Roman der franko-rumänischen Freundschaft: Cătălin Mihuleac

Verletzlichkeit kultureller Bindungen

Sibou fut retenu et on lui proposa un poste diplomatique à Iaşi, la ville la plus francophone de Roumanie, la petite-fille la plus nécessiteuse de la France. Le consul Sibou était monté sans efforts sur le socle diplomatique de Iaşi, où il avait noué de chaleureuses relations avec les responsables locaux, ce qui n’avait rien d’un exploit si l’on considère que l’émancipation locale s’était faite sous la houlette française. L’Hôtel Traian devait son éclat à Gustave Eiffel, le réseau d’eau potable était l’œuvre de Charles Chaigneau – l’ingénieur en chef de la ville –, et des artistes comme Sarah Bernhardt se produisaient sur la scène du théâtre des Variétés de la troupe Fouraux. À l’échelle nationale, l’union des deux principautés – Moldavie et Valachie – ainsi que la reconnaissance du nouvel État roumain en 1859 avaient été réalisées grâce au soutien français. « Là où flotte le drapeau français vibre la sympathie des Roumains », soulignait avec justesse un homme politique de cette époque. La sympathie des habitants de Iaşi pour la France dépassait la moyenne du pays.

Sibou wurde ausgewählt und ihm wurde eine diplomatische Stelle in Iaşi angeboten, der französischsprachigsten Stadt Rumäniens und der bedürftigsten „Enkelin” Frankreichs. Konsul Sibou hatte mühelos den diplomatischen Sockel von Iaşi erklommen, wo er herzliche Beziehungen zu den lokalen Verantwortlichen geknüpft hatte – was angesichts der Tatsache, dass die lokale Emanzipation unter französischer Führung stattgefunden hatte, keine große Leistung war. Das Hotel Traian verdankte seinen Glanz Gustave Eiffel, das Trinkwassernetz war das Werk von Charles Chaigneau, dem Chefingenieur der Stadt, und Künstler wie Sarah Bernhardt traten auf der Bühne des Varietés-Theaters der Fouraux-Truppe auf. Auf nationaler Ebene waren die Vereinigung der beiden Fürstentümer Moldau und Walachei sowie die Anerkennung des neuen rumänischen Staates im Jahr 1859 dank der Unterstützung Frankreichs zustande gekommen. „Wo die französische Flagge weht, schwingt die Sympathie der Rumänen mit“, betonte ein Politiker dieser Zeit treffend. Die Sympathie der Einwohner von Iași für Frankreich lag über dem Landesdurchschnitt.

Die Passage verdeutlicht die tief verwurzelte Frankophilie des rumänischen Bürgertums im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Iași wird darin nicht nur als Stadt, sondern als „bedürftiges Enkelkind“ Frankreichs beschrieben, was die asymmetrische, aber liebevolle Beziehung betont. Der Roman zeigt, dass die Modernisierung Rumäniens – von der Architektur Eiffels bis hin zur diplomatischen Anerkennung des Staates – untrennbar mit französischem Einfluss verbunden war.

Obwohl Cătălin Mihuleacs Les Demoiselles de Fontaine (frz. 2025) im Original auf Rumänisch verfasst wurde (unter dem Titel Poziția a unsprezecea și Domnișoarele lui Fontaine, übersetzt von Marily Le Nir), kann man es aufgrund seiner tiefen thematischen und kulturellen DNA durchaus als „französischen“ Roman begreifen. Er wird als der „große Roman der franko-rumänischen Verbrüderung“ beschrieben und rückt mit dem jungen Offizier Marcel Fontaine eine französische Identifikationsfigur ins Zentrum, deren Leben durch die historische Mission Berthelot und eine jahrzehntelange Lehrtätigkeit untrennbar mit Rumänien verwoben bleibt. Die Erzählung atmet den Geist der Frankophilie, die besonders in Iași – der laut Buch „frankophonsten Stadt Rumäniens“ – durch französische Einflüsse von Gustave Eiffel bis Sarah Bernhardt das Stadtbild und die Elite prägte. Zudem thematisiert der Roman die tragische Verfolgung der „Demoiselles de Fontaine“ durch das kommunistische Regime, die gerade ihrer Bindung zur französischen Sprache und westlichen Kultur geschuldet war. Dies macht das Werk zu einem literarischen Denkmal für den französischen Einfluss in Osteuropa. Schließlich wird diese duale Identität dadurch unterstrichen, dass Fontaine selbst nach seiner Ausweisung von Paris aus über die Sendung „L’Heure de la Roumanie“ weiterhin die moralische und kulturelle Brücke zwischen beiden Nationen verkörperte.

Les Demoiselles de Fontaine erzählt vordergründig die Geschichte einer außergewöhnlichen französisch-rumänischen Freundschaft, die sich vom Ersten Weltkrieg bis in die frühe kommunistische Nachkriegszeit erstreckt, und verfolgt zugleich das Schicksal jener Menschen, die durch ihre kulturelle Nähe zu Frankreich geprägt wurden. Die Handlung entfaltet sich entlang des französischen Offiziers und späteren Hochschullehrers Marcel Fontaine, der in Rumänien wirkt, sowie seines rumänischen Vertrauten Petru Negru. Episoden aus Krieg, Alltagsleben, Liebe und Unterricht fügen sich zu einer lose gefügten Chronik, die weniger auf dramatische Zuspitzung als auf sinnstiftende Konstellationen abzielt. Erzählerisch verbindet der Roman Märchenhaftes, Groteskes und Historisches, um zu zeigen, wie individuelles Handeln in größere geschichtliche Prozesse eingebettet ist. Die Handlung folgt einer Logik der Erfahrung: Begegnungen, Loyalitäten und Verluste strukturieren den Text stärker als politische Zäsuren.

J’expliquai à François que le thème du bébé qui refuse de naître tant qu’on ne lui promet pas une fée ou une princesse pour épouse était spécifiquement roumain. Mais l’échantillon folklorique de la voyageuse de ce train exigeait un héros non conformiste d’envergure continentale. C’était plus qu’un simple conte, il contenait des germes d’unité européenne. Un fiancé roumain, une fiancée franco-allemande… Que voulez-vous de plus ? Tu vois, François, la demande du héros de ce conte rend hommage à l’imagination populaire, car elle s’exprime dans un monde rural régi par des préjugés et des traditions barbares. À l’échelle nationale, ce modèle existe déjà, si l’on songe que la Roumanie francophone avait mis sur le trône un roi d’origine allemande… Mais exiger une princesse de nationalité différente, cela m’a l’air d’une forme de bravoure, peut-être même suprême !

Ich erklärte François, dass das Thema des Babys, das sich weigert, geboren zu werden, solange man ihm keine Fee oder Prinzessin zur Frau verspricht, spezifisch rumänisch ist. Aber das folkloristische Beispiel der Reisenden in diesem Zug verlangte nach einem nonkonformistischen Helden von kontinentaler Bedeutung. Es war mehr als nur ein Märchen, es enthielt den Keim der europäischen Einheit. Ein rumänischer Verlobter, eine deutsch-französische Verlobte … Was will man mehr? Siehst du, François, die Forderung des Helden dieser Geschichte ist eine Hommage an die Volksphantasie. Denn sie drückt sich in einer ländlichen Welt aus, die von Vorurteilen und barbarischen Traditionen geprägt ist. Auf nationaler Ebene gibt es dieses Modell bereits: Das französischsprachige Rumänien hat einen König deutscher Herkunft auf den Thron gesetzt … Aber eine Prinzessin einer anderen Nationalität zu verlangen, scheint mir eine Form von Tapferkeit zu sein, vielleicht sogar die höchste!

In der Rahmenhandlung des Romans wird das Verhältnis zu Europa durch ein Märchen symbolisiert. Die Forderung des ungeborenen Kindes nach einer „franko-deutschen“ Braut spiegelt Rumäniens Wunsch wider, Teil einer größeren, europäischen Identität zu sein. Der Erzähler zieht eine Parallele zur realen Geschichte: Ein frankophones Land wählt einen deutschen König (Karol I.), um Modernität und Neutralität zu sichern. Dieses Märchen bildet ein Leitmotiv für den gesamten Roman: Die Verbindung der Kulturen wird als ein Akt der „Tapferkeit“ gegen die „barbarischen Vorurteile“ der Isolation dargestellt.

Thematisch erzählt Les Demoiselles de Fontaine die Geschichte eines europäischen Versprechens, das gegeben, geglaubt und schließlich gebrochen wird. Dabei wird die Frage aufgeworfen, ob kulturelle Nähe, Bildung und moralische Integrität ausreichen, um Geschichte menschlicher zu gestalten. Frankreich erscheint so als Projektionsfläche von Modernität und Humanismus, Rumänien als Raum der Aneignung, aber auch der Ernüchterung. Der Roman zeigt, wie Werte über Generationen weitergegeben werden – und wie schnell sie durch einen Systemwechsel kriminalisiert werden können. In diesem Sinne ist der Text weniger ein historischer Roman als eine Reflexion über Verantwortung, Erinnerung und die Verletzlichkeit kultureller Bindungen. Die erzählte Geschichte ist letztlich die eines Scheiterns ohne Schuld. Nicht die Menschen versagen, sondern die politischen Ordnungen, die ihre Loyalitäten und Hoffnungen nicht tragen können. Zugleich verhandelt der Text grundlegende epochale Problemlagen Europas: das Scheitern universalistischer Werte angesichts totalitärer Systeme, die Fragilität kultureller Transferprozesse, die moralische Zumutung politischer Anpassung und die Frage, wer die Kosten historischer Umbrüche trägt. So erzählt der Roman weniger „die“ Geschichte Rumäniens oder Frankreichs als vielmehr eine europäische Erfahrung von Hoffnung, Bruch und Erinnerung, die das 20. Jahrhundert insgesamt prägt.

Cătălin Mihuleac entwirft hier ein vielschichtiges Panorama der französisch-rumänischen Beziehungen, das weit über eine bloße historische Freundschaftserzählung hinausgeht. Die Beziehungen zwischen Frankreich und Rumänien erscheinen darin als kulturelles Projekt, als moralische Hoffnung, aber auch als fragile Konstruktion, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer wieder unter politischen und ideologischen Druck gerät.

Von Beginn an ist Frankreich im Roman weniger ein realer Staat als vielmehr ein kulturelles Ideal. Die Figur des französischen Offiziers Marcel Fontaine verkörpert die tief in der rumänischen Geschichte verankerte frankophile Sehnsucht. Frankreich steht für Bildung, Rationalität, Humanismus und eine europäische Orientierung, die Rumänien aus dem Spannungsfeld zwischen russischem Einfluss und eigener politischer Instabilität herausführen soll. Mihuleac greift damit ein historisch belegtes Phänomen auf: die Rolle Frankreichs als kulturelles Vorbild der rumänischen Eliten seit dem 19. Jahrhundert.

Eine besonders bedeutende Rolle spielt dabei die französische Sprache. Fontaine unterrichtet Französisch, und seine Schülerinnen – die „Demoiselles de Fontaine“ – werden zu Trägerinnen einer kulturellen Nähe zu Frankreich. Sprache wirkt hier sowohl als Medium der Zugehörigkeit, als auch als Gefahr. Unter dem kommunistischen Regime wird genau diese Nähe zur französischen Kultur zum Verdachtsmoment, das Verfolgung und Repression nach sich zieht. Dadurch erhalten die französisch-rumänischen Beziehungen eine tragische Dimension: Was einst als kulturelles Kapital galt, wird später zur Belastung. Mihuleac zeigt eindrücklich, wie politische Systeme kulturelle Bindungen umdeuten und instrumentalisieren. Frankreich bleibt im Gedächtnis der Figuren ein moralischer Referenzpunkt, während der rumänische Staat diese Erinnerung als Bedrohung behandelt.

Im Roman wird diese Frankophilie jedoch nicht idealisiert, sondern narrativ kritisch beleuchtet. Fontaine bringt französische Werte in ein Umfeld, das von archaischen Hierarchien, Gewaltstrukturen und Korruption geprägt ist. Die französisch-rumänische Beziehung erscheint somit als asymmetrischer Dialog. Frankreich agiert dabei als Lehrer, Rumänien als lernwilliger, aber widerspenstiger Schüler.

Cătălin Mihuleac wurde 1960 in Iași, einer Stadt im Nordosten Rumäniens, geboren. Im Roman wird sie als „frankophonste Stadt“ des Landes und kulturelles Zentrum gewürdigt. Er begann sein Berufsleben mit einem Studium der Geographie, Geologie und Biologie und arbeitete ein halbes Jahrzehnt lang als Geologe. Erst nach dem Sturz des kommunistischen Regimes im Jahr 1989 schlug er eine Laufbahn als Journalist für verschiedene Zeitungen und Radiosender ein. Diese doppelte Perspektive – der analytische Blick des Naturwissenschaftlers und die spitze Feder des Journalisten – prägt seinen literarischen Stil bis heute. Mihuleac begann seine schriftstellerische Karriere mit satirischen Texten, die seinen Ruf als scharfzüngiger Beobachter festigten. Seinen internationalen Durchbruch schaffte er mit dem Roman Oxenberg & Bernstein (frz. Les Oxenberg & les Bernstein), für den er unter anderem den renommierten Prix Transfuge für den besten europäischen Roman erhielt. Mit diesem Werk etablierte er sich als eine Stimme, die auch die schmerzhaftesten Kapitel der rumänischen Geschichte mit einer Mischung aus historischer Genauigkeit und literarischer Brillanz aufarbeitet.

Die Romane Les Oxenberg & les Bernstein und Les Demoiselles de Fontaine weisen Gemeinsamkeiten in ihrer Struktur und ihrem Blick auf die rumänische Geschichte auf, indem sie beide Iași als zentralen Schauplatz einer verlorenen Welt wählen. Beide Werke nutzen eine duale Erzählstruktur, die tragische Ereignisse des 20. Jahrhunderts (das Pogrom von 1941 bzw. den Ersten Weltkrieg und die kommunistische Repression) mit einer modernen Rahmenhandlung im 21. Jahrhundert verknüpft. Mihuleac verbindet in beiden Büchern historische Härte mit beißender Satire, um nationale Tabus und Traumata wie den Antisemitismus oder die moralische Korruption unter sowjetischem Einfluss aufzuarbeiten. Zentral ist in beiden Fällen das Thema der Migration und des Exils, sei es die Flucht jüdischer Familien nach Amerika oder die erzwungene Ausweisung französischer Intellektueller.

Die Unterschiede liegen vor allem in der Art der historischen Tragödie, die Mihuleac als Linse für die rumänische Identität nutzt. Während Les Oxenberg & les Bernstein sich auf den Holocaust und das Pogrom von Iași 1941 konzentriert, thematisiert Les Demoiselles de Fontaine die franko-rumänische Verbrüderung und deren gewaltsames Ende durch die Sowjetisierung und Russifizierung nach 1947. Ein wesentlicher Unterschied liegt in der tragenden Metaphorik: Der Oxenberg-Roman nutzt den Handel mit Second-Hand-Kleidung als Sinnbild für eine Vergangenheit, die zur Handelsware oder zum Ballast werden kann. Im Gegensatz dazu dienen in Les Demoiselles de Fontaine die Folklore und die französische Sprache als Anker für eine Identität, die unter dem Kommunismus zur Gefahr wird. Dies macht die „moralische Geradlinigkeit“ der Protagonisten zur „akrobatischsten Position“ ihrer Zeit.

Epochenprobleme und ihre Symbolisierung

Erster Weltkrieg

Der Roman Les Demoiselles de Fontaine entfaltet seine Handlung vor dem Hintergrund mehrerer zentraler historischer Ereignisse des 20. Jahrhunderts, die zugleich als Epochenprobleme Europas reflektiert werden. Die Rahmenhandlung des Romans spielt im Jahr 2018, als der französische Universitätsprofessor François Bertrand, nach Moldawien reist, um rumänische Folklore zu studieren. Dies zeigt eine Rückkehr zu einem wissenschaftlich-kulturellen Austausch in einem geeinten Europa, wobei die alten Legenden über die franco-rumänische Verbindung (wie das Märchen von der französisch-deutschen Prinzessin) fortbestehen.

Historischer Ausgangspunkt ist der Erste Weltkrieg, konkret die französische Militärmission in Rumänien unter der Leitung von General Henri Mathias Berthelot. Nachdem Rumänien 1916 auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten war und militärisch schwere Niederlagen erlitten hatte, entsandte Frankreich eine Mission, um die rumänische Armee zu reorganisieren, auszubilden und moralisch zu stabilisieren. Diese Mission war Teil der französischen Bündnispolitik in Osteuropa und Ausdruck des Anspruchs, militärische Expertise und organisatorische Rationalität zu exportieren.

Les Français choisis pour la Roumanie se voyaient confier le soin de mettre de l’ordre dans l’armée roumaine « excellemment désorganisée », comme la décrivait Berthelot – et non de combattre personnellement. On avait sélectionné deux cent soixante-dix-sept officiers d’infanterie, cavalerie et artillerie, trente-sept pilotes d’avion, quatre-vingt-huit médecins, mais aussi mille cent cinquante petits gradés, accompagnés d’une nuée de vaillantes infirmières. Lui-même [Fontaine] avait pris le travail au sérieux, convaincu que les soldats, qui en majorité ne savaient ni lire ni écrire, bénéficieraient de l’instruction. Ces sauvages modernes – hâves, affamés, cabossés – allaient devoir se confronter à la rigoureuse armée allemande. D’accord, il leur apprendrait à creuser des tranchées, à lancer des grenades et à se servir des fusils français Lebel qu’ils ne savaient pas par quel bout attraper. L’objectif de la mission française était simple et concis : préparer les militaires roumains pour qu’ils puissent être victorieux.

Die für Rumänien ausgewählten Franzosen hatten die Aufgabe, Ordnung in die rumänische Armee zu bringen, die Berthelot als „äußerst desorganisiert“ beschrieb – und nicht, selbst zu kämpfen. Man hatte 277 Offiziere der Infanterie, Kavallerie und Artillerie, 37 Piloten, 88 Ärzte, sowie 1150 Unteroffiziere ausgewählt, begleitet von einer Schar tapferer Krankenschwestern. Fontaine selbst nahm seine Aufgabe ernst, denn er war überzeugt davon, dass die Soldaten, von denen die meisten weder lesen noch schreiben konnten, von der Ausbildung profitieren würden. Diese modernen Wilden – ausgezehrt, hungrig, ramponiert – würden sich der disziplinierten deutschen Armee stellen müssen. Na gut, er würde ihnen beibringen, wie man Schützengräben aushebt, Granaten wirft und mit den französischen Lebel-Gewehren umgeht, von denen sie nicht wussten, wo man sie überhaupt anfassen sollte. Das Ziel der französischen Mission war einfach und prägnant: Die rumänischen Soldaten sollten so vorbereitet werden, dass sie siegreich sein konnten.

Das Verhältnis bei der Mission wird als das eines Lehrers zu seinen Schülern dargestellt. Die Franzosen brachten Technik (Lebel-Gewehre) und Disziplin in eine „exzellent desorganisierte“ Armee. Der Auszug zeigt Fontaine als eine Art „Missionar“, der versucht, die „modernen Wilden“ (die rumänischen Bauern-Soldaten) nicht nur militärisch, sondern auch moralisch zu schulen. Im Roman entwickelt sich daraus eine tiefe Verbundenheit, in der Fontaine schließlich selbst die „rumänische Seele“ annimmt.

Im Roman wirkt diese Mission nicht nur als historischer Hintergrund, sie wird auch Auslöser der gesamten Handlung und Thematik. Mit ihr kommt Marcel Fontaine nach Rumänien, und es entsteht erstmals eine enge, praktische Kooperation zwischen Frankreich und Rumänien. An diesem Punkt verdichten sich die zentralen Fragen des Textes: der Zusammenprall unterschiedlicher militärischer Kulturen, die Grenzen westlicher Reformversprechen, die Ambivalenz von Hilfe und Belehrung sowie die Entstehung persönlicher Bindungen, die weit über den Krieg hinausreichen. Die Mission Berthelot ist somit Initialzündung für ein langes europäisches Nachdenken über Solidarität, Macht, Verantwortung und die unvorhersehbaren Folgen historischer Interventionen.

Der Krieg erscheint hierbei nicht als heroisches Ereignis, sondern als Krise staatlicher Ordnung, militärischer Disziplin und menschlicher Würde. Mihuleac thematisiert hier den Zerfall vormoderner Armeen, die Kollision westlicher Militärdoktrinen mit osteuropäischen Machtpraktiken sowie die geopolitische Unsicherheit Rumäniens zwischen Frankreich, Russland und den eigenen nationalen Ambitionen. Der Krieg wirkt wie ein Labor, in dem Fragen von Autorität, Gewaltlegitimation und kultureller Differenz sichtbar werden.

Zwischenkriegszeit

Ein zweiter historischer Schwerpunkt liegt auf der Zwischenkriegszeit, die der Roman als Phase vorsichtiger kultureller Hoffnung und relativer Öffnung inszeniert. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs scheint sich für Rumänien ein europäischer Möglichkeitsraum zu eröffnen. Territoriale Konsolidierung, institutionelle Neuordnung und eine verstärkte Orientierung an westlichen Vorbildern prägen das politische und kulturelle Selbstverständnis. Frankreich nimmt in dieser Phase die Rolle eines symbolischen Zentrums ein. Der militärische Beistand wird durch kulturelle Präsenz abgelöst; anstelle von Waffen und Disziplin treten Bildung, Sprache und intellektueller Austausch in den Vordergrund. Die Figur Marcel Fontaine verkörpert diesen Übergang paradigmatisch, indem er vom Offizier zum Lehrer wird und somit die Hoffnung repräsentiert, Europa durch kulturelle Vermittlung zu stabilisieren.

Zugleich zeigt der Roman, dass diese kulturelle Annäherung auf strukturell brüchigem Boden stattfindet. Die gesellschaftlichen Gegensätze bleiben bestehen, soziale Ungleichheit und klientelistische Machtstrukturen werden nicht überwunden, vielmehr lediglich überdeckt. Mihuleac macht deutlich, dass der europäische Gestus der Zwischenkriegszeit häufig performativ bleibt. Nationaler Kitsch, pathetische Bildwelten und symbolische Selbstüberhöhung ersetzen reale politische und soziale Reformen. Propaganda und emotionale Mobilisierung dienen als Kompensationsmechanismen für ungelöste Probleme. Europa wird gefeiert, ohne dass es institutionell und moralisch abgesichert ist.

Ein kitschiges Gemälde mit patriotischem Anspruch wird im Roman zum zentralen Instrument, um dem französischen Offizier Fontaine die tiefe rumänische Kränkung durch den Verlust Bessarabiens verständlich zu machen. Das Bild mit dem Titel L’Enlèvement de la Bessarabie (Die Entführung Bessarabiens), zeigt in naiver Darstellung einen Kosaken, der auf einem Pferd ein weinendes Mädchen über einen Fluss entführt, während am Ufer eine verzweifelte Mutter und zwei weitere Schwestern zurückbleiben. Petru Negru erklärt dem zunächst spöttischen Fontaine die Allegorie: Das entführte Mädchen ist Bessarabien, die Mutter symbolisiert Rumänien und die Schwestern stehen für die Moldau und die Walachei. Negru erwirbt das Werk schließlich in einem Bistro von russischen Soldaten, die es gegen Schnaps eingetauscht hatten. Trotz Fontaines ästhetischer Vorbehalte verteidigt Negru das Bild als „unseren nationalen Kitsch“. Fontaine erkennt die psychologische Wirkung des Bildes und nutzt es fortan bei seinen Truppeninspektionen wie ein Exponat einer Wanderausstellung, um den Soldaten die russischen Ungerechtigkeiten visuell vor Augen zu führen und ihren Zorn zu wecken.

Die Funktion dieses Kapitels liegt in der expliziten Reflexion über die Macht der Bilder und des Kitsches, der laut Negru eine „geheime Kraft“ besitzt und oft die Wirkung von Meisterwerken übertrifft. Nationale Identität wird hier nicht über historische Wahrheit, sondern über emotionale Wirksamkeit und einfache, schmerzhafte Narrative hergestellt. Das Gemälde wirkt als Brücke zwischen den Kulturen: Durch die Analogie zum Verlust von Elsass-Lothringen im französisch-deutschen Konflikt begreift Fontaine die rumänische Seele und den Hass auf die russischen Besatzer. Frankreich erscheint hier erstmals als Akteur, der den rumänischen Nationalismus aktiv unterstützt, indem Fontaine die Empörung über den Gebietsverlust zur moralischen Mobilisierung nutzt. Dieser Moment markiert Fontaines Transformation vom distanzierten Ausbilder zum leidenschaftlichen Patrioten seiner Wahlheimat. Er begreift den Kitsch nun als notwendiges Mittel zur Formung der nationalen Moral.

Rumänien erscheint in dieser Konstellation als formal souveräner, aber innerlich fragiler Staat, dessen europäische Zugehörigkeit kulturell intensiv gelebt, politisch jedoch nicht stabilisiert wird. Die französische Sprache, Bildung und Lebensart erzeugen eine Elite, die sich europäisch versteht, deren Position jedoch prekär bleibt, weil sie nicht durch tragfähige demokratische Strukturen geschützt ist. Der Roman legt hier eine zentrale Diagnose offen: Die Zwischenkriegszeit produziert eine europäische Identität ohne Resilienz. Was als kulturelle Öffnung gedacht ist, erweist sich im Rückblick als Übergangsphase, deren Versprechen beim nächsten politischen Umbruch – dem Siegeszug totalitärer Ideologien – nahezu widerstandslos kollabiert.

Kommunismus

Den dritten und dramatischsten historischen Einschnitt markiert im Roman die Machtübernahme des Kommunismus nach 1945, die als radikaler Zivilisationsbruch inszeniert wird. In Kapitel 9 verdüstert sich das politische Klima Rumäniens drastisch durch die fortschreitende Sowjetisierung. Die neu formierte Securitate versteht sich dabei als „Schneide des Schwerts im Klassenkampf“ und schafft eine Atmosphäre des totalen Misstrauens. Einstiges kulturelles Prestige schlägt in tödliche Gefahr um, als westliche Einflüsse ab Mai 1948 systematisch verboten werden. Autoren wie Charles de Gaulle und Winston Churchill landen auf schwarzen Listen neben Diktatoren, um jegliche Sympathie für nicht sowjetische Regierungsformen im Keim zu ersticken. Die erzwungene Russifizierung dringt in alle Bereiche der Gesellschaft ein, ersetzt westliche Wissenschaftler durch russische Identifikationsfiguren und zwingt Lehrer dazu, ihr französisches Erbe gegen die Sprache der Besatzer einzutauschen. Frankreichs Rolle kippt hierbei endgültig vom zivilisatorischen Vorbild zum politisch verdächtigen Element. Jede Form von Frankophilie wird als „kosmopolitische“ Bedrohung markiert.

Kapitel 10 bildet den dramatischen Höhepunkt des Romans, als Marcel Fontaine, der sich seit drei Jahrzehnten im Land aufhält, im Jahr 1949 von den kommunistischen Behörden ausgewiesen wird. Die Zerstörung der franko-rumänischen Freundschaft wird durch die Verfolgung seiner ehemaligen Schülerinnen, des sogenannten „Lot français“, besiegelt. Sie werden unter dem absurden Vorwurf der Spionage verhaftet, nur weil sie weiterhin Kontakt zu ihrem Mentor halten. Mit der Schließung des Lycée français in Bukarest bricht die letzte Brücke zum Westen ein, während junge Frauen wie Michaela Ghițulescu in Gefängnissen wie Mislea für ihr kulturelles Interesse mit ihrer Freiheit bezahlen.

Quand Marcel Fontaine trouva le nom de Charles de Gaulle sur la liste des vingt-cinq auteurs étrangers interdits en Roumanie à partir du 1er mai 1948, il se rendit compte qu’il aurait peu de pages à arracher à son agenda avant d’être lui-même arraché au pays. Les libraires et les bibliothécaires étaient sommés de retirer de la circulation quinze catégories d’ouvrages, à commencer par les « manuels scolaires antérieurs à l’année 1947 » et « tous les livres favorables à un régime de gouvernement autre que le régime soviétique ». À la treizième place, on liquidait un autre contentieux sur le terrain roumain en interdisant « les livres influencés par la culture française et occidentale, dans le passé de la Roumanie ». Son départ de Roumanie brisait le cœur de Fontaine. Après des décennies de fraternité franco-roumaine arrivait le moment de la rupture. De même que la culture, le monde de l’enseignement aussi s’éloignait de la France. Les professeurs de français étaient obligés de se réorienter vers le russe ou d’autres langues moins génératrices d’étincelles.

Als Marcel Fontaine den Namen Charles de Gaulle auf der Liste der fünfundzwanzig ausländischen Autoren fand, deren Werke ab dem 1. Mai 1948 in Rumänien verboten waren, wurde ihm klar, dass er nur noch wenige Seiten aus seinem Terminkalender herausreißen konnte, bevor er selbst aus dem Land vertrieben werden würde. Buchhändler und Bibliothekare wurden aufgefordert, fünfzehn Kategorien von Werken aus dem Verkehr zu ziehen, angefangen bei „Schulbüchern aus der Zeit vor 1947“ und „allen Büchern, die ein anderes Regierungssystem als das sowjetische befürworten“. An dreizehnter Stelle wurde ein weiterer Streitpunkt auf rumänischem Boden beigelegt, indem „Bücher, die von der französischen und westlichen Kultur in der Vergangenheit Rumäniens beeinflusst waren“, verboten wurden. Sein Abschied aus Rumänien brach Fontaine das Herz. Nach Jahrzehnten französisch-rumänischer Brüderlichkeit kam der Moment des Bruchs. Ebenso wie die Kultur entfernte sich auch die Welt der Bildung von Frankreich. Die Französischlehrer waren gezwungen, sich auf Russisch oder andere Sprachen umzuorientieren, die weniger Funken sprühten.

Dieser Auszug markiert das Ende der „großen Geschichte“ zwischen den beiden Ländern. Unter sowjetischem Druck wurde die französische Kultur von einem Vorbild zum Staatsfeind erklärt. Das Verbot von Autoren wie De Gaulle symbolisiert den „Eisernen Vorhang“, der nun auch kulturell niedergeht. Fontaine, der das Land mitaufgebaut hat, wird nun zur Persona non grata. Dieser Moment der „Rupture“ (Bruch) ist der Wendepunkt im Roman. Er leitet die Verfolgung der „Demoiselles de Fontaine“ ein und besiegelt die Ära der erzwungenen Russifizierung.

Mit dem politischen Systemwechsel vollzieht sich nicht nur eine neue Machtordnung; es findet auch eine vollständige Umwertung von Geschichte, Kultur und Loyalität statt. Die zuvor selbstverständliche europäische Orientierung Rumäniens – verkörpert durch die Nähe zu Frankreich sowie durch Bildung, Sprache und kulturellen Austausch – wird abrupt delegitimiert. Was in der Zwischenkriegszeit als Fortschritt und Zugehörigkeit galt, erscheint nun als ideologische Gefahr. Der Roman zeigt eindrücklich, wie dieser Bruch nicht abstrakt, sondern sehr konkret in das Leben der Menschen einschlägt: Universitäten, Schulen und private Erinnerungsräume werden zu Schauplätzen politischer Säuberungen.

Im Zentrum dieser Entwicklung steht das Schicksal der französisch geprägten Bildungselite, insbesondere der „Demoiselles de Fontaine“. Ihre Ausbildung, ihre Sprachkompetenz und ihre kulturelle Sozialisation werden zu belastenden Indizien, die Misstrauen, Überwachung und Repression nach sich ziehen. Mihuleac macht deutlich, dass es dabei nicht um individuelles Fehlverhalten geht, vielmehr geht es um strukturelle Schuldzuschreibung: Kulturelle Nähe zum Westen wird pauschal als politische Illoyalität interpretiert. Der Roman verhandelt hier ein zentrales Epochenproblem des Kalten Krieges, nämlich die ideologische Totalisierung, die keinen neutralen Raum mehr zulässt. Biografien werden nicht nach Handlungen beurteilt, vielmehr nach Herkunft, Bildung und Erinnerung. Die Gewalt des neuen Systems besteht weniger in spektakulären Akten als in der systematischen Zerstörung sozialer und kultureller Kontinuitäten.

Besonders eindringlich zeigt der Roman, wie das kommunistische Regime rückwirkend Geschichte umschreibt. Frühere Verdienste, Loyalitäten und moralische Haltungen werden neu codiert und in Schuld verwandelt. Frankreich, einst Verbündeter und kultureller Referenzpunkt, wird zum Feindbild; europäische Werte werden als bürgerliche Täuschung diskreditiert. Diese rückwirkende Umdeutung erzeugt eine tiefe, existentielle Verunsicherung: Die Figuren verlieren nicht nur ihre soziale Position, sondern auch die narrative Kohärenz ihres eigenen Lebens. Erinnerung wird gefährlich, Schweigen zur Überlebensstrategie. Der Roman beschreibt somit die langfristigen psychischen Folgen totalitärer Herrschaft.

Über diese konkreten historischen Ereignisse hinaus entfaltet Les Demoiselles de Fontaine eine umfassende Reflexion epochaler Problemlagen Europas im 20. Jahrhundert. Zentral ist das Scheitern universalistischer Werte unter den Bedingungen totalitärer Systeme. Der Roman zeigt, dass Humanismus, Bildung und kultureller Austausch keine Garantien besitzen, wenn sie nicht institutionell und politisch geschützt sind. Ebenso thematisiert er die Fragilität kultureller Transferprozesse: Werte, Sprachen und Bildungsmodelle können Generationen prägen, sind jedoch extrem anfällig für politische Umcodierung. Europa erscheint hier nicht als stabiler Wertekanon, Europa zeigt sich als historisch prekäre Praxis.

Eng damit verbunden ist die moralische Zumutung politischer Anpassung, die der Roman vor allem an Figuren wie Petru Negru sichtbar macht. Überleben verlangt Kompromisse, Schweigen und gelegentlich auch Selbstverleugnung. Moral wird situativ, nicht heroisch. Mihuleac verweigert einfache Urteile und zeigt stattdessen, dass historische Umbrüche ihre Kosten asymmetrisch verteilen. Nicht die Ideologen zahlen den Preis, sondern jene, deren Leben zwischen den Systemen verläuft. Geschichte wird so als Gewaltform erkennbar, die sich in alltägliche Entscheidungen einschreibt. Insgesamt erzählt der Roman daher weniger „die“ Geschichte Rumäniens oder Frankreichs als eine europäische Erfahrung von Hoffnung, Bruch und Erinnerung. Geschichte erscheint als Prozess, der sich in individuellen Lebensläufen sedimentiert und diese dauerhaft formt. Les Demoiselles de Fontaine macht sichtbar, wie Europa im 20. Jahrhundert immer wieder neu gedacht, begehrt, verraten und erinnert wird – und wie sehr diese Bewegungen an die Verletzlichkeit einzelner Menschen gebunden sind.

Marcel Fontaine

Marcel Fontaine ist im Roman als Stellvertreter des französischen Universalismus und der europäischen Zivilisierungsmission angelegt, wie sie insbesondere im langen 19. Jahrhundert und im Ersten Weltkrieg wirksam war. Als Offizier der Mission Berthelot verkörpert er den Glauben an Reformierbarkeit durch Vernunft, Bildung und moralisches Vorbild. Fontaine steht für jene historische Phase, in der Frankreich seine politische und kulturelle Autorität als normsetzend verstand – nicht primär durch Zwang, sondern durch Wertevermittlung. Seine Empörung über Gewalt, Korruption und Demütigung innerhalb der rumänischen Armee verweist auf das zentrale Problem dieser Haltung: den Konflikt zwischen universalem Anspruch und lokaler Realität. Fontaine glaubt an übertragbare Prinzipien, stößt jedoch auf soziale Strukturen, die nicht durch Belehrung, sondern nur durch tiefgreifende Transformation veränderbar wären. In dieser Spannung repräsentiert er die historische Illusion, dass sich Modernisierung ohne Machtpolitik, ohne Gewalt und ohne Brüche vollziehen lasse.

Zugleich fungiert er als Figur des gescheiterten Lösungsversuchs, der dennoch moralisch intakt bleibt. Sein Übergang vom Militärdienst zur kulturellen Mission – vom Offizier zum Lehrer – spiegelt eine zentrale europäische Strategie des 20. Jahrhunderts wider: die Hoffnung, politische Stabilität durch Bildung, Sprache und kulturelle Nähe zu sichern. Die „Demoiselles de Fontaine“ sind das Resultat dieses Ansatzes, aber auch sein tragischer Beweis: Was als zivilisatorische Investition gedacht war, wird im kommunistischen System zur Belastung und zum Verdachtsmoment. Fontaine steht somit für das historische Problem der Langzeitfolgen gut gemeinter Interventionen. Seine Präsenz erzeugt Loyalitäten, Identitäten und Erinnerungen, die politisch nicht abgesichert sind. Der Roman zeichnet ihn nicht als naiven Idealisten, sondern als tragische Figur der europäischen Geschichte – als jemand, der das Richtige tut, aber dessen Handeln in einer von Machtlogiken dominierten Welt jedoch keine dauerhafte Lösung hervorbringen kann.

Petru Negru

Petru Negru ist im Roman die Figur der Vermittlung, Anpassung und kulturellen Tiefenschärfe – und steht damit in bewusstem Kontrast zu Marcel Fontaine. Während Fontaine aus einer Position normativer Gewissheit handelt, verkörpert Negru ein situatives, erfahrungsbasiertes Wissen. Als Bauernsohn, Soldat, Volkskundler und Intellektueller in nuce kennt er die sozialen, mentalen und symbolischen Strukturen Rumäniens von innen. Er spricht mehrere Sprachen – Rumänisch, Französisch und Russisch – und das nicht nur im linguistischen, auch im kulturellen Sinne. Negru versteht, dass Loyalität, Glauben und Handeln in Rumänien weniger von abstrakten Prinzipien als von Tradition, Emotion und Überlebenslogik bestimmt sind. Im Gegensatz zu Fontaines moralischem Universalismus praktiziert er einen pragmatischen Humanismus, der nicht auf Konfrontation, vielmehr auf Umgehung, Ironie und indirekte Einflussnahme setzt.

Gerade in dieser pragmatischen Haltung wird Negru zur tragischeren Figur als Fontaine. Während der Franzose Rumänien verlassen kann und dabei seine moralische Integrität wahrt, ist Negru gezwungen, im System zu bleiben und sich ihm anzupassen. Seine berühmte Einsicht, dass „Aufrichtigkeit die akrobatischste Stellung des Kamasutra des Intellektuellen“ sei, markiert den Kern seiner Charakterisierung: Moral ist für ihn keine absolute Größe, sondern eine riskante Praxis. Während Fontaine für seine Prinzipien einsteht und deren Scheitern hinnimmt, trägt Negru die Last der Kompromisse, die die Geschichte von ihm verlangt. Er ist weniger idealistisch, dafür aber historisch klüger; weniger sichtbar moralisch, dafür überlebensfähiger. In dieser Gegenüberstellung zeigt der Roman zwei europäische Haltungen: die des Lehrenden, der kommt und geht, und die des Bleibenden, der versteht – und zahlt.

Plus rien au monde ne pouvait arrêter la force née non de l’amour d’un Roumain pour la fille du consul français, mais de l’amour de la Roumanie pour la France. Le brasier nuptial fit ensuite plusieurs tours de l’église, qui chatouillait de sa cloche l’oreille du Bon Dieu, il survola les champs, les vergers et les vignes annonciateurs de fruits. Très tard, cette union revint, épuisée d’amour, dans l’onde rafraîchissante de la rivière, qui grésilla comme au contact d’un gigantesque fer à cheval rougi au feu. Alors que les tourbillons de l’étreinte se calmaient, le cercle de feu diminua, offrant aux mariés la possibilité de redevenir deux amoureux de droit commun qui se tenaient tout simplement par la main. L’union devenait cosmique, indestructible. À partir de cet instant, Alice et Petru étaient liés l’un à l’autre pour la vie par la magie des anneaux d’or de leurs alliances. On aurait pu croire que la police secrète de Bolchévie avait placé en ce lieu fondamental des agentes déguisées en cuisinières pour saboter les noces de conte de fées du paysan roumain avec la princesse étrangère, qui symbolisaient l’union éternelle de la Roumanie et de la France.

Nichts auf der Welt konnte die Kraft aufhalten, die nicht aus der Liebe eines Rumänen zur Tochter des französischen Konsuls, sondern aus der Liebe Rumäniens zu Frankreich entstanden war. Das Hochzeitsfeuer drehte mehrere Runden um die Kirche, deren Glocken das Ohr des lieben Gottes kitzelten, und flog über die Felder, Obstgärten und Weinberge, die Früchte ankündigten. Sehr spät kehrte diese Vereinigung, erschöpft von Liebe, in die erfrischenden Wellen des Flusses zurück, die wie beim Kontakt mit einem riesigen, im Feuer geröteten Hufeisen zischten. Als sich die Wirbel der Umarmung beruhigten, verringerte sich der Feuerkreis und bot dem Brautpaar die Möglichkeit, wieder zu zwei gewöhnlichen Liebende zu werden, die sich einfach an den Händen hielten. Die Verbindung wurde kosmisch, unzerstörbar. Von diesem Moment an waren Alice und Petru durch die Magie ihrer goldenen Eheringe für immer miteinander verbunden. Man hätte meinen können, dass die Geheimpolizei der Bolschewiki an diesem wichtigen Ort als Köchinnen verkleidete Agentinnen platziert hatte, um die märchenhafte Hochzeit des rumänischen Bauern mit der ausländischen Prinzessin zu sabotieren – eine Hochzeit, die die ewige Vereinigung Rumäniens und Frankreichs symbolisierte.

Die Hochzeit zwischen dem Rumänen Petru Negru und der Tochter des französischen Konsuls, Alice, wird im Roman als magisch-realistisches Ereignis überhöht dargestellt. Es ist keine rein private Verbindung, sondern die symbolische Verschmelzung zweier Nationen. Mihuleac nutzt hier die Sprache des Märchens („cosmique“, „indestructible“), um die Unzerstörbarkeit dieser franko-rumänischen Verbrüderung zu betonen. Dass die „Geheimpolizei der Bolschewie“ bereits als potenzieller Saboteur erwähnt wird, deutet auf den späteren tragischen Bruch dieser Idylle durch den Kommunismus hin.

Volksglaube

Im Roman wird der Volksglaube als eine überlegene Form der Erkenntnis dargestellt, die dort ansetzt, wo die „kalte Perspektive des Historikers“ versagt. Petru Negru begreift Folklore nicht als bloßen Aberglauben, vielmehr ist Volksglaube für ihn ein „unkonventioneller Weg zur Realität“, der es ermöglicht, die „nationale Seele“ zu ergründen. Ein zentrales Beispiel ist das „Descolindat“ (der verfluchte Weihnachtsgesang) , das im Roman als reale metaphysische Kraft wirkt: So gewinnt Hauptmann Fontaine die Schlacht von Mărășești nicht durch taktische Überlegenheit, er gewinnt durch das Brüllen einer Descolindă, welche die Kräfte der Soldaten vervielfacht und den Lauf der Geschichte verändert. Selbst der kommunistische Führer Gheorghiu-Dej stützt seine existenziellen politischen Entscheidungen auf die „heilige Schrift der Tonerde“, da er glaubt, dass die Materie die „versteckte Bosheit der Welt“ und die Unwürdigkeit seiner Gegner verlässlicher offenbart als jeder Geheimdienstbericht.

Der Volksglaube wirkt zudem als epistemologisches Gedächtnis, das historische Wahrheiten bewahrt, die von offizieller Zensur oder politischen Ideologien unterdrückt werden. Während die Geschichtsschreibung versucht, Kontinuitäten zu glätten, zeigt die Logik des Fluchs die unheimliche Beständigkeit von Traumata: Der Protagonist Daniel Katz stirbt im Jahr 2019 bei einem zeremoniellen Fallschirmsprung, „durchlöchert von Kugeln“, deren Ursprung nicht im physischen Hier und Jetzt liegt, vielmehr im rassistischen Hass eines Dorfes aus dem Jahr 1934. Diese überzeitliche Kausalität beweist, dass Märchen und Folklore die „wahre Geologie der menschlichen Natur“ abbilden, da sie die Unausweichlichkeit des Schicksals jenseits rationaler Erklärungsmodelle fassbar machen. Letztlich konstatiert der Roman, dass Märchen die Welt real voranbringen, da sie moralische Wahrheiten und „Keime europäischer Einheit“ enthalten, die über die bloße Faktizität von Grenzen und Kriegen hinausgehen.

Petru Negru organisiert während des Ersten Weltkriegs Versorgungsfahrten in das russische Odessa, da in Rumänien akuter Mangel an lebensnotwendigen Gütern herrscht. Dabei taucht er in die Katakomben der Moldavanka ein, eine groteske Unterwelt, die im Roman als „Nabel der Erde“ oder „Welt der Finsternis“ mythologisiert wird. In diesem unterirdischen Reich regiert ein Schmuggelkönig, ein „Drache der Finsternis“, der Mark aus Paradiesvogelknochen saugt und von einem Schwarm von „Nymphen“ in Spitzenhemden umgeben ist. Die Erzählung vermischt hierbei das Profane des Schwarzmarkts mit Elementen der Folklore: Während Negru über Märchen von Drachenentführungen nachdenkt, stecken ihm die Nymphen Granatapfelkerne in den Mund. Dies verknüpft die Erotik des Augenblicks mit einer magischen Rückkehrgarantie. Diese Szenerie verdeutlicht die Durchlässigkeit zwischen harter Realität und fiktionalem Mythos, wobei der Schwarzmarkt als ein Raum jenseits konventioneller Grenzen erscheint.

Die Funktion dieses Kapitels besteht darin, die Pragmatik des Überlebens in einer „exzellent desorganisierten“ Armee darzustellen. Die beschafften Luxusgüter – von Parfums bis hin zu transparenter Unterwäsche – werden gezielt eingesetzt, um das System der Korruption zu unterlaufen: Sie dienen als Tauschware für die Familie des Obersten Anghel, der die Rationen seiner Soldaten stiehlt. Im Austausch gegen die Spitzenhemden erhält Fontaine Nahrung, Zigaretten und Alkohol zurück, die er als Leistungsanreize an die hungernden Soldaten verteilt. Dabei kontrastiert der Roman Fontaines französischen Idealismus und seinen zivilisatorischen Bildungsauftrag mit Negrus Anpassungsintelligenz. Während Fontaine versucht, die „rumänische Seele“ durch Unterricht zu erreichen, sichert Negru durch seine Russischkenntnisse und sein Verhandlungsgeschick die physische Existenzgrundlage der Truppe. Dieses Ineinandergreifen von Satire und Überlebenskampf veranschaulicht, dass in Mihuleacs Welt die moralische Standhaftigkeit oft nur durch Umwege des Unkonventionellen gewahrt werden kann.

Europäische Dimension

Die europäische Dimension von Les Demoiselles de Fontaine entfaltet sich zunächst als kulturelle Imagination Europas, die dem Roman vorgelagert ist und ihn strukturell trägt. Europa erscheint dabei nicht als politisch-institutioneller Raum, es bildet ein Geflecht symbolischer Zuschreibungen, historischer Sehnsüchte und kultureller Hierarchien. Frankreich erscheint dabei als metonymischer Träger eines europäischen Ideals: Rationalität, Bildung, Humanismus und Maß. Rumänien wird als peripherer, aber hochgradig europäisch denkender Raum inszeniert, dessen Zugehörigkeit nicht territorial, vielmehr kulturell begründet ist. Die Frankophilie der rumänischen Eliten, die zentrale Rolle der französischen Sprache sowie die historisch verankerte französische Unterstützung bei der Staatsbildung markieren Rumänien als „verspäteten Europäer“, der Europa nicht infrage stellt, sondern begehrt. Mihuleac macht deutlich, dass Europa hier weniger Realität als Projektionsfläche ist – ein imaginiertes Zentrum, dem man sich annähert, ohne es je ganz zu erreichen.

Gleichzeitig wird diese europäische Idee im Roman systematisch desillusioniert und fragmentiert. Der Erste Weltkrieg, das instabile Bündnis mit Russland und schließlich der kommunistische Umbruch zeigen Europa als Raum konkurrierender Imperien, unvereinbarer Wertordnungen und asymmetrischer Machtverhältnisse. Die Figur Marcel Fontaine verkörpert ein Europa der Prinzipien, das im Kontakt mit Gewalt, Opportunismus und ideologischer Vereinnahmung an Wirksamkeit verliert. Besonders deutlich wird dies im Schicksal der „Demoiselles de Fontaine“: Ihre kulturelle Nähe zu Frankreich – und damit zu Europa – wird im Ostblockkontext kriminalisiert. Europa erscheint hier nicht mehr als verbindender Horizont, es erscheint als gefährliches Gedächtnis, das individuelle Biografien belastet. Der Roman formuliert damit eine ernüchternde Diagnose: Europa existiert nicht als stabile Gemeinschaft, lediglich als fragile, von Menschen getragene Beziehung, die jederzeit von politischen Systemen zerstört werden kann.

Die Gesamtstruktur der Kapitel folgt einer Bewegung, die den Leser von den zeitlosen Ursprüngen der Folklore über die harten Fakten der Historie bis hin zur systematischen Vernichtung und schmerzhaften Erinnerung führt. Der Roman beginnt im Bereich des Mythos, symbolisiert durch das Märchen von dem ungeborenen Kind, das eine französisch-deutsche Prinzessin fordert – ein Bild für die tiefe Sehnsucht Rumäniens nach einer europäischen Identität. In dieser mythischen Phase wird Frankreich als eine fast magische, zivilisatorische Kraft etabliert, die Iași zur „frankophonsten Stadt“ macht. In der darauffolgenden Phase der Geschichte wird diese Verbindung durch konkrete Individuen wie Marcel Fontaine und Petru Negru Fleisch und Blut. Hier wird deutlich, dass das Verhältnis kein abstrakter Vertrag zwischen Staaten ist, sondern ein prekärer kultureller Prozess: Während Fontaine als „Lehrer der Rechtschaffenheit“ fungiert, lehrt Negru ihn die „rumänische Seele“. So entsteht eine fragile, aber tiefgehende „franko-rumänische Verbrüderung“, die auf gegenseitiger Achtung und individuellem Idealismus beruht.

Der Umschlag in die Tragödie markiert den Moment, in dem dieses mühsam von Individuen gewebte Netz durch die Ankunft eines totalitären Systems zerrissen wird. Mit der Sowjetisierung Rumäniens ab 1947 wird die kulturelle Nähe zu Frankreich von einem prestigeträchtigen Gut in ein tödliches Verdachtsmoment transformiert. Das System der Securitate zerstört die individuellen Schicksale, indem es Menschen wie Fontaines Schülerinnen zu anonymen „Lots“ (Gruppen) degradiert und sie unter dem Vorwurf der Spionage verfolgt. Die Ausweisung Fontaines im Jahr 1949 besiegelt das Ende der gelebten Geschichte und leitet über in eine Phase der Erinnerung. In dieser abschließenden Ebene, die durch die Rahmenhandlung von 2018/2019 und das bittere Ende von Daniel Katz repräsentiert wird, erscheint die einstige Verbrüderung nur noch als traumatisches Echo oder folkloristisches Fragment. Mihuleac verdeutlicht damit, dass kulturelle Brücken zwar durch die Leidenschaft einzelner Individuen gebaut werden, gegen die kalte Logik von Machtapparaten, die Identitäten gewaltsam umschreiben, jedoch keinen dauerhaften Schutz bieten.


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