Schreiben gegen die Grenze: Utopie Babel bei Leïla Slimani

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

Der Alptraum als Methode: Sprache, Schuld und Genealogie des Verlusts

Der Text entstand als Auftragsarbeit für France Culture auf Initiative von Tiago Rodrigues, dem Leiter des Festivals von Avignon 2025, das in jenem Jahr die arabische Sprache als Gast ehrte. Eine erste Fassung wurde von Leïla Slimani am 8. Juli 2025 im Hof des Musée Calvet im Rahmen dieses Festivals öffentlich vorgetragen.

Der Text beginnt nicht mit einer These, sondern mit einem Körpergefühl. „Ich habe oft denselben Albtraum. Einen erschreckenden Albtraum, dessen Schauplatz sich verändert, ohne dass die Angst nachlässt.“ 1 Slimani steht in einem Gerichtssaal, soll sprechen, spricht Französisch – und wird unterbrochen: „Wir sind hier nicht in Frankreich. Sprich Arabisch.“ 2 Die Lähmung folgt sofort: „Ich suche nach meinen Worten. Nichts kommt, und ich verstehe, dass ich verloren habe, dass ich niemals meine Unschuld werde beweisen können.“ 3 Das Gericht ist eine Metapher für gesellschaftliche Legitimation. Wer die falsche Sprache spricht, ist schuldig – nicht im juristischen, sondern im identitären Sinne. Die Unschuld, die sich nicht beweisen lässt, ist die marokkanische Zugehörigkeit, die Legitimität als Schriftstellerin, die auf Französisch über eine arabischsprachige Welt schreibt. Das Schuldgefühl ist dabei keine private Neurosebildung, sondern die internalisierte Struktur einer postkolonialen Bildungsgeschichte.

Diesem Alptraum stellt Slimani unmittelbar die Kindheitserinnerung gegenüber: als kleines Kind begrüßte sie die elsässische Großmutter in einem kindlichen Arabisch mit „nach draußen, nach draußen, nach draußen“ („el bela, el bela, el bela“). Die Großmutter ist eine paradoxe Figur im kolonialen Tableau: Sie kommt als Frau eines marokkanischen Kolonialveteranen ins Land, lernt aber die Sprache aus Freude, aus Neugier, aus Begierde. „Sie beherrschte sie perfekt, ohne jedoch jemals ihren germanischen Akzent zu verlieren. Sie liebte sie, spielte mit ihr und schätzte ihre Poesie, ihren Humor und ihre Formbarkeit.“ 4 Sie provoziert Passanten mit Obszönitäten, um Antworten zu erhalten – um wirklich in der Sprache anzukommen. Das ist das genaue Gegenteil des kolonialen Paradigmas, das Slimani im gleichen Atemzug beschreibt: die meisten Europäer, die seit zwanzig oder dreißig Jahren in Marokko lebten, hatten nie Arabisch gelernt, weil „alle Französisch sprachen“ 5.

Die Kindheitswelt Slimanis ist mehrsprachig und ohne Hierarchie: Darija (das marokkanische Arabisch), Chleha (das Berberdialekt der Landarbeiter auf dem Bauernhof des Großvaters), Französisch, Spanisch, Deutsch. Elias Canetti tritt als erste intertextuelle Referenz auf – aus Die gerettete Zunge: „Es war dort oft von Sprachen die Rede, man sprach sieben oder acht verschiedene allein in unserer Stadt. Jeder zählte die Sprachen auf, die er kannte. Das konnte einem das Leben retten oder das Leben anderer retten.“ 6 Die Parallele ist präzise gewählt: Canetti, sephardischer Bulgare, ist wie Slimani Kind einer Welt, in der Mehrsprachigkeit Überlebensressource ist, keine Kuriosität. Das Deutsche ist die geheime Sprache der Großmutter – „ihr Geheimnis, ihr Zufluchtsort, ihr eigenes Zimmer“ 7 –, eine Sprache, in der sie eine andere Person wird, mit anderen Gesten, anderen Intonationen, einem anderen Lachen. Hier liegt bereits die Kernthese des Essays: Sprachen sind nicht Kommunikationsmittel, sondern Identitäten, Körper, Geheimnisse. Wer eine Sprache verliert, verliert eine Version seiner selbst.

Das Paradies zerbricht mit dem Eintritt in das Lycée Descartes, das Slimani beschreibt als „eine Enklave, in der sich eine nach fremdem Vorbild und in einer fremden Sprache erzogene Elite reproduzierte und – völlig losgelöst von dem Land, in dem sie lebte – ohne schlechtes Gewissen herrschen konnte“ 8. Das klassische Arabisch wird als „heilige Sprache“ 9 gelehrt – und gerade durch diese Sakralisierung eingesperrt: „man sagte uns immer wieder, dass die arabische Sprache heilig sei und dass wir nicht mit ihr tun könnten, was wir wollten.“ 10 Eine heilige Sprache ist eine tote Sprache für die Literatur: Man nähert sich ihr mit Ehrfurcht, nicht mit der schöpferischen Freiheit, die das Schreiben verlangt.

Der Vater (Vorbild für Mehdi in Le pays des autres) ist die tragische Figur dieser Genealogie. Er besucht als einer von drei Marokkanern die Kolonialschule, erträgt in Schweigen die rassistischen Bemerkungen seines Mathematiklehrers, arbeitet mit besessener Energie. Seine eigenen Aufzeichnungen, die Slimani zitiert, formulieren das Dilemma: „Diese Entscheidung hat mir, wie ich viel später erkannt habe, auch das Bild eines Europäers, eines Westlers verliehen.“ 11 Slimani nennt das „den ersten Knoten, die erste Wunde, die erste Zerreißprobe“ 12 – den ersten Knoten in einer Kette historischer Verluste, die direkt zu ihrem eigenen Sprachschweigen führt.

Roland Barthes tritt hier als zweite große intertextuelle Achse auf. Barthes schreibt, ein Schriftsteller spiele mit der Muttersprache, dem „Körper seiner Mutter“ 13, um sie zu verherrlichen, zu verschönern oder zu zerstückeln. Slimani wendet das um: „Und was ist dann mit dem Körper meines Vaters?“ 14 Die arabische Sprache ist für sie der Körper des Vaters – „dieser unbewegliche Körper, dieser gefesselte, eingesperrte Körper, dieser tote Körper, dieser Körper der Sprache, die ich nicht spreche.“ 15 Und Levinas tritt hinzu: Dessen Vater sorgte im Exil stets zuerst dafür, einen Hebräischlehrer zu finden, weil die Sprache „das erste Element des Wohlbefindens“ 16 war. Bei Slimanis Vater ist dies nicht gelungen: „Mit meinem Vater ist dieses Band zerbrochen. Der Faden der Erinnerung ist gerissen.“ 17 Die Beerdigung des Vaters – Slimani versteht die Gebete nicht, kann die Beileidsformeln auf Arabisch nicht erwidern – verdichtet die strukturelle Katastrophe zur persönlichen Erschütterung.

Paris, die Araberin und die verkehrte Babel: Identität im Exil

Der dritte Abschnitt beginnt mit einem scheinbaren Paradoxon: „Ich musste mich mit achtzehn Jahren in Paris niederlassen, um zu verstehen, dass ich eine Araberin war.“ 18 Slimani hatte Marokko als Marokkanerin verlassen; in Paris wird sie zur Araberin – durch den Blick des anderen. Das ist eine kulturtheoretische Einsicht von grundlegender Präzision: Identitäten werden nicht nur von innen heraus gebildet, sondern durch Spiegelung konstruiert. Paris zeigt Slimani als „sichtbare Minderheit“ 19, als Körper, der nicht in die Norm passt. Und in den Büchern und Filmen, die sie kennt und liebt, „niemand sah aus wie ich“ 20. Frankreich war zunächst ein „Ort der Fiktion“ 21 – ein Land, das sie aus der Literatur kannte, aber bei der Ankunft als fremdes erlebte: „Ich kam in ein Land, das meines war und zugleich fremd.“ 22

La grande librairie, März 2026.

Die Rückkehr nach Marokko nach Jahren in Paris zeigt die Kehrseite: Die Darija entgleitet ihr, man lacht über ihren Akzent, sie fühlt sich exkommuniziert. Slimani nennt das ein „umgekehrtes Babel“ 23: „Am Anfang gab es die Vielfalt der Sprachen, die Differenz, das Nebeneinander, dann aber, um den biblischen Text zu zitieren, ‚eine einzige Sprache und dieselben Worte‘.“ 24 Der biblische Babel-Mythos wird umgekehrt: Nicht die Zerstreuung der Sprachen, sondern die Konvergenz auf eine einzige – das Französische – ist das Trauma. „Im Gegensatz zu meiner Großmutter […] habe ich nicht eine Sprache mehr gesprochen, sondern eine weniger.“ 25

Hier entfaltet sich eine gesellschaftspolitische Analyse der Sprachhierarchien. Slimani reflektiert, dass ihre makellose Beherrschung des Französischen sie vor sozialer Exklusion schützte: „Ich bin überzeugt, dass meine Beherrschung der Sprache mich zu einem großen Teil vor Ausgrenzung, Ablehnung oder auch nur einer Form von Herablassung geschützt hat.“ 26 Der „arabische Akzent“ 27 ist sozial codiert – der Akzent der Unterprivilegierten, des Filmkomödien-„bougnoule“. Slimani bekennt, diesen Akzent selbst imitiert zu haben, als sie bemerkte, dass er ihre Mitschüler amüsierte. Das ist ein Moment der schonungslosen Selbstkritik: Auch sie hat an jenem System der Erniedrigung teilgenommen, gegen das sie heute schreibt.

Die kosmopolitische Utopie der Eltern – marokkanisch und französisch, afrikanisch und westlich, Monarchie und Republik – erscheint in diesem Abschnitt als fragile und mittlerweile historisch verlorene Haltung. Der Vater träumte von einer Brücke zwischen Marokko und Spanien, zitierte König Hassan II.: das Marokko als Baum mit Wurzeln in Afrika und Blättern in Europa. Slimani kommentiert lakonisch: „Wie naiv war mein Vater, der vor Freude weinte beim Anblick der Bilder vom Fall der Berliner Mauer 1989!“ 28 Heute gibt es mehr als 75 Grenzmauern auf der Welt, 1989 waren es sechs. „Wo ist er jetzt, der Angriff auf die Grenze?“ 29 – die Frage ist rhetorisch und schmerzhaft zugleich.

Die Auseinandersetzung mit der Frankophonie, die Slimani 2017 als Botschafterin übernahm, wird in diesem Abschnitt als politische Geste erklärt: gegen den konservativen Monolingualismus in Marokko ebenso wie gegen die imperiale, arrogante Version der Frankophonie, die das Französische als Herrschaftsinstrument versteht. Die Referenz auf Aya Nakamura – gegen deren möglichen Auftritt vor dem Institut de France sich die Rechte und extreme Rechte echauffierte, weil ihr Französisch zu afrikanisch gefärbt sei – ist ein konkreter politischer Anker. Slimani antwortet mit einer sprachtheoretischen These: „Die reine Sprache existiert nicht, sie ist ein politisches Fantasma, eine Fiktion. Das Französische atmet Arabisch, Wolof, Haitianisch, es ist bereits Babel.“ 30 Tayeb Salih wird zitiert, aus Saison de la migration vers le nord: „Wir sprechen jetzt ihre Sprache ohne Schuldgefühl und ohne Dankbarkeit.“ 31 Die Aneignung der Kolonialsprache ist kein Verrat, sondern Akt der Selbstermächtigung.

Das Arabische als Kampffeld: 11. September, Exotisierung und die Literatur

Der vierte Abschnitt ist der dunkelste des Essays. „Die Jahre, die auf den 11. September 2001 folgten, haben die Utopie meiner Eltern zerschmettert.“ 32 Der Terroranschlag macht Slimani und Menschen wie sie zu unfreiwilligen Mitgliedern eines Clans: „Wir waren Muslime, am Vergangenen klebend, unfähig, uns zu reformieren. Selbst unsere Sprache war beschmutzt.“ 33 Die arabische Sprache wird zur Sprache der Bedrohung. Slimani greift auf Ingeborg Bachmann zurück, die über die durch die Nazi-Novlangue korrumpierte deutsche Sprache schrieb: den Krieg „sein Spiegelbild, sein Eindringen in die Sprache, seine nachträgliche Wirkung auf das Leben“. 34 Die Parallelisierung ist kühn und präzise: Die arabische Sprache hat durch den islamistischen Terrorismus eine analoge Kontaminierung erfahren. „Diesen Satz, Allahu akbar, sprechen Sie ihn in irgendeiner Straße der westlichen Welt aus und sehen Sie, welchen Schrecken er auslöst.“ 35

Die gesellschaftliche Analyse wird medial und statistisch konkretisiert. Eine Studie zeigt, dass 2016 jede Woche ein französisches Magazin den Islam auf seiner Titelseite hatte – stets im Register von Gewalt, Barbarei, Hass. Der Dokumentarfilm „Mauvaise langue“ von Nabil Wakim zeigt, wie das Arabische im kollektiven Imaginären zur Sprache der Armen, Deklassierten, Fanatisierten wird. Und: „das Arabische, das die zweitmeistgesprochene Sprache Frankreichs ist, ist auch die am wenigsten unterrichtete“ 36 – das Arabische ist de facto die zweitmeistgesprochene Sprache Frankreichs, wird aber als feindlich behandelt. Als Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem einen besseren Arabischunterricht vorschlug, wurde ihr Communautarisme und religiöser Proselytismus vorgeworfen.

Dem setzt Slimani eine Gegenerinnerung entgegen: „Lesen Sie Léon l’Africain erneut! Lesen Sie die Seiten von Naguib Mahfouz über Kairo oder von Hanan El-Cheikh über Beirut erneut!“ 37 Die arabisch-islamische Zivilisation als plurale, kosmopolitische, weltoffene Welt – repräsentiert durch Amin Maalouf, Mahfouz, die arabischen Übersetzer griechischer Texte im 8. Jahrhundert. Etymologie als politische Waffe: „Algebra, Algorithmus, Null oder Ziffer sind Wörter arabischen Ursprungs.“ 38 In Lissabon entdeckt Slimani die arabischen Spuren Europas: „al cantar“ heißt auf Arabisch die Brücke – Alcântara; Marokko nennt Orangen „boultoukal“ – Portugal. „Warum hat Europa so große Schwierigkeiten, diese arabo-muslimische Vergangenheit aufzuwerten? […] Ich höre nicht auf, es zu wiederholen: Nein, wir sind nicht eure unverbesserlichen Fremden.“ 39

Die autobiographischen Anekdoten über das Leben als „maghrebinischer Schriftsteller“ 40 sind eine Phänomenologie des literarischen Orientalismus. Die Leserin, die von ihrer „petite bonne“ Malika erzählt: „Sie sind freundlich, Sie, Madame, Sie haben mich nie geschlagen“ 41 – und Slimanis schlagfertige Frage: „Wie groß war sie?“ 42 Die schwedische Journalistin, die nach Vergewaltigungsstatistiken fragt. Der Feuilletonist, der ihre Bücher stets als „würzig“, „farbenfroh“ 43 bezeichnet. Der unvermeidliche Kritiker, der fragt, warum sie nicht auf Arabisch schreibt. Das alles sind Variationen derselben Geste: den Autor auf seine Herkunft zu reduzieren, aus dem Universalkanon auszuschließen. Gegen die „Schubladen“ 44, die man ihr anbietet, zitiert Slimani Rushdie: „Die Schriftsteller, die zählen, haben niemals ‚im Namen von‘ geschrieben, sondern vielmehr dagegen.“ 45

Kunst der Empathie: Literatur gegen die Grenze

Im fünften Abschnitt entfaltet Slimani ihre Theorie des Romans. „Ich war immer fasziniert von der Frage der Perspektiven, von der absolut einzigartigen Weise, wie jeder die Welt betrachtet.“ 46 Der Roman ist das Medium der Perspektivvielfalt – er zwingt den Leser, eine fremde Bewusstseinslage zu bewohnen. Sie zitiert eine Figur aus J’emporterai le feu: „Es war zunächst in den Büchern, dass ich die Menschen geliebt habe“ 47 – ein Satz, den sie als den eigenen beschreibt. Die Bücher – Tolstoi, Jack London, Pearl Buck – ermöglichen ihr als Kind in Rabat, russisch, chinesisch, amerikanisch zu sein. Camus aus dem „Discours de Suède“ anlässlich des Nobelpreises formuliert die Grundlage dieser Poetologie: „Die Kunst ist kein einsames Vergnügen. Sie ist ein Mittel, die größtmögliche Zahl von Menschen zu bewegen, indem sie ihnen ein bevorzugtes Bild der gemeinsamen Leiden und Freuden bietet. Wer sein Schicksal als Künstler gewählt hat, weil er sich anders fühlte, lernt, dass er seine Kunst nur nähren wird, indem er seine Ähnlichkeit mit allen eingesteht.“ 48

Die Reflexion über Übersetzung ist eine der theoretisch dichten Passagen. „Wenn das Schreiben eine Arbeit der Alterität ist – sich in die Haut des anderen zu versetzen, sich selbst fremde Stimmen zu erfinden –, dann verlängert die Übersetzung diese Geste und diese Bewegung.“ 49 Die deutsche Übersetzerin schreibt ihr: „Du verwendest das Wort „complice“, und es treibt mir kalte Schweißausbrüche auf die Stirn. Es ist so undankbar zu übersetzen.“ 50 Das vertraute Wort wird durch den Übersetzungsprozess neu, tief, fremd. George Steiner (aus Après Babel) wird herangezogen: „Eine Fremdsprache zu lernen heißt zu akzeptieren, dass man sich in der Sprache nicht ganz zu Hause fühlt.“ 51 Für Steiner ist Babel keine Strafe, sondern paradoxe Segnung: Die Sprachenvielfalt rettet vor dem Totalitarismus der Einheitssprache. Slimani verlängert das politisch in die Gegenwart: gegen populistische Sprachmauern sowie gegen die KI, die in englischen Korpora trainiert wird und sprachliche Uniformierung betreibt.

Die Bedrohung der Literatur durch autoritäre Macht wird konkret benannt: 6.000 verbotene Bücher in US-amerikanischen Schulen 2025, verbrannte Harry-Potter-Exemplare, der Index, auf dem Tolstoi, Anne Frank, Morrison, Baldwin, Steinbeck, Orwell und Lee stehen. Dror Mishanis Au ras du sol – ein israelischer Schriftsteller im Krieg, der sich fragt, ob er über Palästinenser schreiben darf – illustriert das globale Diktat des Schweigens: „Schriftsteller müssen wissen, wann sie schweigen.“ 52 Slimanis Antwort ist ihre eigene Poetologie: „Die Literatur ist die einzige Kunst, die fähig ist, uns so sehr in ein Bewusstsein eintauchen zu lassen, uns das Leben von innen sehen zu lassen und uns so zu zeigen, dass die Menschen nie ganz das sind, wofür man sie hält.“ 53

Philip Roth – aus einem Libération-Interview 2018 – liefert das Bild der Resignation: die 15.000 Leser von heute, 7.500 in zehn Jahren, schließlich „einige hundert, in den Katakomben begraben“ 54. Slimani gibt zu, dass dieser Pessimismus sie manchmal ergreift. Aber sie verwirft ihn. Anna Akhmatova steht vor dem Leningrader Gefängnis, wo ihr Sohn eingesperrt ist. Eine Frau fragt sie: „Und das, kannst du es beschreiben?“ 55 Akhmatova antwortet: „Ja, ich kann es.“ 56 Das ist Slimanis Fundament: die Bereitschaft, das Unaussprechliche zu beschreiben. Literatur als Zeugnis, nicht als Ornament.

Der Essay endet mit einer doppelten Selbstdefinition. Nach Mandelstam hat sie sich eine „terre de mots“ gebaut, ein Land aus Worten: „Mein Land, ich erfinde es und schließe es in den Romanen ein wie in einer Glaskugel, die ich schütteln könnte, und es gäbe Wind und es gäbe Schnee und Sommertage, an denen die Luft so heiß wäre, dass man nichts tun könnte.“ 57 Die Schneekugel als Metapher des Romans – eine Welt, die man schütteln kann, um sie neu zu ordnen. Und der letzte Satz, eine Umformulierung von Camus‘ Schluss in Le mythe de Sisyphe: „Man muss sich vorstellen, dass wir in Babel glücklich leben.“ 58 Was im biblischen Mythos Strafe ist – die Zerstreuung der Sprachen –, wird zur Utopie erklärt: Babel ist nicht das Ende der Kommunikation, sondern der Anfang einer pluralen, mehrstimmigen, unendlich reichen menschlichen Welt.

Assaut contre la frontière („Angriff auf die Grenze“): Der kurze Text macht transparent, was die Romane immer gezeigt hatten: dass die Frage nach der arabischen Sprache die Zentralfrage der Trilogie Le pays des autres („Das Land der Anderen“) ist; dass Mehdis Geschichte die des Vaters ist; dass das „Land der Anderen“ („pays des autres“) jedes Land meint, das fremd bleibt, weil die Sprache fremd bleibt. Die Metapher der „langue fantôme“ („Phantomsprache“) – „wie man von einem Phantomglied spricht, dessen Anwesenheit man noch spürt, obwohl es amputiert wurde“ 59 – erklärt, warum auf Französisch über arabischsprachige Charaktere geschrieben wird: Das Arabische ist nicht abwesend, sondern als Phantom präsent, eingeschrieben zwischen die Zeilen.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Schreiben gegen die Grenze: Utopie Babel bei Leïla Slimani." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on März 26, 2026 at 21:11. https://rentree.de/2026/03/26/schreiben-gegen-die-grenze-utopie-babel-bei-leila-slimani/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. „Je fais souvent le même cauchemar. Un cauchemar terrifiant, dont le décor change sans que la peur, elle, s’atténue.“>>>
  2. „On n’est pas en France ici. Parle en arabe.“>>>
  3. „Je cherche mes mots. Rien ne vient et je comprends alors que j’ai perdu, que je ne pourrai jamais prouver mon innocence.“>>>
  4. „Elle la maîtrisait à la perfection, sans jamais perdre pourtant son accent germanique. Elle l’aimait, en jouait, en appréciait la poésie, l’humour et la plasticité.“>>>
  5. „tout le monde parlait français“>>>
  6. „Il y était souvent question de langues, on en parlait sept ou huit différentes rien que dans notre ville. Chacun faisait le compte des langues qu’il connaissait. Cela pouvait vous sauver la vie ou sauver la vie d’autres gens.“>>>
  7. „son secret, son refuge, sa chambre à elle“>>>
  8. „enclave où une élite élevée à la mode étrangère, dans une langue étrangère, se reproduisait et, totalement dissociée du pays où elle vivait, pourrait dominer sans mauvaise conscience“>>>
  9. „langue sacrée“>>>
  10. „nous répétaient que la langue arabe était sacrée et que nous ne pouvions pas en faire ce que nous voulions.“>>>
  11. „Ce choix m’a aussi, je l’ai découvert bien plus tard, donné l’image d’un Européen, d’un Occidental.“>>>
  12. „le premier nœud, la première blessure, le premier déchirement“>>>
  13. „corps de sa mère“>>>
  14. „Et le corps de mon père alors?“>>>
  15. „ce corps immobile, ce corps entravé, emprisonné, ce corps mort, ce corps de la langue que je ne parle pas.“>>>
  16. „l’élément premier du confort“>>>
  17. „Avec mon père, ce lien s’est brisé. Le fil de la mémoire s’est rompu.“>>>
  18. „Il a fallu que je m’installe à Paris, à l’âge de dix-huit ans, pour comprendre que j’étais une Arabe.“>>>
  19. „minorité visible“>>>
  20. „personne ne me ressemblait“>>>
  21. „lieu de fiction“>>>
  22. „J’arrivais dans un pays qui était le mien tout en étant étranger.“>>>
  23. „Babel inversée“>>>
  24. „Au commencement, il y a eu la pluralité des langues, la différence, la coexistence puis, pour citer le texte biblique, ‚un seul langage et les mêmes mots‘.“>>>
  25. „Contrairement à ma grand-mère […] je n’ai pas parlé une langue de plus mais une de moins.“>>>
  26. „Je suis convaincue que ma maîtrise de la langue m’a en grande partie protégée de l’exclusion, du rejet ou même simplement d’une forme de condescendance.“>>>
  27. „accent arabe“>>>
  28. „Comme il était naïf, mon père qui pleurait de joie devant les images de la démolition du mur de Berlin en 1989!“>>>
  29. „Où est-il, à présent, l’assaut contre la frontière?“>>>
  30. „La langue pure n’existe pas, elle est un fantasme politique, une fiction. Le français respire l’arabe, le wolof, l’haïtien, il est déjà Babel.“>>>
  31. „Nous parlons maintenant leur langue sans culpabilité ni reconnaissance.“>>>
  32. „Les années qui ont suivi le 11 septembre 2001 ont fait voler en éclat l’utopie de mes parents.“>>>
  33. „Nous étions des musulmans, englués dans le passé, incapables de nous réformer. Notre langue même était salie.“>>>
  34. „son reflet, sa pénétration dans la langue, son effet d’après coup sur la vie.“>>>
  35. „Cette phrase, Allah akbar, prononcez-la dans n’importe quelle rue du monde occidental et regardez la terreur qu’elle provoque.“>>>
  36. „l’arabe, qui est la deuxième langue la plus parlée de France, est aussi la moins enseignée“>>>
  37. „Relisez Léon l’Africain! Relisez les pages de Naguib Mahfouz sur Le Caire ou de Hanan El-Cheikh sur Beyrouth!“>>>
  38. „algèbre, algorithme, zéro ou chiffre sont des mots d’origine arabe.“>>>
  39. „Pourquoi l’Europe a-t-elle tant de mal à valoriser ce passé arabo-musulman? […] Je ne cesse de le marteler: non, nous ne sommes pas vos irréductibles étrangers.“>>>
  40. „écrivain maghrébin“>>>
  41. „vous êtes gentille, vous, Madame, vous ne m’avez jamais battue“>>>
  42. „Elle mesurait combien?“>>>
  43. „épicés“, „colorés“>>>
  44. „boîtes“>>>
  45. „les écrivains qui comptent n’ont jamais écrit ‚au nom de‘ mais plutôt contre.“>>>
  46. „J’ai toujours été fascinée par la question des points de vue, par la façon absolument singulière dont chacun regarde le monde.“>>>
  47. „C’est d’abord dans les livres que j’ai aimé les gens“>>>
  48. „L’art n’est pas une réjouissance solitaire. Il est un moyen d’émouvoir le plus grand nombre d’hommes en leur offrant une image privilégiée des souffrances et des joies communes. Celui qui a choisi son destin d’artiste parce qu’il se sentait différent apprend qu’il ne nourrira son art qu’en avouant sa ressemblance avec tous.“>>>
  49. „Si l’écriture est un travail d’altérité – se mettre dans la peau de l’autre, inventer des voix étrangères à soi –, la traduction prolonge ce geste et ce déplacement.“>>>
  50. „Tu utilises le mot complice et il me fait venir des sueurs froides. Il est si ingrat à traduire.“>>>
  51. „Apprendre une langue étrangère c’est accepter de ne pas être tout à fait chez soi dans le langage.“>>>
  52. „Les écrivains doivent savoir se taire.“>>>
  53. „La littérature est le seul art capable de nous immerger à ce point dans une conscience, de nous faire voir la vie de l’intérieur et, ainsi, de nous révéler que les gens ne sont jamais tout à fait ce qu’on croit qu’ils sont.“>>>
  54. „une centaine, enfouis dans les catacombes“>>>
  55. „Et ça, tu peux le décrire?“>>>
  56. „Oui, je le peux.“>>>
  57. „Mon pays, je l’invente et je l’enferme dans les romans comme dans une boule de verre que je pourrais remuer et il y aurait le vent et il y aurait la neige et des jours d’été où l’air serait si chaud qu’on ne pourrait rien faire.“>>>
  58. „Il faut imaginer qu’à Babel nous vivons heureux.“>>>
  59. „comme on parle d’un membre fantôme dont on sent encore la présence bien qu’il ait été amputé“>>>

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