Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- An uns glauben: der bürgerlich-liberale Präsidentschaftskandidat
- Der Aufbau in vierzehn literarisch betitelten Kapiteln
- La promesse de l’aube – Romain Gary
- Les grandes espérances – Charles Dickens
- Une journée particulière – Ettore Scola
- Primus inter pares – Jeffrey Archer
- Vol de nuit – Antoine de Saint-Exupéry
- Vingt ans après – Alexandre Dumas
- Moderato cantabile – Marguerite Duras
- Orages d’acier – Ernst Jünger
- Les raisins de la colère – John Steinbeck
- Les mots – Jean-Paul Sartre
- Les faux-monnayeurs – André Gide
- Les chemins de la peste – Albert Camus
- La porte étroite – André Gide
- Impressions soleil couchant – nach Claude Monet
- Das Bild des Regierens: Handwerk, Lektüre, Loyalität
- Eine Buchkandidatur? Der Vergleich mit Gabriel Attals En homme libre
- Aus dem Schatten geschrieben
- Philippe im Netz der Präsidialromane
- Schlussbemerkung
An uns glauben: der bürgerlich-liberale Präsidentschaftskandidat
Édouard Philippe und Gilles Boyer, Impressions et lignes claires. Paris: Éditions Jean-Claude Lattès, 2021, 378 S. [zit. als ILC]
Édouard Philippe und Gilles Boyer, Dans l’ombre. Paris: Éditions Jean-Claude Lattès, 2011.
Max B., Ils ont tué Édouard Philippe. Paris: Le Lys Bleu Éditions, 2025.
Édouard Philippe hat seine offizielle Absicht, bei der Präsidentschaftswahl 2027 anzutreten, erstmals im September 2024 bekundet. Die Bekanntgabe erfolgte im Rahmen eines Interviews mit dem französischen Nachrichtenmagazin Le Point. Mitten in einer Phase politischer Blockaden in Frankreich (als das Land nach den Neuwahlen wochenlang ohne feste Regierung war) erklärte er: „Je serai candidat à la prochaine élection présidentielle.“ (Ich werde bei der nächsten Präsidentschaftswahl kandidieren.) Seither hat er diese Ambitionen mehrfach in großen Medienauftritten (unter anderem auf TF1 und RTL) bekräftigt. Sein erster ganz großer physischer Wahlkampfauftritt – ein erstes echtes Großmeeting vor rund 5.000 Anhängern – folgte am 5. Juli 2026 in der Adidas Arena im 18. Arrondissement von Paris, wo er unter dem Slogan „Croire en nous“ (An uns glauben) offiziell die heiße Phase seiner Kampagne einläutete. Édouard Philippe ist Gründer und Vorsitzender der Partei Horizons. Diese gründete er im Oktober 2021 nach seinem Ausscheiden als Premierminister. Zuvor war Philippe langjähriges Mitglied der konservativen Partei Les Républicains, von der er sich im Zuge seiner Annäherung an Präsident Emmanuel Macron politisch löste. Horizons positioniert sich heute als bürgerlich-liberale, proeuropäische Partei im Zentrum-rechts-Spektrum und ist Teil des politischen Bündnisses um Macron.
Édouard Philippe und Gilles Boyer veröffentlichen im April 2021, knapp ein Jahr nach dem Ende der Amtszeit Philippes als Premierminister, bei JC Lattès ein gemeinsames Buch über die 1145 Tage in Matignon. Der Titel, „Impressions et lignes claires“, benennt zugleich das Verfahren: einzelne, disparate Beobachtungen („impressions“), die sich in der Summe zu Konturen („lignes claires“) verdichten sollen. Die Verfasser selbst weisen im Vorwort jede feste Gattungsbezeichnung zurück: Das Buch sei weder Chronik noch Bericht der Amtszeit, weder Essay noch „ouvrage programmatique“. Diese Weigerung, sich zu benennen, ist selbst schon eine Aussage. Die folgende Besprechung geht in drei Schritten vor: Sie fasst die vierzehn Kapitel zusammen, fragt nach dem Bild von Politik und vom Politiker, das daraus entsteht, prüft den Status als „Buchkandidatur“ im Vergleich etwa zu Gabriel Attals En homme libre (2026), und ordnet abschließend den Roman Ils ont tué Édouard Philippe von Max B. bei Le Lys Bleu Éditions in die von mir vorgeschlagene Typologie des französischen Präsidialromans ein, Der Präsidentschaftsanwärter Philippe und Boyer wurden dort bereits als Autoren ihres frühen Polit-Thrillers Dans l’ombre (2011) geführt.
Édouard Philippe und Gilles Boyer lernen sich Anfang der 2000er Jahre im Umfeld Alain Juppés kennen, allerdings zunächst getrennt: Als Juppé die drei bürgerlichen Parteien zur UMP fusioniert, holt er Philippe als Generaldirektor nach Paris; Boyer, damals Rechtsdirektor des RPR, lehnt eine Zusammenarbeit dort ab und geht stattdessen als Kabinettschef zu Juppé nach Bordeaux. Von da an bleiben beide, wie sie es selbst beschreiben, in fast täglichem Kontakt, auch ohne besonderen Anlass – ein Muster, das sich durch ihre gesamte Zusammenarbeit zieht. Beide sind Kinder von Lehrern, beide mit denselben Vorlieben für Dumas, le Carré, Robert Littell oder Ellroy und derselben Bewunderung für Churchill. Diese persönliche Nähe trägt zwei berufliche Rückschläge – Juppés Verurteilung 2004 und dessen gescheiterte Vorwahl 2016 – ebenso wie den gemeinsamen Aufstieg nach 2017, als Boyer Philippe unmittelbar als Sonderberater nach Matignon folgt.
Parallel zu dieser politischen Laufbahn verläuft eine literarische, die ihr eigenes Muster hat: Bereits 2007 (L’Heure de vérité) und 2011 (Dans l’ombre) schreiben beide gemeinsam Politthriller, lange bevor Philippe ein Regierungsamt bekleidet. Dans l’ombre erzählt aus der Perspektive eines Wahlkampfberaters, der nach dem Sieg seines Kandidaten in einer Vorwahl mit Betrugsvorwürfen konfrontiert wird – eine Konstellation, die der realen Fillon-Affäre von 2017 sechs Jahre vorausgeht und die Amazon-Rezensenten rückblickend als beinahe hellsichtig beschreiben, obwohl das Buch bei Erscheinen mit rund 8000 verkauften Exemplaren kaum Aufsehen erregte. 2024 wird der Roman von France Télévisions als sechsteilige Serie mit Karin Viard und Melvil Poupaud verfilmt; Philippe und Boyer wirken dabei als Berater an den Dialogen mit, weil sie, wie Boyer im Interview sagt, aus eigener Erfahrung wissen, „was ein Politiker in einer bestimmten Situation sagen könnte oder gerade nicht sagen würde“. Nach dem Ende der Amtszeit kehrt sich das Verhältnis von Fiktion und Erfahrung um: In ILC schreiben beide im gemeinsamen „wir“, ohne dass sich einzelne Passagen eindeutig einem der beiden zuordnen ließen – ein Verfahren, das weniger auf Arbeitsteilung zwischen „Gesicht“ und Hintergrundfigur hindeutet, zumal Boyer inzwischen selbst zwei eigene Romane (La nuit russe, Petit-Clamart) veröffentlicht hat und heute als Europaabgeordneter ein eigenes politisches Mandat ausübt, als auf ein über zwanzig Jahre erprobtes Verfahren, politische Erfahrung erst literarisch zu verarbeiten und literarische Form dann wieder für die politische Selbstdarstellung nutzbar zu machen.
Der Aufbau in vierzehn literarisch betitelten Kapiteln
Jedes Kapitel trägt den Titel eines fremden Buches oder Films:
La promesse de l’aube – Romain Gary
Das erste Kapitel schildert die zwanzig Tage zwischen dem zweiten Wahlgang 2017 und der Ernennung Philippes zum Premierminister. Im Zentrum steht ein Gespräch mit dem designierten Präsidenten in dessen provisorischem Wahlkampfbüro, dessen Einrichtung – Bücherstapel, Raketenmodelle, Einheitsabzeichen – als bewusst inszeniertes Selbstporträt gelesen wird. Die eigentliche Absicht des Gesprächs, Philippe zum Regierungschef zu machen, wird nie ausgesprochen, sondern bleibt, wie es das Kapitel formuliert, „wie ein Geist, der über einem Haus schwebt“. Die Verfasser begründen hier auch die selbstauferlegte Regel, den Inhalt von Gesprächen mit dem Staatschef nie öffentlich zu machen – eine von Alain Juppé übernommene Konvention, deren Erosion in der politischen Kultur sie im gleichen Atemzug beklagen. Das Kapitel endet mit den zwanzig Tagen der Ungewissheit, in denen aus anfänglicher Überraschung allmählich Furcht vor der bevorstehenden Aufgabe wird.
Les grandes espérances – Charles Dickens
Das zweite Kapitel verlässt die Chronologie zugunsten einer grundsätzlichen Frage: ob Regieren erlernbar sei. Die Antwort entfaltet sich über die gemeinsame Laufbahn der Verfasser seit 2002 im Umkreis Alain Juppés – von der Fusion der bürgerlichen Parteien zur UMP über zwei berufliche Tiefpunkte (Juppés Verurteilung 2004, seine gescheiterte Präsidentschaftskandidatur 2016) bis zum Ausstieg aus der Fillon-Kampagne im Frühjahr 2017, nachdem Fillon entgegen eigener Ankündigung nach seiner Anklageerhebung nicht zurücktritt. Zentral für diese Rezension ist der Abschnitt, in dem die Verfasser ihre eigene Prägung durch politische Literatur offenlegen: Churchill-Biographien, Javier Cercas‘ Anatomie d’un instant, Robert Penn Warrens All the King’s Men, Joe Kleins Primary Colors, Jeffrey Archers First Among Equals und die Fernsehserie The West Wing werden als Lehrstücke über die Ausübung von Macht diskutiert, ebenso wie Laurent Binets Hollande-Buch Rien ne se passe comme prévu, dessen Titel sie im Fließtext direkt aufgreifen.
Une journée particulière – Ettore Scola
Das dritte Kapitel rekonstruiert den 15. Mai 2017 als protokollarische Abfolge: die Amtsübergabezeremonie im Élysée, die Ehrung als Großmeister der Ehrenlegion, die 21 Kanonenschüsse von den Invalides, die Fahrt die Champs-Élysées hinauf, den Besuch im Militärkrankenhaus Percy und im Rathaus von Paris. Eingebettet in diese Beschreibung ist die Einführung des Begriffs „quatuor“ – Präsident, Premierminister, Generalsekretär des Élysée, Kabinettschef des Premierministers –, jenes von der Verfassung nicht vorgesehenen, aber nach Ansicht der Verfasser entscheidenden informellen Machtgefüges. Daran schließt sich eine verfassungsrechtliche Erörterung von Artikel 8 an, wonach der Präsident den Premierminister ernennt und entlässt, illustriert an den Präzedenzfällen Giscard–Chirac (1974), Mitterrand–Rocard (1988, mit dem zitierten Ausspruch „puisqu’ils le veulent, ils l’auront“) und der Kohabitation Chirac–Jospin (1997).
Primus inter pares – Jeffrey Archer
Der Titel übernimmt wörtlich den französischen Titel von Archers zuvor genanntem Roman über vier britische Unterhausabgeordnete auf dem Weg zum Amt des Premierministers. Das Kapitel beschreibt die Regierungsbildung als Balanceakt zwischen verfassungsrechtlicher Form – der Premierminister schlägt vor, der Präsident entscheidet – und politischer Realität, in der bestimmte Namen von vornherein feststehen: Gérard Collombs Ernennung zum Innenminister etwa stand nie zur Debatte. Diskutiert werden die Zwänge von Geschlechterparität, Regionalproporz, dem Ausgleich zwischen treuen Weggefährten und später hinzugekommenen Persönlichkeiten, zugespitzt in Patrick Devedjians zitierter Bemerkung, man solle bei der Öffnung der Regierung „ruhig auch bis zu den Sarkozysten“ gehen.
Vol de nuit – Antoine de Saint-Exupéry
Das fünfte Kapitel rekonstruiert, ausführlicher als jedes andere, die Entscheidung gegen den Flughafen Notre-Dame-des-Landes: die Standortwahl 1968, die Einrichtung der „zone d’aménagement différé“ 1974, jahrzehntelange Blockaden, den von François Hollande 2016 angeordneten Lokalreferendum (55 % Zustimmung bei 51 % Beteiligung) und dessen anschließende Nichtumsetzung. Für die eigene Regierung werden vier Prinzipien benannt – das Projekt mit neuem Blick prüfen, alle Beteiligten anhören, die Durchführbarkeit einer zwangsweisen Räumung durch das Innenministerium prüfen lassen, vollständige Abstimmung zwischen Élysée und Matignon sicherstellen –, ergänzt um Gespräche mit Daniel Cohn-Bendit und Philippe de Villiers, die aus entgegengesetzten Gründen beide gegen das Projekt sind. Im Januar 2018 fällt die Entscheidung gegen den Flughafen; die geräumte Zone wird im Frühjahr freigegeben, die Enttäuschung der Befürworter und der betroffenen Anwohner um den bestehenden Flughafen bleibt im Text ausdrücklich bestehen.
Vingt ans après – Alexandre Dumas
Das Kapitel zieht eine Generationenbilanz zwischen dem Berufseinstieg der Verfasser (1997/2000) und dem Jahr 2017: die Frauenquote im Parlament (1997 63 von 514 Abgeordneten), das Ende der unbegrenzten Mandatshäufung, die schrittweise Regulierung der Parteienfinanzierung, die mediale Verengung auf wenige Fernsehsender und die Le Monde-Lektüre als Norm einer vergangenen Öffentlichkeit. Es listet auf, welche heute zentralen Figuren – Mélenchon, Le Pen, Baroin, Bertrand, Wauquiez, Pécresse, Jadot, Hidalgo, Macron – zur Jahrtausendwende noch unbekannt oder in Nebenrollen tätig waren, und liest diese Aufzählung als Beleg für die Kontingenz politischer Aufstiege.
Moderato cantabile – Marguerite Duras
Das verfassungstheoretische Kernkapitel entfaltet, ausgehend von einem De Gaulle-Zitat von 1967, eine Verteidigung der Fünften Republik als parlamentarisches und nicht als präsidentielles Regime. Es rekapituliert die fünfzehn französischen Verfassungstexte seit der Revolution, zitiert Mitterrands Bonmot, die Institutionen seien „nicht für mich gemacht worden, aber sie passen mir gut“, und entwickelt an den drei Kohabitationen (1986, 1993, 1997) die These, dass erst diese die tatsächliche Machtverteilung zwischen Präsident und Premierminister sichtbar gemacht hätten. Die vielzitierte Formel, die Fünfte Republik verhalte sich zum präsidentiellen Regime wie Canada Dry zum Alkohol – Geschmack und Farbe, aber nicht die Substanz –, bündelt die Argumentation.
Orages d’acier – Ernst Jünger
Das Kapitel beginnt mit der Hundertjahrfeier der Schlacht von Villers-Bretonneux 2018, bei der Prinz Charles dem französischen Premierminister seinen Regenschirm hält, und verknüpft die eigene Distanz zum Militärdienst Anfang der 1990er Jahre mit der verfassungsrechtlichen Rolle des Premierministers in der Verteidigungspolitik nach Artikel 21, der ihn – entgegen der landläufigen Auffassung vom „domaine réservé“ des Präsidenten – ausdrücklich für die „Défense nationale“ verantwortlich erklärt. Es schildert die Erhöhung des Verteidigungshaushalts um jährlich 1,7 Milliarden Euro, den Konflikt mit dem 2017 zurückgetretenen Generalstabschef de Villiers, die Militäroperation Hamilton gegen syrische Chemiewaffenstellungen im April 2018 und eine geopolitische Bestandsaufnahme, die auf die zahlenmäßige Begrenztheit der französischen Streitkräfte und die wachsende Bedeutung von Drohnen bei Akteuren wie der Türkei und Russland hinweist.
Les raisins de la colère – John Steinbeck
Die Gelbwesten-Bewegung wird in eine Geschichte französischer Volksaufstände seit der Grande Jacquerie von 1358 eingeordnet und zugleich detailliert chronologisch entfaltet: die Kombination aus verschärfter technischer Kontrolle, dem Tempolimit 80 km/h und der ökologischen Kraftstoffsteuer, deren Anteil bereits 60 Prozent des Literpreises ausmacht; das im Oktober 2018 viral gehende Video der bretonischen Aktivistin „Jacline M.“; die erste Mobilisierung von rund 300 000 Demonstrierenden am 17. November 2018; die von Laurent Berger vorgeschlagene und vom Premierminister öffentlich abgelehnte „grande conférence sociale“, die als schroffe Abfuhr wahrgenommen wird; und die schrittweise Radikalisierung bis zur Beschädigung des Grabes des unbekannten Soldaten. Das Kapitel hält an der Unterscheidung zwischen legitimem Unmut und komplottistischer Übertreibung fest, ohne beide Elemente klar trennen zu können.
Les mots – Jean-Paul Sartre
Anhand von vier Grundfragen – wer spricht, soll überhaupt gesprochen werden, zu wem, auf welchem Kanal – entwickelt das Kapitel eine Theorie politischer Kommunikation. Es kontrastiert Stalins Rednertalentlosigkeit mit Hitlers einstudierter Gestik, unterscheidet das Sprechen im Namen des Staates von dem im Namen der Regierung und schildert an der Entscheidung vom 14. März 2020, Cafés und Restaurants zu schließen, wie schwierig die Wahl des richtigen Sprechers sein kann. Ein Telefonanruf von Valéry Giscard d’Estaing am 29. April 2020, der dem Premierminister nach einer Rede zur Deconfinement-Strategie rät, nun „gar nicht mehr“ zu sprechen, dient als Schlüsselanekdote für die These, dass Schweigen oft die schwierigere, aber richtigere Option sei.
Les faux-monnayeurs – André Gide
Eingeleitet durch Jean-Pierre Raffarins Bonmot über seinen Schlaf in Matignon, benennt das Kapitel Staatsverschuldung und Klimawandel als zwei „Süchte“, auf die seit 1974 kein französischer Haushalt reagiert hat, ohne ins Defizit zu geraten. Es erinnert an die „cagnotte“-Debatte des Jahres 2000, in der die Regierung Jospin einen unerwarteten Steuermehrertrag lieber verteilte als Schulden zu tilgen, und diagnostiziert, dass Ökologie traditionell links, Haushaltsdisziplin traditionell rechts codiert war, obwohl beide Themen strukturell dasselbe Problem – die Bevorzugung der Gegenwart vor der Zukunft – beschreiben. Die Gelbwesten-Krise wird hier ausdrücklich als Symptom dieser doppelten Verdrängung gedeutet.
Les chemins de la peste – Albert Camus
Das Kapitel beginnt mit der Neujahrsansprache des Premierministers vor dem Kabinett am 6. Januar 2020, in der er, ohne es zu ahnen, die Pest von Marseille 1720 als historisches Lehrstück heranzieht, bevor es unmittelbar in die Covid-19-Pandemie überleitet. Es reiht Bilder (ein menschenleeres Paris im Frühling), Stimmen (ein Krankenhausdirektor aus Beauvais, dessen Sedierungsmittel für einen Tag reichen; ein Pharmakonzernchef in Südafrika) und Entscheidungen aneinander: die Schließung von Gaststätten am 14. März 2020, die trotz beginnender Pandemie durchgeführte erste Runde der Kommunalwahlen am 15. März, die Maskenkontroverse bis zur Kehrtwende der WHO am 10. Juni 2020, sowie die knappe juristische Lösung in der Nacht vor dem Lockdown-Ende am 11. Mai 2020, als der Verfassungsrat sein Urteil verzögert. Ein Churchill-Zitat über Entscheidungen auf Basis unvollständiger, widersprüchlicher und falscher Information dient als Motto für die gesamte Krisenerzählung.
La porte étroite – André Gide
Das Kapitel beginnt mit einer Rückblende auf den Abend des 15. Mai 2017 – der Anruf bei der Mutter, die Anrufe bei früheren Premierministern, von denen einer sagt, man werde eines Tages „dem recht angenehmen, aber recht kleinen Klub der ehemaligen Premierminister“ beitreten – und entwickelt daran die These, dass das Ende jeder Amtszeit von Anfang an mitgedacht werden muss. Es schildert die eigene Entscheidung, sich trotz Risikos im März 2020 erneut zum Bürgermeister von Le Havre wählen zu lassen, ohne öffentlich sagen zu können, ob ein Sieg den Verbleib in Matignon bedeuten würde; die pandemiebedingte Verschiebung der Stichwahl auf den 28. Juni 2020 (58 Prozent der Stimmen); die im Juni 2020 unter vier Augen an Macron übermittelte Ankündigung, unabhängig vom Wahlausgang zurückzutreten; und den geordneten Übergang zu Jean Castex am 3. Juli 2020, einschließlich der Verabschiedung des Kabinettsteams. Es schließt mit der Unterscheidung zwischen den Ämtern des Regierens und des Präsidierens als zwei grundverschiedenen, aber gleichermaßen notwendigen Funktionen.
Impressions soleil couchant – nach Claude Monet
Den Schluss bildet eine Folge kurzer, nicht chronologisch geordneter Vignetten, die das eingangs versprochene „impressionistische“ Verfahren buchstäblich vollziehen: die Sicherheitsgruppe GSPM, ein Flug im Kampfjet Rafale, das Ritual des Ministerrats, das Zentrum für interministerielle Krisenbewältigung, die Arbeit der Opferbeauftragten Élisabeth Pelsez, die Gedenkfeier in Điện Biên Phủ, das Porträt der damaligen Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye, der Tod Johnny Hallydays und die eigene Wallfahrt zu französischen Kathedralen. In einer der schärfsten Passagen wird Philippe de Villiers vorgeworfen, ausgerechnet er, Sohn eines Vicomte, werfe dem Urenkel eines Hafenarbeiters vor, eine „Pariser Kaste“ zu verkörpern. Kein zusammenfassendes Resümee, sondern ein Mosaik, aus dem sich – so die Ankündigung der Einleitung – ein Bild nur indirekt ergibt.
Das Bild des Regierens: Handwerk, Lektüre, Loyalität
Aus dieser Anlage ergibt sich ein bestimmtes, wiederkehrendes Selbstbild. Regieren erscheint durchgängig als Handwerk, das man durch Beobachtung erfahrener Vorbilder – vor allem Juppé –, durch Verfassungskenntnis und durch Lektüre erwirbt, nicht durch Herkunft oder Diplom allein: „Gouverner est un art. Et l’art, ça s’apprend.“ Diese Selbstbeschreibung als lernender, nie fertiger Praktiker (das Buch endet das entsprechende Kapitel mit dem Satz, man werde „nie fertig lernen“) steht in bewusstem Gegensatz zum Bild des charismatischen Führers. An seine Stelle tritt die Figur des belesenen, verfassungsbewussten Juristen, der die Institutionen respektiert, auch wenn er sie gelegentlich lakonisch kommentiert (die Bemerkung, die Fünfte Republik verhalte sich zum präsidentiellen Regime wie Canada Dry zum Alkohol, ist die pointierteste Formel des Buches). Bezeichnend ist, dass genau jenes Kapitel, das diese Selbstbeschreibung am ausführlichsten entfaltet, zugleich das dichteste Bekenntnis zur eigenen Prägung durch politische Literatur ist: Die Verfasser zählen dort auf, wessen Bücher sie geformt haben, und zitieren dabei unter anderem Laurent Binets Rien ne se passe comme prévu – jenen Hollande-Präsidialroman, den auch mein Artikel über den Präsidialroman als Beispiel des „memorialen“ Typs anführt. Der Titel eines eigenen Kapitels, „Primus inter pares“, übernimmt wörtlich den französischen Titel von Jeffrey Archers Roman über vier Unterhausabgeordnete auf dem Weg zum Amt des Premierministers. Philippe und Boyer schreiben ihr eigenes Buch also nicht nur im Bewusstsein der Gattung, der sie selbst 2011 mit Dans l’ombre schon einmal angehört hatten, sondern zitieren sie unmittelbar in der Kapitelarchitektur – ein seltener Fall, in dem ein Objekt der beschriebenen Textreihe sich selbst ausdrücklich in diese Reihe einschreibt.
Zweites zentrales Motiv ist die Freundschaft der beiden Verfasser, erzählt im gemeinsamen „wir“ seit 2002, das im Buch selbst als „vielleicht die beste Definition von Freundschaft“ bezeichnet wird (tägliche Anrufe, auch ohne besonderen Anlass). Politische Legitimität wird damit weniger über Ideologie als über Verlässlichkeit und persönliche Bindung erzählt – ein Muster, das sich auch in der Rücksicht auf den scheidenden Präsidenten (jeder wird nach seinem Ausscheiden bei früheren Amtsinhabern angerufen) und in der Weigerung fortsetzt, über Gespräche mit Macron zu berichten. Drittens fällt die durchgängige Distanzierung von der Kommunikationskultur der Gegenwart auf, die ein Rezensent auf Babelio „eine Form von Anti-Modernität“ nennt: kein Smartphone im Ministerrat, Wertschätzung für den handgeschriebenen Zettel, Skepsis gegenüber der „immédiateté“. Diese Haltung ist selbst eine Kommunikationsstrategie, wie derselbe Leser anmerkt – ein Buch, das die Beschleunigung der Gegenwart beklagt, während es an ebendieser Beschleunigung des politischen Buchmarkts teilnimmt.
David Mélo hat in seiner Besprechung für die Zeitschrift Parlement[s] die These formuliert, das Buch vollziehe „une émancipation“ – die Behauptung einer eigenen Stimme und Haltung jenseits der Mauern von Matignon – bei gleichzeitiger „loyauté“ gegenüber Macron und dessen Projekt. Diese doppelte Bewegung ist der eigentliche strukturelle Kern des Buches: Es distanziert sich nie offen vom früheren Präsidenten, hält aber durchgehend Abstand, indem es eigene Analysen, eigene Urteile und eine eigene intellektuelle Genealogie (Juppé, nicht Macron) in den Vordergrund stellt. Genau darin liegt die Antwort auf die Frage, ob das Buch bereits als „Buchkandidatur“ lesbar ist.
Eine Buchkandidatur? Der Vergleich mit Gabriel Attals En homme libre
Die Verfasser bestreiten den programmatischen Charakter ausdrücklich, und ein Amazon-Rezensent verteidigt sie gegen „certains journalistes mal intentionnés“, die das Buch als Kandidaturerklärung gelesen hätten. Der Zeitpunkt spricht dagegen für eine andere Lesart: Das Buch erscheint im April 2021, ein knappes halbes Jahr bevor Philippe im Oktober 2021 mit der Partei Horizons ein eigenes politisches Vehikel gründet, und mehr als drei Jahre bevor er im September 2024 seine Ambition auf das Élysée öffentlich macht. Es funktioniert damit nicht als Kandidaturerklärung im engen Sinn, sondern als das, was man einen Statur-Text nennen könnte: Es baut, in der Sprache Mélos, ein „petit traité de l’exercice de l’État“, das Kompetenz, Verfassungstreue und persönliche Integrität demonstriert, ohne sich auf ein Programm festzulegen – und schafft damit genau jene Reputation, aus der sich später eine Kandidatur ableiten lässt.
Gabriel Attals En homme libre (Éditions de l’Observatoire, erschienen am 23. April 2026) lässt sich als Kontrastfolie lesen, die diese Mechanik radikalisiert und zugleich sichtbarer macht. Der Klappentext kündigt ein „témoignage sans fard“ an – „mes combats, mes doutes, mes erreurs, mes blessures“ –, also ein explizit autobiographisches, in der ersten Person Singular erzähltes Bekenntnis, während Philippe und Boyer im kollektiven „wir“ schreiben und ihr eigenes Innenleben gerade zurückhalten. Der zeitliche Abstand zwischen Buch und Kandidatur ist bei Attal auf wenige Wochen geschrumpft: Nach einer mit Signierstunden und „Nuits de la Nouvelle République“ genannten Wahlkampfauftritten verbundenen Werbetour erklärt er Ende Mai 2026 in Mur-de-Barrez (Aveyron) offiziell seine Kandidatur für 2027. Die Rezeption fällt entsprechend kritischer aus: Alain Duhamel bezeichnet das Buch in einem Interview als „Selbstporträt“ eher denn als Autobiographie; das Rechercheportal Projet Arcadie bemerkt, Macron komme darin nur „en pointillés“ vor, Élisabeth Borne werde als „Némésis“ gezeichnet, Sébastien Lecornu fehle vollständig – eine selektive Erzählarchitektur, die den eigenen Bruch mit dem bisherigen Lager literarisch vorbereitet, ähnlich wie Philippes „Emanzipation“ von Macron, nur weit offener ausgetragen. Hinzu kommt ein Faktizitätsproblem, das für die Gattung aufschlussreich ist: Attal wird vorgeworfen, zur Untermauerung angeblich bereits laufender Bauprojekte teils durch Bildgeneratoren erzeugte Fotografien verwendet zu haben. Ein Buch, das sich explizit als ungeschöntes Zeugnis („sans fard“) ausgibt, gerät damit in den Verdacht, an genau der Stelle zu erfinden, an der es Beleg beansprucht – eine Umkehrung des Problems, das die Auseinandersetzung mit dem Roman Ils ont tué Édouard Philippe bereits gezeigt hat: Dort trug Fiktion die Maske des Dokuments; hier gerät ein als Dokument ausgegebenes „témoignage“ in den Verdacht der Fiktionalisierung.
Zwei Weisen der Selbstinszenierung stehen sich damit gegenüber: Philippe/Boyer verfahren zurückhaltend, kollektiv, verfassungstheoretisch grundiert und zeitlich weit vor der eigentlichen Kandidatur platziert; Attal verfährt persönlich, konfrontativ, im Modus des Bekenntnisses und unmittelbar an die Kandidaturerklärung gekoppelt. Beide Bücher gehören derselben, in Frankreich fest etablierten Praxis an, die ich unter Verweis auf Jean-Christophe Buisson beschrieben habe: der alle fünf Jahre neu „kochende“ Topf aus Politik und Literatur, in dem sich – bei Politikern selbst wie bei professionellen Schriftstellern – der Anspruch auf Amt und der Anspruch auf Autorschaft wechselseitig stützen.
Aus dem Schatten geschrieben
Der Polit-Thriller Dans l’ombre, gemeinsam von Philippe und Boyer geschrieben, entwirft seine Poltik-Theorie bereits im Prolog als Typologie: Der namenlose Ich-Erzähler, ein „Apparatchik“, trennt scharf zwischen dem Techniker der Macht, der im Hintergrund „die Waffen führt“ und „die Schläge pariert“, und dem „Politique“, der nur durch Sichtbarkeit existiert – eine Unterscheidung, die die reale Arbeitsteilung zwischen Boyer und Philippe vorwegnimmt, sechs Jahre bevor der eine tatsächlich Premierminister und der andere sein Sonderberater wird. Die Romanhandlung selbst – ein „Patron“ gewinnt gegen seine Rivalin Trémeau eine Vorwahl, deren Wahlkampfteam Wahlbetrug mit gefälschten elektronischen Stimmzetteln organisiert und die Spuren durch Einschüchterung und mutmaßlich Mord verwischen lässt, während der Erzähler bis zuletzt nicht sicher weiß, ob nicht auch sein eigener „Patron“ Dreck am Stecken hat – zeigt Institutionen als durch und durch manipulierbar. Als politischer Entwurf gelesen, ist das Buch also weniger ein Programm als eine Rollenprobe: Es testet, in fiktiver Verkleidung und mit deutlich zynischerer Grundhaltung, als was Boyer und Philippe ihre spätere reale Konstellation zehn Jahre später beschreiben würden.
Darin liegt der Unterschied zu ILC. Beide Bücher teilen die Doppelautorschaft und das Interesse an den Mechanismen der Macht, aber die Erzählperspektive kehrt sich um: Im Roman spricht ein einzelnes, moralisch kompromittiertes „Ich“ aus dem Schatten, im Regierungsbuch ein kollektives, institutionell verantwortliches „Wir“, das sich gerade durch Legalitätstreue definiert – dieselben Verfasser, die im Roman Wahlbetrug, Vertuschung und stillschweigende Gewalt als Normalfall der Macht erzählen, bestehen im Memoir ausdrücklich darauf, selbst unter Druck (Kommunalwahlen trotz beginnender Pandemie, Verzicht auf Notstandsvollmachten nach Artikel 16) am „principe de légalité“ festzuhalten. Auch die Schlusssorge des Romanerzählers, ein Apparatchik werde vom siegreichen Patron über kurz oder lang „umklassifiziert“ oder fallengelassen, wird durch die reale Biographie widerlegt: Boyer bleibt Philippes Sonderberater die gesamte Amtszeit über, wird später gemeinsam mit ihm Co-Autor des Regierungsbuchs und schließlich selbst gewählt Europaabgeordneter – der Schatten tritt, anders als in der eigenen Fiktion vorausgesagt, ins Licht.
Impressions et lignes claires entwirft ein ambivalentes Deutschlandbild: Zum einen erscheint es als disziplinierter Gegenentwurf zu Frankreich – die Staatsquote liegt bei 45 statt 55 Prozent, die Wiedervereinigung wird als teurer, aber erfolgreich verarbeiteter Kraftakt beschrieben, nach dem die Deutschen „ihre Konten gestrafft und ihr Sozial- und Schulsystem reformiert“ hätten, während Frankreich seither nur Schulden anhäufte. Zum anderen wird die deutsche Verfassungstreue historisch begründet: Die Deutschen respektierten ihr Grundgesetz gerade deshalb so stark, weil sie ihm die Verwurzelung der Demokratie „in einem vom Nationalsozialismus verwüsteten Boden“ verdankten. Ein Besuch bei Angela Merkel im „seelenlos funktionalen“ Berliner Kanzleramt liefert das visuelle Gegenstück zu den Prunkbauten der Pariser Institutionen, und die Verfasser distanzieren sich ausdrücklich von der in der französischen Politik verbreiteten Ressentiment-Haltung gegenüber Merkel. Daneben stehen persönliche Bezüge – ein Schüleraustausch, mehrjähriger Wohnsitz in Deutschland, die eigene Erinnerung an die dortige „Nein Danke“-Anti-Atomkraft-Bewegung im Kontrast zum französischen Stolz auf die eigenen Kernkraftwerke – die Deutschland als vertrauten, aber andersartigen Nachbarn zeichnen.
Dans l’ombre arbeitet dagegen mit dem Klischee der deutschen Effizienz, um es zugleich zu unterlaufen: Die Organisationschefin des Wahlkampfteams, deren Perfektion mit „von Deutschen organisiert“ verglichen wird, ist ausdrücklich keine Deutsche, sondern Tochter italienischer Eltern; der Berater „Démosthène“, ein Kenner deutscher Geschichte, wird für seine Thesen zur „vermeintlichen deutschen Effizienz“ ironisch zurechtgewiesen, mit dem Verweis, eher die Schweiz stehe für Präzision. Daneben tritt Deutschland als Erinnerungsort des Zweiten Weltkriegs auf – die Besatzung Lilles, die Résistance von Glières gegen deutsche Soldaten und Milizionäre, die Erwähnung des Elsass, wo Wahlprogramme aus historischen Gründen ins Deutsche übersetzt werden müssen – sowie, beiläufig, als sportlicher Rivale: die Erinnerung an die Fußball-WM 1982 (Sevilla) beschwört den Gegensatz von französischem „Elan“ und deutscher „siegreicher Härte“. Insgesamt bleibt das Bild folkloristisch und stereotypgesättigt, nie so reflektiert wie im späteren Sachbuch.
Die beiden Alleinwerke Boyers bewegen ebenfalls sich im Rahmen dessen, was der Aufsatz als Präsidialroman beschreibt, variieren dessen Grundmuster aber auf zwei verschiedene Arten. La nuit russe (2022) führt die Konstellation aus Dans l’ombre fort, nur enger an Boyers eigene Biographie herangeführt: Ein Verteidigungsminister und sein engster Berater, seit der Schulzeit befreundet, werden von einem in Russland begangenen Geheimnis eingeholt, sobald der Minister zum Premierminister aufsteigt und den Berater mit nach Matignon nimmt – exakt der Schritt, den Boyer selbst 2017 an Philippes Seite vollzogen hat. Der Roman gehört damit in die Nähe Kategorie b, dem politischen Schlüsselroman, bleibt aber, anders als der pseudonym publizierte Text Ils ont tué Édouard Philippe, bei erfundenen Namen und nutzt die reale Ukraine-Russland-Thematik, die auch das Kapitel „Orages d’acier“ in ILC sachlich behandelt, nur als fiktionalen Hintergrund. Petit-Clamart (2024) dagegen wechselt in die Kategorie des utopisch-dystopischen Präsidialromans, kehrt dessen übliche Zeitrichtung aber um: Statt eine nahe Zukunft zu entwerfen, imaginiert der Roman eine alternative Vergangenheit, in der die Kugeln des OAS-Attentats von 1962 ihr Ziel treffen und de Gaulle stirbt. Gerade dieser zeitliche Abstand – ein historisch verbürgtes, tatsächlich gescheitertes Attentat auf eine seit Jahrzehnten verstorbene Figur – unterscheidet die Uchronie grundsätzlich von Ils ont tué Édouard Philippe, das dasselbe erzählerische Mittel, ein tödliches Attentat auf einen amtierenden Präsidentschaftsbewerber, ohne historischen Sicherheitsabstand auf eine reale, lebende Person überträgt.
Philippe im Netz der Präsidialromane
Ils ont tué Édouard Philippe, veröffentlicht unter dem Pseudonym Max B., entwirft ein Frankreich kurz vor der Präsidentschaftswahl 2027, in dem Édouard Philippe als vom Weltwirtschaftsforum, von Klaus Schwab und George Soros aufgebauter Kandidat erscheint, der Frankreich in eine globale Ordnung einfügen soll. Dem stellt der Roman den Familienvater Jean Dupuis gegenüber, dessen politische Haltung sich über Jahre nach rechts verschiebt und der aus alternativen Medien die Überzeugung gewinnt, Philippe sei nur ein Werkzeug dieser Elite. Nach dem Verwerfen mehrerer direkter Anschlagsszenarien entscheidet er sich, sich über Monate in den Wahlkampfstab einzuschleusen, um kurz vor dem ersten Wahlgang von innen zuzuschlagen.
Im weiteren Verlauf wird Dupuis‘ Tochter Amélie zur gefeierten Klima-Stimme der Kampagne, während sein Sohn Julien sich einer linksradikalen Bewegung anschließt; ein Todesfall im Wahlkampfteam wird von im Hintergrund agierenden Strategen genutzt, um ethnische und soziale Spannungen in Frankreich gezielt anzufachen. Auf dem WEF-Gipfel in Davos wird Julien zu einem Anschlag auf Philippe gezwungen, den dieser übersteht, indem er Amélie als Schutzschild benutzt – eine Szene, die seine politische Karriere beendet. Im Schlussteil wird der von einem weiteren Akteur ausgerufene Aufstand niedergeschlagen, Amélie wird unter der Obhut von Schwab und Soros zur neuen Symbolfigur der Beruhigung aufgebaut, und ein Epilog löst diese Konstellation noch einmal auf: Über Schwab und Soros steht ein anonymer, verdeckter Zirkel, der beide nur als Werkzeuge betrachtet und bereits eine nächste Symbolfigur in Kanada vorbereitet.
Die Erzählstruktur mischt durchgehend zwei Register: lexikonartige, sachlich formulierte Passagen über reale Institutionen und Ereignisse – WEF, Great Reset, Covid-19, Ukraine-Krieg – stehen neben frei erfundenen Handlungssträngen, in denen reale, lebende Personen namentlich in ein Attentat und in konstruierte Verbrechen verwickelt werden. Diese Mischung erzeugt den Anschein von Enthüllung, obwohl die zentralen Behauptungen des Textes – ein gezielt inszeniertes Klimanarrativ, gesteuerte Migration zur Destabilisierung, ein Geheimzirkel hinter Schwab und Soros – frei erfunden sind und bekannten Verschwörungserzählungen entsprechen. Formal als Roman ausgewiesen, verzichtet der Text darauf, seine Kernbehauptungen als eine Deutung unter anderen zu kennzeichnen; die Romanwelt selbst bestätigt sie als Tatsache, wodurch die Grenze zwischen dokumentarischem Anspruch und fiktionaler Konstruktion durchgehend verwischt bleibt.
Kurz vor einer Wahl, in der ein realer, lebender Kandidat mit erklärter Ambition auf das Élysée figuriert, entfaltet ein solcher Text eine Wirkung, die sich von seinem literarischen Rang löst. Indem der Roman Philippe unter seinem echten Namen zum Ziel eines Attentats und zum Objekt frei erfundener Verstrickungen mit Schwab, Soros und einem Geheimzirkel macht, verleiht er zirkulierenden Verschwörungserzählungen über ihn eine erzählte, scheinbar zusammenhängende Form – unabhängig davon, ob die Handlung als Fiktion gekennzeichnet ist. Die Reichweite eines bei einem im Wesentlichen kostenpflichtigen Selbstverlag wie Le Lys Bleu Éditions erschienenen Buches bleibt zwar begrenzt gegenüber den bei etablierten Häusern erscheinenden Kandidatur-Büchern; dennoch bringt gerade die Kombination aus realem Namen, realem Wahltermin und gewaltsamem Handlungskern den Text in die Nähe jener Texte, die – unabhängig von der Absicht des Verfassers – Drohfantasien gegen eine im Amt oder im Wahlkampf stehende Person eine literarische Bühne geben. Der Autor selbst rahmt sein Buch im Nachwort deutlich anders: Max B. beschreibt sich dort als „apolitique mais passionné par la transparence et la sincérité“ und stellt seine Geschichte in die Tradition von Erfahrungen aus der Unternehmenswelt, wo „des individus ordinaires qui refusent de subir et décident de se battre“ gegen Seilschaften und Netzwerke aufbegehren. Diese Selbstbeschreibung als unpolitische, um Aufrichtigkeit bemühte Erzählung steht in auffälligem Abstand zum tatsächlichen Inhalt des Buches, das einen amtierenden Präsidentschaftsanwärter zur Zielscheibe einer gewaltsamen, mit realen Institutionen und Personen ausstaffierten Verschwörungshandlung macht.
So lässt sich der Roman Ils ont tué Édouard Philippe in das vorgeschlagene Raster einordnen. Der Text gehört strukturell zu Typ c, dem utopisch-dystopischen Präsidialroman, der eine nahe Zukunft entwirft, um vor einem möglichen Kandidaten oder einer politischen Entwicklung zu warnen – die Gattung, der auch Gilles Gaetners Zemmour-Buch Le monde selon Zemmour und Michèle Cottas und Robert Namias‘ Le brun et le rouge zugehören. Anders als diese Texte begnügt sich der Roman jedoch nicht mit der Extrapolation „was geschähe, wenn X gewänne“. Er macht den realen, namentlich benannten Kandidaten selbst zum Anschlagsziel und verknüpft damit die dystopische Struktur von Typ c mit der Schlüsselroman-Nähe von Typ b – nur dass hier, anders als bei Jean-Luc Barrès nur angedeuteter Fillon-Parallele oder Joseph Macé-Scarons verschlüsseltem „Benjamin Strada“, keine Verschlüsselung mehr stattfindet: Philippe, Klaus Schwab, George Soros, Jean-Luc Mélenchon und Ursula von der Leyen treten unter ihren echten Namen in frei erfundenen kriminellen Handlungen auf. Diese Kombination – dystopische Rahmung ohne satirische Distanz, reale Namen ohne Verschlüsselung, dazu sachbuchartig formulierte Einschübe über das Weltwirtschaftsforum, die Great-Reset-Rhetorik und die Covid-Pandemie, die dem Ganzen einen dokumentarischen Anstrich verleihen – lässt sich in der von mir vorgeschlagenen Typologie nicht bruchlos unterbringen. Der Roman markiert eher eine Verschiebung an den Rand der Gattung: Er erscheint bei Le Lys Bleu Éditions, einem Verlag für im Wesentlichen selbstfinanzierte Veröffentlichungen, nicht bei den großen Häusern, und er verzichtet auf die literarische Ambition, die selbst die polemischsten unter den dort versammelten Texten noch auszeichnet. Man könnte ihn als eine Unterart von Typ c beschreiben, die man den paranoiden oder verschwörungstheoretischen Präsidialroman nennen könnte: Er übernimmt das Genre-Versprechen – nahe Zukunft, reale Wahl, Warnung vor einer Bedrohung –, verzichtet aber auf die kritische Distanz zur eigenen Konstruktion, die etwa Houellebecq oder Boniface trotz aller Zuspitzung wahren.
Bemerkenswert ist, dass Édouard Philippe damit als Einzelfigur nahezu das gesamte Spektrum der von mir umrissenen Gattungsbreite durchläuft: als Mitverfasser eines frühen Polit-Thrillers vor der eigenen politischen Karriere (Typ b, im Ansatz), als Gegenstand und zugleich Verfasser eines memorial gerahmten Regierungszeugnisses, das die klassische Konstellation dieses Typs – ein professioneller Schriftsteller begleitet einen Kandidaten (Reza/Sarkozy, Besson/Macron, Binet/Hollande) – durch Selbstautorenschaft ersetzt, und schließlich als Zielfigur eines dystopischen Schlüsselromans ohne Verschlüsselung. Diese Häufung ist kein Zufall der Materialauswahl, sondern spiegelt die reale Ausgangslage: ein seit 2021 sichtbar auf 2027 hin positionierter Politiker zieht sowohl die etablierte, literarisch ambitionierte Form der Selbstdarstellung als auch ihre randständige, verschwörungstheoretische Kehrseite an.
Schlussbemerkung
Beide Romane teilen dieselbe Grundfigur: eine Präsidentschaftskampagne, die von einem verdeckten Betrugs- oder Manipulationsnetzwerk unterlaufen wird, dessen Ausmaß selbst den engsten Vertrauten nicht vollständig zugänglich ist – in Dans l’ombre zweifelt der Ich-Erzähler bis zum Schluss, ob nicht auch sein eigener „Patron“ in den Wahlbetrug verstrickt ist, in Ils ont tué Édouard Philippe endet die Handlung mit der Enthüllung eines anonymen Zirkels über Schwab und Soros, der beide nur als Werkzeuge betrachtet; in beiden Fällen liegt die eigentliche Machtquelle also eine Ebene tiefer, als die Hauptfiguren zunächst annehmen. Beide Texte arbeiten zudem mit jungen, familiär an die Zentralfigur gebundenen Mittelspersonen, die zwischen den Fronten stehen und die Wahrheit erst mühsam rekonstruieren – der „petit Caligny“ und sein Freund Winston hier, Amélie und Julien Dupuis dort –, und beide zitieren Churchill als moralischen Fixpunkt der eigenen Fiktion. Der entscheidende Unterschied liegt in der Namensgebung: Philippe und Boyer verschlüsseln ihren Kandidaten 2011 als anonymen „Patron“, dessen Ähnlichkeit mit realen Politikern der Leser selbst herstellen muss, während der Roman von „Max B.“ genau diese Schutzschicht entfernt und Édouard Philippe, Klaus Schwab, George Soros und Jean-Luc Mélenchon unter ihren echten Namen in die erfundene Handlung stellt – der Verschlüsselungsroman von 2011 liefert damit, ohne es zu ahnen, die erzählerische Vorlage für einen Text, der fünfzehn Jahre später denselben Handlungskern auf Philippe selbst anwendet, diesmal unter Verzicht auf eine Verschlüsselung.
ILC von Philippe und Boyer ist weder Programmschrift noch Enthüllungsbuch, sondern ein Text, der in der Zone operiert, die ich für den französischen Präsidialroman insgesamt beschrieben habe: der Verquickung von politischer Macht und literarisch-kultureller Repräsentation. Dass das Buch selbst jede Gattungsbezeichnung ablehnt, ist dabei kein Widerspruch, sondern Teil der Strategie – ein Text, der sich als Kandidatur lesen lässt, ohne eine zu sein, gewinnt gerade aus dieser Unbestimmtheit seine politische Verwendbarkeit. Gabriel Attals En homme libre führt fünf Jahre später vor, was geschieht, wenn dieselbe Unbestimmtheit aufgegeben wird: Der Text wird eindeutiger lesbar, dafür aber auch angreifbarer, in seiner Faktentreue wie in seiner erzählerischen Selbstinszenierung. Und der Präsidialroman im Selbstverlag, Ils ont tué Édouard Philippe, zeigt unter Pseudonym schließlich, wie dieselbe reale Ausgangslage – ein Politiker auf dem Weg zu einer Kandidatur, deren Ausgang offen ist – jenseits der etablierten literarischen Öffentlichkeit in eine Form kippen kann, die den Anspruch auf Dokumentation nur noch simuliert. Zwischen diesen drei Texten liegt weniger ein gattungsästhetischer Bruch als ein Kontinuum unterschiedlich kontrollierter Selbst- und Fremdinszenierung desselben politischen Personals im Vorfeld derselben Wahl.
Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.






