wegzulassen. Es gab nichts hinzuzufügen. Weder Dante noch Dostojewski noch Camus noch Kafka usw.
In dieser Perspektive werden von ihr vier paradigmatische Autoren aufgerufen, die jeweils das Verhältnis von Schuld, Gericht, Strafe und existenzieller Grenzerfahrung literarisch durchmessen haben: Dante ordnet die Strafe kosmologisch und theologisch in eine jenseitige Gerechtigkeitsökonomie ein, Dostojewski radikalisiert die Todesnähe als psychische und moralische Extremerfahrung des Subjekts, Camus entlarvt die Todesstrafe als metaphysisch absurden Akt staatlicher Anmaßung, Kafka schließlich zeigt die undurchdringliche, selbstreferentielle Gewalt des Gesetzes, das den Einzelnen in ein schuldhaftes Verfahren ohne transparente Instanz verstrickt. Die Pointe des Zitats liegt jedoch darin, dass selbst diese kanonischen literarischen Durchdringungen angesichts der faktischen juristischen Tötung an Geltung verlieren: Das Gesetz suspendiert die symbolische Arbeit der Literatur, indem es eine unwiderrufliche, nicht mehr narrativ vermittelbare Entscheidung vollzieht, die jede poetische Sinnproduktion gleichsam obsolet macht.
Umgekehrt wird die Verschleierung der individuellen Schuld durch die Protokolle als ein zentraler Bestandteil der staatlichen Tötungsmaschinerie thematisiert. Die moralische Verantwortung wird dabei durch eine radikale Aufgabenteilung und technische Vorkehrungen so weit fragmentiert, dass am Ende kein einzelnes Individuum mehr als „Mörder“ identifizierbar ist.
Beim Erschießungskommando wird die individuelle Schuld durch eine gezielte Anonymisierung und die Ungewissheit über das tödliche Projektil minimiert: Die Schützen befinden sich hinter einer Mauer in einer Entfernung von etwa sieben Metern zum Verurteilten. Die Gewehrläufe werden durch eine Maueröffnung gesteckt, sodass die Schützen für die Zeugen nicht sichtbar sind. In der Regel werden fünf Schützen eingesetzt. Davon sind vier Gewehre mit echter Munition geladen und eines mit einer Platzpatrone (chargée à blanc). Da jedoch niemand weiß, wer die Platzpatrone erhalten hat, bleibt für jeden Schützen die psychologische Möglichkeit offen, nicht den tödlichen Schuss abgegeben zu haben.
Debré sagt es explizit: „Es gibt keinen Henker“ („Il n’y a pas de bourreau“). Stattdessen ist die Hinrichtung in eine Vielzahl von spezialisierten Gruppen unterteilt: ein Command Team, ein IV Team (für die Injektion), ein Maintenance Response Team (für die Technik) und viele weitere. Da jedes Teammitglied lediglich einen kleinen Teil einer vordefinierten Prozedur ausführt und strikt Regeln befolgt, wird die Tat von der Person entkoppelt. Die Schuld wird nicht durch Leugnung der Tat verschleiert, vielmehr durch ihre technische und bürokratische Zerlegung, bis nur noch ein indifferenter Prozess übrig bleibt.
Die Radikalität des Schreibens: Vom „Ich“ zum „Protokoll“
Das zentrale Motto des Buches, „Aux purs tout est pur“ („Den Reinen ist alles rein“), ein Zitat des Apostels Paulus, setzt den Ton für Debrés ästhetisches Programm. In Verbindung mit ihren früheren Reflexionen in Offenses deutet dies auf eine „Reinheit durch absolute Opposition“ hin. Wenn die Welt als korrupt und verlogen begriffen wird, liegt die einzige Reinheit im radikalen Rückzug auf das Faktische und in der Indifferenz gegenüber moralischen Wertungen.
Der Begriff der Reinheit durchzieht das Werk als zentrales Leitmotiv, das auf unterschiedlichen Ebenen entfaltet und zunehmend dekonstruiert wird: Ausgehend von Paulus’ Motto erscheint Reinheit zunächst als religiös-ethischer Rahmen, wird dann aber ironisch als soziale Pose im Kontext „puritanischer“ US-Moral entlarvt und anschließend auf eine oberflächliche, konsumästhetische „Clean“-Ästhetik (einer Zigarette) reduziert. Zugleich zeigt der Text die politische und gewaltsame Kehrseite des Begriffs in der Beschreibung einer ehemaligen NS-Offizierssiedlung als „Enklave der Reinheit“ („une enclave de pureté“), bevor er schließlich in der Vision eines „total weißen Ortes“ in eine radikale Leere und Gefühllosigkeit mündet, sodass Reinheit am Ende als vollständige Entleerung von Denken, Fühlen und moralischer Unterscheidung erscheint.
In ihrem konzeptuellen Kunstprojekt Last Words (Dis Voir, 2015) setzt sich die US-amerikanische Dichterin und Strafverteidigerin Vanessa Place radikal mit der Todesstrafe auseinander, indem sie die letzten Worte aller seit 1982 im Bundesstaat Texas hingerichteten Häftlinge mit ihrer eigenen Stimme vertont. Das Projekt, das sowohl als Buch als auch als Audio-Installation existiert, verzichtet auf jeglichen eigenen Kommentar oder eine moralische Einordnung der Verbrechen; stattdessen werden die offiziellen Protokolle des Justizministeriums eins zu eins in den Raum der Kunst überführt. Durch diese Aneignung der Täterstimmen – wobei Schweigen durch fünf Sekunden Stille repräsentiert wird – konfrontiert Place das Publikum unmittelbar mit der menschlichen Dimension des staatlich legitimierten Tötens und hinterfragt die Rolle der Sprache an der Schwelle zum Tod sowie die ethische Position des Zuhörers als Teil der Gesellschaft.
In der zeitgenössischen französischen Literatur nimmt Constance Debré eine Sonderstellung ein, die durch eine fortschreitende Radikalisierung sowohl ihres Stils als auch ihrer Sujets gekennzeichnet ist. Mit ihrem Werk Protocoles (2026) erreicht diese Entwicklung einen vorläufigen Höhepunkt, indem sie die Grenze von der Autofiktion zur klinischen Systemanalyse endgültig überschreitet. Während ihre früheren Werke wie Play Boy und Love me tender noch den individuellen Ausbruch aus bürgerlichen Identitätsschablonen thematisierten, stellt Protocoles eine totale Entsubjektivierung dar. Debrés literarischer Weg lässt sich als eine „Anleitung zur radikalen Liquidierung“ beschreiben. Begann sie in Nom noch damit, den eigenen Namen, die Herkunft und die elterliche Autorität auszulöschen, um eine „radikale Moderne“ ohne Erbschaft zu entwerfen, so richtet sich ihr Blick in Protocoles auf die institutionelle Vernichtung des Menschen. Die Radikalität liegt hierbei in der Verschiebung der Perspektive: Das in Nom noch programmatische „Ich“ weicht in Protocoles oft einem „Du“, das unmittelbar in bürokratische Abläufe eingespannt ist.
In Protocoles werden die Verurteilten nicht als tragische Helden (wie im Existentialismus) oder moralische Subjekte thematisiert, vielmehr als Objekte administrativer und physikalischer Prozesse. Die literarische Darstellung folgt dabei konsequent der im Titel angekündigten kühlen Poetik, die das menschliche Schicksal in technische Daten und prozedurale Abläufe übersetzt. Der Prozess beginnt bereits 35 Tage vor der Hinrichtung mit der sogenannten „Death Watch“, die als eine Form der rituellen Mahnwache inszeniert wird. Der Verurteilte wird in eine Spezialzelle verlegt, in der das Licht permanent brennt und jede seiner Regungen rund um die Uhr überwacht wird. Diese Überwachung dient nicht dem Schutz des Individuums, sie stellt sicher, dass der Staat sein Gewaltmonopol am Tag der Hinrichtung vollstrecken kann; ein Suizid wird als unzulässige Flucht begriffen, die durch ständige Beobachtung verhindert werden muss.
Die Identität des Verurteilten wird auf ein Minimum an materiellem Besitz reduziert. Erlaubt sind lediglich Gegenstände, die in Würfel von 30 Zentimetern Kantenlänge passen. Debré verdeutlicht diese Fragmentierung der Persönlichkeit durch detaillierte Inventarlisten, in denen persönliche Briefe und religiöse Dokumente neben Hygieneartikeln wie Seife und Zahnpasta stehen, die nach Gebrauch sofort wieder entfernt werden. In einer besonders eindringlichen Passage wird ein Verurteilter nach seinem Tod durch eine Liste seiner Hinterlassenschaften definiert, die von 22 Audiokassetten bis hin zu einer einzelnen Socke und einem Nagelknipser reicht.
L’homme est tondu. L’éponge du casque entre l’électrode et le crâne est mouillée. Les jambes sont rasées et enduites d’un gel conducteur aussi appelé électro-crème. L’homme est sanglé à la chaise par le torse le cou les jambes les bras. Sa tête est maintenue par le casque qui lui enserre le crâne. L’homme est cagoulé. L’équipe d’exécution quitte la chambre d’exécution. L’équipe d’exécution se retire dans la chambre d’observation. Les deux pièces sont séparées par une vitre. Il y a une troisième pièce, la salle des témoins, également séparée de la chambre d’exécution par une vitre. L’homme qui est assis sanglé cagoulé est entouré de vitres à travers lesquelles on l’observe, il est seul. Le directeur donne le signal. Le chef de l’équipe d’exécution appuie sur l’interrupteur. Une première décharge est appliquée à l’homme pendant une trentaine de secondes. Le corps de l’homme se tend. Une pause. Pour que le corps refroidisse. Ne prenne pas feu. Le corps se détend. Plusieurs minutes. Cinq minutes. Une deuxième décharge. Parfois de même durée et de même intensité. Parfois moins forte et plus longue, par exemple deux minutes. Ça dépend des protocoles. Ça dépend des États. Une nouvelle pause. Parfois une troisième décharge. Un médecin entre dans la chambre examine l’homme constate la mort. Le directeur de la prison prononce la mort. Il dit le nom le jour et l’heure. Il ajoute Conformément à l’arrêt de la cour. Le courant va de la tête aux pieds. Le courant n’entre pas dans le cerveau. Il ne brûle pas le cerveau. Il se promène le long du corps. Le squelette est bon conducteur d’électricité. La boîte crânienne est résistante. Le courant tourne autour du squelette va et vient sur et sous la peau. Les tissus brûlent. Le corps retenu par les sangles se tend. Le corps se tend jusqu’à ce que les os se cassent parfois se disloquent. La première décharge brûle les tissus et casse les os. Les décharges suivantes brûlent ou cuisent l’homme de l’intérieur. L’homme est conscient. Selon le docteur W en effet il n’y a aucun élément permettant de penser que le processus rende le cerveau inopérant. Selon le docteur W les hommes électrocutés par chaise électrique ne meurent pas de mort cérébrale lors de la première décharge mais de cuisson des organes au cours de la deuxième ou troisième décharge. Pour les animaux le système électrode pied tête est interdit. Pour les moutons par exemple on utilise une sorte de pince à deux électrodes qui enserre le crâne, conduit le courant d’une électrode à l’autre à travers le cerveau, brûle le cerveau. Pour les hommes, non. Les tissus la chair gonflent. L’homme défèque. De la vapeur ou de la fumée sort du corps. Les yeux sortent souvent de leurs trous, tombent et pendent sur les joues. La peau devient rouge. La peau se tend jusqu’à presque se déchirer. Il arrive que l’homme prenne feu. Bruit de friture. Odeur de viande grasse brûlée. Après la mort, le corps brûlant ne peut être touché sans que la peau gonflée se déchire éclate. L’autopsie est différée jusqu’à refroidissement non seulement de l’extérieur du corps mais aussi des organes internes. Le cerveau les organes sont cuits. La graisse des tissus a fondu. La peau se déchire glisse tombe.
Constance Debré, Protocoles
Der Mann wird rasiert. Der Schwamm des Helms zwischen der Elektrode und dem Schädel wird angefeuchtet. Die Beine werden rasiert und mit einem leitfähigen Gel, auch Elektrocreme genannt, bestrichen. Der Mann wird mit Gurten an Brust, Hals, Beinen und Armen am Stuhl festgeschnallt. Sein Kopf wird durch den Helm fixiert, der seinen Schädel umschließt. Der Mann wird mit einer Kapuze bedeckt. Das Vollzugsteam verlässt die Vollzugskammer. Das Vollzugsteam zieht sich in den Beobachtungsraum zurück. Die beiden Räume sind durch eine Glasscheibe voneinander getrennt. Es gibt einen dritten Raum, den Zeugenraum, der ebenfalls durch eine Glasscheibe von der Vollzugskammer getrennt ist. Der Mann, der angeschnallt und mit einer Kapuze bedeckt dasitzt, ist von Glaswänden umgeben, durch die man ihn beobachten kann. Er ist allein. Der Direktor gibt das Signal. Der Leiter des Hinrichtungsteams drückt den Schalter. Eine erste Entladung wird etwa 30 Sekunden lang auf den Mann angewendet. Der Körper des Mannes spannt sich an. Eine Pause. Damit der Körper abkühlt. Damit er nicht in Brand gerät. Der Körper entspannt sich. Mehrere Minuten. Fünf Minuten. Ein zweiter Stromstoß. Manchmal von gleicher Dauer und Intensität. Manchmal weniger stark und länger, zum Beispiel zwei Minuten. Das hängt von den Protokollen ab. Es hängt von den Bundesstaaten ab. Eine weitere Pause. Manchmal ein dritter Stromstoß. Ein Arzt betritt den Raum, untersucht den Mann und stellt den Tod fest. Der Gefängnisdirektor erklärt den Tod. Er nennt den Namen, den Tag und die Uhrzeit. Er fügt hinzu: „Gemäß dem Urteil des Gerichts“. Der Strom fließt vom Kopf bis zu den Füßen. Der Strom gelangt nicht ins Gehirn. Er verbrennt das Gehirn nicht. Er fließt entlang des Körpers. Das Skelett ist ein guter Stromleiter. Die Schädeldecke ist widerstandsfähig. Der Strom fließt um das Skelett herum, hin und her, über und unter der Haut. Das Gewebe verbrennt. Der mit Gurten festgeschnallte Körper spannt sich an. Der Körper spannt sich an, bis die Knochen brechen, manchmal sogar zerbrechen. Der erste Stromstoß verbrennt das Gewebe und bricht die Knochen. Die folgenden Entladungen verbrennen oder kochen den Menschen von innen heraus. Der Mensch ist bei Bewusstsein. Laut Dr. W gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass dieser Vorgang das Gehirn außer Gefecht setzt. Laut Dr. W sterben Menschen, die auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden, nicht durch den ersten Stromstoß, sondern durch das Kochen der Organe während des zweiten oder dritten Stromstoßes. Bei Tieren ist das Elektroden-Fuß-Kopf-System verboten. Bei Schafen beispielsweise wird eine Art Zange mit zwei Elektroden verwendet, die den Schädel umschließt, den Strom von einer Elektrode zur anderen durch das Gehirn leitet und das Gehirn verbrennt. Bei Menschen ist das nicht der Fall. Das Gewebe und das Fleisch schwellen an. Der Mensch entleert sich. Dampf oder Rauch tritt aus dem Körper aus. Die Augen treten oft aus ihren Höhlen hervor, fallen heraus und hängen an den Wangen herunter. Die Haut wird rot. Die Haut spannt sich, bis sie fast reißt. Manchmal fängt der Mensch Feuer. Es ertönt ein Brutzeln. Es riecht nach verbranntem fettigem Fleisch. Nach dem Tod kann der brennende Körper nicht berührt werden, ohne dass die aufgequollene Haut reißt und platzt. Die Autopsie wird verschoben, bis nicht nur die Außenseite des Körpers, sondern auch die inneren Organe abgekühlt sind. Das Gehirn und die Organe sind gekocht. Das Fett im Gewebe ist geschmolzen. Die Haut reißt, rutscht und fällt herunter.
In der Phase der Hinrichtung selbst wird der Verurteilte konsequent als „corps du sujet“ (Körper des Subjekts) bezeichnet. Seine Menschlichkeit weicht einer rein physikalischen Betrachtung der physiologischen Daten, der Vorbereitung seines Körpers und seiner Zerstörung: Das Gewicht des Verurteilten dient zur Berechnung der Fallhöhe beim Erhängen oder der notwendigen Voltstärke (2.640 Volt), um den Widerstand des Körpers zu brechen. Er wird rasiert, mit Leitgel bestrichen oder muss Windeln tragen, um die körperlichen Reaktionen während der Qualen (wie unkontrollierte Ausscheidungen) administrativ aufzufangen. Die Texte schildern empathielos die physische Dekomposition: heraustretende Augen, schmelzendes Fett, verbranntes Fleisch und Rauch, der aus dem Körper austritt.
Ein zentraler Aspekt der Thematisierung ist das Versagen der Technik am menschlichen Körper. Debré beschreibt, dass ein Drittel der Hinrichtungen durch Injektion als „gescheitert“ oder „unbefriedigend“ gilt, weil Venen nicht gefunden werden oder die Chemikalien den Verurteilten qualvoll ersticken lassen, ohne ihn sofort zu töten. In diesen Momenten wird der Verurteilte zum Schauplatz eines makabren medizinischen Dilemmas: Sanitäter versuchen verzweifelt, einen Venenzugang zu legen, während das Protokoll fordert, einen Defibrillator bereitzuhalten, um den Verurteilten im Falle eines Herzinfarkts vor der Hinrichtung wiederzubeleben, damit er ordnungsgemäß exekutiert werden kann.
Obwohl den Verurteilten eine „letzte Erklärung“ zugestanden wird, thematisiert Debré deren Austauschbarkeit und Sinnlosigkeit. Die letzten Worte – oft Standardformeln wie „I love my family“ oder „Sorry“ – werden auf Internetseiten der Bundesstaaten veröffentlicht und dort ebenso archiviert wie die technischen Daten der Hinrichtung. Am Ende steht die absolute Einsamkeit: Der Verurteilte kann die Welt und die Zeugen nur noch durch eine Glasscheibe wahrnehmen, während die bürokratische Maschinerie sicherstellt, dass durch die Aufteilung der Aufgaben auf verschiedene Teams „niemand tötet“, da jeder nur ein Protokoll befolgt.
Reflexion des Rechts
In Protocoles finden sich durchaus juristische Reflexionen, diese unterscheiden sich jedoch in ihrer Qualität und Stoßrichtung fundamental von jenen in Offenses. Das Recht ist in Protocoles zu einer totalen, klinischen Form erstarrt, die keine Meta-Ebene (und keine Literatur) mehr zulässt.
Während in Offenses der Gerichtssaal als Bühne einer „Hysterie der Rede“ dargestellt wurde – ein institutionelles Rauschen, das die Stille des Verbrechens mühsam übertönen will –, ist in Protocoles jede Rede verstummt. In Offenses war der Mord ein Versuch, etwas „anzuhalten“, doch das System reagierte mit einer rituellen Verwertung des Täters. In Protocoles ist dieser Stillstand zur Gleichgültigkeit erstarrt. Das Recht erscheint nicht mehr als Ort der Wahrheitsfindung, sondern als „leere Form“ und „Struktur der Unterwerfung“. Debré, die selbst als Anwältin tätig war, nutzt ihre Insiderkenntnisse, um das Recht als eine Maschinerie zu entlarven, die das Subjekt auf einen zu verwaltenden Körper reduziert.
Das Gesetz wird als eine Macht beschrieben, die Gesten in ein Schicksal (Fatum) verwandelt. Es wird nicht mehr über Gerechtigkeit oder Schuld debattiert; stattdessen wird konstatiert, dass das Protokoll immer gleich bleibt, unabhängig davon, worauf es angewendet wird. Die Regel hat laut der Erzählerin „keine andere Ursache oder Finalität als sich selbst“; sie muss lediglich erfüllt werden. Die Reflexion entsteht hier nicht aus introspektiver Analyse, vielmehr aus der nackten Konfrontation mit ritualisierter Macht und bürokratischen Abläufen. Das Recht wird als „funktionierende Normalität“ begriffen, deren Gewalt gerade in ihrer Regelhaftigkeit liegt.
Die Erzählerin entscheidet sich am Ende explizit dafür, an der „Oberfläche“ zu bleiben und nicht mehr über Gut oder Böse nachzudenken. In einer Welt, die eine „Summe von Entscheidungen“ ist, die von anderen getroffen wurden, wird das Recht als eine indifferente Struktur hingenommen, die Fragen unterdrückt. In „Protocoles“ gibt es keine „Theoretisierung“ im Sinne einer akademischen Abhandlung, weil das Werk das Gesetz selbst als die ultimative und einzige verbliebene Theorie der Wirklichkeit darstellt. Die juristische Reflexion ist hier die totale Unterwerfung unter die Form, die am Ende in einem „total weißen Ort“ mündet, an dem man nichts mehr fühlt und nichts mehr denkt.
Interpretation des Titels: „Protocoles“ als Machtinstrument
Der Titel Protocoles ist eine Gattungsbezeichnung. Das Protokoll erschließt Welt, die durch totale Regelhaftigkeit domestiziert wurde. Es ist eine präzise Handlungsanweisung, die keinen Raum für individuelles Ermessen oder moralische Zweifel lässt. Debré zeigt, dass das Recht in Form dieser Protokolle eine „Fatum“-gleiche Gewalt ausübt: „Die Regel hat keine andere Ursache oder Finalität als sich selbst“.
In der Welt des Romans dienen Protokolle dazu, die Verantwortung zu atomisieren. Bei der Durchführung der Todesstrafe gibt es kein handelndes Subjekt mehr, sondern nur noch spezialisierte Teams – vom „Intravenous Team“ bis zum „Witness Escort Team“. Das System ist so konstruiert, dass am Ende „niemand tötet“, da jeder Beteiligte lediglich eine vordefinierte Prozedur befolgt. Der Titel verweist somit auf die Anonymisierung der Gewalt.
Constance Debrés Werk Protocoles nutzt eine formale Mimikry, indem es die bürokratische Struktur realer Hinrichtungsrichtlinien direkt in seinen literarischen Aufbau übernimmt. Der Text reflektiert diese Form explizit und beschreibt die Dokumente als technische Handbücher:
Les règlements portent le titre de procédures d’exécution, de protocoles d’exécution, de manuels techniques, de procédures d’opération. […] Il y a des chapitres, des sections, des sous-sections, des numéros, des petits (i), des bullet-points.
Constance Debré, Protocoles
Die Vorschriften tragen die Bezeichnungen Durchführungsverfahren, Durchführungsprotokolle, technische Handbücher, Betriebsverfahren. […] Es gibt Kapitel, Abschnitte, Unterabschnitte, Nummern, Kleinbuchstaben (i) und Aufzählungspunkte.
Durch dieses Verfahren wird die herkömmliche Literatur laut der Erzählerin obsolet, da das Gesetz eine vollkommene Oberfläche ohne Interpretationsspielraum bietet. Die Autorin agiert dabei fast nur noch als Kopistin einer unerbittlichen Logik: „Ich habe das Dokument gelesen, übersetzt und kopiert. Es gab nichts wegzulassen. Es gab nichts hinzuzufügen.“ („J’ai lu j’ai traduit j’ai recopié le document. Il n’y avait rien à retrancher. Il n’y avait rien à ajouter.“) Das Buch spiegelt zudem den zeitlichen Ablauf einer Exekution durch einen präzisen Countdown wider, der von 35 Tagen bis auf wenige Stunden schrumpft. Dabei liegt der Fokus nicht auf dem Sterben an sich, er konzentriert sich auf den reinen Vollzug: „L’essentiel est de suivre la procédure“. Diese Prozedur dient dazu, die moralische Verantwortung auf spezialisierte Teams wie das „command team“ oder das „intravenous team“ zu verteilen. Debré stellt fest, dass in dieser Struktur das Individuum verschwindet: „Wir wenden Protokolle an, befolgen Verfahren und halten uns an Regeln. Niemand tötet.“ („On applique des protocoles on suit des procédures on respecte des règles. Personne ne tue.“) Das Gesetz verwandelt somit jede menschliche Regung in ein administratives Schicksal. Hierbei gilt das Prinzip der absoluten Selbstreferenzialität: „La règle n’a d’autre cause ni finalité qu’elle-même. Que de devoir être accomplie.“ So wird das Werk selbst zu einer Sammlung von Fakten und Regeln, die jenseits ihrer eigenen Ausführung keinen weiteren Sinn oder eine moralische Finalität beanspruchen.
Doch die Protokolle können scheitern. Debré beschreibt die Todesstrafe nicht als moralisches Problem, sie ist vielmehr Herausforderung an die bürokratische Organisation. Die Darstellung der Tötungsarten erfolgt mit einer technischen Präzision, die beim Lesen physisches Unbehagen auslöst, ob beim elektrischen Stuhl, der Gaskammer oder der Giftspritze. Die Autorin beschreibt detailliert die notwendigen Voltstärken (2.640 Volt), um den Widerstand des Körpers zu brechen, und schildert die grausamen physischen Folgen wie schmelzendes Körperfett, heraustretende Augen und den Geruch von verbranntem Fleisch. In Bezug auf die Gaskammer wird die Verwendung von Zyklon B und die qualvolle Hypoxie thematisiert, wobei der Körper des Sterbenden durch Krämpfe deformiert wird. Debré entlarvt die Giftspritze als vermeintlich „humanste“ Methode, indem sie die medizinische Unbeholfenheit der Ausführenden und die Verwendung ungeeigneter Substanzen wie Midazolam beschreibt, die zu einem Gefühl des Ertrinkens führen.
Ein zentrales Motiv des Buches ist die Diskrepanz zwischen der bürokratischen Perfektion der Protokolle und ihrem realen Scheitern („botched executions“). Debré zeigt, dass die Technik oft versagt: Venen werden nicht gefunden, Chemikalien wirken nicht wie vorgesehen, oder der elektrische Schlag führt zu einer schrecklichen Rauch- und Feuerentwicklung am Körper des Delinquenten. Dieses Scheitern wird jedoch nicht als Anlass zur Kritik am System gewertet, es führt lediglich zu einer Perpetuierung der Protokolle. Wenn eine Hinrichtung schiefgeht, wird das Protokoll „aktualisiert“ oder durch neue Methoden wie die Stickstoffhypoxie ergänzt, die Debré als „schrecklich“ für die Augenzeugen beschreibt. Das System lernt nicht im moralischen Sinne, es optimiert lediglich seine Abläufe.
Das Bild der USA: Eine Topographie des Zerfalls
Die Beziehung der Erzählerin zu ihrer Mitreisenden („elle“) ist geprägt von körperlicher Nähe und emotionaler Distanz. Die beiden verbringen viel Zeit mit Autofahrten durch die US-amerikanische Landschaft in verschiedenen Wagen, unterbrechen ihre Reise mit banalen Stopps in Bars, Restaurants und Kleinstädten und teilen alltägliche Routinen, ohne wirklich miteinander zu verschmelzen – die Erzählerin behält etwa ihr tägliches Schwimmen bei. Ihre Nähe ist paradox: Sie liegen zusammen im Bett, folgen aber einem „puritanischen“ Kodex, der Sex zunächst ausschließt, und ihre Körperlichkeit kann sogar ritualisierte Gewalt („Spank me“) annehmen. Die Mitreisende erscheint als ästhetisch markante Figur (rothaarig, in Levi’s, Boots, teils im Hemd der Erzählerin), doch bleibt sie für die Erzählerin letztlich beobachtetes Objekt mehr als vertraute Partnerin. Am Ende bleibt die Beziehung ebenso bruchstückhaft wie die Weltwahrnehmung der Erzählerin: In der Schlussszene wartet sie auf den grauen Ford, registriert lediglich die neue Sonnenbrille ihrer Begleiterin und bekennt sich zur Haltung „Je continue dans la surface“.
In Constance Debrés Protocoles dienen die USA nicht nur als geographischer Schauplatz, sie bilden die topographische Erweiterung der Hinrichtungsprotokolle, in der die soziale Kälte und die totale Überwachung der Gefängnisse nahtlos in den zivilen Alltag übergehen.
Der Name Donald Trumps fällt im Text zwar nicht explizit, jedoch wird eine Situation beschrieben, die eine direkte Anspielung auf ihn und seine Rechtsstreitigkeiten darstellt. Die Erzählerin berichtet von einer renommierten Anwaltskanzlei, die gerade den Auftrag angenommen hat, „den kürzlich wiedergewählten Präsidenten in einer Angelegenheit um Geld und eine Pornodarstellerin zu verteidigen“ („défendre le président récemment réélu dans une affaire d’argent et d’actrice porno“). Dies spiegelt die reale Berichterstattung über die Schweigegeldzahlungen an Stormy Daniels wider.
In einem Moment der Reflexion über die Machtstrukturen und Geheimnisse, die in großen US-Anwaltskanzleien (wie Morgan Stanley oder Goldman Sachs) verwaltet werden, erinnert sich die Erzählerin an die Geschichte der USA. Sie denkt dabei an Eisenhower, die Invasion in der Schweinebucht sowie an das Attentat auf Kennedy und die anschließende Warren-Kommission. Diese Namen dienen als Marker für eine von Paranoia, Verschwörungen und Staatsgeheimnissen geprägte US-Geschichte.
An einer anderen Stelle im Text wird im Rahmen einer Party-Anekdote über die „Tochter eines ehemaligen Präsidenten“ gesprochen, die angeblich an Gruppensex teilgenommen habe. Auch hier bleibt der Name des Präsidenten ungenannt, was zur allgemeinen Atmosphäre von Gerüchten und der Entmystifizierung von Machtfiguren in der beschriebenen Gesellschaft passt. Diese Verweise verstärken den Eindruck der USA als einer Kulisse der Korruption und des Spektakels, in der selbst das höchste Amt des Staates in juristische Protokolle über Sex und Geld verstrickt ist. Damit fügt sich das Bild der Präsidentschaft nahtlos in die im Text beschriebene Welt ein, in der Moral käuflich ist und alles durch rechtliche oder administrative Verfahren geregelt wird.
Die US-amerikanische Landschaft wird als eine Abfolge von funktionalen, seelenlosen Nicht-Orten beschrieben, die den Rhythmus der Erzählung bestimmen. Die Erzählerin bewegt sich durch eine Welt aus Wüstenstraßen, Bergketten und Windparks, wobei sie häufig Pausen an 7-Eleven-Märkten einlegt, um Kaffee oder Erdnüsse zu kaufen. Diese Orte wirken austauschbar und bedeutungslos, was durch die Metapher des „death freeway“ (der Todesautobahn) unterstrichen wird – ein Name, den die Einheimischen der Straße wegen der vielen Unfälle gaben und den die Erzählerin nutzt, um sich in der nächtlichen Leere zu orientieren.
Ein zentrales Symbol für die moralische Erosion dieser Gesellschaft ist das wiederkehrende Schild mit der Aufschrift „We buy souls“ („Hier kaufen wir Seelen“), das oft zusammen mit einer Telefonnummer an Pfosten neben Banken oder auf Parkplätzen prangt. Dieses Motiv spiegelt eine Welt wider, in der das menschliche Schicksal und die Existenz selbst zu einer Ware in einer „Ökonomie der Abhängigkeit“ geworden sind, in der fast jeder vom Geld anderer lebt. Die Erzählerin beschreibt dies als einen Zustand, in dem die „Gegenleistung vage ist“, was die allgemeine Sinnlosigkeit und den Verlust einer festen moralischen Basis verdeutlicht.
Besonders drastisch wird die dystopische Qualität durch die Schilderung einer „Suizid-Epidemie“ unter Jugendlichen evoziert. Der Text hält fest, dass Selbstmord die häufigste Todesursache bei Heranwachsenden ist und bereits ein Drittel von ihnen unter medikamentöser Behandlung steht. Um dieser Krise zu begegnen, setzt die Gesellschaft auf algorithmische Kontrolle: Schulen installieren Überwachungssoftware wie GoGuardian, Gaggle oder Lightspeed auf den Computern der Schüler. Diese Programme scannen die Kommunikation nach Schlüsselwörtern und lösen bei Verdacht sofortige Polizeieinsätze aus, bei denen Kinder zur Befragung aus dem Unterricht geholt werden – eine Praxis, die die totale Überwachung des „Death Watch“ in den zivilen Raum verlängert.
Die Atmosphäre in dieser Kulisse ist geprägt von einer permanenten Erwartung der Katastrophe. Die Erzählerin nimmt eine ständige Bedrohung in der Luft wahr, sei es durch unkontrollierbare Brände, heftige Winde, die Migräne und Gewalt auslösen, oder die latente Gefahr von Erdbeben. Diese Welt erscheint als ein Ort, an dem alles „provisorisch“ ist und das Gleichgewicht jederzeit kippen kann. Es herrscht das Gefühl vor, dass man „nichts weiß“ und jederzeit durch einen Amokläufer, eine Droge oder ein plötzliches Unglück sterben könnte, während die Menschen dennoch ständig lächeln.
Letztlich verschmelzen die juristischen Reflexionen über das Gesetz mit dieser gesellschaftlichen Realität. So wie das Protokoll im Gefängnis jede Geste in ein unpersönliches Schicksal („fatum“) verwandelt, so erscheint auch das Leben außerhalb als eine Kette administrativer und technischer Abläufe, die keinen tieferen Sinn mehr ergeben. In einer Welt, in der die „Regel keine andere Ursache oder Finalität als sich selbst“ hat, bleibt dem Einzelnen nur die Indifferenz oder das Verharren an der Oberfläche, während er durch eine Landschaft fährt, die bereits die Züge einer universellen „Hölle“ trägt.
Der Schluss von Protocoles ist als endgültige Absage an jede Form von Transzendenz oder empathischer Resonanz zu verstehen. Die Erzählerin kehrt in ihren Alltag zurück, fährt Auto, trinkt Kaffee und stellt fest:
Je ne pense pas au mal. Je ne pense pas à la mort. Je continue dans la surface.
Constance Debré, Protocoles
Ich denke nicht an das Böse. Ich denke nicht an den Tod. Ich bleibe an der Oberfläche.
Dieser Rückzug auf die „Oberfläche“ ist die logische Konsequenz aus der Konfrontation mit den Protokollen. Wenn das Gesetz die Gesten in Schicksal verwandelt und jede Individualität auslöscht, bleibt als einzige Überlebensstrategie die totale Indifferenz. Der „Ort, an dem man nichts fühlt“, ein „total weißer Ort“, wird zum Zielpunkt der erzählerischen Bewegung. Es gibt keine Läuterung, kein Urteil, nur die Fortsetzung der Ordnung in einem Zustand der absoluten Leere.
Die ästhetische Kälte von Constance Debré wirkt auf den Leser wie ein „Eimer Eiswasser“, der jede moralische Selbstvergewisserung wegspült. Durch den Verzicht auf Psychologisierung und Mitleid verweigert sie dem Leser die kathartische Erleichterung, die Literatur über das Verbrechen oft bietet. Diese Kälte macht die Gewalt des Systems jenseits von affektiver Empörung sichtbar. Die Leser werden gezwungen, das Recht als das zu sehen, was es bei Debré ist: eine kalte, funktionierende Normalität, deren Gewalt gerade in ihrer Regelhaftigkeit liegt. Die Wirkung ist eine „präzise Desillusionierung“: Das Buch lässt den Leser in einer Atmosphäre zurück, in der das Schweigen die einzige verbliebene Form von Autonomie darstellt.
Debré muss sich sicher dem Vorwurf der Ästhetisierung ohne moralische Forderung stellen, das ergibt sich aus der konsequent indifferenten Haltung der Erzählerin: Sie betrachtet Supermax-Gefängnisse wie zeitgenössische Kunstwerke, beschreibt Hinrichtungsbilder primär nach Farbe, Licht und Komposition und entleert Begriffe wie Schuld, Unschuld, Opfer oder Henker als „lächerliche Konzepte der Oberfläche“. Widerstand gilt ihr als Illusion; im System des Protokolls gebe es weder Kampf noch Revolution, weil das Gesetz jede Handlung in ein unabänderliches Fatum verwandelt. Entsprechend kultiviert sie ein Programm radikaler Gleichgültigkeit – keine Fragen, kein Urteil, nur ein „Ja“ zur Regel und das Streben nach einem „total weißen Ort“, an dem weder Tod noch Böses gedacht werden. Da das Gesetz jede Interpretation suspendiert, erklärt sie zudem die moralisch oder psychologisch argumentierende Literatur für obsolet. Debré formt das Grauen der Hinrichtungsprotokolle damit zu einer „reinen Form“, die den Leser mit bloßer Faktizität konfrontiert und weder Urteil noch Handlungsaufforderung anbietet – ein legitimer Kritikpunkt, weil diese Strategie das Leid leicht ästhetisiert und politisch entkräftet. Innerhalb der Logik von Protocoles ist dieses Fehlen einer Forderung jedoch kein Defizit, sondern die folgerichtige Konsequenz einer Poetik, die das Gesetz als totale, selbstreferentielle Macht beschreibt, gegen die es kein Außen und damit auch keinen wirksamen Protest mehr gibt.
Anmerkungen- Albert Camus, Réflexions sur la guillotine (Paris: Gallimard Folioplus, 2008).>>>