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Inhalt
Ein Band, der das Familienalbum umblättert
Andrea Micke-Serin / Brigitte Rigaux-Pirastru (Hrsg.): Die Vergessenen und die Unsichtbaren im deutsch-französischen Kontext des 19. und 20. Jahrhunderts. Hintergründe, Intentionen und Strategien / Les oublié(e)s et les invisibles dans le contexte franco-allemand aux 19e et 20e siècles. Causes, objectifs et stratégies, Medien und kulturelle Erinnerung 13 (Berlin/Boston: De Gruyter, 2026), 258 S., 11 Abb.
Der Sammelband, hervorgegangen aus einer 2022 in Angers abgehaltenen deutsch-französischen Tagung, beginnt mit einem produktiven Bildbruch. Die Herausgeberinnen setzen dem, was sie mit Mechthild Gilzmer das „Familienalbum“ der deutsch-französischen Versöhnung nennen – jene sorgfältig inszenierte, lineare Erzählung von Erbfeindschaft zu Freundschaft, die im Élysée-Vertrag von 1963 ihren Gründungsmythos findet –, ein anderes Bildprogramm entgegen: das der Ränder, der Zwischenräume, der ausgeblendeten Akteure. Damit ist das Erkenntnisinteresse des Bandes präzise umrissen. Es geht nicht um eine weitere Feier des „couple franco-allemand“, sondern um dessen Kehrseite, um jene Figuren, Ereignisse und Werke, die – obwohl zu ihrer Zeit prägend – aus der aktiven kollektiven Erinnerung herausgefallen sind.
Für Romanistinnen und Romanisten liegt der Reiz dieses Zugriffs auf der Hand. Er verschiebt den Blick von der Achse Heine–de Staël, jenem kanonischen Vermittlerpaar, auf ein weitaus dichter besiedeltes Feld: auf die über 60.000 Deutschen, die im 19. Jahrhundert in Paris lebten und die Hauptstadt „de facto“ zur drittgrößten deutschen Stadt machten (nach Mareike König, auf die sich die Einleitung stützt), auf Kulturvermittler, Buchhändlerinnen, Glasmaler, Fußballfunktionäre und Lagerinsassinnen. Der Band versteht die deutsch-französische Konstellation konsequent nicht binär, sondern als Beziehung Frankreichs zu „deutschsprachigen Räumen“ – ein Begriff, den die Herausgeberinnen dem national eng geführten „Deutschland“ vorziehen, um Grenzregionen und Grenzgänger überhaupt sichtbar zu machen.
Einleitung/Introduction: die Theorie des Vergessens als methodische Klammer
Die zweisprachig gedruckte Einleitung (der Band bietet jeden Beitrag in einer Sprache mit Zusammenfassung in der jeweils anderen) leistet mehr, als konferenzbandtypische Einleitungen oft erreichen: Sie stellt einen kohärenten theoretischen Bezugsrahmen bereit, an dem sich die folgenden Einzelbeiträge tatsächlich abarbeiten. Andrea Micke-Serin und Brigitte Rigaux-Pirastru rufen ein gut sortiertes Arsenal der Gedächtnis- und Erinnerungsforschung auf. Von Tzvetan Todorov übernehmen sie die Grundfigur, das Vergessen stehe dem Bewahren gegenüber und die Erinnerung sei die Interaktion beider. Yosef Yerushalmi liefert den Gedanken des Vergessens als Bruch in der Generationenübermittlung – ein Volk könne nie „vergessen“, was es nicht zuvor empfangen habe. Nicole Loraux‘ Phrynichos-Beispiel führt das gewollte Vergessen ein, Aleida Assmanns Formen des Vergessens (2016) das „konstruktive“ und „therapeutische“ Vergessen, das die Unschärfe zwischen Opfer und Täterschaft des Erinnerns aufhebt.
Am fruchtbarsten für die literatur- und kunstwissenschaftlichen Beiträge erweist sich der Rückgriff auf Jean-Noël Tardy, der – über Lucien Febvres Geschichte der Sinne – die Unsichtbarkeit an das Sehen bindet: Etwas könne benannt, aber nie gezeigt werden, was in Malerei, Fotografie und Kino zum visuellen Tabu gerinnt. Ergänzend markiert Enzo Traversos Begriff der „Erinnerungskriege“ (mémoires fortes/faibles) die politische Dimension. Die Herausgeberinnen unterscheiden sauber zwischen Vergessen und Unsichtbarkeit als abhängigen, mitunter komplementären Konzepten – die Unsichtbarkeit als mögliche Vorstufe des Vergessens, herbeigeführt durch Zensur, Verschleierung, Erosion – und halten zugleich die Ambivalenz offen: Unsichtbarkeit kann Schutz sein, selbstgewählt, sogar begrüßt. Diese analytische Zurückhaltung, das Vergessen nicht reflexhaft als Verlust oder Schuld zu werten, ist eine der Stärken des Bandes.
Ein wenig gelehrten-manieriert wirkt allenfalls die Häufung der Autoritäten (Chris Lorenz‘ „heiße“ Geschichte, Ernst Noltes „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, Henri Roussos „spukende“ Geschichte drängen sich auf engem Raum). Doch die Einleitung diszipliniert dieses Material, indem sie es in konkrete Leitfragen überführt: Wer gilt als unsichtbar oder vergessen? Was sind Ursachen und Strategien? Ist der Prozess spontan oder gesteuert, womöglich von den Betroffenen selbst betrieben? An diesen Fragen lässt sich der Ertrag jedes Einzelbeitrags messen.
Die Einzelbeiträge
Sektion Literatur/Kultur
Federica D’Ascenzo – als professeure associée für französische Literatur an der Universität Chieti-Pescara ausgewiesene Kennerin der Avantgarde und Herausgeberin kritischer Editionen vergessener Fin-de-siècle-Autoren, darunter Dujardins Les Hantises – eröffnet mit einer luziden Fallstudie zu Édouard Dujardin (1861–1949). Der Erfinder des inneren Monologs (Les lauriers sont coupés, 1887), Wagnerianer und Germanophiler, war zunächst durch ästhetischen Elitismus marginalisiert, verfiel dann dem völligen Vergessen, als sich pazifistische Haltung im Ersten Weltkrieg mit einem Festhalten an Chamberlains Rassentheorie und einer Annäherung an Vichy und Hitler-Deutschland verband. D’Ascenzos entscheidende Pointe ist eine methodische: Sie trennt die politischen Gründe der Unsichtbarkeit von der literaturkritischen Ablehnung und zeigt, dass letztere heute nicht mehr trägt, da sich die Kritik anderen kollaborationistischen Autoren durchaus zuwendet. Das Vergessen Dujardins deutet sie mit dem psychoanalytisch grundierten Begriff des refoulement (Verdrängung) – ein für den Band programmatischer Anfang, weil er zeigt, dass Vergessen kein Zufall, sondern eine kulturelle Operation ist.
Philippe Wellnitz, habilitierter Germanist an der Université Paul-Valéry Montpellier mit Arbeiten zu Dürrenmatt und Botho Strauß sowie langjähriger Erfahrung als Vermittler (er leitete in Straßburg die Reihe „Helvetica“), widmet sich Françoise Frenkel (1898–1975), der polnisch-jüdischen Gründerin der ersten französischen Buchhandlung in Berlin (1921–1939). Ihre 1945 in Genf erschienenen Memoiren Rien où poser sa tête blieben unbeachtet, wurden auf einem Flohmarkt wiederentdeckt und erst 2015 neu verlegt. Wellnitz‘ analytische Leistung liegt darin, ein doppeltes Schweigen freizulegen: das der Nachwelt und das der Autorin selbst, die ihr Judentum und ihr Überleben kaum thematisiert. Zugleich kritisiert er die mediale Wiederentdeckung, die Frenkel in eine Vichy-Rezeptionsgeschichte einordnete und ihre eigentliche Rolle als Kulturvermittlerin unterschlug. Der Beitrag ist ein Musterfall für die Einsicht, dass Wiederentdeckung selbst eine selektive, verzerrende Erinnerungsarbeit sein kann.
Moritz Schertl, DAAD-Lektor in Rouen und Doktorand in Münster mit Interessen von der Aufklärung über die Shoah-Erinnerung bis zum Hip-Hop, liefert die theoretisch wohl dichteste literaturwissenschaftliche Lektüre: eine Analyse von Patrick Modianos Dora Bruder (1997). Mit Pierre Noras lieux de mémoire und Michel Foucaults Konzepten der Gegen-Geschichte und Gegen-Erinnerung liest er den Text als Herstellung von „Orten der Gegen-Erinnerung“, die auf die offizielle Erinnerung zurückwirken. Modiano gelingt es, dem verschwundenen Mädchen Dora einen Platz in der Geschichte zu verschaffen; Schertl betont zugleich die notwendige Lückenhaftigkeit dieser Reindividualisierung der Shoah-Opfer. Der Beitrag verbindet gattungspoetologische Präzision mit erinnerungstheoretischer Reflexion und dürfte für die literaturwissenschaftliche Leserschaft der ertragreichste sein.
Götz J. Pfeiffer, Kunsthistoriker im Landeskirchenamt Kassel mit Schwerpunkt auf Glasmalerei nördlich der Alpen, führt mit der Glasmaler-Familie Ely (Heinrich Ely, 1820–1886) ein kunsthistorisches Wiederentdeckungsprojekt vor. Das 1855 in Nantes gegründete, 1883 nach Kassel verlegte Atelier hinterließ Kirchenfenster an mindestens 54 Standorten in Frankreich, Deutschland und den USA und ist doch fast vergessen. Pfeiffers Stärke ist die archivgesättigte Spurensicherung – bis hin zur Kooperation mit einem westfranzösischen Verein zur Bewahrung religiösen Kulturguts in Beaupréau. Mit Assmanns Vergessensformen bestimmt er die „dunklen Flecken“ der Überlieferung. Für den Band ist der Beitrag wichtig, weil er das Vergessen ins Materielle und Handwerkliche verlängert und zeigt, dass Kulturtransfer nicht nur ein Geschäft der Schriftsteller war.
Andrea Micke-Serin, Dozentin für Germanistik an der Université catholique de l’Ouest in Angers, 2021 mit einer Studie zu Fürst Pücklers weitgehend unveröffentlichten französischsprachigen Briefwechseln promoviert, rekonstruiert die Doppelexistenz des Preußen Carl Jäger alias Caïd Osman (1811–1863). Als Privatsekretär Pückler-Muskaus zu einiger Bekanntheit gelangt, trat Jäger aus materieller Not in die Fremdenlegion und zu den Spahis ein und diente französischen Kolonialinteressen in Algerien, auf der Krim, in Italien, China und Mexiko. Auf meist unveröffentlichte Briefe gestützt, deutet Micke-Serin die französische Kolonialpolitik als zentralen Grund des Vergessens: Eine Biografie, die deutsche und französische, europäische und koloniale Loyalitäten kreuzt, passt in keine nationale Erinnerungsordnung. Der Beitrag ist quellenstark und zugleich exemplarisch für die These des Bandes, dass Grenzgängerbiografien systematisch durch das nationalgeschichtliche Raster fallen.
Céline Largier Vié, agrégée d’allemand und maître de conférences für Linguistik an der Sorbonne Nouvelle mit diskursanalytischem Schwerpunkt, untersucht die Pariser Gedenktafeln von 1939–1945. Ihre Beobachtung ist scheinbar paradox: Ein Medium, das eigens gegen das Vergessen errichtet wurde, wird selbst unsichtbar, sobald es den Blick der Passanten nicht mehr fängt und die „virtuellen Gräber“ nicht mehr als solche gelesen werden. Largier Vié führt dieses Unsichtbar-Werden auf den Bruch einer „kollektiv erlebten zeitlichen Kontinuität“ zurück, der zwangsläufig eintritt, wenn die Zeitzeugen sterben und an die Stelle gelebter Erinnerung die historische Aufarbeitung tritt. Ein methodisch anregender Beitrag, weil er das Verhältnis von materiellem Träger und Wahrnehmung – Tardys Frage nach dem Sehen – konkret durchspielt.
Philipp Didion, Historiker (Studium in Metz und Saarbrücken, Cotutelle-Dissertation zu einer vergleichenden Stadion-Kultur-Geschichte in französisch-westdeutscher Perspektive), erschließt mit Willy Scheuer (1912–2002) ein bislang akademisch kaum beachtetes Feld: den Fußball als Ort deutsch-französischer Vermittlung. Der binationale Präsident des Racing Club Strasbourg und Deutschland-Experte des französischen Verbands organisierte Länderspiele, blieb aber ein Mann der Kulissen. Didion gewichtet mehrere Ursachen des Vergessens – Deutschfeindlichkeit, Scheuers eigenen Wunsch nach Unsichtbarkeit, das Desinteresse der damaligen Eliten am Fußball und dessen späte wissenschaftliche Anerkennung. Der Beitrag erweitert das Repertoire des Bandes um die Sport- und Populärkulturgeschichte und macht plausibel, dass „Vergessen“ auch eine Frage disziplinärer Aufmerksamkeit ist.
Sektion Geschichte/Politik
Moritz Bauerfeind, ausgebildet in Geschichte und Slavistik (Bamberg, Olomouc), ehemaliger wissenschaftlicher Volontär am Jüdischen Museum Frankfurt und Assistent für Jüdische Geschichte an der Universität Basel, fragt nach dem Vergessen des elsässischen Reformrabbiners Moïse/Moses Nordmann (1809–1884), der sich unermüdlich für die jüdische Emanzipation in Frankreich, der Schweiz und den deutschen Staaten einsetzte. Sein Ego-Dokument über antisemitische Übergriffe im Frühjahr 1848 gilt Bauerfeind als seltenes Zeugnis. Seine These ist präzise und für den ganzen Band verallgemeinerbar: Die nationalstaatliche Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts hat die Bilder der deutsch-jüdischen Geschichte deformiert; eine besonders mobile, grenzüberschreitende jüdische Bevölkerung passt nicht in territorial fixierte Nationalgrenzen – daher das „paradoxe“ Vergessen. Der Beitrag ist ein starkes Argument für die transnationale Perspektive.
Thomas Nicklas, Professor für Civilisation der deutschsprachigen Länder an der Université de Reims und Lehrender in Straßburg, mitverantwortlich für die Reihe Studia Habsburgica, birgt den Autounfall von Grisolles (1913): Der deutsche Militärattaché Detlof von Winterfeldt (1867–1940) verunglückt bei französischen Manövern und wird im Dorf gepflegt; Staatspräsident und Botschafter erscheinen am Krankenbett, Wilhelm II. beschenkt den Ort. Nicklas zeigt anhand der Regionalpresse, dass der „gute deutsche Offizier“ eine mögliche Verständigung nach den Krisen von 1913 verkörperte – ein Kapitel, das nie geschrieben wurde. Eindrücklich ist die von ihm nachgezeichnete Metamorphose der kollektiven Erinnerung: Aus dem bewunderten Paar Winterfeldt wurden im Rückblick des Krieges Verräter und Spione. Der Beitrag führt vor, wie kontrafaktische Möglichkeitsräume der Geschichte gerade durch das nachfolgende Geschehen unsichtbar werden.
Jens Späth, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Passau mit ausgewiesener transfer- und verflechtungsgeschichtlicher Ausrichtung (Süd- und Westeuropa, Mittelmeerraum), erinnert an den elsässischen jüdischen Journalisten und Politiker Salomon Grumbach (1884–1952), ein halbes Jahrhundert lang eine zentrale Mittlerfigur, erst SPD-, dann SFIO-Mitglied. Späth strukturiert die Ursachensuche entlang dreier Schlüsselereignisse: Staatsangehörigkeitswechsel 1919, Einsatz für deutschsprachige Flüchtlinge nach 1933, Bemühen um deutsch-französischen Dialog im gesamteuropäischen Rahmen nach 1945. Die Doppelmarginalisierung – vergessen in Frankreich wie in Deutschland – ist analytisch besonders instruktiv, weil sie zeigt, dass Vermittlerexistenzen von beiden nationalen Gedächtnissen zugleich abgestoßen werden können.
Mechthild Gilzmer, außerplanmäßige Professorin für Romanische Kulturwissenschaft an der Universität des Saarlandes mit Schwerpunkt Exil, Internierung und Widerstand von Frauen und Kuratorin einer Ravensbrück-Wanderausstellung, rückt zwei übersehene Kategorien weiblicher Deportierter in Ravensbrück (1942–1944) ins Licht: als „Prostituierte“ oder „Kriminelle“ Klassifizierte sowie französische Zivilarbeiterinnen, die etwa wegen „Bummelei“ interniert wurden. Ihr erinnerungspolitisches Argument ist scharf: Nach 1945 wurden diese Frauen aus der Erinnerungsgemeinschaft ausgeschlossen und ihnen der Opferstatus verweigert, weil die französische Nachkriegsgesellschaft zur Wiederherstellung nationaler Identität auf ein traditionelles Familien- und Geschlechterbild zurückgriff – manche verschwiegen ihre Haft selbst, um der Schande zu entgehen. Der Beitrag verbindet Gender- und Erinnerungsgeschichte und markiert eine der politisch wachsten Stellen des Bandes.
Layla Kiefel, Doktorandin der Germanistik und Geschichte in Cotutelle (Bordeaux Montaigne / Konstanz, assoziiert am Centre Marc Bloch) mit einer Arbeit über weiblichen Widerstand im Umfeld des Internationalen Sozialistischen Kampfbundes, analysiert das Tagebuch der jüdischen Widerstandskämpferin Eva Lewinski, interniert 1940 im südfranzösischen Gurs. Kiefel verschränkt historische, literarische und Gender-Analyse und richtet ihr Augenmerk auf die Dialektik von Zeigen und Verschweigen: die abschwächenden und auslassenden Stilfiguren, mit denen Lewinski Introspektion, Sublimierung und Selbstbehauptung betreibt und Überlebens- wie Widerstandsstrategien ausdrückt. Der Beitrag ist ein Beleg dafür, dass die literaturwissenschaftliche Lektüre von Ego-Dokumenten das historische Verständnis der „Gursiennes“ methodisch schärft.
Franck Schmidt, Geschichtsdoktorand an der EHESS und der Universität Heidelberg (deutsch-französisches Doktorandenprogramm), Geschichtslehrer in einer Abibac-Sektion in Brest, behandelt den 1958 gegründeten Freundschaftsverein mit der DDR, die Échanges franco-allemands. Nach intensiver Archivarbeit rekonstruiert er die Strategie der „Sichtbarmachung“, mit der die DDR im Kalten Krieg um französische Anerkennung warb, und die anschließende Unsichtbarmachung nach 1989 – aus politischen wie pragmatischen Gründen der Wiedervereinigung. Sein Befund korrigiert eine tief verankerte Engführung: Deutsch-französische Beziehungen gelten im kulturellen Gedächtnis fast durchweg als westdeutsch-französische. Der Beitrag schließt den Band zeithistorisch ab und öffnet ihn zugleich für die deutsch-deutsche Dimension.
Würdigung: Ertrag, Stärken, Schwächen, Desiderate
Der größte Ertrag des Bandes liegt m.E. darin, dass er das Konzeptpaar Vergessen/Unsichtbarkeit nicht als bloße Metaphorik verwendet, sondern als operationalisierbares Analyseraster – jeder Beitrag fragt konsequent nach Ursachen, Intentionen und Strategien, und die Einleitung sorgt dafür, dass diese Fragen aufeinander bezogen bleiben. Aus dieser Disziplin erwächst eine sonst seltene innere Kohärenz eines Tagungsbandes.
Als Stärken sind hervorzuheben: erstens die durchgängige Quellennähe – von Micke-Serins unveröffentlichten Briefen über Bauerfeinds Ego-Dokument bis zu Schmidts Vereinsarchiven arbeiten die Beiträge an Materialien, die selbst zum Teil erstmals erschlossen werden; zweitens die echte Interdisziplinarität, die Literatur-, Kunst-, Sport-, Geschlechter- und Politikgeschichte nicht nur nebeneinanderstellt, sondern über den gemeinsamen theoretischen Rahmen verklammert; drittens die Neubestimmung des „Deutsch-Französischen“ als Beziehung zu „deutschsprachigen Räumen“, die Grenzgänger, Elsässer, Schweizer und die DDR mit einbezieht und damit das binäre Modell überwindet; viertens die analytische Reife, das Vergessen nicht moralisch zu überziehen, sondern seine konstruktiven und selbstgewählten Formen mitzudenken. Für die Romanistik besonders wertvoll ist, dass mehrere Beiträge (D’Ascenzo, Wellnitz, Schertl, Kiefel) zeigen, wie literaturwissenschaftliche Verfahren – Gattungspoetik, Rezeptionsgeschichte, Erzähltheorie, Stilanalyse – das historische Wissen über Vermittler und Opfer präzisieren.
Auch Schwächen sind benennbar. Das Prinzip der Einzelfallstudie erzeugt eine gewisse additive Struktur: Ein synthetisierendes Schlusskapitel, das die dreizehn Fälle typologisch bündelte – etwa nach Assmanns Vergessensformen oder nach den Leitfragen der Einleitung –, fehlt und würde deren theoretischen Anspruch erst voll einlösen. Die Sektionsüberschriften „Literatur/Kultur“ und „Geschichte/Politik“ wirken angesichts der methodischen Grenzüberschreitungen (Largier Vié und Kiefel gehören zu beiden) eher pragmatisch. Und die theoretische Grundierung, so anregend sie ist, bleibt fast durchweg auf dem in der Einleitung ausgelegten Kanon (Assmann, Todorov, Nora, Traverso); eine Auseinandersetzung mit jüngeren Debatten der memory studies – etwa Michael Rothbergs multidirektionaler Erinnerung, die für die konkurrierenden Opfergruppen bei Gilzmer einschlägig gewesen wäre – hätte den Rahmen geschärft.
Aus der Lektüre des Bandes ergeben sich Desiderate. Die deutsch-französische Konstellation ruft nach einer stärkeren Berücksichtigung der Bild- und Filmmedien, die Tardys Theorem der Unsichtbarkeit eigentlich adressiert – Rigaux-Pirastrus eigene Expertise zum ost- und westdeutschen Kino deutet an, was möglich wäre, findet im Band aber keinen Beitrag. Zweitens wäre die Gegenrichtung auszuloten: Der Band interessiert sich überwiegend für Deutsche in Frankreich und Grenzfiguren; die Vergessenen der Franzosen und Französinnen in den deutschsprachigen Räumen (die Camille Fauroux‘ Françaises andeuten) bleiben, mit Ausnahmen, ein offenes Feld. Drittens ließe sich die in mehreren Beiträgen mitlaufende Frage nach der Wiederentdeckung als eigener, selektiver Erinnerungsoperation zum eigenständigen Gegenstand ausbauen.
Diese Einwände mindern den Wert des Bandes nicht, sie zeigen an, welches Forschungsprogramm er eröffnet. Die Vergessenen und die Unsichtbaren ist ein sorgfältig gearbeiteter, theoretisch grundierter und quellengesättigter Beitrag zur transnationalen Kultur- und Erinnerungsgeschichte, der die deutsch-französische Beziehungsgeschichte um ihre unterbelichteten Ränder bereichert. Der Romanistik empfiehlt er sich nicht nur wegen einzelner Perlen der Textanalyse, sondern als Modell dafür, wie sich philologische und historische Verfahren am gemeinsamen Gegenstand des Vergessens produktiv verschränken lassen.
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