Ein Montaigne für jetzt

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

Die internationale Rezeption von Michel de Montaignes Essais: Formen, Deutungen, Konjunkturen. Herausgegeben von Olav Krämer, Andrea Grewe und Susanne Schlünder. spectrum Literaturwissenschaft 86. Berlin/Boston: De Gruyter, 2026, 388 S.

Montaignes textuelle Mobilität

Visitant le Tasse en son délire, Montaigne éprouve dépit plus encore que pitié ; mais admiration, au fond, plus encore que tout. Dépit, sans doute, de voir que la raison, là même où elle peut atteindre ses sommets, est infiniment proche de la plus profonde folie.

Foucault, Histoire de la folie à l’âge classique.

Als Montaigne Torquato Tasso in seinem Wahn besuchte, empfand er eher Verärgerung als Mitleid; aber im Grunde genommen vor allem Bewunderung. Verärgerung zweifellos darüber, dass die Vernunft gerade dort, wo sie ihre höchsten Gipfel erreichen kann, unendlich nah am tiefsten Wahnsinn ist.

Tiphaine Samoyault begreift in ihrem Vorhaben Toutes sortes de Misérables (2026) die Variation als das Wesensmerkmal eines Klassikers und als die eigentliche Bedingung seiner Mémorabilität. Sie argumentiert gegen die Vorstellung, dass Werke im Laufe der Zeit statisch bleiben müssen; vielmehr sei die ständige Veränderung durch Rezeption, Übersetzung und Umschreibung notwendig, um ein Werk lebendig zu halten. In diesem Kontext nutzt sie Montaigne als Musterbeispiel für einen Autor, der sich der Labilität und Wandelbarkeit seiner Sprache bereits beim Schreiben bewusst war. Da Montaigne davon ausging, dass seine Texte aufgrund des Sprachwandels schon nach fünfzig Jahren unverständlich sein könnten, sieht Samoyault in heutigen Modernisierungen keine Zerstörung, sondern eine von Montaigne selbst autorisierte Form der „Restauration“, die den Text für neue Leserschaften erst hörbar macht. Hörbar ist das eine, interpretierbar im Sinne einer je zeitgenössischen Einbindung ist das andere:

Antoine Compagnon ordnet Montaigne (in Les antimodernes) als einen Urvater der „antimodernen“ Tradition ein, der die Moderne durch seine Skepsis gegenüber radikalem Wandel erst eigentlich begründet hat. „D’ailleurs Montaigne n’employait-il pas déjà le même raisonnement contre la Réforme ? Il justifiait par là son conservatisme pratique, son loyalisme politique et son légitimisme religieux.“ Montaigne dient hier als Modell für einen Realismus, der die „Bösartigkeit“ der Veränderung (wie bei der Reformation) betont und das Bestehende nicht aus blinder Tradition, sondern aus einer skeptischen Abwägung der Risiken des Neuen verteidigt. Compagnon zeigt auf, wie spätere Denker wie Albert Thibaudet Montaigne als einen Meister des liberalen Pluralismus und der „voluptuösen Kritik“ rezipierten. Auch für Roland Barthes wurde Montaigne am Ende seines Lebens zu einem Rückzugsort und zum Inbegriff des „wahren Buches“, das jenseits des modernen Fortschrittsglaubens eine zeitlose Gültigkeit besitzt. In Compagnons System ist Montaigne derjenige, der in der Querelle des Anciens et des Modernes zeigt, dass die „Alten“ oft die wahrhaftigeren Modernen sind.

Michel Foucault begreift Montaigne in Histoire de la folie à l’âge classique als eine Schlüsselfigur für das Verständnis des Wahnsinns vor dem Einbruch des klassischen Zeitalters. Für Foucault stellt Montaigne ein Denken dar, in dem Vernunft und Unvernunft noch in einem inneren Dialog stehen und nicht radikal voneinander getrennt sind. Montaigne erkennt die „Anmaßung“ als die natürliche Krankheit des Menschen an und lässt die Möglichkeit offen, dass jedes Denken von Unvernunft heimgesucht werden kann. Foucault kontrastiert diesen skeptischen Ansatz, der den Wahnsinn als eine der Vernunft immanente Figur entdeckt, mit dem späteren kartesischen Zweifel, der den Wahnsinn konsequent aus dem Bereich des denkenden Subjekts verbannt. Montaignes Besuch beim wahnsinnigen Tasso wird hier als Moment einer tiefen Verbundenheit und zugleich beunruhigenden Ähnlichkeit gedeutet.

In Voyage au bout de la nuit deutet Louis-Ferdinand Céline die menschliche Existenz als einen unaufhaltsamen Abstieg in eine „existenzielle Nacht“, in der alle zivilisatorischen Werte und kulturellen Trostmechanismen als hohle Masken entlarvt werden; der Erzähler Bardamu erwirbt an den Quais der Seine für einen Franc ein altes Exemplar von Michel de Montaigne und stößt beim Lesen auf dessen Brief an seine Frau zum Tod ihres gemeinsamen Sohnes, dessen tröstende Versicherung, „alles füge sich im Leben“, Bardamu höhnisch kommentiert, zumal Montaigne ihr stattdessen einen zufällig gefundenen Trostbrief von Plutarch mitschickt – eine Form literarischer Kondolenz, die Bardamu als gefühlloses und absurdes „schönes Stück Arbeit“ empfindet. Montaigne wird so zur Kontrastfigur zwischen bildungsbürgerlicher Weisheit und existenzieller Not der Unterschicht, an der Céline die Ohnmacht klassischer Philosophie gegenüber dem rohen menschlichen Elend demonstriert: Selbst höchste Weisheit versagt vor der brutalen Realität des Todes, wie sie etwa im Sterben des kleinen Bébert sichtbar wird, und erscheint nur noch als wertloses Ablenkungsmanöver. Durch diesen intertextuellen Einbezug zeigt Céline, dass am Ende der Reise, wo die Nacht des Nihilismus beginnt, die Philosophie verstummen muss, da sie gegen die Niedertracht der Welt und die Unausweichlichkeit der „ignominies biologiques“ keine wirksame Arznei besitzt; während Montaigne in anderen Deutungen, etwa bei Antoine Compagnon oder Simone de Beauvoir, als Meister der Skepsis oder Zeuge menschlicher Leidenschaft erscheint, reduziert Céline ihn auf einen „Besserwisser“, der das Grauen des Daseins mit hohlen Phrasen überdeckt. Zugleich bleibt Montaigne jedoch eine zentrale intertextuelle Bezugsfigur, an der die Krise des humanistischen Weltbildes im 20. Jahrhundert sichtbar wird: Bardamu übernimmt Montaignes radikalen Zweifel und dessen Interesse am körperlichen Dasein, doch werden diese Motive in eine düstere Anthropologie überführt, in der der Mensch vor allem als leidender, verfallender Körper erscheint; die introspektive Erforschung des eigenen Ichs, die bei Montaigne zu Gelassenheit führt, schlägt hier in Isolation, Misstrauen und Nihilismus um, sodass Montaigne als letzter Zeuge einer untergegangenen humanistischen Ordnung wirkt – als intellektueller Ursprung des Zweifelns, dessen emanzipatorisches Potenzial in der modernen Erfahrung in radikale Desillusionierung umschlägt. So sind selbst ex negativo die Montaigne-Rezeptionen der Moderne Zeichen für die fortwährende Relevanz des Verfassers der Essais bis heute.

Das geht bis zu einer rechtspolitischen Umdeutung von Montaigne heute: Eric Zemmours Bezüge in seinem Buch Destin français lassen sich aufgrund mehrerer zentraler Instrumentalisierungen als Vereinnahmungsversuche für sein extremes Portfolio einordnen. Zunächst nutzt Zemmour Montaignes Zitat, er liebe Paris „bis in seine Warzen und Flecken“, um ein „integrales“ Geschichtsbild zu rechtfertigen, das die französische Historie als ein unteilbares Ganzes begreift. In diesem Sinne fordert Zemmour, dass auch hochproblematische Phasen und Figuren, wie etwa der Kollaborateur Marschall Pétain, widerspruchslos als Teil der nationalen Identität angenommen werden müssen. Ein weiterer Aspekt seiner rechtsextremen Deutung liegt in der Transformation des Skeptikers Montaigne zu einem Gewährsmann für autoritäre Staatsgewalt. Zemmour behauptet, Montaigne habe aus den Bürgerkriegen seiner Zeit „absolutistische Lehren“ gezogen. Er zitiert Montaigne mit der Aussage, dass Gesetze ihre Geltung nicht aus ihrer Gerechtigkeit ziehen, sondern allein daraus, dass sie Gesetze sind, was Zemmour als das „mystische Fundament ihrer Autorität“ bezeichnet. Diese Sichtweise lehnt liberale Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit ab und legitimiert stattdessen eine unhinterfragbare staatliche Souveränität.

Besonders radikal ist Zemmours Behauptung, selbst der moderate Montaigne habe das Massaker der Bartholomäusnacht als politische Notwendigkeit akzeptiert. Durch diese historisch höchst umstrittene Zuschreibung rückt Zemmour Montaigne in die Nähe einer Ideologie, die massive staatliche Gewalt gegen religiöse oder politische Minderheiten zur Wahrung der nationalen Einheit rechtfertigt. Schließlich funktionalisiert Zemmour Montaignes Kritik an protestantischen biblischen Vornamen, um seine eigene moderne Kampagne gegen muslimische Namen in Frankreich zu stützen: „Même Montaigne s’agace du refus obstiné des protestants de donner à leurs enfants « ces anciens noms de nos baptêmes, Charles, Louis, François, pour peupler le monde de Mathusalem, Ézéchiel, Malachie, beaucoup mieux sentant de la foi ». Après la Saint-Barthélemy, ce politique, pourtant fort modéré, confiera à ses amis : « Il le fallait faire ».“ Zemmour zieht eine direkte Parallele zwischen der damaligen protestantischen Weigerung, traditionelle Taufnamen zu vergeben, und heutigen muslimischen Identitätsbehauptungen, die er als Zeichen mangelnder Assimilation und als „Subversion des Staates“ wertet. In der Gesamtinterpretation nutzt Zemmour Montaigne somit als historische Autorität für ein autoritäres Gesellschaftsmodell, das auf strikter kultureller Homogenität und der Unterordnung individueller Rechte unter das Staatsinteresse basiert.

Das theoretische Konzept der „textuellen Mobilität“ (Samoyault) korrespondiert direkt mit den Inhalten des vorliegenden Sammelbandes zur internationalen Montaigne-Rezeption, der die tatsächliche Vielgestaltigkeit und den Wandel der Essais über Jahrhunderte und Ländergrenzen hinweg dokumentiert. Während Samoyault betont, dass ein Klassiker sich ständig an neue Epochen anpassen muss, liefert der Montaigne-Sammelband die historischen Belege dafür, wie unterschiedlich Montaigne in Italien, England oder Deutschland übersetzt, gedeutet und instrumentalisiert wurde. Beide Quellen unterstreichen, dass die Autorität der Essais nicht in einer unveränderlichen Urfassung liegt, sondern in ihrer Fähigkeit, in immer neuen Varianten zu existieren und dadurch ihren Status als Weltliteratur zu festigen.

Vergleichende Rezeptionsgeschichte der Essais

Michel de Montaigne genießt im frühen 21. Jahrhundert ein ausgesprochen lebendiges Interesse – nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch bei einem breiten Lesepublikum, und nicht nur in Frankreich, sondern weit darüber hinaus, so können wir ihn auch im Kontext der französischen Gegenwartsliteratur lesen. Antoine Compagnon (Un été avec Montaigne) und Sarah Bakewell (How to Live) wurden internationale Bestseller; die 2021 erschienene Festschrift für Philippe Desan trägt den bezeichnenden Titel Global Montaigne. Vor diesem Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass eine systematische, international vergleichende Studie zur Rezeptionsgeschichte der Essais bislang fehlte. Dieser Forschungslücke widmet sich der vorliegende, aus einer Osnabrücker Tagung vom Dezember 2022 hervorgegangene Sammelband.

Der Herausgeber Olav Krämer und die Herausgeberinnen Andrea Grewe und Susanne Schlünder haben ein Panorama der internationalen Montaigne-Rezeption vorgelegt, das Übersetzungsgeschichte, Mittlerfiguren, Deutungstraditionen und philosophische Aneignungen in drei großen Sektionen vereint und dabei Länder und Epochen berücksichtigt, die bislang kaum systematisch untersucht wurden. Insgesamt dreizehn Beiträge spannen einen Bogen vom späten 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart und umfassen die Rezeptionssphären Italiens, Spaniens, Lateinamerikas, des deutschen Sprachraums, Frankreichs und – in gewisser Weise – der poststrukturalistischen Philosophie.

Die zwölfseitige Einleitung der Herausgeber bietet eine präzise und instruktive Kartierung des bisherigen Forschungsstands sowie eine programmatische Begründung der eigenen Fragestellungen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Paul J. Smith bis 2009 immerhin 224 Übersetzungen der Essais in 35 Sprachen verzeichnet hat (2), das Gros dieser Übersetzungsleistungen jedoch kaum oder allenfalls in Form schmaler Überblicksartikel analysiert worden ist. Vollständige Monographien zur internationalen Rezeption gibt es kaum; Warren Boutchers zweibändige Studie The School of Montaigne in Early Modern Europe (2017) bildet die prominenteste Ausnahme, legt ihren Schwerpunkt aber auf die Frühe Neuzeit und auf buchgeschichtliche Fragen (3).

Als Leitbegriffe, unter denen der Band die vorliegenden Forschungslücken systematisiert, benennen die Herausgeber fünf Dimensionen, die jeweils eigene Fragestellungen generieren: erstens editorische Bearbeitungen und ihre Paratexte, zweitens Übersetzungen als kulturelle Transferakte, drittens Mittlerfiguren und ihre sozialen wie intellektuellen Profile, viertens die Genese und Entwicklung von Montaigne-Deutungen, und fünftens politische und ideologische Instrumentalisierungen. Diese Analytik ist überzeugend, weil sie verhindert, dass rezeptionsgeschichtliche Studien in bloße Einflussforschung oder Quellenjagd abdriften: Der Band versteht Rezeption ausdrücklich in einem weiten Sinne, der sowohl Editionen und Übersetzungen als auch Kommentare und Interpretationen, intertextuelle Bezugnahmen und kreative ‚Antworten’ umfasst (8).

Besonders aufschlussreich ist die Einleitung in ihrer Skizze einer noch zu leistenden vergleichenden Perspektive: Noch weitgehend unerforscht sei etwa, in welchem Maße sich die Rezeptionen in verschiedenen Nationalkulturen ‚eigendynamisch’ entwickelten oder gegenseitig beeinflussten. Auch die Frage, wie die internationale Rezeption auf die französische zurückwirkte, ist erst ansatzweise gestellt (7). Dass der Band im Ergebnis eher nebeneinanderstellt als zusammenführt – was bei einem Sammelband kaum anders zu erwarten ist –, mindert seinen Wert nicht: Er stellt das Material bereit, das für solche Synthesen unabdingbar wäre.

Methodisch ist der Band vorwiegend an den Konzepten der Kulturtransferforschung und der neueren Literary Translator Studies (LTS) orientiert, ohne dies programmatisch zu überbetonen. Einige Beiträge arbeiten mit diskursanalytischen Instrumenten, andere mit einer klassischen komparatistischen Motivgeschichte, wieder andere mit buchhistorischen Ansätzen. Diese Heterogenität der Methoden spiegelt die Vielfalt der behandelten Fragen und der disziplinären Hintergründe der Autorinnen und Autoren wider, die aus der Romanistik, der Komparatistik, der Philosophie und der Übersetzungswissenschaft kommen. Der Band ist dabei dreisprachig angelegt: Beiträge erscheinen auf Deutsch, Englisch und Französisch, was seinem internationalen Anspruch entspricht, für die Lektüre im Einzel aber gelegentlich Aufmerksamkeit erfordert.

Übersetzungen als Interpretationsakte: Hans Stilett und die Frage nach der Sichtbarkeit des Übersetzers

Der Beitrag von Vera Elisabeth Gerling und Hypolite Kembeu (217–241) gehört zu den methodisch und inhaltlich profilierteren des Bandes. Er widmet sich Hans Stilett (1922–2015), dem Verfasser der bislang letzten deutschen Gesamtübersetzung der Essais, die 1998 in Hans Magnus Enzensbergers Reihe „Die andere Bibliothek“ erschien. Stilett, der zunächst als leitender Redakteur im Bundespresseamt arbeitete und sich erst danach einem Komparatistikstudium zuwandte, hatte jahrzehntelang an seiner Übersetzung gearbeitet und dabei einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen: Er begann aus eigenem Antrieb, ohne Verlagsauftrag, und suchte erst nachträglich – mit großem und lange vergeblichem Eifer – einen Verlag für sein Manuskript.

Gerling und Kembeu nutzen für ihre Rekonstruktion neben der Übersetzung selbst und deren Paratexten auch bislang unerschlossenes Archivmaterial aus dem Rheinischen Literaturarchiv in Düsseldorf, das Stiletts umfangreiche Verlagskorrespondenz bewahrt. Diese Verbindung von Textzeugen und Nachlassmaterialien ermöglicht eine exemplarische Fallstudie, die weit über die Beschreibung einer einzelnen Übersetzung hinausgeht: Sie macht anschaulich, wie im späten 20. Jahrhundert die Kontexte des Verlagswesens und Buchmarkts beschaffen sind, in denen sich ein ambitioniertes Übersetzungsprojekt zu behaupten hat (11), und sie zeigt, wie Übersetzer durch Vor- und Nachworte, durch mediale Präsenz und durch wissenschaftliche Publikationen eine textuelle und öffentliche Sichtbarkeit erlangen können.

Übersetzungsstrategisch arbeitet Stilett mit einer ausgeprägten Tendenz zur Aktualisierung: Er übersetzt ins gegenwärtige Deutsch, überträgt Latein- und Griechischzitate konsequent ins Deutsche – da die Kenntnis dieser Sprachen bei heutigen Lesern nicht mehr vorauszusetzen sei (222) –, und gestaltet die zahlreichen, bei Montaigne unübersetzt eingestreuten Klassikerzitate als gereimte Verse in der Zielsprache. Gerling und Kembeu analysieren dies am Beispiel eines Horaz-Zitats, das Stilett in einen dreihebigen Jambus verwandelt und dabei semantisch erhebliche Freiheiten nimmt, sodass das Zitat unkenntlich wird (223). Hier liegt eine der interessantesten Spannungen, die der Beitrag aufdeckt: Stiletts erklärtes Ziel der Lesbarkeit und Aktualisierung steht in einem produktiven Widerspruch zu seinem Anspruch, Montaignes Eigenheiten zu bewahren. Karin Westerwelle, die Stiletts Übersetzung kritisch besprochen hat, wird im Beitrag als Kronzeugin für die Problematik dieser Strategie zitiert (268).

Für die Frage nach der Gegenwartsbedeutung Montaignes ist dieser Beitrag in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich. Er zeigt etwa, dass die Entscheidung, ob und wie Montaigne heute gelesen werden kann, nicht allein von philologischen, sondern wesentlich auch von verlegerischen und marktstrategischen Faktoren abhängt. Stiletts Projekt stand und fiel mit der Frage, ob Hans Magnus Enzensberger es in seine Reihe aufnahm – und damit ob es überhaupt eine Öffentlichkeit erreichte. Die Sichtbarkeit eines Klassikers im zeitgenössischen Literaturbetrieb ist, wie dieser Beitrag zeigt, alles andere als selbstverständlich.

Deutungen des 19. und 20. Jahrhunderts: Flaubert, Nietzsche und die Frage der Lebenskunst

Die zwei Beiträge, die sich Flaubert und Nietzsche widmen, bilden den literarhistorischen Kern des dritten Sektionsblocks. Karin Westerwelles Studie „Glückliche Begegnung: Flaubert als Leser Montaignes“ (243–293) ist dabei die umfangreichste Einzeluntersuchung des Bandes. Westerwelle, die zu den profilierten Montaigne-Forscherinnen im deutschen Sprachraum zählt, verfolgt Flauberts lebenslange und intensive Lektüre der Essais anhand von Briefen, Notizbüchern, Manuskripten und den handschriftlichen Unterstreichungen in seinem Exemplar der Essais. Sie zeigt, dass Flaubert Montaigne bereits als Siebzehn- oder Achtzehnjähriger entdeckte – mit einer gastronomischen Emphase, die selbst montaignehaft anmutet: „En littérature, en gastronomie il est certains fruits qu’on mange à pleine bouche, dont on a le gosier plein et si succulents que le jus vous entre jusqu’au cœur“ (252), schreibt der junge Flaubert an seinen Schulfreund Ernest Chevalier. Montaigne ist für ihn, mit einem Satz, „mein Mensch“ („c’est là mon homme“) – eine Wendung, die Westerwelle als pasticheartiges Echo von Montaignes eigenem „c’est mon homme que Plutarque“ identifiziert (253).

Der Ertrag dieser Lektüregeschichte ist für das Verständnis Flauberts beträchtlich: Westerwelle macht plausibel, dass Montaignes nicht-urteilende, ironisch-distanzierte Schreibweise maßgeblich zu Flauberts Entwicklung einer ‚moralistischen Ästhetik‘ beigetragen hat, die durch die Kategorien ‚Impersonalität‘, ‚Impassibilität‘ und ‚Impartialität‘ bestimmt ist (244). Auch der besondere logisch-syntaktische Gebrauch der Konjunktion ‚et‘ in Montaignes Prosa, der sowohl aufzählend als auch adversativ oder ironisch sein kann, findet sich bei Flaubert wieder – was Albert Thibaudet als „et de mouvement“ charakterisiert hat (246). Darüber hinaus, und das ist ein systematisch wichtiger Befund, vertieft Flaubert Montaignes skeptizistisches Weltbild: Wo Montaigne bei einem heiteren und spielerischen Skeptizismus verharrt, treibt der Verfasser von Bouvard et Pécuchet den Zweifel bis an die Grenze des Nichts – bis zu Pécuchets verzweifeltem Ausruf: „Oh! le doute! le doute! j’aimerais mieux le néant!“ (245).

Ein Vorzug von Westerwelles Studie ist ihr rezeptionsgeschichtlicher Kontextualisierungsrahmen: Sie skizziert präzise, wie die Montaigne-Rezeption in Frankreich im 19. Jahrhundert institutionell und editorisch organisiert war – 54 Editionen der Essais erschienen allein in diesem Jahrhundert (249) – und wie der bürgerliche Geschichtsinteresse der Epoche die Montaigne-Forschung vorantrieb. Dieser Rahmen ermöglicht es, Flaubert nicht als isoliertes Genie, sondern als Teil einer lebendigen und vielschichtigen Rezeptionskultur zu verstehen.

Robert Krauses Beitrag „Erlesene Lebenskunst? Nietzsches Annotationen und Aneignungen von Montaignes Essais“ (295–311) schließt methodisch und thematisch unmittelbar an Westerwelle an. Krause wertet die Lesespuren in Nietzsches Bibliotheksexemplar der Tietz-Übersetzung aus, einer in der Forschung bislang kaum herangezogenen Quelle (297). Auf 93 Seiten dieses Exemplars finden sich Eselsohren, Anstreichungen und Unterstreichungen – Zeugen einer intensiven, über alle drei Werkphasen Nietzsches anhaltenden Lektüre (300).

Krauses Lektüre dieser Annotationen konzentriert sich auf zwei zentrale Essais: „Des livres“ (II, 10) und „De l’expérience“ (III, 13). Am letzteren zeigt er exemplarisch, welche Passagen Nietzsche besonders fesseln: Montaignes Überzeugung, dass die Natur über eine eigene ‚Klugheit’ verfüge und dem Menschen Orientierung biete (305); seine Einsicht, dass „die Gesetze nicht wegen ihrer Gerechtigkeit, sondern weil sie Gesetze sind, in Ansehen“ stünden (305) – eine Passage, die Nietzsche am Rand markierte und die bei Derrida (in Force de loi) erneut eine prominente Rolle spielen wird; schließlich Montaignes Plädoyer für eine Ethik des Mittleren: „Die Größe der Seele besteht nicht sowohl darinnen, daß man aufwärts und vorwärts geht, als daß man sich zu mäßigen und zu fassen weiß“ (308) – den letzten Satz dieser Passage hat Nietzsche zusätzlich unterstrichen.

Krauses Quellenforschung ist philologisch sauber und ergebnisreich: Er kann zeigen, dass Nietzsche in Montaigne nicht nur einen Vorgänger im Skeptizismus, sondern vor allem einen Meister der ‚Ästhetik der Existenz‘ erkannte – in dem Sinne, den Michel Foucault später für das Konzept einer Sorge um sich selbst geprägt hat. Dabei war Nietzsche, wie Krause betont, auf die deutsche Tietz-Übersetzung angewiesen, weil sein Französisch für eine produktive Lektüre des Originals zunächst nicht ausreichte (301) – eine Pointe, die das Ineinander von Übersetzungsgeschichte und Rezeptionsgeschichte schön illustriert.

Politische Instrumentalisierungen und dekonstruktive Lektüren: Konservatismus, Liberalismus, Derrida

Die beiden abschließenden Beiträge des dritten Sektionsblocks – Olav Krämers Analyse der politischen Deutungstraditionen und Simon Godarts Studie zur Montaigne-Rezeption in der Dekonstruktion – widmen sich Fragen, die für die Gegenwartsbedeutung der Essais am direktesten relevant sind.

Krämer, einer der drei Herausgeber des Bandes, untersucht in seinem Beitrag „Montaignes ‚Konservatismus‘ oder ‚Liberalismus‘: zwei Deutungstraditionen des 20. Jahrhunderts“ (313–345) eine eigentümliche Praxis der Montaigne-Forschung: die Verwendung politischer Ordnungsbegriffe, die aus dem 19. und 20. Jahrhundert stammen, zur Beschreibung von Einstellungen eines Autors des 16. Jahrhunderts. Krämer analysiert diese Praxis nicht, um sie zu verwerfen, sondern um die Funktionen freizulegen, die solche anachronistischen Kategorien erfüllen. Eingangs hatte ich ja selbst Deutungen eines Konservatismus bei Montaigne angeführt.

Krämer unterscheidet vier Funktionen: erstens eine verstehensorganisierende, da die Begriffe heterogene Aspekte der Essais unter einem Leitgesichtspunkt bündeln; zweitens eine historiographische, da sie Montaigne in diachrone Entwicklungen einordnen; drittens eine aktualisierende, da sie eine Beziehung zwischen den Essais und zeitgenössischen politischen Konflikten herstellen; und viertens eine wertende, da die Verwendung dieser Begriffe selten neutral ist. Letzteres zeigt er besonders scharf am Beispiel Hugo Friedrichs: Friedrichs Rede von Montaignes ‚Konservatismus‘ enthält subtile, aber eindeutige Wertungssignale – die Abgrenzung vom ‚Idealismus des Revolutionärs‘ und ‚Nihilismus des Verzweifelten‘ als ‚Exzesse‘ etwa (328) – und erscheint vor dem Hintergrund der frühen Nachkriegsjahre als implizites Plädoyer für eine deskriptive Moral und eine Rückkehr zum Individuum.

Besonders instruktiv ist Krämers Gegenüberstellung von Friedrich und der amerikanischen Philosophin Judith N. Shklar, deren Buch Ordinary Vices (1984) Montaigne zum ‚Helden’ erklärt, weil er die Grausamkeit als das schlimmste Laster betrachtet habe (330 f.). Shklar liest Montaigne als Vordenker eines ‚Liberalismus der Furcht‘: Wer die Grausamkeit zuoberst auf die Skala des Bösen stellt, muss politisch für Toleranz, Begrenzung der Staatsmacht und Schutz vor Willkür eintreten. Krämers Analyse zeigt, dass Shklar damit nicht nur Montaigne interpretiert, sondern auch die Geschichte des Liberalismus neu schreibt – und zugleich eine liberale Position für die Gegenwart begründet, ohne dies explizit zu sagen. Ähnlich verfährt Marc Fumaroli, der im Beitrag als dritter Fallstudie erscheint und Montaignes Liberalismus als Antwort auf die politischen Pathologien des 20. Jahrhunderts profiliert.

Der Beitrag von Simon Godart (347–388), mit dem der Band schließt, ist der philosophisch anspruchsvollste und zugleich der stilistisch eigenständigste. Godart analysiert die Montaigne-Rezeption in den späten Texten Jacques Derridas – Force de loi (1990), Politiques de l’amitié (1994), L’animal que donc je suis (1999/2002) –, die nach Derridas sogenannter ‚ethischer Wende‘ entstanden. Sein Befund ist paradox: Montaigne ist in diesen Texten omnipräsent und doch absent. Er erscheint auf Titelseiten, als Epigraph, an Schlüsselstellen der Einleitungen, aber er wird nie zum Gegenstand einer eigenständigen, ‚dekonstruktiven‘ Lektüre – so wie Derrida Rousseau, Heidegger oder Husserl einer solchen Lektüre unterzogen hat.

Am aufschlussreichsten ist Godarts Analyse der Force de loi, in der Derrida die Wendung vom ‚mystischen Grund der Autorität‘ aus Montaignes Essai „De l’expérience“ (III, 13) als titelgebende Schlüsselkategorie übernimmt: „Les lois se maintiennent en credit, non par ce qu’elles sont justes, mais par ce qu’elles sont loix. C’est le fondement mystique de leur autorité“ (354). Derrida nutzt diese Textstelle als Ausgangspunkt für seine Überlegungen zum Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit, ohne jedoch den Gesamtkontext und die Ironie Montaignes zu würdigen. Godart zeigt so, dass Derridas Lektüre des Satzes hinter Montaignes eigenem Paradoxon zurückbleibt: Für Montaigne stehen positives und natürliches Recht in keiner unüberbrückbaren Opposition, weil ‚coustume‘ und ‚crédit‘ Teil der menschlichen Natur als zweiter Natur sind (359) – eine Nuance, die Derrida unterschlägt.

Godarts Titelbegriff – ‚Montaigne undekonstruierbar‘ – ist damit wörtlich gemeint: Montaigne entzieht sich der dekonstruktiven Lektüre nicht trotz, sondern wegen seiner Eigenschaften. Er ist für Derrida zu wichtig, um in einer detaillierten Lektüre in seinen Grundstrukturen hinterfragt zu werden, und andererseits offenbar nicht wichtig genug, um nicht auf den Status eines intertextuellen Souffleurs reduziert zu werden, dessen Fragmente Denkanlässe bieten, ohne selbst Gegenstand der Analyse zu sein (352). Für die Frage nach der Gegenwartsbedeutung Montaignes ist dieser Befund erhellend: Er zeigt, wie eine der wirkmächtigsten philosophischen Strömungen des späten 20. Jahrhunderts Montaigne als Ressource nutzt, ohne ihn wirklich zu lesen – und welche Chancen einer genuinen Montaigne-Lektüre dabei verpasst werden.

Montaigne-Rezeption heute

Der Sammelband erfüllt sein Programm mit beachtlicher Konsequenz. Er erschließt bislang vernachlässigte Rezeptionssphären – insbesondere die italienische und lateinamerikanische –, er vertieft das Verständnis einzelner Schlüsseletappen der deutschsprachigen und französischen Rezeptionsgeschichte, und er stellt die grundlegende Frage nach den Formen und Funktionen politischer Montaigne-Deutungen.

Mit Blick auf die Frage nach Montaignes Bedeutung für die französische Gegenwartsliteratur und -kultur verdienen zwei Befunde besondere Hervorhebung. Erstens: Die Beiträge zu Flaubert, Nietzsche und Derrida zeigen, dass Montaigne im 19. und 20. Jahrhundert weniger als historisches Monument rezipiert wurde denn als lebendiger Gesprächspartner, dessen Texte – sei es der Skeptizismus der Apologie de Raimond Sebond, der Praxisbezug des Erfahrungsessais oder das Paradoxon des mystischen Grundes der Autorität – für die je eigenen ästhetischen und philosophischen Projekte produktiv gemacht wurden. Diese produktive Anverwandlung ist nicht allein ein Thema der Literaturgeschichte, sondern auch ein Modell für die Gegenwart: Die Essais sind kein kanonisches Dokument, das man ehrfürchtig bewundert, sondern ein Text, den man liest, annotiert, widerlegt und weiterdenkt.

Zweitens zeigt der Band, dass die Form dieser Aneignung immer durch Übersetzungen und Editionen vermittelt ist. Die Tatsache, dass Nietzsche Montaigne in der Tietz-Übersetzung las und annotierte, die Tatsache, dass Stiletts deutsche Neuübersetzung von 1998 Montaigne für zeitgenössische Leser neu lesbar machte, die Tatsache, dass Derrida Montaigne in der Bibliothèque de la Pléiade und nicht in einer kritischen Ausgabe las – all das hat Spuren hinterlassen, die der Band sichtbar macht. Rezeptionsgeschichte ist, wie dieser Sammelband überzeugend demonstriert, immer auch die Geschichte der materiellen und institutionellen Bedingungen des Lesens.

Was der Band an Desideraten offen lässt, benennen die Herausgeber selbst: eine systematisch vergleichende Studie zu nationalen Konjunkturen und ihren Wechselwirkungen fehlt ebenso wie eine umfassende Untersuchung der kreativen Rezeption in der zeitgenössischen Literatur – also der Frage, welche zeitgenössischen Romancierinnen und Essayisten sich explizit auf Montaigne beziehen und was sie aus ihm machen. Hier liegen Aufgaben für die künftige Forschung, die von diesem Band bestens vorbereitet werden.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Ein Montaigne für jetzt." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on März 30, 2026 at 08:26. https://rentree.de/2026/03/23/ein-montaigne-fuer-jetzt/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.


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