Literatur als eigenständige Denkform: François Jullien

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

François Jullien, Puissance du pensif ou comment pense la littérature, Actes Sud, 2025.

Nachdenklichkeit zwischen Roman, Poesie und chinesischer Weisheit

Literatur ist kein Objekt der philosophischen Erklärung, sondern ein eigenständiger Modus des Denkens – ein Denken ohne Abschluss, das durch Nachdenklichkeit, Dauer, Transformation und Offenheit gekennzeichnet ist und gerade darin seine unverzichtbare moderne Funktion erfüllt. „Literatur“ als Begriff entsteht laut Jullien erst an der Schwelle zur Moderne. In der Antike existierten Gattungen, aber keine „Literatur“ im modernen Sinn. Diese verspätete Benennung ist kein Mangel, sondern Ausdruck der Tatsache, dass Literatur erst mit der Moderne ihre spezifische Aufgabe erhält: eine reflexive Offenheit zu erzeugen, die weder Mythos noch Philosophie leisten.

Or, la littérature pense en faisant autre chose que penser : elle pense en évoquant ou racontant, souvent comme en vagabondant, sa pensée s’y déploie d’à travers la “matière” littéraire, elle en est le fruit, à la fois la déhiscence et la récompense, se répandant librement en aval, par dégagement, évasivement, en émanant.

Die Literatur denkt jedoch, indem sie etwas anderes tut als denken: Sie denkt, indem sie evoziert oder erzählt, oft wie beim Umherstreifen, ihr Denken entfaltet sich durch das literarische „Material“, sie ist deren Frucht, zugleich deren Öffnung und Belohnung, sie breitet sich frei aus, durch Loslösung, ausweichend, ausstrahlend.

Literatur bringt einen Zustand der Nachdenklichkeit hervor, ohne diese auf Begriffe zu reduzieren. Literatur „denkt“, indem sie offen lässt, verzögert, durchquert und zur Reflexion disponiert, statt Aussagen zu fixieren. Nicht das Ereignis, sondern der untergründige Prozess ist der eigentliche Gegenstand des Romans. Nachdenklichkeit entsteht in der Dauer, im langen Zeitverlauf, durch narrative Parallelführungen und Wiederaufnahmen von Figuren.

Jullien legt eine Meditation über eine Form des Denkens vor, die die Philosophie lange Zeit zurückgestellt habe: ein nicht-konzeptuelles, indirektes Denken, das nicht definiert, sondern geschehen lässt. Es ist ein weiteres Werk, das Julliens Methode der Dezentrierung folgt – oft durch den Dialog zwischen westlichem und chinesischem Denken – um eine andere Kraft des Geistes (eine „andere universelle“ als die abstrakte) freizulegen. Die Ähnlichkeit zwischen Julliens Entwürfen der Nachdenklichkeit der Literatur und den Denkweisen asiatischer, insbesondere chinesischer, Kulturen besteht darin, dass beide einen alternativen Modus zur dominierenden westlichen Rationalität und Philosophie des Seins und des Begriffs darstellen. Der entscheidende gemeinsame Nenner ist die Negation der Fixierung und der unmittelbaren Definition: Die literarische Nachdenklichkeit weicht der begrifflichen Festlegung aus, was ihm erlaubt, das Ungenaue, Unbestimmte der Erfahrung und das das Leben in seiner unbestimmten Singularität zu erfassen. Diese Haltung korreliert stark mit zentralen Prinzipien des chinesischen Denkens, wie Jullien sie in seinen früheren Werken herausgearbeitet hat. Wie der chinesische Weise, der laut Jullien „an keiner Idee hängt“, um die Disponibilität und Offenheit seines Geistes nicht zu verlieren, so hütet sich auch die Nachdenklichkeit der Literatur, eine definitive Position einzunehmen oder eine abstrakte Idee zu illustrieren. Beides vermeidet es, das Denken zu kodifizieren und es somit parteiisch zu machen. Das chinesische Denken ist fundamental auf Werden und Prozess ausgerichtet, im Gegensatz zur westlichen Ontologie, die auf das statische Sein fixiert ist. Dies spiegelt sich im Konzept der Wirksamkeit (shì) wider, die sich auf die implizite, stille Verwandlung der Dinge konzentriert. Nachdenklichkeit ist ebenfalls ein prozesshaftes Geschehen des Geistes, das sich nicht auf ein Ergebnis, sondern auf den Fluss der Erfahrung selbst richtet.

Jullien betrachtet den Umweg als eine zentrale Strategie der chinesischen Weisheit, um Wirksamkeit zu erzielen – die diskrete Lenkung der Situation, anstatt des energisch zupackenden, direkten Eingriffs des Subjekts. Das literarische Pensif arbeitet ebenfalls indirekt und suggestiv. Es lässt mitschwingen und öffnet Möglichkeiten, statt einen definitiven Sinn zuzuweisen, was eine Form der geistigen ‚Umwegigkeit‘ darstellt. Die Unbestimmtheit, die der Nachdenklichkeit innewohnt, findet ihre Entsprechung in der chinesischen Ästhetik der „fadeur“ ein Ideal des Geschmacks, das sich durch Abwesenheit von Festlegung und starker, definierter Farbe auszeichnet, wodurch es Raum für das Unbegrenzte lässt.

Im Wesentlichen dient das „pensif“ als Beweis dafür, dass auch in der europäischen Kultur eine nicht-konzeptuelle Form des Denkens existiert, die die Disponibilität und Offenheit des chinesischen Denkens teilt und die es ermöglicht, einen „anderen Universalen“ als den abstrakten zu erschließen. Die „fadeur“ als Prinzip der asiatischen Kultur bedeutet auf Deutsch so viel wie Geschmacklosigkeit, Farblosigkeit, Blässe, Ausdruckslosigkeit, Uninteressantheit oder auch Leere, je nach Kontext kann es auch einen Zustand der Banalität oder Sinnlosigkeit meinen. Jullien merkt an, dass die Kultur in China keine Notwendigkeit hatte, das Konzept der „Literatur“ so ausdrücklich zu exponieren, da dort die Abstraktion des Konzepts nicht als die entscheidende Operation des Denkens galt. Der Text („wen“) musste nicht zwischen Literatur und Philosophie getrennt werden, wie es in Europa geschah, wo die Philosophie das abstrakte Universale überhöhte.

Die zentralen Thesen von François Julliens Werk kreisen um die konzeptuelle Etablierung der Nachdenklichkeit als eines eigenständigen, der Literatur immanenten Denkmodus, der sich fundamental vom begrifflichen Denken der Philosophie unterscheidet. Denn Nachdenklichkeit (pensivité) beschreibt einen Zustand, in dem die Gedanken scheinbar losgelassen werden, während das Subjekt tief in ihnen versunken bleibt; dieser Modus operiert vor allem im Nachhinein („après-coup“). Jullien argumentiert, dass die Nachdenklichkeit der Literatur es ihr ermöglicht, das „Leben“ in seiner Existenz und seinen effektiven Möglichkeiten zu denken – etwas, das der Philosophie aufgrund ihrer Fixierung auf das abstrakte „Sein“ und die Bestimmung von „Objekten“ entgehe. Diese literarische Denkweise erschließt ein „intimes Universelles“, das nicht durch Abstraktion von Unterschieden gewonnen wird, sondern durch die Vertiefung der Erfahrung bis zu einem trans-subjektiven, ursprünglichen Kern des Menschlichen, der unmittelbar geteilt und existentiell erfahren wird.

Die berühmte Schlussformel „Et la marquise resta pensive“ aus Balzacs Sarrasine wird als Ausgangspunkt genommen, um zu zeigen, dass Literatur nicht auf Auflösung zielt, sondern auf Offenhaltung von Sinn. Im Gegensatz zu Barthes’ strukturalistischer Analyse (S/Z), die zwar nicht erklärend sein wollte, aber analytisch operiert, verschiebt Jullien den Fokus: Nicht Struktur oder Bedeutung stehen im Zentrum, sondern das Zurücklassen des Lesers im Zustand der Nachdenklichkeit. Literatur eröffnet einen anderen Universalismus als die Philosophie, welche mit einem abstrakten Universalismus operiert. Literatur entfaltet einen intimen, existenziellen Typ von Universalität, dieser macht das denkbar, „was das Denken nicht denken kann“ („ce que la pensée ne peut pas penser“) – also Erfahrungsdimensionen, die sich begrifflicher Erfassung entziehen. Literatur erzeugt Dauerreflexion statt Abschluss. Abschließend vertritt Jullien die These, dass die poetische Nachdenklichkeit – etwa bei Rimbaud – noch radikaler ist als die des Romans. Das Gedicht denkt „en amont“, näher an der Existenz selbst, vor jeder begrifflichen Artikulation. Damit wird Literatur insgesamt als ein Denkraum positioniert, der nicht sekundär zur Philosophie ist, sondern ihr vorausgeht oder sie unterläuft.

De même qu’elle n’est pas soluble en “énoncé”, la poésie pense dans ses blancs et c’est ce qui la rend pensive. Ce blanc est non seulement au bord, mais au sein du poème ; il l’entoure, le traverse, l’irrigue et le déborde. Un poème est toujours découvert comme une stèle retrouvée dans le désert, partiellement effacée par le sable et le vent, et dont on ne peut déchiffrer qu’une partie des mots. Mais en même temps que son texte est manquant, un poème est surabondant, il est à la fois sous- et sur-déterminé : sous-déterminé par ce qu’il n’éclaire pas de la nuit dont il émerge, parce qu’il ne construit pas de sens et n’explique pas. Mais sur-déterminé par le foisonnement de sens qui s’y recèle au point même qu’il ne s’agit plus de “sens” : le poème est (rend) pensif à la fois pour suppléer à son défaut de détermination et parce qu’une “excédance” (“signifiance”) le porte à se déborder.

So wie sie sich nicht in „Aussagen“ auflösen lässt, denkt die Poesie in ihren Leerstellen, und genau das macht sie nachdenklich. Diese Leerstellen befinden sich nicht nur am Rand, sondern auch im Inneren des Gedichts; sie umgeben es, durchziehen es, durchströmen es und sprengen es. Ein Gedicht wird immer wie eine in der Wüste gefundene Stele entdeckt, die teilweise vom Sand und Wind ausgelöscht ist und von der man nur einen Teil der Worte entziffern kann. Aber gleichzeitig mit dem Fehlen seines Textes ist ein Gedicht überreichlich, es ist gleichzeitig unter- und überdeterminiert: unterdeterminiert durch das, was es nicht aus der Nacht, aus der es hervortritt, erhellt, weil es keinen Sinn konstruiert und nicht erklärt. Aber überdeterminiert durch die Fülle an Bedeutungen, die es birgt, bis zu dem Punkt, an dem es sich nicht mehr um „Bedeutung“ handelt: Das Gedicht ist (und macht) nachdenklich, sowohl um seinen Mangel an Bestimmtheit auszugleichen, als auch weil ein „Überschuss“ („Bedeutungsgehalt“) es dazu bringt, überzulaufen.

So wie sie nicht in „Aussagen“ aufgelöst werden kann, denkt die Poesie in ihren Lücken, und das macht sie nachdenklich. Diese Lücke befindet sich nicht nur am Rande, sondern im Inneren des Gedichts; sie umgibt es, durchzieht es, durchströmt es und überflutet es. Ein Gedicht wird immer wie eine in der Wüste gefundene Stele entdeckt, die teilweise vom Sand und Wind ausgelöscht ist und von der man nur einen Teil der Worte entziffern kann. Aber gleichzeitig mit dem Fehlen seines Textes ist ein Gedicht überreichlich, es ist gleichzeitig unter- und überdeterminiert: unterbestimmt durch das, was es nicht erhellt von der Nacht, aus der es hervorgeht, weil es keinen Sinn konstruiert und nichts erklärt. Überdeterminiert jedoch durch die Fülle an Bedeutung, die sich darin verbirgt, sodass es sich nicht mehr um „Bedeutung“ handelt: Das Gedicht ist (macht) nachdenklich, sowohl um seinen Mangel an Bestimmtheit auszugleichen, als auch weil ein „Überschuss“ („Signifikanz“) es dazu bringt, überzulaufen.

Julliens Vorgehensweise ist primär kontrastiv und analytisch-historisch. Methodisch grenzt er die willentliche, frontale Strategie der Philosophie, die ständige Klarheit und Übereinstimmung verlangt, von der ausweichenden, assoziativen Strategie der Literatur ab, deren Denken in Ambiguïtät, Leerstellen und Indexialität operiert. Er führt die zweite Geburt der Literatur (an der Schwelle der europäischen Moderne, 18./19. Jh.) auf den Zusammenbruch der traditionellen Weltordnung zurück, der die Literatur dazu zwang, vom Modus der Repräsentation („mimèsis“) zur Erforschung der unbekannten Subjektivität überzugehen. Literarische Formen wie der Roman untersuchen Leben indirekt durch die Variation imaginärer Möglichkeiten. Die Poesie hingegen erfasst das Flüchtige des Erlebten; ihre Nachdenklichkeit entsteht durch das Wirken von Assonanz und Metapher, die innerhalb des Phänomenalen transportiert und nicht wie die Metaphysik darüber hinaus.

Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Literatur ein autonomes Denkfeld darstellt, dessen „épaisseur“ aus der Nachdenklichkeit entsteht, die das Singuläre und die Affektivität als Träger der gedanklichen Spannung nutzt. Literatur denkt, indem sie das Unbestimmbare („in-caractérisable“) und das Mehrdeutige („ambigu“) zur Geltung bringt, was ihren absoluten Status als Erkunderin des Menschlichen jenseits etablierter Kategorien untermauert. Dies erlaubt die Anerkennung des Lesers, eine nicht-kognitive Wiedererkennung des ursprünglichen Gemeinsamen, welche dem Werk seine Tiefe verleiht.

Der Sinologie Jullien richtet den Vorschlag an die Philosophie, eine innere Revolution zu vollziehen, um das Konzept „zu öffnen, ohne es zu zerstören“. Dies erfordert die strategische Wiederaufnahme des vom logos Verworfenen: des Singulären, des Mehrdeutigen und der fruchtbaren Kontradiktion. Konzepte sollen nicht nur abstrahieren, sondern als „Intensivierer“ („intensificateurs“) der Erfahrung dienen, die das Leben mobilisieren, anstatt es zu verdinglichen. Der Philosoph muss zudem seine Schrift als Ort der philosophischen Arbeit anerkennen, indem er die Sprache erfinderisch nutzt und sie gegen ihre eigenen logisch verfestigten Spuren wendet, um die Gedankenbahn der Nachdenklichkeit für eine Philosophie des Lebens zu integrieren.

Kapitelweise Lektüre

Einleitung/Vorwort

Jullien führt den Begriff „pensif“ (nachdenklich) als ein von der traditionellen Philosophie vernachlässigtes Wort ein. Nachdenklichkeit beschreibt einen Zustand, in dem die Gedanken losgelassen werden, man aber gleichzeitig in ihnen versunken ist. Diese Art des Denkens, die sich anscheinend entspannt, uns aber nicht loslässt, könnte den eigentlichen Denkmodus der Literatur ausdrücken. Durch die Untersuchung, wie ein Roman oder ein Gedicht denkt, soll ein anderes Universelles als die abstrakte Universalität westlicher Philosophie sichtbar gemacht werden. Jullien stellt die Frage, ob die Literatur, gerade weil sie nachdenklich ist, das Leben denken kann, was der Philosophie so oft entgangen ist.

ET LA MARQUISE RESTA PENSIVE

Das erste Kapitel untersucht die Kraft der Nachdenklichkeit am Beispiel des Schlusssatzes von Balzacs Sarrasine: „Und die Marquise blieb nachdenklich“. Dieser Schluss ist keine endgültige „Konklusion“, sondern der Beginn eines unendlichen, vagen Denkprozesses über das Wesen des Lebens – seine Unerbittlichkeit und die daraus resultierenden Desillusionen. Die nachdenkliche Haltung (Pensivité) erlaubt es, mehr zu erfassen, gerade weil sie das Gedachte unbestimmt lässt und nicht versucht, es in einen präzisen „Gegenstand“ zu fassen.

Nachdenklichkeit ist paradox: Sie bedeutet sowohl einen Rückzug von der gewöhnlichen Denkweise als auch eine umso größere Entfaltung der Gedanken, die ihren eigenen Weg gehen. Sie ist vage, aber hartnäckig und nimmt tiefer in Anspruch, als es bloßes „Denken“ tun würde. Dies verdeutlicht den Unterschied zwischen dem aktiven, zielgerichteten Denken und dem nachdenklichen Modus. Die bleibende Nachdenklichkeit nach dem Ende einer Lektüre kennzeichnet einen „wahren Roman“. Im Gegensatz zur Philosophie, die sofortige Klarheit und Übereinstimmung erfordert, entfaltet sich das Denken in der Literatur oft im Nachhinein (après-coup), bleibt unvollendet und regt dadurch unaufhörlich zum Weiterdenken an. Das Deutsche nachdenklich betont dieses „Nach-Denken“ in zeitlicher und quasi-räumlicher Hinsicht (das Verweilen bei dem, wonach zu denken die Literatur anregt).

Die traditionelle Philosophie ist durch die Sprache des Seins geprägt, die alles bestimmt und zuordnet und einen stabilen „Gegenstand“ des Denkens schaffen will. Literatur hingegen denkt das, was sich nicht bestimmen und zuordnen lässt, was ihre essentielle Ausweichlichkeit („évasivité“) ausmacht. Mallarmés Bild der sich auflösenden Rauchkringel dient als Metapher für diese „pensivité“: Der literarische Text verlängert sich und diffundiert in aufeinanderfolgenden Wellen, während ein „zu präziser Sinn […] die vage Literatur durchstreicht“. Eng damit verbunden ist die Anspielung, die nahe an das heranspielt, was gesagt werden soll, ohne es festzulegen.

Die nachdenkliche Gedankenführung der Literatur ist nicht streng willentlich. Im Gegensatz zur frontalen Strategie der Philosophie ist die Literatur oblique. Die Philosophie denkt, um zu denken, was sie einengt; die Literatur denkt, indem sie etwas anderes tut (erzählt, evoziert). Sie gibt zu denken, indem sie das Nicht-Zuordenbare („in-assignable“) erfasst, was durch Kodifizierung verloren ginge. Im Gegensatz zur Philosophie, die trennt, um zu bestimmen, übernimmt die Literatur die Mehrdeutigkeit von Gefühlen und Situationen. Die Affektivität ist ein zentraler Träger des nachdenklichen Denkens, da Emotionen die Gedanken in einer Spannung halten, die sich nicht auflösen lässt.

Die fünf Hauptmerkmale, die den Denkmodus der literarischen Nachdenklichkeit („pensivité“) konstituieren, sind die Indirektheit, die Schrägstellung, die Indexikalität, die Mehrdeutigkeit und die Affektivität. Die Indirektheit („évasivité“) ist die essentielle Natur der Literatur, da sie dasjenige denkt, was sich nicht bestimmen und zuordnen lässt, wodurch der Sinn sich verlängert und zerstreut. Die Schrägstellung („obliquité“) beschreibt, dass die Literatur nicht frontal handelt, um zu denken handelt, sondern denkt, indem sie etwas anderes tut (erzählt oder evoziert) und so das Denken aus der direkten Begrifflichkeit befreit. Die Indexikalität („indicialité“) wirkt, indem scheinbar anekdotische Züge oder Merkmale als Spuren („indice“) auf etwas hinweisen, das sich nicht vollständig bezeichnen lässt, und dadurch eine denkende Expansivität bewirken. Die Mehrdeutigkeit („ambiguïté“) wird zur Nachdenklichkeit, weil die Literatur es ablehnt, zwischen Gegensätzen zu entscheiden („trancher“), wodurch die Gedanken in einem unentschiedenen und ungeteilten Zustand gehalten werden. Die Affektivität ist der Träger des nachdenklichen Denkens, da Emotionen mit Gedanken durchdrungen sind und diese unter einer Spannung halten, die sich nicht auflöst.

NAISSANCES DE LA LITTÉRATURE

Die Literatur wurde laut Jullien zweimal geboren: einmal früh und spontan (als Epik, Tragödie etc.) und einmal spät, an der Schwelle zur europäischen Moderne (18./19. Jahrhundert), als sie ihren Namen „Literatur“ und ihr Konzept fand. Diese zweite Geburt korreliert mit dem Aufkommen der Nachdenklichkeit, der Entdeckung einer tieferen Subjektivität und der Verunendlichung des Denkens. Während die Philosophie ihren Namen früh erhielt, fehlte lange Zeit ein globales Konzept für die gesamte Wortkomposition; Aristoteles bemerkte dies in seiner Poetik. Der Begriff „Literatur“ musste sich vom lateinischen „Geschriebenes“ und später von den „Belles-lettres“ (Schöne Literatur) befreien, die sie dem Geschmack unterordneten. Die Ablegung des dekorativen Epithets „schön“ markierte ihren Durchbruch zur autonomen Funktion.

Die wesentliche Voraussetzung für die Geburt der Literatur war der Zusammenbruch der Vorstellung einer Ordnung der Welt. Ohne ein extern verankertes Fundament (Sein, Gott, Natur, feste menschliche Natur) für das Denken,, konnte die Literatur nicht länger bloß Repräsentation („mimèsis“) sein, sondern wurde zum notwendigen Erforscher des Menschen zwischen Chaos und unendlichen Möglichkeiten.

Die Literatur stieg zu einem absoluten Status auf, indem sie sich von jeder externen Wahrheit löste. Sie hat die Aufgabe, „das Leben“ in seiner Existenz zu entschlüsseln, bevor es die Philosophie in fixen „Wahrheiten“ kodifiziert. Der Satz „Das wahre Leben ist die Literatur“ (Proust) bezeugt diesen absoluten Status. Die Literatur löste sich auch von den formalen Regeln der literarischen Gattungen. Die „Moderne“ bedeutete nun nicht nur eine Erneuerung gegenüber der Vergangenheit, sondern einen absoluten Bruch, der das Unerhörte und Neue markierte. Große Autoren wie Balzac und Stendhal setzten diesen Bruch fort, indem sie eine Subjektivität entwickelten, die über den „Charakter“ hinausging.

Die Subjektivität in der Literatur geht über das intellektuelle „Ich denke“ des philosophischen Subjekts hinaus; das Subjekt der Nachdenklichkeit ist existenziell. Da die Subjektivität tiefer in das Leben und die Welt eintaucht und von unendlicher Sehnsucht durchdrungen ist, ist ihr Denken notwendigerweise evasiv. Die Romantik nahm zeitgleich mit der Geburt der Literatur diese unendliche Subjektivität bewusst in den Blick, die bereits das Christentum im Menschen eröffnet hatte. Im Gegensatz zur Darstellung von „Typen“ oder „Charakteren“ in früheren Gattungen, wurde nun das „Innerste“ des Subjekts erforscht – das Uncharakterisierbare. Die Erfahrung des „Verlassens“ angesichts des Todes legt dieses tiefere Innere frei, was unerschöpflichen Stoff für Nachdenklichkeit liefert. Die Vagheit der literarischen Sprache, die die „Allusion hin zum Unendlichen“ zulässt, wird so zur legitimen Bedingung des Denkens.

Das Konzept der Literatur verbreitete sich global (dritte Geburt), was die traditionelle europäische Vorstellung, die Philosophie (Logos) habe die Literatur (Mythos) überwunden, infrage stellt. Durch die Öffnung für die Nachdenklichkeit ist der Denkbereich so erweitert und vertieft, dass die Philosophie die Literatur nicht mehr „überholt“.

COMMENT PENSE UN ROMAN, UN POÈME?

Die Nachdenklichkeit der Literatur rührt daher, dass sie die gesamte Bandbreite dessen, was „Denken“ bedeuten kann, umfasst – vom Zweifel bis zum Fühlen und Vorstellen („imaginer / sentir“), während die Philosophie davon abstrahiert. Literatur ermöglicht es, über „andere Leben“ nachzudenken, wodurch das Denken über das eigene Leben hinaus erweitert wird. Der Roman denkt indirekt. Seine Nachdenklichkeit entsteht aus seiner strukturellen Beschaffenheit, der Matrix (Verhältnis von „Ich“ und „Welt“) und dem operierenden Dispositiv (Anordnung struktureller Elemente). Der Roman ist ein Erforscher der effektiven Möglichkeiten des Lebens und ihrer Grenzen, indem er imaginäre Variationen durchspielt (etwa Balzac und Tolstoi).

Ein narrativer Mechanismus wie der des nicht vollzogenen Ehebruchs (wie in Balzacs Le Lys dans la vallée oder Fromentins Dominique) ist besonders fruchtbar, weil die Aufrechterhaltung der Grenze und die daraus resultierende Spannung das Wagnis des Menschlichen bis zum Äußersten ausloten. Der Roman, der das Denken nicht vollständig kontrolliert und artikuliert, sondern „flüssig“ hält, gibt zu denken. Die Nachdenklichkeit eines Romans ist ein Kriterium für dessen Qualität; alles in ihm denkt (Konstruktion, Charaktere, Episoden). Ein Roman ohne Nachdenklichkeit (wie Dumas‘ Monte-Cristo) bietet lediglich Unterhaltung ohne bleibenden Rest für das Denken.

Während der Roman die Möglichkeiten des Lebens erforscht („explore“), erfasst („capte“) die Poesie das Flüchtige des Erlebten. Die Poesie erfasst den Augenblick, indem sie das, was der „Strom des Lebens“ mit sich reißen würde, als Denken festhält. Das Gedicht „bildet ab“ („image“), während der Roman „sich vorstellt“ („imagine“). Wahre Poesie unterscheidet sich von bloß gereimter Rede. Sie entsteht, wenn sie nachdenklich denkt. Das Gedicht denkt in seinen Leerstellen. Es ist unterbestimmt durch das Dunkel, dem es entstammt, aber überbestimmt durch die Fülle des Sinns, die es birgt.

Eine zentrale Quelle der Nachdenklichkeit ist das Nachspiel des Begehrens oder der Freude, wenn das Denken nicht mehr auf einen Gegenstand fixiert ist und sich in die Vagheit und das So-Sein der Existenz vertieft – oft konfrontiert mit der Leere oder dem Überdruss („ennui“). Im Gegensatz zur Metaphysik, die einen „Jenseits“ („au-delà“) durch Abstraktion konstruiert, gräbt die Poesie ein Jenseits tief im Herzen des Sinnlichen.

Der Raum der Nachdenklichkeit im Gedicht entsteht durch das Subtile, Flüchtige. Das Gedicht nutzt Korrelation und Montage (Parataxe), um Themen und Motive zu verflechten und interagieren zu lassen. Es entzieht sich der Sprache des Seins und dem Dualismus von Denken und Fühlen, indem es nicht abstrakt, sondern flüchtig („évanescent“) ist. Die Assonanz und die bildgebende Funktion der Poesie, insbesondere die Metapher, sind die wichtigsten Elemente für die Generierung von Nachdenklichkeit. Die Metapher transportiert und verlagert innerhalb der Welt („meta-phora“), im Gegensatz zur Metaphysik, die jenseits („meta“) der Welt operiert.

UNIVERSEL ABSTRAIT, UNIVERSEL INTIME

Die Nachdenklichkeit der Literatur beruht darauf, dass sie ein intimes Universales entfaltet, das sich vom abstrakten Universal der Philosophie unterscheidet. Das abstrakte Universal wird durch Überwindung der Differenzen gewonnen. Das intime Universal hingegen entsteht durch die Vertiefung der Erfahrung bis zu einem gemeinsamen Kern, der im Innersten aller Erfahrungen geteilt wird.

Die Philosophie hat sich dem universellen Begriff verschrieben und dabei das Singuläre („hekastos“) der Existenz vernachlässigt, das die Literatur wieder aufnimmt. Das Singuläre ist nicht dialektisierbar und kann nicht „überwunden“ werden. Das Intime meint sowohl das Innerste des eigenen Selbst als auch die tiefste, unmittelbar geteilte Verbindung mit dem Anderen. Dieses intime Universal ist konstitutiv für das Menschliche. Es ist kein Universales des Geistes (der Vernunft), sondern des Menschseins des Menschen. Es ist unpersönlich und trans-subjektiv.

Die Möglichkeit des Intimen stellt die philosophische Annahme des Solipsismus (der Glaube, dass der Zugang zum Bewusstsein des Anderen nur indirekt, durch Analogie, möglich ist) infrage. Im Intimen löst sich die Grenze zwischen den Subjekten auf, und es wird „Bewusstsein“ geteilt, das keine Eigenschaft eines „Ich“ mehr ist. Die Literatur investiert diesen transzendentalen unpersönlichen Bereich des Bewusstseins.

Die Philosophie scheitert oft daran, den Anderen als singuläres Wesen zu erfassen, weil sie ihn sofort in die Kategorie des „Anderen“ einordnet. Der Roman vollbringt das Wunder, den Einzelnen in seiner Existenz lebendig werden zu lassen (z. B. Julien Sorel, Mme de Rênal) und den Leser intim an seinem singulären Schicksal teilhaben zu lassen. Baudelaire beschwört diesen unpersönlichen „Wir“-Zustand, der die menschliche Verfassung präsidiert, in der Eröffnung von Baudelaires Fleurs du mal.

Das intime Universale macht die traditionellen literarischen Konzepte wie „menschliche Wahrheit“ und „Aufrichtigkeit“ hinfällig, da diese auf der nicht mehr haltbaren Metaphysik einer festen menschlichen Natur beruhten. Die Literatur ermöglicht eine Anerkennung („reconnaissance“) – nicht im Sinne einer kognitiven Identifizierung („mimèsis“), sondern eines Wiedererkennens eines ursprünglichen Gemeinsamen des Menschlichen. Der Genuss entspringt dem Gefühl, ein tieferes Inneres des Menschlichen zu erfahren, das man nicht vollständig denken, aber unendlich nachdenklich erleben kann.

RELÈVE DE LA PHILOSOPHIE OU COMMENT OUVRIR LE CONCEPT

Die Philosophie muss eine innere Revolution vollziehen und versuchen, das wiederzugewinnen, was sie für das Abstrakte fallen gelassen hat: das Singuläre, das Mehrdeutige und den Widerspruch. Ihr Ziel muss es sein, „das Konzept zu öffnen, ohne es zu zerstören“. Das Konzept muss dem widerstandsfähigsten Element der Erfahrung ausgesetzt werden. Dazu muss die Philosophie strategisch vorgehen, Facetten und Sinuskurven akzeptieren (als „Essay“ statt als Abhandlung) und sich auf das „Kleine“ vertiefen, das die Realität enthält (Proust).

Die klassische Philosophie hat das Mehrdeutige geächtet. Die Literatur hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ambiguität zu erforschen, z. B. dass Liebe auch Hass ist („hainamoration“). Um Leben denken zu können, muss die Philosophie der fruchtbaren Kontradiktion einen legitimen Status einräumen. Das Leben ist paradox. Im Gegensatz zur Dialektik Hegels, die den Widerspruch überwindet, muss die Philosophie den Widerspruch im Konzept von Leben zulassen, damit es sich aus der Bestimmung befreit, die es verdinglicht. Die Konzepte des Lebens müssen als Intensivierer der Erfahrung dienen, die das Leben mobilisieren.

Das Diktum, die Philosophie achte nur darauf, was gedacht wird, nicht darauf, wie es gesagt wird, ist falsch. Ein Philosoph muss ein Schriftsteller sein, nicht durch das Verfassen von Literatur, sondern weil seine philosophische Aktivität durch das Schreiben befördert wird. Der Satz des Philosophen ist seine Art, das Denken zu fassen, zu verknüpfen und zu entfalten – er ist das Zeichen seiner Philosophie. Der Philosoph muss die Sprache erfinderisch nutzen und sie gegen sich selbst kehren, um das Denken aus der etablierten sprachlichen Spur zu befreien. Das Denken geschieht in der Sprache und gegen die Sprache. Durch die Öffnung des Konzepts für das Kleine, das Mehrdeutige und den Widerspruch erneuert die Philosophie ihre Anforderung und kann das Leben denken. Der Genuss in der Philosophie liegt im Gewinn an effektivem Denken und in der „Ergreifung“ des Lebens durch den Begriff.

Schluss

Die Parataxe (die Aneinanderreihung von Satzteilen ohne explizite, logische Verknüpfung) in asiatischen Sprachen, insbesondere im Chinesischen, ist gemäß dem Sinologen Jullien strukturell mit der Nachdenklichkeit der Literatur verbunden. Die Verbindung besteht darin, dass eine Sprache, die eminent parataktisch ist, am besten für die poetische Entfaltung geeignet ist. Während die Syntax (die grammatikalische Regelung der Satzstruktur), die die Poesie töten würde, in den Hintergrund tritt, stützt sich die Poesie auf die Parataxe, bei der die Elemente nebeneinandergestellt werden, ohne dass ihre Verknüpfung oder Kodifizierung notwendig wird.

Im poetischen Werk, das in einem solchen parataktischen Rahmen operiert, wird die Pensivität strukturell im funktionellen Zusammenspiel der Elemente generiert. Die Juxtaposition von Motiven oder Bildern, ohne sie durch eine präzise Syntax logisch zu verketten, lässt einen Zwischenraum entstehen, in dem die Gedanken frei schweben und sich entfalten können.

Die asiatische, insbesondere die chinesische, poetische Tradition, die auf diese Weise die Parataxe ausschöpft, wurde nicht durch die Notwendigkeit behindert, sich von der Sprache des Seins zu befreien, wie es die europäische Tradition tun musste. Die europäische Tradition musste gegen die Dominanz der Ontologie und die ausschließliche Vernunft, die trennt und zuordnet, revoltieren, um das Poesie-Ideal der Pensivität zu erreichen. Im Gegensatz dazu bot eine parataktische Sprache den geeigneten strukturellen Rahmen, in dem die Nachdenklichkeit als eine den Sinn evasiv und allusiv entfaltende Dimension des Denkens entstehen konnte.

Wir alle sollten lesen, so Jullien, weil die Literatur den einzigartigen Modus der Nachdenklichkeit entfaltet, der uns in einen tiefen, absorbierenden Denkprozess hineinzieht, der sich wie ein Einsinken in einen Brunnen anfühlt, aus dem wir uns nicht mehr lösen können. Diese „pensivité“ ermöglicht es uns, über das Leben selbst nachzudenken, jenes Nicht-Zuordenbare, das der Philosophie aufgrund ihrer Fixierung auf abstrakte Begriffe entgeht. Indem wir lesen, lösen wir uns von der Enge unseres eigenen „Lebenslosen“ und beginnen, „andere Leben als das eigene“ zu denken, wodurch wir uns innerlich restrukturieren und uns als Subjekt der Subjektivität erfahren. Das größte Geschenk der Lektüre ist dabei die Erschließung des „intimen Universalen“, eines universellen Kerns der Menschlichkeit, der nicht durch Abstraktion, sondern durch tiefste emotionale Erfahrung und unmittelbare Verbundenheit geteilt wird, und uns ein Vergnügen schenkt, das über bloße Zerstreuung hinausgeht. Philosophen sollten die Lektüre als strategische Notwendigkeit begreifen, denn die Literatur hält ihnen einen Spiegel vor, der zeigt, was der philosophische Denker verloren hat: das Denken des Lebens. Nur durch die Konfrontation mit der Nachdenklichkeit, so Jullien, kann die Philosophie das Konzept „öffnen, ohne es zu zerstören“, indem sie das Singuläre, die Mehrdeutigkeit und die fruchtbare Widersprüchlichkeit in ihr Denken integriert, um das existenzielle Denken zurückzugewinnen und eine Kraft zu entfalten, die das Leben mobilisiert.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Literatur als eigenständige Denkform: François Jullien." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2025. Accessed on März 16, 2026 at 22:27. https://rentree.de/2025/12/15/literatur-als-eigenstaendige-denkform-francois-jullien/.

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