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Kreativität und Pathologie
Das Alter in der Literatur wurde traditionell oft als eine Phase der abschließenden Bilanzierung, des schwindenden Elans oder der weisen Abgeklärtheit gerahmt. In den 2022 erschienenen Werken von Jean-Jacques Schuhl (Les apparitions) und Simon Liberati (Performance) begegnen wir jedoch einem deutlich anderen Paradigma: dem „vieillir créateur“. Hier wirkt das hohe Alter – Schuhl schrieb sein Werk mit 81, Liberati mit 71 Jahren – nicht als bloßer Hintergrund des Verfalls, sondern als Motor narrativer und ästhetischer Neuformierung. Körperliche Gebrechen, chronische Krankheiten und die unmittelbare Konfrontation mit der Sterblichkeit werden zu einer „Denkmaterie“, die neue Energieverschiebungen und formale Rekonfigurationen erzwingt. Während Schuhl eine Poetik der Rezeptivität und des Entzugs verfolgt, in der das Ich hinter einem dichten Netz aus Zitaten und Erscheinungen zurücktritt, setzt Liberati auf eine aktiv-transgressive Ästhetik, die ihre „diabolische Kraft“ aus der bewussten Hingabe an physischen und moralischen Niedergang bezieht. Beide Autoren demonstrieren so, wie die „Waffen und Tricks der Kunst“ eingesetzt werden können, um biologische Endlichkeit in ästhetische Intensität zu überführen.
Jean-Jacques Schuhls Erzähler in Les apparitions präsentiert sich als ein hinkender „Geisterautor“ mit einem verblassenden Gesicht, der sich in einem Schwebezustand zwischen Leben und Sterben bewegt. Eine schwere innere Blutung führt zu einer zerebralen Hypoxie, einem Sauerstoffmangel im Gehirn, der fünf hypnotische „Erscheinungen“ auslöst – autonome, bedrohliche Realitätsblöcke von eindringlicher Präsenz. In einer Poetik der Rezeptivität lässt Schuhl das Ich hinter einer unaufhörlichen Montage aus Fragmenten, Zeitungsausschnitten und Zitaten verschwinden, um schließlich „mit der Tinte der anderen“ zu schreiben. Das Alter erscheint hier als ein Prozess zunehmender Transparenz, in dem der Autor zum bloßen Relais für die Bilder der Welt wird, während sich das eigene Gesicht in den Spiegeln der Klinik bis zur Unkenntlichkeit auflöst.
Simon Liberatis Performance entfaltet demgegenüber eine aktiv-transgressive Dynamik. Der 71-jährige Protagonist ist nach einem Schlaganfall in der Ruine seines Körpers gefangen, wird jedoch durch einen unverhofften Auftrag – ein Drehbuch über die wilden Jahre der Rolling Stones (1967–1969) – aus seiner Lethargie gerissen. Die Arbeit verbindet seinen eigenen Verfall mit der Tragödie um Brian Jones und erhält zusätzliche Energie durch die skandalöse Beziehung zu seiner 23-jährigen Stieftochter Esther. Deren jugendliche „Teufelsschönheit“ wirkt als Projektionsfläche eines Begehrens, das sich vampirisch gegen das nahende Ende stemmt. Liberati kultiviert eine „sinistere Freude“ am Untergang und nutzt Inkontinenz und körperlichen Schmerz als Hebel, um eine viszerale, provokative Kunst zu reaktivieren.
Beide Romane verbindet das literarische Konzept der „Transfusion“, sei es als medizinische Notwendigkeit oder als stilistisches Prinzip. Schuhl injiziert seinem Text „Schübe von Poesie“, um eine schwindende Prosa zu elektrisieren, während Liberati die Biografien von Rock-Ikonen als Infusion für seine eigene brüchige Identität nutzt. Die Einbildungskraft operiert in diesem Spätstil jenseits von Harmonie oder Plausibilität; sie wird zum Mittel der Transformation, das Zerfall in ästhetische Form überführt. In einer vielschichtigen Mise en abyme spiegeln die Figuren das Leiden ihrer Schöpfer, wodurch das Schreiben selbst zur „Flucht nach vorn“ wird.
Letztlich definieren beide Werke das Altern als einen Raum paradoxer Vitalität. Für Schuhl kulminiert dies in der Vision eines „vollständig synthetischen“ Romans ohne eigenes Wort, für Liberati in der ästhetischen Adelung der Hässlichkeit des Alters. In ihrer jeweiligen Radikalität zeigen beide, dass der literarische Umgang mit dem Verfall keine Sackgasse darstellt, vielmehr ein Laboratorium, in dem neue Formen ästhetischer Intensität entstehen. Schuhls fragmentierte Stille und Liberatis aggressive Pracht markieren so einen Wendepunkt in der Literatur des Alterns, an dem das Zurücktreten oder die Übersteigerung des Ichs selbst zum ästhetischen Gewinn wird.
Jean-Jacques Schuhl: Die Poetik der Transfusion und das verschwindende Gesicht

Jean-Jacques Schuhls Erzähler in Les apparitions präsentiert sich als eine fast schon gespenstische Figur, ein „Geisterautor“, der physisch durch ein Hinken („boiter“) und ein „unvollständiges, im Prozess des Auslöschens befindliches Gesicht“ gezeichnet ist Diese Erfahrung der Entpersonalisierung ist eng mit seinem literarischen Verfahren verknüpft, das Schuhl selbst als „unaufhörliche Montage“ oder „Transfusion des Stils“ beschreibt. Er bricht mit dem Konzept des genialischen Schöpfers, der ex nihilo erschafft, und setzt stattdessen auf das Sammeln und Neuzusammensetzen von Fragmenten:
„J’avais toujours cherché, j’y suis parfois parvenu, à écrire avec l’encre des autres, par transfusion du style, esprit d’autres écrivains, citation, plagiat, «collage» de coupures de presse de l’AFP, AP, Reuters… Je me disais que ça valait mieux qu’écrire avec ma propre encre […]“
Dieses Schreiben mit der „Tinte der anderen“ wird bei Schuhl zu einer existenziellen Überlebensstrategie. Er nutzt literaturwissenschaftliche Konzepte wie das des Palimpsests oder des Cut-up, um seinen Text als einen Körper zu konstruieren, an dem er wie ein „Mikrochirurg“ operiert, der Inzisionen vornimmt, Transplantationen durchführt und Nähte setzt Das Papier wird zur Haut, das Zitat zur lebensrettenden Infusion. Die Kunst ist für ihn nicht der Ausdruck des Selbst, eher, mit T.S. Eliot gesprochen, eine „Flucht aus sich selbst“ (l’échappée hors de soi-même).
Das zentrale Ereignis des Romans, eine schwere innere Blutung, die zu einer zerebralen Hypoxie (Sauerstoffmangel im Gehirn) führt, arbeitet als der physiologische Auslöser für die titelgebenden „Apparitionen“. Diese Erscheinungen – autonome Realitätsblöcke von starker Präsenz – werden vom Erzähler nicht als Träume oder Halluzinationen begriffen, vielmehr als äußere „Fakten“, die ihm in einem Zustand extremer Vulnerabilität aufgezwungen werden. Schuhl entwickelt hier ein Spiel der Transparenz, das er „See-through“ nennt: Bilder überlagern sich, wie eine Fotografie von Mao Zedong, die allmählich in ein Pin-up-Model übergeht Das Alter erscheint in dieser Optik als ein Prozess der zunehmenden Porosität, in dem das Ich zu einer Relaisstation für die Bilder der Welt wird.
Besonders eindrücklich wird die Auseinandersetzung mit dem Alter in der Reflexion über Albrecht Dürer. Während sich der junge Erzähler noch in arroganter Pose mit Dürers stolzem Selbstporträt identifizierte, erkennt er im Alter nur noch die Verwandtschaft mit dem „zerknitterten, formlosen Gesicht“ der späten Gravuren des Meisters Das Gesicht wird hier zu einem „Chaos, in dem die Züge nicht mehr an der Haut haften“, ein „total désastre“, das die Melancholie des Alters als „Stolz und Strafe“ (Orgueil et Châtiment) allegorisiert Die Kunst ist der verzweifelte Versuch, zwischen sich und den Tod Formen einzufügen, den Tod zu zeichnen, um ihn gewissermaßen auf die eigene Seite zu ziehen.
Simon Liberati: Die diabolische Performance des Verfalls

Im Gegensatz zu Schuhls melancholischer Rezeptivität präsentiert Simon Liberati in Performance eine aktiv-voluntaristische Imagination, die ihre Kraft gerade aus der bewussten Grenzüberschreitung bezieht. Sein Erzähler, ein 71-jähriger Schriftsteller, der nach einem Schlaganfall (AVC) mit der Ruine seines Körpers kämpft, findet durch einen Auftrag über die Rolling Stones zu einer neuen schöpferischen Intensität. Die Pathologie – Inkontinenz, Krebs, die „abscheulichen Substanzen“ (matières immondes) des Alters – wird hier nicht diskret verschwiegen, sie wird als Hebel genutzt, um einen viszeralen Zugriff auf die Welt wiederzuerlangen Liberati kultiviert eine „finstere Freude“ am eigenen Untergang:
„Je ressentais une joie sinistre à me sentir couler en même temps que les matières immondes dans la vieillesse. […] Qui étais-je ? Le méchant qui se réveillait la nuit […] ou le gentil, le saint, celui qui voulait le bonheur d’Esther […]“.
Das zentrale Motiv der Inspiration ist bei Liberati die skandalöse, beinahe inzestuöse Beziehung des Protagonisten zu seiner 23-jährigen Stieftochter Esther Diese Verbindung wird als Motor der Kreation beschrieben; die Liebe zu sehr jungen Frauen offenbart eine Schönheit „von klarerem Wasser“, die dem alternden Mann eine neue Daseinsberechtigung verleiht. Er beschreibt sein Altern als einen parasitären Prozess, in dem er die Jugend seiner Partnerin gleichsam „aufsaugt“, um seine eigene schwindende Vitalität zu kompensieren. Hier greift das literarische Konzept der Dekadenz: Schönheit wird als absoluter Wert über das Gute, das Leben und das Glück gestellt. Es ist ein faustischer Pakt, bei dem die Betrachtung der Schönheit mit dem „Preis der Seele“ erkauft wird.
Die Schreibweise Liberatis ist durch eine meisterhafte Mise en abyme gekennzeichnet: Während der Erzähler ein Drehbuch über die Rolling Stones der Jahre 1967–1969 schreibt, identifiziert er sich so tiefgreifend mit dem Verfall von Brian Jones, dass die Grenzen zwischen Autor und Figur verschwimmen Die Vergangenheit der Stones – geprägt von Drogen, Sex und Verrat – dient als Spiegelkabinett für die eigene Agonie des Erzählers. Seine Imagination ist eine „diabolische Kraft“, die das Opium nutzt, um in Kontakt mit dem Geist der verstorbenen Anita Pallenberg zu treten und „spirituelle Vergnügungsparks“ zu erschließen. Das Altern ist für ihn keine Zeit der Milde, es ist vielmehr eine „Flucht nach vorn“.
Ästhetische Strategien des Spätstils: Gemeinsamkeiten und Brüche
Trotz ihrer gegensätzlichen Herangehensweisen – Schuhls Subversion durch Passivität gegenüber Liberatis Selbstermächtigung durch Grenzüberschreitung – teilen beide Autoren wesentliche Merkmale eines literaturwissenschaftlich definierten „Spätstils“. Dieser zeichnet sich nicht durch Harmonie oder Versöhnung aus, sondern durch Fragmentierung, Schärfe und die unerbittliche Konfrontation mit der Endlichkeit. Beide Werke nutzen autobiografische Elemente und überlagern sie mit fiktiven Narrativen, was sie zu herausragenden Beispielen der Autofiktion macht
Ein entscheidendes Konzept, das beide Stile erklärt, ist die Intertextualität als lebenspendendes Prinzip. Schuhl nutzt Zitate anderer Autoren, um seine eigene „languierende Prosa“ zu elektrisieren, wobei das Zitat wie eine Transplantation wirkt, die den Textkörper am Leben erhält Liberati wiederum nutzt die Biografien der Rolling Stones als „Infusion“ für seine eigene Identität, indem er Details aus alten Berichten akribisch rekonstruiert, um seine eigene Leere zu füllen. In beiden Fällen wird das „Ich“ des Autors durch die Einverleibung fremder Existenzen stabilisiert oder erst neu erschaffen. Das Alter wird so zu einer Phase der radikalen Porosität, in der die Grenzen zwischen Selbst und Welt, zwischen medizinischer Realität und literarischer Fiktion durchlässig werden
Die Einbildungskraft leistet dabei die entscheidende Arbeit der Transformation: Sie verwandelt die „unreinen Stoffe“ des Zerfalls in ästhetische Zeichen. Bei Schuhl wirkt die Imagination als ein unwillkürlicher Seismograph des Körpers, der in der pathologischen Grenzerfahrung der Hypoxie eine „andere Realität“ empfängt. Bei Liberati ist sie ein transgressives Werkzeug, das aus persönlichem Leid und moralischem Scheitern eine „düstere Freude“ und eine höhere ästhetische Wahrheit destilliert. Das Altern liefert hier die radikale Freiheit, über konventionelle Plausibilitäten und moralische Schranken hinauszugehen.
Jean-Jacques Schuhls Les apparitions und Simon Liberatis Performance lassen sich als exemplarische, zugleich radikal gegensätzliche Alterswerke der französischen Gegenwartsliteratur lesen. Beide Romane thematisieren den alternden, kranken Schriftsteller und machen den körperlichen Verfall zum Ausgangspunkt literarischer Reflexion. Doch während sie sich in ihrer Diagnose des Alters als ästhetischer Krisenzone treffen, entwickeln sie diametral entgegengesetzte stilistische, metaphorische und autopoetologische Antworten auf diese Erfahrung. Gerade im Vergleich wird sichtbar, dass das Alterswerk nicht als einheitlicher Spätstil, vielmehr als offenes Feld divergierender ästhetischer Strategien zu begreifen ist.
Stilistische Ökonomie und sprachlicher Exzess
Stilistisch verkörpert Les apparitions eine Poetik der Reduktion und der Durchlässigkeit. Schuhls Prosa ist fragmentarisch, elliptisch, montageartig. Sie verzichtet weitgehend auf narrative Kohärenz, psychologische Vertiefung oder expressive Ausschmückung. Der Text wirkt wie ausgedünnt, als habe sich das Schreiben selbst dem körperlichen und kognitiven Abbau angepasst. Diese formale Zurücknahme ist jedoch Teil eines konsequenten ästhetischen Programms. Der Erzähler beschreibt sich als „écrivain fantôme“ und formuliert den Wunsch, dass ihm die Dinge „sans moi“ widerfahren mögen. Schreiben bedeutet hier nicht mehr, Welt zu gestalten, es bedeutet, Wahrnehmung zu registrieren. Der Stil wirkt als Membran, durch die Bilder, Zitate und Eindrücke hindurchtreten, ohne vom Subjekt kontrolliert zu werden.
Liberatis Performance folgt dem entgegengesetzten Impuls. Der Stil ist expansiv, insistierend, affektiv aufgeladen. Wiederholungen, provokative Setzungen und emphatische Bekenntnisse erzeugen einen Ton der Übersteigerung. Krankheit und Alter führen nicht zu sprachlicher Zurücknahme, vielmehr zu einer Eskalation des Ausdrucks. Der Text will überwältigen, irritieren, angreifen. Schreiben erscheint als Gegenoffensive gegen den biologischen Verfall, als letzte Möglichkeit, Intensität zu erzeugen. Während Schuhl das Ich stilistisch auflöst, behauptet Liberati es umso vehementer. Das Alterswerk wird hier zur Bühne einer sprachlichen Selbstüberbietung.
Metaphorische Selbstentwürfe des alternden Körpers
Diese stilistischen Differenzen korrespondieren mit grundlegend unterschiedlichen metaphorischen Konzeptionen des Körpers. In Les apparitions arbeitet der alternde Körper als defektes Medium. Hypoxie, Blutung und körperliche Schwäche sind nicht primär Leidenserfahrungen, es sind Bedingungen veränderter Wahrnehmung. Die zentralen Metaphern stammen aus dem Bereich des Visuellen: Film, Dokumentation, Reportage, Transparenz. Die sogenannten „apparitions“ erscheinen als autonome Bildereignisse, die dem Erzähler widerfahren, ohne dass er sie erzeugt. Der Körper wird so zu einem Projektionsapparat, der Realität anders filtert. Er ist weder Ort des Begehrens noch der Selbstdarstellung, sondern ein technisches Dispositiv, das Wahrnehmung ermöglicht und zugleich verfälscht.
In Performance dagegen wird der Körper zur Bühne ästhetischer Wahrheit. Liberati stellt Krankheit, Verfall und körperliche Beschämung ostentativ aus. Enuresis, Krebs und Erschöpfung werden nicht neutralisiert, sie werden als Zeichen radikaler Authentizität inszeniert. Der ruinierte Körper wirkt als Argument: Wer so weit gegangen ist, glaubt sich näher an der Wahrheit. Metaphorisch dominiert hier der Kampf, das Duell mit dem Tod, die Performance als letzte Inszenierung des Selbst. Der Körper ist kein Medium, er ist Schauplatz; kein Filter, vielmehr Beweis. Alter wird nicht als Verlust gedeutet, es ist als Steigerung ästhetischer Intensität ausgestellt.
Autopoetologien des späten Schreibens
Aus diesen unterschiedlichen Körpermetaphern ergeben sich konträre Autopoetologien. Les apparitions formuliert eine Poetik der Selbstentmächtigung. Der Erzähler betont, keine Imagination im klassischen Sinn zu besitzen, und verweigert die Vorstellung schöpferischer Souveränität. Schreiben ist hier Montage, Zitation, Beobachtung. Originalität entsteht nicht aus Erfindung, vielmehr aus der spezifischen Anordnung fremder Materialien. Autorschaft löst sich in Verfahren auf. Das Alterswerk erscheint als Schreiben nach dem Ich, nicht aus ihm heraus. Kreativität entsteht paradoxerweise aus dem Verlust von Kontrolle und Intentionalität.
Performance hingegen entwirft eine Autopoetik der letzten Souveränität. Gerade weil der Körper versagt, reklamiert das Schreiben absolute Freiheit. Der Erzähler erhebt Schönheit zur höchsten Kategorie und stellt sie über Moral, Leben und Glück. Literatur beansprucht hier eine Ausnahmezone, in der alles erlaubt ist. Schreiben wird zur Selbstrettung, zur ästhetischen Legitimation des Skandals, zur letzten Möglichkeit, Macht über die eigene Existenz auszuüben. Autopoetologisch ist Performance ein Alterswerk der Anmaßung: Das Subjekt weigert sich zu verschwinden und steigert sich stattdessen in eine radikale Selbstbehauptung hinein.
Im Vergleich zeigen Les apparitions und Performance, dass das literarische Alterswerk kein homogenes Paradigma kennt. Alter kann im Schreiben zu einer Zone maximaler Reduktion oder maximaler Aggression werden. Schuhl und Liberati markieren die beiden Pole dieses Spektrums: hier das Verschwinden des Ichs in Wahrnehmung und Montage, dort seine hypertrophe Selbstinszenierung im Zeichen von Begehren und Transgression. Gemeinsam ist beiden Texten die Verweigerung von Altersmilde, Versöhnung oder Bilanz. Das Alter erscheint nicht als Abschluss, es erscheint als ästhetische Extremzone, in der Literatur ihre Formen radikalisiert. In diesem Sinn sind beide Romane nicht trotz, sondern gerade wegen ihres späten Entstehungszeitpunkts Werke höchster formaler und poetologischer Konsequenz.
Das kreative Altern als radikaler Akt
So lässt sich feststellen, dass sowohl Les apparitions als auch Performance das Altern als eine Phase erhöhter kreativer Intensität begreifen, die gerade aus der Nähe zum Tod ihre Dringlichkeit bezieht Die „Dämonisierung“ des Alters als bloße Last wird durch eine Neudefinition der Beziehung des Selbst zur Welt ersetzt. Schuhl und Liberati zeigen, dass die Erfahrung von Krankheit und Verfall neue Erzählformen hervorbringt, die das literarische Schaffen grundlegend transformieren. In Schuhls fragmentierter Collage und Liberatis aggressiver Transgression manifestiert sich das „Vieillir créateur“ als eine radikale Form der künstlerischen Wahrheit, die die Grenze zwischen dem Biografischen und dem Ästhetischen endgültig aufhebt.
Das Alter wird so zum Ort eines radikalen Experiments mit der Realität, in dem das Ich verschwinden darf (Schuhl), um als „alter Zauberer“ mit „Fetzen alter Macht“ in einer anderen Dimension wiederaufzuerstehen (Liberati). Die Romane illustrieren, dass die „Waffen und Tricks der Kunst“ imstande sind, den biologischen Niedergang in eine machtvolle „Denkmaterie“ zu verwandeln. Letztlich ist es die Einbildungskraft, die im Angesicht der Endlichkeit die Möglichkeit eröffnet, das eigene Verschwinden als einen ästhetischen Gewinn zu inszenieren und im Prozess des Vergehens neue, rätselhafte Formen der Vitalität zu entdecken. In dieser Perspektive wird das Altern selbst zu einem kreativen Akt, der die Endlichkeit nicht leugnet, sie vielmehr als das kostbarste Material für die Erschaffung einer bleibenden Schönheit nutzt.