Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun

Le Monde als Ort von Macht, Rivalität und Ausschluss

Tahar Ben Jellouns Pigiste au Monde (2026) ist weder eine institutionelle Geschichte der Zeitung Le Monde noch eine lineare Autobiografie, der Autor schreibt hier einen erinnerungsgesättigten Bericht über fast vier Jahrzehnte journalistischer Arbeit „à la pige“. Die Figur des Pigisten bildet die Metapher struktureller Prekarität. Der Status des freien Mitarbeiters steht exemplarisch für eine Existenz zwischen Anerkennung und Austauschbarkeit. Ben Jelloun macht sichtbar, wie sehr intellektuelle Arbeit von Unsicherheit, Abhängigkeit und symbolischer Gewalt geprägt ist – selbst im Zentrum kultureller Macht.

Le Monde erscheint zugleich als demokratische Institution und als soziales Mikrosystem. Ben Jelloun idealisiert das Blatt nicht, er zeigt es als Ort von Macht, Rivalität und Ausschluss. Gerade diese Ambivalenz verleiht dem Porträt analytische Schärfe: Die Zeitung wird zum Spiegel französischer politisch-kultureller Selbstverständnisse. Ausgangspunkt ist der Eintritt des jungen Autors 1973 in die Redaktion – vermittelt über persönliche Begegnungen –, der zugleich einen sozialen und symbolischen Aufstieg markiert: vom prekären Arbeiter und Lehrer für Alphabetisierung hin zum publizierenden Intellektuellen in einem der einflussreichsten Blätter Europas. Diese Initiation wird nicht heroisiert, vielmehr als Mischung aus Euphorie, körperlicher Anspannung und existenzieller Unsicherheit erzählt.

Pigiste au Monde entwirft Journalismus nicht als neutrale Informationsvermittlung. Ben Jelloun versteht journalistisches Schreiben als ethische Verpflichtung gegenüber den Unsichtbaren und Marginalisierten. Seine Texte sind von Empörung, Solidarität und persönlicher Verantwortung getragen. Objektivität erscheint nicht als Abwesenheit von Haltung, sondern als Genauigkeit der Beobachtung und Ehrlichkeit der Position. Der Text entfaltet sich als Chronik des journalistischen Alltags, in der Redaktionsräume, Rituale, Hierarchien und Figuren plastisch hervortreten. Ben Jelloun porträtiert Le Monde als moralische Instanz der Nachkriegszeit, zugleich aber als fragiles Gefüge aus Eitelkeiten, Loyalitäten und Machtkämpfen. Besonders die literarische Beilage Le Monde des livres erscheint als intellektueller Knotenpunkt, an dem Literaturkritik, Freundschaft und symbolisches Kapital ineinandergreifen. Die berühmten „Déjeuners du lundi“ bieten dabei eine soziale Bühne, auf der sich literarische Milieus und politische Haltungen kreuzen.

Parallel dazu entwickelt der Band eine Poetik der Reportage, die Ben Jelloun immer wieder an Grenzräume führt: zu den vergessenen nordafrikanischen Arbeitern in französischen Banlieues, nach Mekka als „Pilger der Armen“, in den Irak und nach Kuwait kurz vor autoritären Verhärtungen. Diese Reportagen verbinden ethnografische Beobachtung mit moralischer Empörung und stellen die journalistische Objektivität bewusst infrage. Der Autor schreibt als Beteiligter, als Zeuge, als jemand, der kulturell dazugehört und zugleich distanziert bleibt.

Tahar Ben Jelloun, Pigiste au Monde, 2026.

Zugehörigkeit, Verrat und Einsamkeit

Im letzten Drittel verdichtet sich der Text zu einer Reflexion über Zugehörigkeit, Verrat und Einsamkeit. Die Angriffe, Verdächtigungen und politischen Instrumentalisierungsversuche, denen Ben Jelloun ausgesetzt ist, machen sichtbar, wie prekär seine Position als arabisch-muslimischer Autor im westlichen Leitmedium bleibt. Ob Mekka, Banlieue oder Flüchtlingslager: Ben Jelloun schreibt aus Räumen, die anderen Journalisten verschlossen bleiben. Seine kulturelle Zugehörigkeit ermöglicht Zugang, erzeugt aber zugleich den Vorwurf des Verrats. Die Grenze zwischen Innen- und Außenperspektive bleibt produktiv instabil. Das Buch endet mit der Einsicht, dass das Schreiben selbst – zwischen Journalismus und Literatur – der eigentliche Ort seiner Autorschaft ist.

Die Angriffe und Instrumentalisierungen sind kein Randphänomen, sie legen offen, wie fragil die Präsenz eines arabisch-muslimischen Autors im westlichen Leitmedium bleibt. Ben Jelloun wird geduldet, gebraucht, attackiert – aber nie ganz entlastet von der Pflicht, seine Existenz immer wieder zu rechtfertigen. Der Wendepunkt ist die Veröffentlichung der Reportage über den Hadsch 1975. Dass ein arabisch-muslimischer Autor in Le Monde die Zustände in Mekka kritisch beschreibt, wird in Teilen der muslimischen Öffentlichkeit als Sakrileg gelesen. Ben Jelloun wird öffentlich als „traître“, „vendu“ und sogar als „sioniste“ diffamiert. Der Vorwurf zielt nicht auf journalistische Fehler, vielmehr auf seine Zugehörigkeit: Er habe als Muslim kein Recht, Kritik in einem westlichen Medium zu äußern. Loyalität wird hier religiös und ethnisch definiert, nicht professionell.

Innerhalb wie außerhalb von Le Monde wird Ben Jellouns arabisch-muslimische Identität wiederholt funktionalisiert. Jacques Fauvet schickt ihn explizit nach Mekka, weil „kein anderer Journalist muslimisch“ sei. Diese singuläre Öffnung ist ambivalent: Sie ermöglicht Berichterstattung, fixiert ihn aber zugleich dauerhaft auf die Rolle des „zuständigen Arabers“. Seine Kompetenz wird an Herkunft gebunden, nicht an Autorenschaft – eine klassische Form symbolischer Instrumentalisierung.

Jean Daniel erscheint bei Ben Jelloun als mediale Vergleichsfolie, an der sich unterschiedliche Modelle intellektueller Zugehörigkeit ablesen lassen. Als Gründer des Nouvel Observateur verkörpert Daniel den Typus des legitimierten, institutionell abgesicherten jüdisch-französischen Intellektuellen, dessen Nähe zur Macht, zu politischen Akteuren und zum publizistischen Zentrum nie grundsätzlich infrage steht. Im impliziten Kontrast dazu wird Ben Jellouns eigene Position sichtbar: Während Jean Daniel trotz klarer politischer Positionierungen als „natürliche“ Stimme des französischen Debattenraums gilt, bleibt Ben Jelloun auch nach jahrzehntelanger Mitarbeit in Le Monde ein prekärer Grenzgänger, dessen Herkunft ständig mitgelesen und gegen ihn gewendet wird. Der Vergleich macht deutlich, dass mediale Autorität nicht allein aus Talent oder Haltung entsteht, sondern aus historisch gewachsenen Zugehörigkeiten – und dass Ben Jellouns Schreiben gerade deshalb stärker exponiert, angreifbarer und einsamer bleibt.

Mit dem literarischen Text „Les amandiers sont morts de leurs blessures“ über Rafah überschreitet Ben Jelloun erneut eine Grenze. Die israelische Botschaft interveniert offiziell bei Le Monde und erklärt den Text für „gefährlicher als ein politischer Artikel gegen den Staat Israel“. Hier wird seine poetische Stimme politisch übercodiert: Der Schriftsteller wird als politischer Akteur gelesen, dessen Worte geopolitische Wirkung entfalten – gerade weil sie nicht den Ton der Analyse, eher der Trauer anschlagen.

Auch innerhalb der Redaktion bleibt seine Position prekär. Kolleginnen und Kollegen reagieren mit offener Ablehnung oder subtiler Feindseligkeit. Nicole Zand erklärt ihm unverblümt: „On n’a pas besoin de toi ici“. Diese Aggressionen sind nicht nur persönlicher Natur, sie verweisen auf Konkurrenz um Deutungshoheit: Wer darf für Le Monde über die arabische Welt sprechen – und aus welcher Position heraus? Besonders bitter sind die Attacken anderer Maghrebiner und arabischer Intellektueller. Sie unterstellen Inkompetenz, verbreiten Gerüchte über Protektion oder bestreiten ihm das Recht, „für“ den arabischen Raum zu sprechen. Hier wird Zugehörigkeit erneut verengt: Nicht der Text zählt, vielmehr die vermutete Loyalität zu nationalen, religiösen oder persönlichen Netzwerken.

Ben Jelloun schildert etwa die Aggressionen von Rachid Boudjedra oder eines tunesischen Intellektuellen, die es nicht ertragen, dass ein „Marokkaner“ über arabische Literatur in Le Monde schreibt. Hier wird seine Herkunft nicht als Qualifikation, sondern als Makel markiert. Die Darstellung legt offen, wie Repräsentation in einem westlichen Leitmedium als symbolisch knappe Ressource wahrgenommen wird: Seine bloße Präsenz wird als Bedrohung empfunden, seine Stimme als illegitime Aneignung einer Sprecherposition.

Rachid Boudjedra erscheint bei Ben Jelloun als Figur des offenen Konflikts, in dem sich eine Rivalität um Deutungshoheit und Repräsentation arabischer Literatur kristallisiert. Der aggressive Wutausbruch Boudjedras nach einer im Kern positiven Rezension macht deutlich, dass es ihm weniger um Kritik als um das Prinzip geht: Er weigert sich, von einem anderen Maghrebiner – noch dazu einem Marokkaner – gelesen und legitimiert zu werden. Für Ben Jelloun wird dieser Konflikt zum Symptom eines zerstörerischen Konkurrenzdenkens, in dem Solidarität durch nationale, persönliche und symbolische Eifersucht ersetzt wird.

Kateb Yacine nimmt eine deutlich andere Stellung ein. Er wirkt als literarische Genealogie, als Figur, die eine radikale, sprachlich und politisch kompromisslose Tradition verkörpert. Ben Jellouns Verhältnis zu ihm ist von Bewunderung geprägt, zugleich aber von Distanz: Kateb steht für eine heroische, männlich codierte Literatur des Aufruhrs, mit der sich Ben Jelloun verbunden fühlt, ohne sie fortschreiben zu können oder zu wollen. Die Identifikation bleibt ambivalent – Kateb ist Ursprung und Übermaß zugleich.

Abdelkebir Khatibi wird als intellektueller Verbündeter sichtbar, mit dem Ben Jelloun eine theoretische Sensibilität teilt. Khatibi verkörpert einen postkolonialen Denkraum, der weder in nationalistischer Engführung noch in französischer Assimilation aufgeht. Seine Konzepte von Mehrsprachigkeit, Hybridität und „doppelter Kritik“ erscheinen als Gegenentwurf zur Pariser Intellektuellenszene und als stilles Fundament für Ben Jellouns eigene Position zwischen den Welten.

Driss Chraïbi steht für eine frühere Generation marokkanischer Autoren, die den Weg in die französische Literaturlandschaft geebnet hat. Ben Jelloun begegnet ihm mit Respekt, aber ohne ungebrochene Identifikation: Chraïbis Provokationsgestus und seine konfliktreiche Beziehung zu Marokko markieren eine historische Etappe, die für Ben Jelloun zugleich Voraussetzung und Grenze ist. Die Referenz bleibt ambivalent – anerkennend, aber nicht normsetzend.

Mohammed Khaïr-Eddine schließlich verkörpert die Radikalität des Außenseiters. Sein avantgardistisches, eruptives Schreiben agiert als Extrempol, an dem sich Ben Jelloun orientiert, ohne ihm zu folgen. Khaïr-Eddine steht für eine literarische Gewalt, die jede Form von Institutionalisierung verweigert. In Ben Jellouns Perspektive wird diese Radikalität bewundert, zugleich aber als Preis einer existenziellen Marginalisierung lesbar – als Konsequenz einer kompromisslosen Position außerhalb aller Felder.

Pigiste au Monde entwirft ein vielschichtiges, überwiegend desillusioniertes Bild der französischen Intellektuellenszene der 1970er und 1980er Jahre. Sie erscheint als dichter, hoch ritualisierter Raum, in dem symbolisches Kapital – Titel, Signaturen, Nähe zu Institutionen – eine entscheidendere Rolle spielt als intellektuelle Offenheit. Ben Jelloun zeigt diese Szene als sozial stark reguliert: Wer spricht, für wen gesprochen wird und wer überhaupt sichtbar wird, folgt impliziten Hierarchien, die selten reflektiert, aber streng verteidigt werden.

Über französische Intellektuelle im weiteren Sinne – Essayisten, Akademiker, politisch engagierte Autoren – erfahren wir, dass sie stark von Netzwerken, Ritualen und performativer Zugehörigkeit geprägt sind. Ben Jelloun beschreibt Begegnungen, bei denen Universalismus beschworen wird, während zugleich klare kulturelle Hierarchien reproduziert werden. Besonders deutlich wird dies in Reaktionen auf politisch sensible Themen: Kritik wird begrüßt, solange sie die bestehenden symbolischen Ordnungen nicht irritiert. Insgesamt zeigt das Buch weniger individuelle Charakterstudien als ein strukturelles Muster: Autoren, Intellektuelle und Journalisten erscheinen als Akteure in einem Feld, das von Macht, Anerkennung und Ausschluss organisiert ist. Ben Jelloun macht sichtbar, dass persönliche Haltungen stets mit institutionellen Positionen verschränkt sind – und dass gerade diejenigen, die sich als kritisch und progressiv verstehen, besonders empfindlich reagieren, wenn ihre Deutungshoheit infrage gestellt wird.

Schließlich zeigt das Buch eine Intellektuellenszene, die sich ihrer eigenen Macht nur begrenzt bewusst ist. Sie inszeniert sich als Gegenmacht, als kritische Instanz gegenüber Staat und Ökonomie, reproduziert jedoch selbst Ausschlüsse – insbesondere gegenüber Stimmen aus dem postkolonialen Raum. Ben Jellouns Darstellung macht deutlich, dass das Problem weniger offene Feindseligkeit als strukturelle Selbstverständlichkeit ist: Die Szene bleibt im Kern national, weiß und republikanisch geprägt, während „andere“ Stimmen zwar geduldet, aber selten als gleichrangig anerkannt werden.

Zugleich legt das Buch die Ambivalenz zwischen moralischem Universalismus und politischer Parteilichkeit offen. Viele Akteure verstehen sich als Träger aufklärerischer Werte – Menschenrechte, Antikolonialismus, Solidarität –, reagieren jedoch abweisend, sobald diese Prinzipien konkrete politische Allianzen oder ideologische Gewissheiten infrage stellen. Die Reaktionen auf Texte zu Israel/Palästina, zum Mekka-Report oder zur Kabylie zeigen eine Szene, die zwar Kritik fordert, sie aber nur dann toleriert, wenn sie aus „legitimen“ Mündern kommt. Moralische Autorität erweist sich damit als ungleich verteilt.

Aus all dem entwickelt Ben Jelloun keine Opferpose, dafür eine ernüchterte Erkenntnis: Seine Position ist strukturell einsam. Er gehört gleichzeitig zu mehreren Welten – und wird von keiner vollständig anerkannt. Gerade diese Einsamkeit markiert jedoch seine intellektuelle Redlichkeit: Er verweigert eindeutige Lagerzugehörigkeit und hält an der Autonomie des Schreibens fest, selbst um den Preis permanenter Angreifbarkeit. Zwischen Druck von Staaten, Institutionen und kulturellen Gemeinschaften behauptet Ben Jelloun das Schreiben als autonomen Raum. Pigiste au Monde ist so ein Plädoyer für literarisch verantworteten Journalismus im Angesicht von Macht.

Écrivain, poète

Auch innerhalb der Redaktion wird seine Position ambivalent gelesen. Besonders aufschlussreich ist die Szene, in der Jacques Fauvet ihn ausdrücklich nicht als Journalisten, vielmehr als „écrivain, poète“ definiert und ihm damit faktisch den Weg in eine feste Anstellung versperrt. Diese Zuschreibung ist wohlwollend, aber zugleich begrenzend: Ben Jelloun darf schreiben, solange er als literarische Ausnahmefigur gilt, nicht als voll integrierter Akteur des journalistischen Apparats. Seine kulturelle Alterität wird so ästhetisiert und zugleich institutionell neutralisiert. Die Darstellung zeigt, wie Anerkennung und Ausschluss ineinandergreifen.

Ben Jelloun bestimmt sein literarisches Schreiben ausdrücklich nicht als Fortsetzung des Journalismus mit anderen Mitteln, es ist eher dessen notwendiges Gegenüber: Während der Journalismus an Fakten, Aktualität und Überprüfbarkeit gebunden bleibt, erlaubt ihm die Literatur, dort weiterzugehen, wo Information an ihre Grenze stößt – bei Erfahrung, Verletzbarkeit und moralischer Wahrheit. Er insistiert darauf, dass er in Le Monde zwar als Journalist auftrete, aber stets als Schriftsteller interveniere: mit einer poetischen Sprache, die nicht neutralisiert, sondern exponiert. Gerade deshalb werden seine Texte als gefährlich gelesen – sie informieren nicht nur, sie affizieren. Literatur wird bei ihm zum Raum der Verdichtung, in dem politische Gewalt, Exil und Zugehörigkeit nicht erklärt werden. Sie werden erfahrbar gemacht, während der Journalismus die gesellschaftliche Bühne liefert, auf der diese Stimme erst hörbar wird.

In Pigiste au Monde thematisiert Tahar Ben Jelloun seine eigenen Bücher nicht systematisch, vielmehr situativ, stets eingebettet in konkrete berufliche oder politische Konstellationen. Gerade diese beiläufige Einbindung ist aufschlussreich, weil sie seine Autorschaft nicht als abgeschlossene Werkgeschichte, sondern als fortlaufenden Aushandlungsprozess sichtbar macht.

Zentral ist Harrouda (1973), sein erster Roman, der im Umfeld seiner frühen Tätigkeit bei Le Monde erscheint. Das Buch markiert seinen Eintritt in die literarische Öffentlichkeit und wird im Text als Grenzüberschreitung verstanden: formal experimentell, thematisch provokant, deutlich außerhalb des damals Erwartbaren für einen „maghrebinischen“ Autor. Die Erwähnung dient weniger der Inhaltsdarstellung als der Positionierung: Ben Jelloun präsentiert sich früh als Schriftsteller, der sich nicht repräsentativ, vielmehr disruptiv verhält.

Eine Schlüsselrolle spielt La Plus Haute des solitudes (1977), sein essayistisches Buch über die affektive und sexuelle Isolation nordafrikanischer Arbeitsmigranten in Frankreich. Dieses Werk erscheint im Buch als Schnittstelle zwischen Journalismus, Sozialforschung und Literatur. Ben Jelloun schildert die massiven Schwierigkeiten, einen Verlag zu finden, ebenso wie die entscheidende Unterstützung durch Le Monde. Die Darstellung macht deutlich, dass dieses Buch seine doppelte Autorposition kristallisiert: als empirisch arbeitender Beobachter und als poetisch schreibender Intellektueller.

Auch seine poetischen Texte werden mehrfach thematisiert, insbesondere solche, die zuerst in Le Monde erschienen, etwa „Les amandiers sont morts de leurs blessures“. Diese Texte stehen exemplarisch für eine Poetik der Verdichtung und der indirekten politischen Rede. Ben Jelloun zeigt, wie gerade die poetische Form im journalistischen Raum als gefährlich wahrgenommen wird, weil sie sich eindeutiger Einordnung entzieht. Die Thematisierung dieser Gedichte unterstreicht sein Selbstverständnis als Dichter, der politische Realität transformiert, statt sie bloß zu kommentieren.

Schließlich verweist das Buch implizit auf weitere spätere Romane und Essays, ohne sie ausführlich zu analysieren. Entscheidend ist dabei weniger der einzelne Titel als die wiederholte Betonung eines Kontinuums: Alle diese Bücher entstehen aus denselben Erfahrungsräumen – Migration, Gewalt, Einsamkeit, Macht –, die auch seine journalistische Arbeit prägen. Pigiste au Monde bildet so einen Metatext, der die innere Logik und ethische Kohärenz des eigenen Werks sichtbar macht.

Aus Pigiste au Monde entsteht das Bild eines Autors, der sich konsequent als Grenzgänger versteht: sozial, kulturell und diskursiv. Ben Jelloun erscheint weder als reiner Journalist noch als autonomer Literat, vielmehr als jemand, der beide Rollen produktiv ineinander verschränkt. Seine Autorschaft formiert sich im Dazwischen – zwischen Zentrum und Peripherie, zwischen institutioneller Anerkennung und struktureller Prekarität. Der Text inszeniert ihn als Figur, die Zugang zu Macht- und Deutungsräumen hat, ohne je ganz in ihnen aufzugehen.

Zugleich zeigt sich der Autor als moralisch positioniertes Subjekt. Ben Jelloun schreibt nicht aus einer neutralen Warte, er schreibt aus einer Haltung der Verantwortung gegenüber den Marginalisierten: Migranten, Entrechteten, politisch Verfolgten. Diese Haltung ist nicht moralistisch, sondern biografisch fundiert. Das Buch konstruiert ein Autorenbild, in dem Erfahrung, Empathie und politisches Bewusstsein untrennbar miteinander verbunden sind. Schreiben wird so zu einer Form ethischer Praxis, die Risiken einschließt und Konflikte bewusst in Kauf nimmt.

Trotz Freundschaften, Netzwerken und Anerkennung im intellektuellen Milieu von Le Monde bleibt Ben Jelloun eine exponierte Figur, ein einsamer Akteur. Seine Position als arabisch-muslimischer Autor in einem westlichen Leitmedium macht ihn angreifbar – von staatlichen Akteuren ebenso wie von Kollegen und Landsleuten. Das Buch zeichnet damit das Bild eines Autors, der Zugehörigkeit immer nur partiell erfährt und dessen Stimme gerade aus dieser Spannung ihre Schärfe gewinnt.

Schließlich entsteht das Bild eines selbstreflexiven Autors, der seine eigene Rolle kritisch befragt. Ben Jelloun thematisiert die Grenzen von Erinnerung, die Ambivalenzen journalistischer Macht und die Versuchungen symbolischen Kapitals. Er präsentiert sich nicht als Held der Wahrheit, vielmehr als Schreibender im Zweifel, der Irrtümer, Ängste und Widersprüche offenlegt. Gerade diese kontrollierte Entmythologisierung stabilisiert sein Autorenbild: als jemand, der Autorität aus Reflexion und sprachlicher Genauigkeit gewinnt.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Einsamkeit des Freien Mitarbeiters: Tahar Ben Jelloun." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on Februar 2, 2026 at 13:32. https://rentree.de/2026/02/02/einsamkeit-des-freien-mitarbeiters-tahar-ben-jelloun/.

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