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Indigene und Reisende: Dialektik von Exil, Schuld und Metamorphose
Combien de mondes se côtoient-ils dans ce pays, qui ne se rencontrent presque jamais ? Tout en haut, inaccessible dans sa splendeur, se trouve celui des émirs et des princesses ; tout en bas, dans les tréfonds d’un enfer invisible […] celui des ouvriers du bâtiment dont la sueur et le sang sont comme l’engrais nourricier où la ville insatiable puise l’énergie nécessaire à sa croissance frénétique.
Wie viele Welten existieren nebeneinander in diesem Land, ohne sich jemals zu begegnen? Ganz oben, unzugänglich in ihrer Pracht, befinden sich die Emire und Prinzessinnen; ganz unten, in den Tiefen einer unsichtbaren Hölle […], die Bauarbeiter, deren Schweiß und Blut wie Dünger sind, aus dem die unersättliche Stadt die Energie für ihr rasantes Wachstum schöpft.
Jérôme Ferrari erscheint mit seinem neuen Roman als Chronist der metaphysischen Enttäuschung in der globalen Moderne: In Très brève théorie de l’enfer (2026, zit. als TE) ist der Titel ein dekonstruktives Programm. Die „Theorie“ erweist sich auch deshalb als „kurz“, weil der Zustand der Verdammten durch eine fundamentale Substanzlosigkeit definiert ist – wo das Sein in die Leere kippt, bedarf es keiner ausschweifenden Exegese.
Die Ansprachen an den „König der Zeit“ („Roi du Temps“) bilden in Jérôme Ferraris Roman einen feierlichen, fast rituellen Erzählrahmen, der die moderne Handlung in eine zeitlose, metaphysische Dimension hebt. Gleich zu Beginn wird der König darüber angesprochen, dass die Hölle nicht für Mörder oder Gotteslästerer reserviert ist. Diejenigen, die dort ihre „ewige Strafe“ verbüßen, haben die göttliche Barmherzigkeit allein durch ihre innere Leere erschöpft. Diese Verdammten leben in einem „endlosen Betrug“ („mensonge sans fin“): Sie hausen im Müll, glauben aber, sich in prächtigen Palästen zu befinden, und halten ihre schmutzigen Lumpen für fürstliche Gewänder.
Die Erzählerin (eine Art Scheherazade-Figur, während sonst der Protagonist erzählt) spricht zum König über die Weisheit des Allerhöchsten. Während sein Atem sich beruhigt, verspricht sie, ihn bis zum Morgengrauen zu unterhalten – ein Moment, der sie „einmal mehr am Leben erhalten“ wird. Am Ende des Romans fordert die Erzählerin den König auf, gemeinsam mit ihr in die „weite unterirdische Behausung der Hölle“ zu blicken, um dort das Schicksal einer einzelnen Frau (Nardjess) zu betrachten. Ihr Gesicht ist versteinert, und sie verharrt „zwischen Wissen und Unwissenheit“.
Mais dans la parodie de sommeil qui leur est accordée, au plus profond d’une nuit qu’ont désertée la lune et les étoiles, la nuit de l’enfer auprès de laquelle les ténèbres mêmes paraîtraient lumineuses, une angoisse mortelle les étreint comme s’ils sentaient confusément, pour un court instant de terreur, qu’ils sont prisonniers d’un mensonge sans fin et qu’ils ont déjà reçu leur châtiment. Au réveil, ils ne se souviennent de rien : la révélation leur échappe comme le sable s’écoule entre les doigts. Et pourtant elle demeure, impossible à saisir et impossible à fuir. Elle est un poison, un venin insidieux qui se diffuse lentement dans leur âme vide et leur cœur sec, et vient ronger la racine des joies factices et des plaisirs corrompus. Peut-être suffirait-il que l’un de ces réprouvés désire sincèrement la lucidité pour obtenir une chance de rédemption – mais nul ne peut le savoir car Dieu est le Caché ! Aucun d’eux cependant n’exprime jamais ce désir : tous, ils s’endurcissent dans leur aveuglement coupable, justifiant à chaque instant le jugement qui les a précipités pour toujours dans l’abîme.
Aber in der Parodie des Schlafes, die ihnen gewährt wird, tief in einer Nacht, die vom Mond und den Sternen verlassen ist, der Nacht der Hölle, neben der selbst die Dunkelheit hell erscheint, überkommt sie eine tödliche Angst, als würden sie für einen kurzen Moment des Schreckens verschwommen spüren, dass sie Gefangene einer endlosen Lüge sind und ihre Strafe bereits erhalten haben. Beim Erwachen erinnern sie sich an nichts mehr: Die Offenbarung entgleitet ihnen wie Sand, der durch die Finger rinnt. Und doch bleibt sie bestehen, unfassbar und unausweichlich. Sie ist ein Gift, ein heimtückisches Gift, das sich langsam in ihrer leeren Seele und ihrem trockenen Herzen ausbreitet und die Wurzeln der künstlichen Freuden und verdorbenen Vergnügungen zerfrisst. Vielleicht würde es ausreichen, wenn einer dieser Verworfenen aufrichtig nach Klarheit streben würde, um eine Chance auf Erlösung zu erhalten – aber niemand kann das wissen, denn Gott ist der Verborgene! Keiner von ihnen jedoch drückt jemals diesen Wunsch aus : Sie alle verhärten sich in ihrer schuldhaften Blindheit und rechtfertigen in jedem Augenblick das Urteil, das sie für immer in den Abgrund gestürzt hat.
Ein wesentlicher Teil der Theorie ist die „schuldhafte Blindheit“. Die Verdammten erhalten in ihrem Schlaf eine „parodie de sommeil“, in der sie für einen kurzen Moment der Terror-Erkenntnis spüren, dass sie Gefangene einer Lüge sind. Doch beim Erwachen entgleitet ihnen diese Offenbarung wie Sand zwischen den Fingern, und sie verharren in ihren „faktischen Freuden“. Eine weitere „Pein der Hölle“ besteht darin, den Verdammten vorzugaukeln, sie könnten entkommen, nur um sie dann die grausame Entdeckung machen zu lassen, dass kein Weg aus der Hölle herausführt. Wer einmal die „Wege der Hölle oder des Exils“ eingeschlagen hat, für den gibt es keine Rückkehr.
Die Theorie wird im Roman als eine Art metaphysisches Gesetz eingeführt, das die sozialen Zustände in Abu Dhabi spiegelt: Die scharfe Trennung zwischen der glitzernden Welt der Expatriates und dem „unsichtbaren Inferno“ der Arbeiter sowie die moralische Indifferenz der Privilegierten werden so als irdische Manifestationen dieser „Hölle“ lesbar. Die Spaltung der Erzählstruktur in eine mythische Rahmenerzählerin und einen modernen Binnenerzähler dient dazu, die profane Alltagsrealität in Abu Dhabi in ein zeitloses, metaphysisches Licht zu rücken.
Im Herzen des Romans steht dagegen der Ich-Erzähler der Binnengeschichte, der versucht, durch eine Metamorphose in der Fremde seiner eigenen Identität zu entkommen. Seine Stimme führt vor, wie er an der eigenen moralischen Indifferenz und der Unfähigkeit zu wahren Liebesbeweisen gegenüber seiner Frau Nardjess und seiner Tochter Afsaneh scheitert. Während die Rahmenerzählerin die universellen Gesetze des Leidens deklamiert, liefert er die schmerzhaft konkreten Beweise.
Der Roman ist nach Nord Sentinelle (2024, zit. als NoS) der zweite Band der noch nicht vollendeten Trilogie „Contes de l’indigène et du voyageur“. In Ferraris Trilogie werden die Rollen von Indigenen und Reisenden als ein zerstörerischer Kreislauf aus gegenseitiger Korruption und moralischer Verblendung problematisiert. In NoS wird der „erste Reisende“ (wie Burton oder Kolumbus) als Bringer unzähliger „Kalamitäten“ definiert, dessen Ankunft die Integrität der indigenen Welt unwiederbringlich zerstört. Die modernen Reisenden – die Touristen – suchen nach einer „Authentizität“, die die korsischen Einheimischen (wie die Familie Romani) ihnen bereitwillig verkaufen, während sie gleichzeitig ein „kolossales Überlegenheitsgefühl“ gegenüber ihnen kultivieren. In TE verschiebt sich die Problematik auf die soziale Segregation innerhalb der Reisenden selbst: Der französische „Expatrié“ (der Erzähler) flieht vor seiner eigenen indigenen Herkunft auf Korsika, um in Abu Dhabi in einem „Vakuum der Seele“ zu leben, während die „Immigrés“ (wie die Sri-Lankerin Kaveesha) in einer „unsichtbaren Hölle“ aus Schweiß und Blut die Stadt aufbauen. Die Einheimischen (Emiratis) bleiben hier für die Reisenden eine „unzugängliche Welt in ihrer Pracht“.
Der Roman zeigt Modernität als strukturellen Egoismus: Die Hölle der Gegenwart ist kein Ort der Strafe, sondern ein Zustand der ontologischen Indifferenz, in dem Empathie durch die totale Fixierung auf das eigene „Ich-Vakuum“ unmöglich wird. Die Geschichte erweist das Scheitern der Metamorphose: Der Versuch des Protagonisten, durch geografische Flucht ein „Anderer“ zu werden, muss scheitern, da das Subjekt die Leere seines Herzens als unhintergehbaren Horizont mit sich trägt. Räumliche Bewegung (Korsika – Algerien – Abu Dhabi) ist eine Illusion von Fortschritt, die lediglich den irreversiblen spirituellen Abstieg in die Nacht maskiert, in der jedes Heimkommen ausgeschlossen bleibt.
TE füllt die existentielle und geografische Lücke, die in NoS durch die bloße Erwähnung der zehnjährigen Abwesenheit des Erzählers entsteht. Das Scheitern seiner persönlichen Metamorphose in der Fremde und die daraus resultierende Verdammnis sind das zentrale Thema des zweiten Bandes, während der erste Band die moralische Verwahrlosung seiner Herkunftswelt fokussiert. Der Protagonist und Ich-Erzähler von TE ist identisch mit dem Erzähler aus dem ersten Band NoS. In beiden Büchern ist Philippe Romani der beste Freund des Erzählers. Der Erzähler ist zudem in beiden Werken der Cousin von Catalina und der Lehrer seines Großcousins Alexandre Romani, den er in der Abschlussklasse (Terminale) unterrichtet. Beide Romane thematisieren die Flucht des Erzählers von Korsika, die er als Reaktion auf die moralische Dürre und Monotonie seiner Heimat antritt. Ebenso beschreiben beide Bände seine Rückkehr nach zehn Jahren im Ausland (Algier und Abu Dhabi), die durch das Ende seiner Verträge erzwungen wurde.
Die zentrale Gewalttat aus NoS – das Erstechen des Studenten Alban Genevey durch Alexandre – wird in TE als ein wesentlicher Teil der traumatischen Erinnerungen des Erzählers aufgegriffen. Der Erzähler reflektiert im zweiten Band, wie er Alexandre in der Nacht der Tat bei sich aufnahm und dessen Geständnis hörte. In NoS agiert der Erzähler primär als Beobachter des Konflikts zwischen „Indigenen“ (Korsen) und „Reisenden“ (Touristen) in seiner Heimat. In TE nimmt er selbst die Rolle des „Reisenden“ (Expatriate) in der Fremde ein.
Ein konsequenter Abschluss der Trilogie im ausstehenden dritten Band könnte etwa die Perspektive des entrechteten Reisenden einnehmen, der als Arbeitsmigrant in die vermeintliche Idylle Korsikas eindringt und so den Kreis schließt. Während der Erzähler in Abu Dhabi die „unsichtbare Hölle“ der Bauarbeiter aus der privilegierten Distanz seines zehnten Stocks beobachtete, würde ein dritter Band diesen Blick radikal umkehren: Eine Figur wie Kaveesha könnte in die korsischen Berge kommen, um dort unter prekären Bedingungen die „Authentizität“ zu produzieren, die den Touristen in NoS als Folklore verkauft wird. Diese Erzählweise würde die bittere Wahrheit enthüllen, dass es für jene, die einmal den „Weg des Exils oder der Hölle“ eingeschlagen haben, tatsächlich „keine Rückkehr“ gibt, und das Motiv der gegenseitigen Korruption vollenden, indem sie zeigt, dass auch die Heimat des Erzählers längst zu einem „Supermarkt der Hölle“ geworden ist.
Alternativ wäre eine Fortsetzung denkbar, die den Erzähler als endgültig Entwurzelten zeigt, der nach dem Verschwinden von Nardjess und Afsaneh selbst zu einem Schatten ohne Ziel wird. Er wäre dann weder der „Indigene“ noch der „Expatriate“, sondern ein „doppelter Apostat“, der in einer Welt aus „Hologrammen und Reflektionen“ nach den Trümmern seiner Existenz sucht. Ein solcher Abschluss würde die im ersten Teil beschriebene „Kalamität“ des ersten Reisenden auf die gesamte moderne Welt übertragen: Die Reise führt nicht zur Erlösung, sondern endet in der totalen seelischen Dürre und der „Vakuität der Seele“. Die Trilogie fände so ihr Ende in der universellen Erkenntnis, dass in einer globalisierten Welt jeder gleichzeitig ein Eindringling und ein Vertriebener ist, gefangen in einem „mensonge sans fin“ – einem endlosen Betrug. Aber man wird sehen.
Ein Vergleich der ersten beiden Romane der Trilogie zeigt, dass das Verhältnis zwischen Indigenen und Reisenden stets durch ein „Face-to-face der gegenseitigen Korruption“ geprägt ist, in dem beide Seiten ihre Laster offenbaren. Während in NoS die Gewalt als archaische Reaktion des Einheimischen auf die Ehrverletzung durch den Reisenden im Vordergrund steht (der Mord an Alban Genevey), thematisiert der zweite Band die moralische Indifferenz und das „schuldhafte Blindsein“. Der Reisende in Abu Dhabi lebt in einem „endlosen Betrug“, in dem er die Ausbeutung anderer ignoriert, um seinen Komfort zu wahren, was Ferrari als das eigentliche „Einverständnis“ (assentiment) mit der Hölle brandmarkt. In beiden Werken scheitert der Reisende an seinem Versuch einer Metamorphose; er bleibt ein „Hochstapler“, der feststellen muss, dass es für jene, die den Weg des Exils oder der Hölle wählen, „keine Rückkehr“ in eine wahre Heimat gibt.
Der Protagonist in TE erzählt seine Geschichte rückblickend. Er stellt fest, dass er nun, „da alles vorbei ist“, allein an seinen Ausgangspunkt Korsika zurückgekehrt ist. Die gesamte Erzählung ist von einer tiefen Scham über seine Erinnerungen geprägt, die er aus der zeitlichen Distanz seiner Heimkehr reflektiert. Er bezeichnet sich selbst als „zweifachen Apostaten“ und berichtet davon, wie er nach seiner Rückkehr einen alten Priester aufsuchte, um zu beichten. Ferrari transformiert in TE das danteske Inferno von einem Ort der physischen Bestrafung in einen Zustand der ontologischen Tilgung. Der Protagonist wählt als korsischer Philosophielehrer an französischen Gymnasien im Zuge seiner Hochzeit in Algerien den muslimischen Namen Abdelnour.
Seine Zwischenstation in Algerien erklärt sich aus seinem drängenden Bedürfnis, seiner Heimatinsel Korsika und der dortigen „Monotonie der Existenz“ sowie dem moralischen Verfall zu entfliehen. Er beschreibt seinen Drang nach einem „Anderswo“ als einen „großen Wind“, der ihn forttrieb. Er entschied sich für Algier, weil das dortige französische Gymnasium nach dem Bürgerkrieg gerade erst wiedereröffnet worden war; er hoffte, dass die Gefahr potenzielle Konkurrenten abschrecken würde und er so leichter eine Stelle im Ausland bekäme. Algerien wurde für ihn zum Ort eines ersten moralischen Experiments und einer versuchten Metamorphose, in deren Verlauf er seine Frau Nardjess kennenlernte. Letztlich floh er aus Algerien nach Abu Dhabi, weil er nach einem Bombenattentat die Chance nutzen wollte, mit seinem französischen Pass der „langen Nacht“ der Gewalt zu entkommen.
Doch diese Flucht vor dem Selbst erweist sich als Unmöglichkeit. Ferrari nutzt die „Contes de l’indigène et du voyageur“ als strukturellen Rahmen, um die Begegnung zwischen dem westlichen Expatriate und der präkarisierten Alterität (etwa der sri-lankischen Hausangestellten Kaveesha) zu sezieren. Die geografische Bewegung maskiert lediglich einen inneren Abstieg: Die Reise in die Hypermoderne der Emirate ist untrennbar mit dem Versinken in der „vacuité de l’âme“ verbunden.
Topographie der Verdammnis
Die philosophische Prämisse des Werks wurzelt in einem einleitenden Gleichnis, das die traditionelle Sündenlehre unterwandert. Für Ferrari ist die Verdammnis kein Resultat singulärer transgressiver Akte, sondern ein statischer Seinszustand: die „sécheresse du cœur“ (Trockenheit des Herzens). Die Verdammten konsumieren ihre eigene Ignoranz; sie bewohnen einen Trümmerhaufen und imaginieren ihn als Palast, sie berauschen sich an ihrem Gestank wie an Jasminduft. Diese „Ewigkeit der Lüge“ erschöpft die göttliche Barmherzigkeit effektiver als jedes Verbrechen, da das Subjekt zum Architekten seines eigenen Gefängnisses wird. Das Paradoxon des künstlichen Glücks offenbart sich in der Diskrepanz zwischen der berauschten Tagesexistenz und der nächtlichen „angoisse mortelle“ (Todesangst). Diese Angst ist kein bloßes Gefühl, sondern die letzte verbliebene ontologische Spur der Wahrheit – ein „Gift“, das die Wurzeln der korrumpierten Freude zersetzt. Die Unfähigkeit zur Reue zementiert den Fall, da der Wille zur Klarheit in der Leere der Seele erloschen ist. Diese geistige Ödnis manifestiert sich zwangsläufig in der artifiziellen Topographie der Vereinigten Aramischen Emirate (VAE).
Ferrari inszeniert die Wüste als eine metaphysische Kraft und ein mythisches Konstrukt, das in scharfem Kontrast zur künstlichen Welt der Industriezone Mussafah steht. Die Wüste wird in TE auf zwei gegensätzliche Arten mythisiert: einmal nach Wilfred Thesiger als asketischer Mythos. Ferrari bezieht sich auf dessen Interpretation der Wüste als Ort „heroischer Askese“ und „höchster spiritueller Reinheit“. Für Thesiger war die Wüste kein Ort der Entbehrung, sondern eine „ferveur mystique“ (mystische Inbrunst), in der das Fehlen von Überflüssigem den Zugang zum Wesentlichen ermöglichte. Die Wüste wird hier als eine „Souveränität“ begriffen, die den Menschen zur Demut zwingt.
Für den Erzähler in der Gegenwart ist die Wüste hingegen oft nur noch ein „décor délavé“ (verblasstes Dekor), das auf eine riesige Leinwand gemalt scheint. Sie wird als „indifferent und seelenlos“ wahrgenommen, eine farblose Weite, die das Leben nur noch in einer „erschöpften Form“ zulässt. Dennoch bleibt sie ein Ort der Stille, in dem die Dünen wie von einem „müden Gott“ gezeichnet wirken.
Die Wüste leistet zudem „hartnäckigen Widerstand“ gegen die Urbanisierung. Sie wird metaphorisiert als eine Kraft, die Staub und Sand aufwirbelt, um die Konturen der künstlichen Stadt zu verwischen und sie in eine Welt aus Hologrammen und Spiegelungen zu verwandeln. Die Industriezone Mussafah wird als das dunkle Spiegelbild der glitzernden Corniche und als eine moderne Vorhölle inszeniert, so wird sie als eine Welt beschrieben, die in das „diffuse Licht der Vorhölle und schlechter Träume“ getaucht ist. Es ist ein Ort, an dem die Abfälle der Stadt hinter den Dünen verbrannt werden, bewacht von einer „Geisterkarawane“ aus ununterbrochenen LKW-Kolonnen.
En arrivant dans la zone industrielle de Mussafah, après avoir passé le plus méridional des trois ponts surplombant le bras de mer qui sépare l’île de la péninsule, on découvre un autre monde que baigne la clarté diffuse des limbes et des mauvais rêves. Au loin, sur l’autoroute qui mène aux oasis et à la frontière saoudienne, une file ininterrompue de camions tremblant dans les vapeurs du mirage roule comme une caravane fantôme vers les incinérateurs où brûleront à l’abri des dunes les déchets sans cesse rejetés par la ville. À cette heure de l’après-midi, le soleil a cessé de scintiller et son disque incandescent décline lentement vers l’horizon hérissé de grues en se découpant avec une netteté irréelle sur la pâleur uniforme du ciel doré, comme dans un dessin d’enfant.
Wenn man das Industriegebiet von Mussafah erreicht, nachdem man die südlichste der drei Brücken über den Meeresarm passiert hat, der die Insel von der Halbinsel trennt, entdeckt man eine andere Welt, die in das diffuse Licht der Vorhölle und der bösen Träume getaucht ist. In der Ferne, auf der Autobahn, die zu den Oasen und zur saudischen Grenze führt, rollt eine ununterbrochene Reihe von Lastwagen, die im Dunst der Fata Morgana flimmern, wie eine Geisterkarawane zu den Verbrennungsanlagen, wo der von der Stadt ständig produzierte Müll im Schutz der Dünen verbrannt wird. Zu dieser Nachmittagsstunde hat die Sonne aufgehört zu funkeln und ihre glühende Scheibe sinkt langsam zum Horizont hinab, der von Kränen gesäumt ist und sich mit unwirklicher Schärfe von der gleichmäßigen Blässe des goldenen Himmels abhebt, wie in einer Kinderzeichnung.
Der Erzähler beschreibt Mussafah als ein „perverses Labyrinth“ aus Parallelen und Perpendikularachsen. Diese „perverse Geometrie“ hat keinen Orientierungspunkt und scheint den Reisenden gefangen zu halten, was das Gefühl einer existenziellen Isolation verstärkt. Es ist ein Raum, der sich „plötzlich auf sich selbst schließt“. Mussafah wirkt wie ein fiktives Universum, in dem Gebäude wie „immaterielle Entitäten“ im flachen Licht tanzen. Diese Inszenierung bricht die Realität auf und macht den Ort zu einem „verfluchten Ort“ („lieu maudit“), in dem der Erzähler an seinem Verstand zweifelt.
Die Wüste und Mussafah bilden gemeinsam eine Anatomie der Verdammnis. Während die Wüste die ewige, unerbittliche Natur repräsentiert, ist Mussafah die industrielle Hölle, in der die „Souveränität der Wüste“ noch nicht vollständig besiegt ist. In Mussafah vermischen sich der Sand der Wüste und der Staub der Fabriken zu einem „ockerfarbenen Nebel“, der die Grenze zwischen der physischen Welt und einem geistigen Zustand der „Tristesse und Einsamkeit“ auflöst.
So überführt Ferrari reale Geografie in eine transzendente Kartographie des Scheiterns. Die Industriezone Mussafah wird als liminaler Raum inszeniert, getaucht in die „clarté diffuse des limbes“. Hier kollabiert die Grenze zwischen Realität und Mirakel. Die unendliche Schlange der Lastwagen, die Abfälle in die Wüste transportiert, symbolisiert eine zirkuläre, zweckbefreite Existenz, eine Geisterkarawane. Abdelnour verliert sich in einem Labyrinth. Diese sterile Symmetrie bietet keine Orientierung, sondern hält das Subjekt in einer „holographischen“ Einsamkeit gefangen.
Die Begegnung mit einem Syrer in Mussafah wird als eine himmlische Entität oder ein Engel Gottes gedeutet, der aus der Unermesslichkeit der Wüste gesandt wurde, um den „Fluch“ des Verirrtseins zu brechen. Die Begegnung mit dem „verlorenen Syrer“ in diesem Labyrinth markiert einen Moment der ontologischen Nivellierung. Der Syrer ist nicht bloßer Migrant, sondern Abdelnours Spiegelbild: Beide sind in der gleichen Leere verloren. Während Abdelnour auf die sterile Ästhetik der Corniche blickt, starrt seine Frau Nardjess auf die sterbende Mangrove – ein organisches Relikt, das ebenso wie ihre Seele blutleer erscheint. Die historische Sehnsucht nach der Reinheit der Wüste wird hier dekonstruiert; sie ist unter Asphalt und Rohren begraben, eine Chimäre der globalisierten Moderne.
Intertextuelle Konstruktion des ‚Indigenen‘ und des ‚Reisenden‘
Ferrari nutzt Intertextualität als Instrument zur Subversion postkolonialer Identitätskonstruktionen. Wilfred Thesiger und T.E. Lawrence dienen als Referenzpunkte für eine „europäische Naivität“, die den Raum der Anderen als moralisches Labor missbraucht.
Die intertextuellen Referenzen bilden das moralische Skelett, an dem die Verdammnis des Protagonisten Abdelnour aufgehängt wird. Ferrari nutzt das Zitat (aus Die sieben Säulen der Weisheit, frz. Les Sept Piliers de la sagesse), um ein metaphysisches Koordinatensystem für den Roman zu entwerfen. Lawrence postuliert darin, dass der menschliche Geist die Hölle als Kompensation erfunden habe, um das „Defizit des Lebens“ und die Scham über die „obszöne Menschwerdung“ auszugleichen. Über dieses Zitat führt Ferrari das Motiv des „Großen Buches“ ein, in dem Gut und Böse für den Tag des Jüngsten Gerichts unerbittlich festgehalten werden. T.E. Lawrence wird so zum Spiegelbild für den Protagonisten: Lawrence sah sich 1918 im Spiegel nicht als Held, sondern als „Pitre“ (Clown) in arabischer Verkleidung, als einen Lügner, der die Araber für ein falsches Versprechen in den Tod schickte. Diese „Ignominie“ (Schmach) wiederholt Abdelnour in seiner eigenen Existenz in Abu Dhabi. Er begreift sich selbst als „Imposteur“ (Hochstapler), dessen Konversion zum Islam und dessen Leben als privilegierter Lehrer lediglich Rollen eines „mittelmäßigen Schauspielers“ sind. Seine „doppelte Apostasie“ – die Abkehr von seinem christlichen Erbe durch die Konversion und die spätere Rückkehr als gescheiterter Bittsteller vor dem Priester seiner Kindheit – unterstreicht die Lawrencesche Erkenntnis, dass er trotz aller Masken „nichts mehr ist“ und seine Identität in der Fremde endgültig aufgelöst hat.
Ces aventures de jeunesse ne constituèrent toutefois que des préludes à sa rencontre foudroyante avec le désert qu’il aima immédiatement, en raison de sa rudesse même, avec une ferveur mystique. Il voyagea avec les Bédouins, à pied et à dos de chamelle, gravit des dunes immenses balayées par le vent, supporta avec eux le froid glacial et la chaleur, il souffrit avec eux la faim et la soif. […] il apprit à se passer du superflu, puis de l’essentiel, jusqu’à parvenir à un état de dénuement total qui lui apporta sans nul doute des satisfactions inouïes parce qu’il était le seul chemin d’accès à la plus haute pureté spirituelle. À ses yeux, toutes les innovations techniques qui pouvaient rendre cette vie moins atrocement difficile représentaient une abomination.
Diese Abenteuer seiner Jugend waren jedoch nur der Auftakt zu seiner überwältigenden Begegnung mit der Wüste, die er aufgrund ihrer Rauheit sofort mit mystischer Inbrunst liebte. Er reiste mit den Beduinen zu Fuß und auf Kamelen, bestieg riesige, vom Wind verwehte Dünen, ertrug mit ihnen die eisige Kälte und die Hitze, litt mit ihnen Hunger und Durst. […] Er lernte, auf das Überflüssige und dann auch auf das Wesentliche zu verzichten, bis er einen Zustand völliger Entbehrung erreichte, der ihm zweifellos ungeahnte Befriedigung verschaffte, weil er der einzige Weg zu höchster spiritueller Reinheit war. In seinen Augen waren alle technischen Neuerungen, die dieses Leben weniger qualvoll machen konnten, ein Gräuel.
In seiner Analyse von Wilfred Thesiger und dessen Text (Arabian Sands, frz. Le désert des déserts) demaskiert Ferrari die „kolossale europäische Naivität“, die fremde Welten lediglich als „Terrain für moralische Experimente“ betrachtet. Thesiger idealisierte den Hunger, den Durst und das Leiden der Beduinen als einen Pfad zu „höchster spiritueller Reinheit“ und „asketischem Heldentum“. Ferrari entlarvt dies als egozentrisches Verlangen: Thesiger liebte alles, was nicht wie Europa war, und empfand die Modernisierung von Abu Dhabi daher als einen „arabischen Albtraum“ („cauchemar arabe“), weil sie sein ästhetisches Ideal zerstörte. Dabei ignorierte Thesiger die reale, brutale Misere der Einheimischen, die – im Gegensatz zum britischen Forscher – durchaus bereit waren, ihr hartes Leben gegen modernen Komfort einzutauschen. Der Protagonist erkennt in Thesiger sein eigenes moralisches Versagen wieder: Beide sind Reisende, die sich an der „unberührten Wildnis“ berauschen wollen, während sie blind bleiben für das menschliche Leid derer, die diese Welt tatsächlich bewohnen.
Diese intertextuelle Referenz verdeutlicht die „schuldhafte Blindheit“ des Westlers, der die Welt bereist, um seine eigene „innere Reinheit“ zu prüfen, während er gleichzeitig von einem System profitiert, in dem Arbeiter als „gesichtslose Männer“ in der Hitze untergehen. Ferrari demaskiert die „Hölle der Unsichtbarkeit“. Während die „Reisenden“ (Thesiger wie auch Abdelnour) den Raum für ihre metaphysischen Experimente nutzen, sterben die „Indigenen“ – die namenlosen Bauarbeiter auf Saadiyat – einen unsichtbaren Tod. Ihr Verschwinden von den Gerüsten des Louvre Abu Dhabi ist die ultimative Konsequenz einer Welt, die auf dem Blut derer errichtet wurde, deren Existenz ontologisch getilgt wurde.
Auch der zweite Roman der Trilogie ist mit Korsika verknüpft, da die Heimatinsel den emotionalen und moralischen Fluchtpunkt der gesamten Erzählung bildet. Der Erzähler flieht ursprünglich vor der „Monotonie der Existenz“ und dem moralischen Verfall seiner Heimat, in der er seine Mitmenschen als „Schweine“ wahrnimmt, die sich schamlos ihrer eigenen Niedertracht rühmen. Während seines Exils in Abu Dhabi schwankt seine Wahrnehmung Korsikas zwischen einer „niaiserie sentimentale“ (sentimentalen Albernheit), die ihn beim Hören korsischer Lieder im Stau zu Tränen rührt, und der bitteren Erkenntnis, dass er durch sein Scheitern in der Fremde am Ende „nichts mehr ist“. Die Rückkehr auf die Insel markiert schließlich sein endgültiges „Exil“, in dem er feststellen muss, dass die vertrauten Landschaften durch hässliche Villen sowie kommerzielle Zentren entstellt wurden und das „sepulkrale Schweigen“ des Hafens im November zur direkten Konsequenz der eigenen Gier geworden ist.
Gleichzeitig bildet Frankreich den institutionellen und kulturellen Rahmen, den Ferrari nutzt, um die westliche Hybris und die soziale Segregation zu demaskieren. Als Angestellter des französischen Lycée und damit der „Éducation nationale“ reflektiert der Protagonist kritisch über die französische Expatriate-Gesellschaft, die er als „arrogante Elite“ mit einem oft „einmütigen Rassismus“ gegenüber der lokalen Bevölkerung beschreibt. Besonders die Passage über die Rückreise über den Pariser Flughafen (Roissy) wird zur Generalabrechnung mit einer modernen französischen Identität, die sich hinter zynischen und sinnentleerten Slogans wie „Paris vous aime“ (Paris liebt euch) verbirgt, während sie Reisende wie „Bettler“ oder „Vieh“ behandelt und Flughäfen in „Supermärkte der Hölle“ verwandelt. In seiner „doppelten Apostasie“ – der Abkehr sowohl von seinem christlichen Erbe als auch von seiner versuchten muslimischen Identität – verkörpert der Erzähler das Scheitern eines französischen Intellektuellen, der vergeblich versucht, der „Ignominie“ (Schmach) der eigenen Maskerade durch eine geografische Flucht zu entkommen.
Unmögliche Rückkehr und der König der Zeit
Bien sûr, le désert a finalement été vaincu : un réseau de tuyaux noirs court le long du sol pour arroser des massifs de fleurs et des pelouses aussi verdoyantes que les verts paradis. Si Wilfred Thesiger avait pu voir Abu Dhabi comme je la connais, il n’aurait pas même eu la force d’écrire une préface vengeresse parce que son cœur s’en serait brisé net, comme un cristal trop pur et trop fragile ; il n’aurait pu tolérer les gratte-ciel scintillants alignés le long de la Corniche dont les huit voies sont parcourues dans les deux sens par un flot continu de voitures, les immenses centres commerciaux, l’omniprésence des publicités pour des marques de luxe. […] Abu Dhabi ne ressemblait encore en rien à la ville immense où je me suis installé et où je les perdrais bientôt toutes les deux.
Natürlich wurde die Wüste schließlich besiegt: Ein Netz schwarzer Rohre verläuft entlang des Bodens, um Blumenbeete und Rasenflächen zu bewässern, die so grün sind wie das Paradies. Hätte Wilfred Thesiger Abu Dhabi so sehen können, wie ich es kenne, hätte er nicht einmal die Kraft gehabt, ein rachsüchtiges Vorwort zu schreiben, denn sein Herz wäre zerbrochen, wie ein zu reiner und zu zerbrechlicher Kristall; er hätte die glitzernden Wolkenkratzer entlang der Corniche nicht ertragen können, deren acht Fahrspuren in beide Richtungen von einem ununterbrochenen Strom von Autos befahren werden, die riesigen Einkaufszentren, die allgegenwärtige Werbung für Luxusmarken. […] Abu Dhabi ähnelte noch in keiner Weise der riesigen Stadt, in der ich mich niedergelassen hatte und in der ich bald beide verlieren würde.
Die „besiegte“ Wüste ist eine Metapher für die totale Unterwerfung der Natur unter den Kapitalismus. Die Bewässerung künstlicher „Paradiese“ ist ein Symbol für den „endlosen Betrug“, von dem die Rahmenerzählerin spricht: Man erschafft eine Illusion von Glück (grüne Rasen in der Wüste), während die moralische Substanz (die Seele) verdorrt. Diese Passage markiert den Ort, an dem der Erzähler seine Familie verliert – die künstliche Pracht der Stadt ist die Kulisse für seine endgültige Verdammnis.
À Saadiyat, sur le chantier de construction du Louvre, une armée d’ouvriers plantent dans le sable des milliers de tiges d’acier qui s’enfoncent dans les profondeurs du désert jusqu’aux roches souterraines. En trente années, la frénésie des bâtisseurs n’a pas connu un seul moment de répit, les grues se dressent encore à l’horizon et, de tous les pays de misère, les hommes ne cessent d’accourir pour se hisser sur les échafaudages vers un rêve qui ne se réalisera jamais. […] des chantiers frénétiques où s’affairent sur les échafaudages des hommes sans visage et sans nom, titubant dans la chaleur et parfois tombant et disparaissant alors à jamais, si parfaitement que c’est comme s’ils n’avaient jamais vécu.
In Saadiyat, auf der Baustelle des Louvre, rammt eine Armee von Arbeitern Tausende von Stahlstangen in den Sand, die bis in die Tiefen der Wüste bis zum Untergrundgestein reichen. Seit dreißig Jahren hat die Hektik der Bauarbeiter keinen einzigen Moment der Ruhe gekannt, die Kräne ragen noch immer am Horizont empor, und aus allen Ländern der Armut strömen Männer herbei, um sich auf die Gerüste zu schwingen und einen Traum zu verwirklichen, der niemals wahr werden wird. […] hektische Baustellen, auf denen gesichtslose und namenlose Männer auf Gerüsten herumwuseln, in der Hitze taumeln und manchmal fallen und dann für immer verschwinden, so vollkommen, als hätten sie nie gelebt.
In dieser Passage wird die Industriezone (erweitert auf die Großbaustellen) als ein Ort des Verschwindens metaphorisiert. Das Sinken der Stahlstangen in das „Herz der Wüste“ symbolisiert die tiefe Verwurzelung des Leids im Fundament der Kultur (dem Louvre). Die Arbeiter sind die „Verdammten“, deren Existenz für die Privilegierten unsichtbar bleibt. Dieser Auszug verbindet die physische Arbeit im Sand mit der metaphysischen Hölle: Es ist ein „unendlicher Fall“ in die Anonymität und den Tod, was das moralische Schweigen des Erzählers als dessen tiefste Schuld brandmarkt.
In den Schicksalen von Kaveesha und Nardjess problematisiert Ferrari die strukturelle Möglichkeit von Empathie. Beide Frauen sind durch „unsichtbare Mauern“ von ihrer Umwelt getrennt, verschwinden jedoch in unterschiedliche Richtungen. Kaveeshas Exil ist ein „Kreis aus Feuer“. Ihr Verschwinden richtet sich in die Vergangenheit; sie wird durch ihren eigenen Sohn enteignet, der ihr mühsam erspartes Haus stiehlt. Die Erkenntnis, dass es keine Rückkehr gibt, markiert ihre finale Verdammnis.
Nardjess, die Ehefrau Abdelnours, verschwindet in der Leere der Gegenwart. Die Metapher ihrer Augen, welche von Blau zu einem Schwarz „wie Tinte“ mutieren, symbolisiert den psychischen Zerfall und den Verlust der Seele an das Nichts. Der „Fuchs in der Mangrove“, den Nardjess und ihre Tochter Afsaneh suchen, bleibt ein unerreichbares Symbol für ein Glück, das in diesem System strukturell unmöglich ist. Die emotionale Mauer zwischen Abdelnour und Nardjess zeigt, dass in einer Welt des „strukturellen Egoismus“ die Begegnung mit dem Anderen nur noch als wechselseitige Entfremdung stattfinden kann.
Die Analyse verdeutlicht, dass das „Heimkommen“ im Ferrari’schen Universum eine Chimäre bleibt. Abdelnours physische Rückkehr nach Korsika heilt nicht seinen ontologischen Bruch; er bleibt ein Apostat, der nicht nur den Glauben, sondern auch die Illusion einer kohärenten Identität verloren hat. Sein Versuch der Metamorphose ist endgültig gescheitert. Wie das Schlussbild suggeriert, versenkt sich die Seele „immer tiefer in die Nacht“, in einen Raum jenseits von Liebe und Berührung.
Der Schluss von Jérôme Ferraris Roman stellt die endgültige Verschmelzung der theoretischen Höllenvision mit der erlebten Realität des Protagonisten dar. Nachdem der Erzähler durch seine Stationen in Algerien und Abu Dhabi versucht hat, seiner eigenen Identität zu entfliehen, kehrt er am Ende als ein am Leben und an sich selbst gescheiterter Mann nach Korsika zurück.
Das Ende greift die zu Beginn formulierte „Theorie der Hölle“ auf, wonach die Verdammten nicht durch Verbrechen, sondern durch die „Vakuität ihrer Seele“ und die „Trockenheit ihres Herzens“ gezeichnet sind. Am Ende wird Nardjess, die Ehefrau des Erzählers, als eine jener Schattenseelen in der „weiten unterirdischen Behausung“ der Hölle dargestellt. Ihr Zustand ist durch eine totale Versteinerung und Unbeweglichkeit gekennzeichnet; sie ist unfähig, an der „infamen Komödie“ der anderen Verdammten teilzunehmen, weil sie Fragmente einer schrecklichen Wahrheit erinnert, die sie weder ganz begreifen noch vergessen kann. Ihr „Herz aus Eis“ ist für keine Liebe, keinen Kuss und kein tröstendes Wort mehr erreichbar – eine bittere Metapher für die absolute seelische Isolation.
Der gesamte Text ist geprägt vom Wunsch des Erzählers, durch das Reisen und die Annahme neuer Identitäten (wie seiner Konversion zum Islam als „Abdelnour“) jemand anderes zu werden. Am Ende muss er jedoch erkennen, dass er lediglich ein „mittelmäßiger Schauspieler“ unter verschiedenen Masken geblieben ist. Er kehrt als „zweifacher Apostat“ (Abtrünniger des Christentums wie des Islams) an seinen Ausgangspunkt zurück, nur um festzustellen, dass er durch sein Scheitern, ein anderer zu werden, nun endgültig „nichts mehr ist“. Seine Rückkehr nach Korsika ist keine Heimkehr, sondern ein einsames Exil in der eigenen Erinnerung, in dem selbst seine Mutter so tut, als hätten seine Frau und seine Tochter nie existiert.
Ein zentrales Motiv des Schlusses ist das „Einverständnis“ (assentiment) ins Unrecht der Welt. Der Erzähler erkennt rückblickend, dass er durch sein bloßes Weiterleben im Luxus von Abu Dhabi – während Bauarbeiter wie anonyme Schatten in der Hitze fallen – zum Komplizen der „unsichtbaren Hölle“ wurde. Er begreift zu spät, dass ein „Liebesbeweis ohne greifbare Zeichen“ wertlos ist. Seine Flucht nach Riad und die dort erlebte sexuelle Begegnung mit Nardjess vor seiner Abreise werden als endgültige Entfremdung dargestellt, die er wie die Berührung eines „Kadavers“ empfand. Dieses moralische Versagen führt zum Verlust von Nardjess und seiner Tochter Afsaneh, die er am Ende nur noch als „Fragmente der Vergangenheit“ in seinem Geist bewahren kann.
Die Szene kurz vor der Abreise des Erzählers nach Riad markiert den endgültigen moralischen und emotionalen Zusammenbruch seiner Ehe und verdeutlicht auf grausame Weise Ferraris „Theorie der Hölle“. Als der Erzähler um vier Uhr morgens in der Küche seinen Kaffee trinkt, tritt ihm Nardjess mit einem Gesicht entgegen, das „bleich wie ein Wachsgesicht“ ist und keinerlei Ausdruck mehr zeigt. Ihre Frage „Wirst du uns verlassen?“ wirkt wie eine dunkle Prophezeiung. Die anschließende sexuelle Interaktion wird als zutiefst „obszöne Geste“ beschrieben: Nardjess führt seine Hand zwischen ihre Beine, doch ihr Gesicht bleibt völlig unbewegt; es gibt kein Begehren, sondern nur das „aberrante Funktionieren eines Körpers, den die Seele in Aufruhr verlassen hat“.
Dieses Erlebnis wird für den Erzähler zu einer „offenen Wunde“ in seinem Gedächtnis. Er verlässt das Haus, ohne seine schlafende Tochter Afsaneh zu küssen, weil er glaubt, nach dieser Tat nicht mehr das Recht dazu zu haben. Während er in Saudi-Arabien ist, erkennt er in einer Reflexion über die „schuldhafte Blindheit“, dass er für den Zustand seiner Welt verantwortlich ist, weil er ihr sein „Einverständnis“ (assentiment) gegeben hat. Er begreift zu spät, dass Liebe, für die es keine „greifbaren Zeichen“ gibt, wertlos ist.
Die Konsequenz dieses Versagens ist der totale Verlust: Bei seiner Rückkehr nach Abu Dhabi erfährt er durch einen Anruf der aufgelösten Haushälterin Kaveesha, dass Nardjess und Afsaneh verschwunden sind – er weiß instinktiv, dass „niemand mehr zu Hause auf ihn wartet“. Jahre später, nach seiner Rückkehr nach Korsika als „zweifacher Apostat“, bleiben ihm Frau und Tochter nicht als verblasste Erinnerungen, sondern als „Fragmente der Vergangenheit, eingehüllt in die geheimen Falten der Gegenwart“.
Diese Fragmente – der Henné-Abdruck auf der Handfläche, der Duft von Weihrauch, das Bild der jungen Frau mit dem Goldgürtel – umgeben ihn in seiner Einsamkeit und sorgen dafür, dass er sich „weniger allein fühlt“, obwohl er weiß, dass er sie durch seine Unfähigkeit zu wahrhaftiger Liebe und sein Schweigen für immer verloren hat. Während der Erzähler in seinen Erinnerungen verweilt, sinkt Nardjess in der finalen Vision des Romans immer tiefer in die „Ewigkeit der Nacht“, ein ewiges Exil, aus dem es keine Rückkehr gibt.
Der Roman endet mit einer zweiten Ansprache an den „König der Zeit“, die das moderne Geschehen in den fast mythischen Rahmen zurückführt, um die „Theorie der Hölle“ zu vollenden und das Schicksal der Charaktere endgültig zu besiegeln.
Die Erzählerin fordert den „geliebten König“ auf, gemeinsam mit ihm in die „weite unterirdische Behausung der Hölle“ zu blicken, sollte Gott ihnen die Kraft verleihen, diesen grauenhaften Anblick zu ertragen. Im dunkelsten Winkel dieser Hölle wird die Schattenfigur einer jungen Frau sichtbar – es handelt sich um Nardjess, die Ehefrau des Protagonisten. Ihr Zustand ist durch totale Erstarrung und eine gespaltene Identität gekennzeichnet: Ihr linkes Auge ist himmelblau, ihr rechtes schwärzer als Kohle-Puder. Während die anderen Verdammten in einem „endlosen Betrug“ leben und glauben, sie seien lebendig oder befänden sich in Palästen, ist Nardjess dazu verdammt, sich an Bruchstücke der Wahrheit zu erinnern. Diese Erinnerung an die „Offenbarung“ (den Albtraum der Wahrheit) hindert sie daran, an der „infamen Komödie“ der anderen Verdammten teilzunehmen, lässt sie aber gleichzeitig in einem Zustand des Schwindels zwischen Wissen und Unwissenheit verharren.
Während für die Erzählerin und den König der Morgen graut, während der „strahlende Morgen“ anbricht und Vögel singen, sinkt die Gestalt der jungen Frau (Nardjess) immer tiefer in die „Dunkelheit der Nacht“. Dieser Kontrast verdeutlicht die Endgültigkeit der Verdammnis: Für jene, die den Weg des Exils oder der Hölle eingeschlagen haben, gibt es keine Rückkehr. Das Buch schließt mit der resignierten Erkenntnis, dass Gerechtigkeit und Barmherzigkeit für den menschlichen Verstand, der aus der „flüchtigen Substanz von Träumen“ gemacht ist, unbegreiflich bleiben. Die Hölle ist bei Ferrari kein physischer Ort, sondern die totale Unfähigkeit zur Liebe und zur Erkenntnis der Wahrheit, die in einer ewigen psychischen Isolation endet.
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