Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:

Denis Sieffert, La mauvaise cause: les intellectuels et la propagande israélienne en France, Montréal: Lux Éditeur (Futur proche), 2026. (zit. als LMC)
Eva Illouz, Le 8-octobre: généalogie d’une haine vertueuse, Paris: Gallimard (Tracts), 2024. (zit. als GHV)
Gilles Kepel, Holocaustes: Israël, Gaza et la guerre contre l’Occident, Paris: Plon, 2024. (zit. als HOL)
Gilles Kepel, Le bouleversement du monde. L’après 7 Octobre, Paris: Plon, 2024. (zit. als BDM)

Die Debatte in Frankreich: Drei Pole eines zerrissenen Diskurses

Das Frankreich nach dem 7. Oktober 2023 erlebt eine intellektuelle und politische Debatte, die an Schärfe kaum zu überbieten ist – und die tief in die Verwerfungslinien der französischen Gesellschaft hineinschneidet. Drei große Diskurspositionen lassen sich unterscheiden, auch wenn die Wirklichkeit noch vielgestaltiger ist.

Auf der einen Seite steht laut Sieffert ein breites pro-israelisches Lager, das weit über die jüdischen Institutionen wie den Conseil représentatif des institutions juives de France (CRIF) hinausreicht. Es umfasst einen Großteil der politischen Klasse (von der Rechten bis zur sozialistischen Mitte), die dominanten Fernsehsender, einflussreiche Intellektuelle und – seit der medialen Transformation durch Vincent Bolloré – ein schlagkräftiger konservativ-rechter Medienverbund aus CNews, Europe 1 und anderen. Diese Position besteht darauf, den 7. Oktober als Auftakt einer israelischen Selbstverteidigung zu verstehen, die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zu verankern und jede strukturelle historische Kontextualisierung als Verharmlosung oder Feindseligkeit zurückzuweisen. Wer das Wort „Terrorismus“ nicht sofort und ausschließlich benutzte, sei in Siefferts Darstellung aus dem sogenannten „arc républicain“ ausgeschlossen worden – ein Ausgrenzungsmechanismus, der im politischen Diskurs Frankreichs seinesgleichen suche.

Auf der anderen Seite stehe ein propalästinensisches Lager, das aus der radikalen Linken (La France Insoumise unter Jean-Luc Mélenchon), postkolonialen Kreisen, antirassistischen Netzwerken und einem Teil der muslimischen Bevölkerung bestehe, der sich stark mit der palästinensischen Sache identifiziere. Dieses Lager betonte vom ersten Tag an die koloniale Natur des israelisch-palästinensischen Konflikts, prangerte das Massaker in Gaza als kollektive Bestrafung an und forderte einen Waffenstillstand. Allerdings hat ein Teil dieser Strömung – insbesondere LFI – durch die Weigerung, den Terrorcharakter des Hamas-Angriffs klar zu benennen, eine schwere politische Niederlage erlitten und der breiten Linken geschadet. Mélenchon wurde so, wie Sieffert treffend formuliert, „der denkbar schlechteste Anwalt einer gerechten Sache“.

Zwischen diesen Polen tue sich eine dritte, fragile Mitte auf: Intellektuelle verschiedenster Herkunft – darunter viele jüdische Stimmen –, die weder das eine noch das andere Lager vollständig akzeptieren. Diese Position, die das Massaker vom 7. Oktober klar verurteilt und zugleich die israelische Kriegsführung in Gaza als unverhältnismäßig oder verbrecherisch bezeichnet, hatte es in den ersten Monaten besonders schwer, sich Gehör zu verschaffen. Erst ab Frühjahr 2025, als Bilder verhungerter Kinder aus Gaza nicht mehr ignoriert werden konnten, begannen Debattenteilnehmerinnen und -teilnehmer wie Delphine Horvilleur, Eva Illouz und Alain Finkielkraut, ihre Positionen zu korrigieren – zwar spät und teils unvollständig, aber symbolisch bedeutsam.

Diese Dreiteilung allein wäre nicht ungewöhnlich. Was Frankreich auszeichnet, ist laut Sieffert die extreme Asymmetrie der medialen Kräfteverhältnisse: Wer Israel kritisiere, riskiere demnach öffentliche Ächtung, Anzeigen wegen „Apologie des Terrorismus“ und den Ausschluss aus dem medialen Mainstream. Dieser Druck auf den öffentlichen Diskurs ist das eigentliche Thema von Siefferts Buch. 1

Denis Siefferts Positionierung

Denis Sieffert, langjähriger Chefredakteur der linken Wochenzeitung Politis und ausgewiesener Nahost-Experte, ist kein unparteiischer Beobachter – und er gibt das offen zu. LMC (2026) ist ein engagiertes Buch, das sich selbst als „Gegenangriff“ gegen das versteht, was Sieffert als eine hegemoniale Desinformationskampagne im französischen Mediendiskurs identifiziert. Der Titel ist doppeldeutig: Die „schlechte Sache“ ist sowohl die israelische Kolonialherrschaft, die Sieffert als strukturelles Faktum betrachtet, als auch die intellektuelle Stützleistung, die ihr zuteil wird.

Die bisherigen israelkritischen Publikationen von Denis Sieffert konzentrieren sich vor allem auf eine Analyse von Medien, Diskursen und politischer Wahrnehmung des Israel-Palästina-Konflikts in Frankreich und darüber hinaus: In La guerre israélienne de l’information (2002) und La nouvelle guerre médiatique israélienne (2009) untersucht er insbesondere die Kommunikationsstrategien des israelischen Militärs und die Rolle westlicher Medien, denen er eine tendenziell einseitige oder unkritische Reproduktion offizieller Narrative vorwirft; Israël-Palestine, une passion française (2004) erweitert diese Perspektive, indem es zeigt, wie stark der Konflikt ideologisch und emotional in die französische Innenpolitik hineinwirkt; schließlich radikalisiert La mauvaise cause (2026) diese Kritik, indem Sieffert den Fokus auf französische Intellektuelle legt und ihnen eine Beteiligung an der Verbreitung pro-israelischer Deutungsmuster zuschreibt – insgesamt zeichnen diese Arbeiten ein konsistentes Bild, in dem Medienkritik, Diskursanalyse und politische Ideologiekritik ineinandergreifen und auf eine grundlegende Skepsis gegenüber dominanten pro-israelischen Narrativen hinauslaufen.

Denis Sieffert diagnostiziert im Interview mit Olivier Doubre (Politis, 16. Februar 2026) ein eklatantes Versagen eines Teils der französischen, sich selbst als links verstehenden Intellektuellen: Seit dem 7. Oktober 2023 hätten sie weitgehend die Narrative der israelischen Regierung übernommen und dabei das Leid der Palästinenser systematisch ausgeblendet. Als Erklärung nennt er eine Mischung aus affektiver Bindung an die Shoah-Erinnerung, einem nostalgisch verklärten Israelbild (Kibbuz-Mythos) und einer ideologischen Blockade, die kritische Distanz verhindere. Zentral sei zudem eine rhetorische Verschiebung, die Zionismus mit Israel gleichsetze und so jede fundamentale Kritik als existenzielle Bedrohung delegitimiere. Besonders scharf kritisiert Sieffert im Interview die asymmetrische Empathie im öffentlichen Diskurs: Während jüdisches Leid im Zentrum stehe, sei die Zerstörung Gazas lange ignoriert worden oder werde nur indirekt thematisiert. Selbst differenziertere Stimmen wie Alain Finkielkraut blieben für ihn ambivalent, etwa wenn der Genozidbegriff implizit exklusiv auf die Shoah bezogen werde. Dem setzt Sieffert die These entgegen, dass die Gewalt in Gaza – unabhängig von historischen Singularitäten – anhand von Fakten als Genozid benannt werden müsse. Insgesamt konstatiert er eine selektive Moral, die universelle Maßstäbe zugunsten politischer und identitärer Loyalitäten aussetzt.

Das Buch unterscheidet sich grundlegend von den schnellen journalistischen Reaktionen der ersten Monate. Es ist zwischen Oktober 2023 und Herbst 2025 gewachsen und trägt dieser langen Zeitspanne Rechnung: Sieffert beobachtet nicht nur die erste Wut und Trauer nach dem 7. Oktober, sondern verfolgt die Entwicklung des Massakers in Gaza, die schrittweise Verdrängung des Leidens der Palästinenser aus dem medialen Bewusstsein und schließlich die verspäteten Gewissensregungen einiger Intellektueller im Frühjahr 2025. Diese Langzeitperspektive ist eine der Stärken des Buches.

Strukturell gliedert sich LMC in zwei Teile, denen ein historisches Préambule und eine Schlussbetrachtung rahmen. Der erste Teil analysiert die unmittelbaren Auswirkungen des 7. Oktober auf den französischen Diskurs anhand von acht thematischen Kapiteln. Der zweite Teil widmet sich ausführlich den „Influencern“ – jenen Intellektuellen mit humanistischem Ruf, die Sieffert als subtile Vektoren der israelischen Propaganda identifiziert.

Kapitelweise Argumentation

Préambule historique: Frankreich und Israel – eine Geschichte von Liebe und Hass

Sieffert öffnet das Buch mit einer historischen Einordnung: der besonderen Beziehung zwischen Frankreich und Israel seit 1948. Er zeigt, wie Schuld gegenüber dem Vichy-Regime, sozialistisch-kibbuzianische Sympathien, nordafrikanisch-jüdische Migrationsgeschichten und geopolitische Interessen ein emotionales und politisches Geflecht geschaffen haben, das die „Importation“ des Nahostkonflikts in die französische Gesellschaft nicht zufällig, sondern strukturell bedingt macht. Das CRIF wird als „zweite israelische Botschaft“ charakterisiert – ein Zitat, das von einem früheren CRIF-Präsidenten selbst stammt.

Frankreich war laut Sieffert zunächst Israels engster Verbündeter. Israel galt in den 1950er Jahren im französischen Linksmilieu als „sozialistisches Land“. Die Atombombe Israels wurde mit französischer Hilfe entwickelt, und während des Algerienkriegs teilten beide Länder die Feindschaft gegenüber Nassers Ägypten. Die Suez-Krise 1956 markierte einen ersten Riss. Mit de Gaulle begann eine Phase kritischer Distanz, die sich unter Pompidou und Giscard d’Estaing fortsetzte – letzterer öffnete Paris als erste westliche Hauptstadt für eine palästinensische Vertretung. Mitterrand und Chirac brachen nicht mit dieser gaullistischen Linie. Den entscheidenden Wendepunkt brachte Sarkozy ab 2007, der eine neue Ära bedingungsloser Nähe einleitete, die sich seitdem verschärft hat. Die soziologische Dimension ergänzt die politische: Die Ankunft sephardischer Juden aus Nordafrika nach dem Algerienkrieg und erneut 1967 veränderte die französisch-jüdische Gemeinschaft tiefgreifend und verschob sie in Richtung einer stärkeren emotionalen Bindung an Israel – für viele Familien ist Israel schlicht Teil der eigenen Familiengeographie.

Kapitel 1: „Sagen Sie ‚Terroristen‘, oder schweigen Sie!“

Das erste Kapitel analysiert den zentralen „Knebelgriff“ des Post-7.-Oktober-Diskurses: Sieffert spricht davon, dass das Wort „Terrorismus“ zum obligatorischen „code d’entrée“ – also zum Zugangscode – für jede Debatte geworden sei, und dass eine „chape de plomb“ (eine Betondecke, eine erdrückende Last) auf dem Diskurs liege. Er verwendet auch den Begriff des „effet cliquet“ – einer Ratsche, aus der man nicht mehr herauskommt –, um zu beschreiben, was mit jenen geschah, die das Wort nicht sofort und ausschließlich verwendeten. Sieffert akzeptiert durchaus, dass der Hamas-Angriff ein Terrorakt war – er hat ihn vom ersten Morgen an so bezeichnet. Aber er zeigt, wie das Wort durch zwanghafte Wiederholung zu einem Instrument wurde, das den historischen Kontext ausblendete. Das Versagen von Mélenchon und LFI wird dabei nicht beschönigt: Es war demnach ein moralischer wie politischer Fehler, das Wort zunächst zu verweigern. Doch Sieffert zeigt auch, dass die mediale Jagd auf die Linke darüber hinausging und zur systematischen Delegitimierung jeder Stimme wurde, die den Kontext von sechzig Jahren Besatzung einzubeziehen wagte.

Kapitel 2: „Hamas ist Daech“

Dieses Kapitel dekonstruiert die strategische Gleichsetzung von Hamas und dem Islamischen Staat – eine Gleichsetzung, die Sieffert als die wohl wichtigste propagandistische Operation identifiziert. Er zeichnet die Geschichte des Hamas nach: seine Entstehung, seinen Versuch einer politischen Öffnung nach dem Wahlsieg von 2006 (der vom Westen torpediert wurde), seine israelische Förderung als Gegengewicht zur PLO. Diese Historisierung erschüttert die These eines genuin islamistisch-dschihadistischen Projekts ohne politischen Kontext.

Kapitel 3–5: Die großen Trugschlüsse

Drei Kapitel widmen sich den zentralen Behauptungen des pro-israelischen Diskurses: dass in Gaza vor dem 7. Oktober ein normales Leben möglich gewesen sei (Sieffert konfrontiert dies mit konkreten Zeugnissen aus dem Innern des Gazastreifens); dass Israel kein Staat des Kolonialismus sei (eine ausführliche Auseinandersetzung mit Maxime Rodinsons klassischem Essay von 1967, der erstaunlich aktuell bleibt); und dass die Beziehung zwischen Zionismus und jüdischer Kultur eine unhinterfragbare Einheit bilde (Sieffert unterscheidet scharf zwischen Judentum und Zionismus, Antizionismus und Antisemitismus).

Kapitel 6–8: Amalek, Antizionismus und die Bibel

Diese Kapitel sind die politisch wohl explosivsten. Sieffert zeigt, wie religiöse Referenzen – von der biblischen Figur Amalek bis hin zur archäologischen Legitimation der Besiedlung Ostjerusalems – nicht nur in fundamentalistischen Kreisen, sondern selbst bei säkular auftretenden Intellektuellen kursieren. Der Versuch, Antizionismus gesetzlich mit Antisemitismus gleichzusetzen (getragen von einer breiten politischen Allianz bis hin zu ehemaligen sozialistischen Premierministern), wird von Sieffert als Angriff auf die Meinungsfreiheit und die Verfassung analysiert.

Kapitel 9: Gilles Kepel – der Krieg der Religionen

Gilles Kepel, 2024.
Gilles Kepel, 2024.

Sieffert widmet Kepel das umfangreichste Kapitel der zweiten Buchhälfte. Er nimmt dessen zwei Bücher (HOL, März 2024, und BDM, Oktober 2024) ernst und erkennt die Komplexität seiner Analysen an. Aber er betont dabei ein strukturelles Problem: Kepels religionszentrierte Lektüre des Konflikts – das Geschehen als Ausdruck islamischer „Razzia-Mentalität“ und globaler Konfrontation zwischen dem „Globalen Süden“ und dem Westen zu deuten – hat den systematischen Effekt, die koloniale Frage zu verdrängen. Siefferts Kritik betont, es gehe nicht darum, Kepel der bewussten Lüge zu bezichtigen, sondern zu zeigen, wie eine theoretische Rahmung politisch Partei ergreift, indem sie auslässt. Die Karten in HOL, auf denen das Westjordanland palästinensische „Aufstände“ zeigt, aber keine einzige Siedlung einzeichnet, sind für Sieffert symptomatisch.

Besonders scharf ist Siefferts Analyse von Kepels Doppelgesicht: dem Unterschied zwischen dem Kepel der Bücher und dem Kepel der Medienauftritte. In seinen wissenschaftlichen Werken konzediert Kepel durchaus das Ausmaß des Massakers in Gaza, spricht von einer „Hekatombe“ und kritisiert die Justizreform Netanjahus. Diese akademische Redlichkeit verschwindet jedoch, sobald er auf CNews oder Europe 1 auftritt, wo er bereitwillig die Stichwörter seiner Gastgeber aufgreift. Sieffert zitiert eine Sendung vom Oktober 2024, in der Kepel auf die suggestive Frage, ob die Shoah nicht mehr als das „größte Verbrechen der Geschichte“ gelte, schlicht antwortet: „Genau das.“ Damit schließt er die Brücke, die er in seinen Büchern noch offen lässt: Wer Israels Vorgehen in Gaza als Genozid bezeichnet, delegitimiert demnach den jüdischen Staat als solchen. Das ist für Sieffert nicht mehr Analyse, sondern Propaganda – und es zeigt, wie der akademische Ruf als Deckmantel für eine mediale Funktion dient, die mit wissenschaftlicher Sorgfalt wenig zu tun hat.

Noch grundsätzlicher ist Siefferts Einwand gegen Kepels geopolitische Rahmung. Kepel deutet den Hamas-Angriff als Schachzug im Konflikt zwischen Iran und dem Westen, in dem die Palästinenser letztlich Figuren eines größeren Spiels sind. Sieffert hält dagegen: Diese Umkehrung von Ursache und Wirkung ist Kepels folgenreichster Irrtum. Nicht die Palästinafrage ist ein Nebenprodukt des Iran-Amerika-Konflikts – sie ist seit Bandung 1955 ein autonomer Kern des Nord-Süd-Verhältnisses, der von regionalen Mächten instrumentalisiert wird, ohne seine eigene Logik zu verlieren. Indem Kepel die Palästinenser zu „Statisten der Tragödie“ macht, wie Sieffert formuliert, vollzieht er genau die Entpolitisierung, die der israelischen Regierung nützt: Der Kolonialkonflikt verschwindet hinter dem Gespenst des globalen Dschihad.

Kapitel 10: Eva Illouz – die Schuld des Wokismus

Eva Illouz, 2024.

Illouz‘ GHV (2024) wird schärfer abgehandelt als Kepel, weil Sieffert findet, dass die Soziologin weniger intellektuelle Sorgfalt walten lässt. Ihre These – die Indifferenz der progressiven Linken gegenüber dem 7. Oktober erkläre sich aus einer jahrzehntelangen Vergiftung durch die sogenannte „French Theory“, den Postkolonialismus und die Machtfixierung Foucault’scher Prägung – weicht der Frage aus, warum junge Menschen in Frankreich, den USA und aller Welt gegen das Massaker in Gaza auf die Straße gehen. Sieffert sieht in dieser Strategie ein paradigmatisches Beispiel für die Entpolitisierung des Konflikts: Statt der Politik Netanjahus, der Belagerung und der Bomben ist Derrida schuld. Bemerkenswert ist dabei die Wendung am Ende: Die israelische Bildungsministerin verweigerte Illouz den Israel-Preis, weil sie 2021 eine Petition für CPI-Ermittlungen unterzeichnet hatte. Diese persönliche Verletzung brachte eine Positionsveränderung mit sich, die Sieffert nüchtern würdigt, aber auch kritisch einordnet.

Illouz entlehnt ihren polemischen Begriff „pouvoirisme“ dem Foucault’schen Machtbegriff (pouvoir), wendet ihn aber gegen dessen linke Rezipienten. Sie beschreibt damit eine Denkweise, die jede soziale Beziehung primär als Machtbeziehung liest und dabei immer auf der Seite des vermeintlich Schwächeren steht – reflexartig, ohne Prüfung des Einzelfalls. In dieser Logik ist Macht per se illegitim, und wer Macht ausübt, ist per se schuldig. Die Anwendung auf den Nahostkonflikt liegt dann nahe: Israel ist mächtig, die Palästinenser sind schwach, also ist Israel der Unterdrücker und der palästinensische Widerstand – in welcher Form auch immer – legitim. Der konkrete Inhalt des Handelns, die moralische Bewertung des 7. Oktober, tritt hinter die strukturelle Position zurück. Sieffert hält den Begriff für einen rhetorischen Trick. Er wirft Illouz vor, durch die Einführung dieser abstrakten Kategorie den Konflikt zu entmaterialisieren: Statt der Belagerung Gazas, der Settlements im Westjordanland, der Bombardements steht nun eine soziologische Begrifflichkeit im Zentrum. Das ist für Sieffert das eigentliche Manöver: Die Kolonialfrage wird in ein Spiel akademischer Konzepte aufgelöst, und am Ende ist nicht Netanjahus Politik schuld an der Sympathie junger Menschen für die Palästinenser, sondern Foucault. Das Problem mit Illouz‘ Verwendung ist nicht, dass die Kritik am Poststrukturalismus grundsätzlich falsch wäre – es gibt ernsthafte Einwände gegen eine Soziologie, die Macht als allgegenwärtig und unausweichlich beschreibt und damit jeden normativen Maßstab zu unterhöhlen droht. Das Problem ist für Sieffert, dass Illouz diese Kritik im Kontext eines laufenden Massakers entfaltet und ihr dabei die Funktion zuweist, die Opfer dieses Massakers intellektuell zu diskreditieren.

Eva Illouz, 2026.

Kapitel 11–12: Horvilleur und Fourest

Die Kapitel über Delphine Horvilleur und Caroline Fourest illustrieren für Sieffert zwei verschiedene Typen des Diskurses. Horvilleur, Ikone des liberalen Judentums, wird für ihre Strategie der „Komplexität“ kritisiert, die in Wahrheit Komplizität mit der israelischen Erzählung sei. Ihr Grundargument – der Konflikt sei zu kompliziert für jene, die „Tausende Kilometer entfernt“ leben – hat für Sieffert eine klare politische Funktion: Es schließe alle aus dem legitimen Diskurs aus, die nicht den zionistischen Referenzrahmen teilen. Dass Elias Sanbar, Idith Zertal oder Ilan Pappé dann ebenfalls „Unwissende“ wären, zeige die Absurdität des Arguments. Noch gravierender ist für Sieffert, was Horvilleur inhaltlich tut: Sie beschreibt den 7. Oktober als Einbruch des Bösen in eine Welt, die vorher in Ordnung war – eine Erzählung, die die siebzehn Jahre Belagerung Gazas, die vier vorangegangenen Bombardierungskampagnen und die schleichende Annexion des Westjordanlandes schlicht auslösche. Das Pathos der rabbinischen Sprache, die Beschwörung von Trauma und Gedächtnis, diene dabei nicht der Erhellung, sondern der Immunisierung gegen Widerspruch: Wer die historische Einordnung einfordere, erscheine als jemand, der die jüdische Trauer nicht respektiert. Dass Horvilleur im Frühjahr 2025 schließlich die Lage in Gaza als unerträglich bezeichnete, wertet Sieffert zwar als mutigen Schritt angesichts des Drucks der jüdischen Institutionen, aber er zeigt auch, dass sie den Rahmen nie wirklich verlässt: Ihr mea culpa bleibe dem Narrativ der Liebe zu Israel verhaftet und denkt die Kolonialfrage nicht zu Ende.

Fourest repräsentiert für den Autor eine aggressivere Variante, die Sieffert nicht mehr als „Influencerin“ einordnet, sondern als handfeste Propagandistin. Er dokumentiert ihre Forderung, Trump möge die protestierenden US-Universitäten „am Geldbeutel“ treffen – eine Aussage, die die Grenze zwischen Israelsolidarität und autoritärem Reflex markiert –, und ihre LCI-Sendung vom Oktober 2025, in der sie systematisch alle unabhängigen Medienberichte über Gaza als Fälschung abgetan habe: die Berichte des Guardian, der New York Times, des Washington Post und von Le Monde über den Anteil ziviler Opfer, die UN-Hungerberichte, die Fotos ausgemergelter Kinder – all das habe sie kurzerhand für inszeniert oder manipuliert erklärt. Dabei berief sie sich auf ihre zwanzigjährige Expertise über die Muslimbruderschaft als Legitimationsquelle für Behauptungen, die jeden journalistischen Standard unterbieten. Sieffert sieht in Fourest das Endprodukt einer Entwicklung, die er im ganzen Buch verfolgt: Aus der anfänglichen Parteinahme für Israel werde schrittweise eine totale Identifikation, in der die Realität Gazas schlicht nicht mehr existiere. Dass ein Journalist wie David Pujadas ihr auf LCI mit dem Kommentar „Das ist faszinierend!“ begegnet, anstatt auch nur eine einzige kritische Nachfrage zu stellen, ist für Sieffert symptomatisch für den Zustand des französischen Leitmedien-Journalismus in dieser Debatte.

Kapitel 13–15: Genozid, Reue und andere Stimmen

Das Kapitel über den Genozid-Begriff ist das juristisch dichteste. Sieffert verfolgt die Entwicklung des Begriffs im internationalen Diskurs – von der südafrikanischen Klage vor dem IGH über den Bericht der UN-Sonderberichterstatterin Francesca Albanese bis zu israelischen Historikern wie Amos Goldberg. Er zieht klare Grenzen: Der Begriff bedeutet keine Gleichsetzung mit dem Holocaust, aber er bezeichnet doch einen durch Intention charakterisierten Vernichtungsprozess. Dass Kepel den Begriff zum „Werkzeug des Globalen Südens“ gegen den Westen erklärt, hält Sieffert für eine politische Immunisierungsstrategie.

Die Kapitel über die verspäteten Reuebekundungen (Horvilleur, Illouz, Sinclair, Finkielkraut im Frühjahr 2025) und über die anderen jüdischen Stimmen (UJFP, Benbassa/Attias, Rony Brauman, Joann Sfar) sind die nuanciertesten des Buches. Sieffert würdigt den Mut dieser Positionsveränderungen, ohne die Kritik zurückzuhalten: Sie kämen zu spät, sie blieben dem Narrativ der Liebe zu Israel verhaftet, und sie dächten die Kolonialfrage nicht zu Ende.

Sieffert im Vergleich mit Kepel und Illouz

Die drei Autoren bilden zusammen eine aufschlussreiche Dreierkonstellation der Debatte – und sie sind sich ihrer gegenseitigen Existenz bewusst. Sieffert widmet Kepel und Illouz je ein eigenes Kapitel; Kepel seinerseits nimmt in BDM Bezug auf die „islamo-gauchiste“-Linke, die Sieffert verteidigt; Illouz wiederum richtet sich explizit gegen den im französischen Diskurs dominanten propalästinensischen Antikolonialismus, den Sieffert für legitim hält.

Methodologisch unterscheiden sich die drei grundlegend. Kepel operiert mit religionswissenschaftlicher und geopolitischer Analyse: Er liest den 7. Oktober vor allem als Ausdruck einer islamischen Symbolkraft (die „Razzia“ auf al-Aqsa) und als Schachzug im Konflikt zwischen Iran und dem Westen. Sein Erkenntnisinteresse gilt der Verflechtung von globalem Dschihad, iranischer Strategie und regionalem Machtgefüge. Diese Perspektive ist ernstzunehmen, aber sie hat – wie Sieffert zeigt – den Effekt, das konkrete Schicksal der Palästinenser in einem abstrakten Großkonflikt aufzulösen. Illouz dagegen ist Soziologin des kulturellen Lebens, und sie analysiert eine Reaktion: die Reaktion der westlichen progressiven Linken. Ihr Buch ist weniger eine Analyse des Konflikts als eine Diagnose eines ideologischen Milieus. Sieffert ist schließlich politischer Journalist und Historiker des Nahostkonflikts. Er analysiert Diskursstrategien und Propagandamechanismen.

Inhaltlich treffen sie sich an wenigen Punkten und divergieren fundamental. Alle drei verurteilen den Hamas-Angriff als Terrorakt. Aber Kepel und Illouz rahmen diesen Terror als primäre Ursache ein und behandeln die israelische Reaktion als kontextgebundene Verteidigung; Sieffert hingegen betrachtet den 7. Oktober als Sequenz in einem langen Kolonialkonflikt, in dem die primäre Gewalt auf Seiten Israels liegt.

Erkenntnistheoretisch ist die tiefste Differenz diese: Kepel und Illouz setzen die Frage, warum linke Intellektuelle im Westen propalästinensisch reagiert haben, ins Zentrum ihrer Analyse. Sie interpretieren diese Reaktion als pathologisch – als Ausdruck von Antisemitismus, Wokismus, Macht-Fixierung. Sieffert dreht die Frage um: Warum hat der herrschende Diskurs das Massaker in Gaza monatelang unsichtbar gemacht? Wer hat die Deutungshoheit über den Konflikt und wie wurde sie ausgeübt? Diese epistemische Umkehr ist der eigentliche theoretische Kern von LMC.

Ein weiterer Unterschied betrifft die Behandlung der jüdischen Gemeinschaft selbst. Kepel und Illouz sprechen tendenziell im Namen einer kollektiv traumatisierten jüdischen Identität. Sieffert betont dagegen immer wieder die Heterogenität dieser Gemeinschaft: Es gibt den CRIF, aber es gibt auch die UJFP, Rony Brauman, Shlomo Sand, Ilan Pappé. Die Gleichsetzung von Judentum und Zionismus, von Israel-Kritik und Antisemitismus, hält Sieffert für die vielleicht folgenreichste propagandistische Operation dieser Debatte.

Schließlich unterscheiden sich die ausgewählten Bücher in ihrer Einschätzung des Begriffs „Genozid“. Kepel lehnt ihn als geopolitische Waffe des Globalen Südens ab. Illouz hält ihn für einen Angriff auf die Legitimität Israels. Sieffert dagegen entwickelt eine differenzierte Position: Er ist vorsichtig mit dem Begriff, nimmt aber die juristische und historische Argumentation jener Ernst, die ihn verwenden, und zitiert israelische Historiker, die ihn bejahen.

Hoffnung auf Lösung des Konflikts?

Die drei Autoren unterscheiden sich in dieser Frage erheblich – und die Unterschiede sind aufschlussreich.

Illouz äußert sich zur Frage einer politischen Lösung des Konflikts praktisch nicht. Das liegt in der Logik ihres Buches: GHV ist eine Diagnose des westlichen progressiven Milieus, kein politischer Traktat über den Nahostkonflikt. Ihre implizite Hoffnung richtet sich auf eine Selbstkorrektur der Linken – eine Rückkehr zu universalistischen statt identitären Maßstäben, eine Wiederherstellung der moralischen Urteilsfähigkeit gegenüber Terrorismus. Was danach kommen soll, lässt sie offen. In ihrer späteren Wendung, nach der Verweigerung des Israel-Preises, tauchen vage Formeln auf – Israel müsse sich aus der „infernalischen Kriegslogik“ befreien –, aber konkrete politische Perspektiven fehlen. Man kann mit Sieffert sagen: Illouz endet dort, wo die eigentliche Frage erst beginnt.

Kepel ist am ehesten bereit, über Szenarien nachzudenken, aber seine Perspektive ist im Kern defensiv. In BDM skizziert er eine Weltordnung im Umbruch, in der der Westen – und Israel als sein Vorposten – unter Druck gerät. Eine Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts im engeren Sinne ist für ihn kaum denkbar, solange der Iran als Destabilisierungsmacht agiert und der „Globale Süden“ den Konflikt instrumentalisiert. Seine implizite Hoffnung liegt in einer Konsolidierung des westlichen Lagers und einer Eindämmung des iranischen Einflusses. Die Palästinenser als politisches Subjekt mit eigenem Anspruch auf Selbstbestimmung kommen in dieser Zukunftsvision kaum vor. Eine Zweistaatenlösung erwähnt Kepel zwar gelegentlich als formale Referenz, aber ohne erkennbare Überzeugung, dass sie realisierbar oder überhaupt noch relevant sei.

Sieffert ist der einzige der drei, der die Zukunftsfrage direkt und ausführlich stellt – und er tut es ohne Triumphalismus. Seine Schlussbetrachtung ist von einem ehrlichen Pessimismus geprägt: Das Waffenstillstandsabkommen vom Oktober 2025, das er als fragil und erzwungen beschreibt, löst keine der strukturellen Ursachen. Die Kolonisierung des Westjordanlandes gehe weiter, Gaza bleibe zerstört, und die internationale Gemeinschaft habe sich als weitgehend handlungsunfähig erwiesen.

Sieffert benennt zwei mögliche Szenarien. Das erste ist das des Vergessens und der schleichenden Normalisierung: Gaza wird unter amerikanischer Führung wiederaufgebaut, die extremsten Akteure werden marginalisiert, aber die Kolonisierung setzt sich fort – Israel bekommt einen weiteren „Tag der Erinnerung“ am 7. Oktober, während die Palästinenser keinerlei Gerechtigkeit erfahren. Das zweite Szenario ist das, für das Sieffert plädiert, ohne es für wahrscheinlich zu halten: eine politische Lösung, die palästinensische Souveränität ernstnimmt. Er behandelt dabei sowohl die Zweistaatenlösung – die er angesichts von 550.000 Siedlern im Westjordanland für kaum noch realisierbar hält – als auch den binationalen Staat, den er als historisch wurzelnde Utopie vorstellt: von Brit Shalom über Hannah Arendt und Martin Buber bis zu den israelischen Trotzkisten des Matzpen in den 1970er Jahren. Er hält ihn für eine „schöne Utopie“, aber für die einzige, die dem Problem strukturell gerecht wird.

Alle drei teilen einen grundlegenden Pessimismus hinsichtlich der kurzfristigen Aussichten. Aber ihre Hoffnungslosigkeit hat verschiedene Adressaten. Kepels Pessimismus richtet sich gegen den „Globalen Süden“ und den Iran – externe Kräfte, die den Frieden verhindern. Illouz‘ implizite Hoffnung richtet sich nach innen, in die westlichen Intelligenzia, die sich ihrer Pathologie bewusst werden sollen. Siefferts Hoffnung – wenn man sie so nennen darf – richtet sich an die israelische Gesellschaft selbst: an jene Israelis, die gegen Netanjahu auf die Straße gingen, und die nun, nach dem Massaker, eine politische Wahl treffen müssen zwischen der „Moral der Kraft“ und dem „Weg der Zivilisation und der Intelligenz“. Dass er diese Wahl für möglich, aber nicht für wahrscheinlich hält, gibt seinem Buch seinen eigentümlichen Ton: den eines Menschen, der die Lage klar sieht und trotzdem nicht aufhört, für Klarheit zu plädieren.

Kolonialismus-Argumentation

Die Kolonialismus-Argumentation ist der eigentliche Nerv der gesamten Debatte – weniger ein Argument unter anderen als die Konfliktlinie, an der sich alle anderen Fragen entzünden. Frankreich hat mit Sieffert ein ungelöstes Verhältnis zur eigenen Kolonialgeschichte, insbesondere zu Algerien. Wer den israelisch-palästinensischen Konflikt als Kolonialkonflikt rahme, aktiviere unweigerlich diese offene Wunde. Die Parallele Algerien – Palästina sei im französischen Diskurs allgegenwärtig und explosiv zugleich: Sie erkläre, warum die maghrebinische Einwanderungsgemeinschaft emotional so stark involviert ist, aber auch, warum die Kolonialismus-These bei einem Teil der politischen Klasse reflexartige Abwehr auslöst.

Kepel und Illouz bekämpfen die Kolonialismus-These nicht durch historische Widerlegung, sondern durch Umdeutung. Kepel verschiebt den Konflikt in eine religiös-geopolitische Rahmung: Wenn der 7. Oktober primär ein Akt islamischen Dschihads im Kontext des Iran-Amerika-Konflikts ist, dann ist die Kolonialfrage nur eine Oberfläche. Illouz geht weiter: Die Kolonialismus-Diagnose ist für sie selbst Symptom einer ideologischen Pathologie – der „French Theory“ und des Postkolonialismus, die Macht und Unterdrückung als universale Erklärungsschablone verwenden und dabei die konkrete Realität des 7. Oktober auflösen. In beiden Fällen wird die Kolonialismus-These nicht widerlegt, sondern delegitimiert: als intellektuelles Konstrukt einer verblendeten Linken, nicht als historische Beschreibung.

Sieffert besteht darauf, dass die Kolonialismus-These keine ideologische Zutat ist, sondern ein beschreibbares historisches Faktum – und er beruft sich dabei auf niemand Geringeren als Theodor Herzl selbst, der in Der Judenstaat Israel explizit als „Vorposten der Zivilisation gegen die Barbarei“ konzipierte, also in der Sprache des europäischen Kolonialismus. Er zitiert Maxime Rodinsons klassischen Essay von 1967 und zeigt, wie der Begriff des „kolonialen Faktums“ nicht die Existenz Israels delegitimiert, sondern die Verdrängung der Palästinenser historisch erklärt. Entscheidend ist Siefferts Unterscheidung: Die koloniale Herkunft Israels anzuerkennen bedeute nicht, es zur Auflösung zu verurteilen – aber sie zu leugnen bedeute, die Palästinenser aus der Geschichte zu löschen.

In der französischen Debatte funktioniert die Kolonialismus-Frage als eine Art epistemischer Weichensteller: Wer sie akzeptiert, muss laut Sieffert den 7. Oktober in einem langen Kontinuum von Gewalt und Widerstand lesen und kann die Hamas nicht als bloßes Äquivalent von Daech behandeln. Wer sie ablehnt, kann den 7. Oktober als Nullpunkt der Geschichte behandeln und Israels Reaktion als schlichte Selbstverteidigung rahmen. Die Heftigkeit, mit der die Kolonialismus-These bekämpft wird – bis hin zu Versuchen, Antizionismus gesetzlich mit Antisemitismus gleichzusetzen –, zeige, wie viel an ihr hängt.

Das tiefste Paradox dieser Debatte besteht für Sieffert darin, dass Frankreich selbst eine der ausgefeiltesten Traditionen postkolonialer Theorie hervorgebracht hat – Frantz Fanon, Albert Memmi, Maxime Rodinson – und dass genau diese Tradition nun im eigenen Land als Einfallstor des Antisemitismus diskreditiert werden soll. Sieffert sieht darin den vielleicht zynischsten Zug der Debatte: Das intellektuelle Erbe, das Frankreich der Welt gegeben habe, um Kolonialherrschaft zu benennen, werde gegen jene gewendet, die es auf Palästina anwenden.

Einordnung der Debatte für das gegenwärtige Frankreich

LMC ist, unabhängig von der eigenen Position, eine wichtige und mutige Gegenrede, die erhebliche Verdienste aufweist. Siefferts Dokumentation der konkreten Mechanismen medialer Einschüchterung und Desinformation – von den Affären um Sciences Po über die Amsterdam-Ereignisse bis hin zur Affäre um das Wort „otages palestiniens“ auf Franceinfo – ist präzise, gut belegt und erschütternd. Das Buch zeigt, wie schnell der öffentliche Diskurs kollabiert, wenn eine hegemoniale Erzählung mit institutioneller Macht verbunden ist.

Stärken zeigt das Buch auch in der historischen Tiefe: Das Préambule über die französisch-israelischen Beziehungen, die Analyse der Oslo-Periode, die differenzierte Behandlung des Hamas – all das bietet dem Leser einen Kontext, der im medialen Diskurs dieser Jahre weitgehend fehlte. Die Kapitel über Kepel und Illouz gehören zu den schärfsten und fundiertesten intellektuellen Kritiken, die in dieser Debatte entstanden sind.

Dennoch hat das Buch erkennbare Grenzen. Der polemische Ton schwankt an manchen Stellen zwischen analytischer Schärfe und militanter Einseitigkeit. Sieffert ist zuweilen zu bereit, das Böse in der israelischen Strategie als quasi-deterministisch, die Gegenreaktion der Hamas als quasi-zwangsläufig zu behandeln. Die Komplexität der internen politischen Dynamiken in Gaza, die Verbrechen der Hamas an der eigenen Bevölkerung, die genuine Sicherheitsfrage Israels jenseits des Kolonialismus – diese Elemente werden eher abgehakt als tiefgreifend analysiert.

Auch ist Siefferts Unterscheidung zwischen „Influencern“ (Kepel, Illouz, Horvilleur) und „Propagandisten“ (BHL) zwar konzeptuell sinnvoll, aber nicht immer konsequent durchgehalten. Manchmal gleitet die Analyse in ein Sündenbockregister, in dem die Schuld an der medialen Desinformation zu sehr bei einzelnen Personen gesucht wird, anstatt die institutionellen und ökonomischen Strukturen der Medienlandschaft zu analysieren (die Bollorisierung des Mediensystems wird zwar erwähnt, aber nicht systematisch ausgewertet).

Die Debatte, die Siefferts Buch dokumentiert und in der es zugleich Position bezieht, ist weit mehr als eine außenpolitische Kontroverse. Sie legt Verwerfungslinien frei, die das Frankreich der Gegenwart in seiner tiefsten Struktur beschreiben.

Die erste Verwerfungslinie ist politisch: Der israelisch-palästinensische Konflikt hab die Linke gespalten wie kein anderes Thema seit dem Algerienkrieg. Die Unfähigkeit des Nouveau Front Populaire, eine gemeinsame Sprache zu finden, habe die Linke geschwächt und der rechten und rechtsextremen Koalition um den Rassemblement National genützt, das seinerseits Israel als Modell der Identitätsverteidigung instrumentalisierte. Dieser Schaden ist laut Sieffert nicht repariert.

Die zweite Verwerfungslinie ist medial-demokratisch. Das Buch ist auch eine Analyse des Zustands der französischen Demokratie: Was passiert, so fragt Sieffert, mit einer Demokratie, wenn der Mediendiskurs so stark monopolisiert wird, dass bestimmte Realitäten – 60.000 Tote in Gaza, darunter Zehntausende Kinder – monatelang aus dem öffentlichen Bewusstsein herausgehalten werden können? Sieffert zeigt, wie die Bollorisierung des Medienraums mit dem israelischen Propaganda-Apparat zusammenwirkt und einen Resonanzraum schafft, in dem alternative Stimmen systematisch delegitimiert werden.

Die dritte Verwerfungslinie ist die Frage des Zusammenlebens. Frankreich hat die größte jüdische Gemeinschaft Europas und eine vier Millionen starke Gemeinschaft maghrebinischer Herkunft. Beide Gruppen sind durch Familienbande, Identitätspolitik und emotionale Loyalitäten in den Konflikt involviert. Sieffert betont, dass die Weigerung, die palästinensische Realität anzuerkennen, nicht die jüdischen Bürgerinnen und Bürger Frankreichs schütze, sondern den Antisemitismus nähre – weil sie jene, die sich solidarisch mit den Palästinensern fühlen, in eine Gegenreaktion treibt, in der die Grenzen zwischen Israelkritik und Judenhass zu verschwimmen drohen. Das ist das tiefste Paradox dieser Debatte: Die maximale Verteidigung Israels durch den CRIF und seine Intellektuellen-Verbündeten produziere demnach genau das Klima, in dem Antisemitismus gedeiht.

Die vierte Verwerfungslinie ist universalistisch-ethisch. Was Frankreich in dieser Debatte auf dem Spiel steht, ist laut Sieffert sein Anspruch auf eine universale Menschenrechtsethik. Wenn dieselben politischen Akteure, die auf Sanktionen gegen Russland wegen des Ukraine-Kriegs bestehen, die Augen vor dem Massaker in Gaza schließen oder es aktiv decken, dann verliere Frankreich die moralische Glaubwürdigkeit, von der seine internationale Stellung seit dem 18. Jahrhundert zumindest partiell abhing. Emmanuel Macrons verspätete Anerkennung des palästinensischen Staates (September 2025) und seine Unfähigkeit oder Unwilligkeit, dem Konsequenzen folgen zu lassen, symbolisieren für den Autor diese Zerrissenheit.

Sieffert beendet wie angedeutet sein Buch nicht mit Hoffnung, sondern mit einem moralischen Appell: Es sei möglich und nötig, dem Essentialismus und dem Tribalismus zu widerstehen und den Konflikt politisch statt ethnisch zu denken. Das ist kein triumphales Manifest, sondern ein nüchternes Plädoyer für intellektuelle Redlichkeit in einem Diskurs, der von Angst und Identitätspolitik dominiert wird. In einem solchen Klima hat LMC seinen Platz – als unbequemes, unvollkommenes, aber notwendiges Buch.

Reference / Zitiervorschlag
Nonnenmacher, Kai. "Israel, Gaza und der französische Intellektuellendiskurs nach dem 7. Oktober: Deutungshoheiten bei Denis Sieffert." Rentrée littéraire: französische Literatur der Gegenwart. 2026. Accessed on April 30, 2026 at 13:08. https://rentree.de/2026/04/30/israel-gaza-und-der-franzoesische-intellektuellendiskurs-nach-dem-7-oktober-deutungshoheiten-bei-denis-sieffert/.

Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.

Anmerkungen
  1. Der Verlag kündigt das Buch folgendermaßen an: „Die Schockwelle des Angriffs der Hamas am 7. Oktober 2023 traf ein besorgtes Frankreich, das nach dem Scheitern der Bewegung gegen die Rentenreform in einer demokratischen Krise steckte. Der Aufstieg der extremen Rechten und die „Bollorisierung“ der Medienlandschaft haben Islamfeindlichkeit im öffentlichen Raum verbreitet und damit einen fruchtbaren Boden für den israelischen Diskurs geschaffen. Doch die Propaganda wurde auch von Intellektuellen wie Gilles Kepel oder Eva Illouz, um nur diese beiden zu nennen, weiterverbreitet, die ihren Status nutzten, um Desinformationsstrategien zu entwickeln. In diesem Werk analysiert Denis Sieffert ihre Diskurse und konfrontiert sie mit einer anderen Realität, die die Palästinafrage wieder in den Mittelpunkt der Kolonialgeschichte rückt, ohne dabei jemals das Leid der Juden zu verkennen oder die Plage eines eng mit dem Konflikt verbundenen Antisemitismus zu unterschätzen. Er prangert eine öffentliche Debatte an, die monatelang das Massaker an den Bewohnern Gazas ignoriert hat. Er zeigt auf, wie ein Teil der sogenannten linken Zionisten dazu gekommen ist, eine rechtsextreme israelische Regierung zu unterstützen.“>>>

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