Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- Von Le Cateau nach Auschwitz: Biographien im Spiegel kollektiver Katastrophen
- Autobiographie und Archiv: Die Entdeckung des Familienschatzes
- Fortsetzungen des Antisemitismus bis in die Gegenwart
- Drumont: Biographie als Anatomie des Hasses
- Deutsch-Französische Verflechtungen bei Donner
- Figurenkonstellation und die Logik der Extreme
- Körper, Klinge und Komplizenschaft: historische Männlichkeiten
- Medien: Briefe, Presse, Körper
- Cateau und Paris
- Peripherie und die Geographie des Hasses
- Schreiben als mögliche Gegenkraft des Hasses
- Daudet und Zola
- Der Grantler
- Die France goy als Selbstreflexion einer Gesellschaft
- Nachtrag: Ce que faisait ma grand-mère à moitié nue sur le bureau du Général (2022) – Die Fortsetzung in der Gegenwart
Von Le Cateau nach Auschwitz: Biographien im Spiegel kollektiver Katastrophen
Der vorliegende Text stellt eine der ambitioniertesten und eigenwilligsten literarischen Interventionen zur Geschichte des französischen Antisemitismus der letzten Jahre dar. Christophe Donners Roman, La France goy (Grasset, 2021, zit. als LFG), verknüpft Familienarchiv und Nationalgeschichte auf eine Weise, die weder in der Tradition des einfachen autobiographischen Bekenntnisses noch im Genre des historischen Romans aufgeht, sondern beide Schreibweisen produktiv konfrontiert und in einer dritten, reflexiven Dimension auflöst. LFG ist, so soll im Folgenden gezeigt werden, eine genealogische Archäologie des modernen Antisemitismus, die den familiären Ursprungsort der eigenen Existenz zugleich als Knotenpunkt einer katastrophischen Ideologiegeschichte enthüllt – einer Geschichte, die Donner als strukturell unabgeschlossen begreift und die er durch eine spezifische Poetik der Verschachtelung, des Schreibens-über-das-Schreiben und der Montage von Dokumenten und Fiktion für die Gegenwart produktiv macht. So bleibt beispielsweise zu fragen: Wie verhandelt der Roman die Spannung zwischen autobiographischem Impuls und historischer Rekonstruktion? Wie wird die Biographie Drumonts narrativ eingebunden und literarisch ausgearbeitet? Welche Kontinuitäten des Antisemitismus behauptet der Text vom späten 19. Jahrhundert bis in die französische Gegenwart? Welche Gattungsform und welche Poetik entwickelt Donner für dieses politisch brisante Material? Und schließlich: Was kann der Roman über das Schreiben selbst aussagen?
Le Cateau. Un enfant de douze ans, le petit Macron, avait trouvé dans le grenier de son grand-père, où il était allé jouer avec un de ses camarades, nommé Gosset, un fusil déposé là comme en un lieu de sûreté. La première chose que fit le petit Macron fut de s’emparer de l’arme et de mettre en joue son jeune camarade ; il tira la gâchette, le coup partit et atteignit le petit Gosset près de l’oreille. La blessure, bien large, paraissait effrayante à première vue ; mais le docteur Camus, appelé en toute hâte, rassura les parents, en leur affirmant que la blessure n’avait qu’une gravité apparente, et que l’enfant ne courait pas de danger.
Le Cateau. Ein zwölfjähriger Junge, der kleine Macron, hatte auf dem Dachboden seines Großvaters, wo er mit einem seiner Freunde namens Gosset spielen gegangen war, ein Gewehr gefunden, das dort wie an einem sicheren Ort deponiert worden war. Das Erste, was der kleine Macron tat, war, sich die Waffe zu schnappen und sie auf seinen jungen Freund zu richten; er drückte den Abzug, der Schuss ging los und traf den kleinen Gosset nahe am Ohr. Die Wunde, die ziemlich groß war, sah auf den ersten Blick beängstigend aus; doch der eilig herbeigerufene Doktor Camus beruhigte die Eltern und versicherte ihnen, dass die Wunde nur scheinbar schwerwiegend sei und das Kind nicht in Gefahr sei.
LFG beginnt mit einem Zeitungsfund: Ein Artikel aus dem „Écho de la frontière“ vom 9. September 1881 berichtet, dass im nordfranzösischen Städtchen Le Cateau ein zwölfjähriger Junge namens Macron seinen Spielkameraden Gosset versehentlich mit einem Gewehr angeschossen hat. Diese Anekdote, zugleich komisch und unheimlich durch den Nachnamen des späteren Präsidenten, führt uns in die Welt des Henri Gosset ein – den Urgroßvater des Ich-Erzählers, des Autors Christophe Donner selbst. Durch den Namen „Macron“ wird eine Brücke von 1881 in die französische Gegenwart geschlagen. Es etabliert die Methode des Romans: Geschichte ist nicht abgeschlossen, sondern kehrt in Namen und Echos zurück. Henri, Sohn eines phthisischen Fabrikarbeiters aus der Provinz, kommt mit siebzehn Jahren nach Paris, wo er sich als Heilmagnetiseur und Masseur eine Klientel aufbaut, die Anatomie studiert und schließlich in die Kreise des jungen Léon Daudet gerät – des Sohnes des berühmten Alphonse Daudet und späteren Gründers der monarchistisch-antisemitischen Zeitung „L’Action française“. Durch Léon wird Henri in die Welt des aufstrebenden Antisemitismus eingeführt, Schüler und Mitarbeiter des Hypnose-Professors Edgar Bérillon, dem ideologischen Wegbereiter einer Pseudowissenschaft der „Rassenpsychologie“.
Parallel entwickelt der Roman von einer anderen Zeitebene aus die Biographie Édouard Drumonts, des Autors von La France juive (1886, zit. als FRJ), des meistverkauften antisemitischen Buches der europäischen Geschichte im 19. Jahrhundert. Donner schildert Drumonts Aufstieg aus tiefer Armut, seine ambivalente Freundschaft mit Alphonse Daudet, die zähe Entstehungsgeschichte seines Pamphlets, den sensationellen Erfolg des Buches, die Duellwut und die politische Karriere Drumonts bis zum Ende seines Lebens 1917. Diese Biographie ist freilich nicht neutral, sondern von analytischer Ironie durchzogen: Der Erzähler seziert Drumonts Stil, seine persönliche Misere und die medialen Mechanismen des Hasses mit einer Genauigkeit, die ebenso literarische Lektüre wie historische Forensik ist.
Der dritte Erzählfaden führt Marcelle Bernard ein, die spätere Urgroßmutter des Erzählers: eine leidenschaftliche anarchistische Lehrerin und Frauenrechtlerin im Umkreis der sindikalistischen Arbeiterbewegung, Vertraute von Gustave Hervé, befreundet mit Almereyda – dem Vater des Filmemachers Jean Vigo –, Leserin von Proudhon und Zola. Ihre politische Welt steht in schroffem Gegensatz zu der Henriettes, und dennoch werden Henri und Marcelle ein Paar. Aus dieser Verbindung von Extremen, wie Donner es formuliert, wird Jean Gosset geboren – der Großvater des Erzählers, der sich der Résistance anschließen und 1944 im Konzentrationslager Neuengamme sterben wird. Den Roman beschließt ein Epilog, der die Figuren in ihre historisch dokumentierten Schicksale entlässt: Drumont stirbt blind in einer Pflegeanstalt, Léon Daudet überlebt alle politischen Niederlagen, sein Sohn Philippe tötet sich 1923, Almereyda wird im Gefängnis ermordet, und Henriette Lévy, Marcelles jüdische Freundin, wird deportiert und stirbt in Auschwitz.
Das letzte Wort des Romans gehört dem Erzähler selbst. Er beschreibt, wie er seine Großmutter, Renaude Gosset, nach dem Urgroßvater fragte, und wie diese – das Kind Henri Gossets – ihn nur als „vieux ronchon“ in Erinnerung behielt. Diese Schlussanekdote, so harmlos sie klingt, versiegelt das ganze Buch: Sie zeigt die Verstümmelung der Erinnerung, die Brüche innerhalb von Familiennarrativen und die melancholische Einsicht des Erzählers, dass Geschichte immer durch das Schweigen der Zeugen hindurch rekonstruiert werden muss.
Autobiographie und Archiv: Die Entdeckung des Familienschatzes
In Donners Roman wird Israel vor allem über die Entstehung des Zionismus und die Vision von Theodor Herzl thematisiert, den das Buch als den „Vater Israels“ beschreibt. Ausführlich wird auf Herzls Werk „Der Judenstaat“ eingegangen, das die Souveränität über ein Territorium, den Bau von Infrastruktur und Verhandlungen über Palästina entwirft. Donner beleuchtet dabei die historische Ironie, dass Antisemiten wie Édouard Drumont Herzls Pläne unterstützten, da sie die Juden aus Frankreich entfernen wollten und forderten, man solle sie nach Palästina schicken. Auf diese Weise erscheint das Projekt Israel im Buch als eine durch die Dreyfus-Affäre katalysierte politische Antwort auf den grassierenden europäischen Antisemitismus.
Donner thematisiert seine eigene Position zur „jüdischen Frage“ primär durch eine forensische Untersuchung seines Familienarchivs und die Aufarbeitung des Schweigens über die antisemitische Vergangenheit seiner Vorfahren. Der erste und vielleicht folgenreichste Entschluss, den Donner beim Schreiben von LFG trifft, betrifft das Verhältnis von Autobiographie und Fiktion. Der Roman ist explizit als Familienroman ausgewiesen – in der Einleitungsbemerkung des Autors (mit dem Kürzel „C.D.“ gezeichnet) heißt es, dreißig Jahre nach dem Roman L’Esprit de vengeance (zit. als EDV), der seine Gefühle gegenüber dem Großvater Jean Gosset evoziert habe, sei die Zeit gekommen, zu verstehen, warum dieser Mann sich der Résistance angeschlossen hatte, die ihn ins KZ Neuengamme führen sollte.
In EDV spielt das Thema Jüdischkeit eine indirekte, aber tief schmerzhafte Rolle, die als eine Art „Phantomschmerz“ die Abwesenheit des Großvaters Jean Gosset und das Trauma des Holocausts thematisiert. Obwohl Gosset selbst kein Jude, sondern ein christlicher Philosoph war, ist sein Schicksal als Widerstandskämpfer, der im Konzentrationslager Neuengamme umkam, untrennbar mit der Shoah und der Verfolgung der Juden verknüpft. Der Roman nutzt das jüdische Schicksal als moralischen und historischen Fixpunkt, um die moralische Zerrissenheit der Nachfahren zu beleuchten und die Spannungen zwischen dem katholischen Personalismus des Großvaters und der jüdischen Erfahrung von Ausgrenzung und Vernichtung zu untersuchen.
Mit Blick auf LFG markiert der frühere Roman eine Phase der rein emotionalen Annäherung, während das spätere Werk zu einer expliziten „genealogischen Archäologie“ des Antisemitismus übergeht. Während Jüdischkeit in EDV noch als dunkle Hintergrundfolie für das Familienschweigen diente, sucht Donner in LFG dreißig Jahre später nach den konkreten Wurzeln dieses Hasses. Die Antworten, dachte Donner, würde ihm der Vater des Großvaters liefern. Diese deklarierte autobiographische Motivation wird sofort durch eine charakteristische Wendung gebrochen: Die Antworten auf die Frage nach dem Großvater kommen vom Urgroßvater, also aus einer Generation, die der Erzähler nicht kennen kann – aus Briefen, Tagebüchern, Zeitungsausschnitten, einem Fechtlehrbuch.
Dabei entdeckt er, dass sein Urgroßvater Henri Gosset durch Figuren wie Léon Daudet tief in das antisemitische Milieu eingeführt wurde, wobei der Erzähler in den Briefen des Vorfahren erschrocken seinen eigenen Schreibstil wiederkennt. Indem er die Verstrickungen seiner Familie in die „France goy“ – ein nicht-jüdisches Frankreich – freilegt, reflektiert er die Vorgeschichte der Shoah und das tragische Schicksal jüdischer Weggefährten wie Henriette Lévy, die nach Auschwitz deportiert wurde.
Pour sortir ces lettres de leur enveloppe, je dois prendre beaucoup de précaution car le papier est fragile, presque friable. Je les manipule comme des reliques. À la pliure des feuilles on remarque les deux trous d’aiguille par lesquels passait le fil qui les reliait, ce qui indique qu’elles proviennent d’un cahier d’écolier. L’écriture est serrée, soignée, difficilement déchiffrable. L’encre a viré au sépia. La première lettre que j’ai lue fut pour moi une expérience intense, bien au-delà de l’émotion qu’on peut classiquement ressentir à la découverte d’un document familial vieux de plus d’un siècle.
Um diese Briefe aus ihren Umschlägen zu nehmen, muss ich sehr vorsichtig vorgehen, denn das Papier ist empfindlich, fast brüchig. Ich gehe mit ihnen um wie mit Reliquien. An den Falzen der Blätter sind die beiden Nadelstiche zu erkennen, durch die der Faden geführt wurde, der sie miteinander verband, was darauf hindeutet, dass sie aus einem Schulheft stammen. Die Schrift ist eng, ordentlich und schwer zu entziffern. Die Tinte ist sepiafarben geworden. Der erste Brief, den ich las, war für mich ein intensives Erlebnis, weit über die Emotionen hinaus, die man normalerweise empfindet, wenn man ein über hundert Jahre altes Familiendokument entdeckt.
Der Moment, in dem der Erzähler die Briefe Henri Gossets aus dem Umschlag nimmt, ist eine der zentralen Szenen des Romans und seiner Selbstreflexion. Das Bild der Reliquie ist nicht zufällig. Es bezeichnet eine Zwischenform zwischen dem Materiellen und dem Sakralen, zwischen dem physischen Überrest und dem symbolischen Träger. Was der Erzähler hier ausdrückt, ist die doppelte Natur des Archivdokuments: Es ist Beweis und Reliquie zugleich, es bezeugt und heiligt. Dann kommt die entscheidende Wendung: „j’étais pris d’une sensation proche du déjà-vu, ou du déjà-lu.“ Die Briefe des Urgroßvaters lesen sich so, als hätte der Erzähler selbst sie geschrieben: „Il n’y a qu’un Gosset pour écrire comme ça, je me disais.“ Damit ist das autobiographische Dispositiv des Romans in seiner ganzen Komplexität eingerichtet. Donner schreibt nicht über einen Anderen, sondern erkennt im Anderen sich selbst – er erkennt eine genealogische Schreibweise, einen familiären Stil, und setzt damit die Figur des Urgroßvaters nicht als Fremdkörper in die Geschichte ein, sondern als eine Art Vorläufer-Selbst.
J’ai d’abord eu du mal à me concentrer sur ce qu’il racontait dans cette lettre. J’avais beau me raisonner, je ne pouvais pas m’empêcher de reconnaître cette façon d’écrire. C’était dans le rythme, la sonorité des mots, dans la brièveté des effets, un petit ton de supériorité, pas vraiment un style, ni „une petite musique“, plutôt un petit regard, un sourire en coin. Il n’y a qu’un Gosset pour écrire comme ça, je me disais.
Zunächst fiel es mir schwer, mich auf das zu konzentrieren, was er in diesem Brief schrieb.So sehr ich mir auch einredete, dass es nicht so sei, konnte ich doch nicht umhin, diesen Schreibstil wiederzuerkennen. Es lag am Rhythmus, am Klang der Worte, an der Prägnanz der Formulierungen, an einem Hauch von Überlegenheit – nicht wirklich ein Stil, auch keine „kleine Melodie“, sondern eher ein kleiner Blick, ein verschmitztes Lächeln. Nur ein Gosset kann so schreiben, dachte ich mir.
Dies ist der Moment des „Erkennens“. Der Erzähler erkennt in der Schreibweise seines Urgroßvaters seinen eigenen Stil wieder, in dieser Szene setzt Donner Henri Gosset als eine Art „Vorläufer-Selbst“ ein und löst so die Grenze zwischen Selbst- und Fremdbiographie auf.
Diese Konstruktion hat erhebliche Konsequenzen für die Erzählperspektive des gesamten Romans. LFG wechselt beständig zwischen einem allwissenden auktorialen Erzähler, der über die Figuren der Vergangenheit schreibt, und einem Ich-Erzähler, der die eigene Leseerfahrung der Archivalien beschreibt. Wenn Henri in seinen Briefen an seinen Onkel Hippolyte über Paris, über die medizinische Ausbildung, über Léon Daudet und Drumont berichtet, wird seine Stimme durch den Erzähler vermittelt, der die Briefe zitiert, kommentiert und einbettet. Dadurch entsteht eine eigentümliche Mehrstimmigkeit: Das 19. Jahrhundert spricht durch die Gegenwart des Erzählers, und die Gegenwart des Erzählers ist stets von der Geschichte des 19. Jahrhunderts imprägniert.
Diese Erzählanlage hat methodische Konsequenzen, die der Roman offen reflektiert. Im Klappentext heißt es: „l’étincelle qui fait exploser le réel, et le romanesque s’impose“ – „der Funke bringt die Realität zum Bersten, und schon setzt sich das Romanhafte durch“. Donner besteht darauf, dass der Übergang vom Archivdokument zur Fiktion kein Verrat an der historischen Wahrheit ist, sondern ihre notwendige Vertiefung. Was er in den Lücken der Dokumente erfindet, ist im besten Sinne des Wortes Hypothese: eine imaginative Füllung des Schweigens, die dem historischen Verständnis näher kommt als jede positivistische Aufzählung. Dies ist eine klassische Prämisse des historischen Romans – aber Donner geht weiter, indem er diese Prämisse im Roman selbst sichtbar macht und damit eine autopoetologische Dimension eröffnet.
Fortsetzungen des Antisemitismus bis in die Gegenwart
Eines der kühnsten Unternehmen von LFG ist die These einer strukturellen Kontinuität des französischen Antisemitismus. Donner beschreibt nicht nur einen historischen Moment – die Belle Époque mit ihren Dreyfus-Affären, Panama-Skandalen und Duellen –, sondern impliziert, dass die „question juive“ die Struktur des politischen Lebens Frankreichs bis in die Gegenwart durchzieht. Diese These wird nicht explizit ausgefaltet, sondern durch die erzählerische Architektur des Romans eingeschrieben: Dass der Erzähler einen Roman über das 19. Jahrhundert schreibt, weil er verstehen will, warum sein Großvater im KZ gestorben ist, ist die biographische Logik dieses Behauptungsanspruchs.
Die Kontinuitätslinie, die Donner zieht, verläuft von Drumont über Léon Daudet und die Action française bis zur Kollaboration des Vichy-Regimes. Edgar Bérillon, der pseudowissenschaftliche Antisemit, überlebt die deutsche Besatzung und stirbt danach noch zwei Jahre in seinem Bett stirbt, während Henriette Lévy, Marcelles jüdische Freundin, in Auschwitz ermordet wird. Hier vollzieht der Roman den Übergang von der Geschichte zur Anklage.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Passage über das Experiment Bérillons, in der vorgeschlagen wird, aus Kindern, die durch deutsche Vergewaltigungen entstanden seien, Spione zu erziehen, indem man die Eigenschaften der „germanischen Rasse“ pädagogisch nutze. Donner kommentiert diese Passage mit dem Hinweis auf die Experimente von Dr. Heissmeyer in Neuengamme, der jüdischen Kindern aus Auschwitz Tuberkulosebazillen injizierte und sie als „Versuchstiere“ benutzte. Auf die Frage des Richters, warum er keine Meerschweinchen verwendet habe, antwortete Heissmeyer, er sehe keinen Unterschied zwischen Menschen und Meerschweinchen – er meine: zwischen Juden und Meerschweinchen. Donner platziert diese Aussage unmittelbar nach Bérillons pseudo-pädagogischem Fantasma und macht damit die Kontinuität explizit: Was 1915 als Kriegspropagandaspiełerei beginnt, endet 1944 in den Experimentiersälen.
Diese strukturelle Analyse hat eine Aktualitätsdimension, die der Roman nicht ausbuchstabiert, aber deutlich evoziert: Der moderne Rechtspopulismus in Frankreich, die Wiederkehr einer nationalrevolutionären Rhetorik, die Kontinuität antisemitischer Stereotype in neuen Gewändern – all das ist im Hintergrund des Textes spürbar, ohne je beim Namen genannt zu werden. Donner schreibt über das 19. Jahrhundert und meint auch das 21.
Drumont: Biographie als Anatomie des Hasses
Die Biographie Édouard Drumonts ist das eigentliche Herzstück des Romans und seine intellektuell schwerste Partie. Donner widmet ihr ausgedehnte Kapitel, die von der Kindheit des verarmten Bourgeois-Sohnes über die Freundschaft mit Alphonse Daudet bis zum explosiven Erfolg von FRJ (1886) und dem späten politischen Verfall reichen. Diese Biographie ist kein Porträt, das um Verständnis wirbt, und kein Pamphlet, das sich in Abscheu erschöpft. Sie ist eine Anatomie.
Der Erzähler beobachtet Drumont mit jener klinischen Neugier, die er auch bei Henri, dem Masseur und Anatomiestudenten, als charakterlich typisch beschreibt: Er greift nach den Ursachen, sucht die strukturellen Bedingungen des Hasses. Die zentralen Ergebnisse dieser Anatomie sind ernüchternd und erhellend zugleich: Drumont ist zuallererst ein Gescheiterter. Als Journalist schreibt er jahrelang bedeutungslose, schlecht bezahlte Texte für Provinzzeitungen. Sein erster Roman ist ein Plagiat, sein zweiter ein Misserfolg. Seine persönliche Misere ist tief: Er heiratet eine Frau, die er verachtet, und schickt sie am Hochzeitsabend allein nach Hause. Donner schreibt: Drumont habe den Hass auf die Juden nicht erfunden, aber er habe ihm einen wissenschaftlichen Namen gegeben – „Antisémitisme“ – und damit das Diffuse zum Programm gemacht.
Car on a beau rappeler combien Drumont était laid, pingre, goujat avec les femmes, gentil avec les enfants, catastrophique à l’épée, et mal coiffé, mal habillé, et on aura aussi raison d’ajouter que derrière sa „barbe à poux“ se cachait un mégalomane faussement mystique, le pire des hommes en vérité, il n’en demeure pas moins que son écriture est dotée d’un élan qu’on devrait s’autoriser à regarder sans effroi, à décortiquer sans agressivité, à comprendre sans indifférence ni cynisme.
Denn man mag zwar immer wieder betonen, wie hässlich, geizig und ungehobelt Drumont gegenüber Frauen war, wie freundlich er zu Kindern war, wie katastrophal er mit dem Schwert umging, wie schlecht er frisiert und gekleidet war, und man wird auch Recht haben, wenn man hinzufügt, dass sich hinter seinem „Läusebart“ ein vorgeblich mystischer Größenwahnsinniger verbarg, in Wahrheit der schlimmste aller Menschen, so bleibt dennoch die Tatsache bestehen, dass sein Schreiben von einer Kraft beseelt ist, die man ohne Furcht betrachten, ohne Aggressivität analysieren und ohne Gleichgültigkeit oder Zynismus verstehen sollte.
Das Kapitel über die Entstehung von FRJ ist eine der aufregenden Partien des Romans, weil Donner hier das Verhältnis von Stil und Ideologie direkt angeht. In einem bemerkenswert offenen Passus schreibt der Erzähler, man möge ruhig daran erinnern, wie hässlich, knickerig und schlecht gekleidet Drumont gewesen sei – es bleibe dennoch die Tatsache, dass seine Schreibweise einen Schwung besitze, dem man sich stellen müsse, ohne Erschrecken und ohne Gleichgültigkeit, den man ohne Aggressivität zerlegen müsse. Diese Passage ist programmatisch: Donner verlangt von sich und vom Leser die Bereitschaft, das Stilproblem nicht durch Abscheu zu umgehen. Er besteht darauf, Drumonts Schreibweise literarisch zu analysieren – und das bedeutet zu verstehen, warum das Buch hunderttausend Exemplare verkaufte, warum der Kutscher es auf dem Bock las, warum Edmond der Goncourt in seinem Tagebuch notierte, er sei gezwungen anzuerkennen, dass Drumont ein Schriftsteller sei. Die Antwort, die Donner entwickelt, zielt auf die Kraft des Narrativs: FRJ ist wirkungsmächtig, weil es eine kohärente Erzählung der Ressentiments anbietet, eine Geschichte, in der alle diffusen Ängste, Niederlagen und Beschämungen der Belle Époque einen Schuldigen finden. Das Antisemitismus-Buch funktioniert wie der Roman: Es bietet Identifikation, Spannung, eine Dramaturgie der Enthüllung.
Besonders aufschlussreich ist die Schilderung der Beziehung Drumonts zu Alphonse Daudet. Donner zeigt, wie Drumont in Daudet ein väterliches Ideal findet – der erfolgreiche, liebenswürdige, gesellschaftlich integrierte Schriftsteller, alles, was Drumont nicht ist. Die Freundschaft zwischen den beiden ist eine Abbildung einer tieferen sozialen Asymmetrie: Daudet gibt, Drumont nimmt, und was er nimmt, ist vor allem Legitimation. Alphonse Daudet finanziert die Erstpublikation von FRJ durch eine Garantie gegenüber dem Verleger Flammarion, der zunächst ablehnt. Die Sentenz des Verlegers – die Frage nach der Judenthematik interessiere niemanden – hat dabei eine zutiefst ironische Funktion: Sie bezeichnet präzise den Moment, in dem die Geschichte kippen wird. Das Buch, das niemanden interessieren soll, wird zum Bestseller des Jahrhunderts.
Die Funktion Léon Daudets in diesem Geflecht ist für die Familiendimension des Romans entscheidend. Léon Daudet, der junge Medizinstudent, dem Henri Gosset zuerst begegnet, ist der Erbe Drumonts: Er trägt dessen Antisemitismus fort, radikalisiert und institutionalisiert ihn in der Action française. Indem Henri Gosset über Léon Daudet in den Bannkreis Drumonts gerät und schließlich Lehrer und Trésorier an Bérillons Schule für Hypnose und Rassenpsychologie wird, ist die Kontaminierung vollzogen: Die Familie des Erzählers steht nicht außerhalb der Geschichte des Antisemitismus – sie ist Teil von ihr.
Beide Romane zusammen bilden ein zusammenhängendes genealogisches und historisches Projekt: eine Art Familienarchiv als Nationalgeschichte, in der die Geschichte des französischen Antisemitismus von seinen Belle-Époque-Ursprüngen über die faschistischen Tendenzen der Zwischenkriegszeit bis in die Gegenwart des digitalen Kapitalismus und der postmemorialen Reflexion verfolgt wird. Was Donner dabei entwickelt, ist keine lineare Fortschrittserzählung und keine apokalyptische Verfallsgeschichte, sondern etwas Schwierigeres: das geduldige Verfolgen einer strukturellen Disposition zur Ausgrenzung und zur Gewalt, die in den Körpern, Sprachen und Institutionen der Gesellschaft eingeschrieben ist – und die immer wieder die Frage aufwirft, ob und wie das Schreiben dagegen etwas ausrichten kann.
Deutsch-Französische Verflechtungen bei Donner
In LFG ist Deutschland weniger eine handelnde Größe als eine strukturelle Obsession. Der deutsche Feind – verkörpert zunächst in der Traumatisierung durch den Krieg von 1870/71 und den Verlust von Elsass-Lothringen – ist der unsichtbare Horizont, vor dem sich der gesamte französische Nationalismus der Belle Époque entfaltet. Henris Kindheit in Le Cateau ist davon direkt geprägt: Wenn er mit seinem Onkel Hippolyte zu Pferde die imaginären deutschen Armeen niederreitet und Elsass-Lothringen zurückerobert, spielt er die kollektive Revanchephantasie nach, die das politische Klima der Dritten Republik durchzieht. Donner zeigt, wie diese nationale Demütigung zum Nährboden des Antisemitismus wird: Die Niederlage gegen Preußen wird nicht als militärisches oder politisches Versagen gedeutet, sondern als Werk des inneren Feindes. Drumont und die Action française behaupten explizit, die Juden hätten Frankreich geschwächt, unterwandert, verraten – die antisemitische Logik ist also strukturell eine Logik der Umlenkung: Der äußere Feind wird zum Spiegel eines imaginierten inneren Feindes. Die Dreyfus-Affäre, die den Roman wie ein Fieber durchzieht, ist die schärfste Zuspitzung dieser Verschiebung: Dreyfus ist schuldig, weil er Jude ist, und er ist Jude, und deshalb muss er der deutsche Spion sein. Donner zeigt, wie diese Logik nicht nur in den Pamphlets Drumonts, sondern auch in den Tischgesprächen Léon Daudets funktioniert – sie ist keine Randerscheinung, sondern der Kern des politischen Denkens einer ganzen Epoche.
Was Donner dabei mit besonderer Subtilität herausarbeitet, ist die paradoxe Verschränkung von deutsch-französischem Nationalismus und Antisemitismus auf transnationaler Ebene. Der Begriff „Antisémitisme“ selbst ist, wie der Roman erläutert, eine deutsche Erfindung: Wilhelm Marr, der Hamburger Publizist, prägte das Wort 1879, und Drumont übernimmt es aus dem Deutschen als wissenschaftlich klingende Verbesserung des alten religiösen Judenhasses. Die Ironie, die Donner aufdeckt, ist schneidend: Die Franzosen, die sich als Hüter einer universellen Zivilisation verstehen und die Deutschen als barbarische Erbfeinde betrachten, importieren aus Deutschland das Vokabular des Hasses, mit dem sie die Juden verfolgen werden. Das Antisemitische ist keine national reine Erscheinung – es ist ein europäisches Zirkulationsphänomen, das Grenzen überschreitet und sich in jedem nationalen Kontext neu verkleidet. Zugleich zeigt Donner, wie der Antisemitismus in Frankreich eine spezifische Färbung erhält, die ihn von der deutschen Variante unterscheidet: Er ist stärker mit katholischem Antimodernismus, mit dem Trauma des Kolonialismus und der Pariser Kommune, mit der antirepublikanischen Reaktion verknüpft. Das macht ihn nicht weniger gefährlich, aber anders – er ist organisch eingewachsen in die politische Kultur Frankreichs, nicht aufgepfropft.
Im zweiten Roman, Ce que faisait ma grand-mère à moitié nue sur le bureau du Général, verschiebt sich das Verhältnis zu Deutschland von der symbolischen zur unmittelbar physischen Dimension. Das Konzentrationslager Neuengamme, in dem Jean Gosset 1944 stirbt, ist der konkrete Ort, an dem die deutsch-französische Geschichte in ihrer brutalsten Form zusammenkommt. Donner vermeidet es, diesen Ort auszumalen – er bleibt im Epilog des ersten Romans und im familiären Hintergrund des zweiten ein benannter Abgrund, eine Leerstelle, die durch das Schweigen von Denise Gosset, der „Amin“ des Erzählers, markiert wird. Diese Witwe eines Résistance-Kämpfers, die ihrem Mann nicht vergeben kann, dass er sie für den Widerstand – und für eine andere Frau – verlassen hat, trägt das Verhältnis zu Deutschland als persönliche Wunde: Die Deutschen haben ihr den Mann genommen, aber die politischen Verhältnisse hatten ihn schon vorher von ihr entfremdet. In dieser privaten Ambivalenz – Bewunderung für den heroischen Résistant, Bitterkeit über den abwesenden Gatten – destilliert Donner die komplizierte Gefühlslage einer ganzen Generation, die den Krieg gewonnen und doch verloren hat. Deutschland ist bei Donner also nie nur der äußere Feind, sondern immer auch der Spiegel, in dem Frankreich seine eigenen Widersprüche erkennen muss: seine Kollaborationsbereitschaft, seine vorbereitete antisemitische Infrastruktur und seine anhaltende Unfähigkeit, die genealogischen Linien zwischen Drumont, Bérillon, Vichy und Auschwitz vollständig anzuerkennen.
Figurenkonstellation und die Logik der Extreme
Die Figurenkonstellation von LFG folgt einer präzisen dialektischen Logik. Die Figuren sind nicht bloß Charaktere, sondern Positionen in einem historischen Kraftfeld. Henri Gosset steht im Zentrum als ein Mann ohne feste Ideologie, der aufnahmefähig und beweglich ist – eine Art sozialer Empfangsstation, die alle Impulse seiner Umgebung absorbiert. Auf der einen Seite zieht ihn Léon Daudet in den Antisemitismus, auf der anderen Seite zieht ihn Marcelle Bernard, die anarchistische Lehrerin, in den Anarchismus. Die Ehe von Henri und Marcelle ist wörtlich eine Verbindung von Extremen, und das gemeinsame Kind Jean Gosset ist das historisch-genealogische Ergebnis dieser Verbindung.
Il y a dans nos écoles trop de classements et de points, écrit Marcelle à la page cinq de ses Notes sur ma classe au jour le jour. Les enfants deviennent d’une âpreté de… juif polonais ! Je voudrais diminuer cela. Mes récompenses : m’apporter ce dont j’ai besoin, être désignée pour les actes d’initiative, pour une mission de confiance, mais jamais pour surveiller les autres.
In unseren Schulen gibt es zu viele Ranglisten und Punkte, schreibt Marcelle auf Seite fünf ihrer „Notizen über meinen Schulalltag“. Die Kinder werden so hart wie … polnische Juden! Ich möchte das abmildern. Meine Belohnungen: mir das zu bringen, was ich brauche, für Eigeninitiative oder eine Vertrauensaufgabe ausgewählt zu werden, aber niemals, um die anderen zu beaufsichtigen.
Dies ist der „erschreckende“ Moment des unbewussten Antisemitismus. Selbst die fortschrittliche Anarchistin nutzt antisemitische Stereotype als „natürliche Beschreibung der Welt“. Es stützt die Kernthese, dass France goy das Frankreich aller ist – eine tief sitzende kulturelle Strömung.
Diese Konstellation hat eine strukturelle Ambivalenz: Der Roman legt nahe, dass Henri nie ein überzeugter Antisemit ist, sondern ein Mitläufer aus gesellschaftlichem Opportunismus und intellektueller Faszination. Er arbeitet für Bérillons Institut, er hält Vorlesungen, er ist Trésorier – aber er schreibt in seinen Briefen oft mit ironischer Distanz über Léon Daudet und dessen Obsessionen. In einem der eindrücklichsten Briefe schildert Henri, wie Léon Daudet nach einem Abend mit Bérillon zur Idee kommt, die Action française zur „Zeitung der guten Gerüche gegen die Gestank-Emittenten“ zu machen, und notiert dazu lakonisch: Er habe das wohl nicht so vorhergesehen – eine Formel, die sowohl Bérillons Naivität als auch Henris eigene Komplizenschaft des Wegsehens bezeichnet.
Marcelle Bernard wirkt als Kontrastfigur nicht nur politisch, sondern auch wissensbezogen. Ihre Welt ist die des Denkens, des Lesens, des Engagements: Sie ist Lehrerin, Pazifistin, Feministin, Genossin. Ihr Notizbuch über die Schulklasse ist ein Dokument pädagogischen Eifers, aber auch – in einer erschreckenden Nebennotiz – des unbewussten Antisemitismus des Alltags: Als sie über zu eifrige Schülerinnen schreibt, verwendet sie beiläufig den Ausdruck „d’une âpreté de… juif polonais“. Donner lässt diese Stelle ohne Kommentar stehen, und die Wirkung ist verheerend: Sie zeigt, dass der Antisemitismus nicht nur in den Bücherseiten von Drumont lebt, sondern in der Sprache des Alltags der gutgesinnten Republikanerin. Die France goy des Titels ist nicht nur das Frankreich der Drumont und Daudet – sie ist auch das Frankreich der Marcelles.
Édouard Drumont selbst ist als Figur ambivalenter gezeichnet, als man erwarten würde. Donner verweigert sich dem bequemen Dämonisierungsverfahren. Drumont ist hassenswert, aber er ist auch verständlich – und gerade diese Verständlichkeit ist der eigentliche Horror des Textes. Wenn der Erzähler beschreibt, wie Drumont über Jahre in sozialer Demütigung lebt, wie er seinen Freunden gegenüber für immer der Ärmste, der Ungebildetste, der Uneleganteste bleibt, dann zeichnet er die Sozialpsychologie des Ressentiments mit einer Präzision nach, die an Girards Analyse der mimetischen Begierde erinnert. Drumont will sein wie Daudet und kann es nie sein – also erfindet er eine Identität des Anklägers, des Propheten, des Revolutionärs von rechts.
Körper, Klinge und Komplizenschaft: historische Männlichkeiten
In LFG ist Männlichkeit nie eine stabile Identität, sondern ein Schauplatz permanenter Verhandlung, Überforderung und Selbstinszenierung. Donner interessiert sich nicht für heroische Männlichkeit als solche, sondern für die sozialen und politischen Kosten der Männlichkeitsideologien, die das späte 19. Jahrhundert hervorbringt – und für die konkreten, körperlichen, oft komischen und oft erschreckenden Weisen, in denen Männer diese Ideologien an sich vollziehen. Die wichtigste Beobachtung, die der Roman in dieser Hinsicht macht, ist struktureller Natur: Männlichkeit ist bei Donner immer relational. Sie entsteht nicht aus sich selbst, sondern im Spiegel anderer Männer, in der Konkurrenz um Ansehen, Stil, Eleganz, Witz und physische Überlegenheit. Der junge Henri Gosset, der mit dem Zug aus der Provinz in Paris ankommt, ist ein Mann im Werden – und dieses Werden vollzieht sich wesentlich dadurch, dass er andere Männer beobachtet, imitiert und überbietet. Léon Daudet ist der erste große Spiegel: Henri bewundert seine Eloquenz, seinen gesellschaftlichen Glanz, seine Selbstsicherheit, erkennt aber gleichzeitig, dass dieser Glanz performativ ist, eine Rolle, die Léon ohne Unterlass spielt. „Le fils d’Alphonse Daudet est un comédien interminable“, notiert Henri in einem Brief – er spielt zu gehen, spielt zu sprechen, atmet schlecht. Diese frühe Diagnose ist literarisch und moralisch präzise: Léon Daudets Männlichkeit ist Theater, und Henri erkennt das, weil er selbst aus einer Welt kommt, in der Männlichkeit sich durch Handlung beweist – durch das Einrenken eines Gelenks, die Rettung eines Pferdes, die akrobatische Reitkunst. Das Provinz-Modell der Männlichkeit ist das der körperlichen Kompetenz; das Pariser Modell ist das der rhetorischen Überlegenheit. Donner inszeniert diese beiden Modelle nicht als schlichte Gegensätze, sondern als produktive Spannung, die Henri zeitlebens in sich trägt und die ihn sowohl fähig als auch verletzlich macht.
Das Duell ist die Institution, an der Donner die Männlichkeitsideologie der Belle Époque am schärfsten analysiert. Das Duell erscheint im Roman in einer Dichte und Häufigkeit, die zunächst pittoresk wirkt, sich aber rasch als gesellschaftliche Kritik entpuppt: Es ist nicht das Duell als ehrenhafter Zweikampf, das Donner interessiert, sondern das Duell als Medienstrategie, als Werbeformat, als männliches Ritual der öffentlichen Selbstbehauptung. Drumonts Duelle sind das deutlichste Beispiel: Er ist ein katastrophaler Fechter, wie der Roman mehrfach betont, und er weiß es. Aber er provoziert trotzdem Duelle, weil das Duell Aufmerksamkeit erzeugt, weil es in den Zeitungen berichtet wird, weil es den Provokateur als ernstzunehmenden Mann markiert. Das Duell ist also nicht der Beweis von Mut, sondern der Beweis von Relevanz – und in dieser Perversion des ursprünglichen Ehrenkodex zeigt sich die ganze Hohlheit der männlichen Ehrenkultur des fin de siècle. Donner inszeniert Drumonts Duelle mit einer mitleidslosen Komik: Der Mann, der Frankreich von den Juden befreien will, rennt beim Duell um den Fechtplatz herum und verbiegt seine Klinge. Diese Szene ist symbolisch aufgeladen: Der große Ankläger ist körperlich lächerlich, seine Geste der männlichen Selbstbehauptung eine Farce. Und doch funktioniert die Farce – die Zeitungen berichten, die Öffentlichkeit schaut hin, der Name Drumont zirkuliert. Männlichkeit, so legt Donner nahe, muss nicht echt sein, um zu wirken. Sie muss nur inszeniert werden. Diese Einsicht verbindet die Duellkultur direkt mit Drumonts Schreibweise: Auch FRJ ist eine Form der Männlichkeitsinszenierung – die Inszenierung des einsamen Propheten, der gegen die mächtige jüdische Verschwörung ankämpft. Die Schwäche wird zur heroischen Tugend umgedeutet, der Verlierer stilisiert sich zum Märtyrer.
Henri Gossets Männlichkeit ist in diesem Kontext die interessanteste und ambivalenteste Konstruktion des Romans. Henri ist körperlich kompetent, sexuell erfolgreich, intellektuell neugierig – ein Mann, der in mehreren sozialen Welten zugleich operiert und sich in keiner vollständig zu Hause fühlt. Was ihn von Drumont und Léon Daudet unterscheidet, ist seine Beziehung zum Körper: Während Drumont den Körper des Anderen – den jüdischen Körper – als Bedrohung und Phantasma konstruiert, und Léon Daudet den eigenen Körper als Requisit seiner politischen Selbstdarstellung benutzt, ist Henri ein Mann, der den Körper als Kommunikationsmedium versteht. Die Massage, die Atemübung, die körperliche Berührung sind bei ihm Formen des Zuhörens – er legt die Hände auf und empfängt Signale, statt Befehle zu erteilen. Diese Form der Männlichkeit ist für die Belle Époque ausgesprochen ungewöhnlich, fast subversiv: Sie setzt Empfänglichkeit über Durchsetzungsvermögen, Geduld über Aggression, Kontakt über Distanz. In der Szene, in der Henri zum ersten Mal Marcelles Rücken berührt, ist diese alternative Männlichkeit in reiner Fassung formuliert: Er wartet, beobachtet, nimmt wahr, und erst wenn der Körper der anderen Zeichen gibt, reagiert er. Das ist das Gegenteil der männlichen Geste, die Drumonts Antisemitismus strukturiert – die Geste des Eindringens, des Benennens, des Unterwerfens. Und doch ist Henri kein unproblematischer Gegenentwurf. Seine Empfänglichkeit macht ihn auch formbar: Er lässt sich von Léon Daudet in das antisemitische Milieu einführen, von Bérillon in pseudowissenschaftliche Ideologien einweben, von der sozialen Attraktivität des Pariser Intellektuellenlebens verführen. Seine Männlichkeit ist das Gegenteil von Drumonts Härte – und genau deshalb ist sie anfällig für Manipulationen, die Drumonts Härte nie gewesen wäre. Donner insinuiert damit eine unangenehme These: Auch die weiche, körperliche, empfangende Männlichkeit schützt nicht vor Komplizenschaft. Sie macht den Mann zu einem anderen, freundlicheren, liebenswürdigeren Komplizen – aber zu einem Komplizen gleichwohl.
Die Vaterfiguren und die Vaterfrage durchziehen beide Romane als weiteres Männlichkeitsmotiv von struktureller Bedeutung. Der Tod des Vaters Félix ist Henris Initiationsmoment: Er stirbt buchstäblich in den Armen des Sohnes, nachdem er ihm eine letzte Bitte abgenommen hat – kein Akrobat, kein Pferdehändler zu werden. Diese Szene setzt die männliche Genealogie des Romans in Gang: Die Frage, was man dem Vater schuldet und wie man mit diesem Erbe umgeht, wird zum Leitmotiv. Drumont wiederum findet in Alphonse Daudet den Vater, den er nie hatte – und diese Vatersuche ist der Schlüssel zu seiner ganzen Karriere: Er braucht die Legitimation des anerkannten Mannes, um seiner eigenen Stimme zu vertrauen. Léon Daudet schließlich ist der Sohn, der den Vater übertrumpfen will und dabei zu weit geht – sein Antisemitismus, sein Autoritarismus, seine politische Brutalität sind Übererfüllungen des väterlichen Erbes, die das Erbe zersetzen. Im zweiten Roman von Donner, Ce que faisait ma grand-mère, wird diese Vaterfrage zur eigentlichen Achse: Philippe Daudet, der vierzehnjährige Sohn Léons, der seinen Vater töten will und sich selbst tötet, ist die radikalste Formulierung des Problems, das Donner in beiden Büchern umkreist – die Frage, wie Söhne mit dem werden können, was Väter hinterlassen haben. Die parrizide Geste Philippes ist bei Donner nicht nur ein psychologisches Ereignis, sondern ein historisch-politisches: Der Sohn, der den faschistischen Vater nicht töten kann, tötet sich selbst, und rettet damit vielleicht – so Donners kontrafaktische These – Frankreich vor dem Faschismus. Männlichkeit und Geschichte sind hier untrennbar verschränkt: Was mit dem Vater-Sohn-Verhältnis nicht stimmt, bestimmt den Lauf der Nation. Der Erzähler Donner selbst ist in dieses Muster eingeschrieben: Er schreibt über seinen Urgroßvater, um seinen Großvater zu verstehen, und schreibt über seinen Großvater, um sich selbst zu verstehen. Das Schreiben ist bei Donner die sublimierte Form der Vaterfrage – der Versuch, mit dem männlichen Erbe umzugehen, ohne es entweder blind fortzuführen oder hysterisch abzustoßen. Und darin liegt vielleicht die eigentliche männliche Selbstdefinition, die LFG anbietet: nicht der Fechter, nicht der Prophet, nicht der Masseur, sondern der Schreibende – der Mann, der die Geschichte seiner Väter aufschreibt, damit sie aufhört, ihn zu bestimmen.
Medien: Briefe, Presse, Körper
Eine der auffälligsten formalen Entscheidungen Donners ist die Vielfalt der Kommunikationsformen, die im Roman eine tragende Rolle spielen. Das wichtigste Medium ist der Brief: Die Briefe Henriettes an seinen Onkel Hippolyte sind das archivalische Fundament des Romans, die Primärquellen, aus denen der Erzähler seine Rekonstruktion speist. Donner zitiert diese Briefe ausgiebig, aber nicht als bloße Dokumente – er stellt sie in den Kontext der körperlichen Geste des Lesens, des Umgangs mit dem zerbrechlichen Papier, der emotionalen Resonanz. Der Brief ist also nicht nur Informationsträger, sondern auch affektives Objekt.
Je pense qu’il faut lâcher une bombe antisémite par jour. Voire plusieurs par jour, quand l’actualité s’y prêtera. Les Français ne doivent pas être abandonnés un seul jour à leur sort. Ils doivent pouvoir compter sur la parole de Drumont, vingt-quatre heures sur vingt-quatre. Car ce sera la seule parole véritablement libre de toute la presse. (…) Je viens de vous le dire : La Libre Parole.
Ich denke, man sollte jeden Tag eine antisemitische Bombe platzen lassen. Oder sogar mehrere pro Tag, wenn es die aktuellen Ereignisse zulassen. Die Franzosen dürfen keinen einzigen Tag ihrem Schicksal überlassen werden. Sie müssen sich rund um die Uhr auf Drumonts Worte verlassen können. Denn dies werden die einzigen Worte sein, die in der gesamten Presse wirklich frei sind. (…) Ich habe es Ihnen gerade gesagt: La Libre Parole.
Hier wird die Presse als ideologische Waffe eingeführt. Die „Bombe antisémite“ steht für die Medientheorie Drumonts, die darauf abzielt, die öffentliche Meinung durch tägliche Wiederholung und Skandalisierung umzuformen. Neben dem Brief ist die Presse das zweite zentrale Kommunikationsmedium des Romans. LFG ist ein Roman über die Macht der Zeitung im späten 19. Jahrhundert. Drumont selbst denkt in Zeitungen: Er träumt von einem eigenen Blatt, gründet schließlich La Libre Parole, und versteht die öffentliche Meinung als ein durch Journalismus zu modellierendes Gebilde. Ein Satz aus dem Roman formuliert Drumonts Medientheorie prägnant: „Donnez-moi un journal et je soulève le monde!“ Gleichzeitig zeigt der Roman, wie die Presse korrumpierbar ist – Skandale werden fabriziert, Duelle als Werbestrategie inszeniert, und die Rede von der „liberté de la presse“ wird zur Lizenz der Verleumdung.
Die dritte Kommunikationsform, die im Roman eine ungewöhnliche, aber zentrale Rolle spielt, ist der Körper. Henri Gosset ist Masseur und Heilmagnetiseur, und die körperliche Kommunikation durch Berührung, Massage, Atemübungen strukturiert einen ganzen semantischen Bereich des Romans. Die körperliche Kommunikation ist bei Donner nicht bloß ein pittoreskes historisches Detail, vielmehr ein Paradigma des Zwischenmenschlichen, das dem schriftlichen und medialen Kommunizieren gegenübergestellt wird. Die Szene, in der Henri zum ersten Mal Marcelles Rücken berührt, ist in diesem Zusammenhang interessant: Henri beschreibt in seinem Brief, wie er zuerst nur beobachtet, ehe er die Hände anlegt, wie ihr Körper „intelligent“ antwortet, wie er aus einer Lehrerin eine Tänzerin macht. Diese Szene der körperlichen Kommunikation ist zugleich eine Liebesszene, eine Erkenntnisszene und eine Metapher für die Art, wie Donner selbst schreibt: von außen, geduldig, bis er den Punkt findet, wo das Vergangene sich öffnet.
Ses réactions à mes gestes, frémissements, raidissements, mouvements infimes du dos, des hanches, des fesses, tout me demandait de continuer, encore et encore. C’est le moment que je préfère dans la séance de massage, quand tout le corps entre dans une sorte de supplication pour que ça dure, que ça dure toujours… Quand ce stade-là est atteint, toutes les guérisons sont possibles. Mais avec cette jeune femme, il y a quelque chose que je n’ai senti qu’avec certains enfants. Si je peux parler d’un corps intelligent, c’est celui-là…
Ihre Reaktionen auf meine Berührungen, das Zittern, das Versteifen, die winzigen Bewegungen ihres Rückens, ihrer Hüften und ihres Gesäßes – all das forderte mich auf, weiterzumachen, immer und immer wieder. Das ist der Moment, den ich an einer Massage am meisten schätze: wenn der ganze Körper in eine Art Flehen übergeht, damit es weitergeht, damit es ewig dauert … Wenn dieses Stadium erreicht ist, ist jede Heilung möglich. Aber bei dieser jungen Frau gibt es etwas, das ich bisher nur bei bestimmten Kindern gespürt habe. Wenn ich von einem intelligenten Körper sprechen kann, dann ist es dieser…
Die Szene mit Marcelle verdeutlicht: Der Körper antwortet „intelligent“, was im Kontrast zur zerstörerischen „Rassenpsychologie“ steht. Das kann als Metapher für Donners eigenes Schreiben gelesen werden: geduldiges Suchen, bis sich die Vergangenheit öffnet.
Cateau und Paris
Die räumliche Organisation des Romans folgt einer klassischen Topographie der Moderne: Provinz versus Paris. Henri Gosset kommt aus Le Cateau im Norden Frankreichs, dem gleichen Dorf wie der kleine Macron im Eröffnungszitat. Die Provinz ist der Raum des Körpers, des Pferdes, der Handarbeit, des langsamen Rhythmus. Paris ist der Raum des Intellekts, der Karriere, der Versuchung und der Gefahr. Die Fahrt in die Hauptstadt ist die klassische Initiationsstruktur des Bildungsromans – und Donner spielt bewusst damit, indem er Henriettes Ankunft in Paris mit parodistischer Präzision schildert: der junge Mann mit dem Hut statt der Mütze, dem Buch unter dem Arm auf dem Boulevard des Italiens.
Paris selbst ist in LFG ein dichtes Netz von symbolischen Orten: Das Café Procope ist der Begegnungsort von Henri und Léon Daudet, aber auch von Drumont und Alphonse Daudet, eine Art Knotenpunkt der literarisch-politischen Welt der Belle Époque. Die Redaktionen der Zeitungen sind Machtzentren und Schlachtfelder. Die Fechtschule ist ein Raum männlicher Rituale und politischer Selbstdarstellung – Drumont kämpft schlechte Duelle als Werbemaßnahme. Das Konzentrationslager Neuengamme erscheint explizit nur im Klappentext und im Epilog, ist aber der unsichtbare Fluchtpunkt des gesamten Raum-Narrativs: Alles, was in Paris in der Belle Époque geschieht, läuft darauf zu.
Die Zeitstruktur des Romans ist die einer mehrschichtigen Retrospektion. Der Erzähler blickt aus der Gegenwart (implizit 2021) auf die Zeit um 1890–1917 zurück. Innerhalb dieser Vergangenheit gibt es wiederum Retrospektionen: Drumonts Biographie beginnt in seiner Kindheit in den 1840er Jahren, d.h. vier Jahrzehnte vor dem Haupthandlungszeitraum. Diese zeitliche Tiefe verleiht dem Roman seinen charakteristischen Ton einer langen historischen Geduld: Der Hass, der sich in FRJ Bahn bricht, hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte der persönlichen Demütigung, der sozialen Verletzung.
Der Epilog, der die Figuren bis in die 1940er Jahre und in die Nachkriegszeit führt, vollzieht eine drastische Beschleunigung: Auf wenigen Seiten wird ein halbes Jahrhundert Geschichte ausgeschritten. Diese Verdichtung am Schluss hat eine rhetorische Wirkung, die dem Leser den Atem verschlägt: Aus der langsam erzählten Entstehungsgeschichte des Antisemitismus wird plötzlich seine Apotheose – Auschwitz, Neuengamme, die Deportation von Henriette Lévy, der Tod von Jean Gosset.
Peripherie und die Geographie des Hasses
In LFG beginnt alles in der Provinz, und das ist kein Zufall. Le Cateau, das kleine Städtchen im Département Nord, nahe der belgischen Grenze, ist der Ausgangspunkt der gesamten Familiengeschichte – und damit auch der Ausgangspunkt jener ideologischen Verstrickungen, die der Roman über fünf Jahrhunderte hinweg verfolgt. Donner entwirft das Verhältnis von Peripherie und Zentrum nicht als pittoreske Rahmung, sondern als epistemisches und soziales Problem: Was kommt aus der Provinz mit nach Paris, und was kehrt von Paris in die Provinz zurück? Henri Gosset ist ein Kind der France profonde in einem sehr präzisen Sinne: Er kommt aus einer Arbeiterfamilie des Nordens, aus dem Milieu der Textilindustrie, aus einer Welt, in der der Vater an den Staubpartikeln der Leinenfäden stirbt und der Sohn früh lernt, mit den Händen zu denken. Die körperliche Intelligenz, die Henri auszeichnet – seine Fähigkeit, Pferde zu heilen, Menschen durch Berührung zu lindern, Gelenke einzurenken –, ist nicht akademisch erworben, sondern aus der Praxis der ländlichen Handwerkskultur hervorgegangen. Wenn er nach Paris kommt, bringt er diese Körperlichkeit mit, und sie ist zunächst sein Kapital: Er heilt, was die Pariser Ärzte nicht heilen können, weil er das Körperwissen der Peripherie in die Hauptstadt importiert. Donner zeichnet damit eine Geographie der Kompetenz, die der üblichen Hierarchie widerspricht: Die Provinz weiß etwas, was Paris nicht weiß. Aber diese Umkehrung ist trügerisch, denn die Provinz bringt auch mit, was Paris braucht, um den Hass zu legitimieren: die naive Aufnahmefähigkeit des Aufsteigers, die soziale Formbarkeit des Mannes ohne festes Milieu, der sich dem anschließt, was glänzt. Henri Gossets Weg durch Paris ist der Weg eines Provinziellen, der die Hauptstadt bewundert und von ihr korrumpiert wird – nicht durch eine bewusste Entscheidung, sondern durch die allmähliche Erosion des Urteilsvermögens, die entsteht, wenn man aus der Peripherie kommt und endlich dazugehören will.
Die France périphérique, wie sie der Geograph Christophe Guilluy in einem Essay von 2014 beschrieben hat, ist bei Donner keine soziologische Kategorie, eher eine historische Tiefenstruktur. Guilluy argumentiert, dass das periphere Frankreich – die Kleinstädte, Dörfer und Vorstädte jenseits der Metropolregionen – von der globalisierten Ökonomie abgehängt wurde und dafür mit einer Rückkehr zu identitären und nationalistischen Politiken antwortet. Donner, der diesen Begriff nicht verwendet, aber dessen historische Vorgeschichte beschreibt, zeigt, dass diese Dynamik keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist, sondern eine strukturelle Konstante der französischen Moderne. Die Belle Époque ist nicht nur die Zeit der Weltausstellungen und des Impressionismus – sie ist auch die Zeit einer massiven sozialen Disruption, in der die Industrialisierung die alten Provinzgemeinschaften zerstört, Millionen von Arbeitern in die Städte treibt und die kulturellen Bindungen der Peripherie auflöst. Drumont ist das Kind dieser Disruption: Er kommt aus einem deklassierten Pariser Bürgertum, das sich selbst als abgehängt, übergangen, unsichtbar erlebt – und sein Antisemitismus ist die Sprache dieses Verlustes. Wenn FRJ in den Kleinstädten und Dörfern der Provinz seine eifrigsten Leser findet, wenn der Kutscher das Buch auf dem Bock liest und der Dorfpriester es von der Kanzel empfiehlt, dann zeigt das die Resonanzstruktur zwischen Drumonts Pamphlet und der Erfahrungswelt der peripheren Franzosen: Das Buch gibt einem diffusen Gefühl der Bedrohung, des Verlustes, der Herabwürdigung eine Sprache und einen Schuldigen. Die France profonde liest FRJ nicht trotz ihrer Provinzialität, sondern wegen ihr: Das Buch spricht zu einer Erfahrung, die in Paris kaum gehört wird. Donner macht deutlich, dass der Antisemitismus nicht nur eine Ideologie der Eliten ist – der Académie française, der Militärführung, der reaktionären Presse –, sondern gleichermaßen eine Bewegung von unten, eine Sprache der peripheren Verlierer, die in den Juden den Sündenbock für Modernisierungsprozesse finden, die sie nicht steuern und kaum verstehen.
Was LFG dabei mit besonderer Schärfe herausarbeitet, ist die Funktion der Provinz als Ort der ideologischen Reproduktion und des Gedächtnisses. Paris ist bei Donner der Ort, wo Ideen entstehen, explodieren, kursieren und wieder vergessen werden – die Hauptstadt ist das Treibhaus der Geschichte, schnell und hitzig und vergesslich. Die Provinz dagegen ist der Ort, wo Ideen sedimentieren, wo sie sich in Alltagspraktiken, Familienmythen, pädagogischen Routinen und sprachlichen Gewohnheiten einschreiben und über Generationen fortpflegen. Marcelles beiläufige antisemitische Wendung in ihrem Klassennotizbuch – die Bemerkung über den Wetteifer der Schülerinnen, den sie mit einem jüdischen Stereotyp kommentiert – ist das eindringlichste Beispiel dafür: Diese Lehrerin aus dem Pariser Arbeiterviertel, Anarchistin und Pazifistin, trägt in ihrer Sprache eine Sedimentschicht des Antisemitismus mit sich, die sie nicht als solche erkennt, weil sie in der Alltagskultur ihrer Herkunft so selbstverständlich ist wie das Wetter. Das ist der eigentliche Befund von Donners Geographie des Hasses: nicht die bewusste Überzeugung der Drumont und Daudet ist das Langlebigste, sondern die unbewusste Alltagssprache der Provinz, der Peripherie, der France profonde, die den Antisemitismus als natürliche Beschreibung der Welt weitergibt, von Generation zu Generation, ohne Pamphlet, ohne Programm, ohne Absicht. Im zweiten Roman verstärkt sich diese Dimension noch: Denise Gosset, die „Amin“ des Erzählers, ist eine Frau aus dem peripheren Frankreich, deren Verhältnis zur Geschichte ihres Mannes, zur Résistance, zum Gaullismus ambivalent und gebrochen ist – sie lebt nicht in der Welt der großen Narrative, sondern in der Welt des täglichen Überlebens, der Bitterkeit, der Stille. In dieser Stille, die die Peripherie gegenüber der Geschichte der Sieger immer wieder einnimmt, liegt für Donner eine der wichtigsten und am wenigsten verstandenen Wahrheiten Frankreichs: dass die France profonde nicht nur die Basis des Nationalen ist, sondern auch das Archiv seiner Verdrängungen.
Schreiben als mögliche Gegenkraft des Hasses
Das dominante semantische Feld des Romans ist das der Körperlichkeit, und zwar im doppelten Sinne: als Medium der Heilung (Henri Gossets Praxis) und als Medium der Gewalt (die Rassentheorie Bérillons, der Antisemitismus als körperbezogenes Stigma). Donner entwickelt eine durchgehende Parallelstruktur zwischen dem individuellen Körper, den Henri manipuliert, und dem sozialen Körper (dem „Staatskörper“ der Nation), den Drumont und Daudet manipulieren wollen. Die Massage, das Deblockieren von Atemwegen, das Wiedereinrenken von Gelenken – diese Metaphern durchziehen den Roman und verweisen implizit auf die Frage, ob die Geschichte Frankreichs heilbar ist oder ob sie an ihrer eigenen Dysfunktion zugrunde geht.
Bérillon prétend qu’au point de vue de la défense de la race, l’odorat est la sentinelle la plus vigilante. Alors que l’ouïe et la vue ne sont que trop portées à se laisser suborner et illusionner, l’odorat, lui, ne supporte rien. (…) Je te l’annonce : L’Action française sera le journal des bonnes odeurs contre les puanteurs. Tous les Français vont se reconnaître là-dedans ! Voilà notre croisade, mon ami ! Les odeurs !
Bérillon behauptet, dass der Geruchssinn im Hinblick auf den Schutz der Rasse der wachsamste Wächter sei. Während das Gehör und das Sehen nur allzu leicht dazu neigen, sich bestechen und täuschen zu lassen, duldet der Geruchssinn nichts. (…) Ich sage es dir: Die Action française wird die Zeitung der guten Düfte gegen den Gestank sein. Alle Franzosen werden sich darin wiedererkennen! Das ist unser Kreuzzug, mein Freund! Die Düfte!
Bérillons Theorie der „Rassegerüche“ dient als Metapher für die ideologische Produktion. Wie die Hypnose zielt die Propaganda auf vorrationale Instinkte. Hier zeigt sich die Kontamination der Gosset-Familie durch diese Pseudowissenschaft.
Ein zweites wichtiges semantisches Feld ist das der Suggestion und Hypnose. Bérillons Institut für Hypnose ist nicht nur ein historisches Detail – es ist eine Metapher für die ideologische Produktion: Wie die Hypnose arbeitet die antisemitische Propaganda mit der Schwächung des kritischen Bewusstseins, mit der Induktion von Bildern und Assoziationen, die sich dem rationalen Zugriff entziehen. Donner entwickelt eine explizite Theorie dieser Parallele in den Passagen über Bérillons „Theorie der Rassegerüche“: Die Idee, dass der Antisemitismus an den Instinkt, an die vorrationale Wahrnehmung appelliert, wird hier von Léon Daudet mit enthusiastischer Freude als Propagandastrategie erkannt und adaptiert. Die Hypnose ist also nicht nur Henrietts Beruf – sie ist das Modell für das, was mit der Gesellschaft geschieht.
Das dritte semantische Feld ist das des Schreibens und der Sprache. LFG ist in einem tiefen Sinne ein Roman über die Macht des Wortes, und zwar im ambivalentesten Sinne. Die schönste und erschreckendste Formulierung dieses Themas findet sich in einem der letzten großen Briefe Henriettes: Der Schriftsteller allein besitze die Macht, die sensationellsten Geschichten glaubhaft zu machen. Er verfüge über die absolute Waffe: das Schreiben. Was aufgeschrieben ist, werde von 90 Prozent der Bevölkerung als wahr akzeptiert. Diese Erkenntnis, formuliert von einem Masseur und Hypnotiseur, ist einer der Schlüsselsätze des gesamten Romans: Sie benennt das Grundproblem, das den Antisemitismus ermöglicht hat, und das gleichzeitig die Bedingung der Möglichkeit des Romans selbst ist.
Pour parler de surnaturel, le seul pouvoir surnaturel que je connaisse, pour l’avoir croisé et expérimenté, c’est celui de l’écrivain. Qu’il soit conteur pour les enfants, missionnaire en Afrique ou éditorialiste à L’Action française, l’écrivain seul a le pouvoir de faire croire aux histoires les plus sensationnelles. Il détient l’arme absolue, l’écriture. Si c’est écrit, d’autant plus si c’est publié dans le journal, c’est accepté comme vrai par 90 % de la population.
Wenn wir schon vom Übernatürlichen sprechen: Die einzige übernatürliche Kraft, die ich kenne – weil ich ihr begegnet bin und sie selbst erlebt habe –, ist die des Schriftstellers. Ob er nun Geschichtenerzähler für Kinder, Missionar in Afrika oder Leitartikler bei „L’Action française“ ist: Nur der Schriftsteller hat die Macht, die sensationellsten Geschichten glaubhaft zu machen. Er verfügt über die ultimative Waffe: das Schreiben. Wenn es geschrieben steht, und erst recht, wenn es in der Zeitung veröffentlicht wird, wird es von 90 % der Bevölkerung als wahr akzeptiert.
Diese Passage verbindet die Macht des Wortes mit der Ermöglichung des Antisemitismus. Sie stellt die autopoetologisch relevante Frage: Kann Schreiben auch eine Gegenkraft zum Hass sein?
LFG ist ein Roman, der seinen eigenen Entstehungsprozess permanent mitreflektiert. Diese Dimension ist keine eitle Selbstbespiegelung, sondern eine epistemische Notwendigkeit: Weil Donner über das Schreiben als Instrument des Hasses schreibt, muss er zugleich über das eigene Schreiben als mögliche Gegenkraft nachdenken.
Die formale Entscheidung, Archivdokumente, rekonstruierte Dialoge, Zeitungsartikel und Erzählerkommentare zu mischen, ist eine bewusste Absage an die Illusion der geschlossenen Totalität. Der Roman gibt permanent zu erkennen, dass er eine Konstruktion ist – dass zwischen dem Papier der Briefe und der Geschichte, die er daraus macht, ein interpretierender, erfindender, wertender Geist steht. Dieser Gestus der Transparenz ist das Gegenteil der Strategie Drumonts: Während FRJ seinen Konstruktionscharakter verbirgt und sich als Enthüllung einer verborgenen Wahrheit ausgibt, zeigt LFG seine eigenen Nähte.
Das Kürzel „C.D.“ im Vorwort, das den Autor als autobiographisches Subjekt installiert, hat ebenfalls eine antiillusionistische Funktion: Es verweist darauf, dass der Erzähler des Romans und der Autor des Buches nicht vollständig trennbar sind, dass das persönliche Engagement des Schreibers – die Frage nach dem Urgroßvater, die Scham, die Neugier – der eigentliche Motor des Textes ist. Damit positioniert sich LFG in einer Tradition des autofiktionalen Schreibens (von Perec über Modiano bis Ernaux), ohne deren Konventionen vollständig zu übernehmen.
Die Gattungsdimension des Textes ist entsprechend hybrid: LFG ist zugleich historischer Roman, Familienroman, Autofiktion, essayistisches Sachbuch und Biographie. Diese Hybridität kann als formale These verstanden werden: Die Geschichte des Antisemitismus lässt sich nicht in eine einzige Gattung einsperren, weil sie nicht in eine einzige Tradition gehört. Sie ist Geschichte und Familiengeschichte, Literatur und Propaganda, Biographie und Ideologie.
Schließlich wäre die Frage nach dem Titel zu stellen. LFG – Frankreich der Nichtjuden – ist eine Antwort auf Drumonts FRJ – die deutsche Übersetzung hieß damals „Das verjudete Frankreich“. Der Titel beansprucht nicht, eine Gegenerzählung zu schreiben, die den Juden in den Vordergrund stellt; er schreibt aus der Perspektive derer, die den Antisemitismus ermöglicht haben, der Mehrheitsgesellschaft, die weggesehen, mitgemacht, gezögert hat. Es ist ein Titel der Selbstkritik, nicht der Exkulpation.
Daudet und Zola
Das intertextuelle Netz von LFG ist dicht und bewusst. Die offensichtlichste und für den Handlungsrahmen wichtigste intertextuelle Referenz ist FRJ von Édouard Drumont (1886), vgl. oben: Das Buch ist nicht nur Thema, sondern Subtext und negative Folie des gesamten Romans. Donner zitiert, paraphrasiert und kommentiert es ausgiebig – und stellt es damit in den Rahmen einer literarischen Kritik, die über die bloße historische Behandlung hinausgeht.
Alphonse Daudets La Chèvre de Monsieur Seguin taucht im Roman mehrfach auf und hat eine besondere biographische Funktion: Henri Gosset bittet darum, seine Enkelin auf den Namen Renaude zu taufen – nach der Geiß aus Daudets Erzählung. Dieser Wunsch verbindet die Welt Alphonse Daudets, Léon Daudets und von Henriettes Familie zu einem ironischen Knoten: Wer hätte gedacht, dass die Freundschaft zwischen dem Masseur und dem Antisemiten-Sohn sich am Ende in einem Kindernamen niederschlagen würde?
Verbrechen und Strafe von Dostojevski wird in einer Episode erwähnt, die den Moment darstellt, in dem Drumont beschließt, FRJ zu schreiben: Die Lektüre des russischen Romans gibt ihm das Modell eines Textes, der die ganze Gesellschaft in Bewegung setzt. Diese Parallele zwischen dem großen russischen Gesellschaftsroman und dem antisemitischen Pamphlet ist sowohl historisch dokumentiert als auch analytisch aufschlussreich: Sie zeigt, wie Drumont seinen Hass in literarischen Kategorien denkt.
Der Zola-Kontext ist gleichfalls präsent: Im Epilog des Hauptromans erscheinen Zola und Drumont beim Begräbnis Alphonse Daudets – die beiden Pole des literarisch-politischen Lebens der Epoche, so weit wie möglich voneinander entfernt. Diese Szene ist eine prägnante Mikrokomposition, die die historische Dialektik des Romans auf ein einziges Bild verdichtet. Dahinter steht implizit das Erbe der Dreyfus-Affäre: Zolas J’accuse als Gegenentwurf zu Drumonts FRJ – die Waffe des Schreibens in entgegengesetzter Richtung eingesetzt.
Der Grantler
Der Einstieg in LFG beginnt wie eingangs erläutert mit einem Zeitungsfund, der auf den ersten Blick pittoresk wirkt: Ein Junge namens Macron schießt versehentlich auf einen Jungen namens Gosset – 1881, in Le Cateau. Die Komik des Namens „Macron“ ist wie angedeutet so eingesetzt, dass der Leser der Gegenwart unwillkürlich den Namen des Präsidenten mitliest, und der Erzähler macht diese Assoziation durch den Nachweis aus der Militärakte noch deutlicher. „C’est donc bien sur mon arrière-grand-père que le petit Macron a tiré ce jour-là à la carabine.“ Der Roman beginnt also mit einem Augenzwinkern, das zugleich seine historisch-kritische Methode einleitet: Geschichte ist immer auch Wiederholung und Resonanz, die Vergangenheit antizipiert die Gegenwart auf seltsame Weise, und die Gegenwart wirft Schatten zurück.
Das Schlussbild des Romans ist eine der melancholischsten Antworten, die ein Roman auf seinen eigenen Anfang geben kann. Henriette Gosset, die Großmutter des Erzählers, befragt über den Urgroßvater Henri, sagt: „Je me souviens de lui comme d’un vieux ronchon.“ Dieser Satz steht nach mehr als 500 Seiten dichter historischer und erzählerischer Arbeit. Das ganze Buch war ein Versuch, Henri Gosset aus dem Vergessen zu holen – und das Resultat ist: ein Grantler. Diese Pointe ist nicht zynisch, sondern menschlich: Sie zeigt, dass die großen historischen Verstrickungen, die der Roman entfaltet hat, von denen, die am nächsten dran waren, nicht als solche wahrgenommen wurden. Renaude hat ihren Großvater nicht als Komplizen des Antisemitismus erlebt, sondern als alten Mann, der knurrt.
Der Kontrast zwischen Anfang und Schluss ist also der zwischen historischer Überdeterminiertheit und erlebter Banalität. Der Anfang verspricht einen Roman, in dem sich Geschichte und Biographie in einem dichten Netz von Bedeutungen verschlingen. Der Schluss gibt zu, dass diese Bedeutungen von den Betroffenen oft nicht wahrgenommen werden. Das ist eine wichtige Korrektur, die den Anspruch des Buches relativiert, aber nicht aufhebt: Die Geschichte war da, auch wenn niemand sie so nannte. Zwischen dem flüchtigen Büchsenschuss des kleinen Macron auf den kleinen Gosset im Jahr 1881 und dem knurrenden alten Mann der Familienlegende liegt ein Jahrhundert des Hasses, der Komplizenschaft, des Schweigens und des Todes – der Roman ist die Arbeit, die diesen Raum bewohnbar macht.
Die France goy als Selbstreflexion einer Gesellschaft
LFG ist ein außergewöhnliches literarisches Werk, weil es den Mut besitzt, die eigene Familie als Schauplatz eines ideologiegeschichtlichen Verbrechens zu untersuchen, ohne dabei in Selbstbestrafung oder Exkulpation zu verfallen. Christophe Donner schreibt sich in eine Ahnenreihe ein, die ihn nicht rühmt: sein Urgroßvater war kein Widerstandskämpfer wie sein Großvater, sondern ein nützlicher Idiot des antisemitischen Milieus. Das anzuerkennen und gleichzeitig die Komplexität dieser Figur zu zeichnen, ihr ihre Menschlichkeit zu lassen – das ist eine literarische Leistung, die ohne eine bestimmte Form erzählerischer Geduld und historischer Redlichkeit nicht möglich gewesen wäre.
Die zentrale These des Romans – dass der französische Antisemitismus keine Ausnahme, kein Import, kein Unfall war, sondern eine tiefe Strömung der Gesellschaft, die Familien aus allen Lagern durchzog – wird nicht als Anklage formuliert, sondern als strukturelles Begreifen. Das macht den Text wirkungsvoll: Wer die Geschichte Henriettes liest, der erkennt, dass die Kontamination nicht von außen kommt, sondern von innen wächst, aus gesellschaftlichem Aufstiegswillen, intellektueller Faszination, und dem ewigen menschlichen Bedürfnis, dazuzugehören. Die France goy des Titels ist nicht das Frankreich der Bösen – sie ist das Frankreich aller.
Dabei gelingt es Donner, diese historisch-kritische Arbeit mit einer Poetik zu verbinden, die das Lesen selbst zum Thema macht. LFG ist ein Roman über die Macht des Schreibens – über die Waffe des Stils, wie Henri es nennt – und gleichzeitig ein Roman, der diese Waffe gegen sich selbst kehrt, indem er die Mechanismen der ideologischen Überzeugungskraft von innen zeigt. Dass Drumonts Schreiben und das Schreiben Donners dieselbe Gattung bedienen, nämlich den Roman als Totalitätsform, ist das unbequemste Ergebnis dieser Reflexion: Der Roman kann heilsam sein und kann vergiften. Die Verantwortung liegt beim Schreibenden.
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Nachtrag: Ce que faisait ma grand-mère à moitié nue sur le bureau du Général (2022) – Die Fortsetzung in der Gegenwart
Der Roman, den Christophe Donner 2022, ein Jahr nach LFG, bei Grasset veröffentlicht, trägt den scheinbar anekdotischen Titel Ce que faisait ma grand-mère à moitié nue sur le bureau du Général (zit. als CQF) Der Verlagstext bezeichnet ihn ausdrücklich als eine Fortsetzung von LFG während der Zwischenkriegszeit – als ein Folgebuch, das den chronologischen Bogen von 1918 bis in die Nachkriegszeit und schließlich in die Gegenwart von 2020 zieht. Diese Einordnung ist zutreffend, und die Verbindungen zwischen beiden Texten sind tiefer, als es zunächst scheint.
Die wichtigste strukturelle Gemeinsamkeit beider Romane ist die dreifache Achse: die Familienachse (Henri Gosset und nun seine Frau Denise, die „Amin“ des Erzählers), die politische Achse (Léon Daudet und sein Sohn Philippe, dessen parrizide Logik den Frühfaschismus in Frankreich aushebelt), und die nationale Achse (Pétain und de Gaulle als zwei Varianten des Vaterbildes der Nation). Wo LFG mit der Entstehung des modernen Antisemitismus endet, beginnt CQFmit seinen Folgen: dem möglichen Faschismus der Zwanzigerjahre, den Donner in Léon Daudet personifiziert, und der Kollaboration des Vichy-Regimes.
Auffällig und charakteristisch für das zweite Buch ist eine radikale Ausweitung der autopoetologischen und metafiktionalen Dimension. Der Roman beginnt 2020 damit, dass ein russischer Oligarch namens Otto Zorn dem Schriftsteller Christophe Donner die gesamten Videodateien seines Computers – also den vollständigen Entstehungsprozess des Manuskripts – als NFT (Non-Fungible Token) abkauft. Diese Rahmenkonstruktion ist ein postmodernes Experiment: Der Schreibprozess wird zur Ware, das literarische Werk ist von Beginn an in die Logik des digitalen Kapitalismus eingebettet, und der Oligarch – der Mäzen des 21. Jahrhunderts – tritt an die Stelle, die einst Alphonse Daudet für Drumont einnahm: die Stelle des Geldgebers und Legitimierers.
Diese Rahmenkonstruktion stellt die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und Macht in der Gegenwart auf eine neue, ungemütliche Weise. Wenn der Schreibprozess selbst verkauft wird, ist der Autor nicht mehr souverän. Das ist eine direkte Weiterführung der Reflexion in LFG über die absolute Waffe des Schreibens: In der Gegenwart ist diese Waffe nicht mehr nur in ideologischen Diensten wie bei Drumont, sondern in ökonomischen. Das strukturelle Muster bleibt gleich: Der Schreiber braucht einen Mäzen, und der Mäzen kauft damit eine bestimmte Geschichte.
Der Erzähler des zweiten Romans ist von Anfang an als Kleinkind eingeführt, das seine Großmutter Denise Gosset – die Witwe Jean Gossets, des KZ-Opfers – „Amin“ tauft. Dieser Beginn ist von großer literarischer Finesse: Er setzt die Erfindung von Namen als Ursprung des Schreibens, als „premiers exploits d’écrivain“. Damit wird die Familienerzählung mit der Literaturtheorie verschränkt: Wer einen Namen gibt, macht aus einem Menschen eine Figur, und umgekehrt macht Donner aus seiner Großmutter eine Romanfigur – mit allen Konsequenzen für das Verhältnis von Wahrheit und Fiktion, das er in LFG so offen verhandelt hat.
Die Kontinuität zur ersten Tetralogie ist auch in der politischen Analyse gegeben: Das zweite Buch fragt, warum Léon Daudet nicht zum Mussolini oder Hitler Frankreichs geworden ist. Die Antwort, die Donner entwickelt, ist eine Geschichte der schicksalhaften Kontingenz: der Selbstmord Philippe Daudets, des vierzehnjährigen Sohnes, der seinen Vater töten wollte und sich selbst tötete, war das Ereignis, das Léons politische Karriere durch das Trauma der Paranoia zerstört hat. Diese These ist literarisch und analytisch mutig: Sie behauptet, dass Geschichte von Zufällen und von Einzelhandlungen abhängt, dass der Faschismus in Frankreich nicht durch eine strukturelle Unmöglichkeit verhindert wurde, sondern durch einen adoleszenten Mord-Selbstmord.
Die intertextuellen Verbindungen zwischen beiden Büchern sind entsprechend eng: Henri Gosset, der Trésorier von Bérillons Institut in LFG, ist in CQF als Arzt Philippe Daudets präsent. Die Figur, die im ersten Buch noch als Randfigur der Antisemitismus-Geschichte erscheint, gewinnt im zweiten Buch eine neue Kontur als Zeuge und Beteiligter der politischen Tragödie der Zwanzigerjahre. Der Erzähler bewegt sich weiterhin durch die Familienakten und Archivdokumente, aber die Schicht der Gegenwart ist nun stärker: Die persönliche Erinnerung des Kindes an die Großmutter, an Mai 68, an den Tod de Gaulles, an die Titelseite des Hara-Kiri – all das gibt dem zweiten Roman einen leichteren, aber auch wehmütigeren Ton als das erste Buch.
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