Inhalt
Zwei Perspektiven: Richterhabitus und Körperlichkeit der Gewalt
Laure Heinich ist eine französische Strafverteidigerin und Schriftstellerin, die seit rund zwanzig Jahren als Anwältin an Pariser Gerichten tätig ist und sich besonders im Bereich des schweren Strafrechts – darunter Sexualdelikte, Tötungsdelikte und Haftsachen – einen Ruf als präzise Beobachterin der juristischen Praxis erarbeitet hat. Nach ihrem Titel Porter leur voix (2014), einem autobiografisch geprägten Sachbuch über die Verteidigung und die Funktionslogiken der Strafjustiz, veröffentlichte sie 2021 ihren ersten Roman Corps défendus, in dem sie ihre beruflichen Erfahrungen literarisch reflektiert und zugleich einer breiteren Öffentlichkeit die menschlichen und institutionellen Spannungsfelder des Strafprozesses eröffnet. Mit La Justice contre les Hommes (2023) schärfte sie ihr kritisches Profil als Essayistin, bevor sie 2026 mit Avant la peine einen zweiten Roman vorlegte, der erneut die Bruchstellen zwischen Recht, Wahrheitssuche und individueller Erfahrung auslotet.
Heinichs Sachbücher erklären die Funktionsweise der Justiz, analytisch und argumentativ. Die Romane dagegen zeigen etwas, das kein Sachbuch vollständig abbilden kann: die Innenwahrnehmung, die Affekte, das Unsagbare, das zwischen Regeln und Realität entsteht. Die jungen Richterin spürt körperlich, wie das Amt an ihr zerrt – die Unruhe, die Unsicherheit, das Atmen im Saal. Solche subjektiven Vibrationen sind nicht analysierbar, aber erzählbar. Die Romanform erlaubt emotionale Nuancierungen – Erschöpfung, Ekel, Mitgefühl –, die nicht verallgemeinerbar sind und daher im Sachbuch keinen Platz hätten. Der Leser wird zum Zeugen, Mitfühlenden, Reflexionspartner. Dadurch wird ein moralisches Erleben geschaffen, das kognitiv und affektiv zugleich ist. In Corps défendus etwa wird der Leser in den Prozess der emotionalen Belastung hineingezogen, den der Vater erlebt, als er die Fotos und Sachbeweise hört – ein Erlebnis, das die Grenzen der reinen Information überschreitet.
Avant la peine (2026)
Avant la peine führt zu einer Dekonstruktion des Begriffs „Wahrheit“ im Recht. Der folgende Auszug markiert den erzählerischen Wendepunkt im Roman: die Anerkennung, dass das Rechtssystem keine absolute, sondern lediglich eine „vérité judiciaire“ erreichen kann, ein schwacher Abglanz der Realität, was die Justiz letztlich zu einem tragischen, fehlbaren Instrument macht.
Effectivement, nous concourons à la manifestation de la vérité, c’est exactement ce que proclame la loi mais, au final, il ne s’agit que d’une vérité judiciaire, très imparfaite, peu clairvoyante, qui fait au mieux sans pouvoir être omnisciente. Nous devons soupeser les preuves, interpréter sans nous départir de notre impartialité. Il est certain que nous acquittons des coupables et, malheureusement, il est sûr aussi que nous condamnons des innocents. J’ai une question à vous poser, madame, si l’institution reconnaissait Baptiste coupable, quelle peine vous comblerait ? (Avant la peine)
Tatsächlich tragen wir zur Aufdeckung der Wahrheit bei, genau das schreibt das Gesetz vor, aber letztendlich handelt es sich nur um eine juristische Wahrheit, die sehr unvollkommen und wenig weitsichtig ist und bestenfalls das tut, was sie kann, ohne allwissend zu sein. Wir müssen die Beweise abwägen und interpretieren, ohne unsere Unparteilichkeit aufzugeben. Es ist sicher, dass wir Schuldige freisprechen, und leider ist es auch sicher, dass wir Unschuldige verurteilen. Ich habe eine Frage an Sie, Madame: Wenn die Institution Baptiste für schuldig befinden würde, welche Strafe würde Sie zufriedenstellen?
In dem Roman Avant la peine ist der zentrale Tatbestand der Vorwurf der Vergewaltigung (viol), der sich in einem Bereitschaftsraum des Krankenhauses zwischen den befreundeten Ärzten Rebecca und Baptiste ereignet. Rebecca zeigt Baptiste an und gibt zu Protokoll, er habe sie gegen die Wand gedrückt, sie gegen ihren Willen geküsst und schließlich mit den Fingern penetriert, während sie mehrfach „Nein“ gesagt habe. Baptiste hingegen bestreitet die Tat und spricht von einer einvernehmlichen sexuellen Beziehung; er räumt zwar Küsse und Berührungen ein, bestreitet jedoch jegliche Form der Penetration. Nach dem im Buch zitierten französischen Recht ist die Penetration – ob digital, oral oder penil – das entscheidende Kriterium, um eine Handlung als Verbrechen der Vergewaltigung einzustufen, was im Falle einer Verurteilung eine Freiheitsstrafe von bis zu fünfzehn Jahren nach sich ziehen kann.
Der Roman konzentriert sich auf den Ausgangspunkt „Aussage gegen Aussage“ („parole contre parole“), indem er die Unmöglichkeit thematisiert, eine objektive Wahrheit ohne materielle Beweise zu finden. Die Erzählung versetzt den Leser dabei in die Rolle eines Geschworenen, der mit seinen Zweifeln und seiner „inneren Überzeugung“ konfrontiert wird, während er die gegensätzlichen Schilderungen der Protagonisten verfolgt. Die Justiz wird als ein System dargestellt, das trotz fehlender Beweise zur Manifestation einer Wahrheit verpflichtet ist, wobei die Glaubwürdigkeit der Beteiligten durch psychologische Gutachten und Zeugenaussagen über ihren moralischen Charakter rekonstruiert werden soll. Heinich zeigt auf, wie diese Pattsituation das gesamte soziale Umfeld – von den Familien bis zum Krankenhauspersonal – spaltet.
Avant la peine entfaltet die Geschichte einer jungen Richterin, die sich am Gericht neu orientieren muss und deren Alltag zu einem beständigen Balanceakt zwischen persönlicher Überforderung und institutioneller Rolle wird. Schon der erste Satz – „vor Gericht herrscht immer dieses Gefühl der Unausgewogenheit“ („avant le tribunal, il y a toujours ce sentiment de déséquilibre“) – markiert dieses Grundgefühl des Übergangs. Der Roman zeigt die Richterin auf den langen Wegen durch den Justizpalast, in den Sitzungen, in Reflexionsmomenten vor den Akten. Eine entscheidende Szene findet sich darin, wie sie die „mise en scène judiciaire“ wahrnimmt – das Gericht als Bühne, die die Wahrnehmung der Figuren ordnet und ihre eigene Richtertätigkeit strukturiert.
Parallel dazu beobachtet der Text, wie die Erzählerin zwischen Beobachtung und Entscheidung schwankt. Fälle erscheinen als immer neue Herausforderung ihres Urteilsvermögens, zugleich als abstrakte „Dossiers“, die Distanz erzeugen. In einer Sitzung erlebt sie, dass die Rollen – Angeklagter, Opfer, Anwälte – durch wiederkehrende Rituale beinahe über die Personen gestülpt werden. Die Spannung zwischen Mensch und Fall wird zum zentralen Problem. Dieses Spannungsverhältnis prägt auch ihre Selbstwahrnehmung: Sie sieht sich zunehmend als Teil eines Apparats, den sie zu Beginn noch zu verstehen versuchte.
Der Roman entwickelt die These, dass die Richterrolle nicht durch Wissen, vielmehr durch Erfahrung entsteht – durch Wiederholung, Beobachtung, institutionelle Rahmung. Avant la peine ist damit ein Justizroman, der vor allem die Genese eines richterlichen Habitus beschreibt, nicht den spektakulären Fall. Seine Hauptthese lautet: Das Recht formt das Subjekt mindestens ebenso stark wie das Subjekt das Recht.
Baptiste steht vor dem Untersuchungsrichter, der über seine Freiheit entscheidet:
Il se bat contre l’aléa thérapeutique sans avoir imaginé qu’il existe aussi un aléa judiciaire. Personne n’en parle de celui-là, de ce hasard, de cette poisse, cette guigne qui fait qu’on tombe sur un juge ou un autre, pile ou face, ombre ou lumière, prison ou pas. Un aléa plus grave qu’à l’hôpital, puisqu’au moins les médecins ne veulent la peau de personne. Baptiste semble soulagé que le sort l’ait remis entre les mains de ce que la magistrature permet de plus punk. Il ne parierait pas sur l’humanité de son juge ébouriffé pour autant, il a bien compris que les technocrates ont détruit la justice autant qu’ils ont saccagé l’hôpital.
Er kämpft gegen das therapeutische Risiko, ohne sich vorstellen zu können, dass es auch ein juristisches Risiko gibt. Niemand spricht darüber, über diesen Zufall, dieses Pech, dieses Unglück, das dazu führt, dass man auf den einen oder anderen Richter trifft, Kopf oder Zahl, Schatten oder Licht, Gefängnis oder nicht. Ein Risiko, das schwerwiegender ist als im Krankenhaus, denn zumindest wollen die Ärzte niemandem an den Kragen. Baptiste scheint erleichtert, dass das Schicksal ihn in die Hände des punkigsten Vertreters der Justiz gebracht hat. Er würde jedoch nicht auf die Menschlichkeit seines zerzausten Richters wetten, denn er hat sehr wohl verstanden, dass die Technokraten die Justiz ebenso zerstört haben wie sie das Krankenhaus verwüstet haben.
Justiz wird hier wie eine Wette, ein Glücksspiel („pile ou face“) dargestellt. Die Kraft des Rechts ist in diesem Roman keine der logischen Herleitung, vielmehr eine des Schicksals und der subjektiven Willkür der Richterpersönlichkeit.
Avant la peine ist ein Roman über den Eintritt in die Justizwelt und den Verlust der Selbstverständlichkeit im Umgang mit moralischen Entscheidungen. Die Erzählerin, neu am Gericht, erfährt die Justiz zunächst als diskontinuierliche Abfolge von Szenen, die ihr ein neues Verhältnis zu Menschen abverlangt. Besonders eindrücklich ist die Szene ihrer ersten Begegnungen im Sitzungssaal, bei denen sie die ritualisierte Raumordnung als „mise en scène judiciaire“ erkennt. Diese Erkenntnis markiert den Moment, in dem sie begreift, dass Recht nicht nur durch Normen operiert, sondern durch Raum, Rhythmus und Rolle. Weil der Roman weiterhin zeigt, wie sich ihre Wahrnehmung der Angeklagten verändert – vom Blick auf ein individuelles Schicksal hin zur Betrachtung eines „Falles“ –, wird die Ausbildung des richterlichen Habitus zu einer Form der Distanzierungsarbeit. Das Rechtsprechen formt sie: Die Wiederholung der Aktenlektüre, die Routinen des Verhandelns und das ständige Sich-Fügen in das institutionelle Raster formen die Person stärker, als sie anfangs denkt.
Zugleich bleibt der Roman sensibel für die Grenzen dieses Habitus. In Momenten der emotionalen Erschütterung – etwa wenn ein Angeklagter unvermittelt in Tränen ausbricht oder wenn das Opfer in wenigen Sätzen eine komplexe Biografie skizziert – erlebt die Richterin, dass Distanz und Empathie unaufhörlich miteinander konkurrieren. Sie beginnt zu zweifeln, ob die Kriterien des Rechts wirklich genügen, um Gerechtigkeit zu erzeugen. So zeigt der Roman die Richterin als Subjekt im Übergang: Sie befindet sich „avant“ der festen, souveränen Rolle. Dass der Roman kein großes Urteil und keinen abschließenden Fall ins Zentrum stellt, ist keine Lücke, dies ist Programm: Das „avant“ ist der Zustand, in dem sich richterliche Identität überhaupt herausbildet. So erzählt Avant la peine ebenso von der Entstehung rechtlicher Urteilskraft wie von ihrer Fragilität.
Corps défendus (2021)
Heinichs erster Roman Corps défendus hingegen setzt nicht bei der Richterperspektive an, er erzählt aus der Sicht einer Anwältin, die in einem besonders schweren Fall – der Vergewaltigung und Ermordung der jungen Ève – mit der ganzen Härte der Realität konfrontiert wird. Gleich zu Beginn erhält die Protagonistin den Anruf des Vaters: „Il dit ma fille est morte. Il dit assassin.“ Der Roman beginnt damit nicht im institutionellen Alltag, sondern im Schockmoment, der das Rechtsprechen überhaupt erst notwendig macht. Das Gericht erscheint hier als Reaktionsraum auf existenzielle Verletzung.
Der erfahrene Anwalt Jamin berät den Mörder Jean über eine verfahrenstechnische Nichtigkeitsbeschwerde, eine Reflexion über den Wert des Rechtsstaats unabhängig von der Schuld.
Jamin est légaliste, le code de procédure pénale n’est plus son livre de chevet mais il reste sa référence, son ADN, comme on dit improprement, celui qu’il compulse comme des lois irréfragables, impératives, universelles, tout ce qu’elles devraient être. […] Dans ces moments-là, Jamin a bien conscience qu’il est plus facile d’être un avocat : celui qui fait des demandes, qui argumente, qui s’agite mais qui ne décide pas. […] Jean rêve-t-il que sa mise en examen vienne à tomber ? Que tout soit annulé ? Il rêve plutôt d’une annulation complète, y compris du crime car il ne voit pas bien comment vivre avec. (Corps défendus)
Jamin ist ein Legalist, die Strafprozessordnung ist zwar nicht mehr sein Bettbuch, aber sie bleibt seine Referenz, seine DNA, wie man unpassenderweise sagt, die er wie unumstößliche, zwingende, universelle Gesetze studiert, so wie sie sein sollten. […] In solchen Momenten ist sich Jamin bewusst, dass es einfacher ist, Anwalt zu sein: derjenige, der Anträge stellt, argumentiert, sich aufregt, aber nicht entscheidet. […] Träumt Jean davon, dass seine Anklage fallen gelassen wird? Dass alles annulliert wird? Er träumt eher von einer vollständigen Annullierung, einschließlich des Verbrechens, denn er weiß nicht, wie er damit leben soll.
Recht wird hier wie eine abstrakte Religion gezeigt („lois irréfragables“). Der Anwalt flüchtet sich in die Technik des Gesetzes, um die moralische Last des Verbrechens nicht tragen zu müssen. Es ist eine Strategie des „Formalismus als Schutzschild“.
In den Szenen – etwa der im Detail geschilderten autopsischen Untersuchung, die die Anwältin mit dem Vater durchgeht – wird deutlich, dass Corps défendus die Materialität des Rechts stärker betont: Körper, Spuren, Verletzungen. Der Text entwickelt damit eine andere Grundthese als Avant la peine: Während der eine Roman die Entstehung richterlicher Urteilskraft zeigt, macht Corps défendus sichtbar, wie Verletzung, Gewalt und Körperlichkeit die Justiz überhaupt erst notwendig und zugleich stets prekär machen. Corps défendus ist ein Roman über die Grenzen, an denen Recht und Körper aufeinandertreffen.
In Corps défendus wird deutlich, dass Recht weniger neutraler Schiedsrichter ist, vielmehr ein Feld der Machtasymmetrien: Die Opferfamilie ist emotional abhängig von den Deutungen der Anwältin, der Angeklagte ist völlig ausgeliefert, der Ermittlungsapparat bestimmt, welche Spuren existieren und welche Körper wie gelesen werden. Beispielhaft zeigt das die Gefängnisszene, in der die Angehörigen der Gefangenen wie „victimes d’une punition familiale“ behandelt werden – durchsucht, entkleidet, gedemütigt, während die Juristin selbst fünfmal ihre Karte zeigen muss, um zum Besprechungsraum zu gelangen. Das Rechtsverständnis lautet hier: Justiz wirkt auf alle Körper, nicht nur auf die der Angeklagten – und reproduziert oft jene Gewaltformen, die sie zu regulieren vorgibt. Auch die minutiöse Darstellung der Mordrekonstruktion – „refaire les actes sexuels et les coups“ unter Beobachtung von Gendarmen, Richterin, Fotografen – zeigt Recht als eine Technik, die Gewalt nicht nur beschreibt, sondern wiederherstellt, um sie beurteilen zu können.
Madame Cadix me laisse seule avec le viol, avec la mort, avec les hommes et disparaît dans son bureau. J’ouvre le dossier dont la première page se trouve à la fin, je remonte le fil, la disparition, l’angoisse, les recherches, les auditions. Il manque les pages d’autopsie qui seront adressées plus tard à la juge. Pour l’instant, le corps est toujours travaillé, Ève ne repose pas encore. Je respire peu, j’appréhende chaque page que je tourne, j’ai connu des centaines de crimes mais ils ne me sont d’aucun secours, je lis en apnée. (Corps défendus)
Madame Cadix lässt mich allein mit der Vergewaltigung, mit dem Tod, mit den Männern und verschwindet in ihrem Büro. Ich öffne die Akte, deren erste Seite sich am Ende befindet, und folge dem roten Faden: das Verschwinden, die Angst, die Ermittlungen, die Vernehmungen. Es fehlen die Seiten zur Autopsie, die später an die Richterin geschickt werden. Im Moment wird noch an der Leiche gearbeitet, Ève ruht noch nicht in Frieden. Ich atme kaum, ich fürchte mich vor jeder Seite, die ich umblättere, ich habe Hunderte von Verbrechen gesehen, aber sie helfen mir nicht weiter, ich lese mit angehaltenem Atem.
Die Anwältin liest die Ermittlungsakte im Justizpalast. Das Lesen der Akte wird als „Atmen unter Wasser“ beschrieben. Die juristische Narration ist rückwärtsgewandt („remonter le fil“) und zerlegt ein Leben in bürokratische Bruchstücke. Die Justiz „arbeitet“ am Körper der Toten weiter, was ihr jede Würde nimmt.
Les mots de l’urgence résonnent, parfois les gens sont sursaturés, comme les hôpitaux et la justice. Les corps sont à la peine et les vêtements des patients déshabillés se froissent dans les sacs. Ceux de Baptiste, eux, ne prennent pas un pli au vestiaire. Quand les autres services s’éteignent, celui-ci fonctionne encore, 24/24. Les lumières, blanches comme les blouses, éblouissent pour maintenir éveillés ces hommes et ces femmes qui s’acharnent à toute heure, disponibles, responsables. Les actes sont presque mécaniques et les protocoles standardisés, il n’y a pas de place pour l’écart et peu pour la poésie. Ils tentent de maintenir les âmes dans les corps. (Avant la peine)
Die Worte der Dringlichkeit hallen nach, manchmal sind die Menschen überlastet, wie die Krankenhäuser und die Justiz. Die Körper leiden und die Kleidung der entkleideten Patienten knittert in den Säcken. Die Kleidung von Baptiste hingegen bleibt in der Garderobe faltenfrei. Wenn die anderen Dienste schließen, arbeitet dieser noch rund um die Uhr. Die Lichter, weiß wie die Kittel, blenden, um diese Männer und Frauen wach zu halten, die rund um die Uhr unermüdlich, verfügbar und verantwortungsbewusst arbeiten. Die Handlungen sind fast mechanisch und die Protokolle standardisiert, es gibt keinen Platz für Abweichungen und wenig Raum für Poesie. Sie versuchen, die Seelen in den Körpern zu halten.
Der Protagonist Baptiste arbeitet im Krankenhaus, so ist der Vergleich zwischen dem medizinischen Notfall und dem Justizapparat zentral. Heinich entwirft hier eine Logik der Überlastung. Die Justiz wird, genau wie das Krankenhaus, als eine sterile, mechanische Maschinerie beschrieben, die keinen Raum für Individualität oder „Poesie“ lässt. Es geht rein um das Funktionieren und das Verwalten leidender Körper.
Recht als unvollkommene Institution: Das Unsagbare und die Grenzen der Strafe
Recht ist ein Ort der menschlichen Ambivalenz, nicht ihrer Auflösung. Beide Romane machen sichtbar, dass Recht nicht „objektiv“ ist, Recht erweist sich als ein permanentes moralisches Ringen. Die richterliche Erzählerin in Avant la peine spürt dies in Momenten, in denen sie emotional zu nah am Fall ist oder in denen ein Angeklagter mit einem simplen „non“ ihr ganzes Tafelschema destabilisiert. Die Anwältin in Corps défendus erlebt dieselben moralischen Konflikte, wenn sie gleichzeitig die Interessen der Eltern vertritt, die Brutalität der Tat verstehen will und dennoch anerkennen muss, dass auch der Angeklagte ein Recht auf Verteidigung und Würde hat.
In Laure Heinichs Romanen wird Gerechtigkeit nicht als moralische Erlösung, vielmehr als eine unvollkommene, oft entmenschlichte Maschinerie reflektiert, die zwischen bürokratischer Form und menschlicher Wahrheit scheitert. In Corps défendus wird der Prozess als ein strategisches Match ohne echten Sieg entlarvt, bei dem selbst eine lebenslange Haftstrafe („perpétuité“) die existenzielle Lücke für die Hinterbliebenen nicht füllen kann, da das juristische „Für immer“ den Verlust des „Nie wieder“ niemals kompensiert. Parallel dazu problematisiert Avant la peine die „vérité judiciaire“ (juristische Wahrheit) als ein grundlegend fehlerhaftes Konstrukt, das in seiner mechanischen Abwicklung dem überlasteten Krankenhauswesen gleicht und oft mehr zusätzliche Gewalt durch langwierige Verfahren erzeugt, als Heilung zu ermöglichen. Letztlich mündet die Reflexion in beiden Werken in der ernüchternden Erkenntnis, dass es keine „gerechten Strafen“ gibt, sondern lediglich staatlich organisierte Sanktionen, die das individuelle Trauma der Opfer und die Komplexität der Täterpersönlichkeiten unberührt lassen.
Der Romantitel Avant la peine verweist auf einen Schwellenzustand: das Davor des Richtens, das Davor der Professionalisierung, das Davor der Strafe. Das „avant“ ist sowohl zeitlich – die Phase vor dem Urteil – als auch existenziell: die Richterin ist selbst „avant“ ihrer richterlichen Identität. Der Titel inszeniert das gesamte Erzählen als Prozess der Vorbereitung, des Lernens, des inneren Abwägens. Der Titel Corps défendus spielt mit einer Doppeldeutigkeit: Es geht um „verteidigte Körper“ – die Opferkörper, aber auch die Körper der Angeklagten – und um „verbotene, tabuisierte Körper“. Der Titel bringt auf den Punkt, dass der Körper im Strafprozess nie nur Beweisstück ist, er ist Träger sozialer Bedeutung. Er wird verteidigt, ausgestellt, rekonstruiert, beschämt. Recht ist hier nicht geistiges Verfahren, vielmehr körperliche Realität.
Beide Romane teilen ein Interesse an Justizrealität und institutioneller Praxis, unterscheiden sich jedoch deutlich in ihrer Poetik. Avant la peine arbeitet introspektiv, beinahe essayistisch, mit stark rhythmisierten Reflexionen und einer wiederkehrenden Wahrnehmung der räumlichen und sozialen Choreografie im Gericht. Szenen sind oft Beobachtungsminiaturen: der Gang über die Treppen, der Blick über den Saal, die Geste eines Angeklagten. Corps défendus dagegen ist szenischer, körperlich-konkreter, fast dokumentarisch. Szenen wie die Reinszenierung des Mordes, bei der der Angeklagte jeden Handgriff mit einer Gendarmin nachstellen muss – „refaire les actes sexuels et les coups“ vor der Richterin, begleitet von Fotografien der Identité Judiciaire – machen die sprachliche und physische Gewalt des Prozesses unmittelbar erlebbar. Diese beiden poetischen Ansätze ergänzen sich, indem sie das System aus zwei Perspektiven zeigen: Avant la peine von innen – dem Denken der Richterrolle –, Corps défendus von außen – dem Körper, der Realgewalt der Tat, dem Trauma der Betroffenen und Angehörigen. Zusammen bilden sie ein Panorama der Justiz als Spannungsfeld zwischen Abstraktion und Materialität.
Während Avant la peine episodisch aufgebaut ist, gereiht wie Arbeitstage oder Lernschritte, trägt Corps défendus einen stärker linearen Fallverlauf: Anruf – Ermittlungen – Gutachten – Prozess – Urteil. Das eine erzählt die Struktur der Justiz, das andere ihre Dramatik. In beiden Romanen steht Sprache als Machtmittel im Zentrum. Gerichtssprache – die Fragen der Richterin, das Protokoll, die formalen Ansprachen – bestimmt den Diskurs. Gleichzeitig spielen Schweigen, zögernde Antworten und körperliche Reaktionen eine große Rolle. In Corps défendus etwa wird die Reaktion des Angeklagten Jean während der Reinszenierung – sein Schweigen, sein zurückgenommenes „non“ – zu einem interpretativen Moment, weil niemand ihm nachweisen kann, dass es anders gewesen sei.
Die beiden Romane von Laure Heinich entwerfen ein zutiefst humanistisches und zugleich ambivalentes Rechtsverständnis: Recht erscheint nicht als geschlossenes Normensystem, es erscheint als Erfahrungsraum, in dem Macht, Moral und Verletzlichkeit miteinander kollidieren. Indem Heinich die Justiz nicht von außen beschreibt, sondern aus den Wahrnehmungen, Zweifeln und affektiven Reaktionen ihrer Protagonistinnen heraus erschreibt, zeigt sie ein Recht, das immer auch körperlich, emotional und biografisch verankert ist. Die literarische Form macht sichtbar, dass Justiz vor allem Erfahrung ist.
Das Besondere an ihrer Schreibweise ist der konsequente Zugriff auf das Ungesagte: jene Schichten der Erfahrung, die in juristischen Texten nicht auftauchen können. In Avant la peine gewinnt dieses Ungesagte die Form innerer Erschütterungen – das „déséquilibre“ der jungen Richterin, ihre Zweifel, ihr Schweigen, die unprotokollierten Bewegungen ihres Denkens. In Corps défendus dagegen wird das Ungesagte zum Schweigen der Körper: zum stummen „non“ des Angeklagten, zu den Spuren des Opfers, die mehr erzählen als jede Aussage. Schweigen und Sprache, Geste und Blick bilden eine eigene Gerichtsbarkeit unterhalb der offiziellen.
Heinich macht zudem sichtbar, dass das Ungesagte strukturell bedingt ist: Nicht jede Figur darf sprechen, und nicht jede Äußerung erhält Gewicht. Im Parloir, im Gerichtssaal, in der Rekonstruktion der Tat werden Sprechpositionen verteilt und verwehrt – die Angehörigen, die Häftlinge, selbst der Angeklagte unterliegen einem institutionellen Schweigen, das die Justiz mitproduziert. Auch die Richterin in Avant la peine erfährt, wie ihre Rolle ihr Sprechen formt, beschneidet oder verschweigt. Hier entsteht ein literarisches Bewusstsein dafür, dass Zugang zur Sprache Macht bedeutet.
Auf diese Weise leisten die Romane etwas, was Heinichs juristische Sachbücher nicht leisten können: Sie schaffen einen Raum, in dem das Unsichtbare, Fragile und Nicht-Benennbare der Justiz erzählbar wird. Durch Innenperspektiven, körperliche Zeichen und die Darstellung institutioneller Sprachgrenzen zeigt Heinich eine komplexe, vielschichtige Justizerfahrung, die nicht auf normative Antworten aus ist, vielmehr auf die Sichtbarmachung dessen, was das Recht normalerweise ausblendet. Ihre Literatur wird damit zum Gegenort der Justiz – ein Ort, an dem das Schweigen nicht Defizit ist, sondern Erkenntnis.
Corps défendus endet mit einem Schlag: „À perpétuité“ – eine Strafe, die nicht als Triumph, eher als Schock durch den Saal fährt. Sie bringt weder den Eltern der ermordeten Ève Erleichterung noch dem Angeklagten Jean eine verständliche Logik; alle Figuren verharren in einer „croisée des chagrins“, einer Kreuzung der Kümmernisse, an der niemand gewinnt. Die Szene macht die Körperlichkeit des Rechts sichtbar: Jean „encaisse“ die Strafe wie einen Treffer, während die Anwältin sich erinnert, den Körper der Mutter mit ihrem eigenen „verteidigt“ zu haben. Der abrupt wirkende Übergang aus dem Gericht hinaus in die belebte Stadt markiert einen antikatartischen Schluss: Das Recht mag Strafen verhängen, aber es erzeugt keine Heilung, keinen Sinn, keine Schließung – der Roman insistiert auf dieser Leerstelle und wird gerade dadurch zur Gegenform der Justiz.
Avant la peine hingegen öffnet sich am Ende in einen Raum des Fragens: Statt eines Urteils steht die Aufforderung an Rebecca, zu benennen, welche Strafe „réparerait“ – ein experimenteller Moment, der Verantwortung auf das Subjekt verlagert und zugleich die Unmöglichkeit einer „gerechten“ Strafe enthüllt. Der Schlusssatz – „Il n’y a pas de peines justes. Juste des peines.“ – formuliert eine Ethik des Unentscheidbaren: Strafe kann nur unvollkommen sein. Anders als in Corps défendus entsteht aus dieser Verweigerung keine Dunkelheit, vielmehr ein offener Denkraum, der die Leserin in die Haltung einer Geschworenen versetzt, die ihre „intime conviction“ suchen muss. Wo der erste Roman die Brutalität eines definitiven, aber untröstlichen Endes zeigt, verweigert der zweite gerade das Ende und setzt auf die fortdauernde Reflexion – zwei komplementäre Perspektiven auf die Grenzen der Gerechtigkeit.
Heinich erzählt keine Utopien, sondern Heterotopien des Rechts: Räume, in denen Gewalt, Macht und Gerechtigkeit neu geordnet werden. Wenn es eine Utopie gibt, dann nur als leiser Wunsch nach Anerkennung der Verletzbaren – ein moralisches Flackern, das die Romane wohl bewusst nicht auflösen.