Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst. Automatische Übersetzungen:
Inhalt
- 29 Notizen zu einer vernachlässigten Literatur
- Programmatik ohne systematische Einleitung
- Acht Lektüren der Monstrosität
- Monsieur Vénus, Rachilde, 1884
- La Comtesse sanglante, Valentine Penrose, 1962
- Garçon manqué, Nina Bouraoui, 2000
- Les Allongés, Jeanne Galzy, 1923
- Histoire d’O, Pauline Réage, 1954
- Stupeur et tremblements, Amélie Nothomb, 1999
- Seule en sa demeure, Cécile Coulon, 2021
- Une femme m’apparut…, Renée Vivien, 1904
- Verschleierung und neue Schreibformen
- Nicht-Mixität zwischen Zwang und Wahl
- Les Inséparables, Simone de Beauvoir, 2020 posthum
- Thérèse et Isabelle, Violette Leduc, 1955/1966/2000
- Claudine à l’école, Colette, 1900
- Crépuscule du tourment, Léonora Miano, 2016
- Viendra le temps du feu, Wendy Delorme, 2021
- Baise-moi, Virginie Despentes, 1994
- Le Satellite de l’Amande, Françoise d’Eaubonne, 1975
- Der Ausstieg aus der Heterosexualität
- Idylle saphique, Liane de Pougy, 1901
- Bonjour tristesse, Françoise Sagan, 1954
- L’Inconstante, Gérard d’Houville, 1903
- Alexis ou le Traité du vain combat, Marguerite Yourcenar, 1929
- Les Stances à Sophie, Christiane Rochefort, 1963
- Moi, Tituba, sorcière noire de Salem, Maryse Condé, 1986
- Love Me Tender, Constance Debré, 2020
- Bilanz: Leistung, Lücken, offene Fragen
29 Notizen zu einer vernachlässigten Literatur
Lou Lootgieter, Les Dessous lesbiens de la littérature, Points, 2026.
Der „Prix Gouincourt“ ist ein seit 2025 vergebener Literaturpreis für lesbische Literatur, dessen Name ein bewusstes Wortspiel darstellt. Er kombiniert „gouine“ (Lesbe) mit „Goncourt“ und inszeniert so eine queere, symbolische Umdeutung des prestigeträchtigen Literaturpreises. Lou Lootgieter, Journalistin und Mitbegründerin des Prix Gouincourt, legt mit Les Dessous lesbiens de la littérature die Fortsetzung von Les Dessous lesbiens de la chanson vor, das 2019 zusammen mit der Musikerin Pauline Paris entstanden war und 2024 in erweiterter Fassung bei Points erschien. Dieser Essay nun ist in Alleinautorschaft geschrieben und verbindet, wie das Avant-propos ausdrücklich festhält, journalistische Recherche – Interviews, Archivarbeit – mit einer persönlichen, biographisch grundierten Erzählstimme. Der Band versammelt 29 Texte der frankophonen Literatur von 1832 (George Sands La Marquise) bis 2021/2025 (Constance Débrés Love Me Tender und dessen Verfilmung), organisiert in vier thematischen Kapiteln, die weder chronologisch noch nach nationalen oder gattungstypologischen Kriterien angeordnet sind. Das Buch versteht sich, wie Lauriane Nicol eingangs betont, ausdrücklich nicht als Anthologie und nicht als geordnete Literaturgeschichte, sondern als subjektive Zusammenstellung aus der eigenen Bibliothek – ein Verfahren, das der Immer-wieder-Entzogenheit lesbischer Literatur gegenüber Klassifikationsversuchen Rechnung tragen soll.
Der Titel selbst spielt mit der Doppeldeutigkeit des französischen „dessous“, das sowohl die verborgene Seite einer Sache (die „Hintergründe“) als auch, im Plural, Unterwäsche bezeichnet – eine Ambiguität, die dem Vorhaben, verschwiegene oder codierte Textstellen freizulegen, sprachlich vorgreift, ohne dass der Band selbst diese Pointe kommentiert. Bemerkenswert ist außerdem die konsequent frankophone, nicht nur französische Ausrichtung des Corpus: Neben metropolitanen Autorinnen stehen die guadeloupeische Maryse Condé, die kamerunisch-US-amerikanische Frieda Ekotto und die französisch-kamerunische Léonora Miano, wodurch koloniale und postkoloniale Fragestellungen zumindest an einzelnen Stellen in eine sonst überwiegend metropolitan verhandelte Traditionslinie eingeschrieben werden.
Für eine romanistische Leserinnenschaft 1 ist zunächst die Gattungsfrage von Interesse: Les Dessous lesbiens ist kein literaturwissenschaftliches Werk im engeren Sinn, sondern eine Form der literarischen Vermittlung, die sich formal aus drei Elementen speist: dem close reading einzelner Passagen durch Lootgieter selbst, dem Interview mit lebenden Autorinnen (Amélie Nothomb, Anne F. Garréta, Léonora Miano, Frieda Ekotto, Wendy Delorme) oder mit Personen aus deren Umfeld, sowie – bei historischen Texten – dem Gespräch mit Spezialistinnen, häufig Promovierten mit einschlägigen Dissertationen (etwa Catherine Écarnot zu Monique Wittig, Vicky Gauthier zu Rachilde, Nicole G. Albert zur Belle-Époque-Literatur)
Jede der 29 „notices“ schließt mit einem Anmerkungsapparat, der Primärausgaben, aber auch akademische Studien (etwa Melanie Hawthornes Rachilde-Monographie, Anita Starońs Arbeit zum Nouveau-Roman-Kontext Wittigs oder Dominique Fishers Aufsatz zum „Rachildisme“) verzeichnet. Der Forschungsstand wird also nicht diskursiv aufgearbeitet, sondern in die einzelnen Kapitel eingelagert und über Gesprächspartnerinnen vermittelt – ein Verfahren, das Lesbarkeit und Zugänglichkeit über systematische Theoriebildung stellt, ohne auf akademische Referenzen zu verzichten.
Als theoretischer Resonanzraum – ohne dass er zu einem geschlossenen Rahmen ausgearbeitet würde – dienen wiederkehrende Referenzfiguren: Judith Butler und die Performativität des Geschlechts, Monique Wittigs These der Heterosexualität als politischem Regime, Paul B. Preciado als Lektüreinstanz für mehrere ältere Texte, sowie punktuell Crip Theory (Charlotte Puiseux), Homonationalismus-Kritik (Alex Lachkar zu Bouraoui) und Fragen der Rassifizierung (Garréta, Ekotto, Condé, Miano). Diese Bezüge tauchen an- und abschwellend auf, ohne dass ein Kapitel sie systematisch bündelt.
Programmatik ohne systematische Einleitung
Eine klassische wissenschaftliche Einleitung mit Fragestellung, Korpusbegründung, Methodendiskussion und Forschungsüberblick fehlt; an ihre Stelle treten Préface und Avant-propos. Lauriane Nicol entfaltet dort die Leitmetapher des Buches: „lesbische Literatur ist Wasser“ – unfassbar, jeder Definition entgleitend. Lootgieter selbst situiert das Projekt biographisch: Die drei Kindheits- und Jugendlektüren Bonjour tristesse, Stupeur et tremblements und Baise-moi bilden den emotionalen Ausgangspunkt, an den sich später entdeckte, historisch entlegenere oder von der Kritik verschwiegene Texte anschließen. Eine explizite These formuliert der Klappentext eher als das Buch selbst: Ungeachtet der Epoche hätten Autorinnen dieselben Strategien genutzt, um Zensur zu umgehen und Beziehungen zwischen Frauen zu erzählen – die Umdeutung der Monsterfigur, die Verlagerung der Handlung in männerfreie Räume, die Erfindung neuer Schreibformen, die Verweigerung des heteronormierten Paares. Diese vier Strategien liefern zugleich die vier Kapitelüberschriften, deren jeweiliges Leitmotto einem zeitgenössischen Zitat entnommen ist (Paul B. Preciado, Nicole Brossard, ein implizites Echo Valerie Solanas’, Juliet Drouar). Eine „Conclusion“ im engeren Sinn gibt es nicht: Der Band endet mit der letzten Einzelnotiz zu Constance Debré und einem separaten Quellenverzeichnis, ohne rückblickende Synthese der vier Kapitel. Das ist aus literaturwissenschaftlicher Sicht ein Manko, weil die implizite These – eine Bewegung von der Kaschierung des Begehrens hin zu seiner offenen politischen Theoretisierung als „Ausstieg aus der Heterosexualität“ – nie explizit rückgebunden wird; sie bleibt in der Kapitelanordnung angelegt, aber unausgesprochen.
Acht Lektüren der Monstrosität
Das erste Kapitel, „De la monstruosité à la subversion des normes de genre“, versammelt acht Texte, in denen die Figur des Monströsen zugleich Stigmatisierung und Ermächtigung eines Begehrens ist, das noch keine eigene Sprache hat. Jede Notiz wird im Folgenden einzeln vorgestellt.
Monsieur Vénus, Rachilde, 1884
Lootgieter liest den Skandalroman im Gespräch mit der Rachilde-Spezialistin Vicky Gauthier als Geschichte doppelter Geschlechterumkehr zwischen der Aristokratin Raoule und dem feminisierten Handwerker Jacques und ergänzt dies um eine bewusst anachronistische Trans-Lektüre der beiden Figuren. Konkret wird das am Prozess gegen die Erstausgabe wegen „Sittenverstoßes“ und an Rachildes eigener Distanzierung vom Feminismus bei gleichzeitig gelebter Bisexualität festgemacht. Der Text liefert damit den chronologischen wie thematischen Ausgangspunkt des Bandes: Monstrosität als älteste verfügbare Chiffre für ein Begehren, dem noch kein eigener Name zur Verfügung steht.
La Comtesse sanglante, Valentine Penrose, 1962
Mit dem Historiker Jacques Sirgent wird der surrealistische Roman über Elisabeth Báthory als bewusste Übertreibung historischer Fakten vorgestellt, die aus einer wirtschaftlich autonomen Gutsherrin eine blutrünstige Vampirin macht. Sirgent deutet diese Dämonisierung als Bestrafung für Báthorys tatsächliches „Vergehen“, nämlich Macht und Bisexualität, während Lootgieter Parallelen zur ebenfalls bisexuellen Autorin selbst zieht. Damit erweitert die Notiz die Monstrositätsthese um die Volte, dass die literarische Verteufelung einer historischen Figur zugleich ein verschlüsseltes Selbstporträt der Autorin sein kann.
Garçon manqué, Nina Bouraoui, 2000
Der Literaturwissenschaftler Alex Lachkar liest den autofiktionalen Roman über eine geschlechternonkonforme Kindheit im postkolonialen Algerien als Text, der Homosexualität nie beim Namen nennt und dennoch als frühe queere Kindheitserzählung rezipiert wurde. Kritisch vermerkt er den abrupten Umschlag am Ende, wenn die Erzählerin in eine konventionellere Weiblichkeit zurückkehrt und die homoerotische Freundschaft daran zerbricht. Für das Kapitel liefert der Roman das Beispiel eines Textes, der von seinem eigenen Lesepublikum lange gegen die Absicht der Kritik als lesbisch reklamiert wurde.
Les Allongés, Jeanne Galzy, 1923
Mit der Philosophin Charlotte Puiseux wird der in einem Tuberkulose-Sanatorium spielende, mit dem Prix Femina ausgezeichnete Roman als früher Text einer Analogie zwischen Behinderung und lesbischem Begehren gelesen, in dem beide als gesellschaftlich stigmatisierte Zustände parallelisiert werden. Die Notiz stützt sich auf Galzys eigene, jahrzehntelange Beziehung zur Schauspielerin Eugénie Segond-Weber und auf ihre unerwiderte Liebe zur Dichterin Renée Vivien. Sie erweitert das Kapitel um eine Verbindungslinie zur Crip-Theorie und zeigt, dass Monstrosität im Buch nicht nur sexuell, sondern auch körperlich-medizinisch konnotiert sein kann.
Histoire d’O, Pauline Réage, 1954
Mit der BDSM-Autorin Catherine Robbe-Grillet wird der kanonische SM-Roman als verschlüsseltes bisexuelles Bekenntnis der bis 87 anonym gebliebenen Autorin Dominique Aury gelesen. Die Notiz rekonstruiert, wie die beiden zentralen Herrschaftsfiguren des Romans, René und Anne-Marie, biographisch auf Aurys Liebesbeziehungen zu Jean Paulhan und zur Archivarin Édith Thomas zurückgeführt werden. Für das Kapitel liefert der Text das Beispiel dafür, wie eine explizit heterosexuell gerahmte Erotik ein bisexuelles Begehren transportieren kann, ohne es je offen zu benennen.
Stupeur et tremblements, Amélie Nothomb, 1999
Gestützt auf eine Widmung der Autorin selbst deutet Lootgieter die sadomasochistisch aufgeladene Beziehung zwischen der Erzählerin und ihrer japanischen Vorgesetzten Fubuki als „regelrechte Liebesszene“, die von der zeitgenössischen Medienrezeption vollständig übergangen wurde. Belegt wird dies mit zwei Fernsehauftritten Nothombs, in denen die Moderatoren die erotische Spannung entweder gar nicht ansprechen oder mit einem Achselzucken abtun. Der Fall zeigt exemplarisch, wie ein Bestseller lesbisches Begehren transportieren kann, ohne dass die Kritik es überhaupt wahrnimmt.
Seule en sa demeure, Cécile Coulon, 2021
Mit dem Buchgestalter Vincent Roché und einem Rückgriff auf Coulons eigene Aussagen zu ihrem Vorbild Marguerite Yourcenar wird der historische Roman über eine Zwangsehe als späte, bewusst zurückhaltende Fortschreibung der Verschlüsselungsästhetik gelesen. Im Zentrum steht die Musiklehrerin Emeline, deren Unterricht der jungen Ehefrau Aimée erstmals ein Gefühl von Begehren und Subjekthaftigkeit vermittelt, ohne dass das Wort dafür je fällt. Die Notiz schließt den zeitlichen Bogen des Kapitels, indem sie zeigt, dass die Chiffre des Unaussprechlichen bis in die Gegenwartsliteratur fortwirkt.
Une femme m’apparut…, Renée Vivien, 1904
Mit der Fin-de-siècle-Spezialistin Nicole G. Albert wird der Schlüsselroman über den Kreis um Natalie Clifford Barney als Versuch gelesen, die Heterosexualität selbst zur „Abweichung“ zu erklären und die griechische Dichterin Sappho zur einzig legitimen literarischen Stimme zu erheben. Die Notiz vergleicht die beiden 1904 und 1905 erschienenen Fassungen des Romans und zeigt, wie deutlich sich Vivien in der zweiten, milderen Version zurücknahm. Der Text markiert den radikalsten Punkt des ersten Kapitels: die vollständige Umkehrung von Monstrosität, die nicht mehr der Lesbierin, sondern dem heterosexuellen Mann zugeschrieben wird.
Verschleierung und neue Schreibformen
Das zweite Kapitel, „De la stratégie de dissimulation à l’invention de nouvelles formes d’écriture“, verlagert den Fokus von der Figur auf die Sprache selbst und ist für romanistische Leserinnen der theoretisch ergiebigste Teil des Bandes.
Mit der Biographin Emmanuelle Retaillaud wird der einzige zu Lebzeiten vollendete Roman der früh an einer Drogenabhängigkeit gestorbenen Autorin als Verschlüsselungsstrategie gelesen, die ihr eigenes lesbisches Alter Ego in eine männliche Figur namens Daniel verwandelt. Retaillaud widerspricht dabei der naheliegenden These internalisierter Homophobie und deutet die Camouflage stattdessen als modernistisches Stilmittel im Umkreis von Proust und Cocteau. Für das Kapitel liefert der Roman den Übergangsfall zwischen der Verschleierung des Sujets und der Verschleierung durch literarische Form.
La Marquise, George Sand, 1832
Die Notiz rekonstruiert, wie Sand ihre Beziehung zur Schauspielerin Marie Dorval in eine Novelle über eine Marquise und einen Schauspieler des 18. Jahrhunderts übersetzt und dabei Geschlecht und Epoche zugleich verschiebt, um die eigentliche Referenz zu verschleiern. Belegt wird der biographische Hintergrund unter anderem mit der gemeinsam verfassten Theaterkomödie Cosima und mit Sands eigener, von häuslicher Gewalt geprägter Ehe. Der früheste Text des Kapitels zeigt so, dass die Verschiebung von Geschlecht und Zeit bereits im 19. Jahrhundert als literarisches Verfahren zur Verfügung stand.
L’Opoponax, Monique Wittig, 1964
Mit der Wittig-Spezialistin Catherine Écarnot wird der mit dem Prix Médicis ausgezeichnete Debütroman im Kontext des Nouveau Roman gelesen, der über das neutrale Pronomen „on“ und den selbst erfundenen Begriff „opoponax“ das Entstehen lesbischen Begehrens erzählt, ohne es je zu benennen. Écarnot beschreibt Wittigs eigenes Selbstverständnis als literarisches Trojanisches Pferd, das den lesbischen Blickpunkt universalisiert, statt ihn als Minderheitenperspektive auszuweisen. Die Notiz bildet den theoretischen Angelpunkt des zweiten Kapitels, weil sie die spätere politische Wittig-Rezeption an ihrem ersten, scheinbar unpolitischen Roman zurückbindet.
L’Encontre, Michèle Causse, 1975
Mit der Literaturwissenschaftlerin Aurore Turbiau wird der stilistisch sperrige Roman als Allegorie der heteropatriarchalen Gesellschaft als „Leiter“ gelesen, die alle Körper bis zum Tod erklimmen müssen, während die geschlechtslos gedachte Erzählinstanz sich ihr verweigert. Turbiau ordnet Causses Neologismus „sujette“ statt „sujet“ als frühen Beleg für die Erfindung eines eigenen lesbischen Subjektbegriffs ein. Der Text erweitert das Kapitel um die radikalste sprachliche Position: die vollständige Neuerfindung von Grammatik und Pronomen als politischen Akt.
Chuchote pas trop, Frieda Ekotto, 2005
Im direkten Gespräch mit der Autorin wird der zwischen Fiktion, Theorie und Autobiographie changierende Roman über drei Frauen in Kamerun als Versuch vorgestellt, koloniale Gewalt, Behinderung und lesbisches Begehren in einer an Jean Genet und Jacques Derrida geschulten Prosa zusammenzudenken. Ekotto berichtet, wie ihr französischer Verlag den Text zunächst rassistisch und lesbophob vermarkten wollte, während er in den USA nach seiner Übersetzung 2019 akademische Anerkennung fand. Die Notiz bringt eine explizit außereuropäische, postkoloniale Stimme in ein Kapitel ein, das sonst überwiegend im französischen literarischen Feld verankert ist.
Le Livre de Promethea, Hélène Cixous, 1983
Mit Aurore Turbiau wird der über weite Strecken als Liebesbrief an die Regisseurin Ariane Mnouchkine lesbare Roman in Beziehung zur Écriture-féminine-Debatte gesetzt, die Cixous von der materialistischen Position Wittigs unterscheidet. Turbiau zeigt, wie Cixous das Wort „lesbisch“ im gesamten Text vermeidet und stattdessen von einer geschlechtlich offenen „Weiblichkeit“ spricht. Der Text komplettiert das Kapitel um die zweite große theoretische Traditionslinie neben Wittig und macht damit den internen Streit der französischen Frauenbewegung um Differenzialismus und Materialismus greifbar.
Sphinx, Anne F. Garréta, 1986
Im Gespräch mit der Autorin wird der Roman als früher Beleg der später „Turing-Zwang“ genannten Schreibauflage vorgestellt, die das Geschlecht beider Hauptfiguren grammatisch unbestimmt lässt. Garréta erläutert, wie sie damit sowohl eine trans- als auch eine cis-Lektüre gleichermaßen ermöglichen wollte und wie die Kritik bei Erscheinen fast ausschließlich über das Rätsel des Geschlechts sprach, während die im Roman verhandelte Rassifizierung kaum Beachtung fand. Der Roman schließt das zweite Kapitel mit dem konsequentesten Beispiel dafür, wie neue Schreibformen Geschlecht nicht nur verschleiern, sondern grammatisch aufheben können.
Nicht-Mixität zwischen Zwang und Wahl
Das dritte Kapitel, „De la non-mixité subie à la non-mixité choisie“, nutzt geschlechtergetrennte Räume – Pensionate vor 1965, aber auch imaginierte Gegenwelten – als Bühne lesbischen Begehrens und bewegt sich von deren erzwungener zu deren bewusst gewählter Form.
Les Inséparables, Simone de Beauvoir, 2020 posthum
Die Notiz stellt die 66 Jahre nach ihrer Niederschrift veröffentlichte Erzählung über eine einseitige Mädchenliebe im Pensionat in den Kontext der Kontroverse, die Paul B. Preciados Deutung des Textes als lesbische Liebesgeschichte auslöste. Sylvie Le Bon de Beauvoirs Beharren auf dem Begriff „amitié amoureuse“ und die empörten Reaktionen französischer und amerikanischer Kritikerinnen werden als Beleg dafür angeführt, wie umkämpft die nachträgliche Lektüre einer kanonischen Autorin sein kann. Der Text eröffnet das dritte Kapitel mit dem Fall einer erzwungenen Nicht-Mixität, deren lesbischer Gehalt erst posthum und gegen den Willen der Nachlassverwaltung sichtbar gemacht wird.
Thérèse et Isabelle, Violette Leduc, 1955/1966/2000
Mit der Regisseurin Marie Fortuit, die den Text 2025 auf die Bühne brachte, wird die Zensurgeschichte einer zunächst nur in 28 Exemplaren gedruckten, dann jahrzehntelang gekürzten Erzählung über eine Internatsliebe nachgezeichnet, die erst 2023 vollständig in Ravages integriert wurde. Fortuit deutet den Eingriff Gallimards als Amputation, die Leduc psychisch schwer zusetzte und sie zeitweise in psychiatrische Behandlung brachte. Die Notiz zeigt am konkretesten Fall des Kapitels, welchen körperlichen und psychischen Preis literarische Zensur lesbischen Begehrens fordern konnte.
Claudine à l’école, Colette, 1900
Der zunächst unter dem Namen ihres Ehemanns „Willy“ veröffentlichte Roman wird als kommerziell erfolgreiche, scheinbar harmlose Schulmädchen-Serie vorgestellt, in der lesbische Anziehung zwischen Pensionatsschülerinnen in einen breitenwirksamen Unterhaltungsrahmen eingelassen wird. Die Notiz verweist auf Colettes eigene, erst später öffentlich gemachte Bisexualität und auf ihre Nähe zum Kreis um Natalie Clifford Barney. Der Text zeigt, dass Verschleierung im Kapitel nicht nur Zensur umgeht, sondern lesbisches Begehren sogar zum kommerziellen Erfolg machen kann.
Crépuscule du tourment, Léonora Miano, 2016
Im Gespräch mit der Autorin wird der Roman über den Ort „Vieux Pays“ als literarische Wiederbelebung vorkolonialer afrikanischer Frauensouveränität vorgestellt, die ausdrücklich sowohl cis- als auch trans Frauen einschließt. Miano weist darauf hin, dass die lesbische Dimension des Textes von der französischen Kritik bei Erscheinen fast vollständig übergangen und stattdessen unter den Stichworten Feminismus oder Intersektionalität verhandelt wurde. Der Text markiert den Übergang des Kapitels von der erzwungenen zur bewusst gewählten Form nicht-gemischter Räume und bringt zugleich eine explizit postkoloniale Perspektive ein.
Viendra le temps du feu, Wendy Delorme, 2021
Mit dem Forscher Alex Lachkar wird die dystopische Erzählung über eine von cis- und transweiblichen Dissidentinnen bewohnte Untergrundgemeinschaft als bewusste Fortschreibung Monique Wittigs vorgestellt, deren Werk Les Guérillères wörtlich in den Text montiert wird. Lachkar ordnet den Erfolg des 2021 erschienenen Romans beim Publikum in den Kontext der damaligen Pandemie-Beschränkungen und der Notre-Dame-Debatten ein. Der Roman radikalisiert die im Kapitel entwickelte Utopie nicht-gemischter Räume zur offenen politischen Revolutionserzählung.
Baise-moi, Virginie Despentes, 1994
Die Notiz rekonstruiert, wie Despentes’ Roadmovie-Roman über zwei mordende Frauen von der Autorin selbst öffentlich nie als lesbisch bezeichnet wurde, während die Bar-Betreiberin Nicole Miquel die Verfilmung von 2000 als Gründungsmoment eines eigenen lesbischen Selbstbewusstseins in Paris beschreibt. Lootgieter vergleicht dazu die eigene jugendliche Lektüre mit dem Fehlen jeder zeitgenössischen Kritik, die das Werk lesbisch gelesen hätte. Der Fall zeigt, dass ein Text auch ohne explizite Benennung zum Erkennungszeichen einer lesbischen Subkultur werden kann.
Le Satellite de l’Amande, Françoise d’Eaubonne, 1975
Mit ihrem Sohn Vincent d’Eaubonne und ihrem Freund Alain Lezongar wird die an Valerie Solanas’ SCUM Manifesto angelehnte Science-Fiction-Utopie vorgestellt, in der Frauen sich durch Ektogenese fortpflanzen und Männer aus der Gesellschaft verschwunden sind. Die Notiz zeigt, wie d’Eaubonne, nach eigener Aussage selbst heterosexuell, in ihrem Werk lesbisches Begehren als selbstverständlichen Normalzustand einer männerfreien Gesellschaft schildert. Der Text schließt das dritte Kapitel mit der radikalsten aller Utopien nicht-gemischter Räume und verbindet sie zugleich mit d’Eaubonnes eigener Prägung des Begriffs Ökofeminismus.
Der Ausstieg aus der Heterosexualität
Das vierte Kapitel, „De la lesbophobie intériorisée à la sortie de l’hétérosexualité“, bündelt sieben Texte unter dem von Juliet Drouar entlehnten Begriff des Ausstiegs aus der Heterosexualität, verstanden nicht als sexuelle Orientierung, sondern als politisches Regime.
Idylle saphique, Liane de Pougy, 1901
Mit der Fin-de-siècle-Spezialistin Nicole G. Albert wird der Schlüsselroman über die Beziehung zwischen der Kurtisane Pougy und Natalie Clifford Barney als Text vorgestellt, der lesbisches Begehren zeigt und zugleich durch die tödlich endende Depression der Heldin moralisch bestraft. Albert erklärt diese Ambivalenz mit dem Sittengesetz von 1885, dem die Autorin literarisch Tribut zollen musste, obwohl ihre private Korrespondenz mit Barney weit freimütiger ist. Der Text eröffnet das vierte Kapitel mit dem klassischen Muster, das Begehren zeigt und zugleich bestraft.
Bonjour tristesse, Françoise Sagan, 1954
Die Notiz, zugleich eine der drei jugendlichen Schlüssellektüren der Autorin selbst, liest den berühmten Debütroman im Licht von Sagans eigenen, öffentlich gewordenen Liebesbeziehungen zu Frauen wie Barbara oder Peggy Roche neu. Der Vergleich mit anderen Sagan-Romanen zeigt, dass lesbische oder bisexuelle Nebenfiguren mehrfach im Gesamtwerk der Autorin auftauchen, ohne dass die zeitgenössische Kritik dies zur Kenntnis genommen hätte. Der Roman liefert damit einen der Fälle, in denen persönliche Jugendlektüre und literaturhistorische Rekontextualisierung im Buch unmittelbar zusammenfallen.
L’Inconstante, Gérard d’Houville, 1903
Mit Nicole G. Albert wird der Roman über die Wiederbegegnung zweier Pensionatsfreundinnen als Beziehung gelesen, die zwar körperliche Nähe zeigt, den Bechdel-Test aber verfehlt, weil die Frauen fast ausschließlich über Männer sprechen. Die Notiz identifiziert die Autorin, Pseudonym der Marie de Régnier, biographisch mit mehreren belegten Liebesbeziehungen zu Frauen, darunter zu Georgie Raoul-Duval, die auch Colette inspirierte. Der Text zeigt eine mildere Variante des Kapitelthemas: weibliche Nähe als heilender Zwischenraum, der letztlich in die Heterosexualität zurückführt.
Alexis ou le Traité du vain combat, Marguerite Yourcenar, 1929
Mit dem Biographen Christophe Bigot wird der Briefroman als einziger explizit apologetischer Text der Autorin zur männlichen Homosexualität vorgestellt, während lesbisches Begehren in ihrem Gesamtwerk fast vollständig fehlt, obwohl Yourcenar selbst Jahrzehnte mit der Übersetzerin Grace Frick zusammenlebte. Bigot erklärt diese Leerstelle damit, dass Yourcenar ihre eigene Bisexualität lieber über männliche Figuren verarbeitete, deren Lebenswelt der ihren zu unähnlich war, um autobiographisch belastend zu wirken. Die Notiz macht damit eine der wenigen im Buch benannten Lücken sichtbar: eine Autorin mit gelebter gleichgeschlechtlicher Biographie, deren literarisches Werk lesbisches Begehren fast vollständig ausspart.
Les Stances à Sophie, Christiane Rochefort, 1963
Mit Aurore Turbiau wird der Roman über eine Ehe und eine anschließende Frauenbeziehung als Sprachsatire auf den bürgerlichen Ehediskurs gelesen, in der Rochefort ein eigenes „semantisches Wörterbuch“ erfindet, das Wörter je nach Geschlecht der sprechenden Person unterschiedlich definiert. Turbiau ordnet Rocheforts eigene, im Nachhinein revidierte Aussage ein, sie habe die lesbische Beziehung zunächst abwertend als „Luxus“ statt als „Privileg“ bezeichnet. Der Text zeigt im Kapitel den Umschlag von der individuellen Liebesbeziehung zur expliziten Theorie der Heterosexualität als Zwangssystem.
Moi, Tituba, sorcière noire de Salem, Maryse Condé, 1986
Mit der Performerin Fatou Siby wird die Romanbiographie der historischen Sklavin Tituba um eine Gefängnisbeziehung zur weißen Hester gelesen, die Siby als einzige positive Beziehung der Titelfigur außerhalb der Geisterwelt beschreibt. Die Notiz zitiert ein Interview, in dem Condé offen von ihrer Schwierigkeit spricht, die Homosexualität ihres 1997 an Aids verstorbenen Sohnes anzunehmen, was die Ambivalenz ihres literarischen Umgangs mit gleichgeschlechtlichem Begehren erklären soll. Der Roman bringt eine explizit koloniale Gewaltgeschichte in das Kapitel ein und zeigt zugleich die Grenzen einer nur zögerlich anerkannten lesbischen Nebenlinie.
Love Me Tender, Constance Debré, 2020
Mit dem Nachwuchsforscher Alex Lachkar wird der zweite Teil von Debrés Autofiktions-Trilogie als Text vorgestellt, der den Verlust des Sorgerechts für den eigenen Sohn zum Anlass nimmt, mütterliche Pflicht und Heterosexualität als ineinander verschränkte Zwangsordnungen zurückzuweisen. Lachkar beschreibt die gespaltene Rezeption zwischen begeisterten Mainstream-Medien und einer queeren Leserschaft, die Debré einen unreflektierten „male gaze“ vorwirft, während die Autorin selbst jede Politisierung ihrer Homosexualität ablehnt. Als letzter Text des Bandes führt der Roman die eingangs an Rachilde entwickelte Monstrositätsfigur zu ihrem gegenwärtigen Endpunkt: einer Frau, die den Verlust gesellschaftlicher Anerkennung nicht mehr durch Verschlüsselung, sondern durch offene Verweigerung beantwortet.
Bilanz: Leistung, Lücken, offene Fragen
Der Band leistet, was er sich vornimmt: eine zugängliche, materialreiche Einführung in eine Traditionslinie frankophoner Literatur, die von Sappho-Rezeptionen der Belle Époque bis zur Gegenwartsliteratur reicht, gestützt auf eine ungewöhnlich breite Zahl von Zeitzeuginnen-, Autorinnen- und Expertinnengesprächen – 23 Personen laut Danksagung.
Pauline Le Gall würdigt im Juni 2026 in Les Inrockuptibles Lou Lootgieters Essay als dynamischen, passionierten Versuch, eine queere Literaturgeschichte der Frankophonie von der Belle Époque bis heute zu schreiben, die nicht nur bekannte lesbische Klassikerinnen wie Wittig oder Despentes behandelt, sondern gezielt Verschleierungsstrategien bei Autorinnen wie Sand, Havet oder Colette freilegt. Sie hebt die Mischung aus Interviews mit Wissenschaftlerinnen und Autorinnen, persönlicher Analyse und historischer Kontextualisierung hervor, die stilistische und politische Umbrüche sichtbar mache – etwa die avantgardistische Schreibweise Wittigs, Bouraouis und Garrétas – und nebeneinander konservativere Figuren wie Yourcenar, Ekottos Ableismus-Kritik und Mianos antikoloniale Perspektive stelle. Le Gall liest den Band letztlich als notwendige Popularisierung akademischer Queer Studies, die der Homosexualität in vielen besprochenen Werken ihren angemessenen Stellenwert zurückgebe und damit konservativen Angriffen auf die Buchwelt entgegenwirke.
Für die Romanistik liegt der Gewinn weniger in neuen Thesen als in der Erschließung des Korpus in einer beachtlichen Materialfülle: biographische Details, Zensurgeschichten, Rezeptionsdokumente (Kritiken aus Le Voltaire, dem Mercure de France, Fernsehauftritte bei Pivot oder Ardisson) werden zugänglich gemacht, die in Einzelstudien verstreut oder unpubliziert sind. Die Grenzen liegen dort, wo das Buch selbst Ansprüche auf Wissenschaftlichkeit weckt, ohne sie einzulösen: Es fehlt eine explizite Methodendiskussion, ein systematischer Forschungsüberblick und – vor allem – eine Schlussbetrachtung, die die vier Kapitelthesen zusammenführt. Die Auswahl bleibt, wie im Vorwort selbst eingeräumt, subjektiv und unsystematisch; Kriterien der Kanonisierung (warum Bonjour tristesse, aber nicht andere Sagan-Romane; warum Yourcenar über Alexis und nicht über die tatsächlich lesbischen Nebenfiguren ihres Werks) werden nicht diskutiert.
Überraschend ist vor allem die Kontinuität der Verfahren über anderthalb Jahrhunderte hinweg – dieselbe Verschlüsselungslogik bei Sand 1832 und bei Cixous 1983 –, ebenso die Bereitschaft, kanonische Autorinnen (Beauvoir, Sagan, Yourcenar, Colette) gegen den Strich ihrer eigenen oder testamentarisch verwalteten Selbstdeutung zu lesen, was, wie die Kontroverse um Preciados Beauvoir-Lektüre zeigt, nicht folgenlos bleibt. Bemerkenswert ist ferner, wie viele der versammelten Texte tatsächlich aus dem literarischen Betrieb verdrängt oder erst spät zugänglich gemacht wurden – von der auf 28 Exemplare limitierten Erstausgabe der Thérèse et Isabelle über die posthume Publikation der Inséparables bis zur erst 2019 erfolgten englischen (und damit international wirksamen) Übersetzung von Chuchote pas trop. Das Buch leistet hier tatsächlich Wiederentdeckungsarbeit und nicht nur Neuinterpretation bekannter Texte.
Die Kanonfrage selbst wird an keiner Stelle reflektiert, obwohl sie sich aufdrängt: Warum figurieren Sagan und Yourcenar mit je einem Text, während Wittig, Rochefort und die Belle-Époque-Autorinnen um Natalie Clifford Barney mit mehreren Werken oder zumindest dichten Querverweisen vertreten sind? Die Antwort liegt vermutlich in der biographischen Grundierung des Projekts – Lootgieters eigener Lektüregeschichte –, die aber nicht als Auswahlkriterium benannt, sondern nur im Avant-propos angedeutet wird. Für eine Rezeption in der Romanistik bedeutet dies, dass der Band gute als Steinbruch an Fallstudien, Interviewmaterial und Rezeptionsbelegen zu nutzen ist, weniger als kohärente Literaturgeschichte lesbischen Schreibens im Französischen.
Auch wenn der Band explizit lesbische Literatur zum Gegenstand hat, wird männliche Homosexualität an mehreren Stellen mitverhandelt und überwiegend als Bezugs- und Bündnisgröße behandelt, seltener kritisch: Als literarisches Vorbild dienen schwule Autoren mehrfach als Modelle für die Verschlüsselungsstrategien lesbischer Autorinnen, etwa wenn Mireille Havets Carnaval in die Nähe von Prousts Albertine-Travestie und Oscar Wildes Dorian Gray gerückt wird oder bei Yourcenar Gide-Texte wie Corydon als Referenzrahmen für ihre eigene Zurückhaltung fungieren; als politischer Bündnispartner erscheint männliche Homosexualität besonders deutlich in der Notiz zu Françoise d’Eaubonne, die als ausgeschlossenes Mitglied der homophilen Vereinigung Arcadie 1971 mit Guy Hocquenghem die FHAR gründete und männliche Homosexualität nach Aussage ihres Sohnes als „Gipfel der Subversion“ gegen das Patriarchat verstand, sowie bei Constance Debré, die ihre eigene Sexualkultur bewundernd in Analogie zur schwulen Cruising- und Backroom-Kultur beschreibt und sich wünscht, „pédé“ statt Lesbe zu sein; als kritischer Bezugspunkt tritt männliche Homosexualität dagegen auf, wenn Alex Lachkar Garçon manqué als Kritik am „Homonationalismus“ liest, also an der Instrumentalisierung schwuler Rechte für rassistische oder nationalistische Diskurse, und wenn das Buch historische Homophobie gegenüber Männern – die Verurteilung der „pédérastie“ durch die Surrealisten 1928, die abwertende Verwendung des Worts „pédéraste“ in Sagans eigenen Romanen – dokumentiert und kritisiert, statt sie zu teilen; und schließlich bleibt eine Asymmetrie unaufgelöst, da das Yourcenar-Kapitel ihr Werk als „einzigen“ explizit apologetischen Text zu männlicher Homosexualität ausweist, während lesbisches Begehren darin fast vollständig fehlt – ein Befund, den das Buch selbst als „eigenartig“ bezeichnet, aber nicht weiter problematisiert, obwohl er zeigt, dass männliche Homosexualität literaturgeschichtlich sichtbarer gemacht werden konnte als weibliche.
Zum Verhältnis von Feminismus und Transsexualität lässt sich Folgendes festhalten: Das Buch bewegt sich zwischen zwei Polen, ohne die Spannung zwischen ihnen zu thematisieren. Auf der einen Seite steht eine materialistisch-separatistische, an Wittig und Solanas orientierte Linie (Rochefort, d’Eaubonne, teilweise Causse), die Lesbischsein als Ausstieg aus der Kategorie „Frau“ überhaupt denkt; auf der anderen Seite eine explizit trans-inklusive Gegenwartslinie (Mianos „Vieux Pays“, Delormes Untergrundgemeinschaft, die Präsenz Paul B. Preciados als wiederkehrender Referenzautor). Dass Valerie Solanas’ SCUM Manifesto, dessen Verhältnis zu Transidentität in der Forschung als problematisch gilt, unkommentiert als positive Referenz mehrerer Kapitel dient, während wenige Seiten weiter trans Frauen explizit in die imaginierten Gemeinschaften eingeschlossen werden, wird vom Buch nicht als Spannung benannt.
Auch der wiederholte, zustimmend zitierte Rückgriff auf Alice Coffins Essay Le Génie lesbien (2020) – eine im französischen öffentlichen Diskurs nicht unumstrittene Position – erfolgt ohne kritische Reflexion. Coffin schreibt darin, keine von Männern geschaffenen Werke mehr zu konsumieren, und sie fordert an einer vielzitierten Stelle, Männer aus dem eigenen Imaginären zu „eliminieren“. Kritikerinnen und Teile der Presse (Valeurs Actuelles, Causeur, Ministerin Marlène Schiappa) werteten dies als misandrisch oder sektiererisch, während Verteidigerinnen den Satz auf kulturelle Sichtbarkeit statt auf Personen bezogen sahen und auf eine verkürzende, aus dem Kontext gerissene Zitierpraxis verwiesen. Gleichzeitig wurde Coffin online mit massiven sexistischen und homophoben Anfeindungen überzogen, während sich selbst Teile der feministischen Szene (etwa Caroline Fourest) von ihrer Position distanzierten. Diese doppelte, bis heute nicht aufgelöste Kontroverse – um den Inhalt der Position und um die Fairness ihrer medialen Verkürzung – erwähnt Lootgieter nicht, wenn Coffins Satz einfach als Bestätigung der Vivien-Genealogie zitiert wird.
Mehrere historische Autorinnen (Rachilde, Yourcenar) weisen im Buch selbst den Feminismus-Begriff explizit zurück, werden aber dennoch in eine feministische Genealogie eingeschrieben; diese Spannung zwischen Selbstverständnis der Autorinnen und nachträglicher politischer Rahmung bleibt unaufgelöst, was für eine wissenschaftliche Weiterarbeit an diesem Material eher ein Anknüpfungspunkt als ein Mangel ist. Insgesamt liegt der Wert des Bandes weniger in seiner theoretischen Stringenz als in seiner engagierten Funktion als Fundort: ein Ausgangspunkt für Einzelstudien, die die hier versammelten Texte, Gespräche und Rezeptionsdokumente systematischer auswerten könnten, als es der journalistische Rahmen selbst erlaubt.
Dieser Beitrag ist auf Deutsch verfasst unter https://rentree.de, es existieren automatische Übersetzungen in englischer und französischer Sprache: Englisch, Französisch.
Anmerkungen- Zur Vereinfachung wird im Folgenden angesichts der Thematik ein Femininum gewählt, das freilich romanistische Leser nicht ausschließen soll.>>>









